Chapter 19 of 24 · 3999 words · ~20 min read

Part 19

In den Zimmern brannten lustige Feuer in den Öfen. Heinrich Koch hatte sich die Erlaubnis erbeten, sie allesamt schüren zu dürfen, und er faßte sein Amt auf wie ein Lebenskünstler. Bevor er sich in einem Zimmer dem Ofen zuwandte, stellte er sich ans Fenster und ließ die lang’ entwöhnte Winterlandschaft auf sich wirken. Die kahlen, weißen Flächen verursachten ihm ein angenehmes Gruseln. »Ich bin geborgen,« murmelte er, rieb sich die Hände und begann mit Schaufel und Eisen am Rost zu hantieren, daß alle Öfen rote Bäckchen erhielten. Und auf jede Ofenplatte legte er einen Apfel. Im ganzen Hause brodelte, zischte und duftete es, und der alte Junggeselle hatte seine Freude daran.

»Nun bilde ich mir ein, die Tür ging auf, und die Mutter käm herein.«

»Oder sons en lecker Mädche,« schmunzelte der alte Klaus.

»Und wir wären noch leckere Jungens.«

»Sind wir noch,« sagte der Hausherr und rieb sich den weißen Stoppelbart.

Dann gingen sie ihrer Arbeit nach. Der alte Klaus setzte sich auf der Diele in seinen Lehnstuhl, dicht neben den Ofen, und vertiefte sich in die sonderbare Historie seines großen Ahns, des Rebellen und Manufakturwarenhändlers Nikolaus Gülich zu Köln am Rhein, und Koch gewann Otten für seinen Plan, eine Spezialgeschichte der Römerzeit am Niederrhein zu schreiben.

»Das ist etwas für dich, Joseph. Und auch für mich. Wir müssen in die Heidenzeit hinein, Tatenmänner aufmarschieren lassen, ihren Schöpfungen nachgehen und doch dabei das Gefühl haben, daß der liebe Gott auch damals schon wohlwollend auf seine Kinder sah.«

Otten fing Feuer. Seine historische Schulung, seine Universitätsstudien kamen ihm zu Hilfe. Bücher und Pläne wurden verschrieben, Vergleiche angestellt, die Marschrouten und Lagersiedlungen der Legionen und ihrer germanischen Hilfstruppen festgelegt, und bald konnten sie dazu übergehen, Sonderkarten der einzelnen Bezirke zu entwerfen, die sie im kommenden Frühling gemeinsam durchforschen wollten. Unter der Hand wuchs die Ausgabe, von der Form drangen sie zum Inhalt, von den Siedlungen zu den Siedlern, Zeit und Gewohnheiten schraubten sich zurück, und das stille Land bevölkerte sich mit römischen Kriegern und ubischen Jägern, dunkeläugigen Hauptmannsfrauen und blonden Germanenmädchen. Mitten unter ihnen lustwandelten im grauen Haar Joseph Otten und Heinrich Koch, übten sich in den Gebräuchen, tauschten Grüße aus, ritten zur Jagd oder zum Streit, lasen die Dichter oder saßen mit Römern und Germanen zum Mahle nieder.

In dieser Zeit begann Otten zuerst wieder von seinen Erlebnissen zu sprechen.

Es war Abends, wenn die drei Männer um den Eichentisch der Diele saßen, die große, grünbeschirmte Petroleumlampe brannte, das Feuer im Ofen rumorte und Tringche, die gutmütige Wirtschafterin, nachdem sie den Grogkessel vom Feuer gerückt hatte, lautlos in ihrer Schlafkammer verschwunden war.

