Chapter 5 of 24 · 3985 words · ~20 min read

Part 5

»Ich, Joseph. Das Leben hat mir sein Schönstes gegeben.«

»Bin ~ich~ das?«

»Ach du — nicht spotten jetzt ...«

»Carmen!« rief Otten. »Die heilige Familie muß doch beisammen sein.« Und er hob sie auf den Schoß und ließ das große Mädchen auf seinen Knien reiten. Aber trotz seines Spottes, er fühlte sich warm und wohl. Und täglich, wenn es dämmerig wurde und er die Bücher schloß, in denen er studiert hatte, wenn er am Klavier saß und in die Dämmerung hineinphantasierte, während draußen der Nordost an den Fensterläden rüttelte, wenn er zu Tisch gerufen wurde und er nachher, Frau Maria im Arm, im Sofa lehnte und oft auch von der abenteuerlichen Welt berichtete, wiederholte er es sich und der dankbaren Frau: »Das Beste ist, zu Nest geflogen zu kommen.« — — —

Zuweilen war er mit Heinrich Koch zusammen, der sich aufs neue einen langjährigen Urlaub von der Kirchenbehörde erwirkte, um in Rom, in den vatikanischen Archiven, an der Geschichte der katholischen Kirche weiter zu schreiben. »Wenn man Kirchenhistoriker ist,« pflegte der Gelehrte zu sagen, »gerät einem ein Schuß fröhlichen Heidentums ins Blut. Das macht für den geregelten Kirchendienst unbrauchbar. Die Geschichte erkennt kein Dogma an.«

Selten traf er Terbroich. Das verkappte Jesuitentum war ihm widerlich.

Frau Maria ging nach wie vor den Erfordernissen des Hausstandes nach. Sie genoß die Stunden und Tage, die ihr die Gegenwart des geliebten Mannes schenkte, wie Feste, die kommen, damit man lange an ihnen zehrt. — — —

Der Rhein führte Hochwasser, und die Kinder liefen ans Bollwerk, um die Eisschollen schwimmen zu sehen. Ein paar warme Tage lösten die Regenzeit ab. Die Wasser beruhigten sich, und die Schiffahrt wurde wieder eröffnet. Mit vollen weißen Segeln zogen die Schiffe zu Tal, vorüber an Kölns altersgrauen Mauern und Türmen. Unter Volldampf brachten kleine, muntere Dampfer die langen Schlepperzüge zu Berg und grüßten die Stadt mit einem gellenden Pfiff.

Joseph Otten stand oft am Kai und blickte ihnen nach. Wenn Segel und Rauch verschwunden waren, fuhr er auf, als hätte er hinter ihnen hergeträumt. Dann ging er schnell nach Hause, scherzte mit Maria oder übte stundenlang mit seinem Töchterchen am Klavier, wenn sie aus der Schule heimgekehrt war.

Aber immer öfter stand er am Kai, immer länger schaute er hinter den Schiffen her, und wenn er sich endlich mit Gewalt losriß, war sein Schritt müde und sein Auge ohne Glanz.

Abends, in den heimlichen Stunden mit Maria, begann er plötzlich aufgeregt zu erzählen. »Jetzt ist es im Süden Frühling. Der Ätna hat einen saftiggrünen Gürtel umgelegt. Auf Capri blühen die Rosen. Das Meer ist wie ein Türkis, und der Seewind trägt berauschende Blumendüfte von der Küste. Ja — davon weiß man in Köln nichts — — —.«

Frau Maria hatte die Veränderungen von ihren ersten, flüchtigen Spuren an bemerkt. Sie hatte es erwartet, und deshalb schmerzte es nicht. Wenn sie Schmerz verspürte, so war es, weil sie den Mann sich quälen sah, über sein Blut Herr zu werden. Und sie sah, daß er unterlag und sich dennoch wehrte.

Er las ihr einen Brief vor, den er von Heinrich Koch aus Rom erhalten hatte. »Sonnentage in der Campagna. Das blüht und schwelgt, als wäre die Welt noch nie so schön gewesen.«

»Als wäre die Welt noch nie so schön gewesen —,« wiederholte er und blickte über den Brief weg in die Ferne.

Frau Maria fühlte mit einem Male ihr Herz rasend pochen. Jetzt mußte es geschehen. Und sie zwang sich mit aller Gewalt, ruhig zu erscheinen.

