Chapter 10 of 13 · 3744 words · ~19 min read

Part 10

2. Ein unschätzbarer Gehilfe Fellenbergs verdient Johann Jakob +Wehrli+ (1790–1855) genannt zu werden. Als Sohn eines armen Dorflehrers ernährte er sich anfangs mit Dachdecken und Schindelmachen und kam, 20 Jahre alt, nach Hofwyl zu F., wo er 23 Jahre unter harten Bedingungen aushielt. Er mußte Tag und Nacht bei den Kindern sein, sie unterweisen und dazu noch selbst taglöhnern. Die +organische Verbindung des Unterrichts mit der Arbeit+, wozu Pestalozzi die Idee, Fellenberg die Mittel gegeben hatte, führte Wehrli so weit als möglich durch. Der Ertrag der Arbeit deckte hier wirklich den größten Teil der Erziehungskosten. Der praktische Wehrli wurde später +Seminardirektor+ und leitete 20 Jahre das Lehrerseminar zu Kreuzlingen am Bodensee. „+Bete und arbeite!+“ war sein Wahlspruch.

Nach dem Muster von Hofwyl wurden mehrfach Schulen errichtet (Wehrli-Schulen genannt), welche zum Teil recht segensreich wirkten.

=2. Girard= (1763–1850).

1. Der Franziskanerpater Gregor +Girard+ (spr. Schirār), auf dessen Veranlassung Pestalozzi 1811 den „+Dank des Vaterlandes+“ erhielt, war Gymnasiallehrer, Professor der Philosophie und Schulinspektor der Stadt Freiburg (Schweiz). Später wurde er als erster katholischer Pfarrer nach Bern berufen. Er widmete seine besondere Aufmerksamkeit dem Volksschulwesen. Da es an geeigneten Lehrern fehlte, ging er nach Iferten zu Pestalozzi und führte bei seiner Rückkehr den Gedanken aus, welchen Pestalozzi in Stanz zu verwirklichen gesucht hatte: den +wechselseitigen Unterricht+. Die älteren und fortgeschrittenen Kinder wurden zur Unterweisung der jüngeren und schwächeren Schüler benutzt. So konnten mit wenigen Lehrern zahlreiche Kinderscharen unterrichtet werden.[9]

2. Die Methode des wechselseitigen Unterrichts durch Helfer oder Monitoren heißt gewöhnlich das „+Bell-Lancaster-System+“. Zwei Engländer, Andreas Bell und Johann Lancaster, brachten nämlich dasselbe auf, unabhängig von, wenn auch fast gleichzeitig mit Pestalozzi. Bell machte seine ersten Versuche in Madras mit Soldatenknaben, Lancaster in Southwark (London). Die Bell-Lancaster-Methode erregte s. Z. großes Aufsehen. Sie wurde in England, Frankreich und Dänemark eingeführt. In Deutschland fand sie keinen Eingang, obschon der verdienstvolle Konsistorialrat +Natorp+ († 1846 zu Münster) zu ihrer Empfehlung zwei Schriften verfaßte. (1. Ein einziger Schulmeister unter 1000 Kindern; 2. Andreas Bell und John Lancaster). Der Mechanismus dieses Notbehelfs konnte uns Deutschen nicht zusagen.

=3. Fröbel= (1782–1852).

1. Friedrich +Fröbel+ aus Schwarzburg-Rudolstadt war der Sohn eines evangelischen Pfarrers. Er verlor früh seine Mutter und erfuhr von einer Stiefmutter eine harte und abstoßende Behandlung. Nach einer trüben Jugend und wechselvollen Studienzeit wurde er +Volksschullehrer in Frankfurt a. M.+, dann Hauslehrer in einer Familie. 1808 siedelte er mit mehreren seiner Zöglinge nach Iferten über, um bei Pestalozzi „Schüler und Lehrer zugleich“ zu sein. In Iferten blieb Fröbel über 2 Jahre und verlebte „eine herrliche, für sein Leben entscheidende Zeit“. 1813 war er Freiwilliger im Lützowschen Korps. Später wurde er Direktor des +Waisenhauses in Burgdorf+ (Schweiz). Hier erkannte Fröbel die Wichtigkeit der ersten Erziehung und die Notwendigkeit der Heranbildung tüchtiger Mütter. Er wendete seine Hauptsorge der ersten Kindheit zu und gründete Anstalten, die er selbst „+Kindergärten+“ nannte. In diesen Kindergärten wollte er die zarten Kinder wie die jungen Pflanzen im Garten heranziehen, dieselben in Aufsicht nehmen und ihnen eine entsprechende Tätigkeit geben.

