Part 8
»Dat kütt bei der Frau nit in Anrechnung. Die Frau hat en Rähcht darop, dat mer sie nit warte läßt. Nit en einzig Minut. Ich gonn se wecke.«
»Das wirst du bleiben lassen. Ich bring’ Aufregung genug ins Haus.«
»So! Und wie nennt Ihr denn dat, wenn der Mann an der Schlafkammer von der Frau vorbeigegange is? Dat is kein Aufregung. Enä. Dat is Rücksicht. Äwwer Rücksicht op die eigene Gemötlichkeit. Ming Lewdag nit Rücksicht op die Gemötlichkeit der Frau. Hotel! Nit eine Schritt!«
Otten stieg die Röte in die Stirn. Er faßte die Türklinke und öffnete. »’Morgen, Klaus,« sagte er kurz, und es war ein hochfahrender Ton in den Worten.
»Schließt Euch die Haustür nur selver op.«
»Mach keinen Lärm.«
Ärgerlich ließ Otten die Stubentür los. Das Geräusch lief durch das alte Haus. Otten stand auf dem dunklen Flur und horchte. Oben öffnete sich leise eine Tür. Schritte huschten an die Treppe. »Klaus — —?« rief eine Stimme.
Der alte Klaus kam aus seinem Zimmer. »Ja, Frau Otten?«
»Ist jemand bei Ihnen? Mir war schon die ganze Zeit so.«
»Maria — —,« sagte Otten leise, und seine Stimme vibrierte.
Ein atemloses Schweigen erfüllte das Haus bis in den Giebel. Der alte Klaus verschwand lautlos in seinem Zimmer. Und nach einer Spanne, die sich dehnte und dehnte, fragte Otten: »Bist du noch da?«
»Warte, ich komme.« Und die Schritte huschten zurück.
»Nein,« sagte Otten, »ich komme.« Und langsam stieg er die Treppe hinauf zur Giebelstube. Durch den Türspalt fiel das Licht einer Lampe. Und in dem Lichtkreis stand Maria und nestelte hastig den Morgenrock zu, den sie übergeworfen hatte. Da trat er ein.
Sie ließ die Hände sinken, hob den Kopf und sah ihn an. Ihr Gesicht war schneeweiß.
Und er stand und nahm ihren Blick entgegen und fühlte die brennende Röte in seinem Gesicht.
»Wie der Dieb bei der Nacht, Maria.«
»Du bist — gekommen.«
»Wir wollen kein gemästetes Kalb schlachten, Maria. Die Rolle des verlorenen Sohnes liegt mir nicht. Ich bin gekommen.«
Nun bemerkte er, wie blaß sie war. Er streckte die Hände aus. »Ich habe dich erschreckt.«
Sie legte ihre Hände in die seinen. Ihr Blick heftete sich immer noch an sein Gesicht. »Bist du — gesund?«
»Mütterchen,« sagte er und zog sie näher, »muß ich denn krank sein, wenn ich heimkomme?«
»Ich hatte es — fast — gewünscht — —«
»Maria — —! Und wenn ich’s wäre?«
»Leg dich hin, Joseph. Wir sprechen bei Tag weiter.«
»Willst du mich nicht küssen?«
»Ich dachte — du würdest — —«
»Komm,« sagte er nur ...
