Chapter 15 of 24 · 3998 words · ~20 min read

Part 15

»Da übt sich irgendwer im Scheibenschießen,« sagte Otten, und Frau Amely legte sich in seinen Arm zurück. Ihre Augen küßten sich, bevor sich die Lippen berührten. Und während sie sich, weltvergessen, im schmalen Boot aneinander anschmiegten, pfiffen vom Ufer, Schuß auf Schuß, die Kugeln, die für ihr Herz waren. — —

»Ich gedenke morgen heimzureisen,« eröffnete Otten am Abend dem Hausherrn.

»Darin kann ich leider nicht so ohne weiteres willigen.«

»Du scherzest wohl. Ich bin über Gebühr geblieben und fühle es selbst. Es bleibt also bei morgen.«

»Und wenn ich dich bäte? Du hast mir lange nichts mehr zu Gefallen getan. Ich möchte — deinen guten Willen sehen.«

»Ich kann nicht, Lüttgen.«

»Ja — des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Dann reisest du also morgen. Aber erst mit dem Abendzug. Ich hatte euch versprochen, wenn ich den Engländer zu fassen kriegte, sollte es ein Festlein setzen, wie wir noch keins erlebt haben. Nur unter den Intimsten des Hauses, genau wie an dem Tage, an dem du ankamst. Du erinnerst dich doch? Die Herren sind zu morgen mittag geladen.«

»Du verfügst da zwar über meinen Kopf weg, aber —«

»Das nimmt man wohl unter Freunden nicht so genau.«

»Wenn dir also ein Gefallen damit geschieht —«

»Ohne dich wäre mein Arrangement hinfällig. Ich hatte in den letzten Tagen den Kopf noch voll von Geschäftssorgen. Gott, das ganze Leben ist Geschäftssache. Aber nun sind die Berechnungen, die ich aufzustellen hatte, fertig, ich kann mich in letzter Stunde noch um dich kümmern und bin so heiter wie in meinen besten Tagen.«

»Ich werde deine Frau von meinen geänderten Reisedispositionen in Kenntnis setzen.«

»Da erscheint sie gerade, um gute Nacht zu wünschen. Höre, Amely, unser Freund wird morgen noch an einem kleinen Herrenessen in unserem Hause teilnehmen. Die Zusagen habe ich bereits. Die Küche wird von Bonn geliefert, der Koch kommt gleich mit. Es ist dir doch recht, daß wir auf diese Weise Otten bis zum Abend behalten?«

»Ah —!« sagte sie erstaunt. »Das ist eine angenehme Überraschung.«

»Und nun wollen wir alle zu Bett gehen. Gute Nacht, Otten. Schlafe wohl. Das wird morgen ein schwerer Tag.«

Sie reichten sich die Hände und suchten ihr Zimmer auf. Irgendwo schlug unverdrossen eine Nachtigall. — — —

Die Gäste saßen bei Tisch in der Halle. Man hatte an der Veranda die Leinenjalousien herabgelassen, um sich vor der Flut des Sonnenlichtes zu schützen. Nun herrschte eine zitternde Dämmerung. Die Sektbecher waren den Rheinweinrömern gewichen, die Rheinweinrömer aufs neue den Sektschalen. Die Herren hatten Blumen ins Frackknopfloch gesteckt, wurden ausgelassen und tranken der Frau des Hauses zu, die in herabfallendem Kleide, die zarten Schultern entblößt, träumerisch neben Otten saß.

»Vergiß mich niemals,« sagte sie leise. Und Otten drückte in stummem Einverständnis ihre Hand.

Lüttgen trank hastig. Sein Gesicht hatte eine dunklere Röte als sonst, und er war so gesprächig, daß es auffiel.

»Kein Wunder!« rief Terbroich. »Der Mann kann es sich leisten. Stößt auf einen Schlag seinen ganzen alten Vorrat ab.«

»Jetzt muß es sein,« sagte sich Lüttgen und erhob sich. Der Diener, der die Obstschalen in Bewegung gesetzt hatte, verschwand. Sein Herr hatte ihm kurz zugenickt.

