Chapter 21 of 24 · 3933 words · ~20 min read

Part 21

»Sie möchte mich auch der Sorgen entheben.« Frau Maria starrte in den Schoß. »Sie will den Weg für sich frei haben, und sie will nicht sehen, wohin der Weg führt. Joseph,« brach es aus ihr hervor, »du mußt helfen! Gib mir den Glauben an dich wieder! Es geht um das Kind!«

Sie war ganz erschöpft, und Otten nahm sie fest in den Arm. »Beruhige dich doch,« sagte er, »jetzt bist du bei mir, und ich bin wieder der alte. Hat mein Wort noch Wert für dich?«

Da schlang sie die Arme um seinen Hals und suchte seinen Mund. Und er küßte ihre blassen Lippen und ihre heißen Augen. »Meine du — — meine du — —!«

Eine Weile lag sie still und atmete ruhig. »Ich möchte jetzt erzählen,« sagte sie dann.

»Wird es dich heute nicht zu sehr aufregen?«

»Ich hab’ ja in dir den Helfer wieder. Was soll mir da noch schwer werden.«

»Ist es mit Laurenz Terbroich? Du weißt, daß Lachner bei mir war, aber ich glaubte keine Rechte zu besitzen.«

»Ja — — mit Laurenz Terbroich. Und Carmen ist mündig. Ihr Studium hat sie noch mündiger gemacht. Darüber wollte ich nicht klagen, wenn sie ihr Selbstbestimmungsrecht zielsicher ausübte. Aber sie tut es nur dort, wo es ihr paßt, sie fürchtet, vom Leben zu verlieren, wenn sie an einer festlichen Stunde vorüberginge, und wenn sie die meisten Stunden als festliche auffaßt und ich den Finger ins Mal lege, beruft sie sich stolz auf ihr Blut und auf —«

»Sag es nur.«

»Und auf das Beispiel ihres Vaters, der für sie immer das Vorbild war.«

»Es ist meine Tochter,« sagte Otten und preßte die Lippen aufeinander.

»Dann kam Laurenz Terbroich heim. Er hatte sich in London und Paris zu einem hübschen Menschen ausgewachsen, und er wußte, daß er auffiel. Wäre er von den jungen Mädchen nicht so sehr hofiert worden, ich glaube nicht, daß Carmen sich um ihn gekümmert hätte. So aber freute es sie, daß er für sie alle scheinbar keine Blicke hatte und nur diensteifrig ihre Gunst suchte. Es gibt Menschen, die wie schleichendes Gift wirken. Laurenz Terbroich gehört zu ihnen. Ich selber ließ mich täuschen. Ich hielt bis vor wenigen Tagen für vorübergehende Eitelkeit, was kälteste Berechnung war. Er ist eine einzige Lüge.«

»Liebt er Carmen?«

»Wer sollte sie nicht lieben? Du hast sie zu lange nicht gesehen.«

»Und — liebt sie ihn wieder?«

»Er baut Luftschlösser vor ihr auf, bis sie berauscht ist. Dann geht ihre Phantasie mit dem Erzähler durch.«

»Und du glaubst, er denkt nicht daran, sie zu heiraten?«

»Er denkt nicht einmal daran, ihr treu zu sein.«

Otten stand auf. Einigemale ging er mit zusammengezogener Stirn im Zimmer auf und ab. Dann blieb er vor ihr stehen. »Nicht treu? Aus dem Wort läßt sich zu viel herauslesen. Hat er ihr ein Versprechen gegeben? Belügt er sie? Unternimmt er Dinge, die sie beleidigen müssen? Untreu sein heißt ein anderer sein, als man vorgibt.«

