Part 11
In der letzteren gibt er beherzigenswerte Winke über die Pflege der +Vaterlandsliebe+ in der Schule. Er sagt: „Wir sind +Deutsche+ und sind insbesondere +Preußen+. 1. Als +Deutsche+ haben wir selbst deutsche Gesinnung zu bewahren und bei den uns anvertrauten Schülern zu pflegen. Die deutsche Gesinnung aber äußert sich in der Innigkeit des +Glaubens+, in der +Biederkeit+ und +Einfachheit+, in +Offenheit+ und +Wahrhaftigkeit+, in +Mut+ und +Ausdauer+ unter Mühen und Arbeiten. Wer für den Anbau dieser Tugenden sorgt, der sorgt für die Pflege des deutschen Wesens. 2. Zum +preußischen+ Staate gehören der Abstammung nach nicht bloß Deutsche, sondern auch andere Nationalitäten. Ihnen allen müssen blinde nationale Antipathien, wie sie die vorchristliche Zeit so schroff zeigt, fremd sein. Welcher Abkunft wir auch sein mögen, als Bürger des preußischen Staates sind wir alle durch +ein+ Band umschlungen, das uns zu einem Volk von Brüdern macht, ob wir am Niemen oder am Rhein, an der Nord- oder Ostsee oder am Fuße der Karpathen wohnen. Dieses uns alle umschlingende Band ist die +Treue+ gegen den von Gott uns gegebenen König, das ist die +Anhänglichkeit+ an die von ihm und seinen Räten getroffenen vaterländischen Einrichtungen, das ist die +Ehrfurcht+ vor dem Gesetze, vor welchem alle Staatsbürger gleich sind, das ist die +Dankbarkeit+ für die liebevolle Sorge, mit welcher eine weise Regierung Gewerbe und Handel begünstigt, Kunst und Wissenschaft schirmt und besonders den Volksunterricht fördert. Diese Segnungen vor dem Geiste unserer Kleinen zu erhalten, das sei unser redliches Bemühen; denn ohne Kenntnis des Vaterlandes ist keine Teilnahme für dasselbe, ist also auch kein Bürgersinn möglich, der in unserem Zeitalter so sehr in Anspruch genommen wird.“
=6. Graser= (1766–1841).
1. Joh. Baptist +Graser+ war 1804–1825 Regierungs- und +Schulrat+ in +Bamberg+ und +Baireuth+ und lebte nach seiner Pensionierung in Baireuth. Nicht ohne Bedeutung sind seine pädagogischen Schriften:
~a~) „+Divinität+ oder das Prinzip der einzig wahren Menschenerziehung.“
~b~) „Das Verhältnis des Elementarunterrichts zur Politik der Zeit.“
2. Seine pädagogischen Grundsätze und Vorschläge sind:
~a~) Die Elementarschule ist ein +wichtiger Faktor+ im Staatsleben und soll dieses unterstützen.
Vor allem muß der Jugend die +Notwendigkeit der Obrigkeit+ nahegebracht und stufenweise entwickelt werden. Graser ging deshalb von dem Familienleben und der väterlichen Gewalt im Hause aus, knüpfte daran das Leben in der Gemeinde und schritt sodann zum geordneten Staatsleben weiter.
~b~) Nach dem Gesichtspunkte des +Familien-+, +Gemeinde-+ und +Staatswesens+ soll sich der ganze Unterrichtsstoff gliedern.
Die +Geographie+ beginnt mit der +Heimatskunde+, die Naturgeschichte mit den Naturkörpern des +Wohnorts+, die Geschichte mit der +Ortschronik+, im Religionsunterrichte sollen zunächst nur kurze Denk- und Sittensprüche gegeben werden, welche die Pflichten gegen Eltern, Geschwister und Hausgenossen enthalten. (Diese Stoffverteilung ist +unnatürlich+, sie ist eine Übertragung des Unterrichtsganges, den Pestalozzi +mit Recht+ für die +Geographie+ verlangt, auf alle Fächer.)
~c~) Es muß ein +naturgemäßer+ Übergang vom Elternhause zur Schultätigkeit gewonnen werden.
Nach Graser reihet sich der gewöhnliche Schulunterricht nicht natürlich an den vorigen der Natur und Familienstube an, und so ist der +erste Schulunterricht+ auch die erste +Kindesqual+. Als geeigneten +Übergangsunterricht+ empfiehlt Graser die Behandlung des +Wohnhauses+ an einem +Modelle+. Dasselbe dient für den Anschauungsunterricht und wird auch als Grundlage gebraucht für die ersten Übungen im Zeichnen, in der Geometrie, im Rechnen und in der Geographie.
