Chapter 18 of 24 · 3936 words · ~20 min read

Part 18

An diesem Abend ging er aus. Bei Peppe und bei Pasquale sprach er vor, aber in beiden Osterien hatte man den Professor Heinrich Koch seit geraumer Zeit nicht mehr gesehen. »Er wird krank oder verreist sein,« hieß es, »die Madonna wird’s wissen.« Und Joseph Otten machte sich auf, den Jugendfreund in seiner Wohnung auf dem jenseitigen Tiberufer aufzusuchen. Die Hausbesorgerin ging ihm merkwürdig scheu aus dem Wege, als er nach dem hochwürdigen Herrn Professor fragte.

»Bin ich eine solche Vogelscheuche geworden?« bespöttelte sich Otten. Doch kannte er die Wohnung und fand die Zimmertür. Er klopfte.

»Wer ist draußen?« ertönte Kochs Stimme.

»Gut Freund.«

»Der meine oder der des Teufels?«

»Der deine, vorläufig der deine.«

»Das wäre ein Mirakel,« brummte die Stimme drinnen. Dann schnappte der Riegel zurück.

»Guten Tag, Heinrich.«

Heinrich Koch streckte den Kopf vor. Tausend feine Linien lagen wie ein Spinnweb auf seinem rasierten Gesicht. Den langen Oberkörper beugte er nach vorn. Und mit einer raschen Handbewegung zog er den Besucher ins Zimmer. »Herr Gott im Himmel, der Joseph — —!«

»Fürchtest du Einbrecher, daß du dich einriegelst?«

»Der Joseph — —!« wiederholte Koch. »Der Joseph — —! Er ist doch wiedergekommen.«

»Ich hatte es dir versprochen, Heinrich.«

»Nun glaube ich wieder an eine Vorsehung.«

»Wieder? Solche Zweifel in geistlichem Munde?«

»Ich bin kein Geistlicher mehr, Joseph. Hier ist ein Sessel. Streck die Füße unter meinen Tisch.«

Sie saßen sich gegenüber und blickten sich in die Augen. Jeder suchte sich selbst im Auge des anderen.

»Ich will dir das zuerst erklären,« sagte Koch nach einer Pause, »damit du weißt, bei wem du bist.«

»Es ist nicht notwendig, Heinrich.«

»Aber mir ist es lieb. Heimlichkeiten haben nie zwischen uns beiden bestanden. Seit unserer Kindheit haben wir stets gemeinsame Sache gemacht. Hast du Zeit?«

»Ich bin nur deinetwegen hier.«

Koch schob die Brille zurück und blickte, im Stuhle liegend, zur Zimmerdecke. »Nur meinetwegen — —« Ein glückliches Knabenlächeln lief um seinen feinen Mund. »Das gibt es also noch auf der Welt, und du mußtest kommen, Joseph, um es mich zu lehren. Daher sagte ich vorhin: Ich glaube wieder an eine Vorsehung. Ich fand mich in der Freiheit nicht mehr zurecht.«

»Du bist frei? Deine Arbeiten sind vollendet?«

»Der letzte Korrekturbogen ist gelesen. Und dann hatte ich eine lange Unterredung mit Seiner Heiligkeit.«

»Du warst beim Papst?«

»Ich hatte eine Audienz, als ich den letzten Band überreichen durfte. Und in der Stunde, die mir der heilige Vater schenkte, entwickelte ich ihm die Gründe, die mich bewogen, den Rest meines Lebens auf eine andere Basis zu stellen. Ich wollte kein gewöhnlicher Fahnenflüchtiger sein. Wie es einem Manne ziemt, Auge in Auge wollte ich bekennen. Und der heilige Vater erkannte das an, wenn er auch meine Gründe bekämpfen mußte. Erst als er hörte, daß diese Gründe nicht von heute stammten, daß ich seit Jahren die Dogmatik und ihre Zutaten von mir hatte abtun müssen, um vor mir selber wahr zu bleiben, als er hörte, daß ich bis heute die Treue gewahrt hatte aus unerschütterlichem Pflichtgefühl gegen das von mir übernommene und nun endlich zu Ende geförderte Werk, ließ er ab von mir. ›Ich hoffe auf Gottes Gnade,‹ sagte er, und ich antwortete: ›Auch ich hoffe darauf im Leben und im Sterben.‹ Dann verließ ich den gütigen Mann und verließ den Vatikan, aus dessen Bibliotheken und Archiven ich meine besten Jahre nicht mehr mit mir nehmen konnte ...«

