Part 13
»Wie soll ich das wissen? Und warum auch? Jeder geht seinen Weg für sich, und da auf diese Weise keiner den anderen stört, so schreiten wir mit der Kultur und leben, was man heutzutage eine Idealehe nennt.«
»Aber ich finde euch doch hier ganz gemütlich beisammen?«
»Ich verbringe seit Jahren hier meine frühzeitige Urlaubswoche. Wenn der Frühling kommt, bin ich durch die Fabrik und die Gesellschaftsanforderungen so kaput, daß es mir ein Bedürfnis ist, mich mal ordentlich auszurekeln. Diesmal teilte meine Frau das Bedürfnis. Wir sind in Kleinigkeiten sehr aufmerksam gegeneinander.«
»Vielleicht störe ich?«
»Du bist wohl nicht bei Sinnen? Stören! Das Umgekehrte ist der Fall, justement. Das Umgekehrte. Das war ja ein ganz unnatürlicher Zustand, in dem wir uns hier befanden. Zwei Menschen, die sich schlechterdings nichts zu sagen haben, sitzen auf einer einsamen Insel. Aus Dekorationsrücksichten. Wirkungsvoll, aber steifleinen. Unter uns: ich habe mich in dieser drückenden Stille schrecklich gegrault. Du hast den Bann gebrochen. Es kommt Leben in die Bude.«
»Lüttgen — ich werde nicht umhin können, während meines Aufenthalts den =cavaliere servente= zu spielen. Jede Dame hat bei ihrem Gast ein Anrecht darauf. Oder der Gast hat stillschweigend die Tür von außen zuzumachen.«
Lüttgen lachte schallend. »Sind das die Schmerzen, die dich bedrücken? Ich sah dir doch gleich an, daß du was auf dem Herzen hast. Spiele du nur den =cavaliere servente=. Es wird der Gnädigen nichts schaden, einmal einen Mann kennen zu lernen, der mein Freund ist. Mein Freund, Joseph! =Plein pouvoir!= Und bei Gott, es soll mich freuen, wenn du ihr die Marotten vertreibst und ihr beibringst, Männer nicht nach dem schönen Augenaufschlag zu beurteilen. Eifersucht? Auf etwas, das ich nicht besitze? Allzu kläglich. Nur von dem Meinen lass’ ich mir nichts nehmen. Dich zum Beispiel nicht.«
»Ich bleibe nur ein paar Tage,« sagte Otten. »Ich bin durch Köln gereist, ohne Frau und Kind zu sehen. Aber ich wollte vorher noch etwas frische Luft schnappen. Das kommt denen zu Hause dann zu gute, das Blut ist ruhiger.«
»Laß sie doch hierher kommen,« rief der Fabrikant. »Du, das ist eine Idee! Wir telegraphieren an deine Frau, und sie ist mit dem nächsten Zuge hier.«
Aus der Halle kam Frau Amely auf die Veranda. Sie trug auf einem Tablett eine Flasche und Gläser. Ihre grauen Augen ruhten auf Otten. Sie wartete.