2. Den ersten Kindergarten errichtete Fröbel in +Blankenburg+ (Thüringen). Er gab Frauen und Mädchen Anleitung und bildete so +Kindergärtnerinnen+. Auch in Frankreich, Belgien, England und anderen Ländern haben die Kindergärten Eingang gefunden.

Die Idee Fröbels an sich ist eine gesunde und fruchtbare. Es bleibt nur zu tadeln, ~a~) daß +positiv-christliche+ Anklänge in den Fröbelschen Kindergärten +fehlen+; ~b~) daß die Kinder „verspielt“, d. h. mit +Spielen überhäuft+ werden und zu früh ihre kindliche Natürlichkeit verlieren.

=4. von Türk= (1774–1846).

1. Dem Justizrat Karl Christian Wilhelm +von Türk+ aus Meiningen wurde 1800 in +Mecklenburg+-Strelitz die Leitung des Landesschulwesens übertragen. v. Türk sah ein, „daß ein Jurist kein geborener Allwisser sei“, und ging deshalb zu Pestalozzi in die Schweiz. Nach einem abermaligen Besuche bei Altmeister Pestalozzi (1808) gründete er zu +Vevey+ am Genfersee eine Erziehungsanstalt, der sogar Wilhelm von Humboldt seinen Sohn anvertraute. -- 1815 wurde v. Türk +Regierungs-+ und +Schulrat+ in +Frankfurt a. O.+ und 1817 in +Potsdam+ Nachfolger Natorps.

2. Von Pestalozzi angeregt, machte v. Türk mehrere +Waisenhausstiftungen+ in Potsdam. Durch seine „Briefe aus München-Buchsee“ trug er zur Würdigung der Verdienste seines Meisters wesentlich bei. Er war besonders Bahnbrecher für die Pestalozzische +Rechenmethode+ in Preußen. Mit Wort und Tat suchte er die +Seidenzucht+ in Deutschland zu verbreiten und bei den Lehrerseminarien einzuführen.

[9] Ein Monument in Lebensgröße wurde dem verdienten Pädagogen errichtet auf dem Marktplatze zu Freiburg. In der Inschrift wird er genannt: „Provinzial seines Ordens, Vorsitzender der Schweizer Gesellschaft der Naturwissenschaften, Ritter der Ehrenlegion, Mitglied der Religions- und Staatswissenschaften, Vater der Jugend, Wohltäter des Volkes und der Menschheit.“

III. Mittelbare Pestalozzianer.

~A.~ Hervorragende katholische Pädagogen.

=1. Overberg= (1754–1826).

=1. Seine Jugend.= Der Pädagoge des Münsterlandes im eminenten Sinne ist +Bernhard+ Heinrich +Overberg+, geb. als Sohn unbemittelter Krämerleute in der Bauerschaft +Höckel+ (Osnabrück) am 1. Mai 1754. Gleich Pestalozzi war der kleine Bernhard ein an Körper und Geist schwächlicher Knabe, der erst in seinem 5. Jahre gehen lernte und 8 Fibeln verbrauchte, ehe er lesen konnte. Doch arbeitete er sich durch seinen Fleiß in der Bauerschaftsschule bis zum Helfer empor. -- Früh faßte er den Entschluß, +Geistlicher+ zu werden. Mit Hilfe der Mutter gelang es ihm, vom Vater die Einwilligung zum Studieren zu erhalten. Der Kaplan im Pfarrdorfe Voltlage unterrichtete ihn nun im +Latein und Rechnen+. Schon 17 Jahre alt, kam er auf das Franziskaner-+Gymnasium in Rheine+, wo er sich durch Fleiß, Ausdauer und musterhaftes Betragen auszeichnete. Gern hätte man ihn für den Orden gewonnen. Da es ihm indes an innerer Neigung für den Klosterberuf fehlte, hielt ihn seine verständige Mutter zurück. Seine +theologischen Studien+ machte er mit auffallend günstigem Erfolge in +Münster+ und wurde darauf Kaplan in +Everswinkel+, Kreis Warendorf, mit 90 Mk. Gehalt (neben freier Station). Hier bildete Overberg sein Talent für den Jugendunterricht aus. Er übernahm für den bejahrten Pfarrer den Religionsunterricht und gelangte zu einer seltenen Fertigkeit in der +Katechese+.

