Part 5
=1. Leben.= Valentin Trotzendorf (eigentlich Friedland) wurde 1490 zu Trotzendorf (jetzt Troitschendorf) bei Görlitz als Sohn schlichter Bauersleute geboren. Da sein Vater ihn für ländliche Arbeiten sehr in Anspruch nahm, so konnte er sich nur eine kümmerliche Jugendbildung aneignen, obschon er treffliche Geistesgaben und große Lernbegierde besaß. Die Zeit zum Lernen mußte er sich mühsam heraussuchen; so übte er sich im Schreiben beim Hüten der Kühe, indem er Birkenrinde als Papier benutzte, Schreibfedern aus Rohr sich schnitzte und Tinte aus Ofenruß bereitete. Gern hätte ihn der Vater beim Pfluge behalten, aber es war der dringende Wunsch des Sohnes, eine lateinische Schule besuchen zu dürfen. Diesen Wunsch unterstützte mit ihren Bitten die Mutter und der würdige Pfarrer des Ortes. Nach langem Zögern gab der Vater endlich nach, und so bezog Valentin, bereits 18 Jahre alt und mangelhaft vorgebildet, die lateinische Schule der Franziskaner zu Görlitz, wo er sich bald vor allen anderen Schülern auszeichnete. Vater und Mutter starben bald darauf an der Pest. Valentin verkaufte sein kleines Erbe und begab sich nach Leipzig, um weiter zu studieren. Das Auftreten Luthers veranlaßte ihn, nach Wittenberg zu gehen, wo er zur neuen Lehre übertrat und sich eng an Melanchthon anschloß, der über ihn urteilte, er sei zum +Schulmanne+ geboren wie +Scipio+ zum +Feldherrn+.
Nach Beendigung seiner Studien wurde er Lehrer, dann Rektor der lateinischen Schule zu +Goldberg+, der er 25 Jahre vorstand. Die Anstalt gelangte unter seiner Leitung zu hoher Blüte, denn Trotzendorf war ein ganzer Schulmann. Mit gründlichem Wissen und rastlosem Eifer verband er hervorragende Lehrgaben und ein seltenes Geschick in der Handhabung der Disziplin; sein lauterer Wandel und sein freundlich ernstes Wesen erwarb ihm die unbedingte Achtung und Liebe seiner Schüler. Die Anstalt zählte zuzeiten 1200 Schüler, und bald galt in Schlesien und weit darüber hinaus niemand mehr für einen gelehrten Mann, der nicht wenigstens eine Zeitlang zu Trotzendorfs Füßen gesessen hatte. Die letzten Jahre seines Lebens wurden durch mancherlei schmerzliche Erfahrungen und Unglücksfälle getrübt: zunächst herrschte eine große Hungersnot in Goldberg, dann raffte die Pest viele Menschen dahin, und endlich (1554) brannte die ganze Stadt ab, wobei auch sein Schulgebäude in Flammen aufging. Trotzendorf wanderte nun mit seinen Zöglingen nach +Liegnitz+, richtete sich dort notdürftig ein und betrieb von hier aus den Wiederaufbau seiner Schule. Aber noch ehe sie fertig war, ereilte ihn der Tod, i. J. 1556. Mitten in seiner Lehrtätigkeit wurde er vom Schlage getroffen, gerade als er den 22. Psalm („Der Herr ist mein Hirt“) erklärte und an dem schönen Verse stand: „Ob ich schon wanderte im finstern Tal, so fürchte ich doch keinen Unfall; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab tröstet mich.“ Er sank zurück mit den Worten: „Jetzt, meine Zuhörer, werde ich in eine andere Schule abgerufen“; dann verlor er Bewußtsein und Sprache und entschlief nach einigen Tagen sanft in den Armen eines seiner Schüler. Sein Leichnam wurde in der Johanneskirche in Liegnitz beigesetzt. Trotzendorf ist nie verheiratet gewesen, sein Leben war ganz und völlig der Schule gewidmet. Er hätte, sagt ein Biograph, zur Zeit der Blüte seiner Schule sich irdische Schätze erwerben können, aber er tat Besseres: er gab reichlich den Armen und sammelte himmlische Schätze.
