Chapter 20 of 24 · 3990 words · ~20 min read

Part 20

»Verwöhnen Sie mich nicht, Moritz.«

»Wie anspruchslos müssen Sie geworden sein, daß Sie mich unscheinbaren Menschen als Verwöhnung auffassen.«

Sie lächelte über ihn hin. »Anspruchslos? O nein. Das wäre gleichbedeutend mit arm. Mein Vermögen trägt nur keine Zinsen mehr, aber es hat sich in jüngeren Jahren so angesammelt, daß ich bis zu meinem Tode davon zehren kann. Nein, anspruchslos bin ich nicht.«

»Ich kann Sie nur immer bewundern,« sagte Moritz Lachner.

»Dazu haben Sie keinen Grund. Ich sehe nur den Dingen in die Augen und gebe ihnen keine falschen Namen.«

Dann plauderten sie von Tagesereignissen, von Lachners Dozententätigkeit und seinen wissenschaftlichen Plänen und merkten kaum, daß die Stunden dahingingen. Das Dienstmädchen hatte die Lampe gebracht, und die Uhr schlug halb acht, als Carmen ins Zimmer trat. Sie trug das kleidsame Kostüm der Damen der französischen Revolution. Wie ein Blumenkelch hob sich die schlanke Büste aus dem fließenden Gewand, und in den schwarzen Locken saß keck der Zweispitz. Es war Elastizität in dem jungen Körper.

»Ist Laurenz noch nicht hier?«

»Laurenz nicht, aber Moritz.«

»Ach, der Moritz ... Guten Tag. Du schwänzest wohl dein eigenes Kolleg? Das ist heiter, aber es erlöst mein Gewissen, weil ich auch schwänze. Der Laurenz nimmt sich wirklich Zeit, Mutter.«

»Du solltest eine Tasse Tee trinken und ein paar Cakes essen, Carmen. Es ist kalt draußen, und bis ihr ans Büfett kommt, werden noch ein paar Stunden vergehen.«

»Tu’ ich dir einen Gefallen damit, Mutter? Aber unverantwortlich bleibt es doch von Laurenz, mich warten zu lassen.«

»Vergiß nicht, daß du in Heidelberg auch deinen Professor warten lässest,« meinte Frau Maria lächelnd und ging, um selbst den Tee zu bereiten.

»Die Mutter stellt dich damit Laurenz gegenüber auf eine hohe Stufe,« sagte Moritz Lachner.

Sie sah ihn mit ihren dunklen Augen erstaunt an. »Glaubst du vielleicht, das täte Laurenz nicht auch?«

Er zwang sich, den Blick ruhig zu ertragen, aber als er zu sprechen begann, wurde er plötzlich blaß.

»Ich weiß, daß du mit einem anderen Bewußtsein gar nicht leben könntest, Carmen, trotz deiner freiheitlichen Allüren. Laurenz aber —«

»Nun? Was hast du wieder an ihm auszusetzen?«

»Alles,« sagte er und nahm sich zusammen.

»Bitte. Spezialisieren.«

Da floß es aus ihm heraus. »Er ist ein Egoist, der nur an sich denkt, der sich mit dir nur in Szene setzen will wie auch mit der Schönheit anderer Frauen, denen er den Hof macht. Jawohl. Ich rede nicht leichtsinnig. Oder denkst du, er mache seine melancholischen Augen nicht auch anderen? Wohin er kommt, posiert er. Der ganze Mensch ist Unnatur. Hinter seinen ewig weichen Schmeichelworten verbirgt er die brutalste Rücksichtslosigkeit, die sofort zum Durchbruch gelangt, wenn er die Gewalt hat. Andern Tags kennt er seine Geschöpfe nicht mehr. Um eine lustige Stunde für seine Eitelkeit zu gewinnen, ist es ihm gleich, ob er die Menschen, die ihm dazu verhelfen müssen, auf viele Jahre, wenn nicht auf immer todunglücklich macht. In Paris hat er sich ausgebildet, und es fluchen ihm mehr Mädchen, als du denkst. Solche Parasiten sollte man unschädlich machen.«

»Weshalb glaubten sie ihm?«

»Glaubst du ihm nicht auch?«

»O — ich! Ich bitte doch, mich nicht in Parallele zu stellen.«

»Weil du mehr Geist hast? Das ist ihm noch gar nicht aufgefallen. Er sieht nur dein Äußeres an, und das ist ihm angenehm.«

»Bist du fertig mit deinen Hinterbringungen?«

Seine Blässe wich. Das Blut kehrte zurück und stieg ihm in die Wangen. »Du tust mir unrecht. Ich bin erbötig, das, was ich soeben sagte, bei Terbroichs Eintritt zu wiederholen. Wenn ich den andern Weg wählte, tat ich es, um dich nicht in eine widerwärtige Szene zu verwickeln. Dazu bist du mir zu gut.«

»Vergib, Moritz,« sagte sie und ergriff hastig seine Hand.