»Ich danke dir,« erwiderte Otten, »aber meine Frau ist wegen des Studiums des Kindes unabkömmlich. Außerdem,« und er blickte zu der Hausfrau auf, »ist es an einem unruhigen Gast genug.«
»Sie bürden mir da eine schwere Pflicht auf,« sagte Frau Amely und beugte sich über den Tisch, um die Gläser aufzustellen. Ein feiner Fliederduft ging von ihr aus. »Wo soll ich die Kunst hernehmen, Sie für Ihr Opfer zu entschädigen? Ich will gewiß versprechen, all meinen Geist und all meine Liebenswürdigkeit aufzubieten, wenn Ihnen das genügend erscheint.«
»Es ist um das Doppelte zu viel, gnädige Frau. Ich bin mit der Hälfte zufrieden und wähle die Liebenswürdigkeit.«
Der Fabrikant sah seine Frau mit schlecht verhohlener Genugtuung an. Frau Amely aber waltete ruhig ihres Amtes und schenkte den Wein ein. »Grüß Gott, tritt ein, bring Glück herein,« sagte sie, hob ihr Glas und stieß mit dem Gaste an. »Das ist Egoismus,« behauptete Lüttgen, »er muß auch etwas dafür erhalten. Meine Freundschaft? Die hast du schon. Nun, trinken wir trotzdem darauf.«
»Vielleicht fällt auch noch ein Restchen für mich ab, Herr Doktor. Ich werde mir Mühe geben.«
»So bescheiden, gnädige Frau? Das ist ein Sturmzeichen.«
»Ihr Männer ahnt ja gar nicht, wie bescheiden wir Frauen in unserer Freundschaft werden können.«
Er erfaßte den Doppelsinn und quittierte ihn durch eine Verbeugung vom Stuhl aus. Kurz darauf bat der Diener zu Tisch, und Otten führte die Hausfrau. Es war ein heiteres Mahl, und Lüttgen duldete nicht, daß sich der Gast in den launigen Schilderungen seiner Konzerterlebnisse unterbrach. Von Zeit zu Zeit füllte die Hausfrau die Sektschalen, und Otten freute sich der graziösen Bewegungen. »Schade, daß Sie nicht ein Junge sind, und ich nicht Zeus. Der Posten als Ganymed wäre Ihnen sicher.«
»Bleiben wir lieber auf der Erde,« entgegnete sie, »ihre Vorzüge sind noch lange nicht bekannt genug.«
Lüttgen hatte einen roten Kopf. »Wahrhaftig,« stimmte er bei, »selbst das Landleben hat seine Reize, wenn man sie in guter Gesellschaft genießt. Aber unser Freund ist verwöhnt. Die Töchter Albions und die Halbasiatinnen haben ihm zu viel Weihrauch gestreut. Er muß Männer um sich sehen, seßhafte, rheinische Männer, damit er nicht verweichlicht wird. Halt! Ich hab’s! Dieser Tag muß festlich zu Ende geführt werden. Ich bitte, mich auf zwei Minuten zu entschuldigen.«
Zwischen den Zurückgebliebenen herrschte Schweigen. Dann sagte Frau Amely und verschränkte die Hände hinter dem braunen Haarknoten: »Jetzt telephoniert er seine Kölner Freunde an. Das gilt mir. Dadurch, daß er einen Mann wie Sie im Triumph vorführt, gedenkt er mich auszuschalten.«
»Gnädige Frau, Sie haben keinen Anlaß, bitter zu werden. Man muß den Mann, wie er ist, gernhaben.«
»Als Freund. Das glaub’ ich wohl. Aber als seine Frau — —?«
Otten schwieg. Er verglich den schmiegsamen Frauenkörper mit der massiven Figur des Mannes, ihren unumschränkten Geist mit seiner schwerfälligen Hartnäckigkeit. »Das — zu ändern liegt doch wohl in Ihrer Hand,« meinte er endlich.
