Chapter 3 of 13 · 3924 words · ~20 min read

Part 3

2. Nach der Rückkehr von Tours (802) übernahm Rhabanus die +Leitung der Fuldaer+ Klosterschule. Er meldete dies dem Freunde in Tours, und dieser schrieb ihm zurück:

„Ermahne die Kleinen, welche um dich sind, zur +Keuschheit+ des Körpers, zum reuigen +Bekenntnis+ ihrer Sünden, zur +Ausdauer+ im Lernen und zum +verständigen+ Umgange. Lehre sie die Unmäßigkeit und die Eitelkeit der Welt fliehen. In ihrer Jugend sollen sie lernen, damit sie im Alter lehren können. Trage Sorge, daß sie an +dir ein Muster+ haben, und ermahne sie in heiligen Worten.“

Rhabanus galt als sehr gewissenhafter Lehrer, der sein unablässiges Streben den Fortschritten seiner Schüler widmete, und als ein vortrefflicher Erzieher, der in hohem Maße die Geschicklichkeit besaß, einen jeden nach seinem Alter und seiner Individualität zu behandeln. Darin aber zeigt sich des Rhabanus echt +deutsche Natur+, daß er auf die Pflege der +Muttersprache+ besonders Gewicht legte und zu dem Ende ein lateinisch-deutsches Wörterbuch der Bibel verfaßte. Auch schmückte er als Abt durch Bauten und Kunstwerke das Kloster, um den Kunstsinn der Mönche und Schüler zu pflegen und jedem Talente Gelegenheit zur Ausbildung zu geben. Es muß etwas Schönes gewesen sein um das rege geistige Leben in Fulda, um die freudige Arbeitslast, die sich auf den Gesichtern der Lehrenden und Lernenden abspiegelte („~Laeti tirones, laetiores magistri, laetissimus rector~“). Der Ruf von der Blüte der Schule drang bald in die Ferne und zog viele Schüler herbei. Manche von letzteren, zu tüchtigen Lehrern vorbereitet, trugen Glauben und Wissen weiter an andere Schulen. Unter diesen sind zu nennen +Walafried Strabo+ und +Otfried von Weißenburg+.

3. Im Jahre 822 zum +Abt+ des Klosters erwählt, wandte Rhabanus sich nicht von der Jugendbildung ab, sondern nahm noch unmittelbar am Unterrichte Anteil und hielt auf gute Zucht und Ordnung. Daher blieb die Schule zu Fulda auch weiterhin die Leuchte für ganz Deutschland. Im Jahre 847 wurde Rhabanus +Erzbischof+ von Mainz. Als solcher hat er 4 große Kirchenversammlungen abgehalten. Auf der ersten (zu Mainz 847) wurde der Beschluß erneuert, daß die +deutsche Sprache+ eine größere Verwendung beim +Gottesdienst+ erhalten solle. Mit besonderem Eifer widmete er sich der Verkündigung des göttlichen Wortes, wobei er das Volk über mancherlei Wissenswertes zu belehren suchte, so sehr war ihm das eigentliche +Unterrichten zur zweiten Natur+ geworden. Er starb am 4. Februar 856 zu Winkel im Rheingau.

III. Schulen des nachkarolingischen Mittelalters.

1. Nach Kaiser Karls großartigem und unvergleichlichem Vorbilde nahm sich auch Herzog +Thassilo+ II. von Bayern der Schulen an. Er bestimmte 774: „Jeder Bischof soll in seiner Vaterstadt eine Schule errichten.“

2. Papst +Eugen+ II. empfahl 826 allen Bischöfen, „Lehrer zu bestellen, die im Lesen, in den freien Künsten und in den Heilslehren fleißig Unterricht erteilen sollen“.

3. Das 11. ökumenische Konzil (im +Lateran+) unter Papst Alexander III. (1179) verordnete: „An jeder Domschule soll dem Lehrer ... ein hinreichendes Einkommen ausgeworfen werden.“ „Auch an anderen Kirchen soll das Erforderliche hierfür geschehen.“ „Die Erlaubnis zu lehren darf keinem Tüchtigen versagt werden.“

4. Die +Hofschule+ Karls d. Gr. bestand weiter und blühte besonders zur Zeit Karls des Kahlen unter dem tüchtigen +Lehrer Scotus Erigena+. Im 10. Jahrhundert wirkten der Erzkaplan +Bruno+ (Bruder des Kaisers Otto I.) und von 999–1003 der gelehrte Mönch +Gerbert+ (der spätere Papst Silvester II.) ausgezeichnet als Leiter der Hofschule.