»Ist die Exkommunikation schon ausgesprochen?«

»Gestern. Man kam mir bis zur Grenze der Möglichkeit entgegen. Man glaubte, mich nach meinem Lebenswerk schonen zu müssen und zu können. Wohl auch aus Gründen kirchenpolitischer Natur. Aber ich bedurfte keiner Schonung. Irrte ich, so wird mir der Herrgott verzeihen, weil ich das Beste gewollt habe: kein halber Mann sein. Irrte ich nicht, so bringe ich dem Herrgott einen ganzen Mann.«

»Es ist nicht leicht, Heinrich, sich in älteren Jahren einen neuen Weg suchen.«

»Nein, es ist das schwerste. Ich habe es schon gemerkt. Der Vogel, der aus dem Käfig kommt, hat kein Vertrauen mehr zur Freiheit. Bis gestern war Leben in meiner Wohnung. Die Herren aus dem Vatikan gaben sich die Türklinke, um mich in zwölfter Stunde umzustimmen. Dann kam das Anathema. Und der erste Tag meiner Freiheit ist wie ein Totensonntag. Selbst meine Aufwärterin hat mich aufgegeben und weicht mir aus wie der heiligen Pestilenz.«

Otten lächelte. »So, so. Dir galt das. Ich bezog es schon auf meine Gespensterähnlichkeit.«

Heinrich Koch überhörte die Worte. Er blickte sinnend vor sich hin, und eine leise Röte der Verlegenheit färbte sein Gesicht. »Nein, leicht ist es nicht. Man findet keinen Wandergenossen mehr, der nur nach dem Kameraden fragt wie in alter Zeit und nicht nach seinem Katechismus.«

Joseph Otten reichte ihm die Hand. »Mich hast du, Heinrich.«

Beide Hände legte Koch um die Hand des Freundes. Sein Auge leuchtete auf. Er wollte sprechen und unterließ es. Vor ihnen beiden stand ihre Kindheit am Rhein.

»Es ist nicht viel von mir übrig geblieben, Heinrich.«

»Nicht für die da draußen. Aber für mich! Du warst als Junge mein Morgenrot, und nun willst du im Alter mein Abendrot sein. Mein Glück hat sich darauf besonnen, daß es ein Kreis sein muß.«

»Es wäre eher möglich, Heinrich, daß ich das Abendrot von dir erwarte. Ich bin — verbraucht.«

»Joseph, wir werden uns nicht im Stich lassen. Heute hilfst du, morgen ich. Das ist nun ein und dasselbe.«

»Hast du Pläne?«

»Nur nach Deutschland möchte ich zurück.«

»Nach Deutschland — —. Dahin will ich auch ... Nach seiner Erde, nicht nach seinen Menschen.«

»Du willst nicht — nach Köln?«

»Nein. Ein andermal davon. Ich eigne mich nicht zum Original. Frei sterben will ich, wie ich frei gelebt habe. Und in den Augen der paar Menschen, die mich einmal liebten, will ich mein Bild nicht auf den Kopf stellen.«

»Willst du mich mitnehmen?«

»Ich bin gekommen, um dich zu fragen, alter Freund.«

»Joseph! Überallhin. Und am liebsten — wo der Rhein gen Niederland fließt.«

»Ich habe ein Stockwerk im Hause unseres alten Klaus gemietet. Das ist in Zons. Du kennst das alte, vergessene Kastell. Die Wohnung wird nicht komfortabel sein, aber wir können sie uns nach unserem Geschmack gestalten.«

»Wir tapezieren sie mit unseren Erinnerungen, Joseph.«

»Und die Gesellschaft dürfte aus dem alten Klaus bestehen, der auch nicht mehr seetüchtig ist. Drei schiffbrüchige Männer auf einer weltfernen Insel. Wie gefällt dir das Bild?«

»Mir gefällt das Kollegium. In allen meinen Jugenderinnerungen spielt der alte Klaus die Rolle eines hohen und geneigten Beschützers. Joseph, wir drei vereint, und die alte Jugend hat sich wieder eingefunden. Das ist es, was ich mir durch all die Jahre ersehnt habe. Noch einmal die alte Jugend ...«

Otten strich sich mit langsamer Bewegung die grauen Haarsträhnen aus der Stirn — —. Er war nur müde ...

