Chapter 18 of 19 · 3969 words · ~20 min read

Part 18

»Ich hätte es wissen können, wäre ich nicht von zu hohen Erwartungen beseelt«, sagte er endlich bitter. »Frauke Poppelmann kann nur im Glanz des Reichtums atmen; Opfer bringen, nein, das liegt fern von ihrer Art.«

»Es ist nicht nötig, daß du mich kränkst«, sagt sie.

»Kränkt die Wahrheit?«

Plötzlich erwacht das alte Treßblut in ihm, das Seeräubergeblüt, das die Männer ehedem anstachelte, sich die Frauen der Inseln zu rauben und mit gewaltsamer Hand zuzupacken. Wahrlich, es hat bei dieser da wenig gefrommt, abzuwarten und zu werben! Was ist der Lohn? In der Stunde, da Mann und Weib eins sein müssen wie nie, geht sie davon und überläßt ihn den wilden Hunden. O, er war immer allein, immer allein! Jetzt es ihr sagen, sie die Wahrheit bis zum Bodensatz kosten lassen. Und er sagt es ihr.

»Du hast mich nie geliebt, Frauke, nie, nie!«

»Wie wenig du mich doch kennst!« Frauke scheint ganz gelassen, ganz kühl, ihre Augen blicken etwas spöttisch und sind grau wie Meerwasser, das vom Wind bewegt wird. Aber in ihrem Inneren ist eine Flamme entzündet, unter deren Ansturm ihre Brust mühsam ringt. »Wie wenig du mich doch kennst, Malte Treß!« wiederholt sie bebend. »Meinst du wirklich, ich hätte dich genommen damals in Harvestehude, wenn ... ohne daß ich dich geliebt hätte? Nein, nein! Aber die Liebe hat mir freilich jemand genommen: du; und das konnte ich dir nicht vergessen.«

Ist das noch Kälte, oder ist es verhaltene Leidenschaft, die unter ihren Worten klingt?

»Und da wir nun voneinander gehen, kann ich es dir auch sagen, wie es kam, nicht um mich zu rechtfertigen, sondern damit du einsiehst, was deines Unglücks Grund ist. Ich liebe nur den Mann, der darstellt, was er seinem Wesen entsprechend ist, Männer wie Jörg, die ihren innersten Beruf erkennen und sich durchsetzen. Du aber wolltest immer anders erscheinen, als du warst, du wolltest mehr sein, als du bist, immer ein wenig Poppelmann, immer etwas neuzeitlicher Mensch. Du heißt Treß und warst zu besonderem Handeln verpflichtet, doch das war dir nicht genug. Wohl weiß ich, du tatest das, um mich zu gewinnen, und du ahntest nicht, daß du dich dadurch von mir entferntest; denn wenn wir Poppelmanns auch nicht eine so alte Familiengeschichte besitzen wie ihr, wir schätzen darum doch nur, was echt ist.«

Er starrt sie an und weiß nichts zu entgegnen. Er berührt die Hand, die sie ausstreckt, und senkt die Augen. Er hört das Klingen ihrer Armreifen, das seidige Rauschen ihrer Kleider; die Fäden des Perlvorhangs klirren hinter ihr aneinander: er weiß, daß sie ihm verloren ist. --

Frauke steht im Zimmer und überschaut ihre Koffer: dies soll ihr gesandt werden und dies; und jenes nimmt sie mit sich. Morgen ... Sie hält in ihrem Hin- und Herschreiten plötzlich inne. Es wird eine Leere morgen hier sein, die er schmerzhaft empfindet. Sie rafft sich zusammen: es wird auch für ihn ein Übermorgen geben, und er wird vergessen.

Sie wendet sich um, als sie eine Bewegung der Tür wahrnimmt, denn sie erwartet Telge. »Güldenfey? -- Es ist gut, daß du kommst, Güldenfey; ich wäre am Treßhof vorgefahren, dir Lebewohl zu sagen. Ich will ...«

Ist es nötig, das auszusprechen? Die strahlenden Augen Güldenfeys sind ganz verändert, voll Dunkel und Schweigsamkeit und reden doch so laut, daß Frauke, die überlegene, ihrer selbst so sichere Frauke, den Blick senkt.