»Das war noch ein Frauenmaterial, damals,« begann er und winkte Koch zu. »Mark in den Knochen und das Herz auf dem rechten Fleck. Mütter und Kameraden in eins. Daher waren sie auch heilig.«

»Das ist heute nicht anders geworden, Joseph.«

»Heute? Dann halten sie mit ihren Talenten stark hinter dem Berg.«

»Das wohl nicht, aber die Zeit sieht diese Talente nicht mehr als Talente an. Sie werden von Glücksritterinnen überwuchert, man liebt die stärkeren Sensationen.«

»Ja, die Sensationen — —. Das liegt an Amerika. Amerika ist tonangebend geworden für das alte Europa, und sklavisch, wie wir in der Mehrzahl sind, äffen wir den Yankee-Doodle nach, ganz egal, ob es uns auf den Leib paßt oder nur den Amerikanern. Die Frauen marschieren darin voran. Was die Amerikanerin tut, wie sie sich benimmt, was sie anzieht, es ist =ladylike=. Meinetwegen! Aber unsere Frauen sind ein anderer Schlag und sollten sich daher ihre geistige und körperliche Toilette selber zurechtlegen. Diese ganze Freiheitspassion nach amerikanischem Muster ist für Deutschland ein Humbug. Wo sind unsere anbetungswürdigen Hausfrauen geblieben, die immer noch Zeit für unsere kleinen Sorgen fanden? Donnerwetter. Einer muß sie doch haben, die Zeit.«

Heinrich Koch blickte den Freund durch die Brillengläser forschend an. Otten fühlte den Blick und sah zur Seite. »Ich weiß schon, du meinst, wir wollen sie gar nicht anders haben, weil — nun weil’s mal so Mode ist und man sich lieber einen alten Esel als einen rückständigen Zeitgenossen schelten läßt. Du, Heinrich, und was waren in unserer Jugend die Mädels so süß.«

»Ich hatte als Primaner eine Flamme, der ich das Heiraten versprechen mußte, bevor sie sich küssen ließ. So heilig war ihr der Kuß.«

»Und doch hast du sie sitzen lassen? Mir graut’s vor dir, Heinrich.«

»Ich sagte: Wenn eine — dann dich! Und es wurde keine ....«

»Und sie nahm den Schleier —«

»Den Brautschleier. Sie heiratete einen Bäcker aus der Schildergasse und schenkte ihm fünf Söhne. Zu einem stand ich Pate, denn sie war mein Beichtkind geworden aus alter Anhänglichkeit.«

»Um des Kusses willen .... Ich zählte auch schon sechzehn volle Jahre, als mir das Geheimnis aufging. Sie war ein hübsches, blondes Mädchen, so alt wie ich, also reifer, und ich rannte getreu auf ihrer Spur. Nun, du kanntest sie ja, die Tochter des Ehrenfelder Grubendirektors. Wir liebten uns unsäglich, sagten es uns aber nicht und küßten uns deshalb auch nicht. Aber zuweilen tippten wir uns heimlich mit der Fingerspitze an. Das war ein merkwürdig elektrisierendes Gefühl. Bis ich eines Sonntags zum Besuch dort war, in einer größeren jungen Gesellschaft. Wie deutlich das vor mir steht. Sie trug ein blau und weiß gestreiftes Kleid mit einem breiten Matrosenkragen. Natürlich spielten wir Pfänder, und ich mußte mit ihr ›polnisch betteln‹ gehen. Für meinen Mann ein Stück Brot, für meine Frau einen Kuß. Für meinen Mann einen Kuß, für meine Frau ein Stück Brot. Und zum Schlusse küßt sich auch das polnische Bettlerpaar. Es waren ganz weiche Lippen, die ich spürte, und von einer Süße, wie ich so etwas nicht für möglich gehalten hätte. Ich stand wie benebelt und wurde von der ausgelassenen Gesellschaft ausgelacht. Nur sie lachte nicht. Sie sah mir in die Augen, als ob sie weinen wollte. Ja — —. Und ich habe sie auch später zum Weinen gebracht, als ich sie vergaß.«

»Wenn ich mich doch, Düwel noch ens ...« begann der alte Klaus und brach kopfschüttelnd ab.

