Chapter 7 of 24 · 3988 words · ~20 min read

Part 7

»Hät hä ding ärm Seel losbete müsse? Dann is die nächste Rund’ beim Herrn Terbroich.«

Terbroich protestierte. Aber man hatte den Auftrag bereits erteilt.

»Jetzt wird mir wieder heimatlich,« sagte Otten. »Daß man das draußen vergessen kann.«

»Aber wir haben den Herrn Doktor Otten nicht vergessen.«

»Der Prophet gilt sonst nicht viel im Vaterland. Wer einen als dummen Jungen gekannt hat, hält es später für unter seiner Würde, sich von dem Bild loszureißen. Daher tragen so viele Künstler ein getrübtes Heimatserinnern mit sich herum.«

»Das mag anderwärts wahr sein, Herr Doktor. Aber wir Kölner sind immer noch stolz auf unsere Künstler gewesen. Und um Ihnen das zu beweisen, fordere ich die hier anwesenden Herren auf, ihr Glas zu erheben und mit mir einzustimmen in den Ruf: Uns’ Jupp — der Herr Doktor Joseph Otten — soll leben: hoch!«

Der Hochruf brauste über den Tisch, wurde an anderen Tischen aufgefangen, weitergegeben, und ein paar Sekunden lang erhob sich selbst die phlegmatische Wirtin verwundert von ihrem Thron.

»Nun singen wir,« rief ein Begeisterter — —

Da winkte die Wirtin kühl ab.

»Wir müssen weiter,« flüsterte Terbroich dem Freunde zu, der Miene machte, seßhaft zu werden.

»Es fängt ja erst an.«

»Ich habe noch was =in petto= für dich.«

»Was Gescheites?«

»Mehr als gescheit. Du wirst dich wundern, wie klein du wirst.«

»Deine beleidigende Zuversicht könnte mich reizen. Ich bin in Stimmung, Terbroich.«

»Ich setze meine Seele gegen deine.«

»Da werden sich die Teufel freuen.«

»Also erheb dich. Guten Abend, meine Herren. Sie müssen entschuldigen, daß ich Ihnen den Herrn Doktor jetzt entführe. Wir haben noch wichtige Geschäfte.«

»Lüg du un der Düwel. Guten Abend, Herr Doktor. Aufs Wiederkommen.«

»Wohin?« fragte draußen Otten und schob sich den Schlapphut aus der Stirn. »Mensch, das hat gut getan. So eine spontane Huldigung geht einem ins Blut wie ein übermütiger Most. Bring mich, wohin du willst. Aber laß Freude bei der Sache sein.«

»Erinnerst du dich Lüttgens? Karl Lüttgens? Der mit uns auf der Schule war? Eisenwalzwerk. Großer Industrieller. Er spricht häufig von dir.«

»Lüttgen? — Natürlich! Prächtiger Kerl. Wenn ich nicht irre, starb ihm seine Frau.«

»Er ist wieder verheiratet. Mit einer Berlinerin. Vornehme Person, klug, daß man vor ihrem Blick verschwinden möchte. Dabei klein, fein, biegsam, spöttisch und —«

»Alterier dich nicht.«

»Ich kann mir nicht helfen, wenn ich sie ansehe, muß ich an die Versuchung des heiligen Antonius denken.«

»Du heißt aber Medardus, mein Sohn. Vergiß das nicht.«

»Wollen sehen, wessen Kopf am längsten oben bleibt.«

»Ist sie jung?«

»=La femme de trente ans.= Das gefährliche Alter.«

»Schneegänse waren nie mein Fall. Frauen unter dreißig sind keine Frauen. Gehen wir hin?«

»Wir sind auf dem Wege.«

»Unangemeldet?«

»Es ist Empfangsabend. Ich habe uns durch Laurenz ansagen lassen.«

»Durch deinen Jungen? Trägt der schon lange Hosen?«

»Der? Du wirst staunen, wie der sich entwickelt hat. Er ist sechzehn geworden, seit einem Jahre Lehrling auf meinem Kontor, ein bildhübscher Bengel und verdreht allen Mädels die Köpfe.«

»Es ist ~dein~ Sohn,« lächelte Otten.