=2. Overberg als Normallehrer.= ~a~) Minister und Generalvikar des Fürstbischofs von Münster war um diese Zeit der verdienstvolle Freiherr +von Fürstenberg+ († 1810). Als Leiter des Erziehungswesens im Münsterlande lag ihm vornehmlich die +Hebung der Volksschule+ am Herzen. Die Lehrer im Münsterlande waren damals verdorbene +Handwerker+, meistens Schneider und Taglöhner. Die Schullokale waren eng, niedrig, dumpf, oft nicht einmal bedielt. Der Schulbesuch beschränkte sich auf den Winter. Einzelunterricht und Abhören dessen, was mechanisch auswendig gelernt war, bildete die Regel. Schreiben und Rechnen lernten nur die Wohlhabenden gegen besondere Vergütung. Mit der Schulzucht war es noch trauriger bestellt. Sogar in Mädchenschulen fanden sich viele Stöcke, Eselsohren usw. Diesen trostlosen Zuständen konnte nur durch bessere Lehrer abgeholfen werden. Fürstenberg beschloß daher, eine Lehrerbildungsanstalt in Münster zu gründen. Es sollte eine „+Normalschule+“ sein, weil sie allen Elementarschulen im Lande zum Muster zu dienen bestimmt war. Overberg wurde 1783 zum ersten und einzigen Lehrer derselben durch v. Fürstenberg berufen (der sich persönlich in Everswinkel von der hervorragenden Lehrfähigkeit Overbergs überzeugt hatte).

~b~) Overberg begann damit, im Herbst 1783 für im Dienst stehende Lehrer einen Unterrichts- oder +Normalkursus+ von 2½ Monaten abzuhalten. Es waren vielfach über 50 Jahre alte Männer, welche schon lange im Sommer auf dem Felde, im Winter in der Schule getaglöhnert hatten. Solche Normalschüler hatte Overberg nicht nur in der Methode, sondern auch in den Fächern selbst und in der Erziehungslehre zu unterweisen; dazu in so knapper Zeit und ganz allein. Eine Riesenaufgabe! Overberg hat sie gelöst. Die gewinnende Freundlichkeit Overbergs, seine unerschöpfliche +Geduld+, Berufstreue und Bescheidenheit, wie auch sein +ausgezeichnetes Lehrgeschick+ öffneten ihm den Weg zu den Herzen seiner Schüler. Ergraute Männer, die anfangs nur gezwungen kamen, machten den Normalkursus noch vier-, einige zehnmal freiwillig durch. Es konnte später eine längere Dauer der Kurse eingeführt werden. Auch für +Lehrerinnen+ hielt Overberg seit 1801 Normalkurse ab. Er hat das Institut der Lehrerinnen (welches im Münsterlande schon im 17. Jahrhundert bestand) zur Blüte gebracht. Overberg war für Trennung der Schulklassen nach dem Geschlechte und zog für Mädchenklassen Lehrerinnen vor.

~c~) Bei der +Erziehung+ erörtert er mit Nachdruck die Wichtigkeit des guten +Beispiels+ für die Willensbildung. Das gute Beispiel des Lehrers ist der Grundton seiner ganzen Erziehungslehre. Er zeigt die Würde des Lehrerberufes im Lichte der Religion. Das Amt eines Seelsorgers und Jugendlehrers sah er als das höchste auf Erden an. Die Kinder nannte er seine „Wonne“ und seine „Krone“!