~d~) Das Schreiben darf beim Anfangsunterricht vom Lesen nicht getrennt werden.
Er sagt: „Naturgemäß lernten die Menschen das +Sprechen+ weit +früher+ als das +Schreiben+; ebenso naturgemäß war aber und ist die +Schrift früher als das Lesen+, denn erst muß geschrieben sein, ehe gelesen werden kann.“ Dieser Schlußfolge entsprechend gab Graser die +Lautzeichen+ zugleich mit den +Lauten+, und zwar in der +Schreibschrift+ zum sofortigen Nachschreiben. So ist er der +Begründer der Schreiblesemethode+ geworden, zu deren Verbreitung +Wurst+ am meisten beigetragen hat.
7. Christoph v. Schmid.
Christoph von +Schmid+, † 1854 als +Domkapitular+ zu +Augsburg+, ist der fruchtbarste und bis jetzt +unübertroffene+ Vertreter der +Jugendliteratur+. Seine „Erzählungen für die Jugend“ drangen in die entferntesten Dörfer und sind noch heute eine beliebte Lektüre für jung und alt, und zwar bei allen Konfessionen. Wer kennt nicht den „Verfasser der Ostereier“?
Über seine +Jugendschriftstellerei+ sagt er: „Ich ging zu den Kindern selbst in die Schule und lernte von ihnen. Gewöhnlich erzählte ich eine Geschichte den Kindern oder las sie ihnen vor und ließ sie dann dieselbe aus dem Gedächtnisse nachschreiben. Daraus ersah ich, was die Kinder am meisten angesprochen hatte und was nicht. Ich arbeitete dann die Erzählung um, indem ich mehr Handlung und kürzere Gespräche darin vorbrachte. So lernte ich von den Kindern und war immer darauf bedacht, ihre Sprache zu reden. Für Kinder kann nicht zu oft ein Punkt kommen. Ein gut gewähltes Eigenschaftswort macht eine längere Schilderung unnötig.“
Sehr schön äußert er sich über die +biblischen Erzählungen+: „Unter allen Geschichten sind die biblischen die vortrefflichsten. Da lebt alles, alles steht vor Augen, der Schauplatz der Geschichte ist immer bestimmt. Man ist überall in der wirklichen Welt, hat Berg und Tal, Baum, Felsen, Quellen und Gebirge um sich; jetzt ist es Morgen, jetzt Abend, jetzt heißer Mittag: bald ist es Erntezeit, bald Schafschur, bald Weinlese.“
Dem kindlich frommen Verfasser der „Ostereier“ wurde +vorgeworfen+, daß er 1. rationalistischen Tendenzen huldige, und 2. in seinen Geschichten den katholischen Bräuchen und Lehren nicht genug Rechnung trage. Beide Vorwürfe sind unbegründet.
B. Hervorragende protestantische Pädagogen.
=1. Niemeyer= (1754–1828).
1. Der Urenkel Franckes war August Hermann +Niemeyer+, +Professor+ der evang. Theologie, Inspektor des königl. +Pädagogiums+ und Mitdirektor des Waisenhauses zu +Halle+. Er errichtete selbst ein pädagogisches Seminar an der Universität Halle. Von Pestalozzis Geist befruchtet, suchte er die Grundsätze Rousseaus, Basedows und Pestalozzis zu sichten, das Wahre vom Falschen zu trennen und ein logisches Gebäude der Erziehungs- und Unterrichtswissenschaft aufzubauen.
2. Seine pädagogischen Anschauungen legte er nieder in dem dreibändigen Werke: „+Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts+“ (1796), woran er 30 Jahre arbeitete, und welches noch jetzt eine Zierde der pädagogischen Literatur ist. Als +Prinzip+ der Erziehung stellt Niemeyer die +harmonische Ausbildung+ aller menschlichen Anlagen und Kräfte auf. In religiöser Beziehung neigte er zu den +Philanthropen+, doch bewahrte ihn der Ernst und die Tiefe seines Gemüts vor Angriffen auf das positive Christentum.
+Niemeyers+ „+Grundsätze+“ faßten zum +erstenmal+ die Pädagogik in ein +abgerundetes System+ zusammen und enthalten zugleich einen der frühesten Versuche einer +Geschichte der Pädagogik+.
=2. Schwarz= (1766–1837).
