Chapter 9 of 24 · 3997 words · ~20 min read

Part 9

»Mädel!« rief Otten und nahm sie beim Kopf. »Durchtriebenes Frauenzimmer. Ist das deine Tochter, Joseph Otten?«

Er wiegte sie auf dem Schoß hin und her. Und summte dazu, als gälte es ein Wiegenlied.

»Ich hatt’ einen Kameraden, Einen beßren findst du nit ...«

Frau Maria trat mit der Lampe ins Zimmer. Überrascht schaute sie, vom rötlichen Lichtschein umflutet, von der Schwelle auf das Bild.

»Was treibt ihr beide denn im Dunkeln?«

»Wir erteilen uns Unterricht, Frau. Kannst dran teilnehmen.«

Frau Maria trug die Lampe auf den Tisch und zupfte den Schirm herunter. »Daran teilnehmen? An eurem Unterricht? Ich habe meinen Kopf für euch Feuerköpfe nüchtern zu halten.«

»Wird auch anerkannt, Hausengel. Aber ich muß doch auch meinerseits etwas für die Erziehung meiner Tochter tun.«

Sie suchte im Zimmer ihre Handarbeit und strich im Vorübergehen über sein Haar. Mit der stillen, liebkosenden Gebärde, wie sie Mütter haben. — —

Am nächsten Tag stellte sich, unerwartet, Moritz Lachner ein. Er war aufgeregt und hatte leuchtende Augen.

»Ich wollte gern Herrn und Frau Doktor begrüßen.«

»Erfuhrst du denn schon meine Rückkehr?« meinte Otten verwundert.

»Gestern abend. Durch Herrn Gülich.«

»Durch Herrn Gülich? Wer ist das doch gleich? Ah so, der Klaus, natürlich. Nimm Platz, mein Junge, es ist hübsch von dir, daß du an mich denkst. Aber brauchst du denn heute nachmittag nicht zur Schule?«

»Ich habe heute morgen — mein Abiturientenexamen bestanden. Vom mündlichen dispensiert.«

»Alle Wetter! Hand her! Meinen Glückwunsch, Moritz. Heute morgen? Und kommst gleich hergelaufen? Anhängliche Seele du, nimm Platz.«

Auch Frau Maria gratulierte herzlich. »Und wohin soll es nun gehen, Moritz?«

»Nach Bonn, Frau Doktor.«

»Nach Bonn — —,« wiederholte Otten. Und noch einmal leiser: »nach Bonn — —. Junge, Junge, wie sich das ausspricht. Was das für musikalische Worte sind. Die ganze Stube ist plötzlich wie mit Maienluft gefüllt. Ich seh’ den Alten Zoll, und ich selber lehne oben an der Mauer, ein Dutzend bunte Mützen um mich her, und wir singen den Vater Rhein an und das Siebengebirge in seiner versunkenen Romantik, und kein Mensch wüßte zu sagen, sind wir voll der süßen Jugend oder des süßen Weines. Das ist ja eins, das ist ja einerlei! Wichtiger ist, daß noch immer die Linden duften ›beim Ännchen‹ zu Godesberg, Lindenwirtin du junge! Moritz, das ist mir im Leben noch nicht vorgekommen: heute beneide ich einen Menschen.«

»Ich will Geschichte studieren, Herr Doktor.«

»Gut, daß du Vorsätze hast. Aber ~was~ du studierst, ist einstweilen schnuppe. ~Daß~ du studierst, ~daß~ du! Und daß du in Bonn studierst.«

»Nun freue ich mich erst wirklich, Herr Doktor. Mit Ihnen hätt’ ich in Bonn studieren mögen.«

»Wünsch dir das nicht, mein Junge. Nur der winkende Tag hat seinen Wert. Du wärst heute höchstens wie ich — um ein Menschenalter unvernünftiger.«

»Nein, Herr Doktor, statt des winkenden Tags hätte ich die Fülle der Tage. Sie haben sie in Besitz genommen.«