Sie nahmen einen Wagen und fuhren zum Hohenzollernring. Otten rauchte seine Zigarre zu Ende. »Hast du — zufällig einmal — meine Carmen gesehen?«

»Letzten Sonntag im Zoologischen Garten. Laurenz hatte sie abgeholt. Ich war auch da, des schönen Wetters wegen. Da sah ich sie promenieren.«

»Sind wohl gut Freund, die beiden?«

»Und einer eitel auf den andern. Ich sag’ dir, alle Welt dreht sich nach ihnen um, wenn sie zusammen anmarschieren.«

»Bißchen vorzeitig,« murmelte Otten .... Der Name Marias schwebte ihm auf der Zunge. Da hielt der Wagen schon.

Im Vorraum nahm ein Diener den Herren Hut und Mantel ab. Otten warf einen Blick in den facettierten Wandspiegel. »Geht das an? Ohne hochzeitliches Gewand? Ach was. =Qui vivra, verra.=«

Im großen Salon und im angrenzenden Musikzimmer saßen die Gäste und horchten auf das Spiel einer Pianistin. Das braune Haar in tiefer Frisur von der Wange zurückgestrichen und im Nacken zu einem schweren Knoten genommen, die mädchenhafte Figur in einem weißen, goldbordierten Phantasiegewand, das oberhalb der weiten Ärmel die Schultern freigab, spielte die Dame eine virtuose Variation, ohne sich durch den Eintritt der neuen Gäste im geringsten ablenken zu lassen. Erst, als sie an der leisen Bewegung, die durch das Auditorium ging, fühlte, daß ihre Zuhörer nicht mehr bei der Sache waren, schloß sie mit einem Lauf, den sie auf hoher Note abbrach. Die Hände auf den Tasten, blieb sie sitzen und wandte nur langsam den Kopf.

»Liebe Amely,« hörte sie über sich die Stimme ihres Mannes, »da hab’ ich aber mal eine Überraschung für dich. Es ist nur ein Schulkamerad, aber nebenher ist es auch der Doktor Joseph Otten.«

Der korpulente Mann, dessen gerötetem Gesicht man die Freude an dem unerwarteten Besuch ansah, klopfte dabei dem Gast kräftig auf die Schulter. Frau Amely zuckte ein wenig. Da ließ der Gatte verlegen von den Freundschaftsbezeigungen ab. »Meine Frau,« stellte er vor.

Joseph Otten verbeugte sich tief. Als er den Kopf hob, gewahrte er einen verwundert forschenden Ausdruck in den Augen der Dame des Hauses. Der Blick lief an ihm hinab.

»Ich habe Ihre Entschuldigung nachzusuchen, gnädige Frau. Ich weiß, das ist keine Besuchstoilette.«

»Die gnädige Frau wird mir sicher nicht zürnen, daß ich den Herrn Doktor direkt von der Bahn hierher brachte,« warf Terbroich ein. »Berühmte Männer fallen unter das Ausnahmegesetz.«

»Sie kommen direkt von der Bahn?«

»Nicht ganz direkt. Ich habe erst meine Kölner begrüßt.«

»~Meine~ Kölner —? Ach, ich vergaß. Es soll der Sänger mit dem König gehen.«

»Meine Gnädige,« beeilte sich Terbroich, »es war eine Ovation. Kaum, daß wir das Lokal betreten hatten.«

»Machen Sie doch Ihren Freund nicht schlecht,« verwies sie ihn mit spielender Ironie. »Er wird den Wert einer Kneipenovation richtig zu taxieren wissen.«

»Ich weiß den Wert einer jeden wahren Gefühlsäußerung richtig zu taxieren, gnädige Frau.«

»Sie leben nur selten in Köln?«

»Ich lebe in der Welt.«

»Ah — und Köln zählt für Sie zu den Außenposten.«

»Ich komme von Zeit zu Zeit, um Studien zu machen.«

»Musikalische?«

»Menschenstudien, gnädige Frau. Köln ist ein Hauptstapelplatz für Typen jeglicher Art.«

