Chapter 14 of 24 · 3968 words · ~20 min read

Part 14

»Das würde sie, und es würde die Wahrheit sein.«

»Sie haben eine sonderbare Art, Ihre Logik zu betätigen.«

»Frau Amely,« sagte er, »keine Kreuz- und Quersprünge. Selbst wenn ich Sie in den Arm ziehen und diese ärgerlichen Lippen auf die sonderbare Art meiner Logik verschließen würde, wären Sie in besserer Hut als in der Ihrer eigenen Gedanken. So sehr haben Sie das begriffen, daß diese Lippen ärgerlich wurden.«

»Männereinbildung.«

»Nein,« fuhr er fort, »nicht diesen überlegenen Ton, der den Ärger über mich schlecht maskiert. Ja, was glauben Sie denn? Glauben Sie denn wirklich, ich, Joseph Otten, würde hier liegen und sehnsuchtsvoll in den Frühlingshimmel starren, während auf Armesweite der Frühling leibhaftig kauert? Würde nicht mit einer einzigen Bewegung diesen Frühling an mich ziehen und ihn nicht eher freigeben, als bis sein Lebensgeheimnis das meine geworden? Meinen Sie denn, ich hätte keine Augen im Kopfe, um dieses kapriziöse Menschenwunder vor mir zu sehen? Und keinen wilden Herzschlag in der Brust, der danach verlangte, sich auszupochen? Was ich nie getan habe, tue ich heute. Ich respektiere den Mann, der dahinter steht. Weil er mein Freund ist, gewiß. Aber viel mehr noch, weil er ein armer Mensch ist, der sich von vornherein in seinen Hoffnungen betrogen sah. Hoffnungen auf dich könnte ich ihm also nicht nehmen. Aber wenn ich dich küssen würde, so wie ich dich küssen möchte, müßte ich — ihn fallen lassen. Und das hat er nicht verdient. Man stiehlt keinem Bettler seinen Notgroschen.«

Frau Amely saß unbeweglich und blickte in den Wald. Dann sagte sie langsam: »Dennoch — käme es darauf an, festzustellen, wer der Bedürftigere wäre.«

»Er ist es. Das ist keine Frage.«

»Hör zu ... Du behauptest, er leidet unter mir, weil ich keinen Hehl daraus mache, daß ich von seiner Existenz nur die notwendigste Notiz nehme. Ich gebe mir keine Mühe zu einer Annäherung. Mehr noch, ich wünsche die seine nicht. Ich aber behaupte: ich leide unter ihm! Ich habe ihn geheiratet, weil er der große Fabrikherr war. Ich bin viel zu stolz, das Motiv in Abrede zu stellen. Ich wollte auf die sorgenlose Höhe, auf die ich gehörte. Das aber ist in dieser Angelegenheit der einzige Vorwurf, der gegen mich erhoben werden könnte. Ich wollte nicht länger mehr warten, und ich beging den vorschnellen Fehler. Was war’s, was ich eingetauscht hatte? Lassen wir das. Du kennst ihn. Aber ich gebe dir die Versicherung, ich habe zuerst getan, was ich konnte, seinen Geist und seine Liebhabereien umzubilden, sie den meinen anzupassen, denn darauf hatte ich ein Recht, weil ich ohne Phrase und Überhebung die stärkere Individualität von uns beiden war. Einer mußte nachgeben. Er bedauerte, er sei zu alt dazu und könne sich nicht mehr ändern. Und ich bedauerte, ich sei noch zu jung dazu und könnte es noch nicht. Die Liebe hätte darüber hinweghelfen können. Aber sie war ja gar nicht vorhanden gewesen. Nein, nein, auch nicht auf seiner Seite. Das war rheinisches Protzentum. Die Freude, ein apartes Sächelchen zu haben, das die anderen anstaunen würden: ›Der Lüttgen — der kann sich’s leisten. Doch ein großartiger Kerl!‹ Ich hätte eine andere sein müssen, nicht eine Frau, die das weibliche Sklaventum als lächerliche Farce empfindet, nicht eine Frau, die sich für ein Dutzend Ringe und Halsketten nicht die Seele morden läßt von einem Händler, der Seele für Luxus hält und sie in seinem Materialismus höchst störend empfindet. Um aber mit mir spielen zu lassen, nur spielen, dazu will ich, daß der Partner mir ebenbürtig ist. Oder wir sind nicht unter uns, und die Scham bleibt, und die Demütigung beginnt. Er hat mich nur demütigen können. Er, er! Nicht ich ihn! Und wenn ich mich endlich freimachte, so frei, wie ich heute bin, so nahm ich mir endlich mein altes Recht zurück, mein unveräußerliches Menschenrecht.«

»Ist das — alles wahr?« fragte Otten und dehnte die Worte.