~d~) Bezüglich der Ausbildung des kindlichen Geistes faßte er den Verstand und das Gedächtnis ins Auge. Der Verstand soll 1. zum Aufmerken und Nachdenken gewöhnt, 2. durch richtige, klare und deutliche Begriffe gebildet und 3. von der Wahrheit der Lehre überzeugt werden. Das +Gedächtnis+ ist teils Wort-, teils Sachgedächtnis. Grundsätze: 1. das Wortgedächtnis soll nie ganz allein geübt werden; 2. das Sachgedächtnis genügt in vielen Fällen allein; 3. Wort- und Sachgedächtnis sind auf eine vorteilhafte Art zu üben.

~e~) Besonderes Gewicht legte Overberg auf den +Religionsunterricht+. In der Methodik huldigt er (im Gegensatze zu Pestalozzi) der +katechetischen+ Unterrichtsweise, worin er eine außerordentliche Tüchtigkeit besaß. Er wollte verhindern, daß der Lehrer mit dem Prediger, der Katheder mit der Kanzel verwechselt werde. Darum spielt die +Frage+, sei sie heuristisch, repetierend oder examinierend, bei Overberg eine so wichtige Rolle, ebenso das Anführen von Beispielen.

~f~) So wirkte er unermüdlich jahraus jahrein; ein Kursus folgte dem anderen. Als er 1809 zum +Regens+ des Priesterseminars und 1816 zum +Regierungs- und Schulrat+ in Münster ernannt wurde, hielt er die Normalkurse weiter und blieb bis zu seinem Tode der fleißige und bescheidene „+Lehrer der Normalschule+“. Er erlebte noch (1825) die Freude, das Lehrerseminar in Büren eröffnet zu sehen. „Nun kann ich ruhig sterben,“ sagte er, „das Seminar ersetzt mich.“ Er starb am 9. November 1826.

Overberg wurde in Münster auf dem Überwasserkirchhofe begraben. Ein einfaches +Kreuz+ mit der Inschrift: „Es ist kein anderer Name dem Menschen gegeben“, zeigt die Stelle. An seinem 150. Geburtstage (1. Mai 1904) sind seine Gebeine in die Überwasserkirche, dem Orte seiner reichgesegneten priesterlichen und pädagogischen Tätigkeit, feierlich übertragen worden. Ein größeres Denkmal (+Obelisk+) errichtete man ihm bald nach seinem Tode auf dem Hofe des +Priesterseminars+ in +Münster+. Dieses trägt an der Ostseite die Inschrift: „Lehrer der Lehrer während 43 Jahre. So ward ihm vergönnt, der Wohltäter des ganzen Münsterlandes zu werden.“

Im Jahre 1889 wurde ihm vor dem +Lehrerseminar+ in +Warendorf+ aus Anlaß des 50jährigen Bestehens der Anstalt Langenhorst-Warendorf ein 2½ m hohes +Standbild+ errichtet, dessen Kosten zum größten Teile von den katholischen Lehrern Westfalens aufgebracht sind. Die Figur hält in der linken Hand Overbergs Hauptschrift, die „+Anweisung+“. Auf drei Seiten des Sockels sind folgende Stellen aus seinen Werken angebracht: „Ich will +keine Anstrengung scheuen+, welche mir für das Beste der Schulkinder nötig oder nützlich scheint.“ „Der Lehrer soll seinen Schülern überall mit einem +guten Beispiele+ vorgehen.“ „Tue und leide alles aus Liebe zu Gott nach Gottes Willen, zur +Ehre Gottes+!“ Im Jahre 1897 setzte ihm die Stadt +Münster+ ein Marmordenkmal (lebensgroße Figur) auf dem Platze vor der Überwasserkirche.

=3. Seine Schriften.= Er verfaßte:

~a~) ein „ABC-Buch“ (1788), um eine bessere Methode des Leseunterrichts einzuführen;

~b~) „+Anweisung zum zweckmäßigen Schulunterricht+ für die Schullehrer im Fürstentum Münster“ (1793);

Dieses Buch ist Overbergs +Hauptschrift+, durch v. Fürstenberg approbiert und mit nachdrücklicher Empfehlung versehen. Es ist in populärer Breite abgefaßt und durchaus praktisch gehalten. Eine streng systematische Gliederung fehlt. -- Der +Grundgedanke+ des ganzen Werkes, welches in zwei ungleiche Teile zerfällt, ist: +Das vorbildliche Leben+ und die +religiöse Gesinnung+ des Lehrers bleibt die Hauptbedingung einer segensreichen Wirksamkeit.

