Chapter 22 of 24 · 3976 words · ~20 min read

Part 22

»So, so. Sie sind bei dem Unwetter am Rhein gewesen. Diesen Frühlingsstürmen ist nicht zu trauen. Und jedenfalls befanden Sie sich in einer seelischen Erregung, die Sie zur Aufnahme der Krankheit noch geeigneter machte. Nun, es ist nur eine Affektion. Die Hauptsache ist, gnädige Frau, daß Sie aufs genaueste die Vorschriften befolgen. Dann werden wir bald wieder am Rhein spazieren gehen. Aber bei besserem Wetter. Soll ich aus dem Kloster eine Schwester herbitten?«

»Wenn Sie ~mir~ die Dienstreichungen anvertrauen könnten, Herr Doktor,« sagte Otten und trat vor, »so wäre es mir lieber. Was mir an Geschicklichkeit abgeht, ersetze ich durch Zuverlässigkeit.«

»Ich dachte nur, daß sich Frauen gegenseitig —«

»Meine Frau ist nur an mich gewöhnt.«

»Schön. So darf ich Sie wohl informieren, und am besten im Beisein der Wirtschafterin.«

Otten öffnete höflich die Tür, nickte seiner Frau zu und folgte dem Arzt, der auf der Treppe stehen blieb. »Hören Sie, Herr Doktor Otten, das ist keine leichte Affektion, wie ich es vorhin zur Beruhigung Ihrer Gattin hinstellte. Ich habe die Pflicht, Ihnen gegenüber offen zu sein. Und ich kann es doch?«

»Ohne Schonung, wenn ich bitten darf.«

»Es ist eine Lungenentzündung, die sich rapide entwickelt hat. Wenn ich auch nicht gleich das Schlimmste befürchte, so muß ich Sie doch auf den Ernst der Situation aufmerksam machen. Meine Vorschriften müssen auf das peinlichste befolgt werden, eine Nachtwache muß sein, die alle zwei Stunden die Packungen wechselt und jede Minute bereit ist, beizuspringen, der Kranken durch Eisstückchen Erleichterung zu verschaffen und ihre Herztätigkeit durch einen Trunk Champagner anzufeuern. Ich möchte Sie noch einmal fragen: Soll ich nicht lieber eine Vinzenzschwester bitten?«

»Herr Doktor,« antwortete Otten ruhig, »wenn die Möglichkeit besteht, daß es sich für meine Frau nur noch um ein, zwei Nächte handeln könnte, so will ich diese Nächte für mich allein haben.«

»Die Möglichkeit ist nicht außer Frage. Vor morgen ist Genaueres nicht zu bestimmen. Andernfalls aber —«

»Andernfalls — und ich hoffe mit aller Kraft, daß dieser andere Fall eintritt — kann kein Mensch schneller die Genesung meiner Frau herbeiführen helfen als ich. Ich allein bin der Gewinnende — wie ich der Verlierende sein würde.«

Sie gingen die Treppe hinab und trafen Heinrich Koch und den alten Klaus auf der Diele. Und während der Arzt aus den mitgebrachten Vorräten ein paar Medikamente hervorsuchte, hatte sich Otten stumm zu den Freunden gesellt und saß zwischen ihnen. Mit heimlichem Staunen betrachtete der Arzt das seltsame graue Kollegium ....

Dann rief er die Wirtschafterin und wiederholte seine Vorschriften. Otten hatte sich sofort erhoben.

»Ich fahre jetzt nach Hause,« wandte sich der Arzt an ihn, »aber ich werde heute abend gegen zehn Uhr wieder hier sein, um der Patientin, falls die Atmungsbeschwerden sich steigern sollten, ein paar Stunden Schlaf zu verschaffen.«

Otten reichte ihm die Hand. Sein Auge ruhte für Sekunden auf dem Gesicht des Arztes, als ob es dort mehr zu lesen gäbe. Dann ließ er die Hand fallen. »Haben Sie Dank.«

»Auf Wiedersehen.«

Otten grüßte, wandte sich um und ging an den Freunden vorbei, die hinter ihm dreinschauten, bis er die Treppe hinauf war, und auch dann noch horchten, bis sie die Türe seines Zimmers ins Schloß gleiten hörten.