»Auch die Studentenlieben waren noch süß,« fuhr Otten fort, »und die übermütigen Kameradinnen auf dem Konservatorium.«

»Ich glaub’s, ich glaub’s. Die gemeinsame Begeisterung, das Pfeifen aufs tief unten liegende Philistertum. Ach Gott!«

»Und dann die ersten Streifen durch Italien. Jetzt noch geht mir das Herz auf.«

»Laß uns hineinschauen.«

»Was sie trieb, weiß ich nicht. Sie trug Kleider, wie man sie in den Campagna-Nestern trug, damals noch. Ich glaube, sie sammelte Campagnablumen und band Sträuße daraus, die sie frühmorgens in Rom in die Häuser trug. Mein Vater hielt mich knapp, aber ich abonnierte doch auf den täglichen Morgengruß. Und ich habe es nicht bereut ...«

»Und was wurde daraus?«

»Ich mußte weiter.«

»Schade.«

»Schade — —. Wie oft hat man fortgemußt und gedacht: du kommst ja wieder, die Welt läuft dir ja nicht weg. Und man lief vor sich selber weg und merkte erst, wenn man sich nach Jahren suchend umblickte, daß es das Schönste, das Keuscheste, das Seligste gewesen ist. Und nur eine Episode — —.«

»Alle die Attribute, lieber Joseph, treffen ja nur zu, ~weil~ es nur eine Episode blieb.«

»Aber die Episoden, welche folgten, waren doch auch nur Episoden und hielten dennoch den Vergleich nicht aus.«

»Weil du dich schon an die Episoden gewöhnt hattest und sie steigern wolltest. Vielleicht deshalb.«

»Ich will nicht darüber grübeln. Um die Wahrheit zu ergründen, müßte man seine Unbefangenheit wieder haben.«

»Das ist es.«

»Aber die Unbefangenheit schwindet mehr und mehr aus der Welt. Es mag ja seinen Vorzug haben, seine Töchter frühzeitig aufzuklären, obwohl es der Menschennatur wenig hilft und lediglich die Poesie zum Teufel jagt. Was glaubt ihr, wie sich die jungen Dinger um einen Künstler, eine Berühmtheit drängen? Und die Aufgeklärtesten am meisten, denn sie meinen, ihre Aufgeklärtheit imponierte und käme dem freien Künstlersinn auf halbem Wege entgegen. Daraus entwickeln sich dann nachher unsere modernen Damen.«

»Ähnliches sagte ich dir schon in Rom. Damals warst du noch ein Ungläubiger.«

»Eine Klasse nur nehme ich aus: die arbeitenden Frauen, die wirklich arbeitenden, die sich tapfer mit Gott und der Welt herumschlagen, um den Kopf hoch zu halten. Bewundernswerte Geschöpfe. Aber sie haben die Eigentümlichkeit, daß sie nicht von sich reden machen. Sie haben auch gar keine Zeit dazu. Die das große Wort führen, haben Zeit, und wer Zeit hat, arbeitet nicht. Arbeitsamateurinnen. Sie ziehen einen Kittel an, um bequemer zu faulenzen, und sprechen von Gleichberechtigung, um sich bequemer wegzuwerfen. Was habe ich in dieser Beziehung alles erlebt!«

»Sind die deutschen die Schlimmsten?«

»Nur die Ungraziösesten, weil sie die anderen nachahmen wollen.«

»Willst du nicht eingehender von den liebenswerten Frauen berichten?«

»Ich bin zu Ende für heute. Erzähle du.«

Heinrich Koch nahm seine Brille herab und putzte sie. »Ich bin persönlich über die spätere Bäckersgattin nicht hinausgekommen,« sagte er, während er die Brille umständlich wieder hinter den Ohren befestigte.