»Carmen — —«

»Ich weiß, daß du mich liebhast. Sieh, ich sprech’ es aus, damit du erfährst, daß mir der Gedanke gar nicht schreckhaft ist. Aber es kann nicht sein.«

»Weshalb kann es nicht sein, Carmen? Denn ich liebe dich wahr und wahrhaftig.«

»Ich will es dir sagen, Moritz, und ich will nichts beschönigen. Weil ich in den engen Geist einer Ehe, wie wir sie führen würden, nicht passe, weil ich mit allem, was ich gelernt habe, nicht bloß Mitläuferin sein kann, und weil mich meine ganze Veranlagung in die große Welt drängt. Ich muß die Arme ausbreiten können, so weit ich will.«

»Der Geist der Ehe ist nicht so eng, wie du ihn hinstellst. Er kann durch die Kameradschaft der Gatten eine Welt eröffnen, gegen die deine ersehnte Welt nur ein leerer Schemen ist. Deine Sehnsucht ist das Fieber unserer Zeit. Sie alle, die in der Jugend die Heilung beiseite schieben, werden im Alter ein Gebrechen mit sich herumschleppen. Schau dich doch um unter deinen Vorbildern. Lauter unzufriedene, ruhelose Frauen.«

»Siehst du die in der Allerweltsehe nicht?«

»Die Ehe, die ich meine, ist keine Allerweltsehe. Der Geist wird die Form bestimmen.«

»Ach, lieber Moritz, die Fessel der Frau schaffst du nicht aus der Welt.«

»Wenn sie aus Gold besteht, bleibt sie nicht weniger, was sie ist.«

»Dann — lieber gar keine Fessel.«

»Wenn das Frauenschicksal eintritt, werden keine berauschenden Worte standhalten.«

»Aber der Mann wird standhalten.«

»Dann wäre alles gut. Aber du sprichst so leicht von Ausnahmen, weil du selber eine Ausnahmenatur bist. Carmen, ich bitte dich, weil ich dich liebhabe, prüfe nicht nur dich.«

Frau Maria brachte den Tee. »Wenn es Ihnen recht ist, Moritz, warten wir beide noch ein Weilchen. Erst wollen wir die turbulenten Geister aus dem Hause haben. Dann genießen wir den Feierabend.«

Carmen trank im Umherwandern den Tee. Sie horchte nach der Tür, und als es acht Uhr schlug, ließ das Dienstmädchen Laurenz Terbroich eintreten. Über seinem prallen Revolutionskostüm trug er einen langen Pelerinenmantel. Den Kopf zurechtzustutzen, hatte er unterlassen. Er wußte, daß ihn sein glattrasiertes Gesicht mit dem kleinen dunklen Backenbärtchen nach Lord Byron und dem vollen, dunklen Haupthaar am besten kleidete. Er begrüßte die Anwesenden mit jäh herausspringender Herzlichkeit.

»Du läßt mich warten,« sagte Carmen kühl.

»Ärger in der Fabrik. Das Etablissement muß dringend vergrößert werden. Aber das ist ein Ton, der nicht in unser schönes Lied paßt. Wundervoll schaust du aus.«

»Gehen wir.«

»Das Coupé wartet auf dich. Die neuen Schimmel, Carmen, und im neuen Silbergeschirr. Keine Dame Kölns fährt heute wie du.«

»Heute,« wiederholte sie spöttisch, verabschiedete sich und ging ihm voran. —

Frau Maria deckte den Abendtisch. Es wurde so traulich in dem kleinen Gemach, daß Moritz Lachner kaum zu sprechen wagte. Erst, als sie wieder im Fensterwinkel saßen, faßte er Mut.

»Nun sind sie auf dem Balle,« begann er stockend.