5. Einzelne Domschulen taten sich besonders hervor. Die +Dom+schule von +Hildesheim+ hatte die Ehre, den +Kaiser Heinrich+ II. und den berühmten Bischof +Meinwerk von Paderborn+ zu ihren Schülern zu zählen. Der berühmte hl. +Anno+ (Erzbischof von Köln) und der Bischof +Imad+ sind Schüler der +Paderborner Domschule+ (unter Meinwerk). Neue Domschulen entstanden in Magdeburg, Merseburg, Meißen.

6. Die sog. +regulierten Chorherren+ gründeten nach Chrodegangs Plane Stiftsschulen an ihren Kollegiatkirchen. Die +Augustiner+- und +Norbertiner+-Mönche machten sich den Jugendunterricht zur Hauptaufgabe. Den Augustinermönch +Hugo von St. Viktor+ nannten seine Zeitgenossen wegen seiner eminenten Lehrtätigkeit den „zweiten Augustinus“.

7. Die +Benediktinerschulen+ wirkten segensreich weiter und wurden durch neue Stiftungen vermehrt. +Corvey+ an der Weser, Stiftung Ludwigs des Frommen (814–840), erhielt für Norddeutschland hohe Bedeutung. Kaiser- und Königssöhne wurden hier ausgebildet. Die Apostel des Nordens, +Ansgar+ für Schweden und +Adalbert+ für Rußland, gingen aus der Klosterschule von Corvey hervor. Die Genossenschaften der +Cluniacenser+ und +Cistercienser+ erwuchsen aus dem Stamme der Benediktiner und setzten das große Werk des hl. Benedikt fort.

8. Die Bettelorden der +Franziskaner+ (gestiftet 1209) und der +Dominikaner+ (1215) waren stiftungsmäßig zur religiösen Unterweisung der ärmeren Volksklassen verpflichtet. Sie errichteten bei ihren Klöstern +Schulen+, welche +Externate+ waren.

Aus diesen Schulen entstanden später mehrfach Gymnasien, z. B. in Rheine, Warendorf, Recklinghausen, Brilon.

Die Franziskaner wirkten außerdem noch als Lehrer in +Stadt-+ und +Landschulen+ und unterwiesen sogar in Privathäusern die Jugend im +Katechismus+, +Lesen+ und +Schreiben+.

9. Die Genossenschaft der +Brüder des gemeinsamen Lebens+ (auch Hieronymianer, Fraterherren oder +Schulbrüder+ genannt) nahm sich in den letzten beiden Jahrhunderten des Mittelalters des Jugendunterrichts an und wirkte besonders in den Niederlanden und in Norddeutschland.

Sie erteilten nicht allein höheren, sondern auch +niederen Unterricht+, namentlich in der +Religion+, +Muttersprache+ und im +Rechnen+. Ihre Schulen, die sehr zahlreich besucht wurden, gründeten sie neben ihren Fraterhäusern. Die Mitglieder dieser Genossenschaft, Geistliche und Laien, lebten als Brüder in freier Vereinigung, „nur durch +guten Willen+ verpflichtet“, zusammen. Ihr Stifter war +Geert Grote+, dessen Gehilfe und Nachfolger +Florentius Radewin+. Der bekannteste Fraterherr ist der gottsel. +Thomas von Kempen+, † 1471, dessen „Nachfolge Christi“ nächst der Hl. Schrift das verbreitetste Buch ist. Sein berühmter Schüler war Alexander von Heek (Alexander Hegius) † 1498, der wiederum den gelehrten +Erasmus von Rotterdam+ zu seinen Schülern zählte.

Die +Fraterherren+ sind die ersten +Elementarlehrer+, und +Geert Grote ist der Vater der Elementarschule+.

Stadtschulen.

1. Infolge der +Kreuzzüge+ entwickelte sich das +Bürgertum+. Von den Magistraten wohlhabender Städte wurden +lateinische Stadtschulen+ (nach dem Muster der Domschulen) gegründet. Solche Schulen bestanden in Lübeck, Hamburg, Breslau, Leipzig, Nordhausen u. a. Städten.