»Eine Festrede? Ruhig allerseits! Der Hausherr hat das Wort.«

»Ja — eine Festrede,« sagte Lüttgen, spielte mit seinem Glas und reckte den schweren Körper. Nun hatte er sich in der Gewalt. Seine Augen sahen ruhig von einem zum andern. »Eine Festrede. Und in der Tat, so absonderlich es auch erscheinen mag: der Hausherr hat das Wort. Unser geschäftskundiger Terbroich pries mich eben glücklich, daß ich auf einen Schlag meinen ganzen alten Vorrat abgestoßen hätte. Aber er irrt sich. Das Lager ist noch nicht geräumt.«

Er nahm sein Glas und trank es aus. Keine Zwischenbemerkung fiel.

»Na, und heute möchte ich es gänzlich räumen. Es ist Bruchware, aber auch dafür finden sich ja Liebhaber. Damit sie mir einerseits nicht gestohlen wird und ich anderseits nicht in Versuchung komme, jemanden damit übers Ohr zu hauen — denn beides ist gleich beschämend für einen soliden Geschäftsmann — gebe ich sie gratis her. Wer will?«

Das war keine Festrede. Und der Mann, der jetzt mit drohenden Augen über den Tisch hinsah, kein lustiger Tafelredner. Ein beklommenes Schweigen lief um die Tafel.

»Wer will?« wiederholte Lüttgen und erhob seine Stimme. »Keiner? Wahrhaftig keiner? Auch du nicht, Otten?«

»Was soll das heißen?«

»Das soll heißen, daß ich dabei bin, meinen alten Vorrat abzustoßen, mein Lager zu räumen. Verstehst du das?«

»Setz dich. Dir ist der Wein in den Kopf gestiegen.«

»Also betrunken. Möglich, daß ich das nicht erst heute bin. Aber ich gebe dir mein Wort: keinen roten Groschen gäbe ich in diesem Augenblick für deine hellseherische Nüchternheit.«

»Bist du zu Ende?«

»Sofort. Du brauchst nur zu sagen, ob du willst. Weshalb zögerst du? Ihr seid euch doch schon lange einig.«

»Das ist nicht wahr!« rief Frau Amely. Totenblaß kauerte sie in ihrem Stuhl.

»Ich bitte um Verzeihung. Was ist nicht wahr? Daß du ihn mehr liebst als dein Leben?«

»Es ist nicht wahr!« — — —

Angstgejagt kam die Abwehr. Ein verzweifeltes Aufbegehren. »Es ist nicht wahr —«

Und zwischen diesen Worten hatte Otten sich wiedergefunden. So blitzschnell und lachend die Tage und Wochen von Godesberg vor ihm aufgestiegen waren, so blitzschnell und hohnlachend sanken sie unter, und keine Welle kräuselte sich über dem Grab. Ein Abenteuer. Nichts mehr. Und das schlechteste fürwahr.

Blaß, aber stählern in jedem Nerv, erhob er sich, rückte den Stuhl zur Seite und stand neben der Dame des Hauses.

»Darf ich Ihnen meinen Arm geben, gnädige Frau. Es geht hier unten etwas zu wild für Sie zu.«

Und willenlos legte sie ihren Arm in den seinen und ließ sich hinausgeleiten. An der Treppe gab er sie mit einer Verneigung frei. Kein Wort wurde mehr gewechselt. Er wartete, bis sie ihr Zimmer erreicht hatte, und ging dann auf das seine. »Bestellen Sie, bitte, den Herren,« sagte er dem Diener, den er herbeigerufen hatte, »ich bliebe hier oben.«

Eine Viertelstunde wartete er. Seine Gedanken beschäftigten sich mit so fernliegenden Dingen, daß er sich selber verwunderte. Dann hörte er Schritte auf dem Korridor. Es pochte an seiner Tür.

»Herein!«

Es war Terbroich und ein junger Fabrikant.

»Kommen wir ohne Umschweife zur Sache, meine Herren,« bat Otten freundlich. »Herr Lüttgen hat Ihnen einen Auftrag gegeben?«

»Zu meinem Bedauern, lieber Joseph,« begann Terbroich feierlich, »siehst du in mir den Beauftragten. Du wirst mir deshalb nicht zürnen, aber ich konnte es bei Lage der Dinge nicht abschlagen.«

»Bitte,« wehrte Otten ruhig ab. »Dein Auftrag.«

»Herr Lüttgen wünscht von dir Satisfaktion mit der Waffe. Eine andere Genugtuung könne er nicht akzeptieren.«

»Ich bin bereit.«

»Es besteht der Wunsch, daß die Angelegenheit so sehr als möglich beschleunigt werde.«