»Das ist es, Joseph, und hier trifft es zu.«

»Das ist schlimm für Carmen — —.«

Sie forschte gespannt in seinem verfinsterten Gesicht. »Du wirst helfen ...«

Er atmete tief. »Ich möchte. Wenn ich kann. Aber ich weiß noch keinen Grund.«

Da sprach sie hastig weiter. »Ich war wohl zu stolz auf meine Erziehungskunst. Und wenn ich in all den Jahren, in denen du nicht kamst, nur immer an dich denken konnte, so übertrug ich alles, was ich dir hätte geben mögen, mit auf das Kind und achtete jede Stunde auf seinen Körper und auf seinen Geist. Dadurch habe ich vielleicht zuviel getan. Carmen sah sich zu früh als Mittelpunkt, als besonderes Geschöpf, und ihre lebhafte Einbildungskraft hob sie noch höher. Sie hat die künstlerische Ader von dir und die heftige Begeisterung für Schönheit, Heiterkeit und Lebensausschmückung. Laurenz Terbroich kam ihr darin entgegen, und sie nahm seine leichtsinnige Ader für eine künstlerische, seine Begierden für einen Schönheitsrausch. Der ewige Irrtum. Und Carmen gewahrte ihn nicht. Sie sah nur das in ihm, was er ihr vortäuschte, den großzügigen Weltmann. Und dabei stand die Fabrik durch sein verschwenderisches Leben in Paris, das er in Köln fortsetzte, vor ernsten Zahlungsschwierigkeiten.«

»Weißt du das sicher?«

»Er verstand es so ausgezeichnet, den Leuten Sand in die Augen zu streuen, daß auch ich blind blieb. Erst Moritz Lachner brachte meine Sicherheit ins Schwanken.«

»Ein verschmähter Liebhaber ist kein klassischer Zeuge.«

»Du tust ihm unrecht. Er liebt nicht nur Carmen, er liebt die Ottens mit einer tiefgegründeten Schwärmerei. Er sieht zu dir mit derselben Begeisterung auf, mit der er Carmen liebt.«

»Mißliche Vermögensverhältnisse würden nicht ausreichen, Gewalt anzuwenden. Auch werden dem alten Terbroich, wie ich ihn kenne, trotz seiner blinden Bewunderung für seinen Sohn die Augen aufgehen, sobald er das Messer an der Kehle spürt.«

»Sie sind ihm aufgegangen. Gestern erfuhr ich es.«

Otten streckte sich. »Was?«

»Ich habe meine Natur unterdrückt und habe geforscht, wo es nur zu forschen gab. Du brauchst nicht zu fragen, ob es mir sauer wurde. Und ich erfuhr, daß es eine arge Szene zwischen Vater und Sohn gegeben habe.«

»Und Laurenz ließ sich beschwatzen?«

»Er war es selbst, der den Vorschlag machte. Die Verlobung mit der Tochter eines reichen Geschäftsfreundes.«

»Ah — —. Und Carmen ist orientiert?«

»Sie lachte mich aus. Es kommt ihr gar nicht in den Sinn, daß ein Mensch von ihr ablassen könnte.«

»Und du?«

»Ich ging zu Laurenz Terbroich. Verzeih, Joseph, daß deine Frau den Schritt unternahm. Aber ich wollte Klarheit um jeden Preis, und es war sonst keiner da, der sie mir hätte beschaffen können.«

»Arme Frau,« sagte Joseph Otten und sah sie lange an.

»Er hat seine eigene Wohnung. Du kennst das Haus in der Komödienstraße, es gehört Terbroich. Ich traf Laurenz und fragte ihn: Was habt ihr vor? Und er ging mir mit seiner glattesten Liebenswürdigkeit aus dem Wege. ›Überlassen Sie das nur ruhig uns, Frau Doktor, wir sind ja noch so jung, weshalb uns jetzt schon binden und unter unsere Jugend einen Strich machen!‹ Da befragte ich ihn wegen des Verlobungsprojektes. Er war zuerst bestürzt, dann wich er aus. ›Vielleicht ein kaufmännischer Schachzug meines Vaters. Die Zeiten sind etwas schwierig. Aber Carmen und ich lassen uns selbst durch solche Projekte nicht irritieren.‹ Ich ging, wie ich gekommen war, nur beschämter, beschämt, kein Mann zu sein. Ich konnte ihn nicht bezwingen.«

Ottens Gesicht war dunkelrot geworden. »Der Bursche — —! Ich erkenne seinen Vater in ihm!«

»Joseph — —«

»Sie sind zu vorsichtig, sich eine Blöße zu geben. Danken wir Gott, wenn Carmen von der Gesellschaft befreit ist.«

»Und wenn sie — zu spät davon frei wird? Das ist ja meine jagende Angst. Ob es nicht schon — zu spät ist?«

