Chapter 9 of 13 · 3981 words · ~20 min read

Part 9

6. (+Lehrer.+) Der Schulmeister muß nicht nur hinlängliche Geschicklichkeit zum Unterrichten haben, sondern in seinem ganzen Verhalten ein Vorbild sein, damit er durch seinen Wandel nicht niederreiße, was er durch seine Lehre aufgebaut hat. Daher sollen sich die Schulmeister mehr als andere der wahren Gottseligkeit befleißigen, ihr Amt vor Gott und in der Nachfolge des Heilandes führen und die Kinder nicht nur für das gegenwärtige Leben tüchtig und glücklich machen, sondern auch zur ewigen Seligkeit vorbereiten. Kein Pfarrer darf jemand als Schulmeister zulassen, der nicht von den Inspektoren (Superintendenten, Erzpriestern) geprüft und mit einem Zeugnis der Tüchtigkeit versehen ist. Die Königlichen Schulstellen in der Kurmark sollen mit solchen Lehrern besetzt werden, die eine Zeitlang in dem +Kurmärkischen Seminar in Berlin+ gewesen und dort die Methode des Schulhaltens und den Seidenbau gründlich erlernt haben. Winkelschulen sind bei Strafe verboten. Während der Unterrichtsstunde darf der Lehrer nicht seine Handarbeit verrichten, auch nicht seinen Geschäften nachgehen und seine Frau unterdessen unterrichten lassen. Ebensowenig darf er während der Schulzeit die Schulkinder zu seiner Hausarbeit gebrauchen. Jedem Lehrer soll streng verboten sein, Wirtschaft zu halten, Bier und Branntwein zu verkaufen, Schenken und Krüge zu besuchen und bei Gastmählern und sonstigen Anlässen Musik zu machen, überhaupt mit Dingen sich zu beschäftigen, wodurch die Schularbeit gehindert oder der Jugend und Gemeinde Anlaß zur Ausschweifung gegeben wird.

7. (+Schularbeit.+) Auf den Unterricht soll sich der Lehrer durch herzliches Gebet vorbereiten, von dem Geber alles Guten insbesondere sich Weisheit und Geduld erbitten. In Gebetsstimmung soll er dann die Schule halten, eingedenk, daß er ohne den göttlichen Beistand nichts auszurichten vermöge, auch der Kinder Herzen nicht gewinnen könne. Am Schluß der Woche soll er die Kinder herzlich ermahnen, den Sonntag wohl anzuwenden, in der Kirche sich still und andächtig zu erweisen. An den Sonn- und Festtagen sollen die Kinder vom Lehrer in geordnetem Zuge von der Schule zur Kirche geführt und dort unter Aufsicht gehalten werden; auf die Predigt sollen sie wohl merken, damit sie Montags etwas daraus wissen. Auch sollen die Lehrer bei den Leichenbegängnissen auf das Verhalten der Knaben, mit welchen sie die Leichen besingen, wohl achtgeben und verhüten, daß selbige sich nicht mutwillig betragen.

8. (+Schulbücher.+) Die Schulbücher müssen von der Behörde genehmigt sein. Jedes Kind soll sein eigenes Buch haben. Ärmeren Kindern werden die Schulbücher aus der Kirchen- und Gemeindekasse angeschafft.

9. (+Schulzucht.+) Die Disziplin muß mit Weisheit gehandhabt werden. Der Eigenwille als die Quelle aller Sünden muß mit Fleiß gebrochen werden. Die Strafe aber soll erst dann erfolgen, wenn das Kind von seinem Fehler überzeugt worden ist. Bei der Züchtigung soll sich der Lehrer aller ungeziemenden Heftigkeit, alles sündlichen Eiferns und Scheltens enthalten. Ist eine größere Bestrafung notwendig, so soll der Lehrer vorher dem Pfarrer Anzeige machen und dessen Rat einholen.

10. (+Schulinspektion.+) Die Pfarrer sollen zweimal in der Woche die Schule ihres Ortes besuchen und nicht nur dem Unterricht des Lehrers anwohnen, sondern auch selbst Fragen stellen; einmal im Monat sollen sie in der Pfarrwohnung mit den Lehrern eine Konferenz halten. Die Superintendenten und Erzpriester sollen einmal im Jahre die gesamten Schulen ihrer Inspektion bereisen und die Berichte an das Oberkonsistorium in Berlin zur weiteren Hinsicht und Verfügung einsenden.