»Das trifft mit meinem Wunsch zusammen.«

»Also morgen früh halb sechs Uhr hier im Park? Es ist der sicherste und entlegenste Ort.«

»Übermorgen. Das weitere läßt sich wohl mit meinem Vertreter verhandeln, den ich mir sofort suchen werde.«

»Würden Sie,« fragte der junge Fabrikant höflich, »vielleicht meine Dienste annehmen? Ich bitte, ganz über mich zu verfügen.«

»Sie sind sehr freundlich, und ich nehme mit Dank an. Sie schenken mir wohl noch einige Minuten. Adieu, Terbroich, ich möchte noch mit dem Nachmittagszug nach Köln.«

»Adieu, Otten. Ich hatte nur meinen Auftrag zu erfüllen.«

Er nickte Terbroich zu, und die beiden Herren blieben eine Viertelstunde allein. Kurz darauf betrat Otten den Bahnhof, löste ein Retourbillett Köln-Godesberg und fuhr heimwärts. Als er eine Stunde später den Kölner Bahnhof verließ, beherrschte ihn nur noch der eine Gedanke: Haltung! Nicht weich werden. Jetzt ist Marias Ruhe das wichtigste.

Er stieg die Treppe zu seiner Wohnung hinauf, zwang sich zu einem strahlenden Gesicht und klingelte am Vorplatzgitter. Frau Maria öffnete selbst.

»Da bin ich!« rief Otten und zog sie schnell in die Arme.

»Wandervogel — Wandervogel — —!«

Er hielt ihren Kopf so lange gegen seine Brust gepreßt, bis er seiner Bewegung Herr geworden war. »Da bin ich, Maria— —«

»Bleibst du jetzt? So komm doch endlich herein, daß ich dich betrachten kann. Seit ich dich in Godesberg weiß, geh’ ich keinen Tag mehr aus, aus Angst, ich könnte dich verpassen. Hab’ ich nicht recht gehabt? Du kommst und bist da. Gott sei Dank, daß du es bist.«

»Hast du dich um mich gesorgt?« fragte er und streichelte ihr Haar. Nun saßen sie im kleinen Zimmer, und sie haschte nach seinen Händen und hielt sie fest.

»Erst laß dich anschauen. Fühlst du dich nicht wohl? Es ist so unruhig in deinen Augen.«

»Diese unglaubliche Hitze. Der Umschlag war nach Rußland etwas stark. Hast du ein Glas Wasser?«

»Warte. Ich mache schnell eine Zitronenlimonade zurecht. Die kühlt am besten.«

Sie ging, kam nach wenigen Schritten zurück und umfing ihn jäh. »Mein Joseph!« Dann verließ sie schnell das Zimmer.

»Herr Gott,« dachte Otten, »das ist nicht zu ertragen. Alles andere, nur nicht diese immer sich gleich bleibende Güte. Ich sitze hier wie ein Einbrecher in meinem eigenen Hause.«

Sie trat in die Tür, frisch und erregt wie ein junges Mädchen. Und er nahm ihr das Glas ab, sah sie mit dankbarem Blick an und trank es auf einen Zug leer. »Daß man nie einsehen wird, daß es uns zu Hause am wohlsten ist ...«

»Bleibst du, Joseph?«

»Ja, nun kommt das Geständnis. Ich muß morgen noch einmal hinüber. Lüttgen tut’s nicht anders, es gibt noch ein Nachtfest zum Schluß. Zu einem Abschluß aber gehören Schwanenlieder, und ich wollte hier unter meinen alten Noten wählen, um das richtige Programm zusammenzustellen.«

»Das hätte ich doch auch gekonnt.«

»Ich hatte Sehnsucht,« sagte er, und er fühlte, daß er wahr sprach. »Und es war ein freier Tag, Maria, der sollte euch gehören, dir und Carmen. Ist sie nicht zu Hause?«

»Sie sitzt auf ihrem Stübchen und lernt und strebt. Ich wollte dich nur die ersten Minuten für mich allein haben. Verwundere dich nicht, ich bin eine egoistische Frau ...«

Sie drückte noch einmal hastig ihr Gesicht an das seine. »Nun können wir zu ihr gehen.«

Oben in ihrem Giebelstübchen saß Carmen, schlank und rank, einen ernsten Ausdruck im Gesicht, und studierte Latein. Als die Tür ging, wandte sie sich nicht um. Sie las mit halblauter, monotoner Stimme die Regeln der Grammatik. Lächelnd blickte Frau Maria zu ihr hin, und über Ottens Stirn glitt eine Röte. »Carmen,« sagte er ganz leise, und die Stimme gehorchte nicht und blieb nicht fest.