2. +Papst Alexander+ III. stand diesen Schulen freundlich gegenüber und erlaubte Mönchen und Weltgeistlichen, darin als Lehrer zu wirken. Die +geistlichen+ Lehrer nahmen sich vielfach +weltliche+ Gehilfen, welche die Lernanfänger im Lesen und Schreiben unterrichteten.

Der (meistens geistliche) Schulvorsteher oder +Rektor+ hieß auch Oberschulmeister oder +Magister+, die Gehilfen wurden +Kindermeister+ genannt.

3. Nur den +Rektor+ stellte die +städtische Behörde+ an, die Gehilfen oder Schulgesellen konnten dann von dem Schulvorsteher beliebig angeworben und entlassen werden.

4. Die nicht fest angestellten Unterlehrer (Schulgesellen oder Kindermeister) veränderten sich gern und oft und suchten als sog. „+fahrende Schulgesellen+“ in den städtischen Schulen Arbeit.

5. Angesteckt von dem Wanderleben des Lehrpersonals zeigten sich auch bald „+fahrende Schüler+“ in Menge. Ganze Schwärme von Schülern zogen von Stadt zu Stadt, von Schule zu Schule und blieben dort längere Zeit, wo es ihnen gefiel. Die Führer (größere Schüler), welche „einem Trunke gar nicht abhold“ waren, nannte man „+Bacchanten+“, die kleineren -- „+Schützen+“. Die Schützen mußten für ihre Bacchanten den Unterhalt erbetteln oder stehlen. Dieses Schülerunwesen erhielt sich bis ins 16. Jahrhundert.

+Thomas Platter+, geb. 1499, später Schulrektor in Basel, liefert in seiner +Selbstbiographie+ eine anschauliche Schilderung des Lebens und Treibens der „fahrenden Schüler“.

„In Dresden war gar keine gute Schule und in unseren Schlafkammern alles voll von L..., daß wir sie nachts im Stroh unter uns knistern hörten; sie waren so groß wie reifer Hanfsamen. Im Sommer blieben wir nachts auf dem Kirchhof, trugen Gras zusammen und lagen darin wie Säue auf der Streu. Zuweilen gingen wir in die Bierhäuser; da gaben uns die trunkenen Polackenbauern so viel Bier, daß wir nicht wieder zur Schule kommen konnten.“ „Manchmal hetzte man die Hunde auf uns.“ „Die Stadt Breslau hatte sieben Pfarren und jegliche eine besondere Schule.“ „In Breslau sind +etliche tausend+ Bacchanten und Schützen +auf einmal+ gewesen, die sich alle von Almosen ernährten.“ „In der Schule zu St. Elisabeth (Breslau) hatte +niemand gedruckte Bücher+.“

Nach fünf Jahren kam Platter nach Hause; er konnte gut betteln, aber nicht lesen.

6. Auch +deutsche Schulen+ gab es gegen Ende des Mittelalters in den Städten. Unterrichtsgegenstände: +Religion+, +Deutsch+ (Lesen und Schreiben), +Rechnen+ und +Gesang+. Die deutschen Schulen waren die städtischen Elementarschulen des Mittelalters. Während man die Lateinschulen schlechthin „Schule“ hieß, führten die Deutschschulen den Namen „Schreibschule“.

7. +Mädchenschulen+ lassen sich in den Städten nur ganz vereinzelt nachweisen. Der Mädchenunterricht blieb mehr Privatsache und beschränkte sich auf die Unterweisung in der +Religion+. Dagegen gab es in +Nonnenklöstern Frauen+, welche +Latein+ sprachen und schrieben.

8. Der größte Teil der Einwohner deutscher Städte im Mittelalter lernte lesen, schreiben und rechnen. +Der Handwerkerstand+ namentlich zeichnete sich durch +gute Schulbildung+ aus, während manche +adligen+ und fürstlichen Personen +unwissend+ blieben.

Landschulen.

1. Auf dem Lande waren im Mittelalter und kurz nach demselben nur wenige Schulen zu finden. Tagelöhner, Handwerker oder ein Geistlicher erteilten hier und da Elementarunterricht, der aber +sehr spärlich+ ausfiel. In der Religion besorgte der Pfarrgeistliche die Unterweisung.