Friedr. Heinr. Christian +Schwarz+ aus Gießen war protestantischer Theologie und +Professor+ an der Hochschule in +Heidelberg+. Er leitete das dortige pädagogische Seminar und wurde später +Kirchenrat+.
Sein Hauptwerk ist die „+Erziehungslehre+“, welche nicht so systematisch, aber gemütvoller als Niemeyers Pädagogik gehalten ist. Er betrachtet als Ziel der Erziehung: die Heranbildung des Menschen zur +Gottähnlichkeit+. In religiöser Beziehung steht er ganz auf +positiv-gläubigem Standpunkte+.
=3. Denzel= (1773–1838).
Bernhard Gottlieb +Denzel+ aus Stuttgart war ebenfalls protestantischer Theologe und wurde 1811 von der württembergischen Regierung als „Inspektor“ des neuen Seminars nach +Eßlingen+ berufen. Auf kurze Zeit unterbrach er seine Seminartätigkeit und +reorganisierte+ das +Volksschulwesen+ in +Nassau+, kehrte aber darauf in seine Stellung nach Eßlingen zurück, wo er mit Lust und Liebe bis an sein Ende wirkte.
Denzel steht als +Praktiker der Volksschule+ besonders nahe. Den +Anschauungsunterricht+ erhob er zum +Stammunterricht+ für alle übrigen Unterrichtszweige und traf bezüglich des Stoffes hierin eine richtigere und angemessenere Disposition als Pestalozzi, indem er vom +Schulzimmer+ und der +Schule+ ausging. Für den +ersten Zahlenunterricht+ benutzt er eine zehnsprossige Skala, die nach ihm benannte „+Denzelsche Leiter+“. Als Schriftsteller erwarb er sich einen Namen durch die beiden Werke: „Einleitung in die Erziehungs- und Unterrichtslehre“ und „Die Volksschule, ein methodologischer Lehrkursus“.
=4. Harnisch= (1787–1864).
=1. Leben.= Christian Wilhelm +Harnisch+ aus Wilsnack im Rgbz. Potsdam studierte zuerst evangelische Theologie, entschied sich dann für das Lehrfach und kam an das +Plamannsche Institut+ zu +Berlin+, um die Pestalozzische Methode kennen zu lernen. Hier wurde er bekannt mit Fichte, Schleiermacher und Jahn und nahm tätigen Anteil an den Bestrebungen für Erweckung der vaterländischen Gesinnung vor den Freiheitskriegen. Er zeigte ein so ungewöhnliches +Geschick+ im +Unterrichten+, daß er zum Lehrer der Prinzessin +Charlotte+ von +Preußen+, nachmaligen +Kaiserin+ von +Rußland+, berufen wurde. 1812 wurde Harnisch erster Lehrer am Seminar in +Weißenfels+. Hier wirkte er 20 Jahre, zuletzt als +Direktor+, ungemein erfolgreich. Das Seminar in Weißenfels blühete und wuchs unter Harnisch zu einem +Musterseminar+. Die tüchtigen Seminarlehrer +Hentschel+, +Stubba+, +Lüben+ und +Prange+, von Harnisch herangezogen, förderten das Gedeihen und den Ruf der Anstalt. „Um in einem stillen Kirchlein neben dem Altar sitzen und den Frieden verkünden zu können,“ legte Harnisch 1842 die Seminardirektion nieder und nahm die +Landpfarre+ zu Elbei im +Magdeburgischen+ an. Eine schwere Krankheit nötigte ihn 1861, in den Ruhestand zu treten; drei Jahre darauf starb er zu Berlin, nahezu 77 Jahre alt.
=2. Schriften.= Die bemerkenswertesten sind:
~a~) „Der Schulrat an der Oder.“ Eine Zeitschrift, herausgegeben in Gemeinschaft mit den beiden Katholiken Krüger und Rendschmidt.
~b~) „+Handbuch für das deutsche Schulwesen.+“ Sein bedeutendstes Werk.
~c~) „Die wichtigsten neueren Land- und Seereisen.“ Hierdurch hat er auf dem Gebiete der Jugendschriften anregend gewirkt.
~d~) „Mein Lebensmorgen,“ Selbstbiographie bis zum 35. Lebensjahre. (Nach seinem Tode erschienen.)
=3. Pädagogische Wirksamkeit.=
~a~) Er fordert nachdrücklich eine Erziehung auf dem Boden des +positiven+ Christentums.