»Vater!«

Grammatik und Vokabularium sausten ins Zimmer, sein großes Mädel hing ihm am Hals.

»Kleinchen, Kleinchen — nein, nein — Großes, mein Großes — —«

»Der Vater! Hach du! Wo bleibst du? Wo hast du gesteckt? Ich will zu Pfingsten eine Reise mit dir machen!«

Er küßte sie wie ein kleines Kind. Er konnte sich gar nicht satt küssen. War denn das Mädel über Nacht so groß und schön geworden? Hatte er sie früher nie so geliebt? »Kann kommen, was will,« ging es ihm durch den Kopf, »das bleibt von mir, das bleibt. Und ich habe doch nicht umsonst gelebt.«

»Kinder, macht euch fertig! Wir wollen ins Freie! Recht wie ein solider Bürgersmann mit Weib und Kind. Wir essen in der Flora, und wenn wir zurückkommen, musizieren wir noch ein Stündchen, daß sich der Frühling wundern soll!«

»Nun ist mein Latein zu Ende!« rief Carmen übermütig, sammelte die verstreuten Bücher auf und holte den Hut vom Haken. »Der Frühling will es.«

Frau Maria nahm des Gatten Arm. Mit heiterem Stolz schritt sie an der Seite ihres Mannes durch die Straßen. In den andern Arm hängte sich Carmen ein. Ihre Blicke musterten unaufhörlich die Passanten, ob sie auch bemerkten, daß Ottens kämen. Ihr Redefluß versiegte nicht einen Moment. So boten die drei Spaziergänger das Bild eines gefestigten Familienglückes, und Otten empfand es wie einen Hohn und doch wie eine süße Wonne, die er für nichts auf der Welt jetzt hergegeben hätte. Sein Herz begann ruhiger zu schlagen, sein Gehirn arbeitete regelmäßiger. Die Erlebnisse der letzten Stunden fielen von ihm ab, ein seltenes Wohlbefinden, das nur sich selbst Genüge tun will, drang in ihn ein, ein Ausruhen im Augenblick, der sich ihm schenkte.

Der große Garten der Flora stand in Blüte. Ein Duften von Strauch zu Strauch, von Weg zu Weg. Und auf den Wegen wandelten hübsche Frauen und Mädchen in luftigen Frühjahrskleidern, und alle hatten denselben lächelnden Zug im Gesicht, den der Frühling heraufbeschwört, und man weiß nicht, woher und weshalb. Nie war Otten der Garten, nie war ihm Köln so wundervoll erschienen ....

Und die Heiterkeit der Gemüter hielt an, während sie an einem der gedeckten Tischchen saßen und die Delikatessen verzehrten, die Carmen auswählen durfte, und den Wein aus den geschliffenen Gläsern tranken, die der Marke zukamen. Sie hielt an, während sie heimwärts wanderten, Arm in Arm, wie sie gekommen waren, und während Otten am Klavier saß und lange, stille Weisen spielte, die Frauen links und rechts neben ihm. Und sie verschwand erst, als wäre sie verscheucht, als er sich zu Bett gelegt hatte mit einem letzten freundlichen »Gute Nacht, Maria«.

Wild stob es durch sein Hirn, machte ihm das Herz rebellisch, tanzte einen Hexensabbat in Brust und Kopf. Was war gewesen? Was hatte er getan? Untreu war er sich gewesen, gegen seine Natur hatte er gefrevelt, ein Schäferspiel in blutigen Ernst verkehrt, weil — ja weil er sich zum Amboß hergegeben hatte, für eine kleine, lüsterne, feige Frau, er, der sonst nur den eigenen fröhlichen Hammerschlag kannte — weil er den Freund hatte fallen lassen um eines bißchen verlogenen Evatums willen. Untreu sich selbst. Daran mußte er scheitern. Er konnte nur in der Sonne leben.