Er fühlte, wie ihre Lippen zitterten. Da küßte er sie behutsam auf die Augen. Und auch hier spürte er das Zittern. »Traust du dich nicht, Maria? Bin ich dir so fremd geworden?«
Sie schüttelte den Kopf. »Es wird wohl die Freude sein. Ich fass’ es noch nicht.«
»Die Freude? Ich hab’ dich nicht verwöhnt. Also ist es ein Vorwurf, und ich verdien’ ihn.«
»Nein, nein!« Und plötzlich zog sie seinen Kopf nieder und küßte ihn lange auf den Mund. »Willkommen, Joseph.«
»Willst du mich hier behalten?«
»Du sollst nichts versprechen.«
»Ich will es auch nicht. Nur wünschen will ich. Deinetwegen. Und Carmens wegen.«
»Sie ist kein Kind geblieben.«
»Umsomehr werde ich von nöten sein.«
»Der Vater ist von nöten, Joseph.«
»Ja, darauf werde ich mich nun wohl besinnen müssen. Ich glaube, ich habe hier manches nachzuholen. Und nicht nur in der Vaterrolle. Wenn ich nun diese Augen hier wieder glänzen machte?«
»Sie blicken nicht immer so. Laß es Tag werden.«
»Aber wenn sie geweint haben. Und dazu sparst du dir die Nacht auf. Wenn du allein liegst, Maria, und dich um einen Menschen sorgst, der es nicht verdient. Ich seh’ es. Auch diese Nacht hast du geweint.«
»Ich spürte dich so greifbar nahe. Das war wohl, weil du auf der Reise zu mir warst.«
»Ich bin schon gestern abend gekommen, Maria.«
Da lief es über sie hin wie ein Frost. »Gestern — abend —?«
Er legte schnell den Arm um sie. »Ich hätte es nicht sagen sollen.«
»Du kannst nicht lügen,« und sie strich sich über die Augen. »Das hab’ ich immer gern an dir gehabt.«
»Setz dich, Maria. Ich will versuchen, es dir zu erklären.«
»Nein,« sagte sie, »das wäre gegen die Abrede. Du bist Herr deiner selbst. Das habe ich mir geschworen, als ich freiwillig mit dir ging. Und daß ich nun seit drei Jahren deinen Namen zu Recht trage, das wird mich doch nicht kleiner gemacht haben. Größer, Joseph, größer. Dein Name legt Pflichten auf.«
»Die ich dir allein überlasse.«
»Du darfst sie mir ruhig anvertrauen. Ich werde dich nie fühlen lassen, daß du dich gebunden hast.«
»Aber ich werde es ~dich~ fühlen lassen.«
Nun mußte sie dennoch lachen. »Mein großer Junge,« sagte sie und strich über sein Haar. »Immer die guten Vorsätze. Immer die besten Absichten. Ich weiß das ja und muß dich schon deshalb lieb behalten.«
»Nur deshalb?«
Sie schloß die Augen. »Frag mich nicht. Ich freue mich ja doch.«
Da nahm er sie fest in die Arme und blickte über ihr Haar hinweg, damit sie ihrer Bewegung nachgeben konnte.
»Wollen wir jetzt Carmen besuchen?«
»Sie ist eine Langschläferin,« sagte sie und trocknete sich heimlich die Augen. »So große Fräulein besucht man eigentlich nicht am Bett.«
»Es scheint, daß ich mir hier erst wieder Respekt verschaffen muß.«
»Tritt leise auf. Wir gehen in ihre Kammer.«
Sie nahm das Licht und ging voraus. Und während er ihr leise folgte, staunte er über ihre Selbstbeherrschung, und es durchzuckte ihn wie ein Stolz, daß die Seele dieser Frau nichts wußte als sein Bild. Er berührte ihre Schulter, und sie blickte nach ihm zurück. Eine Sekunde zögerte ihr Fuß. Und er beugte sich vor, mit bittenden Augen, stützte ihren Arm, der das Licht hielt, und wartete. Da lehnte sie den Hinterkopf gegen seine Brust. So küßten sie sich. — —
Sie traten leise in die Kammer und sahen sich mit flimmernden Augen um. Kaum erkannte er sein Kind wieder. Der dunkle Lockenkopf, der da in den Kissen lag, zeigte eigene Züge. Lieblichkeit und Eigenwillen. Aber der Eigenwille herrschte vor. Und der Mann am Bette dachte an die Worte des alten Klaus: Akkerat wie ihr Vadder ...
»Sie wird sehr selbständig werden,« sagte Frau Maria draußen. »Man möchte Kinder immer am liebsten klein behalten.«
»Freu dich, daß sie so aufblüht. Die Rasse läßt sich nicht unterkriegen.«
»Darum trauere ich nicht,« meinte Frau Maria. »Es ist etwas anderes, etwas, wofür ich schwer die Worte finde. Die Mutter fühlt, daß das Kind mehr und mehr ihrer Sorge entwächst.«
»Ja,« erwiderte Otten nachdenklich, »darin muß für die Eltern eine Lebenstragik liegen, daß sie zusehen müssen, wie die Kinder sich ablösen, wie der Teil ihres Selbst für sich ein Ganzes wird.«
»Wenn beide Eltern leben, ist es minder schwer. Man rückt noch um ein weniges näher zusammen und verdeckt sich so die Lücke. Nun, darüber vergehen noch Jahre.«
»Daß wir zusammenrücken?«
»Bis die Lebenstragik der Eltern, wie du es nennst, an uns herantritt.« Frau Maria stellte das Licht auf den Tisch ihres Schlafzimmers. »Du siehst abgespannt aus, Joseph. Ich lass’ dich jetzt allein.«
»Du glaubst doch nicht, daß ich jetzt noch schlafen werde?«
»Tu es mir zulieb, Joseph. Wenn du aufwachst, bist du erst wirklich daheim, und die alten Traumbilder sind in die Ecken gescheucht. Versuch es.«
»Die alten Traumbilder? Alte oder neue, unter mein Dach sollen sie mir nicht folgen.«
»Tu es mir zulieb,« bat sie noch einmal.