Sie wandte sich blitzschnell nach ihm um. »Würde ich sonst im stande sein, solche Empfindungen — vor einem — dritten — auszusprechen?«

»Sie formt die Worte nach einer Augenblickslaune,« dachte Otten, und laut sagte er: »Es gehört eine große Verlassenheit oder ein großer — Haß dazu.«

»Haßt er mich nicht?«

»Es ist wahr,« dachte Otten, »er haßt sie nicht minder. Irgendwo brennt es, und irgendwo ist der Widerschein.«

Sie las ihm seine Gedanken ab. »Ich weiß, daß er herumgeht und Menschen, denen ich näher treten könnte, gegen mich einzunehmen versucht. Er wird bei dir keine Ausnahme gemacht haben. Nun, gib Antwort: wer verleiht dem Haß Gestalt? Wer ist der leidende Teil? Wer hat nötig, einen Freund ganz für sich zu beschlagnahmen, ganz für sich, damit das Leben wieder neuen Aufschwung nimmt? Du kennst mich jetzt zur Genüge, um selber urteilen zu können. Bin ich so abschreckend?«

»Du bist eine Hexe.«

»Bleib ernst. Du bist viel zu ritterlich, um nicht zu entscheiden, wo das Recht steht. Und wo das Recht steht, da stehst du. Da steht deine Freundschaft ungeteilt.«

»Und doch wiesest du die Anrede ›Freundin‹ zurück?«

»Dann nicht mehr. Denn dann hat das Wort die Skala der Töne, und ich suche mir meinen Ton.«

»Liebe, arme Freundin,« sagte er zärtlich.

»Nein — reiche!« ... Sie legte ihre Hand auf seine Augen und ihre Lippen fest auf seinen Mund. Und es war ein Zauber im Walde wie vor verwehten Jahrhunderten, da der Mönch von Heisterbach grübelnd durch den Wald schritt, den Sinn des Wortes zu ergründen: Tausend Jahre wie ein Tag — — —.

Schulter an Schulter wanderten sie schweigend den Weg entlang, und das Staunen des Waldes lief hinter ihnen her. Frau Amely ging mit heimlich glänzenden Augen und hoch erhobenem Haupt, und auf Ottens kühnem Gesicht lag die Sonne des Frühlings, den er aus dem Walde heimtrug. Es dämmerte, als sie Königswinter erreichten. Sie banden das Boot los und kreuzten über den Rhein, dem Ufer von Godesberg zu. Aber sie mochten nicht landen. Immer stiller wurde es auf dem Wasser, immer stiller das Gestade auf und ab. Der frühe Mond stieg feuriggelb über die Ruine des Drachenfels hinaus, und sein Licht gab Himmel, Strom und Gelände einen mystischen Glanz. Die Spur, die der Nachen zog, war wie rieselndes Silber. Wenn sie die Hände ins Wasser tauchten, die sich gleich zueinander fanden, lag auf der Haut ein silbernes Scheinen. Und wenn sie sich zueinander beugten, sahen sie das silberne Glänzen tief in ihren Augen. Bis Frau Amely unter einem mahnenden Nachthauch erschauerte. Da drehte er das Steuer, ließ die Segel beifallen und glitt an den Strand, der den Parkrand der Villen bespülte.

Sie sprang aus dem Boot, stand einen Augenblick, als ob sie sich besänne, und dehnte dann mit einer weit umfassenden Bewegung die Arme gegen den bestirnten Himmel. »Ah — —,« sagte sie, »schön — — ...!« Und ihre Stimme hatte einen dunklen, vibrierenden Ton.

