Chapter 3 of 19 · 3999 words · ~20 min read

Part 3

Er trat noch einmal an das Fenster und sah zum Wülflamhaus hinüber. Er fühlte es, wie frei seine Stirn war. Ein Ausfall in seiner Berechnung! Aber auf der Haben-Seite war ein Glücksfall zu verbuchen. Würde er die Aussicht auf einen Erben bald danach eintragen können? --

* * * * *

Harro und Jörg gingen, um Güldenfey zu treffen. Es wehte ein herber Wind, doch der goldene Sonnenmantel, der auf der einen Straßenhälfte lag, wärmte angenehm. Harro war in Aufregung. »Dein Plan ist ja verrückt. Statt ein sicheres Brot zu wählen, Musik machen und Menschen bekehren! Diese Gesellschaft! Nun, du wirst sie bald richtig einschätzen lernen. Und Malte hast du auch vor den Kopf gestoßen, daß seine Pläne wanken. Aber alle Achtung! Geltend hast du dich gemacht. Ein Treßscher Kopf bist du!«

Jörg ging neben ihm, hörte ihn an und sagte nichts. Harros Entzücken kam schnell und brauste bald ab, das wußte man. Sie schritten an Sankt Johannes Evangelist vorüber.

»Geh voran, Harro!« bat Jörg. »Wir treffen uns am Tor wieder.«

»Was hast du vor?«

»Entschuldige, ich muß einige Minuten allein sein.« Und er trat in die Pforte, die zum Kreuzgang führte. Mochte Harro den Kopf schütteln, er bedurfte der Sammlung. Das Spiel, in das er sich ganz verströmte, die Auseinandersetzung, während der ihn die Kluft der Gegensätze nicht minder als Malte erschüttert hatte, und jetzt ein fades Geschwätz! Unmöglich.

Er ging unter den Arkaden des Kreuzganges auf und nieder. Der rankende Efeu hatte das Dunkel der langen Winternächte angenommen, aber schon reckten sich die jungen Triebe lebensdurstig auf die sonnenwarmen Dachpfannen, und in den vier kahlen Lindenstämmen, die ihre Wurzeln durch die Gräber namenloser Franziskanerbrüder trieben, pochte der junge Saft des wachsenden Jahres. Nach wenigen Minuten der Stille fühlte Jörg sich gesammelt und ging, den Bruder zu treffen.

Der stand am Tor im Gespräch mit Hans Olrogge. Er reckte seine breite Hauptmannsgestalt, das Eiserne Kreuz am Gürtelstrich funkelte, sein unbekümmertes Lachen scholl durch die Gasse. Die Werkleute, die zum Mittagsmahl gingen und sich auf dem schmalen Steig an der Gruppe vorüberzwängten, sahen mißtrauisch auf den Lauten, in dem sie den einstigen Offizier witterten.

»Nun, Jörg, hast du dein stilles Gebet beendet?« fragte Harro, als sie dem Hafen zuschritten.

Ob wohl in das Leben dieses Rauhen jemals etwas treten wird, was sänftigend auf ihn wirkt? fragte sich Jörg. Vier Jahre Landsknechtdienste in Blut und Rauch verhärteten den Besten, und nun brauste das schartig machende Treiben der Partei auf ihn ein. Es war schade um Harro.

Die kleinen Wellen liefen spielend gegen die Bohlenverkleidung des Hafendammes, die Sonnenblänke lag glitzernd auf dem leise bewegten Wasser. In der Ferne zog die Rauchfahne eines Dampfers, und einige Fischerboote mit braunen Segeln strebten halb wider Wind auf die Stadt zu. Eine Möwe stieß in den glänzenden Spiegel der See.

»Da kommt Güldenfey«, sagte Harro.

Sie hatte die Brüder bemerkt, und es schien, als winke sie ihnen, zu eilen. Das Kopfsteinpflaster erschwerte das Gehen, aber Güldenfey ließ sich davon nicht hemmen. Ihr frisches Gesicht glühte im Eifer.