Er konnte nicht sofort in die Schlafkammer gehen. Mitten im Zimmer stand er, mit weit geöffneten, ungläubigen Augen, und sein Kopf wiederholte sich beständig die Worte des Arztes. »Es ist Gefahr — es ist Gefahr.« Das war ja nicht auszudenken. Das mußte einen anderen betreffen, nicht ihn. Nicht ihn und Maria. Sein Gesicht verzog sich, daß es um Jahre älter erschien, seine Augen suchten ratlos in allen Ecken. Und wieder arbeitete sein Gehirn, daß es ihn schmerzte. Bei Gott, der Arzt war hier gewesen, der Arzt hatte gesprochen, von Maria gesprochen, es ließ sich nicht aus der Welt schaffen, was er gesagt hatte, Maria war in Gefahr. Maria ...? War es denn möglich, daß sie ihn allein lassen wollte? Wie das? Hatte er sie nicht allein gelassen und es alle die Jahre gewünscht, daß er allein bliebe? Aber das war doch gewesen! Was hatte das Gestern mit dem Heute zu tun? Was waren ihm alle die Jahre? Was bedeuteten sie für ihn? Nur eines hatte noch Geltung. Das, was geschehen war, seit er sie wieder hatte.

Und nun — aus und vorbei? Ein letzter Blitz, der sein Leben erleuchtete und es aufrüttelte? Um ihm den Weg zu zeigen. Auch das für ihn? Und — aus.

»Nein!« stieß er hervor.

Seine Gestalt reckte sich. Seine Augen glühten. Mit geballten Fäusten stand er und zog alle Selbstbeherrschung an sich.

In der Kammer regte sich Frau Maria. »Bist du da, Joseph?«

Er ruckte mit dem Kopfe, fand ein schnelles Lächeln und ging zu ihr hinein. Sie hatte sich halb aufgerichtet.

»Hat der Arzt draußen noch etwas gesagt, was ich nicht hören sollte?«

Er legte sie sanft in die Kissen zurück. »Nur seine Vorschriften hat er wiederholt, damit dir morgen schon besser ist. Dazu mußt du nun auch helfen. Am Abend schaut er noch einmal bei dir nach.«

»Joseph — du läßt keine Schwester zu mir.«

»Ist es auch dir lieber, wenn ich dich pflege? Es ist Egoismus von mir. Ich möchte so gern ein wenig abzahlen.«

»Nein, es ist Egoismus von mir.«

Sie lag für Sekunden still und suchte ihre Brust zu beruhigen. »Es könnte,« fuhr sie fort, »auch einen andern Verlauf mit mir nehmen, als wir uns wünschen ... Sollte das sein — hab’ ich dich doch für den Rest — ganz für mich allein.«

Es rieselte durch seinen Körper. Da waren dieselben Gedanken, die er eben erst dem Arzte ausgesprochen hatte. Und nun klangen sie wieder zusammen in ~einen~ Ton, wie so oft, wie immer.

»Wir gehören zusammen,« sagte er nur.

»Spürst du das, Joseph?«

Er antwortete nicht. Er legte seinen Kopf dicht neben den ihren auf das Kissen und verharrte so. Langsam kroch der Abend ins Zimmer und umspann sie.

Wenige Worte hatten sie nur getauscht, Zärtlichkeitsworte, die nur ein Hauch waren und doch die Kammer füllten. Jetzt machte Otten Licht, nahm mit einer Geschicklichkeit, über die er selber staunte, eine neue Packung vor und reichte seiner Frau die Medizin. Die Fiebermessung ergab einen höheren Grad.