=2. Schriften.= Er verfaßte für die Schule in Goldberg ~a~) eine Christenlehre, „+Katechesis+“, enthaltend die 10 Gebote, Sakramente, Gebet und gute Werke; b) das „+Rosarium+“, eine Sammlung von Bibelsprüchen mit Erklärungen, die jeder Zögling sicher wissen mußte. Im Auftrage des Herzogs (Friedrich II.) entwarf er die „+Goldberger Schulordnung+“, und sieben Jahre nach seinem Tode erschienen „+Die Gesetze der Goldberger Schule+“.
3. Seine Anstalt.
~a~) +Äußere Einrichtung und Schulzucht.+ Die Lateinschule Trotzendorfs war sechsstufig, alle Zöglinge wohnten im Internate, nur junge Leute lutherischen Bekenntnisses wurden aufgenommen. Ziel der Schule war, die Knaben zum Studium der Theologie und Medizin, der Philosophie und Jurisprudenz vorzubereiten. Anfangs war Trotzendorf der einzige Lehrer in seiner Schule; in den oberen Klassen gab er den Unterricht allein, für die jüngeren Schüler bildete er sich aus den älteren Helfer heran. Auf diese Weise bereitete er manchen jungen Mann zum Schulamte vor und versorgte viele Anstalten Schlesiens mit tüchtigen Lehrern. Später wurde er durch mehrere Lehrer in der Schularbeit unterstützt, aber das Helfersystem behielt er dennoch bei.
Auch für die Aufrechthaltung von Zucht und Ordnung in seiner Anstalt zog er die ältesten und würdigsten Schüler heran. Die „Ökonomen“ sorgten für rechtzeitiges Aufstehen und Zubettegehen sowie für Reinhaltung der Stuben und Kleider; die „Ephoren“ für Ordnung bei Tische; die „Quästoren“ für pünktlichen Besuch der Unterrichtsstunden und das häusliche Studium. Der „Senat“, der aus 12 Senatoren und 1 Konsul bestand, stellte die Gerichtsbehörde dar und hatte bei vorkommenden Vergehungen Recht zu sprechen. Trotzendorf war bei den Gerichtsverhandlungen zugegen und wußte ihnen einen ernsten, feierlichen Charakter zu geben. Der angeklagte Schüler mußte sich in lateinischer Rede verteidigen; sprach er gut Latein, so konnte er wohl auf Milderung der Strafe rechnen. Die üblichen Strafen waren: Rute, Fidel, Karzer und Entlassung. Alle Schüler, vom Fürstensohne bis zum Bauernkinde, wurden gleichmäßig bestraft. In den ‚Gesetzen der Goldberger Schule‘ heißt es: „Wer Schüler wird, spielt nicht mehr den Adligen. Die, welche sich solcher Strafen schämen, weil sie adliger Herkunft oder schon älter, mögen darauf bedacht sein, recht zu tun, um nicht in eine solche Strafe zu verfallen, oder mögen unsere Schule verlassen und eine solche Freiheit anderwärts suchen.“ Das vom Schülersenat verhängte Strafurteil wurde von Trotzendorf, dem beständigen Diktator, unnachsichtlich ausgeführt. Trotzendorf verfolgte mit dieser eigenartigen Einrichtung („Schulrepublik“) den Zweck, die Schüler frühzeitig an Ordnung, Gehorsam und Achtung vor Gesetz und Obrigkeit zu gewöhnen. „Diejenigen,“ sagt er, „werden den Gesetzen gemäß regieren, die als Knaben gelernt haben, den Gesetzen zu gehorchen.“
~b~) =Unterricht.= Unter den verschiedenen Unterrichtsgegenständen stellte Trotzendorf die +Religion+ am höchsten. „Der reißt,“ sagt er, „die Sonne vom Himmel, der nimmt dem Jahre den Frühling, welcher die Katechese aus der Schule verbannt;“ und an einer anderen Stelle: „Nehmt mir die Katechese, und ich habe meine allerhöchste Entlassung.“ Nächstdem legte er das größte Gewicht auf den Unterricht in der +lateinischen Sprache+. Latein war die Sprache des Unterrichts und des Umgangs; nie durften die Schüler, weder unter sich noch mit ihren Lehrern, in deutscher Sprache reden.[2] Neben dem Latein fanden auch Griechisch und Hebräisch als Sprachen des Neuen und Alten Testaments aufmerksame Pflege. Auch in der Mathematik, Musik und in den Anfangsgründen der Philosophie wurde unterrichtet. Dagegen waren Natur- und Weltkunde, deutsche Sprache und Literatur in dem Lehrplan der Goldberger Schule nicht enthalten, gymnastische Übungen wurden nur nebenher betrieben, Baden und Eislaufen waren direkt verboten.