»Wenn du es so bestimmt möchtest ... Aber nur auf das alte Kanapee dort. Und nachher ein Bad.«
»Ich werde dich wecken, Joseph.«
»Nein,« sagte er, »es ist noch eine Bedingung dabei. Du mußt bei mir sitzen bleiben. Ich kann nicht sofort einschlafen. Und ich will deine Hand in der meinen fühlen.«
»Das ist ja, als hättest du eine stille Absolution nötig.« Ein leises mütterliches Lächeln zog über ihr Gesicht. »Nun, leg dich hin.«
Er entledigte sich seines Rockes und streckte sich auf das alte Ledersofa. »Ah,« machte er dabei, »wie gut!« Und sie legte ihm eine Decke über, rückte einen Stuhl heran und setzte sich zu ihm.
»Stille Absolution ...,« griff er ihr Wort auf und faßte auf der Decke ihre Hand. »Du hast es getroffen, Maria. Es wird sehr wenig Anlaß sein, sie laut und stolz zu verkünden, denn es wird auch eine sehr leise Beichte sein.«
»Schlaf,« sagte sie, »du hast nichts zu beichten. Wenn du nachher die Augen aufschlägst, lachst du dich selber aus.«
»Es ist immer dasselbe. Wie es um dich steht, kommt für dich nicht in Betracht. Du suchst nur, es mir leicht zu machen.«
»Wer weiß den Beweggrund,« erwiderte sie. »Vielleicht bin ich eine größere Egoistin, als du denkst. Vielleicht mache ich es dir nur so leicht, um es mir nicht — schwerer zu machen.«
»Du wirst mir noch einreden, du seist eine arge Sünderin und ich sei ein Heiliger.«
»Nein, Joseph, das werde ich dir nicht einreden. Deine Heiligkeit« — sie lächelte vor sich hin — »ist mir gewiß nicht unbekannt. Und die meine — ich hab’ in den vielen Jahren, in denen ich allein saß, gelernt, auf mich zu achten, damit mir meine Empfindungen nicht zu jeder Zeit davonliefen. Das ist meine Heiligkeit.«
»Du bist zehnmal stärker als ich.«
»Zehnmal schwächer. Sonst hätte ich die Schutzwehr nicht nötig.«
»Und wenn du sie nicht hättest? Was wäre dann gewesen?«
Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. Ihre Brust hob sich, als wollte sie eine Last abschütteln.
»Laß das, Joseph!«
»Sag es mir,« bat er und streichelte ihre Hand.