Mit dem vorrückenden Abend fühlte sie sich schwächer. Der Atem ging heißer und heftiger, und das Bemühen, es ihn nicht merken zu lassen, gab ihr wirre Worte ein. Die Wirtschafterin brachte die Kräftigungsmittel, die der Arzt verordnet hatte, und sie nahm sie ohne Zögern. Auch von dem Champagner, den Otten ihr von Zeit zu Zeit reichte, trank sie gehorsam. Dann begann sie zu erzählen, halblaut, in kurzen, abgerissenen Sätzen, die sie ihrem Atem anpaßte. Nahes und Fernes, alles mit demselben merkwürdig wichtigen Ton. Als wäre nichts Unwichtiges in ihrem Leben gewesen.

Immer länger, immer erregter wurden die Sätze. Ihr Kopf zuckte unter seinen Händen. »Wenn ich nur schlafen könnte,« murmelte sie erschöpft.

Gespannt horchte Otten auf jedes Geräusch, das von der Straße kam. Aus der Ferne ein paar Freudenjauchzer von Karnevalsbrüdern. Sonst nichts. Und die Uhr zeigte auf zehn. Jede Minute dehnte sich ins ewige. Jetzt! Räderrollen ... Er atmete auf. Vor dem Hause hielt die Kalesche.

Der Arzt hatte Lungen und Herz einer neuen Untersuchung unterzogen. Standhaft hielt Frau Maria aus, obwohl jede Bewegung sie schmerzte. »Ich bring’ Ihnen den Schlaf, gnädige Frau.« Und er vollzog schnell eine Morphiumeinspritzung. An ihrem Bett blieb er sitzen, bis die Wirkung eintrat. Mitten in der Erzählung froher Dinge, die sie bewegten, legte sie den Kopf auf die Seite und schlummerte ein.

»Eine willensklare und willensstarke Frau,« sagte der Arzt. »Keine Silbe, die auf sie selbst hinweist, keine Klage, die auf ihre Schmerzen deutet, immer nur beschäftigt mit den Angelegenheiten der Menschen, die ihr nahe stehen. Jetzt verstehe ich, Herr Doktor, weshalb Sie nicht vom Platze weichen wollen.«

Otten sah ihn düster an. Dieser Landarzt hatte die Frau nach wenigen Stunden ergründet. Aber was er da sagte, von »nicht vom Platz weichen wollen«, traf nur halb zu, traf zu spät zu, und ein Hohn lachte in ihm über das eigene, späte Verständnis. »Ja, ja —,« antwortete er.

»Ich habe viel von Ihnen gehört, Herr Doktor, und Sie in früheren Jahren auch selber bewundert. Sie haben ein reiches Leben gelebt. Vergessen Sie das nicht, wenn Anforderungen an Sie gestellt werden.«

»Nein, nein —,« erwiderte er.

»Morgen früh, gleich nach der Sprechstunde komme ich heraus. Ich wünsche Ihnen beiden eine gute Nacht.«

Dann war er allein mit der Schlummernden. Und während er sie betrachtete und seine Hände auf die ihren legte, als ob er sich ihrer vergewisserte, jagten seine Gedanken kreuz und quer, suchten ein Wort, das er soeben vernommen haben mußte, fingen es ein, trieben es im Kreise und spielten mit ihm Fangball. Anforderungen. Anforderungen. Was für Anforderungen gäbe es danach noch —

»Nichts. Keine. — Ruhe da!«

Einmal erwachte sie. Es war nach Mitternacht. Und er nutzte die Gelegenheit, die Umschläge zu erneuern und ihr zu trinken zu geben. Kaum, daß sie die Kissen wieder berührte, entschlummerte sie aufs neue.

Otten vermeinte auf dem Korridor ein leises Geräusch vernommen zu haben. Als er nachsah, stand Heinrich Koch vor ihm, und der alte Klaus wartete auf der Treppe.