»Wann können wir reisen, Heinrich?«

»Wenn du willst: heute, morgen. Je eher, je lieber.«

»Hast du schon Abschied genommen?«

»Abschied? Ich will ja ein Wiedersehen feiern gehen. Erst wenn ihr mich einsargt, nehm’ ich Abschied.«

Otten erhob sich. »Also morgen. Und was machen wir mit dem Abend?«

»Ich will dem Peppe sagen, daß er seinen besten Gast verliert. Und mich bei seinem Frascati bedanken, daß er mir Mut und Feuer genug gegeben hat, diese Stunde zu erwarten.« Er nahm seinen Hut auf. »Gehen wir.«

Zwischen Tür und Angel blieb er noch einmal stehen. »Mensch —!« stieß er hervor und preßte Otten heftig an sich. Und mit verlegenem Gesicht, das die Freude rötete, stieg er die Treppe hinab.

Als sie sich in später Nacht trennten, stand der Mond hoch am Himmel. Otten hatte den Freund nach Hause geleitet. Jetzt ging er langsamen Schritts an der Engelsburg vorbei über die Tiberbrücke, immer weiter in die schlafende Stadt hinein, bis zu dem Punkte zurück, von dem sie ausgegangen waren.

Vor ihm rauschten die Wasserfluten der Fontana di Trevi. — —

Lange stand er und schaute gedankenversunken in die sprudelnden Wasser. Dann richtete er seine hagere Gestalt gerade auf.

»Diesmal,« murmelte er, »werfe ich kein Geldstück in die Flut. Diesmal trinke ich nicht von dem Wasser.«

Er legte die Hand über die Augen.

»Denn ich komme nicht mehr wieder ....«

=XVI=

Wenn der Rheindampfer die grünen Höhen des Siebengebirges passiert hat, und in Bonn und Köln die letzten Rheinfahrer gelandet sind, bleibt ihm meist nur noch die Güterladung zu Tal. Selten, daß ein paar Menschlein an Bord zurückbleiben, die da wissen, daß die Romantik des Stromes weiter reicht als seine rebenbekränzte Bergstraße, daß sie in der niederrheinischen Tiefebene noch einmal einen Triumph feiert, und der köstlichsten einen. Unberührt vom Zuge der Zeit, abseits selbst von den Eisenschienen, die Städte und Dörfer verbinden, hebt sich aus den Rheinwiesen zwischen den römischen Städtegründungen Köln und Neuß eine kleine, burgartige Stadt wie ein vergessenes Märchen: ~Zons~.

Zwei Jahrtausende fast zurück reicht seine Geschichte. Sie ist alt wie die Geschichte Kölns. Ein Dezennium vor Christi Geburt legte Drusus zum Schutz der befestigten Lager Köln und Neuß Kastelle an, und Zons war unter ihnen. Die Franken herrschten hier, und der heilige Kunibert, der erste Erzbischof von Köln, erhielt es vom Frankenkönig zum Geschenk. Eine kurkölnische Feste wurde es, wild von der Kriegsfurie umtobt, und zu Ende des vierzehnten Jahrhunderts in ein Wunder mittelalterlicher Befestigungskunst verwandelt, das sich durch alle Kriegsstürme hindurch in unsere Tage hinübergerettet hat wie eine Frage der Romantik, an der der Mensch achtlos vorübergegangen ist.

Von gewaltigen Mauern umgürtet, zinnengekrönt, von ragenden Trutztürmen und starken, steinernen Torgängen flankiert, schaut das gotische Städtlein verwundert auf den Rhein, der es nicht minder vergessen zu haben scheint. Uneinnehmbar war es einst, und »Virgo« nannten es die Geschichtschreiber. Jungfräulich sollte es bleiben. Weder die Schiffahrt noch die Eisenbahn hatte hier einen Halteplatz.

Ein Kleinod liegt am Niederrhein, und wenige, viel zu wenige wissen darum. Staub fällt auf Mauerkrone und Turmkappen. Wer auf dem Rheine vorübersegelt, staunt hinüber wie auf eine phantastische Erscheinung, ein auferstandenes Vineta ...

Klaus Gülichs Haus lehnte sich an die Stadtmauer. Von seinem oberen Stockwerk aus schweifte der Blick über die Rheinwiesen, auf denen die kurzen, knorrigen Weiden aufmarschiert standen wie Regimenter stummer Soldaten. Und hinter den Rheinwiesen lag der breite, glitzernde Streifen des langsam ziehenden Stromes. Holländische Ruhe atmete das Land ringsum, das sich meilenweit dem Blicke öffnete. Ein Kranz von Windmühlen säumte den Horizont.