»Ich habe etwas Seltsames erlebt«, rief sie. »Kommt, ihr sollt teilnehmen; es ist so traurig.«

Und sie begann zu erzählen. Ein Schiff, aus den Ostseeprovinzen kommend, war heute eingelaufen und hatte Deutschbalten mitgebracht. Männer und Frauen, von allem Notwendigen entblößt, Kinder nur notdürftig bekleidet.

»Denkt euch, die Seefahrt im Märzwind!« Güldenfeys Stimme zitterte. »O, wie glücklich sind sie, daß sie deutschen Boden erreichten!«

Da waren zwei Frauen, mit denen hatte sie gesprochen. Sie waren den Schrecken der Kerker entflohen. An der Grenze waren sie zurückgewiesen aus kleinlichen Bedenken eines Formelkrämers. Wer trägt den Geburtschein bei sich, wenn er der Gefangenschaft entweicht! Sie hatten bei zwölf Grad Kälte die Nacht auf freiem Bahnsteig zugebracht, bis sich ein Beamter ihrer erbarmte und sie an den nächsten Hafen brachte.

»Ich möchte ihnen gern helfen«, sagte Harro gutmütig. »Ich fürchte nur ...« Er griff dahin, wo seine Brieftasche steckte.

»Aber Harro!« sagte Güldenfey. »Es sind Damen. Die Junge ist die Tochter des Professors Honterus; die Ältere ist ihre Tante. Sie wissen nicht, wohin sie sollen. Jörg, hilf mir doch! Wir müssen sie aufnehmen.« Sie hob bittend beide Hände. »Wir haben doch im Treßhof Raum. Neben Oses Stube. Oder ...«

»Sei ruhig, Güldenfey«, sagte Jörg. »Geht es dort nicht, so bleibt noch mein Zimmer. Wir nehmen sie sicher bei uns auf.«

Die meisten der Angekommenen, die ein kleiner Dampfer von der großen Insel hergeführt hatte, zogen schon Quartieren zu, einige hockten noch auf schmalen Kisten, in denen sie dürftige Reste des schnell Zusammengerafften mit sich führten. Die beiden Frauen standen ein wenig abseits; die ältere lehnte müde gegen den Haltstein, um den das Schiffsseil geschlungen war. Die königliche Haltung der andern verriet nichts von den Leiden, die sie belastet hatten. Sie hielt ein winziges Päckchen, das man den Habelosen zugesteckt hatte.

»Ariadne!« sagte Harro.

Güldenfey eilte auf sie zu. »Meine Brüder!« erklärte sie.

Die Junge wandte sich und sah mit fragenden Augen auf die Herren. »Ich heiße Marfa Honterus, dies ist meine Tante, Frau Staatsrat Honterus. Wir sind auf der Flucht hierher ...« Sie sprach das wie ein eingelerntes Sprüchlein mit etwas kläglichem Tonfall. Ungezählte Male hatte sie das gleiche an Schaltern, Speisestätten und in Schreibstuben gesagt, immer bittend, immer angstvoll, immer um die Antwort bangend.

»Ich hab' ihnen schon alles erklärt«, sagte Güldenfey und legte ihre Hand mit dem Pelzhandschuh auf Marfas Arm. »O, Sie frieren, Ärmste!« fuhr sie plötzlich fort, als sie die nicht bekleideten Hände ihrer Schutzbefohlenen bemerkte, zog die Handschuhe ab und drängte sie ihr auf.

»Liebes Fräulein!« sagte Marfa. Ein verirrtes Lächeln ging flüchtig um ihren Mund. Es war in der Tat unmöglich, diese Gabe anzunehmen. Die feingliedrige, schlanke Güldenfey und dieses Mädchen, deren Leib die Natur mit den Formen einer Walküre ausgestattet hatte!