»Ja, Heinrich, das ist nun so. Kaum gewonnen, schon zerronnen.«

Heinrich Koch schüttelte den feinen Gelehrtenkopf. »Selbst wenn das Schlimmste einträte, Joseph, Frau Maria ist nicht wie jede andere — es bleibt etwas.«

»Etwas.«

»Genug für dich, wo du gar nichts mehr erwartet hattest. Und wohl sogar so viel, daß auch ich noch daran teilhaben kann.«

»Jupp,« sagte der alte Klaus, »Kop hoch. Hal dr Nacke stief.«

Da flog ein Lächeln über Ottens steinerne Züge. »Dat donn ich. Gut’ Nacht.«

Die kurze Ansprache hatte ihm gut getan. Sie wirkte nach und füllte die Stunden aus. »Nur die Knabenfreundschaften haben den langen Atem des Lebens,« dachte er. »Was hinterher kommt, ist nicht mehr uneigennützig. Wo sind alle die Nachfolger geblieben? Mit der letzten Flasche, zu der ich sie einlud, vom Stuhl gefallen. =Habeant sibi.=«

Er träumte vor sich hin. Vom alten Klaus und dem väterlichen Schiff, das er führte. Von Heinrich Koch, dem kleinen, fröhlichen Kameraden, der ihm nie von der Seite gewichen war. Und von dem kleinen Hinterhälter — wie hieß er doch? — Medardus. Medardus Terbroich. Der Name stach ihm ins Gehirn. Medardus — Laurenz. »Sippschaft du. Wir rechnen noch ab.« —

Mit der Uhr in der Hand führte er den Krankendienst aus. Vor Morgengrauen erwachte Frau Maria, um nicht wieder einzuschlafen. »Guten Morgen, Liebste,« sagte er und beugte sich über sie. »Wie fühlst du dich?«

Ihre Augen gingen über ihn hin, streiften die Wände ab und kehrten zu ihm zurück. »Was war das nur? Das Letzte?«

»Du wirst geträumt haben. — Erkennst du mich jetzt?«

»Dich? Weshalb sollte ich dich nicht erkennen, Joseph? Du und Carmen — ach, ruf sie doch.«

»Du bist in Zons, Maria. Hast du noch Schmerzen?«

»Schmerzen — Schmerzen?« murmelte sie. »Ja, ich habe Schmerzen. Eigentlich sind es keine. Nur der Atem. Wenn ich doch nur ein einziges Mal — richtig — atmen könnte.«

Kurz darauf packte sie ein schwerer Anfall. Sie rang nach Luft, daß sich der Körper bäumte, und krampfte die Hände in das Leinentuch. Ohne Zaudern griff Otten zu, brachte sie in sitzende Stellung und streichelte ihr liebkosend die feuchte Stirn. Sie versuchte zu sprechen. In kurzen, hastigen Stößen ging ihr Atem. »Danke,« sagte sie endlich.

Nachher lag sie, ohne zu reden. Immer vergeblich bemüht, die Atemnot zu meistern. So fand sie der Arzt.

Als Otten ihn hinausgeleitete, machte er ein Sorgengesicht. »Das Fieber ist gestiegen. Wir können nichts tun, als bei der Behandlung bleiben. Versprechungen machen kann ich nicht.«

»Sie müssen.«

»Ich kann es nicht.«

»Gestatten Sie mir, einen zweiten Arzt zuzuziehen.«

»Ich wollte Sie gerade selber darum bitten. Haben Sie einen Vorschlag?«

»Geheimrat Bartels in Köln. Er war unser Hausarzt.«

»Ich werde ihn sofort von der Station aus telephonisch herüberbitten. Zum Nachmittag können wir gemeinsam hier sein.«

Auf seinem Zimmer fand er zu seiner Verwunderung Koch. »Was willst ~du~ hier?«

»Vorbeugen, daß du nicht unvernünftig wirst, Joseph. Unsere Kranke schlummert. Sofort streckst du dich auf das Sofa und versuchst ebenfalls zu schlafen. In zwei Stunden wecke ich dich. Und wenn unsere Kranke früher aufwacht, früher. Mein Wort darauf. Bedenke, daß du deine letzte Kraft für die kommende Nacht brauchst.«

Ohne zu verhandeln, willfahrte er.