»Was dann — gewesen wäre?« wiederholte sie stockend. »Wenn du heimgekommen wärst wie jetzt, und ich — hätte dich in meine Kammer eingelassen? An den Hals hätt’ ich mich dir geworfen, an den Hals! Ohne Scham, ohne Stolz! Wie eine Verdurstete hätt’ ich mich meinem Mann an den Hals geworfen. Herr Gott!«
Die Erregung schüttelte sie. Sie sprang auf und ging bis in die Ecke des Zimmers. »Still,« sagte sie, »antworte nicht. Jetzt um Gottes Willen nicht antworten. Wo käm’ ich hin, wenn ich meine Ruhe verlöre? Wohin kämen wir alle? Und eins will ich vor den anderen Frauen voraus haben, die sich um dich drängen: mich selbst!«
Sie hatte sich beruhigt und kehrte zurück. »Siehst du, Joseph, damit halte ich uns das Haus.«
»Es ist wie Weihnachten,« sagte Otten, »als ich noch ein Junge war. Das ganze Jahr hatt’ ich Unfug getrieben, vor dem Klingelzeichen macht’ ich ein fromm Gesicht, spürte plötzlich starke Gewissensbisse und kriegte für diese geringe Anstrengung den Schoß voll Geschenke.«
»Und dann spieltest du nach rechter Jungensart doch am liebsten mit den Geschenken, die dir nicht gehörten.«
»Ja, das tat ich, und es ist an mir hängen geblieben.«
»Die Menschen sind schuld,« verteidigte sie ihn, »sie haben dich verwöhnt, ob mit, ob gegen deinen Wunsch.«
»Bande!« stieß Otten hervor. »Sie will den Künstler gar nicht anders. Sie macht uns zu dem, was wir werden, durch ihre verdammte Sklaverei. Bleib bei mir sitzen, Maria. Der eigene Weihnachtstisch ist doch der beste. Es schwebt selbstlose Liebe darüber.«
»Du sollst jetzt schlafen, Joseph.«
»Ach du, Maria, es tut so gut, auf andere Leute schimpfen, wenn man sich selber nicht ganz sauber fühlt ...«
Dann betrachtete er sie verstohlen, während er ruhig atmend lag. Die Jahre hatten ihr wenig angetan. Um die Augen ein paar kaum sichtbare Runen, um den Mund eine tiefer gezogene Spur — aber die aufrechte Haltung des Körpers und die ernste Ruhe des Kopfes lenkten den Blick von den Einzelheiten auf das Gesamtbild. Und er drückte, einer heißen Wallung folgend, fest ihre Hand, die er noch immer hielt.
»Auch du hast Kämpfe gehabt, Maria, und sie waren schwerer als meine. Weil du dich nicht mitteilen konntest.«
»Ich habe dir regelmäßig berichtet, Joseph.«
»Ja, wenn du schreiben konntest: das ist nun geordnet, oder: es lohnt nicht der Mühe darauf einzugehen.«
»Es ist doch ein Glück, daß ich Arbeit habe.«
»Das ist bei dir die Umschreibung für Sorge. Von mir will ich nicht sprechen. Aber Carmen? Sie hat dir viel zu schaffen gemacht.«
»Sie ist in dem Alter, das an alle Mütter größere Anforderungen stellt. Weshalb sollte mich eine Ausnahme treffen?«
»Sah sie hübsch aus, als sie zur ersten Kommunion ging?«
Frau Maria lächelte. »Du bist ein eitler Mensch.«
»Und es sind dir keine Hindernisse in den Weg gelegt worden?«
»Wegen der Firmelung? Nein.«
»Dem Kind nicht. Aber der Mutter?«
»Ach, Joseph,« sagte Frau Maria abwehrend, »was bedeutet das? Mir kann das doch nichts anhaben. Ich lass’ mir doch mein Leben, das ich eines Tages schön und später für lebenswert befunden habe, durch äußere Einflüsse nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Sei unbesorgt. Ich nenne heute nicht schwarz, was ich gestern weiß nannte.«
»Also hat dir die Seelsorge stark zugesetzt?«
»Der Pfarrer kam häufig ins Haus. Dann hin und wieder einmal. Zuletzt blieb er fort. Es lohnte nicht.«
»Es lohnte nicht,« wiederholte Otten. »Und alles, was dazwischen liegt, ist damit abgetan. Wie groß muß dir das erscheinen, was sich für dich lohnt.«
Sie antwortete nicht. Sie fühlte, daß ihr Tränen kommen würden, und die Nacht war doch vorbei. Der Tag aber machte andere Rechte an sie geltend. Und heute zumal. Es würden doppelte Mutterpflichten werden, für das Kind, das in die Jugend hineinwuchs, und für den Mann, der aus der Jugend nicht herauswachsen wollte und konnte.