»Dann ist Klaus an der Reihe.«

Der Alte brummelte schon seit einiger Zeit vor sich hin. »Ich hann nor ein einzige gekannt, die for mich gepaßt hätt’. Dat wor ene leckere Puht, on lew hät die mich gehat wie nie en Minsch op der Welt.«

»Wer war das?«

»Wenn ich mich doch,« sagte der alte Klaus, »wenn ich mich doch, Düwel noch ens, op ehre Name besinne künnt’ ...?« Und ärgerlich vor sich hinbrummelnd, erhob er sich mit steifgewordenen Gliedern und holte sich aus dem Kessel ein frisches Glas Grog. —

Heinrich Koch hatte zu Weihnachten eine buntgefiederte Tonpfeife von Klaus zum Geschenk bekommen, die er, neben dem Hausherrn auf der Türschwelle stehend, in der kalten Winterluft anrauchte. Die beiden alten Junggesellen verstanden sich trotz des Unterschiedes der Jahre und der Lebensführung ausgezeichnet. Sie waren zufrieden mit dem Schicksal, wie es sich gestaltet hatte, und hielten jeden Tag für schöner als den voraufgegangenen.

»Nun ist der Jupp in der Gesundung, Klaus.«

»Inwiefern verstonn ich dat?«

»Er kann bereits aus seinem Leben erzählen, ohne plötzlich abzubrechen. Das ist ein Zeichen, daß er nicht mehr mit seinen grau gewordenen Haaren hadert. Wenn er nun noch des letzten, schweren Gedankens Herr geworden ist, wird er wie aus einer langen Betäubung erwachen.«

»Wat bedrückt ihn denn esu ärg? Kann mer nit helfe?«

»Es ist der Gedanke, sich zu wenig um Frau und Kind bekümmert zu haben. So wenig, daß er keinen Teil an ihnen hat. Von Rechts wegen keinen. Verstehen Sie?«

»Enä. Dat verstonn ich nit. Loß hä doch hingonn un et ihr sage. Dann is doch alles en der Reih’.«

Heinrich Koch hustete. Der scharfe Tabakrauch der frischen Tonpfeife hatte ihm die Kehle gekitzelt. »Nee, nee, nee, Klaus. Ganz so einfach geht das doch wohl nicht. Es sind innerliche Menschen, und der Jupp besonders.«

»Ach watt. Innerlich oder äußerlich. Wenn sie sich bloß verdrage.« —

Es wurde immer kälter. Eisiger Wind fegte über das ungeschützte Land. Treibeis setzte sich am Rheinufer an, fror zusammen und bildete auf viele Meter in den Strom hinein eine feste, glatte Masse. Immer schmaler wurde das Strombett, immer schwerfälliger floß das Wasser, das sich mit grünlich schimmernden Eisschollen in das Bett teilte.

»Laß es da draußen Stein und Bein frieren,« meinte Otten und zog aus Karten und Büchern eifrig Notizen zusammen, »wir sind hier mit den ersten nachweisbaren Rheinbewohnern im Menschenfrühling. Hast du wieder Bratäpfel fabriziert, Heinrich? Ich würde an deiner Stelle auf die Jahrmärkte gehen, als Waffelbäcker oder dergleichen.«

»Du! Das ist ein Wort! Das Tringche soll uns Waffeln backen.«

»Ist er nicht ein großes Kind geblieben?« fragte Otten am Abend Klaus, als sie um den Eichentisch saßen und Koch sich die Waffeln zum Grog munden ließ. »Ich weiß nur nicht: ist er’s geblieben, oder bereits wieder geworden?«

»Der Effekt ist derselbe: die Waffeln schmecken. Probier, Joseph. Wenn ich den Duft in die Nase bekomme, sehe ich mich immer als kleinen Jungen an der Hand des Vaters vor der Waffelbude stehen. Er besaß keine Reichtümer, aber Waffeln mußte er mir kaufen. Das waren Festtage.«

»Unsere heutigen Kinder sind über Kirmeßbuden erhaben.«

»Weil sie von ihren Eltern verwöhnt werden. Verwöhnen ist nämlich leichter als die rechte Liebe haben.«

»Die Menschen sind eben alle Egoisten. Kinder und Große. Nur wo der Vorteil winkt, ist Liebe.«

»Davon macht doch wohl die Elternliebe eine Ausnahme. Nie geht mir aus dem Gedächtnis, was ich einmal in Rom erlebte.«

Otten sah ihn an ...