»Du willst fort? Jetzt willst du fort?«

Frauke bejaht. Sie wappnet sich mit Trotz. Will diese Junge, die nichts von Männern und von der Ehe weiß, ihr Vorhaltungen machen und sie meistern? Sie wendet sich ab, spricht ein paar abgerissene Worte, in denen sie ihren unabänderlichen Entschluß kundtut, ballt den Verdruß der letzten Wochen, den sie in sich aufgespeichert, zusammen und schleudert ihn von sich.

Güldenfey erwidert nichts, ihr Blick wird nur um einige Schatten dunkler. Habe ich mich in Frauke doch geirrt? Las ich die Schrift nicht recht, wenn in kurzen Augenblicken ihre Seele offen vor mir lag? ... Aber sie, die in allem Gottes Odem spürt, findet auch jetzt das Rechte.

»Frauke, ich weiß, du hast durch uns viel verloren. Es ist mir leid. Malte würde dich gewiß beklagen, aber denk', wieviel jetzt durch seine Seele geht. Glaube mir, er wird dir alles ersetzen, und kann er es nicht, so stehen wir andern für ihn ein.«

Frauke will auflachen, doch vermag sie es nicht: etwas ist da, das sie verstummen läßt.

»Jetzt« -- Güldenfeys Augen leuchten wieder in dem sieggewissen Glanz -- »jetzt freilich kann ich dir nichts geben als dies. Es ist nur ein kleiner Stein und doch sehr wertvoll: der Segen unsrer Mutter haftet an ihm.«

Sie hat das Kettlein von ihrem Hals gelöst und reicht ihr den Amethyst dar.

Lächelt Frauke nicht ihr altes spöttisches Lächeln, hebt sie nicht die Schultern in der ihr eignen Bewegung? Nein, sie steht unbeweglich und blickt Güldenfey starr an. Es rührt sich eine Bewegung in ihr, die nur darin ihren Ausdruck fände, daß sie ihre Arme um des Mädchens Hals schlänge. Doch das hat sie nie getan, sie, die Tochter Josias Poppelmanns.

»Ich danke dir, Güldenfey«, sagt sie abweisend, und Güldenfey steckt den Stein traurig wieder ein.

»Erfüll' mir wenigstens eine Bitte, Frauke, und erlaube, daß ich während dieser Nacht in eurer Wohnung bleibe.«

»Gewiß. Aber warum?«

»Wegen Malte. Er darf jetzt nicht allein bleiben. Mir ist bange um ihn.«

Wieder spürt Frauke diese elementare Bewegung in sich, und wieder hat die Poppelmannsche Gehaltenheit die Oberhand. Sie nickt, sie will etwas sagen; da kommt Telge, und sie scheiden wortlos voneinander.

* * * * *

Malte sucht sein Arbeitszimmer auf. Die Plätze vor den Pulten sind jetzt leer, nur im Hintergrund flammt noch eine Lampe, und Häberle hebt den Kopf von seiner Arbeit.

»Sind Sie noch hier, Herr Häberle?«

»Ich wollte nur den Auszug noch fertigstellen, Herr Konsul.«

»Ich danke; aber nun ist es genug.«

Häberle erhebt sich, grüßt und wendet sich zur Tür.

»Herr Häberle!«

»Herr Konsul!«

Malte kommt auf ihn zu und reicht ihm die Hand. »Sie haben mir immer treu beigestanden wie meinem Vater. Ich danke Ihnen. Jetzt ...«

Häberle ist bewegt und rückt an seiner Brille. Die Worte klingen so sonderbar. Ist das ein Abschied? »Herr Konsul,« sagt er und gibt seiner Stimme eine heitere Färbung, »wir haben Unglück gehabt wie andre auch. Das kommt vor, aber es ist zu verwinden. Wir kommen wieder hoch. Das Haus Treß hat manchen Stoß ertragen.«

»Ich danke Ihnen, lieber Häberle.« --

Häberle geht, jetzt ist er allein. Abschließen? Warum? Es wird niemand kommen. Malte betritt sein Zimmer und läßt sich nieder. Die Uhr klingt, der Arm mit der Hippe sinkt: =carpe diem=! Malte stöhnt leise auf.