Trotzendorf unterrichtete mit Vorliebe in der Form des +Zwiegesprächs+, während die meisten Lehrer damals nur vortrugen und diktierten. Durch fleißigen Gebrauch der +Frage+ sowie durch häufige Verwendung treffender Beispiele wußte er seinen Unterricht so fesselnd zu gestalten, daß seine Schüler mit wirklicher Lust in die Schule gingen und sich seines anregenden Unterrichts noch im Alter mit großer Freude erinnerten. Für den grammatischen Unterricht lautete sein oberster Grundsatz: „Regeln wenig und kurz, Beispiele klar und praktisch, Übung lange und oft.“ Von jedem Schüler forderte er deutliches und fertiges Lesen, eine gleichförmige und gefällige Handschrift, eine laute und reine Sprache.
=2. Ratichius= (1571–1635).
1. Wolfgang Ratke, gnt. +Ratichius+, geboren zu Wilster im Holsteinschen, studierte in Hamburg und Rostock und erteilte später aus Dürftigkeit Unterricht, wodurch er auf eine eigentümliche Lehrweise kam.
Bei der Krönung des Kaisers Matthias legte er dem Reichstage zu Frankfurt a. M. +1612+ eine +Denkschrift+ vor über ~a~) +leichte+ Erlernung fremder Sprachen, ~b~) Einrichtung einer Schule für +alle+ Künste und Wissenschaften, ~c~) Einführung einer einheitlichen Sprache, Regierung und Religion. In dieser Denkschrift bezeichnet Ratichius als naturwidrig die bisherige Praxis der Lateinschulen, welche mit Latein begannen, und als allein naturgemäß die voraufgehende +Aneignung der Muttersprache+.
Später (1616) gewann Ratichius den Fürsten Ludwig von Anhalt-Köthen für seine Pläne und wurde Direktor einer neuen sechsklassigen Probeschule, in welcher die drei unteren Klassen +nur Deutsch+ lernten, und erst die drei oberen +Latein+ und Griechisch betrieben.
Wegen ungenügender Erfolge wurde Ratich indes bald abgesetzt und zur Strafe für seine Großtuerei sogar eingesperrt. Später hatte er auf Empfehlung seiner Schülerin Anna Sophia von Rudolstadt eine Audienz bei dem berühmten schwedischen Kanzler Oxenstjerna, der über ihn das richtige Urteil fällte, „daß er die Gebrechen der Schule nicht übel aufdecke, aber seine Heilmittel seien nicht hinreichend“. 1635 starb Ratich zu Erfurt am Schlage.
Ratichius, „der Charlatan unter den Pädagogen“, ist doch nicht ohne Verdienste. Das größte Verdienst hat er sich unstreitig um unsere +deutsche Sprache+ erworben. Er erhob sie zur Unterrichtssprache und zum Unterrichtsgegenstande der deutschen Schule, während bis dahin Lehrer und Schüler sich nur der lateinischen Sprache beim Unterrichte bedienten und nur das Latein als Unterrichtsgegenstand kannten. Hiermit war ein dreifacher Vorteil gewonnen: 1. der Schüler konnte nun ganz auf die +Sache+ achten, er wurde nicht mehr durch die fremde Sprache an dem Verständnis der Sache gehindert; 2. +jedermann+ konnte sich nunmehr Kenntnisse erwerben, auch dem Bürger und Landmann war der Weg zur Bildung gebahnt; 3. die deutsche Sprachlehre trat in die Reihe der +Wissenschaften+ ein.