2. An Orten, wo der Schuldienst mit dem Küsteramte dauernd verbunden wurde, kam es zur Einrichtung von +Küsterschulen+. Solche Schulen hatte Westfalen schon in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts, z. B. in +Bigge+, Kreis Brilon.

+Erzbischof Engelbert II. von Köln+ bestätigte 1270 die „+Satzungen+ für den Küster und Schulmeister zu +Bigge+“.

Hiernach war der Küster gehalten, „die Kirchspielsjugend im Schreiben und Lesen des Sommers morgens von 7, des Winters von 8–10 Uhr, nachmittags des Sommers von 1–3 oder 4 Uhr, des Winters bis 3 Uhr zu unterrichten“.

„Die Kirchspielseingesessenen sollen bei Strafe von 15 Mark verbunden sein, die Kinder zur Schule zu schicken.“ (Schulzwang!)

Der „jedesmalige Schulmeister“ mußte „monatlich dem Pastor schriftlichen Bericht“ über das Betragen und die Leistungen der Schüler vorlegen. (Schulaufsicht!)

IV. Pädagogische Schriftsteller.

=1. Vincenz von Beauvais= († 1264).

1. Dieser große Gelehrte des 13. Jahrhunderts war Dominikanermönch zu Beauvais (nördlich von Paris). Er übernahm die Erziehung der Kinder des Königs Ludwig des Heiligen von Frankreich.

2. Auf Veranlassung der Königin Margarete verfaßte er eine pädagogische Schrift unter dem Titel: „+Über die Unterweisung der Kinder aus königlichen Familien+“. Diese Schrift ist keine systematische Abhandlung über Erziehung und Unterricht, sondern eine Zusammenstellung des Besten und Trefflichsten, das bis zu seiner Zeit über Erziehung und Unterricht von heidnischen und christlichen Schriftstellern gesagt worden war. 2000 ältere Schriften sind benutzt. Die 41 ersten Kapitel handeln von der Erziehung der Knaben, die 10 letzten von der Erziehung der Mädchen. Die Hauptgedanken der Schrift sind, daß der Erzieher selbst +heilig+ sein müsse, um andere erziehen zu können, und daß Unterricht und Wissen ohne Erziehung und Bildung des +Willens+ von zweifelhaftem Werte sind.

3. Stellen aus dem Buche:

„Zur guten Verwaltung des Lehramtes gehört +klarer Verstand+, +Demut+, +Lehrgabe+.“

„Bei aller Arbeit in der Wissenschaft darf auch die Sorge für den +Leib+ nicht vergessen werden.“

„Zweck der Zucht ist Abgewöhnung vom Bösen und Gewöhnung zum Guten.“

„Die Strafe kann in Tadel, Drohung und +körperlicher Züchtigung+ bestehen.“

„Überall aber muß die Strafe nur +aus Liebe+ und +mit Liebe+ angewendet werden.“

=2. Johannes Gerson= (1363–1429).

1. Der geistliche +Professor+ und +Kanzler+ der Universität Paris Johannes +Gerson+ war Mitglied des 16. ökumen. Konzils (zu Konstanz, 1414) und unterrichtete später zu Lyon die Kinder und Kleinen in der Religion. Er starb dort in der Mitte seiner Zöglinge.

2. Gerson verfaßte eine Schrift „Über +die Pflicht, die Kinder Christo zuzuführen+“. Er schrieb außerdem noch für die Kinder über die zehn Gebote und das Beichten.

3. Von dem Eifer und der großen Seelenkenntnis Gersons zeugen folgende Stellen:

„+Christus+ verglich sich im +Sammeln der Seelen+ mit einer +Henne+, welcher, wie Augustinus sagt, kein Tier in der bekümmerten Teilnahme für seine Jungen gleicht.“

„Die Kleinen werden zu Christus geführt durch +Kanzelvortrag+, +private Belehrung+, +Schulunterricht+ und die +Beichte+.“

„Ich halte die +Beichte+ für die +wirksamste Leiterin zu Christus+.“

„Niemals werde ich nach Dingen forschen, die zu verschweigen sind.“

„Kommet mit Vertrauen! Ich werde euch lehren, und ihr werdet für mich beten.“

=3. Mapheus Vegius= (1407–1458).