»Komm ins Freie. Wir wollen einen Bummel machen. Es ist noch zu früh, um einen Trunk zu tun, aber wir werden irgendwo nachher den =mulus= begießen.«

»Wollen Sie Carmen von mir grüßen, Frau Doktor?«

»Gern, Moritz. Auf Wiedersehen.«

Das Straßenleben lenkte Otten ab. »Doch ein famoses Nest, unser Köln. Ich lieb’ es, wenn die Gegensätze aufeinanderstoßen. Das hält das Blut in Fluß. Diese göttliche Lebensfreude und dazu diese ewige Himmelsbereitschaft. Da läuft schon wieder ein Trüppchen in die Kirche. Besser ist besser.«

»Jetzt ist doch keine Messe,« sagte Moritz Lachner und zog die Uhr.

»Keine Messe? Ist es noch nicht so weit? Übrigens: seit wann interessierst du dich für den Katholizismus?«

»Ich interessiere mich für jedes Glaubensbekenntnis. Ich soll doch mit den anderen leben.«

»Hör mal, Moritz, das war ein gescheites Wort. Wer mit seinem Nächsten als Bruder leben will, sollte vor allem den Herrgott seines Bruders kennen lernen, und er hat den Faden zu seiner Seele. Aber in der Beziehung steckt unsere hochgepriesene moderne Zeit noch immer im dicksten Mittelalter, und die Schule hüllt sich in heimtückisches Schweigen. Ist das nicht ein klägliches Zeichen? Unsere gebildeten Schüler lernen den Kultus von Isis und Osiris und die Molochsgebräuche auswendig, daß sie sie des Nachts wie ihr eigen Vaterunser aufsagen können. Aber der junge Katholik weiß vom Protestanten nicht viel mehr, als daß er ein Ketzer ist, und Wesen und Gebräuche der katholischen Kirche bleiben dem jungen Protestanten unheimliche Rätsel. Mit den Jahren wird das Brett vor dem Kopf noch etwas dicker. Von der jüdischen Religion will ich gar nicht sprechen. Wenn nur der zehnte Teil von dem wahr wäre, was über euren armen Talmud gelogen wird, müßtet ihr wie die Katzen in den Rhein. Heilige Mystik! Den Menschen soll’s gruseln, damit er bei der Stange bleibt. Und unser Griechenhimmel ist dennoch voll von Göttern!«

Moritz Lachner schritt, ein glückliches Leuchten in den Augen, neben dem Idol seiner Kindheit her. Daß es auch das Idol seiner Jünglingsjahre bleiben würde, das spürte er in dieser Stunde. So frei werden, so warmherzig in der Freiheit! Wie er ihn liebte! — — —

»Was spintisierst du, Moritz? Deine Gedanken flattern wohl um Bonn?«

Hastig wehrte der junge Mann ab. »Ich dachte nur daran, ob sich das, was Sie mir soeben erschlossen, nicht zur Grundlage einer — einer Kulturgeschichte machen ließe.«

»Mir scheint es wirklich,« meinte Otten, »als ob ein Jude noch am ehesten berufen wäre, eine europäische Kulturgeschichte objektiv zu schreiben. Er ist an den Kämpfen der herrschenden Parteien am wenigsten beteiligt gewesen, ihm konnte es zuletzt gleich sein, ob Doktor Luther oder Doktor Eck recht behalten würde, ihm kann es — die Vornehmheit seiner Gesinnung vorausgesetzt — nur darauf ankommen, zu bestimmen: welche Aufgaben sind gelöst, welche Lösungen sind verhindert worden? Das Resultat aber zeigt den Weg, den wir gehen müssen.«

»Dann müßte die geistliche Verfolgungssucht zuerst aus der Kultur ausgeschaltet werden.«

»Verfolgungssucht in religiösen Dingen schafft immer Unfreiheit, niedere Instinkte. Ein Glaube, der jeden anderen wütend ausschließt, muß in sich selbst zum Aberglauben werden, genau wie ein Geschlecht, das immer nur unter sich heiratet, entartet.«