„Im vollen Sinne des Wortes gibt es keine andere Erziehung als eine christliche.“ „Die christliche Erziehung bedarf gleich jeder anderen des Verstandes, der Vernunft, des Willens und aller Anlagen und Kräfte; aber ihr Grundwesen ist nicht Verstand, sondern innige +Liebe+ und demütiger Glaube.“ „Der christliche Erzieher weiß, daß nur durch Gottes Gnade sein Zögling gedeiht und nicht durch seine Kraft. Alle Erziehung, die sich auf ihre eigenen, besonderen Kräfte und Künste stützt, die wähnt, durch Klugheit und Geschick alles auszurichten, das ist keine christliche. Der christliche Erzieher achtet alle Kunst und alles Geschick; doch die größte Kunst ist ihm die, bei keinem Zöglinge die +Liebe+ aufzugeben, die alles erträgt, alles glaubt, alles hofft, alles duldet.“ Für seine Zöglinge stellt er als goldenes ABC auf: „~a~) +Sei+ ein Christ! ~b~) Besitze die gehörigen +Kenntnisse+ des Christentums! ~c~) Habe die gehörige +Lehrfertigkeit+!“
~b~) Über die +Stellung+ und Beaufsichtigung der Schulen sagt er:
„Die Schule kann drei Mütter haben, nämlich das +Haus+, die +Kirche+ und den +Staat+. Jede dieser drei Gewalten hat das Recht, Schulen zu gründen; jede hat aber das Recht nur in ihrem Kreise. Jede Gewalt kann von der anderen verlangen, daß sie wenigstens das nicht beeinträchtige, was das Ihre ist; stehen aber die Gewalten im rechten Verhältnisse zueinander, so werden sie sich wechselweise in der Erreichung ihres Zweckes unterstützen.“
~c~) Einer +Trennung+ der Kinder nach dem höheren und niedrigen Stande tritt Harnisch entgegen.
„Es ist höchst wichtig, daß in den Volksschulen Kinder von +armen+ und +reichen+ Eltern +gemischt+ sind; sonst erzeugt schon das Schulleben einen unglücklichen Kastengeist.“ Vgl. +Comenius+, Gr. Unt. 12. Kap. und +Pestalozzi+, Wie Gertr. 1. Brief.
~d~) Er dringt auf eine bessere Ausbildung der +Methode+ für die einzelnen Unterrichtsfächer.
Er behandelte nach Pestalozzis Grundsätzen methodisch den Unterricht im Deutschen, im Rechnen, in der Raumlehre, in den Realien („Weltkunde“) und im Turnen.
~e~) Er ist der erste, welcher die Wichtigkeit der +Gesundheitspflege+ in den Seminarien betonte.
Er sagte: „Ich will meinem Vaterlande helfen +feste Männer+ erziehen.“ -- +Botanisieren+, Gartenarbeiten, Baden, +Schwimmen+, +Schlittschuhlaufen+ und +Turnübungen+ zielten darauf hin, den Zögling gesund und kräftig zu erhalten. Auch die Lehrer wies er auf die Sorge für ihre Gesundheit nachdrücklich hin und gab ihnen in der Schrift „Frisches und Firnes“ dafür treffliche Ratschläge.
=5. Stephani= (1761–1850).
1. Der Predigerssohn Heinrich +Stephani+ aus Gmünd in +Oberfranken+ studierte protest. Theologie, war 10 Jahre Hofmeister und wurde dann bayrischer Schulrat, zunächst in +Augsburg+, darauf in Eichstätt, endlich in +Ansbach+. Wegen seiner irreligiösen, allem positiven +Christentum feindlichen+ Richtung erfolgte seine Absetzung. Er starb zu Gorkau in Schlesien.
2. Er hat sich um die Volksschule +verdient+ gemacht
~a~) dadurch, daß er der +Lautiermethode+ den Weg in die Volksschule bahnte und hierdurch das Buchstabieren verdrängte. (Doch ist Stephani nicht der Erfinder der Lautiermethode. Schon 1537 hatte Valentin Ickelsamer dieselbe empfohlen.)
~b~) Er förderte auch den Rechenunterricht und suchte auf den höheren Schulen den deutschen Klassikern den verdienten Platz zu erobern.
~c~) Er war eifrig bemüht um die +Verbesserung+ der Lehrerbildung und der +Lehrergehälter+.
3. Zu +tadeln+ bleibt:
~a~) sein Kampf gegen das positive Christentum. Er hat die religiöse Aufklärung in den protestantischen Schulen Süddeutschlands merklich gefördert.
~b~) Seine +abenteuerliche Schuldisziplin+. Jede körperliche Züchtigung ist ihm eine Barbarei. Die Schulgesetze sind unter Aufsicht des Lehrers von den Kindern selbst zu beraten, die Strafen von ihnen selbst zu bestimmen.