»Wickeln Sie sie um Ihre armen Finger«, sagte Güldenfey. »Bitte!« Wer vermochte zu widerstehen, wenn Güldenfey bat!

»Wir haben schon alles besprochen. Sie gehen mit uns und bleiben fürs erste bei uns. Sie müssen warm werden. Unsre alte Ose wird herrlich für Sie sorgen, und ich auch ein wenig.«

»Liebes Fräulein!« sagte Marfa aufs neue. »Dieses Übermaß an Güte ... Wir wissen wirklich nicht ... Sie haben Trauer ...« Ihr kleiner Mund, der zaghaft mit dem harten Wortton der Balten das Deutsch formte, verzog sich wie im Weinen.

Jörg trat vor. »Kommen Sie ohne Bedenken mit uns. Sie wissen nicht, welche Freude Sie meiner Schwester machen. Wir alle freuen uns.«

Er sah sich nach Harro um. Warum schwieg der beharrlich? Harro stand da und blickte das fremde Mädchen an. Seine laute Wortfertigkeit versagte völlig. Der Wind nahm die Enden ihres Schleiertuches und hob sie in die Luft. Sie griff danach und zog sie nieder. Ihm war, als habe er sie schon einmal gesehen. Dieses dunkelbraune Haar mit den bronzehellen Streifen, das ihr in schwerem Knoten gebunden im Nacken lag; diese hohe schöne Stirn, die ein Paar nach innen schauende dunkle Augen verschattete, diesen ragenden Wuchs, der den Frauen unvermischter Geschlechter eignete. Wo lag die Stunde, aus der das Erinnerungbild aufstieg?

Verträumtsein war Harros Sache nicht. Der Blick Jörgs rief ihn zurück. Er besann sich auf die Pflicht als Kavalier, die er schutzlosen Frauen schuldig war, und sagte ein paar verbindliche Worte.

Frau von Honterus war von Güldenfey die Einladung wiederholt worden. In ihren Augen haftete das Entsetzen über das Furchtbare, das sie in den letzten Monaten hatten sehen müssen: die Gewalttaten der zur Bestie gewordenen Masse, die grausame Ermordung ihres Schwagers vor einem Fleischerladen. Abels Blut schrie laut in ihrer Seele. Ihre Lippen zitterten, da sie dankte. Güldenfey strich erbarmend über ihren Arm.

»Ihr Gepäck?« fragte Harro.

Marfa hob ein wenig das Bündelchen: »Dies und die Handtasche meiner Tante ist alles, was wir retteten.«

»Und das Leben!« scherzte er.

»Ja, dies Leben!« entgegnete sie bitter.

Sie schritten voran. Jörg und Güldenfey, die Frau Honterus führten, folgten ihnen. Harro machte seine Begleiterin auf die Schönheiten der Stadt aufmerksam. Sie sah auf das, was er ihr wies, aber sie antwortete selten mit einem Wort. Ihre Blicke gingen immer nach innen. Er verspürte plötzlich ein starkes Verlangen, diese Seele, die sich furchtsam in einem Winkel des herrlichen Körpers verborgen hatte, hervorzulocken und sie in das Leben zurückzuführen.

Als Marfa in das Zimmer trat, das Güldenfey ihr bestimmt hatte, blieb sie mitten im Raum stehen und blickte sich nicht um. Erst als das Mädchen von außen die Tür einklinkte, fuhr sie auf, wie eine, die ein Ton aus dem Schlaf schreckt. Da war ein Bett, da lag Wäsche ausgebreitet, da war ein Ofen, der wärmte. Sie fiel in die Knie und schluchzte hemmungslos. --

»Und nicht wahr, Ose,« sagte Güldenfey, »du hilfst mir für sie sorgen? Denke nur, alles verloren. Du hättest sie sehen müssen, wie sie da so verlassen standen! Alles vom Besten für sie.«