Das Haus war ein sauberer Fachwerkbau, weiß getüncht, mit grünen Fensterläden und einem schwarzen, schuppigen Pfannendach. Der alte Klaus hatte seine Ehre darein gesetzt, es so schmuck herauszuputzen, als wäre es ein Schiff wie das, das er einstmals im Auftrage der Firma Otten von Köln nach Holland führte, Jahrzehnte hindurch, immer dieselbe Strecke.

Von der Station Dormagen her rollte ein Wagen über die Chaussee. Jetzt fuhr er in die stille Stadt ein, die in sommerlicher Mittagsruhe lag, bog an der Mauer ab und hielt vor einem der letzten Häuser. Der alte Klaus stand auf der Schwelle, untersetzt, im gestrickten braunen Wollkamisol, das achtzigjährige verwitterte Schiffergesicht von weißem Stoppelbart bekränzt, und rauchte seine Tonpfeife.

»Tringche,« rief er über die Schulter der handfesten Wirtschafterin zu, »is die Zupp parat? Die Häre komme.« Dann befestigte er den Pfeifenstiel im Mundwinkel, rückte an der Schiffermütze und bot den Aussteigenden die breite Hand. »Sid ihr all do? Guten Dag ooch. Jungens, ihr seht schlääch us!«

»Guten Tag, Klaus. Mensch wie das ewige Leben! Wir wollen es uns auch verdienen.«

»Dat scheint mir ooch langsam Zick zu sinn. Oder ihr mößt noch ens op die Welt komme. Na — also — herzlich willkommen, säht mer woll.«

Heute saßen sie zusammen um den schweren Eichentisch der Diele und schöpften aus derselben Schüssel. In den nächsten Tagen sollte ein Mobiliar für die beiden Herren ankommen, das Otten in Köln bestellt hatte. Tringche würde die Mieter alsdann separat zu bedienen haben.

»Heiß,« sagte der alte Klaus und ließ es dahingestellt, ob er die Suppe oder das Wetter meine. Man sprach nicht viel während der Mahlzeit. Die Wirtschafterin holte das Fleisch- und Gemüsegericht, Messer und Gabel klapperten, und ein paar aufgestörte große Fliegen summten und surrten an der Fensterscheibe. Als man sich vom Tisch erhob, äußerte Otten ein Lob über die ausgezeichnete Küche.

»Na ja —« sagte der alte Klaus verschämt, als sei er der Kochkünstler gewesen. —

In ihrer Wohnung standen die Freunde am Fenster. Die Arme auf dem Rücken. Dicht nebeneinander. Schwermütig lag das Land, schwermütig die Stadt. Kein Ruf drang herüber.

»Hier gefällt’s mir,« sagte Otten.

»Mit geschärften Augen können wir die Türme des Kölner Domes sehen, Joseph.«

»Wir sind doch keine Toggenburger.«

»Nein. Aber es ist gut, die Heimat in erreichbarer Nähe zu wissen.«

»Ich für meine Person habe nichts mehr dort zu suchen. Ich will Ruhe, Heinrich.«

»Ich meinte auch nur, daß man ~dich~ einmal nötig haben könnte.«

»Das ist noch nicht dagewesen. Ich habe keine glückliche Hand in Familienangelegenheiten. Überflüssige Sorge, Heinrich, so überflüssig wie ich selber. Wir wollen es uns hier gemütlich machen.«

Heinrich Koch legte ihm den Arm um die Schulter. Und sie blickten auf den Rhein hinaus, auf dem das schlappe Segel eines Lastkahnes erschien, der verschlafen vorüberglitt.

Die Woche darauf waren sie eingerichtet. Sie hatten sich in die vier Stübchen geteilt, daß jeder sein Wohn- und sein Schlafzimmer erhielt. Auch ein Klavier war gekommen. Und die Bücherregale standen vollgepfropft von Bänden.

Heinrich Koch ging schmunzelnd durch die Räume. Seine Gelehrtennatur war erwacht. »Was tun wir nun?«

»Nichts.«

»Nichts —?« wiederholte er lachend.