~c~) Seine Selbstgefälligkeit und Ruhmsucht. Gleich Basedow wird auch er nicht müde, sich fortwährend selbst zu loben und seine Verdienste anderen gegenüber zu preisen.
=6. Dinter= (1760–1831).
1. Gustav Friedrich +Dinter+ wurde zu Borna (Königr. +Sachsen+) geboren, wo sein Vater Advokat war. Er studierte evangelische Theologie und wurde +Pfarrer+. Schon als Student hatte er aus Campes Schriften den kindlichen Ton und die herablassende Sprechweise gelernt. Da die drei Lehrer seiner Pfarrei wenig leisteten, unterrichtete er selbst fleißig, und zwar nach dem Grundsatze: „Was der Lernende selbst +finden+ kann, das soll man ihm nicht geben.“ Dabei bildete er talentvolle Jünglinge zu Lehrern heran.
2. 1797 wurde Dinter +Seminardirektor+ in +Dresden+. Hier befolgte er die Regel, nie weiter zu gehen, als bis das +obere Drittel+ der Klasse das Vorgetragene bestimmt, vollständig und in gutem Deutsch wiedergeben könnte. Auf diese Weise bekam er (wie er selbst bekennt) nicht die gelehrtesten Seminaristen, aber gute und gewandte Lehrer.
3. Als er im Jahre 1816 auf Empfehlung des Oberpräsidenten v. Vincke an Stelle August Zellers als +Schulrat+ nach +Königsberg+ berufen wurde, erklärte er dem Minister v. Altenstein: „Ich will jedes Bauernkind in der Provinz Preußen für ein Wesen ansehen, das mich bei Gott verklagen kann, wenn ich ihm nicht die +beste+ Menschen- und Christenbildung verschaffe, die ich ihm zu geben vermag.“ Dinter hat sich treulich bemüht, sein Versprechen zu halten. Die +Verdienste+, die er sich in dieser Stellung um die Schule erworben, sind insbesondere folgende:
~a~) Er legte großes Gewicht auf die +katechetische Lehrform+.
In seiner Schrift „Die vorzüglichsten Regeln der Katechetik“ heißt es: „+Pestalozzi ist König der Unterklasse, Sokrates König der Oberklasse.+ In der Mittelklasse geht das Kind von Pestalozzi zu Sokrates über.“
~b~) Er wünschte eine möglichst +humane Behandlung+ der Jugend.
„Von +zehn Schlägen+, die der Lehrer austeilt, gehören +neun ihm+.“
~c~) Er übte eine +väterliche+, aber auch scharfe +Aufsicht+ über +die Lehrer+.
Lesenswert ist der Brief an einen Aspiranten über den Befund seiner Schule.
Zu +bemängeln+ bleibt ~a~) sein Rationalismus und seine Unduldsamkeit gegen andere Konfessionen; ~b~) die übertriebene Betonung der Verstandesbildung vor der Gemütsbildung.
Aus seinen Schriften sind noch zwei Stellen bemerkenswert:
„Das Schulwesen gleicht einem Wagen, der auf +vier Rädern+ rollt; sie heißen: +Bildung+, +Besoldung+, +Aufsicht+, +Freiheit+. Zertrümmere eines dieser Räder, so geht der Wagen nicht von der Stelle.“
„Der Genius der Pädagogik bewahre uns vor Schulen, wo die Kinder die Winkel besser kennen als die Buchstaben und die Rhomben besser als Gott und seine Pflichten.“
=7. Diesterweg= (1790–1866).