»Das darfst du aber nicht versäumen, Joseph.«

Es war heraus, und sie konnte lächeln, als er sie wie ein Nichtverstehender anblickte.

»Du machst dich lustig,« kam es stockend bei ihm heraus.

»Aber es hält dich doch keine dringende Arbeit? Die Konzertverpflichtungen für den Rest der Saison hast du auch gelöst. Ich wüßte wirklich nicht, was dich hindern könnte.«

»Wahrhaftig — das wüßt’ ich auch nicht.«

»Du schreibst an Koch, er könnte dich in einigen Tagen erwarten.«

»Der wird Augen machen.«

»Oder möchtest du ihn lieber überraschen?«

»Ach, wenn ich die Wahl hätte — Rom bleibt Rom, aber auf Sizilien müßte es sich jetzt herrlich streifen lassen.«

»Dann würde ich aber auch Sizilien vorziehen. Wenigstens zunächst.«

»Und von Palermo hinüber nach Tunis, wie Scipio auf den Trümmern Karthagos zu sitzen.«

»Da will ich doch gleich deine Koffer nachsehen. Du nimmst wohl morgen den Nachtzug. Der hat Schlafwagen.«

»Sag mal, Maria — —,« und er saß rotübergossen am Tisch, »das ist ja gerade, als ob du mich fortschicktest.«

»Tu’ ich auch, Joseph.«

»Du selber — schickst mich fort? Weshalb denn das? Ich hab’ doch nichts gesagt?«

»Ich ~schick’~ dich fort, damit du mir nicht fort~läufst~, Joseph.« Sie mußte an sich halten, um ihm ein heiteres Gesicht zu zeigen. »Du hast eine kluge Frau.«

»Aber ich denke ja nicht daran, dir fortzulaufen.«

»Innerlich, Joseph. Und wenn du nicht selber läufst, so nimmt dich was mit. Die Vorboten des Frühlings, die alte Wanderlust, der Zug nach der Romantik des Lebens —«

»Sag nur nach Abenteuern. Herr Gott, ich bin ein Vagabund!«

»Du kannst doch nichts für dein Blut, Joseph. Vielleicht lieb’ ich dich deshalb noch mehr. Die Sorgenkinder liebt man am meisten. Und du machst ja auch kein Hehl aus deinem Blut. Du hast den Mut — ~du~ zu sein.«

»Landstreichermut,« sagte er, aber er lachte bereits.

»Wie lange hab’ ich dich nicht so lachen sehen. Schon deshalb.«

»Die schlechtesten Ehemänner haben die besten Frauen. Es muß wohl des Ausgleichs wegen sein, denn die Welt ist harmonisch.« Er erhob sich, und auch sie hatte sich erhoben. »Ernsthaft, Maria, du rätst mir selbst — mal wieder eine kleine Fahrt zu wagen?«

»Groß oder klein, ich rat’ es dir.«

»Frau, Frau! Was für ein Prachtgeschöpf hab’ ich an dir gefangen!«

Er preßte sie in seine Arme, und sie hielt sich an seinen Schultern. »Nur eins, Joseph —«

»Frag mich.«

»Nicht wahr, Joseph, — es war doch — ein schöner Winter zu Haus?«

»Schön? Schön? Was ist das für ein armselig Wort. Im Paradies war ich, Maria! Und wenn ich daran denk’ — nein, weißt du, nicht morgen schon. Ich warte noch ein paar Tage.«

Sie machte sich von ihm los. »Nein, morgen. Es bleibt dabei. Wir wollen uns doch nicht quälen — —.« Und sie lief zur Tür hinaus. Ihre Kraft war zu Ende. —

Bevor Otten abreiste, ging er zum alten Klaus hinab. »Heute abend geht’s fort, Klaus.«

»Domet verzälle Sie mr kein Neuigkeit.«

»Hast du es gewußt?«

»Seit die erste Schwalw retour is, hann ich et gewoß’.«

»Adieu, Klaus. Und wenn ich länger bleiben sollt’ — gib acht auf die Frau.«

»Dat brauchen Se mr nit extra zu sage. Adjüs, Jupp. Un komm klöger no Hus.« —

Frau Maria kam vom Bahnhof zurück. Der alte Klaus saß bei Carmen am Tisch und bastelte Segelschiffchen aus Walnußschalen. Als er die Frau eintreten sah, wünschte er gute Nacht und verließ das Zimmer.