»Komm hinein. Die Abendkühle ist nicht für dich.«

»Für uns beide nicht.«

Und sie gingen durch den Park und den Garten der Terrasse zu. Die Halle war erleuchtet. Der Diener kam und fragte nach den Befehlen.

»Wir haben schon zur Nacht gespeist. Es ist gut. Keine Briefe?«

»Eine Depesche, gnädige Frau.«

Sie nahm sie und wartete, bis der Diener gegangen war. Dann öffnete sie, las und reichte das Papier an Otten. Ihre großen, grauen Augen hingen an seinen Mienen. Er ließ das Papier sinken. »Was nun?«

»Was nun?« wiederholte sie. »Im Text steht es deutlich geschrieben: ›Bleibe ein paar Tage länger. Fahre nur über den Kanal und wieder zurück. Das Geschäft will es. Erwartet mich in Godesberg. Lüttgen.‹ Wir werden ihn also erwarten.«

»Das geht unmöglich.«

»Fürchtest du dich?«

»Ja, ich fürchte — ~mich~.«

»Freilich — wir tragen die Verantwortung, wenn wir aus der Rolle fallen.« Sie zuckte mit den Augenbrauen und schritt an ihm vorüber. »Wie schwül es hier ist ...« Und sie öffnete weit die Tür zur Terrasse und lehnte sich an den geschnitzten Pfosten. »Das war ein kurzer Tag.«

»Es gibt Tage, die man nicht mit der Elle mißt, sondern mit dem Senkblei.«

»Hast du schon Grund? Wenn ich so geringe Tiefen habe, lohnt es wirklich nicht, und du hast recht.«

Er sah zu ihr hinüber und lächelte. Und während er lächelte, sah er, wie schön sie war. »Deine Melancholie ist ein Fallstrick, und dein Zorn ist es auch. Jetzt wirst du noch an meine Ritterlichkeit appellieren.«

»Ich appelliere nicht.«

Er ging durch das Zimmer und nahm vom Flügel eine Mandoline. Leise strich er mit dem Finger darüber, horchte auf und stimmte wieder. Es war ganz still.

»Ich möchte gern eine Stimme hören, und wenn es die meine wäre.«

Von der Tür kam keine Antwort.

»Damit wir wissen, daß wir nicht gestorben sind.«

Sie rührte sich nicht.

Er zog einen Stuhl heran, setzte sich rittlings darauf und legte die Arme über die Lehne. »Es war in Neapel. Ich saß am Meer, vor einem Hotel der Via Partenope. Das Herz pochte und stellte tausend Fragen, die ein Mann allein gar nicht beantworten kann. Da sang ein junges Frauenzimmer ein Bänkelliedchen ...«

Er präludierte und sang mit halblauter, werbender Stimme:

»=Tre volte voi ho visto e sono perdutto, E mille volte a voi ho pensato. Tre volte vostra mano ho stretto, E mille volte la mia ho vasato ... Signora, dite: ›Sí‹, A voi non costa niente, Una occhiata solamente, Capisco io che vol dire.=«

Schritt für Schritt war sie ins Zimmer gekommen. Jetzt lehnte sie an seinem Stuhl. »Was sagt das Liedchen?«

»Das Liedchen? Der Sänger! Er sagt und klagt: ›Dreimal habe ich Euch gesehen und bin verloren, und tausendmal hab’ ich an Euch gedacht. Dreimal habe ich Eure Hand gedrückt und tausendmal die meinige gesegnet. Signora, sagt doch ja! Euch kostet es nichts. Einen Blick nur — und ich verstehe, was er sagen soll.‹«

Durch die offene Tür strömte der deutsche Frühlingsabend.

»Ich möchte von dir Italienisch lernen,« sagte sie leise. »Italien ist für unsere Art die einzige Heimat.«

Er strich über die Saiten, daß sie silbern klangen.

»=Signora, dite: ›Sí‹= ...«

Sie nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände. »Geh nicht fort.«

Er wiederholte den Refrain, mit geschlossenen Augen, und ein glückliches Lachen um den Mund. Seine Seele schweifte am blauen Mittelmeer und weckte Träume auf.