»Wie einfach das klingt. Man opfert seine schönsten Jahre und darf wieder abtreten. Um Gouvernante zu werden oder dergleichen. Jedenfalls um von der Hand in den Mund zu leben. Denken Sie, dazu reichen meine Illusionen nicht aus. Ich brauche den Rahmen, den ich habe. Wie jeder vernünftige Mensch es tut. Oder können Sie sich die Frau, die Sie vor sich haben, im abgetragenen Wollkleidchen bei Hammelfleisch und Bohnen vorstellen? Nein, ich betrüge mich nicht. Und Herr Doktor Joseph Otten hätte nicht sein Auge auf mich gerichtet.«
»Habe ich das —?«
»Wie ich mich auf diesen Abend freute. Endlich ein Mensch, der für das tägliche Dutzend entschädigte. Mit dem man sich ungesehen in eine andere Welt schwingen könnte, um diese blöde Menge auszulachen. Und nun kommt dies Philistertum mit seinen komischen Weltmannsallüren. Was wissen die von unserer Welt ...?«
»Leiden Sie denn wirklich unter diesen Menschen?«
Die Pause dehnte sich. Frau Amely blickte zur Decke. Und unvermittelt sagte sie: »Haben Sie sich in Gedanken oft mit mir beschäftigt? Ich will von Ihnen kein Kompliment.«
»Sehr oft, gnädige Frau.«
»Mit der gnädigen Frau oder mit mir?«
»Darüber verweigere ich die Auskunft.«
»Weshalb?«
»Ich pflege nicht von Dingen zu sprechen, die nicht Taten wurden. Und dann — noch viel weniger.«
Ihre Augen waren noch immer groß zur Decke gerichtet. »Nur eins. Die Frage wäre absurd, wenn andere als wir sie aus einer Hand in die andere gäben. Wir tun das in unserer Welt. Haben Sie mich — in Gedanken — einmal geküßt?«
»Die Frau, die ich küsse, gehört mir.«
»Ah — —,« machte sie und beugte sich vornüber. »Da spricht ein Mensch meine Sprache.«
»Pardon, die meine.«
»Bauen Sie doch keine alten Grenzpalisaden auf. Es kleidet Sie nicht. Was Sie dürfen, darf ich auch.«
Er schloß halb die Augen. Dann griff er nach seinem Sektglas und trank es aus. »Spielerei, aber hübsch.«
Sie erhob sich und schenkte ein. Er spürte ihre Lippen. »Still!« sagte sie. »Damit Sie wissen, wem Sie gehören.«
Unwillkürlich hatte er nach ihrer Schulter gegriffen. Jetzt sank seine Hand nieder. Mit blitzenden Augen schaute er sie an. »Nimm dich in acht.«
»Nein!« sagte sie, und sie hörten, wie ihre Herzen schwer und laut schlugen.
Dann saß sie in ihrem Stuhl, die Fußspitzen gekreuzt, und es war wie vorher. Nur sie selber waren andere. Als ob ein Nebelschleier zwischen ihnen zerflattert wäre und sie sähen sich jetzt erst ganz, so musterten sie erstaunt ihre Züge, ihre Gestalten.
»Ich will Ihr Freund sein, Amely.«
»Seien Sie nicht zu streng — —«
»Ich habe die Leitung. Nur so! Es sitzen drei im Wagen.«
Der Fabrikant steckte den Kopf durch die Tür. »Sie kommen!« rief er ins Zimmer. »Nur den Terbroich muß ich noch anklingeln. Er hat eine kirchliche Sitzung. Einen Augenblick noch.«
Joseph Otten nahm sein Glas, und lächelnd hob er es auf. »Gilt es so?«
Er trank, und sie legte ihm die Hand auf den Arm. »Gilt es nicht?« fragte er.
Sie nickte nur, nahm ihm das Glas aus der Hand und trank es leer. Und schweigend gab sie es ihm zurück. Wenige Sekunden hielt er ihre Finger in seiner Hand. »Das war ja ein Brüderschaftstrinken — —?«
Mit dem Abendzug langten die Gäste an. Ein halbes Dutzend Herren der Kölner Fabrikantenkreise. Aus der Haft der Kontore entflohen, brachten sie eine Laune mit, daß die Halle von ihren gewaltigen Stimmen erdröhnte.