Aus Ottens Gesicht wich die Farbe. »Sag das nicht, Maria. Das nicht.«

»Ich muß es. Ich kann nicht mehr warten. Es geht ja nicht nur um Carmen, es geht ja auch um dich. Deine Tochter, Joseph! Deine Tochter: ein Spielzeug! Darüber — nein, darüber kämst du nie hinweg. Und wenn andere Frauen, klügere, zeitgemäßere Frauen tausend schöne Worte dafür finden — hier handelt es sich nicht um andere Frauen, nicht um klügere und freiere, nicht um alle Frauen der Welt, hier handelt es sich um deine Tochter. Du: ~deine~ Tochter! Wo ist der Vater? Ich bin todmüde ...«

Mit jäher Bewegung umfaßte Otten seine Frau. Sein Gesicht war starr wie eine Maske geworden. Kein Laut war zwischen ihnen als ihr schweres Atmen. Und dann wiederholte Otten mechanisch: »Sei still, Maria, sei ganz still ...«

»Jetzt bin ich es.«

Sie saßen nebeneinander, einer in des anderen Arm. Keiner sprach mehr, denn ihre Gedanken waren eins geworden. Bis Frau Maria zusammenschauerte.

»Was hast du, Maria?«

»Ich friere, und doch bin ich heiß.«

»Du mußt zu Bett gehen. Es wird eine Erkältung sein.«

Sie versuchte sich zu erheben, und die Glieder versagten. Mit einem müden Lächeln ließ sie davon ab. »Nun bürde ich dir schon die zweite Last auf. Wie Blei liegt es in mir. Wenn ich jetzt nur nicht krank werde.«

Otten beugte sich über sie. Seine Hände betasteten ihre Schläfe und ihren Puls. »Um Gottes willen, Maria.«

»Komm, ich will mich auf dich stützen. Vielleicht ist es nur die Freude, mich bei dir ausruhen zu dürfen. Gib acht, es ist so. Wenn ich morgen aufwache, ist alles gut.«

Er legte den Arm um ihren Leib und führte sie, Schritt für Schritt, in seine Kammer. Dort blieb er bei ihr, bis sie sich niedergelegt hatte. Ihre Zähne schlugen vor Frost aufeinander. Und doch fand sie Worte der Sorge für ihn.

»Wo wirst du die Nacht über bleiben? Ich habe dich vertrieben.«

»Ich kampiere auf dem Sofa nebenan. Das geht sehr gut. Wir lassen die Türe auf, und du brauchst nur zu rufen, wenn du irgend etwas wünschest.«

»Laß dir von der Wirtschafterin Decken geben. Es wird dir kalt werden.« Ihre Schultern bebten.

»Mach dir doch keine Gedanken um mich, Liebste.«

»Liebste — —,« murmelte sie.

»Ich besorge dir noch schnell einen heißen Tee,« sagte er aufgeregt. »Wir werden die Erkältung schon aus dem Felde schlagen. Du hast nun genug gelitten.«

Sie sah ihm mit glänzenden Augen nach, als er das Zimmer verließ. Unten traf er den alten Klaus, Heinrich Koch und die Wirtschafterin. Er verständigte sie mit wenigen Worten und setzte sich schweigsam neben den Herd, um auf den Tee zu warten. Als er wieder hinaufstieg, kam Koch ihm nach. »Kann ich dir behilflich sein?«

»Ich danke dir. Ich hoffe, sie wird bald einschlafen.«

»Du, Joseph, ich warte hier unten.«

»Willst du nicht auch zu Bett? Es ist spät.«

»Ich habe so das Gefühl, als ob du heute gern einen Menschen um dich wüßtest.«

»So warte.« Und er stieg eilig hinauf.

Frau Marias Augen waren nicht von der Tür gewichen. Und wieder glänzten sie auf, als er eintrat. Er gewahrte diesen Blick und errötete. »Ist dir wärmer geworden?« fragte er.

»Du sollst dich nicht ängstigen, Joseph. Sonst muß ich aufstehen und erst für dich sorgen.«

Er stützte ihren Rücken und reichte ihr den Tee. »Trink. Er ist glühend heiß. Aber die Wirtschafterin schwört auf ihn.«

Sie schlürfte ihn langsam ein, und wenn sie absetzte, lehnte sie den Kopf gegen seinen Arm. Den Blick ließ sie nicht mehr von ihm.