»Geh nicht fort — —.«

Er schüttelte übermütig den Kopf, sang und spielte. In der Ferne verlor sich das Raunen des Rheines, aus dem Garten zog der Blumenduft zu ihnen herein, und die Nacht war weich wie ein verschleierter Frauenblick.

»Jetzt sind wir ganz allein auf der Welt,« sagte Frau Amely ...

=XIII=

Vier Tage später kehrte Lüttgen nach Godesberg zurück. Er war von einer lauten Jovialität und sonnte sich in der Erinnerung an seine Geschäftsreise. »Den Engländer hätten wir. Es war ein Stück Arbeit. Einen halben Tag am Konferenztisch, wie zwei kaltblütige Spieler Zug um Zug gegeneinander gesetzt, und zum Schluß hatte ich doch meinen Willen. =Business is business.=«

Die Frau und der Freund brachten seinem Überschwang geringes Interesse entgegen. Als Otten am Nachmittag eine Rheinfahrt zu dritt ablehnte, bemerkte Lüttgen die Reserve. Seine Heiterkeit machte einem forschenden Erstaunen Platz. Dann wurde er still und in sich gekehrt. Am Abend trennte man sich mit erkünstelter Höflichkeit.

Nach schlafloser Nacht, die erst gegen Morgen einen schweren, zermürbenden Schlummer brachte, kam der Fabrikant auf die Veranda und fand den Frühstückstisch leer. An den hingeworfenen Servietten sah er, daß Frau Amely und Otten nicht auf ihn gewartet hatten. Er ließ sich vom Diener den Tee bringen und fragte nicht nach ihrem Verbleib.

Der Tee wurde kalt. Er saß noch immer grübelnd nach vorn gebeugt und suchte die Gedanken dort wieder aufzunehmen, wo sie ihm der dumpfe Morgenschlummer abgenommen hatte. Die Figur seiner Frau verbannte er mit einem Zucken der Mundwinkel. Blieb der Freund — —! Wie weit mußte er sich mit ihm auseinandersetzen ...?

»Gar nicht,« flog es ihm durch den Kopf. »Was geht dich die Frau an? Sie hat ihr Leben, und ich habe meines, das ist seit Jahren Gewohnheitsrecht geworden. Ich spielte eine lächerliche Rolle, wollte ich jetzt dagegen aufstehen. Und doch — ~muß~ ich jetzt dagegen aufstehen. Bisher handelte es sich um Courmacher, die mir genau so gleichgültig oder so widerwärtig waren wie sie. Das hob sich auf, und ich verlor nichts dabei. Jetzt aber —«

Er zog sein Taschentuch und wischte sich langsam die Stirn.

»Nun? Was denn: jetzt aber? Verlierst du jetzt etwas? Joseph Otten könnte sich ebensogut mit Luft beschäftigen, so wenig existiert die Frau für dich. Du hast sie zufällig im Hause, das ist alles. Und er reist in den nächsten Tagen sowieso. Soll ich wegen bloßer Luft den Freund aus meinem Leben jagen, der das Intermezzo vierundzwanzig Stunden nach seiner Abreise vergessen hat? Das würde für die Siegerin ein Gaudium sein.«

»Vergessen hat — —? Und wenn er es nicht so bald vergäße?«

»Keine Sorge.« Und wieder kam das Zucken der Mundwinkel. »Sie würde ihn das Vergessen rasch lehren. Sie ist nicht für Freundschaften =par distance=, und Otten binnen kurzem kein Jüngling mehr. Das entscheidet für sie.«

Fast regte es sich wie Mitleid in ihm. Das Mitleid des nüchtern Gewordenen mit einem armen Berauschten. »Ich liege auf einer Sandbank, aber ich bin doch wenigstens gerettet. Und der da zappelt sich ab und schluckt Salzwasser, wo er Schätze ans Tageslicht zu fördern glaubte. Armer Kerl, es gibt keine Tiefen. Es gibt nur Untiefen. Ich hätt’s dir gern erspart.«

»Erspart? Wenn ich davon weiß?«

Mechanisch wischte er über seine Stirn. Dann lächelte er verächtlich. »Natürlich erspart. Mich kann doch eine Sache nicht beleidigen, die mir so fern steht wie die Tageslaune dieser Frau? Ihr Schoßhündchen kann mir doch auch keinen Ehrenhandel abnötigen. Welch ein Unsinn, sich als Mann für eine Frau exponieren zu wollen, die einen längst nicht mehr das geringste angeht, nicht mehr, als daß sie für die Umstehenden den Schein zu wahren hat. Das wäre das Gegenteil, das wäre Donquichotterie und — Unehre. Wahrhaftig, das wäre es. — — Nur eins, nur — eins ...«

Sein Gesicht zog sich zusammen. Er starrte auf die Tischdecke, auf der sich die Sonne kringelte.