~c~) eine +Bibl. Geschichte+ des Alten und Neuen Testaments (1799), die selbst in protest. Schulen Eingang fand;

~d~) einen +größeren+ und einen +kleineren Katechismus+ (1804); dazu ein +Religionshandbuch+ Katecheten und Lehrer.

+Fürstbischof Franz Egon+ von Paderborn und Hildesheim benutzte das „Handbuch“ zu seiner täglichen Erbauung.

=4. Seine Verdienste.= Overberg ist die anmutigste Persönlichkeit unter den Pädagogen des 19. Jahrhunderts. Was ihn uns so lieb und wert macht und ihn zum vollendeten Muster der Lehrer erhebt, ist:

~a~) die bis zum letzten Atemzuge dauernde +opferfreudige Hingabe+ an die Volksschule;

Was die +Fürstin Gallitzin+ in ihren Aufzeichnungen sagt, „daß ein +Charakter groß+ sei in dem Maße, als er fähig ist, +Opfer+ zu bringen für das +Wohl anderer+,“ das gilt recht eigentlich von Overberg. Er suchte nicht seinen Vorteil, sein ganzes reiches Wirken ging nur hervor aus Liebe zu Gott und seinen Mitmenschen.

~b~) seine große +Demut+ und Bescheidenheit;

Auch bei den glänzendsten Erfolgen seiner Lehrtätigkeit wußte er diese zu bewahren und legte sie oft in rührendster Weise an den Tag.

~c~) sein Streben nach eigener +Vervollkommnung+;

+Vorbereitung+ vor dem Unterrichte und +Gewissenserforschung+ nach demselben machte er sich zur strengen Pflicht. Auf die erstere verwandte er 1½ +Stunde vor+ jedem Unterrichte. Von der Peinlichkeit und +Strenge+ der letzteren legen viele Stellen seines Tagebuchs beredtes Zeugnis ab. So war Overberg mit +eisernem Fleiße+ für seine eigene Vervollkommnung tätig, eingedenk der Wahrheit, daß der Lehrer, der an seiner +persönlichen+ Fortbildung arbeitet, damit auch der Verbesserung seiner Schule dient.

~d~) seine große Meisterschaft in der +katechetischen+ Lehrweise und die mustergültige Methode des +Religionsunterrichts+.

Overberg war ein Feind des mechanischen Unterrichts und eifert besonders +gegen das verständnislose Auswendiglernen+. Die +biblische+ Geschichte behandelte er mit einer solchen +Meisterschaft+, daß man glaubte, die Handlung geschehe vor Augen; passende Beispiele und Gleichnisse boten sich wie von selbst dar, die eine Lehre floß aus der anderen.

=2. Sailer= (1751–1832).

1. Johann Michael von +Sailer+, Sohn eines unbemittelten Schuhmachers zu Aresing in +Oberbayern+, Professor der Theologie an der Universität Ingolstadt (später +Landshut+), wurde 1829 +Bischof von Regensburg+ und starb allgemein betrauert 1832. Der berühmte Fürstbischof von Breslau, Melchior von +Diepenbrock+, war sein Zögling und innigster Verehrer.

2. Sailer hielt als +Universitätslehrer+ sehr beliebte Vorlesungen über Pädagogik und flößte unzähligen jungen Leuten Begeisterung für die schwere Aufgabe der Menschenerziehung ein. Daraus entstand sein Werk: „+Über Erziehung für Erzieher+ oder Pädagogik“ (1807), welches selbst von Protestanten geschätzt wird.