»Wie hübsch das ist. Zwei alte Leute ...«

»Ja, Maria, viel Staat wirst du nicht mehr mit mir machen können. Meine Eitelkeit ist der Zeit unterlegen. Kein Haar auf dem Kopfe, das nicht tributpflichtig geworden wäre. Grau, grau, grau.«

»Und ich bin weiß.«

»Wie dich das Weiß kleidet. Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß du je anders gewesen bist. So friedlich und so mütterlich macht es dich. Ich bin nur verwittert.«

»In jedem Zug bist du wie früher. Wenn man älter wird, hat man andere Schönheitsbegriffe, und das ist gut.«

»So,« befahl er, »und jetzt keine weiteren Schmeicheleien.« Er ließ ihren Kopf in die Kissen sinken und wickelte sie fest in die Decken. »Wenn du mich liebhast, schläfst du auf der Stelle ein.«

»Ich will erst sehen, daß die Wirtschafterin dir dein Sofabett richtet.«

»Unverbesserliche du. Ich werde sie also rufen.«

Tringche kam mit Decken und Kissen, bereitete das Lager, sah nach der Frau, klopfte an ihren Betten herum und verschwand mit vielen guten Wünschen.

»Gute Nacht, Joseph.«

»Gute Nacht, du liebe Frau.«

Sie schloß einen Moment die Augen, öffnete sie groß, hob die Arme und zog schnell seinen Kopf an ihre Brust. »Du! — — — Nun sind wir alte Leute .... Gute Nacht.«

Er saß auf dem Bettrand, bis sie eingeschlafen war. »Nun sind wir alte Leute,« wiederholte er sich. Und er schüttelte den Kopf. »Man muß den Kreis nur etwas enger ziehen, und man bleibt jung. Der alte Klaus fühlt sich wie ein Jüngling.«

Er erhob sich leise und ging aus dem Zimmer. Dabei fiel ihm ein, daß Heinrich Koch auf ihn wartete. »Ich werde mich noch ein Stündchen zu ihm auf die Diele setzen. Wir haben als Knaben zusammen begonnen und schließen als Grauköpfe den Kreis. Was darin ist, bedeutet nun für uns die Jugend.«

Heinrich Koch saß am Eichentisch und träumte. Das Lampenlicht beschien sein ernstes, faltiges Gesicht. Als er Ottens Schritt vernahm, sprang er auf und ging dem Freund entgegen. Stumm streckte er ihm die Hand hin. Es wurde ein kräftiger Druck.

»Was bedeutet das, Heinrich?«

»Das bedeutet einen Glückwunsch.«

»Bist du auf deine alten Tage Gedankenleser geworden?«

»Dazu bedarf es bei dir keiner Kunst. Du bist gottlob keine komplizierte Natur, und deine Augen blicken wie ein Paar Seemannsaugen, die nach langem bösen Wetter endlich wieder Land erblicken. Land, Joseph!«

»Ich danke dir für deinen Glückwunsch. Du hast dich nicht geirrt. Heinrich, ich spür’ wieder mein Blut kreisen.«

»Der Mensch muß eine Aufgabe haben. Du bist ein glücklicher Mann.«

Sie saßen sich gegenüber wie so oft und betrachteten sich wie nach einer langen Trennung. »Der alte Klaus ist zu Bett,« sagte Heinrich Koch, »wir sind, glaube ich, die einzigen Nachtschwärmer in ganz Zons.«

»Maria fieberte. Aber sie ist leicht eingeschlafen.«

»Nur sorgenfreie Menschen schlafen leicht ein. Gibt dir das nicht zu denken, Joseph?«

»Ich sehe alle die Nächte vor mir, in denen sie schwer einschlief. Ihr Leben darf nicht kurz sein, wenn das Versäumte eingebracht werden soll. Und doch ging es um Sekunden.«

»Dort?« Heinrich Koch wies still nach dem Fenster.