»Wenn ich schweige, da ich nichts verloren habe, so bleibe ich, wer ich bin, und meine Ehre ruht in mir selber. Nur wenn es darüber hinausgreift, wenn ich die Zeche der gnädigen Frau bezahlen sollte, wenn sie mir mit ihrer Laune den Freund abtrünnig machen sollte, daß er sich von mir abwendet wie von etwas — Unsauberem — —«

Seine Hand fiel schwer auf den Tisch.

»Dann — —!« — —

Er blickte auf und gewahrte zwischen den Bäumen des Parks Frau Amelys weißes Sportkleid und Ottens hellen Anzug. Hastig trank er den kaltgewordenen Tee aus. »Wie sein Lachen klingt,« murmelte er. »Ich will mich nicht beschämen lassen.«

Er erhob sich und winkte den Ankommenden zu. Lässig erwiderten sie seinen Gruß.

»Ihr wart wohl schon auf dem Rhein, ihr Ruhelosen?«

»Wir haben gebadet und in der Sonne gelegen.«

»Und laßt mich in den Federn.«

»Ich wußte nicht,« sagte Otten, »daß du noch für körperliche Übungen zu haben bist.«

»Nun, nun! Mach mich nur nicht gleich zum Kinderschreck. Oder bin ich schon ein solcher Falstaff?«

»Was hast du vor?« fragte Frau Amely. »Können wir über dich mitbestimmen, oder ziehst du die Siesta vor?«

»Wenn ihr mich haben wollt?«

»Bitte sehr —.«

»Sehr ermutigend klingt das nicht. Aber ich halte es den Anstrengungen des Badens zu gute. Hier ist eine gefährliche Ecke, und es muß einer schon verteufelt gut gegen den Strom schwimmen können, um in Landungsweite zu bleiben. Ja — was ich sagen wollte: Wie wär’s, wenn wir heute das Mittagessen in Königswinter nachholten, das ich bei meiner plötzlichen Abreise im Stich lassen mußte? Ihr könnt euch darauf verlassen, daß ich nicht knauserig bin.«

»Muß es gerade Königswinter sein?« meinte Otten.

»Ich bestehe nicht darauf. Aber hast du was gegen das Prachtnestchen?«

»Durchaus nicht. Bleiben wir dabei.«

Das Wetter war paradiesisch. Die warmen Tage und Nächte hatten die versteckteste Blüte hervorgelockt, und die Ufer links und rechts standen im weißen Flor der Obstbäume. Die drei im Boot hatten kein Auge dafür. Hin und wieder schlug ein Wort an und verhallte. Dann ließ auch Lüttgen die Unterhaltung fallen.

Sie speisten am Rhein, und der Wein machte sie lebendiger. Aber die Unterhaltung schwebte nur zwischen Otten und Frau Amely, und sie gaben sie nicht aus der Hand. Und auf der Heimfahrt wurde es nicht anders.

Lüttgen suchte sofort sein Zimmer auf, um sich umzuziehen und sich vor Erkältung zu schützen. »Ihr werdet wohl zehn Minuten ohne mich auskommen können.«

Otten und Frau Amely saßen auf der Terrasse und vermieden es, sich anzusehen.

»Das alles war häßlich,« sagte endlich der Mann.