Sie sah mit einem mokanten Zug um den Mund zu ihm auf. »Ich werde mich also fürchten müssen.«

»Ich habe nicht den Vorzug, Sie so genau kennen zu dürfen.«

Einen Augenblick sah sie zur Seite, als suchte sie etwas. »Graue Augen hat die Katze,« dachte Otten, »sie will mit mir spielen. Ein graues Auge — ein schlaues Auge — —.«

»Mein Mann,« begann die Dame des Hauses nach kurzer Pause, »wird bereits ungeduldig, daß ich ihm Ihre Gesellschaft so lange entziehe. Ihre Freundschaft muß eine sehr bewährte sein, daß Sie so schnell schon zu ihm eilen. Mein Mann ist darin rührend alte Schule. Freundschaft, Liebe, Freiligrath und Rüdesheimer. Sie haben sich den Anspruch darauf verdient. Ich beurlaube Sie einstweilen, Herr Doktor.«

»Mein lieber Joseph,« sagte Lüttgen, nahm seines Gastes Arm und drückte ihn herzhaft. Über den Korridor führte er ihn ins Rauchzimmer, um dem Schwarm der Gäste zu entgehen. »Du erlaubst doch, Joseph, daß ich dich noch du nenne? Trotz der Ironie meiner Frau. Ich kann keine schönen Worte machen, ich bin Fabrikant und basta. Aber das hindert nicht, dir zu sagen, daß ich mich bärenmäßig freue, endlich einmal einen vernünftigen Menschen in meinem Hause zu sehen. Sag schnell, was du trinken willst: Rhein? Mosel? Bordeaux? Rheinwein, das ist schön! Mosel ist Modesache, aber Rheinwein — na, wir beide brauchen uns nichts zu sagen. Prosit, Joseph! Auf neue alte Freundschaft!«

»Prosit, Lüttgens Karl! Du imponierst mir!«

»Ach du —!« Der Fabrikant stieß seinen Gast in die Seite. »Du willst dich wohl auch lustig machen. Aber wenn du wüßtest, wie ich schon auf der Schule an dir gehangen habe. Nur zu schwerfällig war ich, so recht an dich heranzukommen. Und nun — nun gehört man schon zum alten Eisen.«

»Oho! Pereat! Das sagt ein junger Ehemann?«

»Nein, mein lieber Joseph, das sagt eine junge Ehefrau.«

»Du scherzest. Ein Mann wie du. Erste Nummer in der Welt des Eisens. Aber nicht des alten.«

»Ich kann mich in den neumodischen Kram nicht hineinleben. Trink mal. Gelt, ein Tröpfchen? Ja, was ich sagen wollte: oft frag’ ich mich, leide ich seit meiner neuen Ehe an Gehirnerweichung? Hab’ ich plötzlich jedes eigene Urteil verloren? Bin ich wirklich mit dem Dämelsack geschlagen? Wir lesen einen Roman zusammen. Meine Frau fiebert vor Entzücken. Und mir ist zum Übelwerden langweilig zu Mute. Ich halte den Kerl, den Romanschreiber, für einen Idioten, für einen schlappen Hund. Meine Frau hält ihn für einen Halbgott, für einen feinnervigen Kulturmenschen. Weiter. Wir genießen Musik. Wir Kölner sind alle musikalisch — na, wem sag’ ich das, Meisterseele. Und nun fegt etwas daher, duckt sich, springt mir an den Kopf, wirbelt mir das Gehirn zuunterst, zuoberst, entläßt mich mit einem Schlag auf den Magen, und meine Frau schluchzt vor Entzückung: Das ist Musik, das ist Gedankenvertonung, Geistesextrakt! — Ich bin wahrhaftig ein moderner Mensch. Sieh dir meine Fabrik an. =Lüttgen to the front!= Darauf kannst du ruhig das Sakrament nehmen. Ich habe die modernste Fabrik. Aber modern — zum Teufel, das ist doch nicht hysterisch! Prost, Joseph! Eine Flasche mit Verständnis trinken, das ist nämlich gemein.«