Die alte Schaffnerin nickte. Sie wollte dem Kind alles zuliebe tun, und auch den armen Vertriebenen. Dieser Blick der Jungen hatte so etwas Rührsames. Und wie gütig sie gesagt hatte: »Ich danke für Ihre Mühe, liebes Fräulein Fink!« Was bedeutete nur dies, daß die eine Diele auf dem oberen Flur seit heute wieder knarrte, wenn man auf sie trat? Damals, als Güldenfey geboren wurde, war es so gewesen, und jetzt, kurz vor der Krankheit des Herrn; sonst gab sie keinen Laut. Und nun heute wieder. Klopfte der dunkle Bote schon wieder an? --

Als Jörg am nächsten Morgen sich anschickte, zum Bahnhof zu gehen, erbot sich Harro, ihn zu begleiten. »Ich sollte wohl mit dir fahren,« sagte er, »die Geschäfte der Partei werden dringlich, und sie rufen schon nach mir. Aber ich kann nicht, weiß Gott, ich kann nicht!«

Jörg schwieg. Wenn Harro, der gewissenhaft seine Pflicht tat, sagte: Ich kann nicht! so würde er Grund haben, zu zögern. Er spürte aber auf dem Weg etwas Andrängendes, als wolle ihm Harro etwas sagen, für das er nicht das treffende Wort fand.

Endlich stand er im Wagen am geöffneten Fenster und sah auf Harro nieder, der sinnend vor sich hinblickte. Der Beamte, der das Abfahrtzeichen geben sollte, ging vorüber.

»Wir werden uns bald wiedersehen, Jörg.«

»Schwerlich. Ich werde jetzt viel arbeiten müssen, Harro.«

Der Beamte hob die Scheibe. Die Brüder reichten einander die Hand.

»Trotzdem, mein Junge, du wirst bald wieder hier sein.«

»Warum?«

»Ich werde meinerseits Malte auch einen Strich durch seine Rechnung ziehen. Du entsinnst dich, welchen Rat er mir gab: ich müsse eine reiche Frau wählen. Nun, ich heirate keine andere als Marfa Honterus. Bewahre dies noch für dich! Für den Sommer aber lade ich dich zur Hochzeit ein.«

Er blieb lachend, winkend zurück. Der Raum zwischen ihnen wuchs. Trat das Sänftigende so bald in Harros Leben?

Heilisoe

In Harro brauste plötzlich etwas vom Blut seiner Väter. Die stürmende Welle kam aus entlegener Vorzeit, aus Tagen, da seefahrende Männer die Frau von einer Insel raubten und ihr die Liebe und die Pflichten des Herdes aufzwangen. Er war stets den Frauen gegenüber erhaben aufgetreten: Bewundert mich, wie ich mit euch scherze! Mich mit einer von euch verbinden, das liegt mir fern.

Jetzt brannte seines Lebens Saft und schuf ihm die Gewißheit, es müsse etwas in ihm zerreißen, wenn er das fremde Mädchen nicht gewänne, das in seinem Vaterhaus Zuflucht gesunden. Mit Wort und Blick umwarb er sie, und die ihm selbst fremde Zärtlichkeit, die anfangs schonend auf die hilflose Lage der Armen sah, wurde bald ein stürmischer Wettkampf. Arbeit, Zeit und Raum waren für ihn keine Hemmungen: fast an jedem Sonntag erschien er im Treßhof.

Und Marfa? Das Glück, aus der Hölle der russischen Gefängnisse erlöst zu sein, nicht mehr stündlich die Hefe der Lebensbedrohung trinken zu müssen, hatte nichts Beseligendes für sie. Sie war wie eine, die aus der Flucht finsterer Schächte in das überströmende Licht des Mittags tritt und die von der Blendung so überwältigt wird, daß sie für alle Reize unempfänglich bleibt. Die bis in ihre Tiefen erschöpfte Seele fand weder Wort noch Lächeln.