Ssssiii -- -- jüh! fährt es über den Markt, verfängt sich in Kaminen und Schloten und hohnlacht zwischen den Giebeln. Draußen tobt die See, und zorniger Geifer flockt von ihren Kiefern, man schmeckt den salzigen Odem bis hierher. Der fliegende Holländer jagt mit vollen Segeln vor dem rasenden Sturm. Wird nicht endlich der Kiel der Kogge auf knirschenden Sand laufen und das bis zum Bersten geladene Schiff brechen? Wie sagte Ose? Er steuert in das wildeste Gebraus hinein, er will den Untergang, den Tod, die Erlösung.

Ach, er kennt die Sage von Balzer Treß zur Genüge, wie oft hat Ose sie dem aufhorchenden Knaben an stürmischen Abenden erzählt! Aber nie bis heute hat er gewußt, daß zwischen jenem und ihm geheime Fäden sich spannten, daß Balzer ihm unbewußt Vorbild war: der Drang, das Haus Treß zu altem Glanz zu erheben; die Jagd hinter der Glücksgöttin her; die Sorge um das Sichverlieren und den Heimweg. Wo ist der Weg nach Heilisoe?

Alles wiederholt sich, alles. Die Spindel, um die das Leben kreist, ist so eng. Wer aber wagt ihm zu sagen, daß er unrecht tat? Harro? Frauke? Onkel Rolf oder die Poppelmanns etwa? Sie alle, wären sie an seiner Stelle gestanden, hätten nicht anders gehandelt als er. Entscheidend allein ist der Erfolg, das Glück, den Heimweg zu finden.

Ssssiii -- -- jüh! Wer dem Sturm verfällt, der ist verloren, wer den Kurs verliert, der muß irren und zugrunde gehen. Aber die Glücklichen, die ihm entrinnen, die preist die Welt und feiert sie als Helden! Ich, Malte Treß, bin unschuldig an dem, was unserm Haus widerfuhr, jawohl, unschuldig!

Er hat es laut gerufen, und wie zur Antwort prasselt es draußen auf das Pflaster nieder, als habe eine Riesenfaust das Dach abgedeckt und werfe die Last sprühend auf den Markt. Malte fährt zusammen, doch nicht im Schreck über das Geräusch. Von außen und aus allen Winkeln des Zimmers klingt ihm das Echo seines letzten Wortes entgegen: Unschuldig, wirklich unschuldig? Der Mann mit der Hippe ruft es, und sein Schreibtisch ruft es und die Bücher, und alles hat plötzlich Augen und starrt ihn seltsam an: Unschuldig?

Ist da nicht Frauke? Er vernimmt ganz deutlich ihre Worte: Ein andrer wolltest du sein als du bist. Steht dort nicht die Frau an der Tür, die Frau in ihrem zerknüllten Anzug? Und Usadel? Wahrhaftig, das ist Usadel, das kaltblütige Geschöpf, das nicht lächeln kann, in dessen Hirn tausend Feuerfunken kreisen, die eine Welt in Brand setzen. Und alle stehen sie da und zeugen wider ihn: Du hast deine Art nicht gewahrt! Du hast die Ehrenschuld deines Hauses nicht abgetragen! Du hast gegen dein besseres Wissen geschwiegen, als ich die Lästerung gegen Gott und Menschheit ausstieß -- und rühmst dich deiner Unschuld?

Malte hebt beide Hände abwehrend, schützend -- es nützt ihm nicht. Aus der Tiefe seines Inneren kommt eine Antwort, vor der es kein Entrinnen gibt, und sie sagt nur das eine Wort: Mitschuldig!

Plötzlich fühlt er es in unheimlicher Deutlichkeit: Ja, ich bin mitschuldig. Mitschuldig nicht, weil ich die Not verursacht, sondern mich fern von ihr hielt; mitschuldig nicht, weil ich den über das Volk hereinbrechenden Jammer heraufgeführt, sondern mich durch das Glücksverlangen betören ließ, am Seil der Unredlichkeit mitzuziehen. Der gerechte Richter wird uns einmal nicht verurteilen nach dem, was wir taten, sondern nach dem, das wir unterlassen haben.

Alle die Schreier, die sich über das Unrecht in der Welt entrüsten, wird er fragen: Was hast du ~dagegen~ getan? Und stehen sie dann schweigend da, wird er nur das eine Wort finden: Mitschuldig!

Malte tastet nach dem Stift. Wie seine Hand flattert! Wie widerwillig die andre, die schwer wie Blei lastet, gehorcht! Mühselig zieht der Stift in krausen Zügen die Wörter auf das Papier: Frau Jobst ...