2. +Hauptgrundsätze+ Ratichs und seiner Anhänger:
1. +Alles mit vorhergehendem Gebet.+
2. +Alles nach Ordnung und Lauf der Natur.+ Vom Bekannten zum Unbekannten, vom Nahen zum Entfernten, vom Leichten zum Schweren, vom Einfachen zum Zusammengesetzten.
3. +Immer nur eins zu einer Zeit.+ Zurzeit nur ein Lehrfach, nur eine Sprache, nur ein Schriftsteller. Kein neuer Lehrstoff soll vorgelegt werden, ehe der vorhergehende vollkommen angeeignet ist.
4. +Eins oft wiederholen.+ Was der Schüler sich dauernd aneignen soll, das werde durch gründliche Bearbeitung und häufige Wiederholung, nicht durch wörtliches Memorieren eingeprägt. Am allerwenigsten darf das memoriert werden, was noch nicht völlig begriffen ist.
5. +Gleichförmigkeit in allen Dingen.+ Nicht nur in der Sache, sondern auch in den Worten muß der Unterricht sich gleich bleiben. Die Unterrichtsweise muß für alle Unterrichtsgegenstände ein und dieselbe sein, die verschiedenen Lehrbücher müssen gleichmäßig angelegt und gedruckt sein, in der Schule muß stets die gleiche Ordnung herrschen.
6. +Alles Überflüssige ist zu vermeiden.+ Nichts werde gelehrt, was wieder verlernt werden muß, was nicht entweder für den Unterricht oder für das Leben von irgend welchem Nutzen ist. Alles ohne Weitläufigkeit, so kurz und knapp wie möglich!
7. +Alles zuerst in der Muttersprache.+ Dem fremdsprachlichen Unterricht muß der Unterricht in der deutschen Sprache (auch in der deutschen Grammatik) voraufgehen.
8. +Alles ohne Zwang.+ Wenn auch in der Zucht die Rute nicht zu entbehren ist, so soll doch beim Lehren um des Lernens willen nicht gezüchtigt werden. Der Unterricht ist so anziehend wie möglich zu machen. Nach jeder Lektion ist ausreichende Zeit zur Erholung (Spiel) zu gewähren.
9. +Erst ein Ding an ihm selbst, hernach die Weise von dem Dinge.+ Der fremdsprachliche Unterricht soll nicht sofort mit der Grammatik, sondern mit der Lektüre eines Schriftstellers beginnen, an die dann erst nachträglich die grammatischen Belehrungen anzulehnen sind.
10. +Alles durch Erfahrung und stückliche Untersuchung+ („~per inductionem et experimentum omnia~“). Alle Lehren, Regeln usw. sind durch Beispiele zu veranschaulichen und zu erhärten. (Eine Entwicklung der Regel +aus+ dem Beispiele forderte Ratke nicht. Zwar sollte der grammatische Unterricht an die Lektüre angelehnt werden, aber hierbei sollten die Regeln erst gelesen und eingeprägt und dann erst Beispiele aus dem Schriftsteller dazu gesucht werden.)
=3. Comenius= (1592–1670).