»Er hat sehr schöne Augen, Moritz. Oder liegt es daran, daß er immer die Wimpern darüber fallen läßt.«

»In seinen Augen sind Punkte, die umherspringen.«

»Ich habe die Beobachtung auch gemacht. Aber Carmen läßt es nicht gelten.«

»Weil er zu glänzen versteht. Und aller Glanz zieht sie an. Das ist traurig.«

»Es ist eine vorübergehende Erscheinung, Moritz. Das bringen ihre Jahre mit sich. Sie dürfen das nicht so schwer nehmen.«

»Nehmen Sie es nicht auch schwer?«

»Wenn sie verheiratet sein wird, wird der Glanz seine Anziehungskraft verlieren, und sie wird sich auf ihre tiefen und starken Fraueneigenschaften besinnen. Sie besitzt sie mehr, als sie jetzt ahnt.«

»Sind — sind die beiden denn verlobt, Frau Doktor?«

»Ja — Sie fragen mich da etwas, was Sie doch selber wissen müßten.«

»Ich meine, Frau Doktor, ob Laurenz Terbroich schon mit Ihnen gesprochen hat.«

»Nein. Das nicht. Aber —« Frau Marias Blick wurde groß. »Moritz, weshalb fragen Sie mich das alles?«

»Weil ich das Gefühl habe, daß der junge Terbroich der einzige ist, der sich keinerlei Gedanken macht.«

»Soll das heißen —«

»Und weil ich möchte, daß Sie sich Gewißheit darüber verschafften, Frau Doktor. Ihr großes Vertrauen ehrt ja jeden, der davon betroffen wird. Sollte jeden ehren. Anders Denkende dürften für uns gar nicht existieren.«

»Es kann nicht sein, Moritz.«

»Wissen Sie, daß der junge Terbroich große Aufwendungen treibt?«

»Er ist sehr vermögend. Sie hörten doch soeben erst, daß die Fabrik vergrößert werden soll.«

»Sand in die Augen, Frau Doktor. Man sucht auf unauffällige Weise nach Geld.«

»Carmen ist nicht unbemittelt.«

»Das würde langen, um Laurenz’ Schulden zu bezahlen, nicht um die Fabrik flott zu machen.«

»Nein, nein, nein! Sagen Sie das nicht! Denn — welche Rolle würde dann Carmen spielen?«

Sie saß vornübergeneigt und sah ihrem jungen Freund starr ins Gesicht. Als erwartete sie von ihm, daß er den heraufbeschworenen Bann wieder von ihr nähme.

»Frau Doktor, erschrecken Sie doch nicht so. Sie sind doch die Mutter. Ihnen wird Carmen glauben.«

»Ja, was denn nur in aller Welt? Ich taste ja selbst im Dunkeln. Ich kann mich doch als Frau nicht auf das Spioniergeschäft verlegen. Was einem Mann ansteht, zieht eine Frau hernieder. Und täte ich es auch — ist der Terbroich so, wie Sie ihn schildern, so würde er mich belügen.«

»Das würde er. Vorläufig würde er es.«

»Herr Gott,« sagte Frau Maria, schloß die Augen und lehnte sich zurück, »wo ist Joseph — —?«

Es war das erste Mal seit Jahren, daß sie seinen Namen nannte. Und der Klang, mit dem sie ihn aussprach, das jähe Heimverlangen nach dem Mann, dem Helfer, das hindurchzitterte, ergriff den Gast bis in die Seele.

»Wenn Sie zu ihm gingen, Frau Doktor.«

»Er wird sich vor mir zurückziehen, wie vor seiner ganzen Vergangenheit.«

»Er hat sich auch vor mir nicht zurückgezogen. Ich war in Zons bei ihm.«

»Sie, Moritz? Wann?« Ihre Spannkraft war zurückgekehrt. Ihre Hand legte sich fest auf Lachners Arm.