1. Der Sekretär der päpstlichen Breven Mapheus +Vegius+ war auf pädagogischem Gebiete nur +theoretisch+ tätig. Er starb zu Rom.

2. Eine besondere Verehrung zu der hl. +Monika+, deren Gebeine er von Ostia nach Rom bringen und in der Augustinuskirche beisetzen ließ, veranlaßte ihn zur Abfassung der ausgezeichneten Schrift: „Über die Erziehung der Kinder und die +Veredlung ihrer Sitten+.“

3. Die Schrift zerfällt in 6 Bücher und ist eine vollständige Pädagogik. Dem Charakter des Mittelalters gemäß hat die +erziehliche+ Seite mit Recht über die didaktische das Übergewicht. Vegius hebt (wie früher Quintilian) hervor, daß selbst für die +Elemente des Wissens tüchtige Lehrer+ notwendig sind, weil nur solche es verstehen, leichtfaßlich und klar zu unterweisen und einen +sicheren Grund+ zu legen. Die bemerkenswertesten Stellen aus dieser Schrift sind folgende:

„Die Kinder sollen vom 7. +Jahre+ an, wie dies die Alten schon angeordnet, den Unterricht eines Lehrers genießen.“ „Wie das weiche Wachs die Spuren des Siegels festhält, so ist auch das +zarte Alter+ für die Aufnahme äußerer Eindrücke geeigneter als jedes andere.“

„Die Knaben sollen in +öffentlichen+ Unterrichtslokalen, nicht aber zu Hause ihren Unterricht erhalten, weil dann der +eine+ durch den +anderen angefeuert+ wird.“

„Vor dem häufigen +Wechsel+ der Lehrer und des Unterrichts möge man sich hüten.“

„Die Lehrer sollen die Schüler als ihre +eigenen+ Kinder behandeln.“

„Dieselbe Regel, welche man bei +körperlicher+ Nahrung anwendet, ist auch bei Mitteilung von Kenntnissen zu beobachten.“

„Die Lehrer mögen ihr +sorgfältiges Augenmerk+ auf das Wesen der +einzelnen+ richten.“ (Individualität.)

„Die Lehrer müssen sich hüten, daß sie nicht übermäßig in +Zorn+ geraten, denn dem Lehrer wird Grausamkeit als Verbrechen angerechnet.“

=4. Viktorin von Feltre= (1378–1446).

1. Ein +praktischer+ Schulmann des Mittelalters war Viktorin von +Feltre+, der stets ein vollgültiges Muster für Lehrer bleiben wird. Als Sohn ganz armer Eltern hatte er mit Not und Entbehrungen zu kämpfen, studierte mit glänzendem Erfolge zu Padua und wurde Universitätsprofessor daselbst.

2. Er gründete zugleich in +Padua+ ein Pädagogium für brave Schüler ohne Unterschied des Standes. Diese Erziehungsanstalt verlegte er später nach +Venedig+, dann nach +Mantua+ (70 Zöglinge). Hier unterrichtete er auch die Kinder des Herzogs Joh. Franz Gonzaga. Befragt, welche Besoldung er wünsche, antwortete er: „Töricht fürwahr wäre es in diesem Augenblicke, an etwas zu denken, was ich von meinen Kinderjahren an gering geschätzt habe. Ich bin gekommen, Tugend zu begründen, nicht, um Geld zu markten.“