»Das werde ich bei meinen Arbeiten nicht vergessen, Herr Doktor.«

»Schau dir Köln an, wie es vor hundert Jahren, wie es zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts aussah. Das ist ein Schulbeispiel. Nur durch die Unduldsamkeit seiner geistlichen Behörden war es zu einem schmutzigen, finsteren Nest herabgesunken, das kaum vierzigtausend Menschen beherbergte. Und was für Menschen. Das ist der springende Punkt. Die Hälfte, an die zwanzigtausend, Pöbel, die Miliz der Orden. Und als Gardetruppe darunter fünftausend Bettler, fünftausend Tagediebe, eine Bedrohung jeder Intelligenz, als Gilde anerkannt, nur auf Müßiggang verpflichtet und Drangsalierung anständiger Bürger, denen sie zum Mittagessen in die Häuser rückten ›von Gottes wegen‹! Und diese vertierte Gesellschaft durfte selbst ihre Plätze an den Kirchentüren erblich hinterlassen oder als Heiratsgut ihrer Töchter in Anrechnung bringen! Erst als die französische Revolution den dumpfen Aberglauben aus den Gassen hinausfegte, als auch die Vernunft als ein göttliches Teil anerkannt wurde und Ehrfurcht forderte, schien die Sonne aufs neue über Köln, und es kam ein Frühlingsdrängen, ein Frühlingswunder über die Stadt, daß sie binnen kurzem eine Größe, Schönheit und Bedeutung erlangte, wie es ihr in solchem Maße selbst in ihren geschichtlichen Glanztagen nicht beschieden gewesen war. Der Bürger gab dem Bürger die Hand aus gemeinsamem Bürgersinn! Aus gemeinsamem Kulturinteresse! Und diese Art Religionsübung ist dem Herrgott immer die wohlgefälligste. Wir sehen’s am Segen.«

»Ich danke Ihnen, Herr Doktor!«

»Keine Ursache. Aber wir wollen von was anderm reden.«

»Ich könnte noch lange zuhören.«

»Lieber Moritz, ich will deinem Professor in Bonn nicht vorgreifen. Der Mann wird für seine Leistung bezahlt.«

»Dann werde ich Sie als meinen Gläubiger eintragen, Herr Doktor.«

Sie waren aus der Stadt herausgekommen und spazierten im Bayental das Rheinufer entlang. Die graugrünen Wasser zogen fast lautlos an ihnen vorbei.

»Weißt du, weshalb sie so still sind, Moritz? Weil sie von Bonn kommen.«

»O nein, Herr Doktor.«

»Bau auf die Erfahrung. Bonn ist die letzte Etappe ihrer ungeteilten Jugendseligkeit. Von dort dienen sie nur noch dem Alltag, und in Holland verrinnen sie im Sande.«

»Auch der Niederrhein hat jedes Jahr seinen Frühling, Herr Doktor. Und man empfindet ihn noch viel stärker als in gesegneteren Ländern.«

»Ich bin hier, um es abzuwarten. Wenn’s nur kein Altweibersommer wird.«

»Schauen Sie,« sagte Moritz Lachner, »dort hinaus liegt Bonn.«

Otten klopfte dem jungen Begleiter die Schulter. »Hast recht. Dort liegt Bonn. Für dich. Aber die Wasser, die einmal ins Strömen gekommen sind, fließen nicht mehr den Berg hinauf. Und es ist doch ein ganz verdammtes Gefühl, zu denken, sie fließen in die Niederlande, um alldort im Sande zu verrinnen.«

»Aber die Straße bleibt, die sie durchzogen haben. Von der Quelle bis zur Mündung. Und alle die Stationen.«

Joseph Otten blieb stehen. »Das hat dir ein guter Geist eingegeben. Mich faßt in diesem grauen Heimatland, über dem schon die holländischen Nebel liegen, immer diese seltsame Melancholie, die nichts ist als Sehnsucht nach der Farbe. Und ich brauch’ mich doch nur umzuschauen und sehe die Spur meiner Erdentage in allen Regenbogenfarben schimmern. Das ist sehr lehrsam. Denn man merkt, daß es auch Regentage geben muß, um am Regenbogen zu erkennen, wieviel Sonne dahinter liegt. Es mag undankbar erscheinen, aber am liebsten pfiff’ ich auf diese Erkenntnis und stände dahinten, wo die Sonne scheint. Auf die Gefahr hin, ewig unwissend zu bleiben. Na, werden wir klug!«