»Heute, Frau Doktor.«

»Heute? Wie sah er aus? Ich meine nicht nur äußerlich. So sprechen Sie doch.«

»Er ist derselbe vornehme, ritterliche Mann. Nur ernst und still geworden.«

»Und alt?«

»Und alt. Bis auf sein heißes, blaues Auge.«

»Die heißen, blauen Augen ...« sagte sie langsam, wie aus einem weiten Nachsinnen heraus. »Auf sie vertraue ich ...«

»Tun Sie es, Frau Doktor. Tun Sie es Ihrer und — ~seiner~ Carmen wegen. Ich selbst will mich dann bemühen, wunschlos zu werden.«

Sie hörte es nicht mehr. Seit sein Name über ihre Lippen getreten war, erfüllte er mehr und mehr das Gemach, nahm Gestalt an und zog ihr Denken auf sich. »Joseph —«

Moritz Lachner erhob sich. »Ich weiß jetzt, daß Sie es tun werden, Frau Doktor.«

Da sah sie auf, und ihre Mundwinkel zuckten. »Ich werde Wache halten. Carmen ist blind, und ich kann es ihr nicht einmal verargen, denn man glaubt, was man wünscht. Sollten Sie recht behalten, und sollten meine Kräfte schon schwach sein — nun, gute Nacht, Moritz. Sie haben mir zwar die Dunkelheit gezeigt, aber auch die Helle. Gute Nacht, Moritz.«

Aufrecht, mit klarem, ruhigem Auge reichte sie ihm die Hand, und er ließ sie getrost allein. — —

Wieder einmal brauste die Kölner Fastnacht heran und wirbelte das Leben durcheinander, bis es sich selbst vergaß. Am Nachmittag des Sonnabends, der den Fastnachtssonntag einleitet, stieg Frau Maria auf der Station Dormagen aus und ging, ohne anzuhalten, die Chaussee nach Zons. Die straffe Kälte hatte seit wenigen Tagen nachgelassen. Das Schneewasser rieselte von der Straße in die Gräben, und das Eis barst allenthalben. Vom Rhein her krachte es wie Böllerschüsse. Der Frühling sagte dem Winter Fehde an.

Ohne die öde Landschaft zu beachten, schritt Frau Maria vorwärts. Sie sah müde und gealtert aus. Aber von Zeit zu Zeit hob sie den Kopf, und wenn ihr Blick die Wettertürme von Zons streifte, die wie ein Wunderbau aus dem flachen Land herauswuchsen, leuchtete es in ihren Augen auf, als wartete dort das Heil auf sie. Nun bog sie in das ihr bekannte Städtchen ein und suchte nach der Beschreibung Lachners des alten Klaus Gülichs Haus.

Joseph Otten saß in seinem Zimmer am Schreibtisch. Seit dem Besuche seines jungen Freundes war er noch verschlossener und menschenscheuer geworden. Es dunkelte, und immer in den Dämmerstunden schlug er sich mit seinen Gedanken und erzwang sich Ruhe.

»Bist du hier, Joseph? Man sieht dich nicht.«

»Ja, Heinrich. Möchtest du etwas?«

Heinrich Koch trat ins Zimmer. Mit schnellen Schritten ging er auf den Freund zu. »Ja, Joseph. Aber nicht ich allein.«

»Was sagst du? Sei nicht so geheimnisvoll.«

»Joseph, es ist jemand angekommen.«

»Ich bin für keinen Menschen zu sprechen.«

»Und wenn es — Maria wäre?«

Der Stuhl kratzte über den Fußboden. Dann war es still.

»Joseph, deine Frau ist gekommen.«

Er wehrte heftig ab. Ein Angstgefühl schnürte ihm die Kehle zu. Feucht fühlte er es auf seiner Stirn. Nur jetzt nicht, nur jetzt nicht! Darauf war er nicht vorbereitet, dazu hatte er mehr Sammlung nötig als zu einem Kirchgang.

»Darf sie eintreten? Sie wartet auf der Diele.«

»Nimm dich ihrer an, Heinrich. Besorg ihr ein Fuhrwerk oder ein Zimmer im Gasthof. Frag ihr alle Wünsche ab und erfüll’ alle. Nur den Wunsch, mich zu sehen, soll sie nicht haben. Nur den nicht.«

»Joseph, deine Frau kommt zu dir.«

»Wenn du mein Freund bist, Heinrich! Oder ich muß auch Zons wieder verlassen ...«

Da ging der Freund stumm hinaus. — —

Joseph Otten stand am Fenster.

Der frühe Mond zog auf und beleuchtete die Rheinwiesen und den Strom, der unter den stoßenden, drängenden Eisschollen stöhnte. »Ich bin wie ein Fisch, der auf den Strand geworfen ist,« dachte er finster, »und das ist kein Anblick.« Doch je mehr er hinter dem Bilde Schutz suchen wollte, umso stärker fühlte er, wie sein ganzes Wesen nach der Frau, die soeben schweigend sein Haus verließ, hinbegehrte, als sei es der beste Teil seines Selbst.