Ssssiii -- -- jüh! Das Haus erbebt unter dem Anprall der Sturmbö. Vor Maltes Augen dunkelt es, als entrolle sich ein endloser scharlachfarbener Mantel. Der fliegende Holländer steht am Mast: Wo geht der Weg nach Heilisoe? Ein Gedanke zuckt durch Maltes Hirn: Auch du bist mitschuldig. Der Fluch des alten Blutes spukt in dir wieder. Hinein in die Brandung, in den Untergang, in die Erlösung!

Ja, die Erlösung. Das Galionbild, die güldene Fey, kommt auf ihn zu, er sieht sie wie durch Nebel. Dann schließt der Scharlachmantel alles zu, und er gleitet langsam vom Stuhl zur Erde. --

Güldenfey kniet neben ihm und hält seinen Kopf in ihrem Arm. Sein edles Gesicht, das völlig entblutet erscheint, ist eigentümlich schmerzhaft verkrampft, als habe es ein furchtbares Ereignis mit dem Brandeisen des Schrecks gezeichnet. Ist er schon durch das erhabene Tor gegangen, oder steht er noch davor? Sie neigt das Ohr auf seine Brust und hört sein Herz wie fernes Brunnenrauschen gehen.

Zart legt sie ihn nieder und eilt, um Hilfe zu holen. --

Als sie ihn droben gebettet haben, geht sie noch einmal in die Schreibstube zurück, das Licht zu löschen. Da erblickt sie seine letzten Schriftzüge. Frau Jobst? Was wollte er schreiben? Und plötzlich enthüllt sich vor ihrem schauenden Blick die letzte Stunde Maltes an seinem Schreibtisch, was er empfunden und was er gewollt. Sie geht nach oben und setzt sich neben seinem Lager nieder.

Seine Seele irrt auf nächtig verschleierten Wiesen, die ohne Pfade sind, seine geöffneten Augen suchen über den Rand der Zeit hinaus. Aber vielleicht suchen sie die Versöhnung!

Güldenfey wagt es und senkt ihren Mund auf ihn. »Malte,« klingt ihre hohe Stimme leise und doch eindringlich, »du schriebst Frau Jobst. Soll sie etwas? Ich weiß sie zu finden.«

Ein Zucken läuft über das verzogene Gesicht, eine leise Bewegung des Lides zeigt, daß er verstanden hat.

»Sei ganz ruhig,« tröstet sie, »ich gehe zu ihr.«

Als sie das Zimmer verlassen will, tritt ihr Ose entgegen. »Du, Ose?«

»Ich bin gekommen, daß du dich nicht ängstigst«, sagt die Alte. »Er wird nicht sterben. Ich habe die Probe gemacht: die Diele im Treßhof gibt keinen Laut!«

* * * * *

Am Morgen, als sich zwischen das Graugewölk im Osten fahle gelbe Lichtstreifen wie die Brände verschwelender Fackel schoben, hatte der Sturm sich ausgetobt. Wie ein mißhandeltes und verstoßenes Weib lag die Erde da: Wege verweht, Bäume verwüstet, Menschenwerk zerstört. Ein feiner Regen sprühte hernieder und hing sich wie Tränengeriesel an die geknickten Zweige der Sträucher. Es war ein leises Weinen in der geschändeten Natur.

Güldenfey ging, sobald es ihr an der Zeit schien, den Weg gegen die Schwedenschanze zu. Oses tröstliche Verheißung war gut, aber Malte schien von großer Unruhe hin und her geworfen zu werden.

Im trüben Licht des Morgens schien ihr die Straße verändert; sie fand sich nicht zurecht, und eine Sorge schreckte sie, daß sie wieder vergebens den Weg hinter der Frau her suchen müsse.

Doch dort drüben das Haus, das mußte es sein. Als sie eintrat, erinnerte sie das stürmische Läuten der Türglocke, daß sie gefunden habe, was sie suchte. Jede ängstliche Besorgnis war von ihr gewichen, als sie an die Stubentür pochte. Sie kannte die Stimme, die von innen zum Eintritt aufforderte.

Frau Jobst stand zum Ausgang gerüstet in der Stube und sah verwundert dem frühen Gast entgegen. Sie erkannte Güldenfey nicht; als diese ihren Namen nannte, hob sie erschreckt die Hand.