Am späten Nachmittag brachte der Arzt den Kölner Geheimrat. Im Städtchen war das Leben heute reger. Die Karnevalswelle ging selbst an diesem einsamen Strande nicht vorüber, ohne seinen Puls zu erhöhen. Frau Maria hatte das Anrollen des Wagens vernommen. Aus der Ferne hörte sie Gesang und wirre Musik. »Was ist das für ein Tag?« fragte sie.

»Rosenmontag.«

»Rosenmontag ... Schön ist der Name.«

Die Ärzte traten ein. Der Geheimrat schüttelte Otten lange die Hand. Er hatte zu seinen eifrigsten Bewunderern gezählt. Dieser hagere Mann mit dem verwitterten Gesicht und dem grauen Haar war Otten? Er hätte ihn nur an den stahlblauen, aufblitzenden Augen erkannt.

»Herr Geheimrat, wenn Sie ihr nicht helfen können, schaffen Sie ihr Erleichterung. Sie hat ein Anrecht darauf.«

»Ich weiß, und ich werde das meine dazu tun.«

Nach einer Viertelstunde, während der Kollege am Bett blieb, nahm er Otten beiseite. »Das Herz ist aufgerieben, es leistet keinen Widerstand. Die Lungenentzündung allein hätte das nicht vermocht. Ich habe ihr Kampfer gegeben, um die Herzschwäche zu heben. Das täuscht über ein paar Stunden hinweg. Aber — wie gesagt — es ~täuscht~ nur hinweg.«

»Leiden soll sie nicht!«

»Geben Sie ihr in der Nacht noch einmal von diesen Tropfen. Das Bewußtsein der Schmerzen wird dadurch aufgehoben. Sie war eine tapfere Frau, Herr Doktor.«

»Ah — — sie war — —!« —

Und wieder war er mit seiner Frau allein. Er hatte die Fensterläden geschlossen, daß kein Ton der Außenwelt in ihr Beieinander dringen sollte, und das Licht fortgestellt, daß nur ein Schein über ihnen lag. Und während es Nacht wurde und Stunde auf Stunde vorüberzog, Stunden, die nur nahmen und nichts brachten, erzählte er in leisem Flüsterton immerfort, immerfort. Von all den Jahren, von denen sie nichts wußte, und die doch ihr gehört hätten gleich all den früheren, weil seine Sehnsucht sie wie ein scheuer Vogel umflattert hätte.

»Nun hole ich alles nach,« sagte sie mit fliegendem Atem. »Alles mit einemmal.«

Und er erwiderte, und es war wie eine Selbstanklage: »Was hast du für ein Leben gehabt — —«

Sie strich mit der Hand über die Decke, als ob sie seine Seele glätten könnte. Er mußte sich zu ihr beugen, um sie zu verstehen.

»Keine Frau war glücklicher. Denn ich durfte nicht nur eine Liebe, ich durfte ein Trost sein. Wer kann soviel von sich sagen. Und daß ich dein Trost sein durfte — das macht mein Leben — herrlich.«

»Maria, nun ist die Reihe an mir.«

»Siehst du — sie ist auch an dich gekommen. Und wenn du — Carmen hilfst — gib acht, wie das Gefühl — ein Leben aufwiegen kann. Hilf Carmen, Joseph. Was du ihr tust — tust du der Mutter.«

Die Beschwerden steigerten sich. Er reichte ihr die Tropfen, und sie dämmerte dahin. Noch einmal sprach sie, mit großer Anstrengung. »Ist — der Morgen da? Ich — möcht’ ihn sehen.«

Er öffnete die Läden und ließ das junge Tageslicht herein. Die Morgensonne glitzerte durch die Scheiben.