»Fräulein Fink, wie lieb Sie sind! Ach, so gut tun Sie mir, liebe Güldenfey!« Aber das kam bewußtlos von den Lippen einer, die noch abwesend war.

»Die Augen sehen noch rückwärts,« sagte Güldenfey, »wir müssen sie ins Leben locken, Ose.«

»Ja, Kind, das kannst nur du. Ich saß gestern bei ihr und ließ sie ganz in der Stille von guten Gedanken streicheln. Fragt sie plötzlich: ›Gibt es Brunnen in dieser Stadt?‹ Sah ich sie an und wußte nicht, was sie meinte. ›Hat nicht jede deutsche Stadt fließende Brunnen?‹ Da erzählte ich ihr, daß wir einmal auch quellende Brunnen hatten. Bei der Apollonienkapelle, die als Sühne für den Pfaffenbrand gebaut war, hat einer sich aufgetan, zu dem sie wallfahrteten. Aber das ist jetzt vorbei. Fragt sie nach einer Weile: ›Ob versiegte Brunnen wohl wieder aufwachen, Fräulein Fink? Ich meine hier drinnen?‹ Und zeigt auf ihre Brust. Nun, da hab' ich sie trösten können. Aber was der alte Mensch dem jungen sagt, das geht spät auf. Helfen magst du allein.«

Am Palmsonntag brach der Brunnen in Marfa Honterus auf. Sie hatte neben Güldenfey im goldenen Präsentierteller gesessen. Pastor Thomasius hatte machtvoll gesprochen, vom bitteren Leidensweg, auf dem sich stets einer einstelle, der dem Gequälten das Kreuz eine Strecke weit abnehme.

Als sie die Kirche verlasen hatten, griff Marfa ihrer Gefährtin Hand. »Ich wollte sie küssen, diese Hand, die mein Leid abnahm, doch es wäre wohl nicht schicklich gewesen.«

»Ich?« fragte Güldenfey. »Ich?«

Da stand Harro vor ihnen. Er war früher gekommen, als er sich angesagt hatte, und in seinem Gesicht glänzte die Freude, als er die Überraschung der Mädchen sah. Während er mit Güldenfey sprach, blickte er Marfa an. Eine Blutwelle färbte ihre blasse Stirn, und sie wandte sich ab.

Was half es, daß sie sich ihm entzog und ihre Seele vor ihm floh! Was bedeuteten alle Einwände der Vernunft: Sollte ich Mittellose mich in das begüterte Haus drängen und Bedenken erregen? Das Schicksal hatte längst seinen Spruch gefällt, und sie mußte gehorsamen. Harro nahm sie, und der Frühling war sein Helfer. Noch am Abend dieses Tages sprach er mit ihr, und zitternd, willenlos ergab sie sich. Eine Stunde später weinte sie in Güldenfeys Schoß ihre Bangnis aus.

Güldenfeys Hände glitten leise über das braune gewellte Haar. »Warum nur klagen?« sagte sie innig. »Es ist ja so schön, ganz wunderschön! Wie freue ich mich, daß ich eine Schwester habe!«

»Es kam so jäh, es hat mich erschreckt.«

Die feinen Hände strichen auf und ab. In diese Stunde gehört eine Mutter, nur sie vermochte zu sagen, für das keins das einzige Wort fand. Wie fern lag das versunkene Grab!

»Aber ...« Güldenfey nestelte an ihrem Hals und zog den blauen Veilchenstein am Kettlein hervor. »Den mußt du tragen diese Nacht und wirst ruhig werden«, sagte sie. »Er ist von meiner Mutter. Es sind heilende Kräfte darin.«

Und sie streifte Marfa das Angebinde über.