=1. Sein Leben.= Der schroffste Gegner von Harnisch, hauptsächlich in religiöser Beziehung, war +Adolf Wilhelm Diesterweg+ aus Siegen (Westfalen). Wie Rousseau verlor er früh seine Mutter und wurde deshalb von seinem Vater, der Justiz-Amtmann war, erzogen. Er studierte in Tübingen Mathematik, Philosophie und Geschichte, widmete sich anfangs dem technischen Berufe, wurde aber durch +Wilberg+ (Elberfeld) für die +Pädagogik+ gewonnen und mit den Ideen Rochows und Pestalozzis bekannt und vertraut. Er konnte Gymnasiallehrer werden, zog aber das +Volksschulwesen+ vor und nahm 1820 die Stelle eines +Seminar-Direktors+ in +Mörs+ (Rheinland) an, wo er 3 Jahre den Seminarunterricht fast ganz allein erteilte. Bei seiner reichen Begabung und unermüdlichen Tätigkeit erwarb er sich bald den Namen des +deutschen Pestalozzi+. (Ein Gehilfe Diesterwegs in Mörs war +Ludwig Erk+, † 1883 in Berlin.) 1832 wurde er zum Direktor des neuen +Lehrerseminars in Berlin+ ernannt, woselbst er besonders die Übungsschule zum Glanzpunkte der Anstalt machte. (Generalfeldmarschall Prinz +Friedrich Karl von Preußen+ war Diesterwegs Schüler.) -- Als +unversöhnlicher Gegner des positiven Christentums+ wurde Diesterweg 1847 veranlaßt, sein Amt niederzulegen. Er wirkte schriftstellerisch weiter und bekämpfte als Abgeordneter von Berlin die Stiehlschen „Schulregulative“ (1854). † 1866 an der Cholera.
=2. Seine Schriften.= ~a~) „Über Erziehung überhaupt und über +Schulerziehung+ insbesondere.“ Er stellte darin den Unterricht als das Hauptmittel der Erziehung hin.
~b~) Der „+Wegweiser zur Bildung für deutsche Lehrer+“. (1835.) Nicht nur allgemeine Grundsätze, sondern auch methodische Anweisungen für jedes einzelne Unterrichtsfach mit Stoffauswahl bietet der Wegweiser. Stellen:
„Das Wesen des Unterrichts besteht nicht in Mitteilung, sondern in der aktiven Bestimmung des Schülers zu +Anschauungen+.“ „Das +Erlebte hat man gelernt für ewig+.“ „Das Lebens- oder +Erlebungsprinzip+ wird +Unterrichtsprinzip+.“
„Auch bei den besten Gaben gehört ein Leben voll +Arbeit+ dazu, um ein tüchtiger Lehrer zu werden und zu bleiben.“ „Der Lehrer ist nur so lange fähig zu erziehen und zu bilden, als er +selbst+ an +seiner Erziehung und Bildung arbeitet+.“ „Der Lehrer wird nie fertig.“
„Ich flehe zu Gott, daß er den Lehrern den +Glauben+ an die +Heiligkeit+ ihres Berufes erhalten, in ihnen mehren möge.“
~c~) Er verfaßte eine Reihe wertvoller Lehr- und Lernbücher für die Volksschule (Schullesebuch, Lehrbuch der +mathematischen+ Geographie, methodisches Handbuch für den +Rechenunterricht+, praktische Rechenbücher, Geometrie usw.).
~d~) Endlich gab er zwei pädagogische +Zeitschriften+ heraus: die „Rheinischen Blätter“ (seit 1827) und „Pädagogisches Jahrbuch“ (seit 1851).
=3. Seine Pädagogik.= ~a~) Diesterweg stellt die +Selbsttätigkeit der Schüler+ obenan. „Die Bestimmung des Menschen ist die +Selbsttätigkeit+ im Dienste des +Wahren+, +Guten+ und +Schönen+.“ Der Zweck der Erziehung besteht darin, alle Anlagen des Kindes +harmonisch+ zu entwickeln, um dasselbe dadurch zur Selbsttätigkeit und Selbständigkeit heranzubilden. „Aller wahre Unterricht ist Anleitung zu bewußter Tätigkeit.“ Das Unterrichten soll nur ein +Erregen+ sein, der Lehrer ist „+Wecker der Volkskraft+“.
~b~) Bei Auffassung der Unterrichtstheorie als Erregungstheorie tritt die +formale+ Bildung in den Vordergrund. Doch auch die materiale wurde (im Gegensatz zu Pestalozzi) gebührend berücksichtigt, wenn auch die +formale+ oder +Kraftbildung die Hauptsache+ blieb. Die Ausbildung soll zugleich +individuell+ sein, d. h. sich nach dem Maße der Kräfte bei dem einzelnen richten.
~c~) Als echter Pestalozzianer geht Diesterweg überall von der +Anschauung+ aus, sowohl in der Erziehung als im Unterrichte. Die unterste Stufe der Erziehung ist die der +Sinnlichkeit+, die zweite die der +Gewohnheit+ und die dritte und höchste die der +freien Selbstbestimmung+. Beim Unterricht in jedem Lehrgegenstande ist zuerst die Anschauung und das Gedächtnis, dann der Verstand und endlich die Vernunft in Anspruch zu nehmen.