»Ein Bandit hatte ein Mädchen getötet. Er wurde verurteilt. Der Vater des Mädchens, Schweißperlen auf der Stirn, ersucht die Richter und Geschworenen um eine Gunst. Man ließ den armen Teufel zu Wort kommen.«

»Was wünschen Sie?«

»Ich möchte ihn sterben sehen.«

»~Was~ wollen Sie?«

»Dabei sein, ~wenn er stirbt~! — — Das war ein Haß, so glühend, wie ihn nur Elternliebe zeugen kann.«

»War das Mädchen — minderjährig?« fragte Otten nach einer Pause.

»Ich sollte meinen, Joseph, Kinder bleiben für ihre Eltern ~immer~ minderjährig.«

An diesem Abend kam kein Gespräch mehr auf. Die Arme auf den Tisch gestützt, saßen die drei, horchten auf den schrillen Winterwind und hingen ihren Gedanken nach. — —

=XVII=

An einem Februarmorgen kam Moritz Lachner nach Zons. Der Professor griff ihn vor dem Hause auf, als er die Wirtschafterin befragte.

»Hier herrscht Burgfriede, mein Herr.«

»Sie erkennen mich nicht wieder, Herr Professor. Ich bin Moritz Lachner.«

»Ah, der junge Herr Doktor und werte Herr Kollege? Sie kommen etwas früh. Sobald es lenzt, könnten Sie sich an unseren Forschungen beteiligen. Wir stellen den Limes fest und wecken die Toten auf. Wie wär’s?«

»Ich möchte,« sagte Moritz Lachner verlegen, »vorher gern Herrn Doktor Otten begrüßen.«

Heinrich Koch spielte mit den Aufschlägen von Lachners Rock. »Joseph Otten — —. Ja. — Aber lassen Sie dort gefälligst jede Art Totenerweckung beiseite. Zeichen und Wunder können bei Otten nur durch elementare Wucht wirken, nicht durch Überredung. Und wir wünschen doch, ~daß~ sie eines Tages wirken. Sie verstehen mich.«

»Herr Professor, jeder Mensch nach seinen Gaben. Da ich weder Blitz noch Donnerkeil regiere, muß ich mich auf die Ehrlichkeit meiner Sprache verlassen.«

»Na, jedenfalls kommen Sie mal herein mit Ihrer Ehrlichkeit. Wenn Sie Klaus begrüßen wollen, werde ich inzwischen Otten benachrichtigen.«

Joseph Otten saß am Schreibtisch, von Büchern umlagert wie ein Gelehrter, und machte sich Notizen.

»Du, Joseph, Besuch für dich.«

»Bedaure sehr. Ich kenne niemanden.«

»Doch, Joseph, den kennst du. Es ist der kleine Lachner.«

»Der Moritz?« Otten legte die Feder hin. »Was will er?«

»Den Königen im Exil seinen Kratzfuß machen. Er behauptet, die Ehrlichkeit der Sprache sei ihm eigen.«

»Dann soll er sich auf dem Jahrmarkt sehen lassen, bei Hofe oder auf der Kanzel.«

Heinrich Koch strich sich lächelnd die feinen Lippen.

»Heinrich, ich bitte dich, nimm dich des Unglücksmenschen an. Es ist ja ein prächtiger Junge, aber er gewinnt bei schriftlicher Behandlung. Ernsthaft: ich mag noch keine Gesichter sehen.«

»Ich finde, daß er keinerlei Aufdringlichkeit gezeigt hat. Obwohl er dir Gefälligkeiten erwiesen hatte, ludest du ihn nicht ein, und er kam nicht. Wenn er heute ungerufen kommt, tat er es sicher im Vertrauen auf deine sprichwörtliche Ritterlichkeit.«

»Laß die Leimruten beiseite. Meinetwegen kann er kommen und mir den Tag stehlen. Ich will keinem schuldig sein.«

Koch fand den Besucher in eifrigem Gespräch mit dem alten Klaus, der wider Gewohnheit redselig geworden war. Bei seinem Hinzutreten brach Frage und Antwort ab. »Es wird sich um Frau Maria gehandelt haben,« sagte er sich und schickte Lachner hinauf.