»Nun ist der Vater fort,« sagte Frau Maria und setzte sich still zu dem Kinde. In Hut und Mantel.

»Du, Mutter?«

»Was denn, Carmen?«

»Der Laurenz Terbroich sagt, der Vater hielt’s in Köln nicht aus, weil er hier nichts erleben könnt’.«

»Nein, Kind. Aber Köln ist zu eng für ihn. Er muß die weite Welt um sich haben, weil er so groß ist.«

»Und der Laurenz sagte: weil draußen so viel schöne Frauen wären.«

Frau Maria nahm ihr Kind in den Arm. »Hör mich an, Carmen. Du wirst größer und klüger. Ich kann schon manches mit dir besprechen. Dein Vater — siehst du, dein Vater ist ein Mann, wie es ihn nicht zum zweiten Male gibt. Ich, deine Mutter, sage dir das. Und wenn man dir einmal etwas anderes erzählen will, glaube es nicht. Das ist gar nicht dein Vater, von dem man etwas anderes spricht. Das ist nur ein Doppelgänger.«

»Ein Doppelgänger?«

»Das ist ein Mann, der gerade so aussieht, gerade so sonnig und groß, und der — zuweilen — auf Kosten des anderen — Fehler begeht.«

»Und kennt der Vater den Mann nicht?«

»Nein,« erwiderte sie trübe lächelnd, »er kennt ihn noch immer nicht. Aber wenn er ihn erst findet, dann — ja, dann ist es vorbei mit dem anderen — für immer.« Und plötzlich zog sie das Kind an sich und küßte es heiß, küßte es, als ob sie den Kuß fortsetzen müßte, den sie dem Manne zum Abschied gegeben hatte ...

»Komm, Kind, wir wollen zu Bett gehen. Ich bin heute müde.«

Als sie das Mädchen zu Bett gebracht hatte, ging sie in ihr Schlafzimmer. Sie blickte sich um. Allein — — —.

»Es war ein Märchen,« dachte sie, »aber ich hab’ es doch erlebt.«

Und sie löschte das Licht. — — —

=V=

»Wie die Wasser des Trevi heute melancholisch rauschen ...«

Joseph Otten nahm dem fettleibigen Peppe, dem Patriarchen der Osteria, Glas und Flasche ab, schwenkte das Glas mit einigen Tropfen des blinkenden Frascati um, die er in das schmale, weindunstdurchzogene Zimmer spritzte, goß ein und trank Heinrich Koch zu. Wieder war es ein Vorfrühlingstag, ein sommerwarmer Februarmorgen. Die Sonnenstrahlen strömten durch die weit offene Tür der Osteria, kitzelten den Staub auf Tischen und Fußboden, ließen ihn in feinen Säulen tanzen und flirren wie eine neckische Mahnung für den Wirt, der sie gutmütig lächelnd übersah, und trieben ein frohes Farbenspiel in den Weinresten, die verschüttet auf den Tischen lagen, ohne daß sie einen Gast genierten.

Heinrich Koch, im langen, etwas abgetragenen Gehrock, schlürfte langsam den Wein. »Ich höre die Fontana, wie ich sie seit Jahren höre. Sie rinnt und verrinnt, rinnt und verrinnt — höchstens, daß ich das ~Ver~rinnen jetzt deutlicher höre.«

»Oho! Damit hat es noch lange Zeit.«

»Ich war es nicht, der die melancholische Note ins Gespräch trug.«

»Ich auch nicht.«

»Also war es die Treviflut. Trink, Joseph, der Frascati spült das nichtsnutzige Gehirn rein. Du bist gestern beim Botschafter zu sehr gefeiert worden.«

»Zu sehr —? Das ist kein Kompliment für meine Kunst.«

»Nein,« sagte Koch und schenkte sein Glas voll, »von deiner Kunst habe ich nicht gesprochen. Sie steht außerhalb dieses Frühschoppens, denn dazu ist sie mir doch zu heilig. Wenn es für dich darin noch eine Höhe zu erreichen gab, du hast sie erreicht. Sie ist gereift wie ein edler Wein. Voll und feurig .... Sonderbar, ist es dir nicht auch mehr als oft aufgefallen, daß man den besten Wein in den — in den ungeniertesten Kneipen trinkt?«