Das Reglement von 1763, welches 26 Paragraphen enthält, ist im wesentlichen eine Zusammenfassung +älterer+ Verordnungen, die, bisher nur für einzelne Provinzen erlassen, nun für alle Landesteile rechtsgültig gemacht wurden. +Neu+ sind die Vorschriften über den Stundenplan, den Lehrstoff, die Unterrichtsweise und die Lehrmittel. Gegenüber dem Schulplan von 1736 bezeichnet dasselbe einen großen Fortschritt, indem es nicht nur die äußeren Verhältnisse der Schule, sondern den gesamten Schulbetrieb ins Auge faßte. Es ist die erste Schulordnung für die Gesamtmonarchie und bildet noch heute die Grundlage der preußischen Schulverfassung.

Um die Durchführung des Reglements hat sich besonders +Hähn+ verdient gemacht, der als Abt des Klosters Bergen anordnete, daß an zwei Tagen der Woche die Schulmeister darin unterwiesen würden, was sie nach Vorschrift des Reglements von nun an in ihren Schulen zu treiben hätten. Der +König+ selbst förderte die Durchführung dadurch, daß er der Kurmark zur Befolgung der neuen Verordnungen ein Kapital von 100000 Taler, den neu erworbenen Provinzen Westpreußen und Posen 200000 Taler überwies, aus deren Zinsen man unter anderem 20 neue Schulen erbaute.

~B.~ Das katholische Schulreglement für Schlesien, 3. November 1765.

Die Einführung des Reglements von 1763 in den katholischen Schulen Schlesiens stieß auf Schwierigkeiten, da eine Reihe von Bestimmungen nur für evangelische Schulen berechnet war. Daher wurde der Abt Felbiger vom König veranlaßt, für die katholischen Schulen ein besonderes Reglement auszuarbeiten. Dasselbe erhielt am 3. November 1765 die Unterschrift des Königs. Es enthält 73 Paragraphen und behandelt dieselben Materien wie das Reglement von 1763. Ausführlicher nur beschäftigt es sich mit der Bildung der Lehrer in den zu gründenden Seminarien (Breslau, Grüssau, Habelschwerdt, Leubus, Ratibor, Raude und Sagan), mit der Visitation der Schulen durch die Pfarrer und Erzpriester, sowie mit der Hähnschen Literalmethode. Dem Lehrer wird gestattet, das Handwerk des Schneiders und Leinewebers zu betreiben; das Ausschenken von Bier und Branntwein, das Handeln und das Musikmachen in den Dorfschenken („Kretschamen“) wird ihm dagegen ausdrücklich untersagt. Die Schulpflicht dauert vom vollendeten 6. bis zum vollendeten 13. Jahre.

=2. Friedrich Wilhelm II.= (1786–1797).

1. Im Jahre 1787 schuf der König eine Oberschulbehörde, das +Oberschulkollegium+ in Berlin, welches das gesamte Schul- und Bildungswesen des Staates einheitlich leiten sollte. An die Spitze desselben berief er den Minister v. +Zedlitz+. Dieser hatte sich bereits unter Friedrich dem Großen reiche Erfahrung auf dem Gebiete der Schulverwaltung gesammelt und nach dem Vorbilde Rochows auf seinen Gütern Musterschulen errichtet. Aber schon 1788 mußte v. Zedlitz dem Minister v. +Wöllner+ das Feld räumen, der eine streng kirchliche Richtung einschlug und durch scharfe Edikte dem von seiten der Aufklärung drohenden Verderben entgegenarbeitete.

2. Eine festere Grundlage erhielt das Schulwesen sodann durch das +preußische Allgemeine Landrecht+ vom 5. Februar 1794. Dasselbe stellt auf dem Schulgebiete vier Grundprinzipien auf.

~a~) Die Schule ist eine +Veranstaltung+ des Staates.

Schulen und Universitäten sind Veranstaltungen des Staates, welche den Unterricht der Jugend in nützlichen Kenntnissen und Wissenschaften zur Absicht haben. (§ 1.) Dergleichen Anstalten sollen nur mit Vorwissen und Genehmigung des Staates errichtet werden. (§ 2.) Alle öffentlichen Schul- und Erziehungsanstalten stehen unter der +Aufsicht+ des Staates und müssen sich den Prüfungen und Visitationen desselben zu allen Zeiten unterwerfen. (§ 9.)