»Ja, ich bin Güldenfey Treß. Sie sagten damals, ich dürfe erst wieder zu Ihnen kommen, wenn wir auf gleicher Stufe ständen, weil arm und reich nebeneinander sich nicht schicke. Nun trete ich als eine Arme bei Ihnen ein. Haben Sie es schon gehört? Wir haben alles verloren.«

Die Augen der Frau weiteten sich. Es war keine frohlockende Genugtuung, es war Entsetzen, was sie ausdrückten. »Mein Gott!« sagte sie. »Ist es wahr?«

»Ja, es ist wahr. Und nun dürfen Sie auch nicht fürchten, daß ich Sie mit etwas, das ich bringe, beschämen will; nein, ich möchte von Ihnen holen. An Ihren Edelmut wende ich mich.«

Frau Jobst blickte Güldenfey an wie eine, die aus schweren Träumen erwacht; ihre Finger tasteten unsicher an den Säumen ihrer Jacke entlang. »Ist es wahr?« stammelte sie. »Es gibt eine Gerechtigkeit? O Gott, mir ist jetzt bange vor ihr.«

»Es gibt eine Gerechtigkeit,« sagte Güldenfey; »sie ist nur höher und größer als die unsre. Doch warum erschreckt Sie das? Arm sein ist keine Strafe, und die geistlich Armen sind selig, weil sie die Empfänglichen sind.«

»Bitte, setzen Sie sich doch«, stammelte die Frau.

Aber kaum hatte sich Güldenfey auf den nächsten Brettstuhl niedergelassen, als durch den Leib der Frau ein Schüttern ging, wie wenn sich der Wind auf eine einsame Weide wirft. Ganz ihrer seelischen Erschütterung überlassen, warf sich Frau Jobst vor Güldenfey in die Knie und barg ihr überströmendes Gesicht in des Mädchens Schoß. Aus ihrem Schluchzen drangen verwirrte Worte. »Vergeben Sie mir, vergeben Sie mir! Ich habe es verschuldet. Mein Haß hat so lange böse Wünsche ausgeschickt auf das Treßhaus, bis sie zur Tat wurden und das Unheil herbeizogen. Aber Sie hat es nicht treffen sollen, Sie nicht. Und nun ...«

Es war unmöglich, gegen diese wilde Verzweiflung anzureden. Güldenfey strich beruhigend über das verunehrte Gesicht.

»Damals, im Hause am Markt, sagten Sie mir: ›Fluchen Sie nicht, denn jeder Fluch fällt auf den zurück, der ihn ausschickt.‹ Das hat mich ergriffen. Aber als mein Mann so elend starb, da hab' ich es doch getan, nicht einmal, sondern hundertmal. Und als Sie mich hier im Frühjahr fanden, schickte ich Sie fort, weil ich mich vor Ihnen schämte. Nun müssen Sie mir sagen, daß alles sich erfüllt hat, und auf mich fällt es zurück, und mich zerschmettert es.«

In dem Bett im Winkel richtete sich ein Kinderkopf auf, und eine schlaftrunkene Stimme sagte: »Mutter!«

»Das Kind!« raunte Güldenfey.

»Sie soll es wissen, was danach kommt«, schluchzte die Frau.

»Sie sollen sich nicht so erregen lassen«, sagte Güldenfey heiter, und ihre Hand strich sänftigend über das rauhe Haar. »Meinen Sie denn, Ihre Wünsche, die aus einem verbitterten Herzen kamen, hätten etwas über unser Schicksal vermocht, wenn dieses Schicksal nicht zu unserm Besten gedient hätte? Und wenn Sie schon sich schuldig fühlen wollen, so biete ich die Gelegenheit, daß Sie Böse in Gut wandeln können.« Ruhig begann sie zu erzählen, von Maltes Not und Zusammenbruch, von seinem Verlangen nach beruhigender Vergebung.

Das Weinen der Frau wurde leiser, wie eine Klage über ihr zerstörtes Leben und ihr zerronnenes Selbst klang es. Was bedeutet alles Regen des zügellosen Blutes und das Aufbegehren eines entschränkten Willens, wenn beide dem Zeitlichen entwuchsen und nur auf Zeitliches zielten!