»Prosit, Hochwürden. Ich wittere es: jetzt kommt’s.«

»Schön, wenn du es hören willst. Den Künstler ›=hors concours=‹. Der Mensch gefällt mir nicht so recht.«

»Hm — —. Du meinst damit: der Mensch ist dir gestern auf der Soiree zu sehr gefeiert worden.«

»Das wäre nicht so schlimm. Nur — daß es dem Herrn Doktor Otten gar nicht unlieb zu sein scheint.«

»Lieber Heinrich, deine Freundschaft und tiefen Kenntnisse in Ehren. Aber ob ein Zölibatär in diesen Dingen die richtige Entscheidung zu treffen vermag —«

»Ich denke gar nicht daran, eine Entscheidung zu treffen. Ich bin, wie du es aussprachst, sozusagen doch immer nur ein Zaungast, wenn es an die Hauptfesttafel geht. Möglich, daß auch der Neid mein Auge schärft. Denn ich fliehe nicht umsonst meine kahle Wohnung und sitze bis tief in die Nacht beim biederen Peppe an der Fontana Trevi oder beim nicht minder biederen Onkel Pasquale in der Via San Giuseppe hinter der Flasche, mir die Einsamkeit wegzutäuschen. Lassen wir das. Dir gegenüber bin ich ohne Neid, das weißt du, und wenn dir der Padischah als Honorar ein Passepartout überreichen ließe. Aber gerade deshalb bin ich — deine Objektivität.«

»Hat dir die kleine ›=eccellenza=‹ so sehr mißfallen? Sie ist jung, apart, elegant. Die Sonne Roms hat ihr Blut gekocht. Soll ich die Augen niederschlagen, wenn sie — das Feuerzeichen gibt? Es reizt mich, zu erfahren, welche Art Edelmetall in diesem Feuer glüht.«

»Unverbesserlicher Optimist. Du wirst Asche finden.«

»Und wenn! Ich muß von Zeit zu Zeit die Probe auf meine Jugend machen, denn — ich bin nicht mehr der Jüngste. Ich muß von Zeit zu Zeit die Gewißheit erneuern, daß ich noch die Macht in Händen habe, die Macht über Frauenherzen. Das stößt mich vorwärts. Und der Erfolg gibt mir recht. Ich wandle durch einen Blumengarten, und die Blumen schmeicheln sich mir in die Hand.«

»Und du glaubst immer noch, daß das dem Manne in dir gilt?«

»Wem sonst?«

Heinrich Koch schwieg eine Weile. Er spielte mit seinem Glas, schob es von sich und sah den alten Jugendgefährten offen an.

»Es ist der Geruch des Lorbeers, der die Frauen zu dir zwingt, Joseph. Damit ist alles gesagt.«

Joseph Otten trommelte mit den Fingern hart auf den Tisch. »Das heißt zu Deutsch: wenn mein Stern sinkt —«

»Geht eine neue Gruppierung am Sternenhimmel vor sich.«

Joseph Otten lachte. »Ich werde die Konstellation noch einige Zeit mitbestimmen. Ich habe meine Zeichen. Beruhige dich.«

Die Treviflut rauschte von der Fontana herüber. Sie saßen und horchten auf die einwiegende Melodie.

»Wie lange ist es, Joseph, daß du nicht in Köln warst?«

»Drei Jahre,« antwortete er kurz.

»Und drei Jahre hast du die Maria nicht gesehen und die Carmen? Daß du das aushältst!«

»Es war die längste Trennung bisher. Ein Engagement reihte sich an das andere. Es waren Strapazen. Ich suchte in Italien Erholung.«

»Ich kann mir diese Gründe nicht vorstellen.«

»Gründe? — Ja, wenn ich Gründe hätte. Die würd’ ich schon aus der Welt schaffen. Denn ich wüßte keine Menschen, die ich so lieb hätte wie die beiden in Köln. Aber — es ist eine Verlegenheit — —. Ich — ach, Heinrich, weshalb soll ich mich vor dir verstellen — ich habe keine Seßhaftigkeit. Ich muß wechselnde Bilder um mich haben. Mein Blut muß in Wallung bleiben. Ich muß das Gefühl haben, frei über mich verfügen zu können, will ich bleiben, der ich nun einmal bin. Das aber läßt die Ehe nicht zu. Ich bin inkonsequent gewesen, als ich mich band. Ich tat’s, um eine Liebe mit einer anderen zu vergelten. Aber die Konsequenzen dieser Bindung im bravbürgerlichen Sinne auf mich zu nehmen, das bedeutete für mich die größte Inkonsequenz meines Lebens. Das will zu Ende gelebt sein, wie es begonnen wurde. Alles andere wäre Scharlatanerie, Pose schlimmster Art, ein Belügen meiner selbst und anderer, die das Recht hätten, nun einen neuen Menschen von mir zu verlangen, den ich beim besten Willen nicht präsentieren könnte.«