~d~) Während Pestalozzi für die Methode im allgemeinen wirkte, indem er allen Unterricht auf die Anschauung gründete, bildete Diesterweg die +Methodik der einzelnen Unterrichtsfächer+ aus. Er huldigte wie Dinter der +heuristisch-entwickelnden+ Methode und unterscheidet sich hierdurch wesentlich von seinem Vorbilde Pestalozzi. Doch vermied er die Einseitigkeit der Heuristiker und scheute sich nicht, das Positive, Nichtzufindende den Schülern zu geben.
~e~) Im scharfen Gegensatze zu Pestalozzis „objektiver Methode“ verlangt Diesterweg +tüchtige Lehrer+. „Wie keiner einem anderen etwas geben kann, was er selbst nicht hat, so kann auch keiner entwickeln, erziehen, bilden, der nicht selbst entwickelt, erzogen, gebildet ist.“ Er fordert, daß jeder Lehrer ein +Naturforscher+ sei, und wünscht, daß derselbe den Scharfsinn eines Lessing, das Gemüt eines Hebel, die Beredsamkeit eines Salzmann, die Weisheit eines Sokrates und die Liebe Jesu Christi besitze.
~f~) Die Bildung der Lehrer soll in Seminarien geschehen. Alles soll sich darin auf die Bildung zur +bewußten Unterrichtspraxis+ beziehen. Die allgemeine Einführung von +Seminar-Übungsschulen+ und ihre organische Verbindung mit den Seminarien ist vorzugsweise sein Werk. Er sagt: „Ein Seminar ist gerade so viel wert als die Schule, die es besitzt. Echte Seminarlehrer hüten sie daher wie ihren Augapfel.“
~g~) Inbezug auf Diesterwegs +religiösen+ Standpunkt ist eine doppelte Periode zu unterscheiden. Bis 1840 war er rationalistisch gefärbt, doch noch kein Gegner des positiven Christentums. Von da ab tritt er leider immer feindlicher gegen den positiven Offenbarungsglauben auf, neigt immer mehr zum Naturalismus und Materialismus hin. Daher auch sein Ausspruch: „Außer der Natur kein Heil!“ und darum empfiehlt er auch nicht die Religionslehre, sondern die Naturkunde als wichtigsten Unterrichtsgegenstand.
=4. Seine Bedeutung.= Die pädagogische Bedeutung Diesterwegs liegt nicht auf dem Gebiete der Erziehung (wo sein Einfluß ein geradezu verderblicher war), sondern auf dem Gebiete des Unterrichts. Seine Verdienste sind im wesentlichen folgende:
~a~) Er hat durch seine vorbildliche +Lehrtätigkeit+ auf den Volksschullehrerstand mächtig eingewirkt.
~b~) Er hat vorzüglich zur besseren Ausgestaltung des +Seminarwesens+ beigetragen, indem er einesteils auf eine gründlichere wissenschaftliche und andernteils auf eine praktische Durchbildung drang.
~c~) Er hat sich ein hohes Verdienst um die +Methode+ verschiedener Unterrichtsfächer erworben, namentlich im +Deutschen+, im +Rechnen+, in der mathematischen +Geographie+ und populären Himmelskunde und in der +Raumlehre+.
~d~) Er war literarisch unablässig bemüht, die Lehrer mit +Begeisterung+ für ihren Beruf zu erfüllen, und weckte in ihnen das +Streben nach Fortbildung+ und Vervollkommnung.
=IV. Johann Friedrich Herbart= (1775–1841).
=1. Leben.= J. F. Herbart wurde in +Oldenburg+ als Sohn eines Justizrates geboren. Er besuchte mit Auszeichnung das Gymnasium seiner Vaterstadt und darauf die Universität +Jena+. Hier war er ein begeisterter Schüler +Fichtes+ und kam auch mit Schiller in Berührung.
21 Jahre alt wurde Herbart Hauslehrer in +Interlaken+, bei dem Schweizer Landvogt von Steiger. Seine drei Zöglinge waren nach Anlagen und Temperament sehr verschieden; um so größer war sein Eifer, diese Eigentümlichkeiten zu erforschen und seine Erziehung danach einzurichten. Aus seinen Erziehungsberichten sehen wir, daß er schon damals wichtige Hauptpunkte seiner späteren Lehre gewonnen hatte, so die sittliche Persönlichkeit als +Erziehungsziel+, den Unterricht als +Hauptmittel+ der Erziehung, die Mannigfaltigkeit des Interesses der Schüler als +Hauptform+ ihrer geistigen Tätigkeit. Drei Jahre wirkte Herbart erfolgreich im Steigerschen Hause. Im Jahre 1799 lernte er auch Pestalozzi in Burgdorf kennen und verehren.