»Ein Abend, nur unter uns Mädchen!« rief Terbroich und kniff die Augen. »Wir nehmen dem Joseph die Beichte ab, zu Nutz und Frommen.«
Frau Amely blieb nur zu Tisch. Spöttisch gingen ihre Blicke in der Runde. Otten saß neben ihr. »Was belustigt Sie?«
»Daß man Ihnen die Beichte abnehmen will, lieber Freund. Ich stellte mir vor, Sie stünden auf und redeten diesen lüsternen Männlein frisch von der Leber von Ihrem großen, freien Leben. Tun Sie es nicht. Sie bliesen in sieben Gehirnlein wie in leere Eierschalen. Aber wenn Sie sie anlügen, in der Art, als ob Sie im Grunde genau wie jene wären und verstellten sich zuzeiten nur aus Abenteuerlust — o, man wird in Ihnen einen Gott sehen und Sie als Kölner feiern.«
»Die Tafel ist zu Ende. Gehen Sie jetzt auf Ihr Zimmer, gnädige Frau. Oder ich bin zum Erzählen — zu eitel.«
Sie wandte den Kopf nach ihm und sah ihn fest an. Dann hob sie die Tafel auf.
Lüttgen verschwand sofort in der Küche, um die Spitzen der Maikräuter selbst in die Bowle zu tauchen. Die Herren drängten auf die Veranda und setzten die Zigarren in Brand. Otten gab der Hausfrau das Geleit bis zur Treppe.
»Gute Nacht,« sagte sie und wartete.
Er schüttelte den Kopf und zog sie in den Arm, wie man ein Kind in den Arm zieht. Seine Hand lag eine Sekunde lang auf ihrem Herzen. Aber er küßte sie nicht.
»Bring dies unruhige Herzlein zur Ruhe,« sagte er, und sie huschte hinauf.
Als er zur Gesellschaft zurückkehrte, fühlte er erst, wie ihm das Blut wirbelnd durch die Adern ging.
Mit vollen Lungen sog er die zärtliche Frühlingsluft in sich ein, und während sein Herz ungestüm pochte, blickte er mit einem verlorenen Lächeln in die Weite. — — —
=XII=
Der Morgen dämmerte herauf, als die Gäste die Villa verließen, um den Frühzug nach Köln zu erreichen. Und die volle Sonne strich golden durch die Fenstergardinen, bevor Otten in seinem Zimmer erwachte. Sein Kopf war frei. Die nächtliche Sitzung hatte ihm nichts anhaben können. Die Erlebnisse des letzten Tages standen klar vor ihm.
»Sie ist eine geübte Schachspielerin,« sagte er sich und dachte an Frau Amely. »Erst konstruierte sie das kleine Briefgeheimnis und band mir damit ganz nebenbei die Hände. Und folgerichtig entstand aus dem kleinen Geheimnis ein größeres. Frauen sind die geborenen Vertreter des Schneeballsystems. Ein Nichts wächst unter ihrer Hand zur Lawine. Und wir geraten in Schuld aus purem Kavalierbewußtsein. Jetzt wasch’ ich mir die Augen klar und nehme die Zügel. Auf, Joseph!«
Auf der Terrasse wurde er mit Neckereien bewillkommnet. Frau Amely saß in einer luftigen Batistmatinee am Frühstückstisch. »Wir sind hier auf dem Lande, Herr Doktor, da haben die ländlichen Gewohnheiten Geltungsrecht. Im übrigen betrachte ich Sie als bereits zum Inventar gehörig. Nehmen Sie Tee?«
»Ich rate dir vorher zu einem Kognak,« meinte Lüttgen und rieb sich die Stirn. »Meine Großmutter pflegte zu sagen: Das Hündchen, das uns in der Nacht gebissen hat, muß uns auch zuerst am Morgen beißen.«
»Trank denn auch deine Großmutter schon?« fragte Frau Amely gelassen.
»Entschuldigung. Das war nur so eine Sentenz.«
Otten nahm ein Glas Tee. »Man kann doch nur gebissen werden, wenn man wirklich getrunken hat. Aber das war doch nur ein verschämtes Nippen diese Nacht.«
»Dann bekommt das Verschämte eben meiner Natur nicht.«
»Umgekehrt. Deine Natur ist so zart besaitet, daß sie gegen die geringste Verletzung der Ästhetik demonstriert.«
»Gott, meine zarte Natur!« klagte Lüttgen und schlug sich auf die breite Brust.