Joseph Otten stand mitten im Zimmer, als der Besuch eintrat. Das kalte Winterlicht beleuchtete scharf die hageren Züge und die eckig gewordene Stirn, in die die grauen Haarsträhnen fielen. Wie Pergament war die Haut. Nur die Augen hatten ihr helles, strahlendes Blau behalten. Und diese Augen sahen auf Moritz Lachner, der keines Wortes mächtig war.

»Guten Tag, Moritz. Du zitterst ja.«

»Es ist die Erregung, Sie wiederzusehen.«

»Ich dachte schon, es wäre die Erregung, mich so wiederzusehen.«

»Als wenn Sie nicht immer derselbe blieben. Ach, Herr Doktor, ich bin ja so froh.«

»Ist das die Ehrlichkeit der Sprache, über die du nach Professor Koch verfügen sollst?«

Lachner errötete. »Auch darüber bin ich froh, daß Sie so fröhliche Gesellschaft haben. Ich hatte dieses Zons’ wegen Angst um Sie.«

Otten deutete auf Bücher und Karten. »Beschäftigung vollauf ... Und nun laß dich einmal genauer ansehen. Du machst eine gute Figur, Moritz, nur diese ernste Blässe gehört nicht in dein junges Gesicht. Hast du Sorgen?«

»Wenn Sie materielle Sorgen meinen, Herr Doktor: ich habe den besten aller Väter, und Sie kennen ihn.«

»Ja, die materiellen Sorgen können wir Väter zerstreuen. Mehr vermögen wir auch nicht. Sitz nieder, Moritz.«

Der junge Gelehrte blickte überlegend vor sich hin. »Herr Doktor,« sagte er dann langsam, »mein Vater würde nicht das geistige Vermögen besitzen, und er würde es doch versuchen.«

»Dein Vater, Moritz, ist ein lieber alter Idealist, der zwischen seinen vergilbten Kostümen sitzt und Märchen träumt. Die Welt aber und ihre Menschen haben mit solchen Märchen nichts zu tun. In der Welt setzt sich ein jeder nach seinem eigenen Kopfe durch. Mögen sie. Ich hab’s nicht anders gemacht.«

»Meinen Sie damit, Herr Doktor, daß die Menschen, die Sie daheim haben —«

»Ich habe nur noch mich. Bleib dabei. Es ist zu unser aller Bestem.«

»Aber ein Mann sieht schärfer, und ein Mann wie Sie hat Gewalt über die Herzen.«

»Hatte — hatte!«

»Nein, Sie haben sie auch heute noch. Sie brauchen nur zu wollen.«

»Oder — ich brauche nicht.«

»Sie wollen nicht.«

»Nein.«

Moritz Lachner kämpfte mit seinen Worten. »Herr Doktor, ich sitze ungerufen hier. Aber gerade deswegen — dürften Sie sich doch sagen — daß ich nicht einer Laune oder bloßer Neugier nachgegeben habe. Sie waren doch früher so stolz auf Carmen. Denken Sie doch daran.«

»Früher — war ich auch stolz auf mich.«

»Und heute — ist Carmen auf dem Wege, sich zu verzetteln.«

»Mit dem jungen Terbroich? Deshalb bist du gekommen?«

»Herr Doktor, es ist Zeit, daß Sie nach dem Rechten sehen.«

Ganz schlicht hatte es der junge Lachner gesagt. Otten betrachtete ihn lange. Dann spielte ein ironisches Lächeln um seinen Mund.