Der Brunnen brach auf. Waren wirklich Segensmächte in dem Amulett? Löste das Ereignis verborgene, verirrte Ströme in dem jungfräulichen Blut? Marfa ward eine andre. Ihr Blick wagte sich in das Leben, das vor ihr lag, und fand hier und dort ein wenig Glanz. Und allmählich kam ein schüchternes Lachen in ihr auf. Vor allem: ihre Liebe, die lange des Anhauchs aus Menschenmund gewartet, brannte wie eine Fackel. Endlich war gekommen, für das sie leuchten durfte, ein Zweck, eine Aufgabe war da. Hemmungslos legte sie sich in der Gewißheit des Geborgenseins in die werbenden Arme und wirkte an ihrer Hingabe wie an einem bunten Teppich, den sie vor Harro ausbreitete.

Wenn die Rosen blühten, sollte Hochzeit sein, so hatte es sich Harro gewünscht, und so geschah es. Güldenfey hatte alles vorbereitet, und Ose sorgte wie eine Mutter. Seit dem Augenblick, da Marfa sich mit Jawort und Kuß Harro verlobt hatte, war sie für Ose eine Treß.

Malte nahm die Mitteilung von des Bruders Entschluß schweigend auf. Es war etwas in Harro erwacht, das jeden Einwand ausschloß. Malte hatte Frauke um ihre Meinung befragt; Frauke hatte nur stillschweigend die Schulter gehoben. Es lohnte nicht, feststehenden Dingen andre Möglichkeiten zu geben.

Aber die Hochzeit! Daß Marfa sich ausgebeten, die Feier möge ganz schlicht vor sich gehen, wollte ihm nicht gefallen. Ja doch, die Zeit gebot Beschränkung, und was hinter der Braut lag, verlangte Stille. Überdies war das Trauerjahr geltend. Doch dieser Zwang quälte ihn. Gern hätte er der Welt gezeigt, daß es sich die Treß leisten konnten, eine arme Verstoßene zu freien. Er sah von seinem Fensterplatz zum Wülflamhaus hinüber. Wieviel Ellen flandrisches Tuch hatte der zähe Bertram dem Ratsverbot zum Trotz von seiner Tür bis nach St. Niklas legen lassen für seines Sohnes Hochzeitsgang?

Jörg kam, und Engelke hatte sich ausgebeten, als letzten Dienst im Treßhof das Festmahl herzurichten. Am Tage darauf sollte sie ihr Stübchen im Heiligen Geist beziehen.

»Und habe ich sie dort untergebracht, dann fahren wir nach Heilisoe«, sagte Güldenfey. »Du sollst ein paar Ferientage haben, Jörg, du siehst angestrengt aus. Wir beide streifen durch die Insel, und wenn wir bei den verlorenen Steinen unter den Klippen sitzen, erzählst du von deiner Arbeit.«

Die kleine Kapelle von St. Annen und Brigitten war ein Rosenhag. Gelb und weiß und rosa und blutrot lag es auf dem Altar, wand es sich um Sessellehnen und Empore, quoll es aus Gläsern und Behältern. Konnte der Garten Güldenfeys diese Fülle von Rosen hergeben?

Sie lächelte, als man sie fragte. Die Herkunft der Rosen war ihr Geheimnis. Die Schwester, die Harro heut verbunden wurde, sollte durch eine Wolke von Duft in das neue Leben schreiten.

Frau Honterus saß wie im Traum unter denen, die des Paares harrten. Sie hatte eine Heimat bei Verwandten im Süden des verstümmelten Deutschland gefunden, die Kinderlose würde das Kind hier zurücklassen, mit dem sie gemeinsam den bitteren Bodensatz des Lebens getrunken. War es Glück? War es eine neue Stufe in tränenschwerem Läuterungsweg? Sie sahen alle so fremd darein, diese nordischen Menschen. Freundlich waren sie, und keiner stand hinter dem andern an Beflissenheit zurück. Und doch! Eine sorgende Angst stieg wieder in ihr auf. Da sah sie, wie Güldenfey ihr zunickte. Ja, es würde alles gut werden.