Sie wandte ihm langsam den Kopf zu. »Und in dieser Häßlichkeit lebe ich jahraus, jahrein. Du empfindest sie schon nach wenigen Tagen.«

»Er kann nichts dafür. Es ist seine Natur, die ihm im Wege steht.«

»Und die meine? Soll sie daran stumpf und dumpf zu Grunde gehen? Wenn einer in den Hintergrund treten muß, so soll es doch in aller Welt nicht der wertvollere Mensch sein, der es muß.«

»Bist du so sicher —«

»Daß nicht er der wertvollere Mensch ist? Ja! Dessen bin ich sicher. Und wenn du es noch nicht erfahren hast, so liegt das daran, daß seine alltägliche, niederziehende Art schon allzusehr auf mich gewirkt hat. Joseph! Weshalb bist du nicht früher gekommen! Damals, als der Unterschied noch viel klarer zu Tage trat als heute. Wo es für dich ein einziges gewesen wäre: Sehen und Erkennen. Wo du mich einfach auf die Arme genommen hättest, um mich aus all den Erniedrigungen, die ich von dem Mann, dem seine Natur im Wege steht, erdulden muß, herauszuheben. Soll ich mit ihm trinken? Soll ich mit ihm Witze machen? Soll ich mich an seinen Hals hängen, wenn er plump und zärtlich wird? Soll ich das — auch jetzt noch?«

Otten atmete schwer. Es wurde eine spannungsvolle Stille. Dann sprach er.

»Wenn du das, was du mir heute und in den letzten Tagen von ihm und von dir gesagt hast, auf deinen Eid nehmen kannst — so sollst du es nicht.«

»Ich nehme es darauf.«

»Gut. Du wirst mich, wo es not tut, an deiner Seite finden. Im übrigen muß er es jetzt schon wissen.«

»Es wird ihn kalt lassen, und er wird kein Wort daran wenden. Da hast du seinen Charakter.«

»Damit fiele jede Schonung fort. Ich glaube dir.« — —

Von diesem Tage an unterließ es Lüttgen, an den Wanderungen und Segelfahrten teilzunehmen. Nur einmal stellte er den Freund im Garten. Es währte nur einige Minuten.

»Es ist nicht ganz so gekommen, wie ich es mir gedacht hatte. Euer Seelenbündnis geht weit.«

»Wenn das etwa eine Beschuldigung deiner Frau sein soll, so fällt sie auf dich zurück.«

»Das würde mich interessieren. Du darfst mir ruhig eine Philippika halten.«

»Ich fühle mich nicht dazu berufen. Wenn du nicht selbst empfindest, was du an deiner Frau versäumt hast? Ein so reiches Wesen, erziehungsfähig wie kein zweites. Aber man muß die eigene Erziehung dem Ziele anpassen.«

»Mit anderen Worten: ich bin ein stumpfsinniger Wüterich.«

»Gegen dich selbst vielleicht.«

»Gott bewahre dich, daß du es aus lauter Erziehungseinsicht auch einmal gegen dich wirst. Es gibt Katzennaturen, die lassen sich dressieren, aber nicht erziehen. Eines Tages zeigen sie doch ihre Raubtierinstinkte.«

»Laß das, bitte.«

»Mit Vergnügen. Mir täte es nur um den Freund leid, der die Erfahrungen umsonst haben könnte.«

Otten teilte einiges aus dieser Unterhaltung Frau Amely mit. Sie legte ihre Hand auf die seine und sah ihn an. Und in ihm wuchs die Abneigung des Starken gegen den Schwächling. Die feste Hand tat’s, und er hatte sie.

Lüttgen bemerkte es schnell, wie sich der Freund von ihm zurückzog. Und er spürte die Mißachtung heraus. Tiefer und tiefer grub sich der Haß gegen die Frau in ihn ein. Sie traf die Schuld, nur sie. Sie hatte die Ritterlichkeit des Mannes durch eine Verstellung der Dinge für ihre schlechte Sache zu gewinnen gewußt. Sie hatte den Gatten so preisgegeben, daß auch der Freund ihn preisgeben mußte. Mißachtung. Weiter ging es nicht.