~b~) Die +Unterhaltung+ der Schule ist eine gemeine Last.

Wo keine Stiftungen für die gemeinen Schulen vorhanden sind, liegt die Unterhaltung der Lehrer den sämtlichen Hausvätern jedes Ortes, ohne Unterschied, ob sie Kinder haben oder nicht, und ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses ob. (§ 29.) Auch die Unterhaltung der Schulgebäude und Schulmeisterwohnungen muß als gemeine Last von allen einer solchen Schule zugewiesenen Einwohnern ohne Unterschied getragen werden. (§ 34.)

~c~) Jedes Kind des Volkes muß die Schule +besuchen+.

Jeder Einwohner, welcher den nötigen Unterricht für seine Kinder in seinem Hause nicht besorgen kann oder will, ist schuldig, dieselben nach zurückgelegtem 5. Jahre zur Schule zu schicken. (§ 43.) Der Schulunterricht muß so lange fortgesetzt werden, bis ein Kind, nach dem Befunde seines +Seelsorgers+, die einem jeden vernünftigen Menschen seines Standes notwendigen Kenntnisse gefaßt hat. (§ 46.)

~d~) Die +Schulzucht+ muß weise gehandhabt werden.

Die Schulzucht darf niemals bis zu Mißhandlungen, welche der Gesundheit der Kinder auch nur auf entfernte Art schädlich werden können, ausgedehnt werden. (§ 50.) Glaubt der Schullehrer, daß durch geringere Züchtigungen der eingewurzelten Unart eines Kindes oder dem überwiegenden Hange desselben zu Lastern und Ausschweifungen nicht hinlänglich gesteuert werden könne: so muß er der Obrigkeit und dem geistlichen Schulvorsteher davon Anzeige machen. (§ 51.) Diese müssen alsdann mit Zuziehung der Eltern oder Vormünder die Sache näher prüfen und zweckmäßige Besserungsmittel verfügen. (§ 52.) Aber auch dabei dürfen die der elterlichen Zucht vorgeschriebenen Grenzen nicht überschritten werden. (§ 53.)

3. Im Jahre 1794 erließ der König eine allgemeine +Schulordnung+, in welcher das General-Landschulreglement vom Jahre 1763 zu strenger Befolgung in Erinnerung gebracht und weiter ausgelegt wurde. Insbesondere betonte der König angesichts der immer mehr um sich greifenden Aufklärung die streng +religiöse Erziehung+. Er sagt: „Ich hasse zwar allen Gewissenszwang und lasse einen jeden bei seiner Überzeugung; das aber werde ich nie leiden, daß man in meinen Landen die Religion Jesu untergrabe, dem Volke die hl. Schrift verächtlich mache und das Panier des Unglaubens, des Deismus und Naturalismus öffentlich aufpflanze.“ Der Minister v. Wöllner erklärte den Lehrern ausdrücklich, daß sie das Amt hätten, die Kinder zu Christen zu bilden.

4. Besondere Aufmerksamkeit schenkte der König dem +Handfertigkeitsunterrichte+. An mehreren Orten der Kurmark ließ er den Knaben Unterricht in der Bienen- und Baumzucht sowie im Korbflechten, den Mädchen Unterricht im Spinnen, Stricken und in anderen weiblichen Handarbeiten erteilen. 1793 entstand in Breslau die erste Industrieschule, in anderen Städten wurden alsbald ähnliche Schulen errichtet.

Fünfter Abschnitt.

Von Pestalozzi bis auf unsere Zeit.

Vorbemerkung.

Die +charakteristischen Unterschiede+ zwischen den pädagogischen Anschauungen des 18. und denen des 19. Jahrhunderts sind im allgemeinen folgende:

1. Die Pädagogik des 18. Jahrhunderts trat vielfach in feindlichen +Gegensatz zum Christentum+; das 19. Jahrhundert sucht der Volksschule den +christlichen Boden+ mehr und mehr wiederzugewinnen.

2. Das 18. Jahrhundert pflegte in der Erziehung das +Weltbürgertum+; das 19. betont neben dem christlichen auch das +nationale Prinzip+.

3. Die +einseitige Aufklärung des Verstandes+ war zumeist das Ziel der Pädagogik im 18. Jahrhundert; das 19. Jahrhundert dringt auch auf +Gemüts-+ und +Willensbildung+.