»Ja. Dort.«

Sie horchten beide hinaus. Aus der Ferne dröhnte es dumpf zu ihnen herüber. Der feuchte Südwind jagte die Schollen rheinab und zerbrach das Ufereis. Wie ein Geisterkampf klang es durch die Nacht.

»Morgen,« sagte Heinrich Koch, »morgen oder in zwei Tagen wird der Strom frei sein von einem Ufer zum andern. Und er wird die kurze Strecke bis in die Niederlande wieder seine Pflicht erfüllen können.«

»Er — und ich, Heinrich. Die kurze Strecke bis in die Niederlande.«

»Aber besser münden als er. Nicht verzettelt in kleinen Kanälen. Stolz und kühn muß es ins Meer gehen.«

»So haben wir es uns erträumt, als wir jung waren.«

»Und wir wollen sorgen, daß wir uns vor unserer Jugend nicht zu schämen haben. Du vor allem, Joseph, du für mich mit. Das Abendrot soll so leuchtend sein wie das Morgenrot. Nur nicht klein werden.«

»Es sind fast dieselben Worte, die ich Maria sagte, als ich ihr zum erstenmal von meiner Liebe zu ihr sprach. Sie glaubte es mir. Damals! Und nun wird es Zeit, daß ich auch dies Versprechen mit manchen anderen einlöse. Damals — —! Ich bin inzwischen fünfundfünfzig Jahre alt geworden, aber es sind viele Kriegsjahre darunter, und die zählen doppelt. Damals glaubte ich, sie würden nur die Hälfte zählen, und weiß Gott, in der ersten Zeit war es so, und so blieb es noch lange, weil Maria mir alles um eine gute Hälfte erleichterte. Damals,« sagte er, und wieder »damals — damals —« und begann zu erzählen, als gälte es eine frohe Beichte, von Dingen, deren er niemals einem dritten gegenüber Erwähnung getan hatte, von Marias einsamer Jugend, ihrer ersten Begegnung in Koblenz, ihrer Kameradschaft und ihrer Liebe. Den ganzen Frühling ließ er lebendig werden und alle Frühlingshoffnungen und Erfüllungen, ihre gemeinsamen Reisen, das Mutterwerden Marias, seinen Vaterstolz, die Ehe, die sie ihm zu einem Hafen umgestaltet hatte, bis er die letzte, verhängnisvolle Ausfahrt getan.

Eine feine Röte stand auf des Professors Stirn. »Nun habe ich alles miterlebt,« sagte er, »ich danke dir, Joseph.«

»Mir ist fast,« meinte Joseph Otten, »als hätte ich in dieser Nacht das Rätsel meines Niedergangs gelöst.«

»Dann ist der Niedergang gebannt.«

»Willst du es wissen?«

»Ach, Alter, ich weiß es schon so lange. Aber man muß es selber empfinden, wenn es Wunder wirken soll.«

»Ja, Heinrich, ich hatte mir stets die Sorgen abnehmen lassen und nie welche übernommen. Das war es. Und ich stand grimmig beiseite und glaubte, meine Kräfte wären erschöpft, weil ich nicht wußte, was noch mit ihnen beginnen.«

Heinrich Koch deutete mit einem Blick zur Decke. »Maria hat dir eine Aufgabe gebracht?«

Otten erhob sich. In seiner hageren Gestalt spannte sich jeder Nerv. »Das Kind ist in Gefahr,« sagte er, und es war, als ob ein Lachen in seinen Augen aufspränge, ein jäher Lebenshunger.

»Weissagte ich dir nicht, daß du ein glücklicher Mann seist?«

Die beiden Graugewordenen standen und sahen sich mit blitzenden Augen an. Draußen fegte der Nachtwind über Rheinwiesen und Strom. Das Grollen des Eisgangs brach nicht ab. »Er wütet, weil ich Sieger geblieben bin. Hörst du’s?« Und sie lauschten hinaus und lachten kurz vor sich hin ....

»Ich muß nach Maria sehen. Laß es erst morgen werden. Ich lebe noch.«

Sie reichten sich die Hand, und Otten ging hinauf. Aufrecht und jung. Nie, so war ihm, hatte er sich glücklicher gefühlt als in dieser Stunde.