»Du liebst sie wohl?«

Der Junge blickte auf. Es arbeitete in seinem schmalen, geistvollen Gesicht. »Ja,« stieß er hervor, »ich liebe sie. Aber das wäre kein Grund. Nur anbeten können möchte man, was man liebt.«

»Und du fürchtest, das könntest du nicht, wenn sie Laurenz Terbroichs Frau ist?«

»Ich fürchte, daß sie es nicht wird.«

»Du sonderbarer Schwärmer, dann ist dir doch geholfen.«

»Ich fürchte, daß sie nicht seine ~Frau~ wird.«

Sie sprachen nicht mehr. Otten saß weit zurückgelehnt in seinem Stuhl und blickte zum Fenster hinaus, starr auf einen Punkt in weiter Ferne. In erwartungsvoller Spannung hing Lachners Auge an ihm.

»Herr Doktor —?«

»Du wünschest?«

»Ich —? Was Sie wünschen, Herr Doktor. Ihren Willen möcht’ ich hören. Einen Rat oder eine Tat.«

»Das geht die Mutter an.«

Entgeistert sah Lachner in sein steinernes Gesicht. »Das — kann nicht Ihr Ernst sein, Herr Doktor.«

»Nicht mein Ernst —?« Langsam wandte ihm Otten sein Gesicht zu. »Ich habe dich einmal in einer schweren Stunde mit einer Botschaft an meine Frau betraut. Du warst damals der einzige, über den ich verfügte. Das vergesse ich nicht. Und ~du~ solltest die Botschaft auch nicht vergessen haben.«

»Wie könnte ich den Tag vergessen,« murmelte der Junge.

»Damals, und eine Weile später, habe ich die reinliche Scheidung eintreten lassen. Aus Stolz, mein Junge, um den guten Geschmack meiner Frau zu schonen. Nimm das =cum grano salis=. Ich bin kein Almosenempfänger, und meine Frau war immerhin die Frau des Doktors Joseph Otten. Dann aber auch aus einer Einsicht heraus. Meine Hand taugte nicht zur Erziehung eines Mädchens vom Schlage Carmens. Was im Sinne der gestrengen Welt ungut an ihr ist, das hat sie von mir. Ich habe nichts, aber auch gar nichts für meine Tochter getan, solange sie lebte. Alles tat die Mutter. Wie käme ich dazu, heute plötzlich ein Anrecht geltend zu machen, ohne daß ich jemals eine Einzahlung geleistet hätte? Das wäre eine Farce.«

»Herr Doktor, in diesem besonderen Fall —«

»Soll ich mich als Sittenrichter aufspielen? Lebt denn die Mutter nicht mehr, die sie erzogen und behütet hat? Ich, Moritz — denke doch freundlichst nach — ich als Sittenrichter? Hast du nicht auch eine Abtei zu vergeben oder eine Bischofsmütze? Seit sieben Jahren weiß ich nichts von meiner Tochter, und sie nichts von mir. Es sei denn, daß sie die schlechten Kolportageromane geglaubt hat, die über mich im Schwange waren.«

»Es ist viel geredet worden, Herr Doktor.«

»Gut, gut. Das Volk will auch diese Art Helden, so gut wie seine Rinaldini. Ich gönne ihm ja das Vergnügen.«

»Ich hätte nicht gewagt, davon zu sprechen. Ich stelle Sie ja viel zu hoch, als daß ich den Klatsch der Stadt vor Sie hintrüge. Aber gerade weil ich Sie so besonders hoch verehre, Herr Doktor, bitte ich Sie: lassen Sie mich keine Enttäuschung erleben.«

Otten erhob sich. Er legte dem jungen Freund die Hand auf die Schulter und nickte ihm zu: »Guter Kerl.«