=1. Sein Leben.= Der große Pädagoge Johann Amos +Comenius+, der Schul-Patriarch und Mitbegründer einer neuen Unterrichtsepoche, wurde als Sohn eines Müllers zu Niwnic (spr. Niwnitz) in Mähren geboren. Sein gottergebenes Gemüt, sein edles, ganz für die Bildung der Jugend eingesetztes Streben, sein durch tragischen „Lebensgang geläutertes Herz“ erregen hohes Interesse. Schon früh verlor Comenius seine Eltern, wurde von Vormündern erzogen und konnte erst im 16. Jahre die lateinische Schule besuchen. Nach dem religiösen Bekenntnis seiner Eltern gehörte Comenius zu den böhmischen Brüdern (starren Anhängern von Hus), auch +Brüderunität+ genannt. Seine höheren Studien machte Comenius in Herborn (Nassau) unter Alstedius und in Heidelberg. Auf seinen Studienreisen besuchte er Holland und England. Angeregt durch die Denkschrift des Ratichius, faßte er den Plan, den Unterricht aus den herkömmlichen, verknöcherten Formen zu befreien. Von seinen Reisen zurückgekehrt, übernahm Comenius die Leitung der Schule in Prerau (Mähren), wurde geistlich und pastorierte von 1618 an drei glückliche Jahre lang die Gemeinde Fulneck, der er Lehrer, Prediger und Ratgeber war. Nach der Schlacht am Weißen Berge (1620) wurde Fulneck geplündert, Comenius seiner ganzen Habe beraubt und auf der Flucht zuerst in das nordöstliche Böhmen (zu Karl von Zierotin), dann nach Polen verschlagen. In +Polnisch-Lissa+ widmete er sich dem Unterricht der Gymnasialjugend, ging nach England, kehrte auf der Rückreise im Haag (Holland) bei +Ludwig van Geer+ ein, besuchte Schweden und ließ sich endlich in Elbing (damals schwedisch) nieder. Hier wollte er auf Wunsch des Kanzlers Oxenstjerna Schulbücher für Schweden verfassen. 1648 wurde Comenius Bischof der Brüderunität und nahm seinen Wohnsitz zum zweitenmal in +Polnisch-Lissa+. Nach zweijährigem Aufenthalte zog er nach Patak (Ungarn), von seinem Freunde, dem Fürsten Rakoczi, berufen. Hier entwarf er den Plan für eine Musterschule mit sieben einjährigen Klassen. Nur die unteren 3 Klassen konnten wirklich eröffnet werden. 1654 kam Comenius zum drittenmal nach +Polnisch-Lissa+. Zwei Jahre später wurde die Stadt in dem Kriege zwischen Schweden und Polen gänzlich zerstört. Comenius verlor abermals sein Vermögen, namentlich selbstverfaßte wertvolle Bücher und Handschriften, und mußte flüchten. Er klagte selbst, „daß die Frucht vierzigjährigen literarischen Fleißes“ dahin sei. Auf der Flucht kam Comenius nach Schlesien, Hamburg und zuletzt nach +Amsterdam+, wo er bei seinem Freunde +Lorenz van Geer+ im Alter von fast 80 Jahren an der Pest starb. Er wurde in Naarden an der Zuider-See in einem Massengrabe bestattet.
=2. Schriften.= Die wichtigsten sind:
1. Die „Mutterschule“ (~Informatorium maternum~), eine Anweisung zur Erziehung des Kindes während seiner ersten 6 Lebensjahre. (1633 in Lissa erschienen.)
2. „+Die geöffnete Sprachentür+“ (~Janua linguarum reserata~), ein lateinisches Lesebuch mit realistischem Inhalt. Das Wichtigste aus allen Wissensgebieten (Himmelskunde, Menschenkunde, Tierkunde, Pflanzenkunde usw.) ist in 1000 Sätzen zusammengefaßt. Comenius wollte mit diesem Buche ~a~) eine naturgemäßere und +leichtere Erlernung+ des Lateinischen ermöglichen (erst der Stoff, dann die Form; erst die Sprache, dann die Grammatik) und ~b~) durch den Sprachunterricht nützliche +Sachkenntnisse+ vermitteln. Das Buch erregte s. Z. unerhörtes Aufsehen, wurde in kurzer Zeit in 12 europäische und mehrere asiatische Sprachen übersetzt und war nächst der Bibel das am meisten verbreitete Buch. (1631 in Lissa erschienen.)
3. „+Die große Unterrichtslehre+“ (~Didactica magna~), bereits 1627 begonnen, zuerst in böhmischer Sprache abgefaßt, dann lateinisch umgearbeitet, in der uns vorliegenden Gestalt erst 1657 erschienen. Comenius hat in diesem Werke seine pädagogischen Gedanken in systematischer Anordnung entwickelt. Er selbst bezeichnet es als das +Hauptwerk+ seines Lebens.
4. „+Die gemalte Welt+“ (~Orbis pictus~), auch ein lateinisches +Lesebuch+ mit realistischem Inhalt wie die „Sprachentür“, aber mit deutscher Übersetzung und mit +Bildern+ (150 Holzschnitten) versehen. Der Text jedes Lesestücks bildet eine Beschreibung des betreffenden Bildes, die sich genau an das Bild anlehnt. Auch der ~orbis pictus~ fand eine ungeheure Verbreitung. Lange nach Comenius war er ein beliebtes Schul- und Kinderbuch, Goethe und Herder haben sich als Kinder daran ergötzt. (1658 in Nürnberg erschienen.)