»Ihr versteht euch nicht?«

»Meine tausend Arbeiter verstehen mich aufs Wort. Für meine Frau rede ich kalmückisch.«

»Das wird wieder anders werden.«

»Was? Du denkst wohl, ich lamentiere? Jeder liegt, wie er sich bettet. Und nun freu’ ich mich, daß ich dich hier habe. Du mußt häufig kommen. Wir verstehen uns.«

Eine Anzahl Herren traten ein. »Nicht zu sagen! Wir genießen mit den Ohren, und hier genießt man mit der Zunge. So eine Hinterhältigkeit.«

»Wenn ihr Kunstkenner sein wollt, müßt ihr der Kunst ein Opfer bringen können. Beeilt euch! Drinnen gibt’s jetzt ein Violinkonzert.«

»Lüttgen, sei barmherzig. Ein Glas Wein und eine Zigarre. Frau Amely sieht’s nicht.«

Vor Otten stand ein junger, hübscher Mensch. Dunkles weiches Haar fiel ihm über die Stirn, und die großen, dunklen Augen kokettierten mit ihrer Schönheit. »Herr Doktor,« sagte er schmeichelnd, »Sie kennen mich ganz gewiß nicht mehr.«

»Ganz gewiß nicht.«

»Laurenz Terbroich.«

»Ach — Sprößling meines Freundes Medardus? Das ist ja schön. Wenn man euch ansieht, merkt man, wie die Zeit vergeht und daß man auf den Großvater zusteuert.«

»Wenn ich mit Ihnen tauschen könnt’, gäb’ ich zwanzig Jahre drum. Ihre Erfolge! In der Kunst und im Leben!«

»Das ist die Stimme meines Medardus. Sie sind ein Schmeichler, junger Freund.«

»Nur ein Enthusiast. Darf ich mich zu Ihnen setzen? Ich möchte mit Ihnen anstoßen.«

»Wohl bekomm’s. Also Sie streben jetzt auf dem Kontor des Herrn Papa?«

»Noch zwei Jahre. Dann geht’s als Volontär nach Paris und nach London. Sie waren zuletzt in Italien, nicht wahr? Sind nun die Römerinnen wirklich so schön, wie man sagt?«

»Mein Junge, die Frauen sind überall dort am schönsten, wo sie unseren Sinnen so scheinen. Sie haben eine unbegrenzte Heimatsberechtigung. Darin liegt ihre Schönheit und ihre Gefährlichkeit. Verstanden?«

»Ich bin in der besten Lehre,« erwiderte der junge Mensch keck.

»Dann lassen Sie sich ~eins~ sagen: Man beleidigt die Frauen, wenn man über ihre Schönheit diskutiert. Man liebt sie, oder man liebt sie nicht. Damit ist man am Ende.«

»Und ~wenn~ man sie liebt?«

»Ist es immer noch zweierlei, ~wer~ sie liebt. Vergessen Sie das nicht. Guten Abend, Herr Terbroich.«

Durch die Portiere lauschte die Frau des Hauses herein. »Geben Sie auch Lektionen in Ihrer — Menschenkenntnis, Herr Doktor?«

»Ich bin nicht so dreist, mehr als ein ewiger Schüler sein zu wollen, schöne Hausfrau.«

»Ah — schön — —? Daraus müßte man konsequenterweise nach Ihrer Methode folgern —«

»Sie haben gelauscht, gnädige Frau?«

»Ich besitze noch mehr Untugenden, Herr Doktor. Verachten Sie mich.«

»Ich bewundere Ihre Offenheit so sehr, daß —«

»Daß —?«

»Daß ich eine Absicht dahinter vermute.«

»Welche Absicht könnte das wohl sein? Mit Ihnen zu kokettieren? Mir von dem berühmten Manne ein wenig den Hof machen zu lassen? Ich würde, wie so viele, glücklich sein.«

»Ich pflege in dieser Beziehung selbständig vorzugehen, gnädige Frau.«

»Ich glaub’s, Herr Doktor. Und das Siegen ist Ihnen zur zweiten Natur geworden.«

»Es muß Sie doch sehr interessieren, einen solchen Sieg zu sehen.«

»Alles, was von der Eva stammt, ist neugierig, Herr Doktor. Üben Sie Mitleid. Wir sind das inferiore Geschlecht.«

Otten biß sich auf die Lippe. »Sie wünschen?« fragte er kurz.