»Sonne — —! Du — Carmen — und die Sonne.«

»Sie hat nie anders als Maria geheißen.«

»Joseph —,« stieß sie hervor, »du —!« Und sie blickte in die Sonne ...

Plötzlich öffneten sich ihre Augen weit. Sie sah ihren Mann an. Sie wollte noch etwas sagen, und es gelang ihr nicht mehr. Sie mühte sich um ein Abschiedswort. Und es wurde ein herzzerreißendes Lächeln.

Er hielt sie in beiden Armen. Ganz fest an seiner Brust. Und er las in ihren Augen, was sie noch wünschte: »Küß mich, Joseph.«

Da legte der Mann seinen Mund auf den ihren und küßte ihr den letzten Odem von den Lippen — —

Als die Ärzte nach einer Stunde kamen, fanden sie ihn, den Arm noch immer um die Tote gelegt. Und als sie wieder gegangen waren, saß er wie vorher. Den ganzen Morgen über. Mit seinen Gedanken allein.

Erst gegen Mittag kam er auf die Diele. Heinrich Koch und der alte Klaus erhoben sich von ihren Sitzen.

»Joseph —«

»Es ist schon gut.«

»Eine Depesche — an Frau Maria.«

Er nahm sie entgegen. »An Frau Maria im Himmel.«

»Joseph,« sagte Heinrich Koch, »ich habe sie lieb gehabt, wie keine andere Frau.«

»Ein Hinterbliebener mehr.«

»Zwei,« sagte der alte Klaus, »zwei mehr, Jupp.« Und er zerbrach vor Erregung die Tonpfeife und stampfte hinaus.

»Willst du nicht die Depesche öffnen?«

»Ach so.« Er riß den Streifen auseinander und las. Zuerst Moritz Lachners Unterschrift. Dann den Text. »Terbroich und Carmen wollen morgen früh nach dem Süden reisen. Meine Aufklärungen von Carmen als unglaubwürdig abgelehnt.«

Joseph Otten las zweimal. Und wie er das zweite Mal las, lachte er hart vor sich hin. »Geduld ...«

»Nachrichten von Carmen, Joseph?«

»Sie wird morgen hier sein.«

»Gott sei Dank.«

Otten schritt über die Diele hin und her. »Übermorgen wollen wir sie beerdigen.« Und er blieb stehen und blickte nach der Decke. »Hier, damit wir sie in der Nähe haben, wenn wir sie brauchen. Tote binden stärker als Lebende. Du nimmst mir wohl die notwendigen Besorgungen ab, Heinrich.«

»Alles. Kümmere dich um nichts. Soll ich auch an Carmen telegraphieren?«

»Ich gehe selbst zur Station. Ich habe noch einen Spaziergang vor, einen Geschäftsweg, was weiß ich? Da ist ein Wille, ein Testament Marias, das vollzogen werden muß, damit ihr kleiner Schatz nicht gestohlen wird.«

»Kann ich dir den Weg nicht abnehmen?«

»Nein,« sagte Joseph Otten, »den Weg kann mir kein Mensch abnehmen.«

Er nahm nur ein Glas Wein. Etwas anderes zu genießen, ließ er sich nicht überreden. Oben in der Schlafkammer stand er in Hut und Havelock lange vor der Toten. Die Kirchenuhr schlug eine Nachmittagsstunde. Da riß er sich los.

»Ich geh’ jetzt, Maria.«

Und er ging. Schweigend um die Stadt herum und schweigend über die lange, öde Chaussee, die vor drei Tagen seine Frau gegangen war. Das fiel ihm ein, als er einherschritt. »Sie hat ihren Auftrag ausgeführt. Ich darf nicht zurückbleiben.«

Als die Station in Sicht kam, beeilte er sich.