»Und was kann ich dem Kranken bestellen?« fragte Güldenfey endlich.

»Sagen Sie ihm, was Sie gesehen haben«, antwortete die Frau. »Unser Wollen ist nichts als ein Wollenmüssen. Ich bitte, daß er mir vergebe.« -- --

* * * * *

Güldenfey saß an Maltes Bett, strich über seine erblaßte Stirn und goß Balsam in seine Unruhe. Sie jubelte innerlich, als sie bemerkte, wie die Ruhe seine wunde Seele sättigte. »Nun quält es dich nicht mehr?« fragte sie.

Er wandte ihr dankbar sein Gesicht zu und machte eine Bewegung, die sie als Zustimmung deuten konnte. Seine Blicke glitten von ihr fort, hefteten sich auf einen Punkt, füllten sich mit kinderhaftem Staunen, und ihre Starre löste sich in einem freudigen Glanz.

Was ist ihm nur? dachte Güldenfey und wandte sich um, daß sie erkenne, was ihn fesselte. Da sah sie, daß Frauke in der Tür stand.

»Ja, ich bin es«, sagte Frauke. »Es hat mich nicht in Hamburg gelitten, ich bin gleich wieder zurückgefahren. Was du mir sagtest, Güldenfey ... oder besser, daß du mir nichts sagtest, das ließ mir keine Ruhe.«

Sie trat schnell auf das Lager zu und beugte sich darüber, stutzte aber erschreckt, als sie Maltes entstelltes Gesicht sah.

»Das?« fragte sie.

Güldenfey nickte bedeutsam.

Da hatte Frauke Poppelmann sich schon gefaßt. »Sei ganz ruhig, Malte«, sagte sie. »Ich weiß jetzt, daß ich zu dir gehöre.«

Ihre Stimme war verändert, weich, wie durch ein großes Geschehen geklärt und gesänftigt.

Eine gelähmte Hand tastete sich mühsam auf die dargebotene Frauenhand zu.

Und es war eine wundersame Stille um alle.

Der Weg nach Heilisoe

Abschied!

Was verbirgt und offenbart dieses Wort? Ströme von Tränen; Abgründe des Schmerzes; seelische Landschaften, zerklüftet und vereinsamt unter hoffnungslosem Wolkengrau; einen Riß durch quellende Adern, einen Damm aus fruchtlosem Gestein gegen das wandelnde Leben. --

Was Güldenfey in der Stunde durchlebt, da sie abschiednehmend den Steig des vergessenen Gartens auf und nieder schritt -- keiner hat es je erfahren. Tausend farbige Blumen voll Duft waren im Werden begriffen, aber sie sollte keine von ihnen mehr pflücken und in die Häuser der Armen tragen, daß sie ein wenig Freude darböten. Ja, der Abschied von dem vergessenen Garten war das schwerste! Ihr hilfreiches Denken und Planen war von hier ausgegangen, hatte sich hier als heimlicher Same in die Erde gesenkt und Frucht getragen, hundertfach und tausendfach!

Harro hatte geraten, daß sie ihn nicht wiedersehe, aber ... nein, das verstand Harro nicht. Sie hatte sich die Stunde ungestörten Alleinseins zwischen den alten Mauern ausbedungen. Sie wollte die Schwere des Opfers, das ihr diese Preisgabe war, auskosten. Alle trugen und litten, sie aber sollte mit Jörg in ein fruchtbares Leben gehen; sie forderte ihren Anteil an dem allgemeinen Leid, dessen Härten sie nicht wie die andern empfand.

Nun ging sie zwischen den Beeten auf und nieder und sann. Es würde hier anders werden, ganz anders. Bauende Hände würden schaffen, was sie für nützlich hielten, und im Hochsommer würde um die Mittagszeit der Würzduft der Suppenkräuter zwischen diesen Mauern aufsteigen.

Doch vielleicht gefiel gerade dieser Geruch den alten Männern dort oben, die verdämmernd auf der Kante ihrer Lagerstatt saßen, besser als der Blumenduft. Und in den verwitterten Fräulein, die um den Abend ihre Fenster öffneten, ihre Wanduhren aufzogen und von den Veilchenwochen ihres Lebens träumten, weckte wohl der Duft der nützlichen Gewächse auch Erinnerungen, die ihnen lieb waren.