»Dort kommt ein Nachen.«

»Und junge Menschen darin. Jung sein heißt mit der Welt Fangball spielen wie mit dem eigenen Kindskopf. Einmal sitzt einem die Welt auf den Schultern, hupla, gleich wieder der Kindskopf. Komm, Moritz, es ist nach diesem philosophischen Nachmittag höchste Zeit, daß wir das auch wieder üben. Du bist mir überhaupt für deine Jahre viel zu alt, und ich fühle zu meinem Schrecken, daß das ansteckend wirkt. Apage, Satana, wir wollen auf Bonn anstoßen.«

Er faßte den jungen Mann freundschaftlich unter den Arm. »In die nächste Herberge.«

»Herr Doktor, ich glaube —«

»Laß mich endlich mit deinem Glaubensbekenntnis zufrieden. Wenn ich zum Weine gehe, verlangt mein irdisches Teil sein Recht. Fangball, Moritz, die Übung beginnt.«

»Und es ist doch Carmen, Herr Doktor!«

»Wer — —?«

»Carmen und Laurenz Terbroich. Dort legen sie an.«

»In — der — Tat. Wollen hier in der Wildnis spazierengehen. Das Fräulein mit der Schulmappe, und der Herr Lehrling mit dem Schreibärmel. Fern der mißgünstigen Welt. Das ist rührend fürsorglich.«

Die beiden Ankömmlinge hatten unterdes den Nachen an einem Pflock befestigt und wandten sich der Landstraße zu.

»Heda, Carmen, auf ein Wort!«

Das Mädchen fuhr zusammen. Einen Moment nur. Dann reckte es sich in den Schultern und winkte dem Vater zu.

»Da bist du ja, Vater!«

»Bitte näherzutreten. Herr Terbroich darf sich anschließen. So, so ... Guten Tag. Wie ich aus deinem Anruf entnehme, habt ihr mich ganz gewiß gesucht?«

»Laurenz traf mich, als ich aus der Schule kam. Er war gerade zur Post gewesen. Und am Hafen —«

»Liegt der auf dem Nachhauseweg?«

»Nein, aber am Hafen trafen wir doch den alten Klaus, der uns sagte, du wärst mit Moritz spazieren.«

»Eiserne Logik. Sei’s drum. Und nun drängte euch euer kindliches Empfinden, dem Klaus den Nachen abzubetteln und auf gut Glück hierher zu rudern, weil ihr mich in der Einöde am ehesten vermutetet.«

»Jawohl, Herr Doktor.«

»Herr Terbroich,« meinte Otten ironisch, »ich hätte an Ihrer Stelle einen besseren Zeitpunkt zur Antwort abgewartet. Schön lügen ist eine Kunst. Ich lass’ sie gelten. Aber plump lügen ist eine Beleidigung.«

»Laurenz lügt nie, Vater.«

»Umso schlimmer, wenn er es dir überläßt. Still! Tapferkeit ist lobenswert, Tollkühnheit eine Dummheit. Und gestern erst schienst du mir ein ganz kluges Mädel zu sein.«

»Ach, Vater,« schmeichelte sie, »war das gestern abend schön.«

»Da hört doch die Weltgeschichte auf. Du wärest im stande, hier eine Wiederholung zu befürworten.«

»Du, Vater, sei doch nicht böse. Um solch eine Kleinigkeit brauchst du doch nicht gleich den alten König zu spielen, der einem die Hand aufs Herz legt. Da gibt’s doch ganz andere Sachen.«

»Das wird ja immer hübscher. Darf ich ergebenst fragen, was das für Sachen sind?«