3. Viktorin war Laie und nie verheiratet, ein Muster der +Frömmigkeit+. Er +bereitete+ sich auf jede Lehrstunde gewissenhaft +vor+ und ruhte nicht eher, bis auch die schwächsten Schüler seinen Vortrag gefaßt hatten. Den Unterricht erteilte er stets anschaulich mit freundlicher Herablassung. Er gab den Kindern Buchstaben aus Pappe, damit sie dieselben spielend kennen lernten. Im Gegensatz zu der allgemeinen Praxis des Mittelalters verwarf Viktorin alle +körperliche+ Züchtigung und das Strafknieen in der Schule. Bei der Erziehung legte er großen Wert auf körperliche Abhärtung, Gymnastik und Spiele. „Von körperlicher Behendigkeit,“ sagte er, „kann man meist auf einen durchdringenden Geist schließen. Die Wärme, die man der +Bewegung+ verdankt, ist die angenehmste, gesundeste und dauerhafteste, weil sie gleichmäßig über alle Teile des Körpers sich verbreitet. Am Feuer werden nur einige derselben und diese dann zu stark erwärmt; daraus entstehen Augenübel, Husten, Schnupfen und vor allem wird die Trägheit, die große Feindin jedes edleren Beginnens, in hohem Grade genährt. Durch Leibesübungen hingegen wird der Geist erheitert, die Gesundheit befestigt, die Verdauung erleichtert.“ Als man ihm liebevolle Vorwürfe darüber machte, daß er seine +Enthaltsamkeit+ zu weit treibe und sich das Leben verkürze, erwiderte er: „Glaubt mir, weniges wird zur Erhaltung des Lebens erfordert, alles übrige dient zur Befriedigung der Lüsternheit, und dann hat man einen Schlund zu füllen, dem auch das viele nur wenig ist.“ Bemerkenswert ist auch sein Ausspruch: „+In der Liebe zu den Schülern allein liegt die Würde, die Freude und das Göttliche der Lehrerwirksamkeit.+“

Dritter Abschnitt.

Von der Reformation bis auf Rousseau.

Vorbemerkung.

1. Die Reformation übte auf die Erziehung zunächst einen +nachteiligen+ Einfluß.

~a~) Wo sie Eingang fand, gingen die bestehenden Schulen meistens zugrunde. Kloster-, Dom- und städtische Schulen lösten sich auf.

~b~) Es trat eine arge +Verwilderung und Sittenlosigkeit+ ein. Krasser Unglaube und schamlose Frivolität erhoben ihr Haupt. Durch die Religionsstreitigkeiten waren Erbitterung und Gehässigkeit unvermeidlich geworden. Widerliches Gezänk entzweite vielfach Lehrer und Schüler. Luther selbst nahm diesen heillosen Zustand wahr, schrieb „an die Ratsherren“ und rief den obrigkeitlichen Zwang an (1530).

2. Dagegen liegen in der Reformation auch wirksame +Förderungsmomente+ für Schule und Unterricht.

~a~) Die Bibelübersetzung Luthers trug nicht wenig zur Verbreitung des Hochdeutschen und zur Anbahnung einer einheitlichen Unterrichts- und Schriftsprache in Deutschland bei.

~b~) Die evangel. Kirchenordnungen berücksichtigen auch die +Schule+. Insbesondere wurden +tüchtige+ Männer angeregt, ihre Kräfte ganz der Schule zu widmen.

I. Das Konzil von Trient.

1. Seit dem Ausbruche der Reformation wurde leider ein guter Teil geistiger Kraft dem Jugendunterrichte entzogen und in den heftigen Religionsstreitigkeiten verbraucht. Bauernkriege, Wiedertäuferunruhen und der Dreißigjährige Krieg verwüsteten Deutschland. Das große, weltberühmte Konzil von Trient (1545–1563) nahm sich warm der Erziehung und des Unterrichts an.

2. Das Konzil von Trient +verordnete+:

~a~) Die Geistlichen sollen der +Jugend+ und den Erwachsenen die +Heilswahrheiten+ in der +Muttersprache+ verkündigen;

~b~) die Domkapitel sollen für die Domschulen sorgen und die +Armen+ darin +unentgeltlich+ unterrichtet werden;

~c~) die Bischöfe sollen +Seminarien+ und +Seminarschulen+ einrichten zur Vorbereitung auf den geistlichen Stand (Ausbildung junger Geistlichen);

~d~) zur +Instruktion für die Pfarrer+ sollte ein Katechismus verfaßt werden. Es ist dieses der „+~Catechismus Romanus~+“, welcher auf Befehl des Papstes Pius V. (1566) herausgegeben wurde.

3. Diese Verordnungen des Konzils brachten reichliche Früchte. Neue Schulorden entstanden, und hervorragende Männer wandten ihre besondere Aufmerksamkeit der Hebung des Schulwesens zu.

II. Einzelne katholische Schulmänner.

=1. Ludwig Vives= (1492–1540).