»Ich hätte dich für einen bedeutenderen Lebenskünstler gehalten. Um rückhaltlos nur den eigenen Wünschen zu folgen, dazu bedurfte es keines Joseph Otten. Dazu reicht zuletzt eine gewöhnliche Portion Leichtsinn aus.«

»O nein, mein Alter, es gehört mehr dazu, wenn der Gewinn dem Einsatz entsprechen soll.«

»Der Gewinn! Revidiere mal deine Gewinne. Du kannst die armen Seelchen in eine taube Nuß stecken, und sie wird dennoch taub bleiben. Fahr nicht gleich auf. Du könntest Namen nennen, wenn das nicht gegen deine Kavalierstugenden ginge, Namen von Frauen und solchen ohne den Frauentitel, die in der Bewegung der Zeit eine Rolle spielen. Was beweist das? Höchstens doch, daß auch sie sich vor den Konsequenzen drücken und nur den Gewinn einstreichen wollen. Einer betrügt den anderen. Fühlst du das denn nicht heraus?«

»Nein. Ich fühle nur heraus, daß dein Verständnis für diese Dinge nicht ausreicht.«

»Dem könntest du ja leicht zu Hilfe kommen. Aber du wirst dich hüten. Denn es müßte auf Kosten deines Siegergefühls geschehen.«

»Du gefällst dir in Rätseln.«

»Ist das so schwer? Oder glaubst du, daß diese Frauen dir gegenüber nicht dasselbe Siegergefühl hätten?«

»Pah!«

»Damit bläst du den Staub von den schönen Bildern nicht herunter. Der haftet fester.«

»Du hast heute deinen sentimentalen Tag, Heinrich. Das liegt an diesem jungen Vorfrühlingstag. Mich stachelt die erste warme Sonne auf zu neuen Erlebnissen, dich schlägt sie nieder, weil du keine alten hast. Das ist es. Denn im Grunde genommen ~spürst~ du die Sonne gerade so sehnsüchtig wie ich.«

Heinrich Koch blickte an seinem langen schwarzen Rock hinab, der keine sorgende Hand verriet. Seine Lippen preßten sich aufeinander. »Ich habe kein Weib,« sagte er dann. »Aber hätte ich es, ich wüßte den Unterschied zu machen zwischen Weib und Weibern.«

»Die Frauen von heute sind anders geworden, als unsere Mütter waren, Heinrich. Und wir sind es auch.«

»Wir — das unterschreibe ich. Der Kampf um den Erwerb ist heißer geworden, und damit auch die Gier. Das geht immer Hand in Hand. Aber daß die Frauen anders wie unsere Mütter werden könnten? Ach, du meinst, im äußerlichen Behaben, auch in der wissenschaftlichen Fortschulung, beides zusammengenommen in der Emanzipation? Aber doch wahrhaftig nicht im Mutterwerden.«

»Auch darin. Weshalb nicht?«

»Weil im Liebesleben ein Teil der passive sein muß, und weil die Natur diese Stelle der Frau zugesprochen hat. Man kann gegen die Naturgesetze verstoßen, aber man kann sie auf die Dauer nicht wegdisputieren. Weil sie das Ewige sind.«

»Weshalb soll nicht auch den Frauen die Aktivität in ihrer Liebe zugesprochen werden?«

»Sobald ihr euch herbeilaßt, Unterröcke anzuziehen. Sonst ist der heilige Spaß beim Teufel.«

»Mein lieber Heinrich, es stehen Frauen an der Spitze, die geistvoller sind als wir beide.«

»Geistvoll. Aber auch reizvoll? So jung, so schön, so lieb und umworben, daß sie die Wahl haben unter Männern von Schrot und Korn? Da hapert’s. Altes oder dürres Holz brennt am leichtesten, mein lieber Joseph. Und es weiß auch, weshalb. Stellt mir statt eurer Agitatorinnen Mädel und Frauen an die Spitze, die über die Leibes- und Seelentugenden verfügen, wie ich sie schilderte, und die sich dennoch aus purster Begeisterung für die Sache ausbieten, und ich will mich auf der Stelle bekehren.«