»Ja,« sagte sie, warf den Kopf zurück und blinzelte den Vater an, »das kann ich doch noch nicht wissen. Mönche und kleine Mädchen sollen nicht vorwitzig sein.«

Joseph Otten strich sich mit der Hand über das Gesicht, um seine Würde zu bewahren. »Mir scheint, mir soll da ein Butt mit Ohren und Schnüßchen serviert werden.«

»Ein Butt, nur ein Butt!« rief Carmen lachend und hängte sich an des Vaters Hals. Mit Mühe erwehrte er sich ihrer stürmischen Liebkosungen. Aber die ernste Miene war unrettbar dahin. »Viel Talent zum Kindererziehen ist nach dieser Probe nicht zu konstatieren,« sagte er sich seufzend.

»Nimmst du mich mit, Vater? Wohin geht ihr?«

»Herr Doktor,« bat Moritz Lachner.

»Hast du Vorschläge zu machen? Ich höre.«

»Mein Vater würde sich sehr freuen, Herr Doktor, wenn Sie — meines Examens wegen —« Er stockte.

»Ein Glas Wein bei euch? Abgemacht. Du hast es verdient.«

»Und Laurenz?« fragte das Mädchen schnell.

»Ich verzichte auf die Simon Lachnersche Gastfreundschaft,« warf der junge Kaufmann hochmütig hin.

Joseph Otten runzelte die Brauen. Aber er ging über die Ungezogenheit hinweg. »Der junge Herr Terbroich,« meinte er gelassen, »kann leider an unserem festlichen Symposion nicht teilnehmen, da er sich des ehrenvollen Auftrags zu entledigen hat, den Nachen zurückzubringen. Da er nur einer schönen Regung folgte, als er der Tochter den Vater suchen half, so wollen wir seine Uneigennützigkeit einen ganzen Sieg erstreiten lassen. Adieu, Herr Terbroich.«

»Lauf,« rief Carmen und gab ihm einen lustigen Schlag, »du hast dich blamiert.« Ohne weiteres hängte sie sich in des Vaters Arm. »Nehmen wir am Severinstor eine Droschke?«

»Ich werde einen Einzug unter Trompetengeschmetter mit dir veranstalten. Wünschest du nicht auch noch eine öffentliche Belobigung?«

Carmen hängte sich fester in seinen Arm, hielt mit ihm Schritt und summte vor sich hin. Otten betrachtete sie verstohlen. Und am Severinstor winkte er einer offenen Droschke. »Obenmarspforten. Lachner.«

»Zum Jud Simon, ich verstonn, Här.«

Carmen tirilierte vor Vergnügen, und Moritz stieg mit rotem Kopf in den Wagen.

Der Doktor wurde in vielen Straßen erkannt und begrüßt. Oft kreuzte eine Equipage den Weg ihrer Droschke. Dann sah Carmen ihren Vater an, ihren schönen, stolzen Vater, der jeden Gruß mit der gleichen Liebenswürdigkeit, der gleichen Ritterlichkeit entgegennahm, und sie lehnte sich graziöser noch in ihre Wagenecke, mit heißen Wangen und dunkel leuchtenden Augen. Und wieder zwang es Otten, verstohlen sein Kind zu betrachten. Trotz allem: sie machte ihm Freude ....

Moritz Lachner hockte ihnen auf dem Sitzbrettchen beklommen gegenüber. Er kam sich vor, als ob er sich in die vielen Grüße heimlich mit eingeschlichen hätte. Den Eindruck aber mochte er am wenigsten erwecken, und so starrte er krampfhaft auf seine Knie.

»Na, Moritz? Junger Musensohn! Kopf hoch! Dir gehört die Welt!«

Da blickte er auf, mit großen, dankbaren Augen. Und von nun an ließ er ruhig die Blicke wandern, erwiderte die Grüße, die Otten galten, durch ruhiges Hutabnehmen und fühlte sich zugehörig. So kamen sie in die Obenmarspforte.