»Wenigstens vorläufig nicht. Ihr armen Arbeitstiere glaubt, des Daseins Wonne bestände nur in der sichtbaren Beschäftigung. Tausend Dinge greifen wir an und formen sie um. Nur an uns selbst gehen wir nicht heran. Es gibt auch eine innerliche Beschäftigung. Wir wollen uns des Brachlandes annehmen.«

»Ich bin’s zufrieden. Und wenn wir es kultiviert haben?«

»Dann kommt erst die Freude. Und die will auch ihre Zeit haben. Schau dich einmal um in der Menschheit, Heinrich. Wer weiß denn heute überhaupt noch, was Genießen ist? So recht ausgenießen? Die alten Deutschen wußten es, wenn sie aus dem Streit kamen oder von der Jagd und sich auf die Bärenhaut warfen. Die genossen ein jedes Ding doppelt, wenn nicht dreifach und vierfach. Zuerst in der Wirklichkeit, dann im Austausch der Erlebnisse, nachher in der Erinnerung oder gar im Liede des Sängers. Aber wir? Was du gestern erlebt hast, weißt du heute schon nicht mehr. Du stürmst weiter, rastlos aus dem einen Tag in den anderen, und das heutige Erlebnis frißt das gestrige ratzenkahl und wird morgen wieder gefressen.«

»Du sprichst von dir, nicht von mir. Ich lebe und zehre lediglich von meinen paar Jugendjahren.«

»Nun ja — von mir. Vielleicht, wenn ich auf die Schattenjagd gehe, tun mir einige den Gefallen und nehmen Farbe an. So kann ich mir langsam einen Ritter- und Fräuleinhof gründen, in dem ich herumturniere.«

»Werde ich zugelassen? Als Junge war ich Zaungast, und später genierte es mich, durch die Bretter zu spähen.«

»So oft du kommst, du sollst willkommen sein.«

Die Stadt kannten sie bald bis in den letzten Winkel. Von den Bewohnern wurden sie für ein paar alte vornehme Sonderlinge gehalten, Maler oder Architekten, die das niederrheinische Rothenburg ins Herz geschlossen hatten. Man gewöhnte sich bald an sie und schaute sich kaum nach ihnen um, wenn sie straffen Ganges die Straße kamen oder Luginsland und Warttürmchen, Mauern, Trutztürme und Tore untersuchten, um den alten genialen Befestigungsplan festzustellen. Die wenigen Einwohner von Zons hatten mit sich selbst zu tun.

»Das ist eine göttliche Langeweile,« sagte Otten. »Von Tag zu Tag spüre ich mehr, wie ich ruhiger werde.«

»Wir sehen aus wie Landjunker.«

»Das ist der einzig wahre Beruf. Auf seiner Scholle sitzen und jeden Tag auf seinen Gehalt prüfen. Das schafft das richtige Distancegefühl. Ach, unsere Junker wissen, was gut ist.«

»Bald wirst auch du die Distance zu deinem Leben haben.«

»Ich hoffe es. Hier ist Gelegenheit. Sieh dir mal den Rhein an. Einen Pfeilschuß weit ist er entfernt, und früher floß er dicht unter den Südmauern der Stadt. Mehr und mehr zog er sich zurück. Er respektierte die göttliche Langeweile und gab Fersengeld. Nun ist es ganz still.«

In der ersten Zeit sprachen sie viel von der Geschichte der Stadt. Unter den silbernen Weiden auf der Rheinwiese gelagert, blickten sie auf das wunderbare Stück Mittelalter, das vor ihnen aufwuchs.

»Da liegen wir müde gewordenen Söhne unserer Zeit und schauen der Kraft und dem Trutz unserer Vorfahren ins festgebliebene Mark. Und wo wir liegen, lag der Ubier und schaute in sein Gehöft, lag der Römer und schaute in sein Kastell, lag der Franke und schaute in sein Königsschloß, lagen die Erzbischöflichen, wenn sie nicht hinter den Wällen lagen, in lachender Verteidigung gegen die Stadtkölner, die bergischen Grafen, die Heerhaufen und Räuberbanden im truchsessischen Krieg und die marodierenden Schweden unter ihrem famosen Oberst Rabenhaupt. Ein Mordskerl, dieser Rabenhaupt. Kein Mensch im Dreißigjährigen Krieg soll es ihm im Fluchen haben gleichtun können. Wenn er keine Kugeln mehr über die Mauern zu werfen hatte, schrie er seine Flüche in die belagerte Stadt. Und sein schauerliches Fluchen soll den frommen Zonsern lästiger gewesen sein als seine Kugeln. Wen haben wir sonst noch zu begrüßen? Im Kriege Ludwigs des Vierzehnten den Mordbrenner Turenne, im spanischen Erbfolgekrieg Marlborough, der die Franzosen zum Teufel jagte. Und später den großen Napoleon, der auf der Chaussee von Dormagen Gnaden austeilte. Das ist eine Fülle von Namen und Geschehnissen, von denen ein Drittel genügen würde, anderen Städten ewiges Ansehen zu gewähren. Von Zons sind sie abgeglitten ins Meer der Vergessenheit, wie das Städtchen selbst. Und das macht mir das alte Nest so reizvoll, so beneidenswert. Die göttliche Langeweile ringsum hat es fertig gebracht, daß es selbst seine große Vergangenheit vergaß.«