Sie lachte klingend auf. »Das stolze Mannestum bereits beleidigt?«

»Meine gnädige Frau,« sagte Otten mit einer Verbeugung, »ich bin mir wohl bewußt, daß im geselligen Kreise jeder nach seiner Begabung zur Unterhaltung beizutragen hat. Genügt Ihnen diese Unterhaltung, ich stehe zu Diensten. Ob Ihnen meine Begabung genügen wird — das hängt von Ihrer Gewöhnung ab.«

»Ich fürchte, Ihren Geschmack zu sehr zu beeinträchtigen,« meinte sie mit einem feinen, spöttischen Lächeln, knixte und zog sich durch die Portiere in den Salon zurück.

Otten stieg das Blut in die Schläfen. Was sollte das? Hatte er dieser Frau einen Anlaß gegeben? Wodurch? Durch sein saloppes Erscheinen etwa? Dadurch vielleicht, daß er die Aufmerksamkeit von ihr abgezogen hatte? Oder spielte sie die geistreiche Frau, die sich daran ergötzt, Männer schwach werden zu sehen, um unverwundet von dannen zu kommen? »Dazu diese zarten Schultern. Dieses viel verschweigende, nervöse Gesicht. Wahrhaftig, dieser infame Gegensatz ärgert mich am meisten.«

»Joseph,« sagte der Hausherr und trat mit gefülltem Glase zu ihm, »ich habe eine unverschämte Bitte.«

»Er tut’s nicht,« rief Terbroich. »Die Wette ist gewonnen. Er singt nie, wo er eingeladen ist.«

Joseph Otten schüttelte den Ärger ab. Sich in die Ecke stellen zu lassen von der kleinen, mokanten Person? Das wäre das erste Mal. Singen oder zechen jetzt! Wohl denn: Singen!

Ohne Antwort zu geben, ohne sich umzublicken, schritt er durch den Salon in den leeren Musiksaal. Er schlug den Bechstein auf. Seine Hände griffen in die Tasten. Totenstill wurde es. Joseph Otten sang.

»Nach Frankreich zogen zwei Grenadier’ ...«

Er sang sie nicht die Grenadiere, er lebte sie. Er ließ die Klagen des Müden von dem ungebrochenen Aufbegehren des alten Feldsoldaten verschlingen. Er ließ aus zerlumpten Kleidern heraus den Mann erstehen, der nur die Tat sucht.

»Was schiert mich Weib, was schiert mich Kind!«

Wie ein Hohnlachen fuhr es über die Hörer in Frack und Seidenrobe. — —

Er hatte geendet. Der Deckel klappte zu. Und langsam wandte sich Otten, öffnete, die Benommenheit der Hörer nutzend, die Tür zum Korridor und trat hinaus, um sich Hut und Mantel reichen zu lassen.

Neben ihm stand die Frau des Hauses.

»Sie kommen wieder.« Das klang wie ein Befehl.

»Gute Nacht, gnädige Frau. Sie haben zu viel Geist für einen Aventurier meines Schlages.«

»Reden Sie nicht.«

»Und — zu zarte Schultern.«

»Das gebe ich zu.« Und ihr Lachen klingelte ihm in den Ohren. »Gute Nacht.«

Er stieg die Treppe hinab, reichte dem Diener ein Trinkgeld und wanderte durch die nachtdunklen Straßen.

»Ich bin in Köln,« sprach er vor sich hin.