Der kleine, graubärtige Simon Lachner wischte wieder und wieder mit den Händen an seinem speckigen Rock, bevor er sie den Gästen zur Begrüßung reichte. »Große Ehre, Herr Doktor, große Ehre. Ich weiß, daß sie meinem Sohn gilt. Aber lassen Sie mir die Vaterfreude.«

»Verehrter Herr Lachner, Ihr Sohn ist ein ganz prächtiger Kerl. Das mußte ich Ihnen sagen. Deshalb komm’ ich.«

»Auch wenn der Herr Doktor nicht sich herbemüht hätte, wär’ für mich der Moritz ein prächtiger Sohn gewesen. Aber daß der Herr Doktor es besonders betont, das tut mir sehr gut, Herr Doktor. Und nun ist das Fräulein schon eine Dame und doch noch die Freundin meines Moritz. Bitte, diese Stiege hinauf. Sie ist eng, aber das Glück sieht nicht auf enge oder breite Stiegen. Heute kommt’s in mein Haus. Bitte, die Tür rechts. Da wären wir. Seien Sie willkommen in meinem Haus.«

Sie saßen sich am Tische gegenüber. Der Alte hatte sein Mützchen vom Scheitel genommen, drehte es in den Händen und sah einen nach dem andern strahlend an.

»Herr Lachner, ich hätte Ihnen einen Vorschlag zu machen.«

»Die Vorschläge des Herrn Doktor sind immer gut.«

»Wie wäre es, wenn wir auf den glorreichen Abiturienten ein Trankopfer —«

»Ist das Ihr Ernst? Sie würden ein bescheidenes Glas Wein mit uns teilen?«

»Sagen wir eine Flasche. Und auf die Bescheidenheit lege ich weniger Wert.«

»Ich habe einen Italiener, ein Festweinchen, Herr Doktor. Durch einen Geschäftsfreund in Toskana. Extra für den heutigen Tag bezogen, an dem der Moritz mir die Freude mit dem feinen Examen bereiten würde. Der Herr Doktor sind ja Kenner. Nein, ich hole ihn, Moritz. Du bist heute der Gefeierte, mit Ihrer Erlaubnis, Herr Doktor, und der Erlaubnis von Fräulein Carmen. Ohne der Gastfreundschaft Abbruch zu tun.«

Er stieg eilig in den Keller und kehrte mit einer großen, strohumwundenen Flasche zurück. Aus einem alten Kredenzschrank suchte er Gläser hervor. »Es ist seltenes Kristall. Venezianer Arbeit. Aber auch der Tag ist selten, der solche Gäste bringt, und selten —« Er schenkte ein und murmelte das letzte in den Bart.

»Sie dürfen es laut sagen, Herr Lachner. Und selten ein wackerer Sohn. Aber die Väter geben die Beispiele. Und deshalb bringen wir das erste Glas auf den Vater unseres jungen Freundes Moritz. Herr Simon Lachner lebe hoch!«

»Gott, Herr Doktor, Gott, Herr Doktor — —«

»Und nun schenke ich selber ein. Her mit dem Kristall aus Venedig. In kristallklarer Schale edles Traubenblut. Das sei das Wahrzeichen für den, der auszieht, ein Mann zu werden. Und wenn die Schale einmal anläuft, der Wein darf’s nicht entgelten. Der Schale können wir den alten Glanz geben, einem getrübten Wein nie wieder sein göttliches Feuer. Und wenn es um dich her Schloßen hagelt, laß dir kein Wasser in den Wein deiner Begeisterung gießen, mein Junge. Die Begeisterung ist das halbe Leben, und die andere Hälfte ist die Kraft, die sie erhält. Beides wünsche ich dir. Bewahr es dir als dein unantastbares Reservatrecht, und die Jugend höret nimmer auf. Prost, Student!«

Moritz Lachner stand und atmete schwer. Dann leerte er sein Glas bis auf die Nagelprobe.

In kleinen Zügen trank der Alte seinen Wein. Das Schlucken wollte nicht recht.

Carmen schmiegte sich an den Vater. »Du!« stieß sie hervor und preßte seinen Arm.