Seine Hände krampften sich um den Fensterriegel. Da ging sie — —.

Nur ihre Gestalt konnte er erkennen. Er strengte seine Augen an. Wie trostlos sie dahinging.

Und es war der einzige Mensch, der in Lust und Leid an ihn geglaubt hatte.

»Maria!« — —

Er sah sie im Dunkel verschwinden.

Wo war sie hin. Dort — in den Rheinwiesen! Nein, es waren zitternde Weidenbäume. Und doch! Aber dort führte doch kein Weg —. Er riß das Fenster auf und beugte sich weit hinaus. Das Donnern und Poltern der krachenden, schiebenden Eisschollen erfüllte sein Ohr.

Der Strom —!

Kalten Schweiß auf der Stirn, trat er zurück. Weshalb suchte sie den Strom auf? Und auf einmal durchzuckte es ihn: Sie will in den Rhein! In den Rhein will sie. Soeben hat ihre müde Seele den Fangschuß erhalten. Nun kann sie nicht mehr.

»Hoho!« schrie er auf.

Und Hut und Mantel zusammenballend, stürmte er hinaus. Um den Mauervorsprung, über die Wiesen, an den Rhein.

»Hoho — ~Maria~!«

=XVIII=

Der Tauwind hatte sich stärker erhoben. Kurze, gellende Pfiffe stieß er zwischen den Pappeln aus, und über die platten Kronen der Weidenkrüppel fuhr er in zornigem Summen. Die Luft war voll eifernder Stimmen, und wie von Jägerrufen angefeuert, hetzten sich die Wolken, fraßen den Mond, spieen ihn aus und verschlangen ihn aufs neue. Und im jähen Wechsel des auf- und untertauchenden Lichtes wuchsen die Schatten auf den schneenassen Rheinwiesen ins Ungeheure, bekämpften sich, quirlten durcheinander und verschwanden spurlos im Nichts, um an anderer Stelle aufzutauchen, lautlos zu ringen und wieder zu verschwinden.

»Maria!« rief Otten. Und das Lachen des Windes flog ihm um die Ohren.

Hier, dort, überall glaubte er sie zu sehen. Die Schatten äfften ihn. Weiter, weiter! Und geradeaus nahm er den Weg zum Rhein. »Ich muß Posten fassen,« sagte er sich, »ich muß eine Übersicht gewinnen.«

Der Strom war erreicht. Um ihn her war ein Lärmen wie in einer brausenden Volksversammlung. So weit der Blick reichte, zog sich das festlagernde Packeis das ganze Ufer entlang und lastete in vieler Meter Breite in den Strom hinaus. In der gewaltigen Mittelrinne aber herrschte chaotisches Leben, Zuruf, Kampfgeschrei und das Krachen und Stöhnen, als wären Tausende von Streitwagen mit Rädern und Achsen splitternd ineinander gefahren. Wenn der Mond aus den Wolken hervorjagte und einen grellen Fackelschein hinunterwarf, leuchteten die Ränder der sich hebenden und bäumenden Eisschollen wie Riesensaphire und Opale, verwirrten den Blick und setzten die Gedanken in Tumult.

Otten stand am Ufer, in den Havelock eingehüllt, den breitrandigen Hut im Nacken. Mit aller Gewalt brachte er den Aufruhr in sich zum Schweigen; was an Leben in ihm war, konzentrierte er ins Auge und, den Oberkörper vorgestreckt, spähte er wie ein großer, dunkler Raubvogel die Eisfläche ab.

Wieder behauptete sich der Mond. Otten griff an den Hut. Ein Windstoß wollte ihn packen. Und im selben Augenblick warf er sich gegen ihn, eilte, glitt, stolperte über das Eis, mit verschlagenem Atem und arbeitender Brust, seine Kräfte zum Stoß zusammenfassend, vorwärts, fünfzig Meter noch, vielleicht die Hälfte, vielleicht das Doppelte. Vor ihm ging eine Frau über das Eis, der Stromrinne zu.