»Ich hab’ einen Auftrag. Ich hab’ die Konsequenzen meines Lebens zu ziehen. Daran kommt keiner vorbei, und wenn er sich auf die einsamste Insel gerettet hätte. Eine vom Wind verschlagene Woge rollt heran und holt mich herunter. Und ob ich mir die Konsequenzen meines Lebens anders gedacht hätte, fröhlicher, leichtlebiger — danach wird nicht gefragt. Es handelt sich nicht mehr um dich, es handelt sich um die, die du nachlässest, Joseph Otten. Also bist du noch zu etwas nütze. Schlafe ruhig, Maria.«

Der Zug war des Fastnachtsdienstags wegen wenig besetzt. Er nahm einen Platz in einem Kupee erster Klasse und blieb allein. Gemächlich fuhr der Zug von einer Station zur andern. Er merkte es nicht. Er saß in seiner Ecke und grübelte.

»Es gibt einen Ausgleich. Weil ich an keiner Frau vorüber konnte, ohne sie schön zu finden, muß ich im Alter ausziehen, die Tochter zu schützen.«

»Vor solch’ einem Burschen. Das ist das ärgste.«

Übermüdet schloß er die Augen. Und wie auf einer Pflichtwidrigkeit betroffen, schnellte er hoch.

»Bleib munter, Joseph, bleib munter. Nachher gibt’s Zeit zum Schlafen die Menge.«

Da stand der Dom und reckte seine Schwurfinger. Und Otten reckte sich auch, verließ den Bahnhof und betrat seine Vaterstadt.

Er war in ein Tollhaus gekommen. Der Kehraus des Karnevals wirbelte durch Straßen und Gassen. Heute noch leben wir, morgen schon sterben wir. Genießt, genießt! Der Aschermittwoch wartet vor der Tür.

»Fastelowend kütt eran, Spille mer op der Büsse. Alle Mädcher kriegen ’ne Mann, Ich un och min Söster!«

sang ihm eine wilde Schar Kostümierter, heiser von den Strapazen der Festtage, das alte Karnevalsliedchen in die Ohren, und eine andere Schar nahm gellend die Weise auf:

»Dä Fastelowend kütt eran, Wat gitt dat Freud und Loß! Jitz schaff mer sich ’ne Flaabes an, Dann kömmt uns nit Verdroß!«

Otten schlug den Kragen seines Mantels hoch und zog den Hut in die Augen. Wie ihn das Treiben anekelte. Nur nicht erkannt werden. Die Luft war trunken von dem Lärm, und die Menschen trunken von der Luft. Nun, er war gekommen, um zur Ernüchterung zu verhelfen.

Der Menschenstrom drängte ihn vom Domplatz in die Komödienstraße. Die Straße war die rechte. Vor des jungen Terbroich Haus stemmte er sich gegen den Strom und wurde in die Haustür geschoben. Im Haus war es still. Die Parterrebewohner genossen den Fasching aus. Wer dachte heute an anderes!

Joseph Otten stieg zum ersten Stockwerk hinauf, das Laurenz Terbroich bewohnte. Er war ganz ruhig, als er die Klingel zog.

Nichts rührte sich in der Wohnung. Und Otten ließ das Läutewerk schriller ertönen.

»He, Johann!« rief drinnen eine Stimme. »Natürlich: zum Teufel! Alles verrückt.« Und ein Knurren, halb ärgerlich, halb lachend. Die Tür öffnete sich. Laurenz Terbroich, den schwarzen Domino über die Schultern gehängt, stand dem Besucher gegenüber.