Das war die große Gnade, die Güldenfey zuteil geworden, daß ihre Gedanken immer den Weg in sonnige Hellen fanden. Sie blieb an der Pforte stehen und blickte träumerisch über den geliebten Fleck Erde. Nie wieder, nie wieder! Doch das Bewußtsein schnitt nicht mehr wie ein scharfes Messer. Als sie abgeschlossen hatte und den Schlüssel in die Tasche steckte, war nur noch ein freundliches Lächeln da und war ein Dank an die Erde, die sie so oft froh gemacht hatte.

Als sie den Treßhof erreichte, sah sie gerade, wie Telge die alte Wohnstatt verließ. Er trug sein Bündel unter dem Arm. An der Torfahrt blieb er stehen und sah zurück. Dann spie er heftig von sich. »Daß du die Motten kriegst!«

»Aber, Telge,« sagte Güldenfey, »Sie wollten doch nicht gehen, ohne mir Lebewohl gesagt zu haben!«

Telge war erschrocken, dann faßte er sich. »Doch!« sagte er voll Trotz.

»Aber warum? Habe ich ...«

Sie hielt inne, da sie bemerkte, wie ein gewaltsames Zucken durch sein bärtiges Gesicht spielte.

»Von den andern, ja. Aber von Ihnen, gnädiges Fräulein -- nein; das konnte ich nicht. Und jetzt kommen Sie doch gerade an.« Er konnte sich nicht meistern. Große Tränen rollten in seinen Bartkranz.

»Telge, alter treuer Telge!« sagte Güldenfey. Und nun weinte sie auch. --

Abschied, Abschied!

Die Räume des Hauses waren entleert, die Dinge, die sie geschmückt und traulich gemacht hatten, rollten einem fernen Lande zu oder standen in den Schatten der Böden. Man mußte Raum für Malte und Frauke schaffen, die nach ihrer Heimkehr aus dem Bade hier einziehen wollten. Nur einige Zimmer waren unberührt in ihrem Zustande erhalten geblieben.

Ose ging wie der gute Geist der alten Zeit durch das Haus und schaltete in allem. Die Geschwister waren in einen edlen Wettstreit geraten, wer von ihnen die Alte zu sich nehme. Sie hatten ihn schlichten wollen, indem sie Ose die Wahl ließen, doch damit hatten sie die Alte vor die schwerste Entscheidung ihres Lebens gestellt. Ihr Herz zog sie zu Güldenfey und Jörg, und doch -- die Heimat! Schließlich hatte sie sich entschieden, während des Sommers zu den Jüngsten zu gehen und den Winter im Treßhof zuzubringen.

»Nun, war er hart, der Abschied von deinem vergessenen Garten?« fragte sie, als Güldenfey heimkam. »Der Weg, den du jetzt gehst, hat viele böse Stufen und ist nicht leicht.«

»Man darf gar nicht daran denken, Ose«, erwiderte Güldenfey. »Es ist noch soviel Grund zur Freude da: daß uns der Treßhof verbleibt, und daß Malte wieder gesundet.«

Sie dachte daran, wie sie vor kurzem Malte und Frauke zur Bahn begleitet hatte. Er konnte schon an zwei Stöcken gehen und war voll dankbarer Milde. Und Frauke ... ja, wenn man an sie dachte, dann wurde man wundergläubig, wenn man es nicht schon gewesen war.

»Du Glückskind!« sagte die Alte kopfschüttelnd.

»Ja, das bin ich«, erwiderte Güldenfey und berührte dankbar den Stein auf ihrer Brust.

Sie erfuhr von Ose, daß Jörg und Harro im Beratungzimmer seien, und ging hinab. Die Brüder standen betrachtend vor den alten Bildern, vor Behrend Treß, dem Oberst des Gyllenstiernaschen Regiments, und vor Karl Heinrich, dem Major bei den Bohuslenschen Schützen.

»Ob die alten Herren nicht auch manche Schlappe im Leben erlitten, wie jetzt wir?« fragte Harro. »Sie schauen wie echte Treß drein, die darum den Kopf nicht hängen lassen, sondern frisch das Leben bei einem andern Zipfel packen. Ja, die äußeren Dinge lassen sich alle meistern, Jörg; aber es gibt andre ...«

Er wandte sich um und sah Güldenfey, wie sie die Treppe herabkam.