»Lassen Sie mich keine Enttäuschung erleben ...«

»Nein,« sagte Otten, »davor will ich dich bewahren. An mir sollst du sie ~nicht~ erleben. Denn es hieße mein ganzes bisheriges Leben enttäuschen, es hieße vor allem die ganze selige Liebeszeit enttäuschen, die ich mit Maria durchlebte, wollte ich deinen Wunsch erfüllen. Das muß nun einmal in Kauf genommen werden. Ich kann meine Frau nicht in ihren besten Erinnerungen beleidigen. Wollte ich in dieser Angelegenheit auch nur ein Wort sagen, so würde es für sie eine Demütigung. Daher muß ich ihr die Lösung allein überlassen.«

Moritz Lachner stand auf. »Jetzt verstehe ich Sie,« erwiderte er leise, und befangen setzte er hinzu: »Frau Maria wird den richtigen Weg finden.«

»Sie hat ihn noch nie verfehlt, mein lieber Moritz.«

»Ich möchte nicht länger stören, Herr Doktor, Sie sind bei der Arbeit.«

Otten schüttelte ihm die Hand. »Laß dir von Professor Koch davon erzählen. Vielleicht interessiert es dich, und wir erhalten einen korrespondierenden Mitarbeiter. Du bleibst doch zu Tisch?«

Moritz Lachner konnte nicht bleiben. »Meine drei Hörer in Bonn vermissen mich zwar nicht, aber ich möchte noch meinen Vater in Köln auf ein paar Stunden besuchen.«

»Grüße ihn von mir. Der Abend, den ich einmal bei ihm und seinem roten Toskanerwein verlebte, ist mir in heller Erinnerung geblieben. Wie schön das Leben sein kann. Leb wohl, Moritz.« —

»Sie wollen schon fort, werter Kollege?« fragte ihn Koch, der mit dem alten Klaus auf der Diele einen längeren Diskurs führte. »Wollen Sie sich nicht ein wenig in unsere Forschungen einführen lassen? Und neues Leben blüht aus den Ruinen. Sie werden sehen, die alten Helden waren ebenso vernünftige wie vergnügliche Leute.«

»Wenn Sie mich gebrauchen können, stehe ich immer zu Ihren Diensten.«

»Das soll ein Wort sein. Die Arbeit wird Kopf und Fäuste brauchen, wenn sie ein Kulturfaktor werden soll. Es ist gleichsam eine Bekehrung von oben nach unten.«

Der alte Klaus kniff ein Auge. »Vergeßt nit, die Rheingass’ zu grüße, Moritz.«

»Es soll mein erstes sein.« Und Moritz Lachner suchte sich seinen Weg aus dem kleinen, verwunschenen Städtchen heraus und marschierte die Chaussee, die zur Bahnstation nach Dormagen führte. Von dort brachte ihn die Eisenbahn in einer halben Stunde nach Köln.

Am Nachmittag ging er zu Frau Maria. Ein Dienstmädchen öffnete und wies ihm das Zimmer.

Frau Maria hob den Kopf bei seinem Eintritt. Sie saß an ihrem Arbeitstischchen und stickte. Das volle Haar hatte seine Farbe geändert, es lag in silbernen Wellen um das jung gebliebene Gesicht. Nur der schärfer Zuschauende gewahrte die feinen Runen, die die Geschichte langer Nächte erzählten.

»Sie sind es, Moritz?«

»Ja, Frau Doktor. Und Sie sind wieder allein?«

»Carmen ist doch von Heidelberg gekommen. Also bin ich nicht einmal so allein wie sonst.«

»Aber sie ist nicht bei Ihnen.«

»Sie kleidet sich in ihrem Zimmer an. Sie will zu einem großen Kostümfest, deshalb braucht sie mehr Zeit zur Toilette.«

»Und deshalb unterbrach sie ihre Studien in Heidelberg ... Darf ich Ihnen ein wenig Gesellschaft leisten, Frau Doktor?«

»Wenn Sie den Abend für eine alte Frau frei haben, Moritz?«

Moritz Lachner zog sich leise einen Stuhl heran, setzte sich und beugte sich über ihre Hand, die still im Schoße ruhte. »Sie sind mir wie eine Mutter, und Mütter werden nie alt.«