=XIX=

Die Glocke der Zonser Pfarrkirche läutete den Sonntag ein. Das ganze Land ringsum sog die Feierlichkeit ein, die wie ein alter Segen über Wiesen und Äcker schritt, und lag lautlos und erwartungsvoll. Der Wind hatte die Wolken vertrieben. Eine wärmende Vorfrühlingssonne zog auf und schien ruhig auf Landschaft und Strom, der fast die ganze Breite seines Bettes zurückgewonnen hatte und nun auf starkem Rücken das rasch zu Tal gleitende Eis wie ein leichtes Spielzeug trug. Selten nur klang ein Ton durch die Stille, wenn sich vom Uferrand eine neue große Scholle löste, sich verwundert um sich selber drehte und pfeilschnell den Gefährten in die trügerische Freiheit nacheilte.

Tringche, die Wirtschafterin, kam aus der Frühmesse, die sie seit dem Tage, an dem die sonderlichen Gäste in ihr Haus gezogen waren, nie versäumte. Die Gemeinde war klein, es gab nicht viel zu schauen, und die einfache Seele nutzte Zeit und Gelegenheit, die Fürbitte der lieben Heiligen auch für die Hausgenossen zu erflehen, die daheim geblieben waren und auf ihre Art eine direkte Verständigung mit dem Herrgott herbeizuführen trachteten. Als sie in die Küche trat, brannte bereits das Feuer, und der Professor stand neben dem Herd und achtete auf das Wasser, das gerade ins Kochen geriet.

»Is die Frau als munter?« fragte sie und griff ohne weiteres mit zu.

»Munter wäre zu viel gesagt. Aber sie ist aufgewacht. Wir wollen schnell für den Tee sorgen.«

Wenige Minuten später stand Heinrich Koch mit dem Teebrett vor Ottens Tür und klopfte leise. Joseph Otten öffnete. Er nahm das Teebrett entgegen, dankte mit einem Neigen des Kopfes und trat, die Tür behutsam schließend, ins Zimmer zurück. Aus der Kammer kamen kurze, schnelle Atemzüge.

Vorsorglich kühlte Otten das Getränk und trug es ans Bett. »Es wird dir gut tun, Maria.«

Beim Klang seiner Stimme schlug sie die Augen auf. »Mir ist so heiß, und es drückt auf der Brust und im Kopf.«

»Wir werden’s schon niederzwingen.«

»Joseph,« sagte sie nur, faßte seine Hand und trank gehorsam.

Nach einiger Zeit fragte sie nach dem Wetter. »Die Sonne ist durch? Bitte, stoß den Laden zurück. Ich möchte die ganze Kammer voll Sonne sehen.«

Er willfahrte sofort. »Du brauchst dich gar nicht zu rühren. Ich schiebe dir ein Kissen unter den Kopf, und du kannst vom Bett aus gerade durch das Fenster blicken. Ist es schön?«

Sie lag und sah mit großen Augen in die Sonne. »Wunderschön« — — —

Gegen Mittag wurde sie unruhiger. »Joseph — es ist doch mehr als eine Erkältung. — Das Atmen schmerzt mich so. Und es klopft — überall.«

Er hielt ihren Puls zwischen den Fingern und befühlte ihre Stirn. »Ich lasse sofort den Arzt holen. Der soll dem Fieber zu Leibe. Und morgen bist du gesund.«

Auf der Treppe hatte er eine kurze Unterredung mit Koch, der sogleich Hut und Mantel nahm und sich nach Dormagen aufmachte, um Arzt und Apotheke aufzusuchen. Darüber wurde es Nachmittag. Otten saß am Bett seiner Frau und hielt ihre Hand. Er hatte ihr eine kalte Packung um die Brust gemacht und sie nach einigen Stunden erneuert. Danach fühlte sie Erleichterung.