»Wilde,« und er lachte dem heißblütigen Geschöpf vaterstolz in die Augen, »such dir ein ander Vorbild.«

»Nie!« — —

»Es ist italienisch Blut in den Kölnern, Herr Historiker,« sagte Otten, »das muß ertragen werden.«

Draußen senkte sich der Abend. Feuchte Nebel aus den Niederlanden schwebten über der Stadt. Die Väter und ihre Kinder merkten das nicht. Den vier fröhlichen Menschen, die die Gläser klingen ließen, war es, als zöge eine der lauen, gestirnten Nächte Hesperiens auf, die so jung machen, weil ihre Sterne froh machen.

=IX=

Auf den Straßen Kölns herrschte schon Karnevalsvorfreude. Sie drang aus den Häusern heraus, in denen Frauen und Mädchen geheimnisvoll in Flitterzeug hantierten, um mit Zuhilfenahme vieler Phantasie echte Zigeunerinnengewänder und Prunkbeinkleider orientalischer Haremsfrauen erstehen zu lassen, während die Hausväter angestrengt an ihrem Arbeitstisch saßen, um hinter verschlossenen Türen für die nächste Narrensitzung ihres Vereins einen humoristischen Vortrag gegen die Stadtverwaltung auszuklügeln. Die Kinder tobten mit papiernen Geckenkappen auf den Treppen, rannten auf die Straßen und zogen untergefaßt in langen Reihen über die Trottoirs.

»Fastelowend kütt eran, Spille mer op der Büsse, Alle Mädcher kriegen ’ne Mann, Ich un och min Söster!«

Die ganze Stadt war von dem alten Karnevalsliedchen erfüllt. Die Kleinen sangen es laut, und die Großen, die ihre Stimmen noch für die Fastnachtstage schonten, summten es wenigstens mit, um sich die Melodie wieder geläufig zu machen. Im Anzeigenteil der Zeitungen prangten süße Vertröstungen, der Postassistent, der die postlagernden Sendungen zu sortieren und auszugeben hatte, arbeitete mit Verstärkung, der Humor hob kecker sein Haupt, und Witzworte flogen, schlagfertig pariert, über die Straße her und hin. Abends, wenn die Läden geschlossen wurden, blieben die Mädels länger als sonst an den Ecken stehen und flüsterten miteinander.

»Als was gehst du?«

»Ich maachen mich ne Donna Elvira.«

»Ich maach ner Matros.«

»Puh enä. Da moßte ja en Botz anduhen.«

»Duhst du kein’ an?«

»Willste stell sinn, du nixnotzig Ding?«

»Wat denn? Nachher kriegst du akkerat su en Aschekrützcher op der Stirn als ich.« —

In den Hinterzimmern der Bierlokale saßen die »Gecke« Kopf an Kopf, vom Elferrat zu drastischen Herrenabenden oder Gala-Damenabenden einberufen. In diesen Narrensitzungen wurden die neuesten Karnevalslieder approbiert, und ein Witz galt als ein Witz, unbeschadet seiner Saftigkeit. Die vornehmeren Häuser zeigten erleuchtete Fensterreihen. Die Privatmaskenbälle standen in Flor, und kostümierte Damen und Herren huschten schnellfüßig aus den Wagen ins rettende Portal, um sich dem bewundernden »Hah!« der Straßenjungen und eingehenden Ehrenbezeigungen zu entziehen. Walzerklänge drangen ins Freie, und die Vorübergehenden blieben stehen, deuteten nach den Schatten, die hinter den Vorhängen einen Geistertanz aufzuführen schienen, lustige Brüder riskierten eine groteske Imitation, und Mütter ließen ihre Kinder auf den Armen hopsen.