Frau Amely blickte unter niederfallenden Augenwimpern prüfend von einem zum anderen. »Ich schlage einen Kompromiß vor,« meinte sie und dehnte sich. »Wir nehmen das Segelboot, kreuzen auf dem Rhein bis Nonnenwert, landen später in Königswinter und steigen zum Drachenfels hinauf. Wer frische Luft braucht, kommt auf seine Kosten, und wer alte Träume und Rheinmärchen zu jungem Leben erwecken will, dürfte auch nicht zu kurz kommen. Ich bitte um Abstimmung.«
»Mit Freuden angenommen,« rief Otten, und sie nickte ihm zu.
»Die Kreuzfahrt auf dem Rhein unterschreibe ich unbesehen,« gestand der Hausherr zu, »auch das Landen in Königswinter. Aber der Aufstieg —? Man könnte auch reiten oder fahren.«
»Romantiker,« lachte Otten.
»Kompromiß gegen Kompromiß. Ihr holt mich, wenn ihr euren romantischen Gefühlen genuggetan habt, ganz einfach in Königswinter ab. Ich habe in kühler Laube inzwischen Zeit, sorglich das Programm des Abends zu entwerfen. Denn diese Glut, mit der der Mai eingesetzt hat, muß bekämpft werden.«
»In einer Viertelstunde reisefertig,« entschied Frau Amely, erhob sich und reichte Otten die Hand.
»Ich möchte Sie mitnehmen, wie Sie sind,« sagte er. »Die Schiffer im kleinen Schiffe würden an den Ufern verkünden, wir hätten eine Nixe gefangen.«
»Noch sind Sie auf dem Festlande, Herr Doktor,« rief sie ihm, schon in der Türe, zu. »Nur im Wasser sieht man den Fischschwanz nicht.«
Er blickte auf ihre schlanken Füße und die federnde Fessel. »In der Tat, Lüttgen, der Mai ist verzaubert. Das ist Juliglut.«
»Und dabei trage ich noch ein Öfchen im Kopf. Wie gut, daß ich nicht =cavaliere servente= bin.«
Nach einer Viertelstunde trafen sie auf der Terrasse zusammen. Frau Amely im Sportkostüm, die Mütze ins Haar gesteckt. Otten im leichten Anzug und Kalabreser. Nur Lüttgen erschien, wie er gewesen war.
»Du hast dich nicht umgezogen?« fragte die Hausfrau erstaunt.
»Pech!« stieß der Fabrikant kurz hervor. »Das heißt — es kann auch Glück sein. Es handelt sich um einen bedeutenden Abschluß. Soeben telephoniert mich die Fabrik an. Ich muß schleunigst hin.«
»O — —,« bedauerte Otten, »damit wäre die Fahrt ins Wasser gefallen.«
»Kannst du nicht mit der Abreise bis zum Abend warten?« fragte sie rasch.
»Unmöglich. Es ist ein englisches Lieferungsgeschäft. Unser Vertreter in London kommt allein nicht damit zu Rande.«
»Der Herr Doktor könnte am Abend mit dir nach Köln fahren.« Das klang so selbstverständlich, daß Otten überrascht aufsah. »Natürlich fahre ich mit,« erklärte er ohne Besinnen, »auch auf der Stelle, wenn du schon den Mittagszug benutzen willst. Ist es mir möglich und der verehrten Hausfrau angenehm, kehre ich morgen oder übermorgen mit dir zurück.«
»Das wäre noch schöner,« polterte der Fabrikant. »Wir sind doch keine Babies. Ihr macht ruhig euren Ausflug, und in ein paar Tagen bin ich wieder mit von der Partie.«
»Ob Herrn Doktor Otten mit dieser Verbannung gedient ist? Du verfügst nur so über ihn.«
»Wenn ich ihn jetzt aus den Fingern lasse, bekomme ich ihn in Jahr und Tag nicht wieder zu sehen. Abgemacht, Joseph, du bleibst. Hier draußen in dieser Abgeschiedenheit kümmert sich kein Teufel um den anderen, und deiner Frau will ich gern Grüße die Hülle und Fülle bestellen. Es wird Zeit. Das Boot müßt ihr selbst losmachen. Johann ist mit der Tasche auf den Bahnhof und löst mein Billett. Adieu einstweilen. Glückt das Geschäftchen mit den englischen Vettern, so wollen wir ein Festchen feiern, das sich gewaschen hat.« Er reichte seiner Frau die Hand und schüttelte die des Freundes kräftig. »Jupp, wenn du dein Gesicht sehen könntest! Na, adieu. Auf Wiedersehen!« Er schob den Hut in den Nacken und ging schweren Schrittes durch die Gartenpforte. Sein mächtiger Körper verschwand bei der nächsten Wegbiegung.