+Diesterweg+ zeigte die 1830 erschienene 5. Auflage dieses Werkes in seinem „Wegweiser“ mit folgenden Worten an: „Ein Produkt +hoher, reinster Begeisterung für Menschenwohlfahrt+ durch Erziehung. Ein edler Geist spricht den Leser fast aus jeder Zeile an und belebt ihn für höhere Dinge. Darum ein Buch für Jünglinge!“

3. Sein Hauptverdienst besteht darin, daß er den Geist des +Rationalismus+ von seinem Lehrstuhle herab wie in seinen Schriften mit Erfolg +bekämpfte+. Er verlangt einen Religionsunterricht, der sich auf die Kindesnatur und den Glauben stützt.

Das zweite Verdienst Sailers ist dieses, daß er in der Zeit der Methodenhascherei die Wichtigkeit der +Erziehung+ hervorkehrte. Deshalb legt er auch ein so großes Gewicht auf die +Persönlichkeit des Lehrers+ und dessen Beispiel. „Sei selbst Mensch, um Menschen zu erziehen. Werdet +selbst besser+, so werden auch eure Schüler besser werden.“

4. Wie Pestalozzi (den er kannte und hochschätzte) legte er dem Einflusse einer guten +Mutter+ hohen Wert bei. Im Gegensatz zu Pestalozzi war er ein großer Verehrer der +sokratischen+ Methode. Er gibt vortreffliche Lehren über die +körperliche+ Erziehung und Abhärtung des Leibes. Als Hauptsumme aller Lehrertugend stellt er +Liebe+ und +frohe Laune+ hin. (Die Worte des schweizerischen Pädagogen +Büel+: „Wenn ich so +recht froh+ in die Schule komme, so sind meine Kinder Engel, und alles +geht herrlich+“ macht er zu seinen eigenen.) Er weist auch auf die Notwendigkeit von Lehrerbildungsanstalten hin und wünscht fakultative Fortbildungsschulen.

Aus der genannten Schrift „Über Erziehung für Erzieher“ sind folgende Gedanken hervorzuheben:

1. „Die Haupttugend der Tochter ist die =Unschuld=, sie sei ihr so heilig als das Leben und noch heiliger als dieses.

Der gefährlichste +Feind+ der Unschuld ist die +Eitelkeit+, die Begierde zu gefallen. Ist diese in der Tochter einmal erwacht, so sind zugleich unzählige Gefahren für die Unschuld miterwacht. Die unbeherrschte Begierde zu gefallen ist fast immer der erste Schritt zum Falle. Um dieser Gefahr zuvorzukommen, muß der Erzieher so auf die Tochter einwirken, daß sie nur den Beifall Gottes, nicht jenen der Menschen sucht. Der Trieb, Gott zu gefallen, sammelt die Jungfrau in sich selbst; der Wunsch, anderen zu gefallen, wirft sie in die Welt hinaus.

Die Jungfrau +flieht+ jede +Gefahr+, die ihrer Unschuld Schaden bringen könnte, sorgsamer als die nächste Todesgefahr. In einer unvermeidlichen Gefahr kämpft sie wie ein Held: der Blick des Ernstes im Auge, das erschütternde Nein im Munde, die Entschlossenheit in der Gebärde werden auch den frechsten Knecht der Sünde vertreiben.

Die Tochter +meidet+ jede Art von +Müßiggang+, keine Stunde trifft sie arbeitslos an. Die frühe Gewöhnung an Arbeit bildet die Tochter so recht für dieses Leben, das ein Leben der Arbeit ist, und, da die Arbeit vor tausend Reizen zur Sünde bewahrt, arbeitet sie dem höheren Leben in die Hände. Das Leben ist kein Spiel, und die Tugend ist es auch nicht. Je mehr das Kind der Arbeit entfremdet wird, um so schwerer ist die Erziehung.

Die Töchter sind +für+ den Kreis +des Hauses+ zu erziehen. Ein Weib außer dem Hause ist außer seinem Elemente, ist wie ein Fisch außer dem Wasser. Schon die gute Erziehung der Kinder erfordert tausend Arbeiten, die das Weib notwendig an das Haus fesseln. Dazu kommt die Pflicht, Ordnung und Reinlichkeit im Hause zu erhalten, das Hauswesen selbst zu führen, den Erwerb des Mannes durch Sparsamkeit und Arbeitsamkeit zu sichern und zu vermehren. Ein Weib, das außer dem Hause glänzen will, hat den Charakter des Weibes verleugnet.“

2. „Wer seinen Zögling zu einem guten Menschen erziehen will, der ruhe nicht, bis das Gute die Macht der =Gewöhnung= in ihm bekommen habe, bis es gleichsam Natur geworden ist.