»Ausbieten? Du weißt wohl nicht, was du sprichst. Eine jede Frau hat das Recht, das Glück zu erfahren, das ihre bevorzugtere Schwester erfährt.«

»Schön gesagt. Das müßte dann aber auch für alle Männer gelten, für alle! Oder die Gleichstellung wäre schon wieder illusorisch. Ich bezweifle nur, daß die Frauen darauf eingingen.«

»Und was Jugend, Schönheit und Gesinnungsadel betrifft,« fuhr Otten unbeirrt fort, »so ist daran unter den Frauen, die sich von der Schablone befreiten, kein Mangel, das kann ich dir versichern.«

»Und — die Treue?«

»Sie sind so treu wie wir!«

»Das heißt also: ausgeschlossen.«

»Können wir nicht auch treu sein? Übrigens, wenn du bei uns die Treue für ausgeschlossen hältst —«

»Bei uns? O nein. Bei euch! Das ist ein Unterschied. Nur bei euch Menschen der ›wechselnden Bilder‹, der ›Wallung des Bluts‹, der Menschen mit dem umgekehrten kategorischen Imperativ, wenn so was wie Selbstkultur auftaucht.«

»Wir sind mündig. Es gibt ein Selbstbestimmungsrecht.«

»Laßt es euren Töchtern passieren,« sagte Heinrich Koch trocken.

Otten sah auf. Eine Röte lief über seine Stirn. »Was soll das? Du willst mir die Laune verderben.«

»Laßt es euren Töchtern passieren,« wiederholte der andere. »Und seid ihr im stande, euch auszudenken, daß auch eure Töchter dasselbe Leben leben könnten wie ihr, mit demselben ausgedehnten Selbstbestimmungsrecht, und es wird euch nicht plötzlich schwarz vor den Augen, dann darfst du mich ruhig dem vatikanischen Museum als lebendige Mumie überweisen lassen, die überfällig ist.«

Otten erhob sich. »Das geht zu weit,« sagte er. »Auf das Gebiet der Sophismen folge ich dir nicht.«

»Das ist keine Antwort. Denn der Sophist, der vor den Realitäten den Kopf in den Sand steckt, bin nicht ich.«

»Peppe, zahlen!«

Heinrich Koch zog den Unwirschen auf seinen Platz zurück. »So entlass’ ich dich nicht, Joseph. Zeig, daß du eine Ausnahme bildest, und ich finde mich damit ab. Aber stelle dich nicht mit in die Regel. Das verkleinert dich, und ich kann meinen einzigen Freund nicht klein sehen. Lebe, wie du willst, aber hänge den Dingen kein Mäntelchen um, wie es die kleinen Menschentierchen müssen, um ihren wild gewordenen Instinkten ein Relief zu geben. Das hast du nicht nötig. Denn du gibst mehr, als du empfängst. Deshalb gib aber auch mit offenem Visier. Wenn sich diese Weibchen an dich werfen, nur weil sie den Geruch des Lorbeers verspüren und sich mit dir ausputzen möchten, laß sie nicht im unklaren darüber, daß du sie richtig einschätzest — als =quantité négligeable=. Und wir haben unseren prachtvollen Joseph Otten wieder, dessen helles Lachen auf dieser Welt so viel wert ist wie ein Kirchgang des tugendhaften Jünglings. Prost, Joseph!«

»Heinrich,« lachte Otten, »ich weiß nicht, hast du nun Moral oder Unmoral gepredigt. Aber der Pfeil sitzt. Und mit diesem Glas Frascati wasch’ ich die letzten Spuren des Unsinns aus der Kehle, den ich vorhin hinaufbefördert habe. Ach, du, die liebe Sonne!«

»Du bezahlst die Flasche,« bestimmte Koch. »Ich habe mich trocken reden müssen.«

»Peppe! Eine zweite! ... Nur eins, Heinrich —« und des Mannes lachende Augen wurden ernst, »das mit — mit unseren Töchtern, das darf zwischen uns nicht wiederholt werden. Meinetwegen nicht und — Marias wegen nicht.« Er griff sich in den Halskragen. »Das ist dein Beweis. Maria. Also! —«

Heinrich Koch sah den alten Jugendkameraden liebevoll an.