»Kommen Sie,« sagte Frau Amely und lief dem Gast voraus durch Garten und Park bis zum stillen Rheinufer. Otten folgte ihr langsam. Als er ankam, hatte sie bereits das Seil losgeworfen und stand, die Segelleine in der Hand, im Kahn. Ohne ein Wort zu sprechen, stieg Otten nach, nahm ihr die Segelleine aus der Hand und wies sie ans Steuer. Das Schifflein glitt leicht durch die plaudernden Wellen. In grünsprossendem Flaum lag die Landschaft, von weißen Kirschblüten, rosigen Apfelblüten weit hinaus bestreut. Kein Laut nah und fern. Und bei einer jähen Krümmung des Stromes hob sich das baumbestandene Eiland Nonnenwert wie eine Insel der Vergessenheit aus den grünen Wassern.
»Du — —,« kam es leise von der Steuerbank.
Otten zog die Leine durch den Ring. Es wehte nur ein geringer Wind. Dann kehrte er sich seiner Begleiterin zu.
»Bitte?« sagte er nur.
»Bin ich plötzlich so verabscheuungswürdig?«
»Darf ich mir die Frage gestatten, weshalb Sie Ihrem Manne die Unwahrheit sagten?«
»Das habe ich nicht getan.«
»Indirekt. Indem Sie ihn durch die Aufforderung, mich mit nach Köln zu nehmen, zu der Meinung veranlaßten, es läge Ihnen nichts an meiner Gesellschaft.«
»Tut es das denn?«
»Wegscherzen läßt sich meine Frage nicht.«
»Nun gut denn. Habe ich so Schlimmes verbrochen? Oder sollte ich eigens darauf hindeuten, daß ich mich auf das Alleinsein mit Ihnen freute? Er hätte Sie mir bestimmt nicht gegönnt, Sie mitgenommen, und ich könnte mir, statt endlich eine Stimme aus meiner Welt zu hören, von Johann oder der Köchin den Klatsch von Godesberg erzählen lassen.«
»Wir geraten immer tiefer in die Heimlichkeiten, Frau Amely, und ohne allen Grund.«
»Nicht philosophieren und nicht moralisieren. Das Boot ist zu leicht, der Rhein zu grün, der Himmel zu blau und die Sonne — ach, diese Sonne! Ich kann nicht genug davon bekommen. Baden möcht’ ich in ihr! Und Ihnen geht es nicht anders.«
Sie hatten Nonnenwert umkreist, und das Boot glitt rheinab, frischen Wind in den Segeln auf Königswinter zu. Sie richtete das Steuer fest, stieg über das Brett und setzte sich zu ihm auf die Segelbank. Ihre Schulter schmiegte sich an die seine, bis sie den Stützpunkt gefunden hatte. Die Hände im Schoß saß sie und rührte sich nicht.
Ein leiser Teergeruch strich aus dem Wasser über sie hin. Aber der feine Fliederduft behauptete sich. Und Otten wandte den Kopf und sah langsam an ihrer Gestalt hinab. Keine Linie, die ihm entging. Von dem schmalen, oft seltsam zuckenden Gesichtchen bis zu den Füßen, die sich unter dem kurzen Rock hervorstreckten und sich spielerisch kreuzten.