»Das ist wohl Ironie, Joseph?«

»Mit steinernem Gesicht in die große Nirwana hinübergleiten können, das ist — ein Ziel.« —

Wenn ein Monat vergangen war, sagten sie es sich. »Hast du es bemerkt?« Und sie schüttelten lächelnd die Köpfe.

An Regentagen saßen sie auf der Diele am Eichentisch des alten Klaus und disputierten über Leben und Sterben. Die Herren rauchten ihre Zigarre, der weißköpfige Hausherr seine langgestielte Tonpfeife. »Dat is ene Onsinn,« belehrte sie der Alte, spuckte aus, brach ein Stückchen des Tonstieles ab, um sich ein frisches Mundstück zu schaffen, und qualmte weiter. »Dat is ene Onsinn, öwer et Sterwen zu sinniere. Wenn mer esu alt geworde is wie ich, glöwt mer gar nit mieh an et Sterwen. Un dat is schön esu. Sons wär dat eja im Alter ene Landplag.«

Vor dieser einfachen Weisheit schwiegen die Freunde eine Weile.

»Ich glaube,« meinte Heinrich Koch endlich, »Klaus hat den Nagel auf den Kopf getroffen.«

»Geschmackssache,« murmelte Otten.

»Weißt du Besseres als den Tod ignorieren?«

»Ihm in die Zähne lachen, würde mir mehr noch gefallen.«

»Ich halte das für weniger bedeutend.«

»Aber es steckt eine männliche Geste darin. Sterben, wie man gelebt hat! Wenn ich als Junge die Geschichte der französischen Revolution las, kriegte ich einen roten Zornkopf über das Regiment des Mobs. Und ich jubelte erst wieder auf, wenn ich las, wie die Mehrzahl der Edelleute in den Tod ging. Ich bin kein Byzantiner. Nichts auf der Welt, was mir verhaßter wäre. Aber ich schwärme für die Aristokraten der Gesinnung, für alle Menschen ohne Sklavenblut. Himmel, wenn so ein Mann vom Karren sprang und auf die Guillotine stieg, auf der sein Kopf fallen sollte. Ein Wort noch war ihm frei. Und von der Guillotine herunter spie er aus Leibeskräften in die tobende Menge. Das besagte: ›Bande, hätt’ ich euch hier oben, ohne Barmherzigkeit legt’ ich euch unter das Messer.‹«

Am Tische dachten sie nach. Draußen rieselte unaufhaltsam der graue Regen. Und Heinrich Koch legte dem Freunde die Hand auf den Arm und meinte gelassen: »Das nennst du nun ein harmloses Plauderstündchen.«

»Kein besserer Beweis als dieser, daß ich der Ruhe bedarf.«

»Altes Sturmherz du.«

»Eine gnädige Woge hat mich fern auf den Strand geschlagen. Mehr wünsche ich nicht, als fernab liegen zu bleiben.« — — —

»Wieder ein Monat,« sagte eines Tages Heinrich Koch.