Er horchte. Auf die Atemzüge Marias .... Sie schlief selig an seiner Seite, und er hatte ihr doch nur so kurz gute Nacht gewünscht. Wie kam ein Mensch wie er zu einer solchen Frau? Wie durfte er zu einer solchen Frau kommen, da er gezwungen war, mit der schlechtesten Arm in Arm in die Schranken zu treten? Und plötzlich stand der Moment wieder vor ihm, da die andere, die sich ihrer Umwelt so weit voran, so überlegen dünkte, angstverzerrt in sich zusammengekrochen war, leugnend wie ein Spießgeselle, alle Würde von sich werfend, sklavisch wimmernd vor der Bedrohung ihrer Existenz, die sie von der bisher so verachteten Umwelt bezog — ah, nicht weiter denken, nicht weiter. Ihm schnürte sich die Kehle zu.

Wie sollte ein Mann mit der Scham im Nacken mit einer Maria weiterleben — —? Ihre Frauenliebe hatte ihn stark gemacht — ihre Frauenliebe hatte ihm die Jugend bewahrt über die Jahre hinaus — an einem Weibchen war er gescheitert.

Das war so erbärmlich, daß selbst Maria ihm nicht helfen konnte, nicht helfen durfte. Oder — er hatte ins Altenteil zu kriechen. »Meine reine Maria,« murmelte er. Und dann lag er mit weitgeöffneten Augen, zusammengepreßten Lippen, und wartete den Morgen ab.

Auch dieser Morgen kam. Früh ging Otten aus. Er hatte eine Anzahl Papiere zu sich gesteckt und begab sich zu seinem alten Notar.

»Ich habe einen schlechten Traum gehabt, lieber Freund,« scherzte er, »und Sie wissen, wir Künstler sind ein abergläubisch Volk. Wenn wir das erste graue Haar entdecken, reißen wir es aus und glauben, nun wären wir wieder jung und die Welt nähme uns dafür. Aber dann kommt ein Tag, an dem wir entdecken, daß wir uns sämtliche Haare ausraufen müßten, um wieder jung zu werden. Irgendwo sagt uns jemand adieu. Und wir machen noch einmal unsere schönste Verbeugung.«

»Ach du lieber Gott, Herr Doktor, die machen wir alle, wenn Ihnen das ein Trost ist. ›Nur das Alter ist jung, und die Jugend ist alt,‹ hat uns schon Schiller zum Trost gesagt. Und alter Wein — Sie werden es merken — hält die Konkurrenz des Mostes dreimal aus.«

»Auf alle Fälle, Herr Notar.«

»Auf alle Fälle ist immer das beste. Ein Testament?«

»Eine Schenkung. Hier ist mein Vermögensnachweis. Ich möchte, daß diese Summe zur freien Verfügung Frau Maria Ottens von heute an bei Ihnen deponiert bleibt, bis Sie mit Frau Maria Otten über Anlage und Zinsenauszahlungen und was sich sonst ergeben wird, konferiert haben. Stellen Sie mir zuliebe die Dokumente sofort aus, damit ich meine Unterschrift geben kann. Ich muß am Nachmittag verreisen.«

Später stattete Otten dem alten Klaus einen Besuch ab. Der Alte ging verlegen um seinen Freund und Gönner herum. »Geweß, et is en Schand, dat ich Reißaus nehm. Äwwer et is nit zu vermiete, et is bald esu en ahl Barack, als wie ich bin. Un et is doch nu mal Familieneigentum. Et Alter macht eigensinnig, un sing eigne Scholl möcht mer doch zu gern beim Sterwen unger de Föß hann.«

»Ich besuch’ dich, Klaus.«

»Jupp, ding Hand drop!«

»Hast du Ersatz? Jemand, auf den man sich verlassen kann, auch wenn der Herr nicht daheim ist?«

»Ich gonn nit us dem Hus, als bis ich ene tüchtige Ersatzmann gestellt hann. Verloß dich drop, Jupp.«

»Na — denn adschüß, Klaus. Und viel Glück für Zons.« — —

Gegen Abend nahm er Abschied von Maria und Carmen. Sie brachten ihn zum Bahnhof, und er täuschte sie durch sein fröhliches Geplauder über nichtige Dinge. Er hatte Carmen abgeküßt und wandte sich Maria zu. »Einsteigen!« riefen die Schaffner und schlugen die Türen zu. Da riß er sie leidenschaftlich an sich. »Leb wohl!« stieß er hervor.