»Nixe,« sagte er. »So feingegliedert müssen Nixen sein. Schade, daß Sie so klug sind.«
»Nicht, nicht. In der Sonne und in der Wassereinsamkeit gibt es nicht klug noch töricht — —«
An seine Schulter gelehnt, schlug sie die ruhigen, grauen Augen zu ihm auf. Aber die Wimpern zitterten leise ...
»Piratenrecht,« sagte er, umfaßte ihr Kinn und küßte sie auf den Mund.
Sie hob die Arme, schlang sie um seinen Hals und blieb mit geschlossenen Augen an seiner Brust liegen. Er fühlte die leichte Last ihres Körpers, als ob der gleiche Blutstrom sie beide durchränne. Mit den Fingerspitzen streichelte er ihr bleiches Gesicht.
»Liebe Freundin — —«
»Du — —! Daß du gekommen bist ... Sonst wäre ich gekommen.«
»So ungezähmt?«
»Ja!«
»Ich werde viel mit dir zu schaffen haben.«
»Kampf hält jung! Nur nicht alt werden vor der Zeit. Und wär’s in einer Engelehe.«
»Nur nicht!«
»Hui — Grünspan, Schimmel und Motten. Dafür zum Lohn über dem Bett der gestickte Haussegen.«
»Wie — hast — du — ge—schla—fen — mein lie—ber — Jo—seph.«
»Du — soll—test — dei—ne — Tropf—en — nehmen.«
»Wie — auf—merk—sam.«
Und mit einem Male zog sie seinen Kopf zu sich herab und drängte ihre Lippen gegen die seinen. »Das sind meine Tropfen,« murmelte sie.
»Achtung — Königswinter.«
Sie sprang im Boot auf wie ein junges Mädchen, juchheite und schwenkte die Mütze. Und Otten stand neben ihr, hielt sie umfaßt, schwenkte den Kalabreser und juchheite mit. Menschen aus Stahl und Nerven. —
Sie brachten das Boot in Obhut und stiegen nach kurzer Rast durch die Weingärten den Berg hinan, zur Ruinenwand des Drachenfels. So rüstig schritten sie vorwärts, daß die Unterhaltung stockte und vereinzelte Ausrufe den Inhalt ganzer Sätze zusammenfaßten. Dann strafften sich die Leiber, und die Augen blitzten auf. Ein Aneinanderstreifen der Hände — und weiter ging’s. Oben in der Wirtschaft fanden sie ein paar Wandergesellschaften vor. Der weißbärtige Barde des Drachenfels saß auf einem der Tische, zupfte die Gitarrensaiten und schmetterte mit ausgesungener Stimme seine Rheinwarnungen unter die Pokulierenden, die begeistert Warnung für Antrieb nahmen: »Mein Sohn, mein Sohn, geh nicht an den Rhein, mein Sohn, ich rate dir gut — —«
Otten und Frau Amely schauten von hoher Warte ins Land. Da lagen sie alle zu ihren Füßen, die Städtchen und Orte altberühmten Namens, von der Sage geweiht oder der Dichtung rhein- und weinfroher Sänger, heilige Namen, die man ausspricht mit einer Erregung im Blut. Die Wasserbahn des Rheins glänzte herauf, fern winkten die Inseln. Und im Norden, scharf gezeichnet am Horizont, die steinernen Schwurfinger, die Türme des Domes: Köln.
Ottens Blick haftete lange daran. »Köln — —« sagte er.
Frau Amely folgte seinem Blick. »Bis hierher reicht seine Bannmeile nicht. Dort ist die Finsternis, hier die Freiheit.«
Aber als sie schon am Tische saßen und ihr Mahl einnahmen, sahen sie die Schwurfinger noch vor sich.