4. Die Pädagogik des 18. Jahrhunderts löste sich von aller +historischen Tradition los+; die Erziehung des 19. Jahrhunderts sucht durch +Erforschung der historischen Entwicklung+ die Erziehungsarbeit +geschichtlich+ zu begründen.

I. Pestalozzi.

=1. Leben.= ~a~) +Jugend.+ Johann Heinrich Pestalozzi, geb. am 12. Januar 1746 als jüngstes Kind eines Augenarztes in Zürich, verlor seinen Vater schon im 6. Jahre und wurde von seiner +Mutter+ und der treuen Magd Babeli erzogen. Infolge dieser +weiblichen Erziehung+ und seiner körperlichen Schwäche wuchs der kleine Heinrich als sog. Mutterkind auf. Männliche Kraft und Denkart blieben ihm fern. Die Familienstube beeinflußte ganz seinen Charakter und seine Anschauungen. Vom 9. Jahre an verlebte Pestalozzi die Sommerferien bei seinem Großvater, einem würdigen Landpfarrer in der Nähe von Zürich. Da er mit diesem täglich die +Dorfschule+ und öfters die +Hütten der Armen+ besuchte, so lernte er früh die Eigenart und das +Elend des Volkes+ kennen. Mit 17 Jahren hatte Pestalozzi das Gymnasium seiner Vaterstadt absolviert. Er entschloß sich, +Geistlicher+ zu werden. Doch das Erscheinen von Rousseaus „Emil“ veranlaßte ihn, die Theologie aufzugeben und das +Studium der Rechte+ zu ergreifen. Auf den Rat eines sterbenden Freundes entsagte er auch diesem Studium und entschied sich schließlich für die +Landwirtschaft+.

~b~) +Neuhof+, 1768–1798. Im Kanton Aargau (unfern der alten Habsburg) erwarb er 1768 100 Morgen dürres Heideland zum Betriebe des Krappbaues und nannte sein Gut „Neuhof“. Durch äußeres Mißgeschick und eigenes Ungeschick verunglückte sein Krappbau. Er verwandelte nunmehr (1775) den Neuhof in eine +Erziehungsanstalt+ für +verwaiste+ und +hilflose Kinder+. Er wollte dieselben der Bettelei entziehen, in ihnen die Arbeitslust wecken und sie fähig machen zu verschiedenartiger, lohnender Tätigkeit. Im Sommer wurden sie mit Feldarbeit, im Winter mit Spinnen und Handarbeiten beschäftigt und sollten so die Kosten ihrer einfachen Erziehung selbst bestreiten. Dabei unterrichtete er sie zugleich, indem er die im Verkehr mit seinem Söhnchen gewonnenen Erfahrungen zu verwerten suchte. Er selbst sagt über diese Zeit:

„Es war unbeschreibliche Wonne, Jünglinge und Mädchen, die elend waren, wachsen und blühen zu sehen, ihre +Hände zum Fleiß+ zu bilden und ihr +Herz zu ihrem Schöpfer+ zu erheben, +Tränen der betenden Unschuld+ im Angesicht geliebter Kinder zu sehen und ferne Hoffnung von Tugendempfindung und Sitten im verworfenen, verlorenen Geschlechte.“

Nach fünfjährigem Bestehen (1780) mußte die Anstalt indes aufgelöst werden: Pestalozzi entbehrte des notwendigen technischen Geschicks. Dazu waren viele Kinder faul und verwöhnt und entliefen, sobald sie neue Kleider erhalten hatten. Die Freunde hielten Pestalozzi für einen +verlorenen Mann+. In der Tat folgten +18 Jahre bitterer Not+ für ihn.

~c~) +Stanz+, 1798–1799. Die französische Revolution, welche der Schweiz eine republikanische Verfassung brachte, riß Pestalozzi wieder in die öffentliche Tätigkeit. Es wurden ihm einflußreiche Stellen im Staatsdienste angeboten. Er aber erklärte: „+Ich will Schulmeister werden!+“ Im Herbste 1798, wo der Kanton Unterwalden von den Franzosen verwüstet wurde und eine Menge +vater-+ und +mutterloser Waisen+ umherirrte, erhielt er den Auftrag, die +verlassenen Kinder zu sammeln+. An 80 entsetzlich verkommene Kinder brachte Pestalozzi zusammen und begann in dem verödeten Kloster der Ursulinerinnen zu Stanz die Riesenarbeit ihrer Erziehung.