»Schreibe nichts an Carmen. Sie soll sich nicht erschrecken.«

»Ist sie denn allein zu Haus?«

»Das Mädchen ist bei ihr. Die ist zuverlässig. Und Moritz Lachner wird nach ihr sehen.«

»Wissen sie, daß du hier bist?«

»Moritz Lachner weiß es. Er wird es ihr sagen.«

»Wenn dir morgen besser ist, Maria, gehe ich nach Köln.«

Sie drückte seine Hand, schloß die Augen und schlummerte wenige Minuten. In ihr Gesicht trat ein schmerzlicher Ausdruck. Unruhig bewegte sie den Kopf und erwachte. »Der Atem — will gar nicht.«

Durch die Wirtschafterin hatte er sich Eis besorgen lassen. Er schlug ein Stück in kleine Teile und gab sie ihr ein. Dabei stützte er wie eine Mutter, die ihrem Kinde helfen möchte, ihren Kopf, und sie drückte ihr Gesicht fest in seinen Arm.

»Bleib so, Joseph.«

»Gern, Liebste ....«

»Als ich ein kleines Mädchen war, hatte ich einmal das Fieber. Das ist meine schönste Erinnerung an meine Kindheit. Klingt das nicht komisch? Und doch ist es so. Denn damals — bekümmerte sich meine Mutter — den ganzen Tag nur um mich. Wie wohl das tat. Wenn ich in ihrem Arm lag, war ich sofort still — und träumte. Von bunten Wiesen und warmer Sonne darauf, und einer Schaukel zwischen zwei Obstbäumen, auf der ich mich — ganz sachte — schaukelte. Das war ein wonniges Gefühl. Frei — und doch geborgen. Jetzt schaukele ich wieder.«

»Weil du geborgen bist.«

»Weil ich geborgen bin. Ja — —. Wie wunderbar das ist, daß sich das — wiederholt. Jetzt wiederholt. Ich hab’ nicht lange — ein kleines Mädchen sein dürfen. Daher sind mir auch die Tage — so treu im Gedächtnis geblieben. Und später — wenn ich einmal von Herzen müde war — habe ich mich heimlich immer nach ihnen gesehnt. Oft — oft sehr stark. Aber ich hatte ja — den großen Jungen zu schaukeln, der mein Mann war. Das ging vor. Und nun — tust du mir denselben — Liebesdienst.«

»Sprich nicht so viel, es strengt dich an.«

»Das tut nichts. Ich habe eigentlich — nie viel im Leben gesprochen. Aber heute macht es mir Freude. Ich kann dir das nicht erklären. Aber es ist mir so, als ob ich immerfort — immerfort mit dir plaudern müßte. So vieles, was ich versäumt habe — dir zu sagen. Ich war immer zu beschämt, es auszusprechen. Du solltest mich nicht für aufdringlich halten. Daß ich dich so heiß liebte.«

»Du — du —« sagte Otten und wiegte sie leise.

»Nun bin ich wieder — in der Schaukel. Die einzige schöne Kindererinnerung, die mir geblieben ist, nimmt Gestalt an — daß ich sie greifen könnte. Das ist — wie eine Auferstehung. — Ach du — — bei dir ist es so gut ....«

»Ich glaube,« sagte Otten, »du willst mir gar noch danken.«

»Ich habe Grund dazu. Nein, widersprich nicht. Wenn ich einmal sterben sollte — will ich ihn dir sagen.«

Er wiegte sie hin und her. Sein graues Haar lag dicht an ihrem vor der Zeit gebleichten.

Vor dem Hause fuhr die Kalesche des Arztes vor. Heinrich Koch hatte ihn erst erwarten müssen und ihn nach kurzer Aufklärung gleich mitgebracht, nachdem sie sich in der Apotheke mit allem, was in Betracht kommen konnte, versehen hatten. Der Arzt klopfte an die Zimmertür, und Otten rief »Herein!«, ohne seine Frau aus dem Arm zu lassen. Einen Moment blieb der Arzt, betroffen von dem seltsamen Bild, auf der Schwelle stehen. Dann trat er rasch näher und nannte seinen Namen.

»Gestatten Sie, daß ich sofort die Untersuchung vornehme?«

Jetzt erst machte Otten Platz. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und stand am Fußende des Bettes, damit Frau Maria ihn sehen könnte. Es tat ihm weh, als der Arzt ihre Brust enthüllte.

Die Untersuchung zog sich eine geraume Weile hin. Zwischendurch stellte der Arzt einige Fragen nach allem, was voraufgegangen war. Bevor Otten antworten konnte, antwortete Frau Maria. Sie wollte nicht, daß er sich mit einem Bekenntnis peinigen sollte.