Sie sah ihm mit erschreckten Augen nach, bis der Zug in der Ferne verschwand. Und diese erschreckten Augen verfolgten ihn bis Godesberg. »Die Frau in ihr — ~meine~ Frau in ihr — hat mich — verstanden. Helf ihr Gott.«

In Godesberg trat der Stationsvorsteher auf ihn zu und grüßte ihn freundlich.

»Frau Lüttgen ist gestern abend nach Italien gereist. Aber Herr Lüttgen ist in seiner Villa.«

Auf und davon hatte sie sich gemacht. Ohne Besorgnis um das Schicksal der Männer, die sich in ihrem Rücken rauften. Nur in Besorgnis um ihr eigenes, kleines Existenzchen. Bravo! Bravo!

Er suchte einen Gasthof auf und legte sich gleich zur Ruhe. Um fünf Uhr in der Frühe stand er vor dem Hotel. Sein Zeuge erwartete ihn. Sie gingen langsam und schweigend die Straße entlang, ließen bald die letzten Häuser hinter sich und betraten gegen halb sechs Uhr den Park.

Zwei Stunden später schaffte man Joseph Otten nach Bonn in die Klinik. — —

=XIV=

Das Lebensbuch Joseph Ottens wies eine Lücke. Und diese Lücke war eine Kluft, über die keine Hand hinüberreichte. Zwei Jahre waren vergangen, und da sie inhaltlos gewesen waren, hatten sie sich wie ein Keil zwischen das Gestern und das Heut geschoben. Es mußte mit der Gegenwart neu paktiert werden.

Der Tag war da, an dem er die Festung Ehrenbreitstein verließ, die er ein Jahr vorher bezogen hatte. Ein Hindämmern war es gewesen, ein Abstreichen auf dem Kalender von Tag zu Tag. Vom Stadturlaub hatte er keinen Gebrauch gemacht, die Spaziergänge zwischen den Wällen hatten ihm genügt. Dann lehnte er an der Mauer und schaute hinunter ins Rheintal und ins Tal der Lahn und wandte wieder den Kopf und folgte dem Stromlauf nach Norden und suchte den Horizont ab nach den Schwurfingern des Kölner Doms, die ihm seine Phantasie vorspiegelte. Ein Gleichmaß von Stunden und ein Gleichmaß von Gedanken, und keine Stunde und keine Gedanken, die weiter wiesen. Das Jahr, das diesem voraufgegangen war, hatte ihn gleichgültig gemacht gegen das kommende.

Er hatte in der Klinik gelegen, und die Kugel war ihm aus der Brust gezogen worden. Die Lunge war nur gestreift, aber die größte Ruhe wurde ihm auferlegt, damit die Wunde glatt vernarbte und keine Folgen eintreten konnten, die ihn an der weiteren Ausübung seines Berufes gehindert hätten.

Otten hatte zu den Anordnungen des Professors kein Wort der Entgegnung gefunden. Er ließ den Arzt an sich herumhantieren, folgte jedem Wink und lag, wenn er allein war, reglos in den Kissen und starrte zur Zimmerdecke. Ein einziges Wort war in seinem Kopfe haften geblieben, und das Wort wälzte er hin und her und beleuchtete es von allen Seiten. Seine Kunst war in Gefahr. — —

In einer Nacht — die Wärterin schlief auf dem Sofa in seinem Zimmer — wuchs die Frage riesengroß und schreckhaft vor ihm auf. Seine Kunst in Gefahr! Alles andere hatte er vorher in Gefahr gebracht, sein Weib, sein Kind, seinen Ruf und den Ruf anderer. Aber in der Ausübung seiner Kunst hatte er immer aufs neue die fröhliche Spannkraft gefunden, die ihm das Geheimnis verlieh, wieder gutzumachen, auszugleichen, die Menschen für sich zu gewinnen. Und das Geheimnis seiner angestaunten, elastischen Jugend. Kunstinvalide werden, bedeutete für ihn mehr, es bedeutete für ihn — Lebensinvalide werden. Was blieb, war das Alter.

Der Schweiß bedeckte seine Stirn und seinen Körper. Aus dem Deckbett, aus der Tapete, aus allen Ecken des Zimmers krochen kleine, krumme, graue Männchen, humpelten an Stöcken heran, wackelten mit den Köpfen, grinsten ihm vertraulich ins Gesicht und kletterten ihm mühsam auf die Brust. Da stieß er den ersten Verzweiflungsschrei aus, den ersten und einzigen. Und die Wärterin fuhr auf, eilte an sein Bett und machte in der Nacht den Arzt mobil.