Er lachte hart auf.

Mit gefurchter Stirn schritt er weiter.

»Ein Narr wartet auf Antwort.«

=VII=

Der alte Klaus hatte den kurzen Schlaf des Alters. Die Jahreszeit sprach für ihn nicht mit. Schlug es vier Uhr von den Kirchtürmen, so regte sich der einstmalige Schiffer in ihm, der auch im Ruhestand die Gewohnheit der Stundeneinteilung festhält. Er machte Licht, kontrollierte seine Uhr, zog brummelnd die Hosen über und zündete Feuer im eisernen Trommelöfchen an. Bis das Kaffeewasser im Topf brodelte, rauchte er sinnend die erste Morgenpfeife.

Heute wollte das Wasser nicht so schnell zum Kochen kommen. Aber der Alte hatte Zeit. Er langte vom Bort ein abgegriffenes Büchelchen herunter, das handlich zwischen Töpfen und Tabakskasten steckte, befestigte die Brille hinter den Ohren, leckte den breiten Daumen an und blätterte die Seiten um. Buchstabe für Buchstabe las er die Historie von seines großen Ahns Nikolaus Gülich, Band- und Manufakturwarenhändlers zu Köln, Heldentaten, Untaten und ruhmreichem Tode durch Henkershand auf freiem Platze, zu seinem ewigen Andenken genannt Gülichsplatz. Ein Lächeln der Befriedigung auf den verwitterten Zügen, hielt der Alte seine Morgenandacht ...

Plötzlich schob er mit einem Ruck die Brille auf die Stirn. Hatte es da nicht geklopft? Von draußen ans Fenster geklopft? Und jetzt klopfte es wieder. Leise, aber bestimmt.

Der Alte erhob sich, legte das Buch sorglich auf den Schemel und schlurfte zum Fenster. Er öffnete und suchte mit geschärftem Blick in der Dunkelheit. Draußen stand ein Mann, den Hut in die Augen gedrückt.

»Wer is da?«

»Ein armer reisender Handwerksbursche bittet um Herberge.«

»Ich glöw, du bis besoffe. Hier is kein Schlafstell’.«

»Beim heiligen Christoph, aller Vagabunden Schutzpatron, laß mich herein, Klaus.«

»Materdeies, der Jupp! Jitz äwwer flöck!«

Vorsichtig, um die Ruhe des Hauses nicht zu stören, schlurfte er zur Haustür, öffnete leise und ließ den Herrn eintreten. Und leise schloß er die Tür zum Flur, als sie im Zimmer standen.

Joseph Otten warf Hut und Mantel aufs Bett, stellte sich an den Ofen und rieb sich die Hände. Der Alte sah zu.

»Morjen, Här.«

»Morgen, Klaus.«

»Auch widder mal das Vergnügen?«

»Auch wieder mal.« Joseph Otten wandte sich um und sah dem Alten ins Gesicht. »Oben,« und er nickte mit dem Kopf zur Decke, »oben alles mobil?«

»Bestens in Ordnung.«

»Das freut mich.«

»Die Freud’ sollt’ mr verlange könne. Ich hätt’ Ihne dat äwwer auch schriftlich mitteile gekonnt, Herr Doktor.«

»Ihr seid wohl alle — sehr zornig auf mich?«

»Kann ich nit behaupte. Der Mensch gewöhnt sich an alles.«

»Dann braucht’ ich ja eigentlich gar nicht zu stören?«

»Wenn Sie bloß komme, um zu störe — dat wird nit verlangt.«

Joseph Otten wandte sich schweigend wieder dem Ofen zu. Das Wasser im Topf brodelte und erfüllte den Raum mit seinem Singsang. Und schweigend langte der alte Klaus sein Kaffeebüchschen vom Bort, schüttete eine Portion gemahlenen Kaffees in eine Steingutkanne, hob mit seinen harten Händen den heißen Topf vom Feuer und brühte den Morgentrank. Zwei große Steinguttassen rückte er auf den Tisch, schnitt vierkantige Stücke von einem Schwarzbrot, zog Stuhl und Schemel heran und kehrte sich zu seinem Gast. »Nehmen Sie Platz, Herr Doktor.«