Gleichsam Natur muß in ihm werden die +Scheu+ vor allem +Bösen+. Kein unwahres Wort, keine schamlose Gebärde, keinen fremden Heller!

Gleichsam Natur muß in ihm werden die +Ehrfurcht vor Gott+, vor allem Heiligen und das Leichtaufschauen zu Gott. ‚Überall sieht mich Gottes Auge; auch Gedanken sieht sein Blick. Vor seinem Auge will ich wandeln. Seinen Geboten ziemt der erste Gehorsam. Ihm weihe ich mein ganzes Herz.‘

Gleichsam Natur muß in ihm werden +das Gebet des Herzens+ zu Gott, ohne welches Religion und Tugend den Atemzug und den Pulsschlag -- ihre Seele verloren haben. Dazu gehört wohl auch die frühe Gewöhnung der Kinder zum herzlichen Morgen-, Abend-, und Tischgebet. Nie ist die schöne Kindlichkeit schöner als im kindlichen Gebete, das kurz sein muß, um wahr bleiben zu können, und herzlich, um Gebet zu sein.

Gleichsam Natur muß in ihm werden die Achtung vor dem +öffentlichen Gottesdienst+ und eine Gegenwart bei demselben, die Herz und Geist erbaut.

Wer seinen Zögling gut bilden will, der gewöhne ihn auch zu dem, was der Tugend vorarbeitet und ihre Übung erleichtert, zum Entbehren und Dulden. +Entbehren und Dulden+ sind dem Menschen für die treue Erfüllung seiner Pflichten im Leben unentbehrlich. Darum muß das ‚~abstine, sustine!~‘ d. i. ‚lerne um des Guten willen Angenehmes missen und Unangenehmes dulden‘, der oberste Grundsatz der Erziehung sein; gewöhne das Kind an das Gute, so unangenehm dieses immer sein mag. Je mehr sich die Kinder in den Sinnengenuß hineingearbeitet haben, desto schwerer ist die Erziehung.“ (Vgl. John Locke und den Ausspruch Taulers: „Halte jeden Tag für verloren, an welchem du nicht aus Liebe zu Gott deinem Eigenwillen Widerstand geleistet hast.“)

=3. Wittmann= (1760–1833).

1. Georg Michael +Wittmann+ war Regens des +Priesterseminars+ zu +Regensburg+, wurde 1829 +Weihbischof+ daselbst und 1832 am Grabe +Sailers+ zu dessen +Nachfolger+ ernannt. Er gilt als unübertroffenes Muster eines Religionslehrers und +Kinderseelsorgers+. Bis er Weihbischof wurde, gab er wöchentlich 37 Religionsstunden und hat mehr als 70000 Kinder in der Religion unterrichtet. Er setzte seinen Unterricht niemals aus, selbst nicht, als einst ein Minister ihm einen Besuch ansagte. +Seinen Schlaf beschränkte er auf 4 Stunden.+

2. Bischof Wittmann ist auch der Stifter der „+Genossenschaft der Armen Schulschwestern+“ (Mutterhaus in +München+). Im Jahre 1890 zählte die Stiftung 384 Häuser mit 3514 Schwestern, welche 120000 Kinder unterrichteten. Aus der +Instruktion+, die Wittmann gab, ist zu merken:

~a~) „Nicht eine äußere Bildung zum Glänzen, sondern zur +lebendigen Gottesfurcht+ und zur Berufstreue ist +Zweck+ der Schulerziehung.“

~b~) „Die +kräftigste Predigt+, die besonders bei Kindern einen unvertilgbaren Eindruck macht, ist das +Beispiel+. Der erste Same zur Gottesfurcht und Tugend kommt +immer+ erst +durch das Auge+ in die Seele, +nicht+ durch das +Ohr+. In den Kindern regt und äußert sich vor allem der +Nachahmungstrieb+.“