Sie beugte sich über ihn. Er war eingeschlafen. So ruhig atmend lag er, als hätte kein Sturm über ihn Gewalt, als wäre er des Wächters sicher. Knabenhafter Friede mischte sich mit den kühnen Manneszügen. Und Frau Maria dachte: »Das ist eine der Stunden, in denen er mir ganz allein gehört. Auch seine unruhige Seele. Jetzt halt’ ich sie in Händen.« —
Das Tageslicht fiel durch die Spalten des Fenstervorhangs. Frau Maria hatte geträumt. Sie sah den Mann, dem sie sich unwiderruflich anheimgegeben, um fünfzehn Jahre jünger. Als Neuerwecker des deutschen Liedes zog er aus, und sie glückberauscht an seiner Seite. Ein Frühling war über die Lande gekommen, über ihr Herz. Kein Mensch hatte ein solches Blühen erlebt als nur sie. Als nur sie! Das strich man nicht aus einem Leben, wollte man nicht seinen ganzen Inhalt preisgeben. Und die Frau las in den Zügen des vor ihr Liegenden und las und las, und immer mehr las sie den Frühling ihres Lebens heraus, träumend in Erinnerungen, dankerfüllt, daß sie sie zu eigen hatte.
Als Verkünder des deutschen Liedes war er ausgezogen — als Künstler kehrte er heim.
Nein, das war nicht die Erfüllung aller Hoffnungen. Und dennoch der besten: er fand zu ihr heim. Mochte er sonst sein, wer er wolle. »Ich weiß nichts, als daß ich ihn lieb behalten muß.« — —
Im Zimmer Carmens regte es sich. Die Frau horchte auf. Sie hörte die Tür gehen. Und leise löste sie ihre Hand aus der des Schlafenden, erhob sich und ging hinaus.
»Guten Morgen, Mutter. Es ist spät geworden.«
»Guten Morgen, Kind. Du trinkst ein Glas heiße Milch. Denke dir, ich habe den Kaffee vergessen.«
»Aber Mutter! Und wie du ausschaust! Wie ein junges Mädchen!«
»Wie eine alte, verträumte Frau.«
»Sind die auch glücklich?«
»Ausruhen können, Kind, ist immer schön, wenn man einen Rückblick hat, der lohnt.«
Sie blieb bei der Tochter, bis sie den Schulweg angetreten hatte. Eine mädchenhafte Röte überzog ihre Wangen, als sie leise ins Schlafzimmer zurückkehrte. »Sie soll ihren Vater frisch und strahlend sehen,« gestand sie sich. »Das mag Eitelkeit sein. Trotzdem, ich will es. Es gehören die Augen einer Frau dazu, um den Mann immer im gleichen Bilde zu sehen. Die Augen einer Frau, die mit dem Mann eine gemeinsame Geschichte hat.«
Still setzte sie sich auf ihren alten Platz, nahm die Hand des Schlafenden in die ihre und horchte auf seine Atemzüge. Wie eine Pflegerin saß sie da, die nichts will als die Gesundung. »Denn ich hab’ ihn nur lieb ...« murmelte sie.
=VIII=
Zwei Tage hatte Joseph Otten sein Haus in der Rheingasse nicht verlassen. Eine wohlige Abspannung war über ihn gekommen, hatte Körper und Geist gleichermaßen ergriffen und jenen Zustand feinsten Genießens heraufbeschworen, den der Rekonvaleszent lächelnd in sich aufnimmt, wenn er in der augenblicklichen Schwäche die Kräfte zurückfluten und neu sich sammeln sieht. Das erste Wiedersehen mit Carmen war für ihn eine kleine Überraschung gewesen. Daß es für ihn eine Enttäuschung bedeutet hatte, wollte er sich nicht gern eingestehen. Der Freudenausbruch des Mädchens, der ihn zuerst entzückt hatte, war allzu rasch dem Interesse an allerlei Tagesfragen gewichen, der Vater spielte die Rolle des Besuchs, auf den nicht zu rechnen ist, die Tochter nickte ihm freundlich zu, fand aber wenig Veranlassung, sich mit ihren Wünschen an ihn zu wenden, und es war offensichtlich, daß sie verlernt hatte, seine Zufriedenheit oder Unzufriedenheit in Rechnung zu stellen.
»Racker,« dachte Otten, »ich werde dich schon wieder einfangen.« Und er begnügte sich zunächst, mit wachsendem Wohlgefallen die Grazie des Mädchens und den bunten Wechsel ihres Temperaments zu beobachten. »Ich habe sie doch richtig getauft,« sagte er sich mit heimlichem Behagen. »Carmen! Das Lied! In jedem Gewande ist sie es. Bald ein naives Volksliedlein, bald ein fortstürmender Triumphgesang, bald — wer weiß, wie bald — ein heißes Liebeslied.... Nun, der Meister wird sich finden, der ihren Sinn auf die richtige Harmonie stellt. Nur Geduld wird er haben müssen, denn das Material ist so spröde wie kostbar.«
Am Abend des zweiten Tages saß Otten allein im dämmerigen Zimmer, als Carmen von einem Ausgang zurückkehrte und ins Zimmer trat.