Nun zog das Paar ein. Jörg blickte etwas unruhig zu der alten Orgel empor, die sich mühte, mit ihren pfeifenden Lungen und verstaubten Zungen einen fröhlichen Hymnus anzustimmen. Aber der Anblick des bräutlichen Paares fesselte ihn so, daß sein Ohr die Kränkung schnell verwand. Wie gingen die beiden heiter durch den Gang, der mit Blumen und Sonnenlichtern bestreut war! Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; dein Volk ist mein Volk; wo du bleibst, da bleibe ich auch! Selbst Frauke hob das Tüchlein an ihre Augen, und Malte, der heute die Abzeichen seines Konsulamtes trug, wurde unruhig, als Pastor Thomasius seine Rede begann und mit warmen Worten an verborgene Saiten rührte.

Jörg mußte lächeln. Güldenfey saß so hingegeben da, als erlebe sie ihre Vermählung voraus. Ihre Blicke hingen mit dem Ausdruck völligen Vertrauens an dem Sprechenden, ihr Mund blühte wie aller Rosen schönste. Wo du hingehst ... Sah sie in der Ferne schon den Faden ihres Weges? --

Am nächsten Tag sammelte Güldenfey die frisch erhaltenen Rosen aus. Diese bekam Telge zum Schmuck des Bootes, das Harro und Marfa nach Heilisoe brachte; diese trug sie in das Alterstübchen Engelkes, in das sie die Alte mit Jörg gegen Abend führte. Drunten am Binnenhafen hinter kleinen Häuschen, vor denen Wagnergerät den Weg sperrte, lag der Heilige Geist, ein Gewirr von spitzgiebligen Dächern, Rasenflecken und Fachwerkgemäuer, das nach einer Seite die hohe Mauer der einstigen Befestigung abschloß, und auf das der kleine Turm der Geistkirche überlegen und keck herabsah. Gleich hinter dem Tor aber war der Klosterhof, dieser stille, einsame Gang mit den hölzernen, einen Umgang stützenden Säulen, mit den für den Ablauf des Regenwassers schräg gelegten Steinplatten und der Doppeltreppe. Immer strich ein kühler Wind durch diesen Hof, immer traten, sobald Schritte in ihm erklangen, die Alten an ihre Tür.

Jörg blieb vor der Tür stehen und las, was darüber eingemeißelt war. »Sieh doch, Engelke, du trittst aus einem alten Haus in das andere«, sagte er. »Dort oben steht: Diese Wohnungen des Heiligen Geistes seindt erbaut 1643. Was sagst du jetzt?«

Doch die Alte erwiderte nichts, sondern nickte nur und folgte Güldenfey in den Säulenhof. Sie achtete auch der neugierigen Gesichter nicht, die rechts und links erschienen, blieb vor ihrer Tür stehen, bis Jörg umständlich aufgeschlossen hatte, und trat dann durch den halbdunklen Vorraum in die freundlich geschmückte Stube, wo sie sich in dem Lehnstuhl am Fenster niederließ.

»In Gottes Namen denn!« sagte sie und legte feierlich das Neue Testament auf den Nähtisch.

»Gefällt es dir?« fragte Güldenfey, die Kammer und Stübchen hergerichtet hatte.

»Viel zu fein für mich«, sagte sie und sah sich um. Sie behielt den kleinen Hut mit dem ewigen Veilchenstrauß, der im Sommer den Strohkapott und im Winter den Samtkapott zierte, auf dem Kopf, als sei sie nur auf Besuch hier.

»Wenn ihr mich einmal hier forttragt, braucht's so viele Rosen nicht«, fuhr sie fort und streichelte dankbar Güldenfeys Hand.