~c~) „Was die Unterrichtsgegenstände betrifft, +Ordnung+, +Zeit+, +Art+ und +Weise+ des Unterrichts, sollen sich die Schwestern genau an die Verordnungen der +Schulbehörde+ halten, welcher ihre Schule untergeordnet ist.“

~d~) „Die +Mädchen+ sollen auch in standesmäßigen +Handarbeiten+ Unterricht erhalten, so z. B. im Stricken, Spinnen, Wäsche- und Kleiderausbessern, Weißnähen, im Anfertigen der Kleider nach Stand- und Landestracht.“

=4. Milde= (1777–1853).

1. Der Fürsterzbischof von Wien Vincenz Eduard +Milde+ war der Sohn eines ehrsamen Buchbindermeisters in Brünn. Schon mit 21 Jahren wurde er Katechet an den beiden Schulen zu Altlerchenfeld (Wien), 1804 Religionslehrer an der Realschule und an der Akademie der bildenden Künste, 1806 +Universitätsprofessor+ der Pädagogik. Als Professor verfaßte er sein Aufsehen erregendes „Lehrbuch der allgemeinen Erziehungskunde“, in welchem er die +Pädagogik+ auf reine +Prinzipien der Psychologie+ gründet. Dieses Werk veranlaßte die Beförderung Mildes zum Bischof von Leitmeritz (1823) und Fürsterzbischof von Wien (1831).

2. Seine +Vorliebe+ für den +Lehrerstand+ bewies Milde durch eine Stiftung zur Unterstützung bedürftiger Lehrer der Wiener Erzdiözese. 3 Jahre nach seinem Tode (1856) trat die Stiftung ins Leben, und es erhielten bereits in diesem Jahre 72 Lehrer und 90 Geistliche je 100 Gulden. Mildes Grabschrift im Stephansdom zu Wien lautet:

„Wohltaten, still und rein gegeben, Sind Tote, die im Grabe leben, Sind Blumen, die im Sturm bestehn, Sind +Sterne+, die +nicht untergehn+!“

(M. Claudius.)

Bemerkenswerte Stellen aus dem Lehrbuche sind:

„Die intellektuelle Bildung ist eine zweifache: die +formelle+ und +materielle+. Erstere beschäftigt sich mit bestimmten Anlagen des Geistes, letztere mit bestimmten Gegenständen; jene ist bei allen Menschen dieselbe, diese ist bei jedem Individuum verschieden. Beide sind gleich wichtig und allzeit +in Harmonie+ zu betreiben.“

„Wenn wir nur das wüßten, was wir in den +Schulen+ lernen, würden wir sicher +arm+ an Kenntnissen sein. Das, was wir gelegentlich im täglichen Leben, in der Schule der +Erfahrung+ und des Umgangs mit anderen gelernt haben, ist sicher weit +mehr+ und oft weit +nützlicher+ als das in der Form und Sprache des absichtlichen Unterrichts Vorgetragene.“

„Vorübergehende Stimmungen, einzelne Handlungen bewirken, ist leicht; +Gesinnungen+ zu gründen, welche +fortdauern+, auch wenn die äußere Einwirkung aufhört, ist +schwer+ -- und doch ist dieses, nicht jenes +Aufgabe+ für den Erzieher.“

=5. Barthel= (1802–1861).

Karl +Barthel+ aus Breslau wirkte als geistlicher +Seminardirektor+ in +Paradies+ (Posen) und +Breslau+, als Regierungs- und +Schulrat+ in +Liegnitz+ und +Breslau+. In allen diesen Stellungen hat er sich die Liebe und das Vertrauen der Lehrer in seltenem Grade zu erwerben verstanden. Durch seine zahlreichen aus der Praxis entstandenen Schriften hat er sich ein bleibendes Verdienst, besonders um die katholischen Schulen des Landes, erworben. Die wichtigsten sind ~a.~ Handbuch zur Bibl. Geschichte (3 Bände), ~b.~ Schulpädagogik (neu bearbeitet von Wanjura).