»Joseph,« sagte er und legte seine Hand auf die des Freundes, »ich würde doch einmal wieder nach Köln gehen.«

»Später. — — Ich hab’ ja selbst Sehnsucht, mich mal wieder in die Rheingasse zu schleichen und in die Fenster hineinzusehen. Ob sie gesund sind, die große Maria und die kleine Carmen. Nur einen tiefen, umfassenden Blick, und dann weiter. Denn was ich dir sagte, Heinrich: ich werd’ der Verlegenheit nicht Herr. Der Verlegenheit, ganz regelrecht verheiratet zu sein wie der richtige Bourgeois und von Rechts wegen Sonntags mit Frau und Kind in die Flora oder in den Zoologischen spazieren zu müssen; jedenfalls aber die Verpflichtung zu haben, zu Hause zu hocken, bis wieder ein Konzert mich erlöst! Wenn ich daran denke, bricht mir der Angstschweiß aus, und ich fühle mich als komische Figur. Das wäre aber gerade das Letzte, wozu ich Neigung hätte.«

»Ich würde doch einmal wieder nach Köln gehen.«

»Ja, ja, auf der Durchreise vielleicht. Aber vorher noch einen Atemzug.«

»Denk dir die Freude deiner Beiden. Und es gibt keine größere Freude als die eigene an der Freude geliebter Menschen.«

»Heinrich, du wärst ein vortrefflicher Hausvater geworden.«

»Das ist möglich. Ungleich verteilt sind des Geschickes Gaben.«

»Kannst du nicht —« Otten stockte.

»Nein,« sagte Koch. »Und käm’ ich auch los, ich kann meine Kirchengeschichte nicht im Stich lassen. Die vatikanischen Archive müssen mir offen bleiben. Nachher — ist es zu spät.«

»Da verpfuschest du dir nun mit den Schmökern dein Leben.«

»Und du?« Ein feiner Spott zuckte um Kochs Lippen. »Laß gut sein, Abenteurer sind wir alle.« Er nahm sein Glas und stieß es gegen das des Freundes. »Also, wer’s am längsten aushält. Den soll der andere beweinen. Prosit!«

»Oder beneiden. Prost!«

An der Tür der Osteria drängten sich Köpfe. Ein Flüstern war und unterdrücktes Gelächter. Dann schob sich ein Trüpplein Männer in den Eingang, und der vorderste, mit beiden Händen den Philosophierenden auf die Schultern schlagend, rezitierte mit schmerzlichem Pathos: »Wenn der Vater mit dem Sohne — auf dem Zündloch der Kanone — ohne Sekundanten paukt — glauben Sie mir, meine Herren, das wird ein verlorener Vormittag.«

»Peppe, Wein!«

»Peppe, eine Schachtel gerollter Sardinen. Und Wein für mich und meine Katze männlichen Geschlechts.«

»Kinder, das ist ja der reine Frühling! Wird das ein gesegneter Karneval!«

»Doktor, Ihr Wohlsein. Gestern beim Botschafter haben Sie Rom auf die Köpfe gestellt, soweit es weibliche waren.«

»Im Vatikan ist das Konzil zusammengetreten. Man will Sie heilig sprechen, um Ihr irdisches Teil vor dem Andrang zu schützen.«

»Und die Augen der Schönen nachdrücklich auf das Seelische in Ihnen zu richten.«

»Wohlsein, Herr Professor Koch! Wir haben Sie im Verdacht, daß Sie bereits ausgesandt sind, die Verhandlungen mit dem =corpus delicti= einzuleiten.«

Der Tisch der Freunde war bis auf den letzten Platz besetzt. Zwei römisch-deutsche Journalisten ließen ihr Feuerwerk los. Sie apportierten die Stichworte, die sie sich zuwarfen, mit einer Geschicklichkeit, wie sie nur jahrelange Übung bei Vater Peppe oder Onkel Pasquale hervorzubringen vermocht hatte. Und eine Anzahl junger Maler und Bildhauer bildeten den lärmend respondierenden Chor. Der Wein zog in glitzernden Rinnsalen über den Tisch. Hin und wieder schwenkte einer sein Glas in die Stube aus. Der beizende Geruch italienischer Zigaretten legte sich über die Tafelrunde. Und draußen plätscherte die Fontana Trevi und lachte die römische Sonne.