Seine Erlebnisse in Stanz schildert Pestalozzi selbst in einem +Briefe+ an einen +Freund+:

„Ich hatte nichts, ich hatte keine Haushaltung, +keine Freunde+, keine Dienste um mich, ich hatte +nur meine Kinder+. Waren sie gesund, ich stand in ihrer Mitte, waren sie krank, ich war an ihrer Seite. Ich schlief in ihrer Mitte. Ich war am Abend der letzte, der ins Bett ging, und am Morgen der erste, der aufstand. +Ich betete und lehrte+ noch im Bett mit ihnen, bis sie einschliefen, sie wollten es so.“ „Ich ging darauf aus, das +Lernen+ mit dem +Arbeiten zu verbinden+.“ „Meine Kinder freuten sich, das, was sie konnten, die anderen zu lehren; so hatte ich schnell unter meinen +Kindern+ selbst +Gehilfen und Mitarbeiter+.“ „Ehe die Frühlingssonne den Schnee unserer Berge schmelzte, kannte man meine Kinder nicht mehr.“

Im Sommer 1799 kamen indes die Franzosen und verwandelten das Klostergebäude in ein Lazarett. Die armen Kinder mußten entlassen werden.

~d~) +Burgdorf+, 1800–1804. Hier wirkte Pestalozzi zunächst als +Hilfslehrer+ in einer Kinderschule; sein Hauptlehrer war ein ungebildeter Schuhmacher. Im Jahre 1800 gründete er im Verein mit dem Lehrer +Krüsi+ auf dem Schlosse in Burgdorf ein +Knabeninstitut+, welches bald Aufsehen erregte. In Krüsi, Tobler, Buß, sodann in Ramsauer, Niederer und Schmidt fand er tüchtige Gehilfen.

~e~) +München-Buchsee+, 1804–1805. Im Jahre 1804 räumten die Behörden für die Erziehungsanstalt Pestalozzis das +Kloster München-Buchsee+ ein. Die äußere Direktion der Anstalt wurde indes dem Herrn von +Fellenberg+ in dem benachbarten Hofwyl übertragen.

~f~) +Iferten+, 1805–1825. Im Jahre 1805 verlegte Pestalozzi seine Anstalt nach +Iferten+ am Neuenburger See, wo das alte, prachtvoll gelegene +Schloß+ bezogen wurde. Hier erstieg +Pestalozzis Ruhm den höchsten Gipfel+. Selbst aus England, Rußland und Amerika wurden ihm Zöglinge zugeschickt. Erwachsene gingen dorthin, um des Meisters „Methode“ zu studieren. In Neapel, Madrid, Petersburg wurden Pestalozzische Lehrer angestellt. Kaiser Alexander von Rußland und König +Friedrich Wilhelm III. von Preußen+ bezeugten Pestalozzi +persönlich ihr Wohlwollen+. Auf Veranlassung des +Franziskanerpaters Girard+ wurde Pestalozzi der Dank des Vaterlandes ausgesprochen (1811). Bald aber brachen +Zwistigkeiten unter den Lehrern+ aus, die sich zu den heftigsten Zänkereien zuspitzten. Pestalozzi verstand es nicht, sich über den Parteien zu halten und die Gegensätze auszugleichen. Die Anstalt ging daher mehr und mehr zurück, und als mit dem Tode der vortrefflichen Frau Pestalozzi (1815) das letzte vermittelnde Element geschwunden war, wurde dieselbe 1825 von ihrem Stifter aufgelöst.

~g~) +Lebensende.+ Von Iferten zog Pestalozzi zu seinem Enkel auf +Neuhof+. Hier lebte er noch 2 Jahre, in welchen er seine „Lebensschicksale“ und den „Schwanengesang“ schrieb. Er starb am 17. Februar 1827 in +Brugg+ (Aargau). „+Suchet euer Glück im stillen, häuslichen Kreise+“, war die letzte Mahnung an die Seinigen. Sein Grab befindet sich in +Birr+ bei +Brugg+ neben dem Schulhause.