Schreien konnte er nicht, der Wind jagte ihm den Ton in die Kehle zurück. Weshalb auch das? Er konnte seinen Atem besser verwenden. Nun kam er dem Stromrand zu nahe. Das Eis klang unter ihm. Und wo er soeben noch den Fuß aufgesetzt hatte, lief es wie ein Kichern im Kreis, und wie Kichern rannte es hinter ihm her. »Wo sie geht, wird es nicht anders sein,« dachte er blitzschnell, und plötzlich schossen ihm krause Gedanken durch den Kopf, Wundertaten Gottes, wie die Wasser sich stauten im Roten Meer und der Pfad trocken lag, wie die Sonne stillstand zu Gibeon und der Mond im Tal Ajalon. »Was soll das jetzt? Was soll das nur?« Eine Eisscholle hob sich vor ihm aus der Rinne und kroch wie eine Schildkröte vor seine Füße. Er sprang hinüber, sah die Frauengestalt auf Armes Länge vor sich und riß sie zurück.

»Still, Maria, sei ganz still, Maria ...«

Er hielt sie an seiner Brust und wagte nicht, sich zu bewegen. Sein Atem ging stoßweise über sie hin, seine weitgeöffneten Augen blickten ins Leere. Ist es mein Herz oder ist es das ihre, das so wahnwitzig schlägt, dachte er, und Nebel tanzten vor ihm her. Dann zog er die Luft tiefer in die Lungen. Das beruhigte ihn.

Und nun sah er auf die Frau nieder, die er im Arme hielt.

Ihr Kopf lag auf seiner Schulter, die Glieder waren schlaff. Die Augenlider hatten die Kraft nicht mehr, sich zu heben, nur ein Streifen Weiß schimmerte unter ihnen hervor. Das verstärkte den Eindruck des Abgestorbenen, und der Mann erschrak vor der starren Apathie. Ganz behutsam rief er sie an: »Maria — — —!«

Ihr Kopf bewegte sich. Mühsam hoben sich die Augenlider ein wenig höher. Aber ihr Blick blieb ohne Ausdruck an ihm hängen, und die Starrheit der Züge änderte sich nicht.

Sacht strich er über ihr Gesicht. »Hast du es wirklich tun wollen, Maria? Hast du das wirklich gewollt?«

Sie schloß die Augen fest zu, und ein Schauer lief durch ihre Schultern.

»Und du glaubst wirklich, ich hätte es dich allein tun lassen? Wenn einer auf der Welt überflüssig ist, so bin ich es doch. Wie wenig ich nütze bin, das wolltest du mir doch soeben zeigen.«

Kurz hintereinander prallten zornige Windstöße gegen den Eisstrom. Die Schollen bäumten sich gegen das Ufereis, krachend brach der Rand und verschwand in der Tiefe. »Joseph!« schrie Frau Maria auf und zog ihn mit wilder Bewegung zur Seite.

»Hast du Angst um mein Leben?«

»Komm — komm fort,« murmelte sie, und Frost und Erregung schüttelten sie.

Den Arm um sie gelegt, führte er sie ein paar Schritte dem Ufer zu. »Das geht nicht,« sagte er und blieb stehen, »dein Mantel liegt dir wie ein nasses Tuch an. Du kannst dich ja kaum auf den Füßen halten.« Und er zog ihr den Mantel ab und hüllte sie dicht in seinen Havelock, den er schnell von der Schulter genommen hatte. »Ist dir jetzt wohler? Spürst du etwas mehr Wärme? Warte, wir sind bald daheim.«

Er legte ihre Arme um seinen Nacken und trug sie mehr, als er sie führte, über die glatte Fläche dem Ufer zu. Dann machte er eine kurze Pause. Langsam wandte er den Kopf dem aufkreischenden Eisgang zu, und eine Sekunde loderte die alte Siegerfreude in seinen Augen auf.

Auch Frau Maria blickte zurück. »Jetzt — wäre es schon vorüber,« sagte sie tonlos. Und plötzlich gaben ihre Nerven nach, alle Anspannung versagte, ein krampfhaftes Aufschluchzen rüttelte ihren Körper, und ein leidenschaftliches Weinen schüttelte sie.

Joseph Otten stand vor ihr und preßte ihre Hände. Preßte sie fester und fester, daß sie seine Nähe spüren sollte, selber erschüttert bis ins Mark. Es war das erste Mal, daß er seine Frau weinen sah.

»Du wirst nie mehr weinen, Maria. Ich werde nur noch darauf achtgeben.«

Vorsichtig löste er sie von dem Bilde los. »Jetzt gehen wir nach Hause. Der alte Klaus ist auch da. Alles wie früher, Maria, du sollst dich nur immer wundern können.«

Sie kamen aus den Rheinwiesen auf die Straße, die in die Stadt führte. Die Lichter aus Klaus Gülichs Haus wiesen den Weg. »Nun sind wir beide in Sicherheit,« sagte Joseph Otten, und sie traten über die Schwelle in die erleuchtete Diele.