Joseph Otten blickte auf. Der Duft des Kaffees lockte nach der langen, nächtlichen Wanderung, die er noch unternommen hatte. Dann fiel sein Blick auf den Alten. »Klaus,« sagte er und packte ihn bei der Schulter, »sei nicht so bärbeißig, oder du jagst mich zum Teufel.«

»Dat hier is ~Ihr~ Haus.«

»Viel merk’ ich nicht davon bei der Behandlung.«

»Ich hann en zu steif Rückgrat, um ene Katzenbuckel riskiere zu könne. Wenn ich äwwer von der Heimkehr des Herrn Doktor gewoß’ hätt’, hätt’ ich mich übe gekonnt.«

»Nächstens werd’ ich dir vorher depeschieren, Klaus.«

»Dat kann nit schade. Mer weiß sonst nie: is et der Här oder is et ene Spitzbow.«

Joseph Otten ließ sich auf dem Schemel nieder und wärmte sich die Hände an der bauchigen Kaffeetasse. Dann tat er einen tiefen Zug. »Donnerlütsch, Klaus, dä Kaffee hat sich nit gewäsche.«

»Enä, Här, hä es esu schwatz als wie ne Mohr.«

»Süch, dä bringt mich op zartere Gedanken.« Er beugte sich tief und griff unter seinen Sitz. »Wat es denn dat?«

Klaus schmunzelte. »Kennt Ihr dat nit mieh? Ihr hatt op mingem Historiebüchelche gesesse.«

»Dat Büchelche mit dingem Ahn, dem staatse Nikolaus Gülich drin?«

»Datselbigte, Jupp. Un ich sehen, dat Ihr doch noch de ahle, brave Jung sitt. Dat is mr nu doch en Freud’.«

»Verzäll mr jet von dingem Ahn. Hext hä noch ömmer op dem Gülichsplatz erömm?«

»Hä es usgewandert un spookt jetz in Paris, weil die Franzose die Biesterei gemach’ hann, den Broncekopp von singem Denkmal zu stehle. Nu is Kölle öm die größte Berühmtheit ärmer.«

»Wann mr widder nach Paris marschiere, hole mr dä Kopp retour.«

»Dat soll e Wort sinn, Här. Der Gülichsplatz muß widder zu Ehre gebrach’ werde.«

»Dadrauf häst du et Rähcht, Klaus.«

»Die Welt kennt kein’ Pietät mieh,« brummelte der Alte und trank seinen Kaffee.

Joseph Otten saß, die Hände zwischen den Knien, und wartete. Minuten vergingen. Dann meinte Otten, und es zuckte um seine Lippen: »Mir scheint, nachdem wir nun ~deine~ Familienangelegenheiten erörtert haben, könnten wir wohl zu den ~meinen~ übergehen. Also Frau und Kind sind wohl —?«

»Die Frau is wie immer. Aufrecht un beim Tagwerk. Nix zu erinnern.«

»Und die Carmen?«

»Is nu als zur Kommunion gegange. En Mädcher wie e Fichtenbäumche. Mr kennt sich nit aus. Kregel un stolz, en junge Dam’ un als widder e Kind, dä Kopp voller Spän’, un wann et ihr paßt, als widder lammfromm. Akkerat wie ihr Vadder.«

»Akkurat wie ich? Dann wird sie so schlimm nicht sein.«

»Dat weiß ich nit.«

»Klaus,« sagte Joseph Otten, »nun rede mal die Wahrheit. Hältst du — hältst du mich für so schlimm?«

»Jupp,« sagte der Alte, »enä un eja. Süch, mr braucht nit schlimm zu sein, äwwer mr kann so scheinen. Un et gitt Minsche, dene is et e Leid, wenn der andere, den se als en Art Erzengel bewundere möchte, von der Menschheit bloß för ene löstige Prinz Karneval estimiert werd. Dene is dat e herzlich un e schmerzlich Leid. Jaja, so is dat. Un et is schlimmer als schlimm för die, die et Leid hann, weil sie et besser wisse, un könne doch ihre Weisheit nit an dr Mann bringe, weil — nu, weil et der Jupp partuh nit will.«