1802 wurde Herbart Universitätslehrer in +Göttingen+ und 1809 Nachfolger Kants in +Königsberg+. Hier gründete er ein pädagogisches Seminar für Bewerber um das höhere Lehramt und übte als Schulrat und Direktor der wissenschaftlichen Prüfungskommission auch eine einflußreiche Verwaltungstätigkeit aus. 1833 kehrte Herbart nach +Göttingen+ zurück. Der Andrang zu seinen Vorlesungen war außerordentlich groß und blieb es bis zu seinem Tode (1841).
=2. Schriften.= Das Hauptwerk Herbarts ist die „+Allgemeine+ Pädagogik, aus dem Zwecke der Erziehung abgeleitet“ (1806). Dazu kam später noch „+Umriß+ pädagogischer Vorlesungen“ (1835). Die Professoren +Ziller+ in Leipzig und +Stoy+ in Jena haben die von Herbart aufgestellten Theorien weiter entwickelt und in ihren „Pädagogischen Seminarschulen“ zu verwirklichen gesucht.
=3. Pädagogisches System.= Als Fundament seiner Pädagogik gilt für Herbart die +Sitten-+ und +Seelenlehre+. Auf diesen Grundpfeilern ruhet sein Gebäude der +wissenschaftlichen Pädagogik+.
~a~) Die +Sittenlehre+.
Die Sittenlehre bilden folgende fünf Begriffe: 1. Der Begriff der +inneren Freiheit+. (Wollen, Einsicht und Handeln müssen übereinstimmen.) 2. Der Begriff der +Vollkommenheit+. (Das Wollen soll kräftig, vielseitig und gleichartig sein, verbunden mit Gewandtheit, Klarheit und Frische des Geistes.) 3. Der Begriff des +Wohlwollens+. (Dieser besteht in der selbstlosen Teilnahme an Freude und Leid der Mitmenschen.) 4. Der Begriff des +Rechtes+. (Man soll den Streit vermeiden, Gegensätze ausgleichen und den Frieden lieben.) 5. Der Begriff der +Vergeltung+. (Das absichtliche Eingreifen des einen Menschen in die Verhältnisse des anderen soll vergolten werden durch Lohn oder Strafe.) Diese auf unser Handeln sich beziehende Begriffe werden +praktische Ideen+ genannt. Sie bilden zusammengenommen das +höchste Ziel+ oder den Lebenszweck. Die Übereinstimmung des gesamten Wollens mit der Gesamtheit der praktischen Ideen ergibt den +sittlichen Charakter+.
Die +Religion+, Gottesglaube und Frömmigkeit umfassend, findet bei Herbart nur nebenbei eine Stelle als +Stütze des Guten+.
~b~) Die +Seelenlehre+.
Die Seelenlehre (Psychologie) zeigt die Mittel und Wege zum Erziehungsziele. Der Erzieher muß sie kennen, wie ein Arzt den menschlichen Körper und dessen Lebensgesetze. Es sind keine gesonderten Seelenvermögen (Erkenntnis-, Gefühls- und Willenskraft), sondern nur +Vorstellungen+ vorhanden. Die Verbindung dieser Vorstellungen verläuft wie ein +chemischer Prozeß+. Das Lernen ist ein in der menschlichen Seele vor sich gehender +Perzeptions+- und +Apperzeptions+prozeß. Perzeption ist die Aufnahme einer neuen Vorstellung, Apperzeption die Verschmelzung der neuen mit den bereits vorhandenen Vorstellungen.
Die Verbindung der Vorstellungen in Gruppen und Reihen (Assoziation) und ihre Wiederhervorziehung (Reproduktion) geschieht nach bestimmten Gesetzen. Aus den Vorstellungen entstehen, wiederum nach festen Gesetzen, die Gefühle und Begehrungen (Willensaktionen).
Hohen Wert bei dem Lernprozeß hat die +Aufmerksamkeit+. Ist einer der fünf Sinne ihr Träger, so haben wir die sinnliche, ist das Denken der Träger, die geistige Aufmerksamkeit. Merkt man von selbst auf, so ist vorhanden die unwillkürliche, merkt man mit Absicht auf, die willkürliche Aufmerksamkeit.
~c~) Die +wissenschaftliche Pädagogik+.
Herbart gliedert seine wissenschaftliche Pädagogik in drei Teile: 1. die Regierung, 2. den erziehenden Unterricht, 3. die Zucht.