Er ging umher, und sein Haß grübelte: »Was tu’ ich? Was tu’ ich, um diesen Verlust wettzumachen? Der Mensch ist mir so sehr ans Herz gewachsen, wie mir die Frau abscheulich ist. Ich strafe mich selbst, wenn ich ihn treffe. Denn sie allein hat die Verantwortung. Sie hat ihn schon jetzt betrogen, wie sie ihn belogen hat. Und nun hält er seine Ritterlichkeit für engagiert. Würde ich an seiner Stelle anders gehandelt haben? Nein. Oder — vielleicht nein. Das ist ja so nebensächlich, denn ich lasse es ja zu, daß er sich die Finger verbrennt, wenn er absolut nicht anders will. Aber — mißachten? Mich mißachten? Nach alledem, was ich unter dieser Frau ausgestanden habe, auch noch von dem einzigen Menschen, an dem ich hänge, mißachtet werden?« Es tanzte ihm in bunten Lichtern vor den Augen. »Ich muß mich wehren,« murmelte er, »ich muß mich wehren.«

Und von Stund’ an suchte sein Haß.

Wo er ging und stand, glaubte er den Triumph der Frau zu empfinden: »Jetzt nehm’ ich dir auch den Freund, jetzt nehm’ ich dir auch den Freund. Wer ist nun der Reichere von uns beiden, du Bettelmann?«

Seine Gedanken jagten hin und her. Nur nicht die letzte Planke verlieren!

Und er sah sie am Rhein. Hand in Hand standen sie und lachten sich an, als gäb’s auf der Welt nichts außer ihnen. Der Atem kroch ihm zurück. Die Brust schmerzte ihn. Er wollte seine Stimme hören und konnte nicht. Und plötzlich wachte es in ihm auf, das Bild, das er gesucht hatte. Seine Brust hob sich hoch, und es kamen Laute über seine Lippen, die er nur selbst verstand. »Ich hab’s — ich hab’s. Ich muß ihn ihr nehmen, glatt — weg — nehmen. Mitten aus ihrem Triumph heraus — weg! Weil du ihn mir genommen hast — dafür — nehm’ ich ihn — dir! Nicht seinetwegen. Deinetwegen!«

Mit einer langsamen Gebärde fuhr er sich über die Augen. Die bunten Lichter tanzten nicht mehr. Er sah den klaren Tag. Und er wandte sich ab und ging ruhigen Schrittes dem Landhaus zu und riegelte sich in seinem Zimmer ein.

»Es ist lange her,« sagte er sich, »daß ich das Schießzeug nicht mehr in der Hand gehabt habe,« und er betrachtete den polierten Lauf. »Seit meiner letzten Übung bei den Deutzer Kürassieren nicht mehr. Und das ist bald schon nicht mehr wahr. Ruhe, mein Junge. Es wird nicht darauf ankommen, daß ~einer~ fällt, sondern — daß ~er~ fällt. Das Gottesurteil bin ich! Vergiß das nicht. Nur so hat es Sinn. Hat die Affäre so lange gedauert, kann sie noch ein paar Tage länger dauern. Damit ich mich einüben kann und — treffen. Nicht dich, Jupp. Sie — —!«

Wenn das Segelboot auf dem Rhein schwamm, ging er in den Park, stellte die Scheibe auf und maß die Schritte ab. Die schwerfällige Hand zitterte, als er sie zuerst erhob. Die Kugeln saßen in der Baumrinde. Aber zähe blieb er beim Werk. Und als die erste Kugel im Scheibenrand saß, glitt ein Lächeln über sein rotes Gesicht ...

Nun irrten die Kugeln nicht mehr ab. Er hatte ja Tage für sich. Es störte ihn keiner, und keiner fragte nach ihm. Und es kam die Stunde, wo Kugel auf Kugel das Zentrum durchbohrte. Das war der glückseligste Augenblick seines Lebens.

Der Segelwind war abgeflaut. Das Boot kroch langsam heran. Den Insassen war es lieb, noch nicht landen zu müssen, allabendlich schoben sie die Landung hinaus.

»Du darfst noch nicht fort,« sagte Frau Amely und legte den Kopf an Ottens Brust. »Du bist jetzt nur an mich gebunden.«

»Sei vernünftig, Amely. Wir dürfen nicht wie Chacun und Chacune denken. Das ist ja so billig.«

»Gar nichts denken. Still. Nur deinen Kopf hergeben. So — — jetzt lieg’ ich gut ...«

Das Boot schwamm auf der Höhe des Parkes. Frau Amely fuhr auf. »Hörtest du nichts?«

»Einen Schuß —«

Sie horchten beide. Die Schüsse fielen in regelmäßiger Reihenfolge.