Allerlei Gestalten waren in der Folgezeit wie Schemen an seinem Bett vorbeigezogen, und einige Male, wenn er die Augen geöffnet hatte, waren über ihm Augen gewesen, die nur Maria gehören konnten. Dann hatte sich die flatternde Unruhe in ihm verstärkt, und dem Arzt war der Grund nicht entgangen.

»Alles, was ein seelisches Leiden hervorrufen könnte, müssen wir von ihm fernhalten, gnädige Frau. Sie sind viel zu tapfer, um die Wirkung Ihres Hierseins nicht einzusehen. Ich werde Sie rufen lassen, sobald die Genesung da ist und unser Patient nach Ihnen verlangt.«

Und Frau Maria war still, wie sie gekommen war, nach Köln zurückgekehrt.

Langsam war Otten gesundet. Und eines Tages verlangte er selber nach einem Menschen. Er wünschte den Studiosus Lachner an seinem Bette zu sehen. Auf dem Universitätssekretariat erfuhr man seine Adresse, und am Nachmittag saß Moritz Lachner am Bett seines Kindheits- und Jünglingsideals, blaß und mit verschlagenem Atem.

»Na, na, na, — sehe ich so graulich aus?«

»Nur noch etwas — hager, Herr Doktor.«

Otten strich sich mit der Hand über die eingefallenen Wangen. Nase und Backenknochen sprangen scharf hervor. »Laß mich nur erst wieder auf den Beinen sein. Wandervögel kannst du nicht in Käfigen halten. Aber wirf sie nur zum offenen Fenster hinaus, und sie werden sich schon auf ihre Flugkraft besinnen. Hast du ein wenig Zeit für mich übrig, Moritz?«

»Meine Zeit gehört Ihnen, Herr Doktor.«

Otten nickte schweigend. Seine Hände spielten auf der Decke. »Warst du kürzlich in Köln?« fragte er unvermittelt.

»Sie meinen die Rheingasse, Herr Doktor. Ja, ich war dort.«

»Ich meine die Rheingasse — — Was für ein feines Ohr du für Zwischenfragen hast. Wir werden uns gut verständigen, Moritz.«

»Frau Doktor und Carmen sind gesund. Sie leben zurückgezogen.«

»Ich glaub’s — —«

»Darf ich auch von — von Ihrem Gegner sprechen?«

»Von — wem? Er ist nicht mehr mein Gegner, mein Junge. Aber ich wüßte nicht, was es von ihm zu hören gäbe.«

»Er wird einen steifen Arm zurückbehalten, Herr Doktor,« und des Studenten Augen funkelten vor Genugtuung.

»Du bist nicht gescheit. Ich war’s, der die Zeche bezahlen mußte.«

»Nein,« sagte Lachner, »er war bereits verwundet, bevor Sie getroffen wurden. Er ließ es sich nur nicht merken, um noch zum Schuß zu kommen. Es ist der linke Arm.«

»Herr Gott im Himmel,« sprach Otten vor sich hin, »welch ein Haß muß den Mann beseelt haben —«

Als Moritz Lachner keine Anrede mehr hörte, stand er leise auf. Otten lag mit geschlossenen Augen. »Auf morgen, Herr Doktor, wenn ich darf.« Und als keine Antwort kam, verließ er auf den Zehenspitzen verstört das Zimmer. Es war ganz still. Hin und wieder streifte eine Rosenranke vom Spalier das Fenster. Und Otten öffnete weit die Augen und murmelte: »Wie muß er mich gehaßt haben ... Das macht mich noch kleiner ...«

Am nächsten Tage begrüßte er Lachner mit freundlichem Gesicht. »Setz dich näher heran, Moritz. Ich hatte gestern einen kleinen Schwächeanfall, aber er kommt nicht wieder. Mein Wort darauf. Und nun laß die ängstliche Miene beiseite. Zeig, daß man Vertrauen zu dir haben kann und ein ernstes Wort mit dir sprechen, das in normalen Zeiten der Altersunterschied zwischen uns nicht gut zulassen würde. Kann ich das?«

»Ja, Herr Doktor.«