»Ich will nicht?«

»Enä, nit öm de Welt! Hä kann sich nit herbeilasse, daröwer nachzudenke, dat die Liebe von der Frau die Sorg öm dr Mann is. Un weshalw kann hä sich nit herbeilasse? Weil hä sonst der Frau spornstreichs die Sorg affnehme wörd. Äwwer Sorgen, dat is nix för der Jupp. Dat steiht nit in singem Lewenskontrakt. Domet kann’r nit dörch die Welt zigeunere. Un so denkt hä: Et is ritterlicher, ich fragen gar nit erst. Adjüs.«

Joseph Otten saß vornübergeneigt und strich mechanisch mit den Händen über die Knie.

»Das verstehst du nicht, Klaus.«

»Nee, nee, ich bin ene ahle Schafskopp.«

»Davon hab’ ich kein Wort gesagt. Im Gegenteil, mit dem, was du gesagt hast, hast du mehr als recht. Du hast mir nicht schlecht den Kopf gewaschen. Alle Welt wäscht mir jetzt den Kopf. Und alle Welt meint, der meine wär’ wie der ihre. Das ist aber der Irrtum.«

»Kopp is Kopp. Mr frisiert sich nur anders.«

»Man — sich? — Ich glaub’ eher, der Herrgott frisiert einen anders.«

»Oder der Düwel.«

Es blieb eine Weile still zwischen ihnen. Draußen trabten ein paar belastete Menschenkinder zur Frühmesse. Ein Lehrjunge lief pfeifend über die Gasse. Fern ein Wagenrollen. Und es war wieder still ...

»Ich bin nun mal so,« sagte Otten endlich. »Die Rechnung geht nicht mehr anders auf ...« Sein Blick begegnete dem Blick des Alten. »Schau mich nicht so mitleidig an. Dazu liegt wahrhaftig kein Grund vor. Man hat ja nur ein Recht auf seine Lebensführung, wenn man sie nicht bereut.«

Der Alte räumte das Kaffeegeschirr zusammen.

»Minge Broder in Zons maacht et nit mieh lang’,« meinte er nebenbei.

»Dein Bruder? Der in Zons das Häuschen hat?«

»Hä is als achzig.«

»Dann wirst du ja Hausbesitzer?«

»Einer muß dat Krömche öwernehme. Zu vermiete is in Zons nix. Et sind zu wenig Menschen im Städtchen.«

»Und dann willst du übersiedeln.«

»Ich will ene stille Lewensowend hann.«

»Bis dahin fließt noch viel Wasser den Rhein herunter. Die Gülichs sind eine zähe Sorte. Dein Bruder wird es noch ein paar Jährchen mittun. Und bis dahin liegst du hier an der Kette und bellst die Einbrecher an.«

»Ich wollt’ Sie bloß drop opmerksam mache. So wat kütt öwer Nacht.«

»Und da möchtest du mich jetzt gelinde an die Kette legen?«

»Dat sinn nit minge Sache. Wer en Hus hät, der moß wisse, wat hä zu donn hät.«

»Warten wir’s ab,« sagte Otten und erhob sich. »Fünf Uhr vorbei. Ich möcht’ mir ein Bett suchen.«

»Soll ich Sie bei der Frau anmelde? Domet sie nit erschreckt?«

»Ich geh’ ins Hotel. Vor Mittag komm’ ich wieder. Ich weiß ja jetzt, daß alles — wohlauf ist.«

»Ihr wißt dat. Äwwer die Frau weiß dat nit von Euch.«

Joseph Otten nahm seinen Mantel über und drückte den Hut in die Stirn. »Ich komm’ bei Tageslicht, Klaus. Wenn die Sonne scheint, haben alle Dinge ein fröhlicher Gesicht.«