Am 12. Januar 1846 setzte ihm der Kanton Aargau ein einfaches Denkmal mit der Inschrift: „Hier ruhet Heinrich Pestalozzi, +Retter der Armen+ auf Neuhof, +Prediger des Volkes+ in ‚Lienhard und Gertrud‘, +zu+ Stanz +Vater der Waisen+, in Burgdorf und München-Buchsee +Gründer der neuen Volksschule+, in Iferten +Erzieher+ der +Menschheit+, Mensch, Christi Bürger: alles für andere, für sich nichts. Segen seinem Namen!“

=2. Schriften.= Die wichtigsten sind:

~a~) „Die Abendstunde eines Einsiedlers“ (1780).

Diese Schrift ist eine Reihe abgerissener Sätze, Aphorismen, über das +Elend des Volkes+ und dessen +Ursachen+, sowie über die Mittel zur wahren Volksbeglückung.

~b~) „Lienhard und Gertrud“ (1781).

Dies ist das +Meisterwerk Pestalozzis+, welches seine Lieblingsideen: die +Wiedergeburt+ erst eines +Hauses+, dann einer +Gemeinde+, zuletzt eines ganzen +Staates+ durch kräftige Erhebung einer +Mutter+ an dem Faden einer Erzählung ausführt. +Inhalt+: Der Maurer +Lienhard+ in dem Schweizerdorfe Bonnal ist zwar ein herzlich guter Mann, macht aber doch Weib und Kind unglücklich, weil er sich in den Händen des gewissenlosen Vogtes +Hummel+ befindet, der in seinem Gasthause die Leute verführt und durch Borg in Not und Elend bringt. +Gertrud+, die +fromme und entschlossene+ Frau des Maurers, klagt dem wohlwollenden Gutsherrn +Arner+ ihre Sorge. Dieser verheißt, um zu helfen, dem Lienhard den Bau einer Kirchhofsmauer und stellt weitere wohltätige Änderungen in Aussicht. Der Vogt verschwört sich mit seinen Anhängern gegen die Pläne Arners, die einen neuen Geist in das verwahrloste Dorf einzuführen bezweckten, wird aber, als er dem Gutsherrn einen +Grenzstein versetzen will+, ertappt. Nunmehr kommt es auch an den Tag, daß er einer inzwischen verstorbenen Frau und ihrem Sohne Rudi eine grasreiche Bergwiese durch Meineid entrissen hat. Der Hauptverführer wird unschädlich gemacht, und von Stunde an gestaltet sich alles im Dorfe besser. Mit vereinten Kräften helfen dazu +Arner+, der +Pfarrer+, der +Baumwollen-Meier+, welcher neue volkswirtschaftliche Unternehmungen beginnt, und der +Leutnant Glülphi+. Letzterer übernimmt +die Schule des Dorfes+, welche bis dahin gewissenlos verwaltet worden war. Vorher tritt er aber in Gertruds Wohnstube, um von der vortrefflichen Erzieherin zu lernen. Er sieht, wie sie mit den Kindern am +Morgen betet+ und die +biblische Geschichte+ liest und erklärt, wie die Hauptworte des Gelesenen den Tag über im +Herzen+ und +Munde+ der +Mutter+ und der Kinder bleiben; sieht, wie die +Kinder+ unter der +Vorarbeit+ und dem +Auge der Mutter+ ihre Hände am Spinnrocken und im Garten regen. Der Offizier Glülphi arbeitet in der Schule treu und voll Einsicht. Die Frucht seiner Arbeit zeigt sich bald, und die +Umgestaltung des Dorfes+ erregt in weiteren Kreisen Aufmerksamkeit. Auch der Fürst hört davon, läßt die Sache prüfen und benutzt den Rat und die Tätigkeit der Männer, die in kleinem Kreise so Großes getan haben, für die +Armen+ und +Waisen des ganzen Landes+.

~c~) „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“ (1801).

Es bleibt diese Schrift sein +Hauptwerk für die Didaktik+. Man kann sie auch seine ‚+Große Unterrichtslehre+‘ nennen. Pestalozzi fordert darin vor allem, daß der Unterricht von der +Anschauung+ ausgehe. „Der Anfang aller Kenntnisse ist die +Anschauung+ und das letzte Ziel der deutliche Begriff.“

=3. Pädagogik.=

~a~) +Zweck+ der Erziehung ist die Entwicklung des einzelnen Menschen zur wahren, edlen +Menschlichkeit+ und die harmonische Ausbildung aller Kräfte und Fähigkeiten. Diese Entwicklung und Bildung muß aber +naturgemäß+ sein, d. h. den +Gesetzen der menschlichen Natur+ entsprechen. Daher ist vor allem das +Geistesleben des Kindes+ von +innen heraus+ zu entwickeln und das Kind zur Selbsttätigkeit zu erziehen. Sodann aber muß die +eigentümliche Natur+ und Sinnesart eines +jeden Schülers+ genau beachtet werden. Mit dieser +Entwicklung der seelischen Anlagen und Kräfte+ (der sog. „formalen Bildung“ oder Kraftbildung) ist das eigentliche Ziel des Unterrichts gegeben. Er hat nicht die Aufgabe, dem Kinde bestimmte Kenntnisse beizubringen.