»Marjedeies!« rief der alte Klaus und erhob sich bolzengerad von seinem Sitz. »Die Frau!« — —

»Guten Abend, Klaus,« sagte sie leise und versuchte zu lächeln.

»Wo kütt Ihr her? Et regent doch nit Engelcher?«

»Ich war schon gegen Abend hier, traf aber nur Herrn Professor Koch. Dann bin ich am Rhein spazieren gegangen.«

»Davon hätt mr de Spitzbow, Hochwürden Herr Professor, nix verzällt. Äwwer dat is doch kein Wetter, öm am Rhein spaziere zu gonn? Sie bibbern ja wie esu en Magnetnädelche, un kein Faden is trocken. Tringche!« herrschte er die verwunderte Wirtschafterin an, »flöck, hol ding Sonntagstrümp un dinge Kirchgangsrock. Vergeß nit die dicke Filzpantoffel. Un denn ene Grog, äwwer eine, wo der Löffel drin steche bliwt.«

Professor Koch war um den Tisch herumgekommen, hatte Frau Marias Hand ergriffen und sie an seine Lippen gezogen.

»Ich werde sie auf mein Zimmer bringen,« sagte ihm Otten, »du schickst mir wohl unsere Haushälterin.«

Frau Maria gab den Männern die Hand und ließ sich willenlos auf Ottens Zimmer führen. Im Ofen flackerte ein tüchtiges Feuer. Man spürte Heinrich Kochs sorgende Hand. Die Wirtschafterin folgte ihnen auf dem Fuß, und Otten ließ die Frauen eine Weile allein. Als er ins Zimmer zurückkehrte, saß Frau Maria in trockenen Kleidern, Füße und Knie sorgsam eingehüllt, in der Sofaecke und nahm auf Zureden von Tringche den heißen Trank zu sich. »Es geht mir schon wieder gut, Joseph.«

Otten zog einen Stuhl neben das Sofa, setzte sich und nahm ihre Hand. Die Wirtschafterin fragte, ob sie zu essen bringen solle. »Ich kann nicht,« sagte Frau Maria, und auch Otten schüttelte den Kopf. Dann ging die Frau mit zutraulichem Gruß, und sie waren allein. Beide sahen sie vor sich nieder.

Draußen rüttelte der Wind an den Fensterläden und fuhr in ohnmächtiger Wut um das Haus, in das ihm seine Beute entschlüpft war. Sie hörten ihn beide, und hörten dumpf in der Ferne den Eisgang.

»Weshalb wolltest du das tun, Maria?«

»Du hattest mich nicht mehr nötig.«

»Ich durfte dich nicht mehr nötig haben, Maria. Du hast doch immer so gut in mir zu lesen verstanden.«

»Aber ich hatte ~dich~ nötig, dich! Wäre ich sonst gekommen, wenn ich noch ein und aus gewußt hätte? Du lasest doch auch in mir, für dich war ich doch nie ein Rätsel, und ich wurde abgewiesen.«

»Es geschah in der ersten Überraschung. Ich war so unvorbereitet, daß ich den Kopf verlor.«

»Sieh, Joseph, es war das erste Mal, daß der Glaube an dich ins Wanken geriet. Was du auch im Leben zuviel getan und zuviel unterlassen haben mochtest, ich habe immer den ritterlichen Mann in dir gesehen. Selbst damals, als das Unglück kam. Ich war Frau genug, um das alles zu verstehen, und vor allem — ich war doch ~deine~ Frau. Nur einen großen Fehler habe ich begangen: ich hätte mich dir aufzwingen müssen. Vielleicht wärst du schneller gesundet, vielleicht wären wir beide vor der Zeit miteinander alt und still geworden. Aber wir wären doch beieinander gewesen.«

Er streichelte wortlos ihre Hand.

»Was sollte ich aber jetzt noch im Leben, Joseph? Ich hätte ja nicht einmal mehr den Beruf gehabt, an dich zu denken.«

»Du hast Carmen vergessen, Maria?«

»Carmen — —,« wiederholte sie langsam. »Deshalb wollte ich ja zu dir.«

»Macht sie dir Sorgen?«