Köln bereitete sich darauf vor, närrisch zu werden. —

Joseph Otten war in diesen Tagen viel unterwegs. Er schlenderte durch die Straßen, mischte sich unter das Volk und ließ die Spannung, die in der Luft lag, auf sich wirken. Er liebte den Fasching, und er behauptete, er liebe ihn als Menschenfreund. »Es ist die einzige Zeit im Jahre,« erklärte er lachend Frau Maria, »in der sich die Menschen vernünftig, das heißt ihrer innersten Veranlagung gemäß, betragen. Wenn sie brüllen, tun sie es nicht, weil sie es an diesem Tage dürfen, sondern weil sie es an anderen Tagen ~nicht~ dürfen. Und wenn die Moral wackelt, so zeigt sie nur damit, auf welch schlechten Füßen sie das Jahr hindurch gestanden hat. Außerdem ist mir das alles persönlich eine Beruhigung.«

»Joseph!« antwortete Frau Maria.

Er nahm sie in den Arm. »Und dir sollte es auch eine sein. Wenn ich das ganze Jahr hindurch mehr oder minder an den Maskenscherzen im Leben teilnehme, so müßte sich diese Frau hier, wenn sie klug wäre, sagen: Der Unterschied zwischen dem anderen Volk und dem Joseph ist nur der, daß der Joseph ~niemals~ aus seinem Herzen eine Mördergrube macht.«

»Ich ~bin~ eine kluge Frau.«

»Weiß ich,« sagte er, strich ihr ein Haarsträhnchen aus der Stirn und küßte sie auf die Augen.

Der Briefträger brachte die Post, und Frau Maria ließ den Gatten allein. Der Konzertagent schrieb wegen einer englischen Tournee. Otten steckte das Schreiben ein. »Werd’ ich mir wohl noch überlegen dürfen.« Dann griff er nach dem zweiten Brief. »Ein Stadtbrief? Unbekannte Handschrift?« Er drehte das schmale Kuvert ein paarmal zwischen den Fingern, riß es auf und zog eine lithographierte Karte heraus.

»Herr und Frau Karl Lüttgen geben sich die Ehre, Herrn Doktor Joseph Otten auf nächsten Mittwochabend zu einer kleinen Tanzfestlichkeit einzuladen. Bitte, Kostüm.«

Er blickte über die Karte hinweg ins Weite. Um seinen Mund zuckte es kurz. »Sieh da — die gnädigste Frau Lüttgen ... So schnell eine Kommandierung ... Bedaure.«

Er nahm eine Visitenkarte und füllte sie mit einer Zeile aus.

»Dr. Joseph Otten — bedauert, der freundlichen Einladung auf Mittwochabend nicht Folge leisten zu können.«

Er kuvertierte und schrieb die Adresse. »Herrn Fabrikbesitzer Karl Lüttgen und Frau Gemahlin.«

»Erstens,« sagte er sich, als er den Brief in den Kasten steckte, »ladet man mich nicht wenige Tage vorher durch eine übriggebliebene Drucksache ein, als ob ich mit beiden Händen danach greifen würde. Zweitens: eine schöne Frau, die nur Malicen zu vergeben hat, das ist Destillation auf trockenem Wege. Scheußlich.« —

Am Abend brachte ein Dienstmann ein Briefchen. »Ich kriegen Antwort, Herr Doktor.« Otten sah nach der Unterschrift. »Karl Lüttgen.« Er zuckte die Achsel. »Solche Zähigkeit.« Dann las er:

»Lieber Joseph! Du würdest mir eine große Freude bereiten, wenn Du mir gestattetest, den Abend mit Dir gemeinsam zu verbringen. Wollen wir uns in der Komödienstraße, in der ›Ewigen Lampe‹ treffen? Nur um ein Dir bequem liegendes Rendezvous anzugeben. Von dort können wir weiter. Fürchte kein Attentat wegen Deines Erscheinens respektive Nichterscheinens am Mittwoch. Im Gegenteil. Dein Karl Lüttgen.«

Otten schüttelte den Kopf. »Dieses ›im Gegenteil‹ ist so köstlich, daß es belohnt zu werden verdient.« Er setzte sich hin und schrieb Antwort: »Werde in einer Stunde zur Stelle sein. Ebenfalls sehr erfreut. Dein Otten.«

Er händigte das Billett dem Dienstmann ein, der es sorglich im Innern seiner Mütze unterbrachte.