»Hallo, Kleine.«
»Gott, wie du mich erschreckt hast! Bist du es, Vater?«
»Du hast wohl ein schlechtes Gewissen? Komm doch mal näher.«
»Du kannst mich ja doch kaum sehen. Es ist ja beinah’ dunkel.«
»So, damit rechnest du also. Aber ich werde es machen wie der alte König, der eine junge Frau genommen hatte und dem verliebten Pagen nachlief, den er vor ihrer Tür betraf.«
»Das ist lustig.«
»Das ist sehr traurig, aber ich will es dir doch erzählen, damit du einsiehst, daß es ein Vertuschen nicht gibt. Als der verliebte Junge vor seinem Verfolger in den Schlafsaal entwischt war und sich zwischen den anderen Pagen schlafend stellte, ging der alte, weise König von einem zum andern und legte jedem die Hand aufs Herz. Und siehe da, ein Herz schlug ganz ungestüm. ›Hab’ ich dich?‹ sagte der alte, weise König und nahm das Herzchen beim Ohr.«
»Au, Vater.«
»Au, mein Herzchen, laß es dir eine Lehre sein. Die alten, weisen Könige leben noch.«
Sie faßte seine Hand, die ihren Ohrzipfel hielt. »Der alte König war nur so weise, weil er früher auch mal Page war.«
»Daß dich das Mäuschen beißt! Solche Logik verbitt’ ich mir.«
»Und du warst auch mal Page. Sonst wüßtest du das alles nicht.«
»Aber man schämt sich hinterher seiner Pagenstreiche. Und das vermisse ich doch sehr bei dir.«
»Vater,« lachte sie leise und drückte ihren Kopf gegen seinen Ärmel, »ich möcht’ dir auch mal die Hand aufs Herz legen.«
»Willst du schweigen! Es ist doch ein Glück, daß es dunkel ist.... Mädel, ich glaub’ fast, du wärest besser ein Junge geworden.«
»Dann hätte ich dein Kamerad werden können.«
Er nahm sie fester in den Arm. »Hätte dir das Freude gemacht? Mit deinem Vater durch die Welt zu ziehen?«
»Du mit der Mandoline, Vater, und ich mit dem Tamburin. Und kein Mensch, der uns was zu sagen hätte. «
»Und Abends im Städtlein, Da kehr’ ich durstig ein —«
summte Otten. »Die Sterne stehen am Himmel und winken zu neuen, unbekannten Fernen, und wir flüstern noch im Schlaf: morgen — morgen kommen wir zu ~euch~!«
»Ach, Vater —«
»Hast du mich lieb, Töchterchen?«
»Jetzt wieder. Nun behandelst du mich nicht als kleines Mädchen. Das geht doch nicht gut.«
»Und weshalb soll das nicht gehen?« fragte er erstaunt.
»Du bist doch nie zu Hause gewesen. Vor der Mutter brauch’ ich mich nicht zu genieren. Ich kann dir das nicht so sagen, aber ich weiß nun mal nicht anders, als daß sie immer zu mir gehört hat. Verstehst du?«
»Närrchen,« sagte er, hob ihr Kinn und küßte sie. »Ich gehöre auch dazu.«
Sie erwiderte nichts. Aber sie schlang die Arme um seinen Nacken und schwang sich auf sein Knie.
»Was? Doch noch ein Schoßkindchen? Solch ein großes Frauenzimmer!«
»Es sieht ja keiner. Ich freue mich, daß du da bist.«
»Mit einem Male? Ich hatte schon die Hoffnung verloren.«
»Ach du! Du verlierst nie die Hoffnung. Ein so berühmter Mann wie du hat ein Zauberstäbchen.«
»Das möchtest du wohl auch haben?«
»Ich bin furchtbar stolz auf dich. Ich höre immer zu, wenn die Leute von dir sprechen. Und sie sprechen immer so Interessantes von dir.«
»Na, na,« machte er zweifelnd.