=1. Leben.= Johann Ludwig Vives wurde am 6. März 1492 zu Valencia als Kind adeliger aber unbemittelter Eltern geboren und empfing seine gelehrte Bildung auf der hohen Schule seiner Vaterstadt und an der Universität zu Paris. Nachdem er vorübergehend in Brügge sich aufgehalten, wurde er 1516 Erzieher des späteren Kardinals Wilhelm de Croy zu +Löwen+. Hier hielt er Vorlesungen an der Universität und trat in freundschaftlichen Verkehr mit Erasmus von Rotterdam. Wie dieser verhielt er sich gegen die Reformation Luthers ablehnend, eiferte aber mit großem Freimut gegen alle vorhandenen Gebrechen und Mißstände innerhalb der katholischen Kirche. Von Erasmus veranlaßt gab er die Schrift des hl. Augustinus ‚~de civitate dei~‘ neu heraus und widmete diese Ausgabe dem Könige von England, Heinrich VIII. Infolgedessen wurde er nach +England+ berufen und zum Professor der Universität Oxford ernannt, wo er zugleich der königlichen Prinzessin und Thronerbin Maria Unterricht erteilte. Als er aber in dem Ehestreite Heinrichs VIII. offen auf die Seite der Königin Katharina trat, mußte er England verlassen und kehrte nach +Brügge+ zurück. Von hier rief ihn der Herzog von Nassau auf Veranlassung seiner Gemahlin Mencia da Mendoza an seinen Hof nach Breda. Nach dem Tode des Herzogs 1539 kehrte Vives nach Brügge zurück und starb daselbst schon im nächsten Jahre, 6. Mai 1540.

=2. Schriften.= Von seinen Schriften sind zu merken:

~a~) „Über die Unterstützung der Armen.“ Diese Schrift ist historisch merkwürdig als die erste durchdachte und mit völliger Klarheit hingestellte Theorie einer allgemeinen +bürgerlichen Armenpflege+. Zu den Aufgaben der letzteren rechnet er ganz besonders auch die +Unterweisung der Kinder der Armen+ im Lesen und Schreiben wie in den Anfangsgründen des christlichen Glaubens.

~b~) „Über die Wissenschaften.“ Der zweite Teil dieser Schrift handelt von dem Unterrichte in den Wissenschaften oder vom christlichen Unterrichte.

~c~) „Über die Erziehung der christlichen Frau.“ Das Buch ist der Königin Katharina von England gewidmet.

=3. Pädagogik.= Vives gründete seine Pädagogik auf die empirische Psychologie, deren Vater er mit Recht genannt wird. Im einzelnen stellt er folgende Forderungen auf:

1. Von der +Anschauung+ muß aller Unterricht ausgehen.

„Die ersten Lehrer der Menschen sind die +Sinne+.“ „Der Weg, den der menschliche Geist zur Gewinnung der Erkenntnis einschlägt, ist der der +Induktion+.“ Vives tritt damit in Gegensatz zu dem bloßen Spielen mit Worten und Begriffen, das im späteren Mittelalter eingerissen war.

2. Die +Muttersprache+ muß sorgfältig gepflegt werden.

In der Muttersprache müssen die Knaben zunächst Gewandtheit erlangen, in ihr muß auch zuerst die Erklärung der Schriftsteller geschehen. Aufgabe des Gelehrten aber ist es, den gesamten Sprachschatz der Muttersprache zu verwalten, insbesondere auch die älteren, außer Gebrauch gekommenen Formen derselben zu kennen. Doch ist ohne Sachkenntnis auch die beste Sprachkenntnis ein eitel unnütz Ding.

3. Nachdrücklich betont er das Studium der Realien:

α) Die +Geschichte+ ist die beste +Lehrerin der Lebensklugheit+. Kriege und Schlachten sind nicht genau durchzugehen, viel nützlicher ist es, mit den +Werten des Friedens+ sich zu beschäftigen, zu erzählen, was er an herrlichen, weisen Handlungen gab, was für schändliche Verbrechen geübt sind, wie der Ausgang guter und schlechter Menschen gewesen ist, wie traurig die sind, die Schlechtes tun, wie fröhlich, die Gutes geleistet. (Kulturgeschichte.)

β) Mit dem Studium der Geschichte soll sich das der +Geographie+ verbinden.