~b~) Der naturgemäße +Träger+ der Erziehung ist die +Familie+, der Hauptschauplatz die +Wohnstube+, der Hauptfaktor die +Mutter+. Das Verfahren einer verständigen Mutter ist das vollkommenste Muster einer naturgemäßen Erziehung. Der Lehrer muß an das Tun der Mutter, die Schule an das Treiben in der Wohnstube anknüpfen. Deshalb soll der Lehrer dem Kinde, ehe er dasselbe über seine Verpflichtungen belehrt, das Gute +vorleben+ und in konkreten Erscheinungen zeigen. Er soll insbesondere aus dem Verhältnis des Kindes zur Mutter die Empfindungen der Dankbarkeit und Liebe gegen Gott anschaulich entwickeln.

~c~) Die +Lehrmethode+ schließe sich streng an die Gesetze der Entwicklung der Kindesnatur an. Da diese sich immer gleich ist, so kann es auch nur +eine+ gute Unterrichtsmethode geben, eine „+objektive Methode+“, mit deren Hilfe auch der ganz Ungebildete unterrichten kann. Die Grundlage aller Erkenntnis ist die Anschauung, und zwar tunlichst die der +wirklichen Gegenstände+. Wo die sinnliche Anschauung unmöglich ist, soll das Abstrakte wenigstens durch Beispiele und Erzählungen aus bekannten Gebieten versinnlicht werden. Stets werde vom Nahen zum Entfernten, vom Leichten zum Schweren, vom Einfachen zum Zusammengesetzten, vom Bekannten zum Unbekannten in lückenlosem Fortschritt übergegangen. Das Ziel aller Kenntnisse ist, die sinnlichen +Anschauungen zu deutlichen Begriffen+ zu erheben.

~d~) Das +Gebiet+ des Unterrichts umfaßt 1. die +Zahl+ (Rechnen); 2. die +Form+ (Meßkunst, Zeichnen, Schreiben); 3. die +Sprache+ (Sprachlehre, Gesang). In der Praxis der Schule ist dem Sprachunterricht die erste Stelle einzuräumen. Die Sprache werde durch Sprechen gelehrt, von +grammatischen Regeln+ ist möglichst +abzusehen+. Auch sollen die Sprechübungen immer zugleich Denkübungen sein. Bei dem Gesange ist auf solche Lieder Gewicht zu legen, die das Gemüt erheben und das Herz veredeln. In der Formenlehre knüpft Pestalozzi viele Übungen an das Vorzeigen und Zerlegen von Körpern. Für Schreib- und Zeichenübungen empfiehlt er +Griffel und Schiefertafel+, welche durch ihn allgemein geworden sind. In der Zahlenlehre oder Rechenkunst ist vor allem das Wesen der Zahlen aus und an +sinnlich anschaubaren Dingen+ zu entwickeln (Finger, Erbsen, Stäbchen; Einer- und Bruchtabelle). Das bloße Zifferrechnen ist zu verwerfen, das Kopfrechnen zur Hauptsache zu machen.

Bezüglich der Disziplin war Pestalozzi anfangs der Ansicht, daß man „die Kinder nicht wie Hunde und Katzen“ durch Schläge zur Arbeit antreiben dürfe. Später aber erklärte er: „Wir haben +unrecht+, gegen den Reiz der sinnlichen Begierden von der Kraft leerer Worte alles Heil zu erwarten und zu glauben, den Willen des Kindes +ohne Züchtigung+ durch bloße wörtliche Vorstellungen nach unserem Willen lenken zu können. Wir wähnen, unsere Humanität habe sich zu einer Zartheit erhoben, die uns in keinem Falle mehr erlaube, an das ‚rohe‘ Mittel des Schlagens auch nur zu denken. Aber es ist nicht die Zartheit unserer Humanität, es ist ihre +Schwäche+, die uns leitet. Unsere Liebe ist nicht kraftvoll, ist nicht rein. Wir kennen weder die Folgen der in Liebe züchtigenden Kraft, noch diejenigen der jede Züchtigung scheuenden Schwäche.“

=4. Beurteilung.= +Verdienste+:

~a~) Pestalozzi ist ein hohes Vorbild für jeden Lehrer durch seine unüberwindliche +Liebe+ zu den Kindern und durch seinen freudigen Opfermut.