»Ich weiß einen besseren Platz für uns, lieber Freund. Einen Platz, der unsere Gedanken wie ein Echo zurückgibt. So still ist er, so weltverloren.«
»Kloster Heisterbach.«
»Ja, Kloster Heisterbach. Sie kennen doch die Legende des Heisterbacher Zisterziensermönches, der es an sich selbst erleben mußte, daß tausend Jahre nur ein Tag sind. Ich möchte auch einmal tausend Jahre in einem Tag genießen.«
Die raunenden Buchenwälder nahmen sie auf. Ein verlorener Wind spielte mit der Sonne gemeinsam in dem zarten Blättergrün. Und es ging durch die Einsamkeit wie tiefe, tiefe Atemzüge.
Frau Amely legte ihre Hand in Ottens Arm. »Ich wollte,« sagte sie, »ich könnte mich fürchten und bei Ihnen Schutz suchen. Aber es ist zu schön dazu.«
»Tun wir also, was der Situation entsprechender ist: freuen wir uns!«
»O — ich tu’s ja schon lange.«
»Hier herum hat Jung-Siegfried das Schwert geschmiedet, um den Lindwurm auf dem Drachenfels zu erlegen.«
»Und mir ist, als ob hier herum noch ein anderer Siegfried durch den Wald schritt, um sein Erlösungswerk fortzusetzen.«
»~Jung~-Siegfried?«
»Siegfried kann nicht altern. Tausend Jahre sind ihm wie ein Tag.«
»Und wenn der Tag zu Ende ist?«
»Sind wir um eine Schönheit reicher, die uns hoch über die Zeitgenossen erhebt. Denn es wandeln nicht viele auf der Erde, deren Hirn die erneute Botschaft zu fassen vermag: Tausend Jahre wie ein Tag gelebt, und wir kommen der Ewigkeit auf die Spur.«
»So will ich der erste sein, der bei der Ewigkeit eine Anleihe macht ...«
Sie ließ es geschehen. »Ich will mich demselben Gläubiger verpflichten.« Und sie küßte ihn wieder.
»Du bist wie ein wilder Junge.«
»Ich weiß mit meiner Kraft nicht aus noch ein. Und wir leben auf Kosten der Ewigkeit.«
»Wir! Wir!«
»Wir, wir, Joseph! Einer muß im andern untergehen und auferstehen.«
»Geh unter,« lachte er und beugte sich über sie.
»Ich will — auferstehen ...«
Der Wind schwieg. Die Sonne lag glänzend auf dem Boden. Und die Atemzüge des Waldes gingen unter in den Atemzügen der beiden Menschen.
Nahe der Klosterruine lagerten sie in einem Buchentälchen. Um sie her war das Zirpen und Tirilieren der Waldvögel, die hier ihr Königreich hatten und der Menschenfremdlinge nicht achteten. Frühlingsblumen sonnten sich im Moos. Warme Wellen küßten sich in der Luft.
»Wie lieb du bist .... Nun geht dein Blut so sanft und ruhig. Und doch kann es in diesem zarten Körper branden wie eine Sündflut.«
»Weil ich das Glück will.«
»Das wollen wir alle. Glücklich machen ist auch Glück. Versuch es.«
»Bei dir?«
»Wenn wir ein besonderes Glück für uns schaffen, müssen wir zunächst alle anderen berechtigten Ansprüche befriedigt haben. Tun wir das nicht, so sind wir keine Ausnahmenaturen, sondern bloße Auskneifer. Verstehst du, was ich meine?«
Sie setzte sich aufrecht, umschlang ihre Knie und sah geradeaus in den sonnigen Wald. Ihre Brauen schoben sich zusammen.
»Will meine Freundin nicht antworten?«
»O ja,« sagte sie, »sie will. Sie will um so mehr, als ihr diese Anrede mißfällt, die ja auch ›mein Freund‹ lauten würde, wenn statt meiner Herr Karl Lüttgen hier säße.«