»Sie wünschen?«

»Wenn es auf mich ankommt, nur zwei Worte.«

»Sie sehen, daß ich auf dem Sprunge bin, fortzugehen. Mit wem habe ich die Ehre?«

»Ich bin der Doktor Joseph Otten. Lassen Sie uns hineingehen.« — — —

=XX=

Laurenz Terbroich war unwillkürlich zur Seite getreten. Offenen Mundes starrte er die Erscheinung an. Dann preßte er die schmalen Lippen aufeinander und blähte die Nasenflügel, um seine Bestürzung zu meistern. »Herr Doktor Otten?« fragte er endlich und lächelte mit unterwürfigen Augen. »Sie kommen nach Köln zurück?«

»Extra Ihretwegen.«

Laurenz Terbroich schloß die Korridortür und ließ den Besucher ins Zimmer. »Entschuldigen Sie die Unordnung, Herr Doktor. Mein Diener hat den Nachmittag von mir frei bekommen, des Fastnachtsdienstags wegen. Auch ich wollte noch zu einer Veranstaltung. Man wird in diesen Tagen den Domino überhaupt nicht mehr los. Aber Sie waren ja auch einmal jung und in solchen Dingen nicht der letzte. Nein, wirklich, es sieht hier geradezu beschämend aus.«

Er hastete die Sätze heraus, als wollte er den Besucher gar nicht zu Wort kommen lassen, als wünschte er von vornherein den leichten Ton anzugeben, auf dem sich die Unterhaltung bewegen möchte.

Joseph Otten sah sich aufmerksam um. Der Salon war geschmackvoll in einheitlichem Stil gehalten. An den Wänden hingen alte, schöngerahmte Ölbilder. Auf dem Tisch stand die fußhohe Nachbildung einer Venus in Bronce. Daneben ein dünnstengeliges, halbgefülltes Sektglas venetianischer Arbeit und in metallenem Kühler die leere Flasche. Mit einem ironischen Ausdruck blickte Otten von dem Arrangement auf den Besitzer, der sich verlegen das schmale Backenbärtchen und die rasierte Oberlippe strich.

»Sie haben sich wohl Mut getrunken, Herr Terbroich?«

»Mut? O nein. Aber in dieser Karnevalsstimmung —«

»Ernsthaft. Ist diese Karnevalsstimmung in den letzten Jahren nicht die normale bei Ihnen gewesen?«

»Sie scherzen. Ich bin sonst kein Trinker. Ich wollte nur heute abend gleich in gehobener Stimmung sein.«

»Sie haben etwas Besonderes vor?«

»Nichts Besonderes gerade. Der übliche große Kehrausball.«

»Allein?«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich meine, ob Sie mit meiner Tochter hinzugehen gedachten?«

»Mit Ihrer — Tochter?«

»Herr Terbroich, Sie tun ja gerade, als ob Sie von der Existenz meiner Tochter kaum Kenntnis hätten? Mir wäre das weiter nicht unlieb, aber bleiben wir bei der Wahrheit, oder, falls Ihnen das Wort nicht geläufig sein sollte, auf realem Boden.«

»Herr Doktor, Ihre verletzende Unterstellung —«

»Bitte,« sagte Otten. »Ich komme erst in zweiter, dritter Linie in Betracht. Nicht wahr, das empfinden Sie selber? Und wir wollen hier keine Silben stechen. Dazu ist die Situation nicht angetan und die Zeit zu kostbar. Also Sie kennen Carmen sehr genau, Herr Terbroich?«

In Laurenz Terbroichs Augen spielten unruhige Lichter. Seine schmalen Lippen zuckten nervös. »Selbstverständlich,« erwiderte er kurz. »Wir sind doch Jugendfreunde.«

»Würden Sie mir wohl ein wenig von Entwicklung und Ziel dieser Freundschaft erzählen?«

»Derartige Liebesgeschichten dürften Sie doch zu wenig interessieren.«

»Ah — Liebesgeschichten. Vorhin nannten Sie das — Jugendfreundschaft. Ich sehe, wir verstehen uns bereits besser.«

»Ich verstehe Sie ganz und gar nicht, Herr Doktor.«