~b~) Er ist der Herold der +Mutterliebe+ und +Mutterweisheit+.

~c~) Er ist der Urheber des erziehenden Unterrichts sowie der +kraftbildenden Erziehung+ und hat durch seine Forderung, daß alle Unterweisung von der +Anschauung+ ausgehen müsse, den europäischen Schulwagen umgekehrt und in ein anderes Geleise gebracht.

~d~) Er ist der Neubegründer des +Volksschul-Rechenunterrichts+, hat die +Geometrie+ zu einem Elementarfach gemacht, +Zeichnen+ und +Gesang+ in den Lehrplan der Volksschule aufgenommen.

~e~) Er ist ein entschiedener +Feind+ aller +Viel-+ und +Halbwisserei+ und dringt auf eine weise Beschränkung der Lehrgegenstände. (Volkmer.)

+Mangelhaftes+:

~a~) Die Erziehungslehre Pestalozzis steht +nicht+ auf positiv-+christlichem+ Boden.

Schon in „Lienhard und Gertrud“ ist das christliche Element nur schwach betont, in den Pestalozzischen Erziehungsanstalten tritt das +Christentum+ fast ganz +zurück+. Pestalozzi pflegt wie Rousseau und Basedow nur die +Naturreligion+. Auch ihm ist das Kind von Natur aus gut und wird nur in der bösen Welt verdorben. Doch war Pestalozzi selbst von aufrichtig religiösem Gefühl durchdrungen und trat +nicht feindlich+ (wie Rousseau und dessen Apostel) gegen das Christentum auf.

~b~) Pestalozzi war Autodidakt und deshalb nicht frei von den beiden Fehlern aller Autodidakten: +Nichtbeachtung anderer+ und +Überschätzung eigener+ Leistungen. Rühmte er sich doch, in 30 Jahren kein Buch gelesen zu haben.

~c~) Er vernachlässigte die +materielle+ Bildung, indem er die Geisteskräfte an wertlosen Gegenständen übte.

~d~) Die von ihm gesuchte „+objektive+“ Methode des Unterrichts, mit deren Hilfe auch der ganz Ungebildete unterrichten könne, ist ein +unerreichbares Phantasiegebilde+. Pestalozzi schlägt die Eigenart und Geschicklichkeit des Unterrichtenden nicht hoch genug an.

~e~) Er +begrenzt+ durch die Gesichtspunkte „Zahl, Form, Sprache“ die +Unterrichtsfächer+ einseitig und +zu eng+. Die Realien brachte er unter die Rubrik „Sprachlehre“, Religion paßt gar nicht in das Schema.

Außerordentlich vernachlässigte Pestalozzi sein Äußeres, Haar und Schuhwerk waren nicht selten in Unordnung. Um einen Stundenplan kümmerte er sich kaum, schulgerecht wurde bei ihm überhaupt nichts gelernt. Der Mangel an Zucht und Ordnung zeigte sich auch in der Leitung seiner Anstalten. Doch alle diese Mängel wurden weit übertroffen durch seinen eisernen Willen und die sieghafte Kraft seiner nie versagenden Liebe.

II. Schüler Pestalozzis.

=1. Fellenberg= (1774–1844).

1. Philipp Emanuel von Fellenberg aus Bern (kurze Zeit in München-Buchsee praktischer Leiter des Pestalozzischen Instituts) gründete nach Pestalozzis Plane 1804 auf +Hofwyl+ eine Armenschule, die zugleich Arbeitsschule sein sollte. Fellenberg verfuhr durchaus +praktisch+. Das Unternehmen gedieh unter seiner umsichtigen Leitung vortrefflich. Bis 1832 erhielten 400 arme Kinder in Hofwyl unentgeltliche Ausbildung zu Handwerkern oder Landwirten. Fellenberg war +gläubiger Christ+ und bildete auch seine Zöglinge in christlich-religiösem Sinne.