»Du kannst es mir glauben. Und ich weiß, daß mich alle meine Freundinnen um dich beneiden.«
»Schmeichlerin,« knurrte Otten. »Du schmeichelst wohl nur so schön, weil du dir schmeichelst.«
»Hast du auch Prinzessinnen kennen gelernt? Oder interessieren sich die nicht für uns?«
»Mein liebes Kind,« sagte Otten, »jeder Mensch sehnt sich in seinem Unverstand am meisten nach dem, was nicht für ihn ist. Wenn wir uns ein Märchen ausdenken, muß es eine Prinzessin sein, und wenn eine Prinzessin ein Märchen spinnt, muß es ein Gänsejunge sein. Aber bald schon, und wir bekommen die Prinzessin und die Prinzessin bekommt uns über.«
»Wann soll das kommen?«
»Wenn der holde Unverstand schwindet. Wenn wir sehend werden und der schadenfrohe Tag uns das Spielzeug aus den Händen schlägt. Wer dann noch nicht klug ist, rennt hinter neuen Märchen her. Es gibt eben so viele Prinzessinnen und so viele Gänsejungen.«
»Erzähl doch.«
»Kind, nach so etwas fragt man nicht. Kleine Mädchen haben hübsch Fastenspeise zu essen.«
»Ich bin kein kleines Mädchen.«
»Verzeihung, mein Fräulein, aber ich wußte nicht, wie ich Sie als junge Dame anders behandeln sollte.«
Plötzlich lachte sie in sich hinein.
»Was hast du, großer Racker?«
»Mir fiel nur eine Geschichte ein, weil du von Fastenspeise sprachst. Der alte Klaus hat sie mir erzählt.«
»So, so. Eine Geschichte vom alten Klaus. Ist sie auch fromm?«
»Sie ist von einem Mönch aus einem Kloster im Siebengebirge. Wie heißt er doch?«
»Cäsarius von Heisterbach.«
»So heißt er. Soll ich sie dir erzählen?«
»Du fieberst ja darauf. Und tugendhaft ist sie? Nun, ich werde sehen, ob ich mich daraufhin beruhigen kann.«
»Hör zu, Vater. Beim Dechanten von Sankt Andreas kehrten einmal an einem Fasttag einige Mönche ein, die er zu Tisch lud. Da aber keine Fische im Hause vorhanden waren, sprach er zu seinem Koch: ›Wir haben heute keine Fische, aber es sind einfache Klosterbrüder, und sie haben Hunger; da wird es ein Fleischgericht auch tun. Du mußt aber die Knochen sauber herausnehmen und es so kneten und klopfen, daß es aussieht wie ein Fisch. Dann tust du brav Pfeffer daran, bringst die Schüssel auf den Tisch und sagst dazu: Gesegne der Herr euch diesen Butt allesamt!‹«
»Carmen, Carmen — —!«
»Der Koch tat genau nach Auftrag, und sobald er gesagt hatte: ›Gott gesegne euch diesen Butt,‹ begaben sich die Mönche ans Essen, und es mundete ihnen vortrefflich. Der fromme Betrug blieb ihnen verborgen, und obgleich der Butt seltsam schmeckte, so war der Geschmack doch nicht unangenehm. Fragen wollten sie nicht, ob er vielleicht aus der See herkomme, weil sie den Wirt keiner Unwahrheit zeihen mochten. Wie aber der Grund der Schüssel schon sichtbar war, fischte einer der Mönche mit dem Löffel ein Schweinsöhrchen, und der andere zog ein Schnüßchen hervor. Lächelnd sahen sich die beiden an und zeigten ihren Fund. Der Dechant aber sagte scheinbar erzürnt: ›Esset doch in Gottes Namen weiter! Mönche sollen nicht vorwitzig sein. Butte haben doch auch Ohren und Schnüßchen!‹«
»Nun? Nun?« Otten lachte, daß ihm die Tränen kamen.
»Also aßen sie die Ohren und Schnüßchen ohne Gewissensbedrängnis,« schloß das junge Mädchen, und ihr klingendes Lachen mischte sich mit dem des Vaters.
»Und die Nutzanwendung für mich? Denn das hast du doch bezweckt?!«
»Mönche und junge Mädchen sollen nicht vorwitzig sein.«
»Das stimmt! Nun also? Das stimmt doch?«
»Und deshalb kannst du mir ruhig erzählen, was du willst. Ich werde es —«
»Nun, was wirst du —«
»Ich werde es für einen Butt nehmen.«