Sie mußte nun alles beschauen, was Güldenfey eingerichtet. Sie tat es, ohne eine Miene zu verziehen. Ja, es war sehr schön, die Liebe, die ihre Treue geweckt, würde sie hier wärmen, aber heimisch würde sie sich nicht fühlen. Ihr Mutterboden lag da, wo der Treßhof an die Stadtmauer stieß, wo der Blick aus dem Mansardenstübchen über die Teiche ging und die Sperlinge in wildem Wein und Efeu lärmten. Vierzig Jahre tagaus, tagein auf der gleichen Stelle. Wen zöge es nicht beständig dahin zurück!

»Ihr fahrt nun nach Heilisoe?« sagte Engelke.

Ja, sie wollte auf der Insel, wo sich jetzt der Sommer auftat, eine Woche verweilen, bis Harro und Marfa von Schweden zurückkehrten.

»Ich bin so glücklich, daß wir unser Sommerhaus in Heilisoe behalten«, sagte Jörg. »Malte wollte auch das aufgeben.«

Engelke horchte auf. »Wollte der Konsul das? Nun, es ist gut, daß er es nicht getan. Es wäre eine Sünde.«

»Warum Sünde?« fragte Jörg.

Sie berichtete, was Fräulein Fink ihr erzählt: Vor langer Zeit sei die Herrschaft von Heilisoe in die Stadt gekommen. Die Vorfahren seien dort Fischer gewesen, deshalb wären im Wappen der Herrschaft zwei Fische bis auf den heutigen Tag.

»Aber warum sollte es Sünde sein, wenn Malte das Haus verkauft hätte?« fragte Jörg.

Die Alte schüttelte den Kopf, als begriffe sie die Frage nicht. Plötzlich legte sie die Hand auf das Testament. »Es ist dort eure Heimat«, sagte sie. »Von Heilisoe seid ihr gekommen, nach Heilisoe müßt ihr immer wieder zurück. Die Heimat darf keiner aufgeben.«

Güldenfey fiel es erst, als sie zum Aufbruch liebevoll mahnte, auf, daß Jörg vor sich hinsann. »Er hat wieder eine Melodie gefunden«, sagte sie.

»Die schönste, Güldenfey«, entgegnete er.

Es war ein Abschied, als sollten sie sich nimmermehr wiedersehen. Engelke stand in ihrer Tür, hatte den Mund hart geschlossen und sah den beiden mit starren Augen nach. Da gingen sie hin, und sie blieb hier. Sie würden wiederkommen, doch sie würde immer hier stehen und ihnen nachblicken ...

»Wirst du mir deine Melodie vorspielen?« fragte Güldenfey.

Aber Jörg antwortete nicht.

»Nach Heilisoe müßt ihr wieder zurück. Hast du sie dabei angesehen, Güldenfey? Sie sah aus wie eine Sybille.«

* * * * *

Telge stand am Steuerrad und lenkte das Motorboot aus dem stillen Hafen. Es ging wieder auf Fahrt, es gab wieder zu tun. Dieser vergangene Winter und die Krankheit des alten Herrn hatten ihn seinen Bootsmannsberuf nicht ausüben lassen, seit er im Dezember aus dem Felde heimgekehrt war. Diese Handlangerdienste und Notknechtsarbeiten hatten ihm wenig behagt. Daß du die Motten kriegst! Er blickte verstohlen nach seiner jungen Herrschaft und spie über Bord.

Mellin sagte, er habe sich das Lügen abgewöhnt, wenn er von seinen Heldentaten erzählte: Marne, Galizien und Verdun! Was half's! Man hatte doch etwas erlebt. Die Brocken von Volksbeglückung und sozialer Befreiung, die durch alle Mäuler gingen und denen jeder Schwätzer seine Weisheit beimengte, waren nicht nach seinem Geschmack. Zeigt erst, was ihr könnt, sorgt vor allem, daß Brennstoff für den Motor da ist. Daß ihr die Motten kriegt! Und Telge spie wieder über Backbord und strich dann zärtlich seinen neu sprießenden Bartkranz.

»Sieh doch, Jörg!« sagte Güldenfey. »Nein, vor uns.«