γ) Bei den +Naturwissenschaften+ bedarf es vor allem der +Beobachtung+. Man muß die Dinge bei Regen und Sonnenschein, auf den Bergen, den Äckern, im Walde beobachten; man frage auch die Bewohner einer Gegend um Auskunft, z. B. Gärtner, Landbauer, Hirten, Jäger. Solche Forschungen werden großen Nutzen bringen für den Ackerbau, für den Anbau nützlicher Früchte und für die bei Krankheiten anzuwendenden Heilmittel. Wir lernen ja die Wissenschaften und Künste nicht ihrer selbst wegen, sondern für uns.

4. +Die Religion ist aller anderen Lehren Richtschnur.+

Alle anderen Wissenschaften sollen hauptsächlich aus dem Gesichtspunkte beurteilt werden, wie sie nach ihrem Stoffe und nach dem Erfolge des Lernens mit der Religion übereinstimmen.

+5. Die Gesundheit darf nicht vernachlässigt werden.+

Vives legt großen Wert auf körperliche Übungen der Schüler, auf hinreichende Erholungszeit und kräftige Ernährung. Für Leibesübungen und Spiele müssen gedeckte Hallen hergestellt werden.

6. Auf die Erziehung der +Mädchen+ ist besonders Gewicht zu legen.

Den Mädchen ist eine Bildung und Erziehung zu geben, die ihrer Natur speziell angemessen ist. Dieselben sollen vor allem zur Sittlichkeit und zu wahrer Religiosität herangebildet werden. Dann sollen sie auch alles lernen, wodurch sie sich befähigen zu ihrem Berufe als Gattin, Mutter und Hausfrau, und deswegen die Kochkunst, die häuslichen und Handarbeiten sorgfältig erlernen.

Vives ist ein bahnbrechender Geist ersten Ranges und der +Begründer der neueren Pädagogik+. In ihm waren humanistische Bildung und glühende Frömmigkeit in harmonischer Weise vereinigt. Seine Schriften haben auf Baco, Ratke und Comenius den größten Einfluß ausgeübt und sind in allen folgenden pädagogischen Systemen ausgenutzt worden. Wir finden bei ihm fast sämtliche, später geltend gewordene Prinzipien der neueren Pädagogik. Er fordert bei Erziehung und Unterricht ein Verfahren, das sich auf die Seelenlehre gründet; er betont die induktive Methode, die Berücksichtigung der natürlichen Anlagen des Schülers, die Pflege der Muttersprache, das Ausgehen von sinnlichen Wahrnehmungen, die Beobachtung und Erfahrung in den Naturwissenschaften, die Pflege der Leibesübungen und Spiele. Geradezu überraschend sind seine trefflichen Ansichten über den Geschichtsunterricht und über die Ausbildung des weiblichen Geschlechtes nach dessen Natur und Bestimmung. (Volkmer.)

=2. Der sel. Petrus Canisius= (1521–1597).

Canisius war geboren am 8. Mai 1521 zu Nymwegen und starb am 21. Dezember 1597 zu Freiburg in der Schweiz. Der angesehenen Familie de Hondt entstammend, erhielt er zu Hause eine sorgfältige humanistische Bildung, bezog mit 14 Jahren die Universität +Cöln+, wo er, 19 Jahre alt, zum Magister der Philosophie promovierte. Unter der Leitung des frommen Professors Nikolaus von Esche widmete er sich einem ernsten inneren Leben. Als Ostern 1543 der Jesuit Peter +Faber+ nach Deutschland kam, suchte er diesen auf, machte unter seiner Leitung die geistlichen Übungen des hl. Ignatius und trat am 8. Mai 1543 in den Jesuitenorden (als erstes deutsches Mitglied) ein. Er verblieb zunächst in +Cöln+ als +Professor der Exegese+ und erwarb sich durch seine Predigten den Ruf eines +ausgezeichneten Kanzelredners+. Bald darauf wurde er von dem Cölner Klerus an Kaiser Karl V. abgeschickt, um nachdrückliche Maßregeln gegen den apostasierten Erzbischof Hermann von Wied zu erwirken. Dann nahm er an den Verhandlungen des Konzils von Trient tätigen Anteil. Von Trient berief ihn der hl. Ignatius nach Rom. Nachdem er hier fünf Monate unter der aszetischen Leitung des Ordensstifters gestanden, wurde ihm von diesem Deutschland als künftiges Arbeitsfeld überwiesen.