»Schon wieder. Schau! Ein Monat geht uns hin wie eine Minute. Nun kommen wir doch in der Zeitrechnung annähernd der der Götter gleich. Ich möchte meine Taschenuhr nicht mehr aufziehen.«

»Den Göttern gleich zu sein, ist edler Wunsch.«

»Ja. Da quälen wir uns mit unseren großen und kleinen Gedanken, halten uns für überaus wertvolle Objekte und die Erde beinahe für grenzenlos. Und doch ist sie nur ein Ameisenhaufen im Universum, und wir winzige, krabbelnde Ameisen, die ihren Dünkel emsig hin und her schleppen. Es ist zum Lachen! Wir dünken uns die Herren, weil unsere Sinnesfunktionen nicht weiter reichen, und die Ameise tut dasselbe. Und ohne daß wir es wittern, schreitet vielleicht ein anderes, ungeheuerliches Geschlecht über uns hinweg wie über Ameisen, schreitet wie Götter von Stern zu Stern, unsichtbar für uns, die wir ihnen in unserer Körper- und Gedankenkleinheit verächtlich erscheinen.«

»Wünsch’ ihnen gute Reise, Joseph. Dies bißchen Erdenpilgrimschaft gibt unserem Gewissen schon zur Genüge Arbeit.«

Otten lachte. »Müssen diese Kerle ein Gewissen haben!« —

Der Herbst zog herauf. Auf dem jenseitigen Rheinufer, in den Urdenbacher Baumwiesen, begann die Obsternte. Der Schleppverkehr auf dem Rheine wurde stärker, und hochbordige Dampfer fuhren zu Tal, um über die See England zu erreichen. Auch die Zonser Fähre hatte Arbeit vollauf. Junge, lebenslustige Akademiker von der nahen Düsseldorfer Kunstschule kamen, mit ihrem Malgerät behangen, über Benrath und Urdenbach herangezogen, jodelten die Fähre an und ließen sich in die Dornröschenstadt entführen. Vor Türmen und Mauern schlugen sie ihre Schlachten auf der Leinwand ihrer Feldstaffeleien, und aus den Wirtshäusern scholl Abends Sang und Klang.

Die kalten Herbstwinde machten dem fröhlichen Treiben den Garaus. Der letzte Maler zog ab und versprach, seine Rechnung von Düsseldorf aus zu begleichen, und die Fähre lag wieder halbe Tage, ohne bemüht zu werden.

Joseph Otten ging wieder aus. Die kleine Lebenswallung, die das Städtchen gezeigt hatte, war ihm schon zuviel gewesen, und er hatte sich vor ihr verschlossen gehalten. Nun nahm er wieder Besitz von seinen Lieblingsplätzen, und von seinem Gesicht las man die Genugtuung ab, daß er allein den Platz behauptete. Aber er war noch schweigsamer geworden.

Heinrich Koch beobachtete ihn scharf durch die Brille. »Es liegt am Wetter,« äußerte er zum alten Klaus, »die ›Saison‹ naht heran, und er spürt es im Blut. Man zieht nicht ungestraft ein Menschenalter durch die Welt.«

»Im Winter gehört sich der Minsch an den Ofen,« sagte der alte Klaus.

»Ich bin das Stillsitzen gewöhnt, Klaus. Aber auf den gemütlichen deutschen Ofen freu’ ich mich wie auf eine Weihnachtsüberraschung. Man muß ein freier Mann sein, um das würdigen zu können.«

Als die ersten schweren Stürme über die Tiefebene brausten, die Weidenbäume kahl fegten und das Gras entfärbten, wurde Otten unruhiger. In der Frühe schon ging er den Rhein entlang, lief auf den Chausseen gegen den Sturm, vergaß die Mittagsmahlzeit und kehrte erst Abends müde und durchnäßt heim. Wenn ihn Koch überredet hatte, die Kleider zu wechseln und dem Abendbrot seine Ehre anzutun, klappte er das Klavier auf und saß grübelnd über den Tasten, bis seine Finger zuckten und aus suchenden Anschlägen Melodien heraussprangen, die er endlos variierte. Dann saßen Koch und der alte Klaus horchend in ihren Stühlen, benommen von der Macht, die aus der Seele des Mannes in die Töne, aus den Tönen in ihre so wenig verwöhnten Seelen glitt, und sie bettelten, wenn er aufhören wollte, so lange, bis er langsam den Kopf drehte, ihre glänzenden Augen sah und sich mit einem fernen, seltsamen Lächeln wieder dem Spiel zuwandte.

Nun war Schnee gefallen, und der einsetzende Frost ließ ihn nicht verwehen. Abgeschnitten vom Verkehr lag das Städtchen, kein Wanderer verirrte sich über die Chaussee, und der Rhein setzte an den Uferrändern dünnes Eis an. An der entlegenen Mauerecke, an die sich Klaus Gülichs Häuschen stützte, war es am einsamsten. Kaum, daß einen Bürger der Weg hier vorüberführte.