=3. Die wichtigsten pädagogischen Gedanken des Comenius.=
1. +Ziel und Aufgabe des Menschen.+ Der Mensch, allein von allen Wesen mit Vernunft begabt, steht höher als alle Dinge dieser Welt und hat deswegen auch ein höheres Ziel. Dies +Ziel+ liegt außerhalb des gegenwärtigen Lebens und ist die +ewige Seligkeit+ in der Gemeinschaft mit Gott. Das gegenwärtige Leben ist deshalb nur eine Vorbereitung auf das ewige Leben. Diese Vorbereitung hat, wie sich aus dem Schöpferworte 1. Moses ergibt, insbesondere drei +Aufgaben+ zu erfüllen. Der Mensch soll sein: 1. ein +vernünftiges+ Geschöpf, 2. ein die anderen Geschöpfe und sich selbst +beherrschendes+ Geschöpf, 3. das +Ebenbild+ und die Freude seines Schöpfers. Danach hat der Mensch zu erstreben: 1. die wissenschaftliche +Bildung+, 2. +Tugend+ oder Sittlichkeit, 3. Religiosität oder +Frömmigkeit+. Alles übrige (Gesundheit, Stärke, Schönheit, Reichtum u. dgl.) ist nur „ein Zusatz und eine äußere Zier des Lebens“ und kann dem Menschen sogar zum Schaden und Verderben gereichen, wenn er nach solchen Dingen begieriger trachtet als nach jenen drei vorzüglichsten Gütern, die allein die wahre Vollkommenheit des Menschen ausmachen.
2. +Möglichkeit und Notwendigkeit der Erziehung.+ Wissenschaftliche Bildung, Tugend und Frömmigkeit sind zwar als +Anlage+ jedem Menschen angeboren, aber zu ihrer normalen Entwicklung bedarf es der Erziehung. Deshalb „muß der Mensch, wenn er zum Menschen werden soll, erzogen und gebildet werden“.
3. +Zeit der Bildung.+ Die geeignetste Zeit für die Bildung des Menschen ist die +Jugend+, denn 1. in der Jugend ist der Mensch am +bildsamsten+, wie jedes Ding am leichtesten zu formen ist, solange es noch zart ist (das Wachs, das Bäumchen). 2. Was der Mensch in der Jugend lernt, +haftet+ am besten. 3. In der Jugend ist der Mensch zu allem anderen (zur Verwaltung des Hauswesens, des Staates usw.) +ungeschickt+ und nur für die Bildung geeignet, woraus erhellt, daß Gott die Zeit der Jugend zur Bildung bestimmt hat. 4. Der Mensch muß frühzeitig zu Gott geführt werden, damit er nicht etwa +unvorbereitet+ aus diesem Leben abberufen werde und somit der ewigen Seligkeit verlustig gehe. 5. Wenn aber auch der Mensch des längsten Lebens sicher wäre, so müßte die Bildung dennoch frühzeitig beginnen, weil das Leben nicht mit Lernen, sondern mit +Handeln+ hingehen soll.
4. +Faktoren der Bildung.+ Die Sorge für die Erziehung der Kinder ist eigentlich Sache der Eltern. In diesem Sinne redet Comenius von einer +Mutterschule+ (1.–6. Lebensjahr). Auch weiterhin bleibt zwar das Elternhaus die wichtigste Erziehungsstätte; da aber zu einem ausreichenden Unterricht die Eltern in den seltensten Fällen Zeit und Fähigkeit besitzen, müssen die Kinder vom 6. Lebensjahre ab besonderen Schulen übergeben werden, zunächst der +Volksschule+ (‚Schule der Muttersprache‘). Eine solche ist für alle Kinder vom 6.–12. Lebensjahre in jeder Gemeinde, jedem Flecken und Dorfe einzurichten. An diese schließt sich dann für die Kinder, die sich eine höhere Bildung aneignen sollen, die +Lateinschule+ (12.–18. Lebensjahr; in jeder Stadt) und an diese die +Universität+ (18.–24. Lebensjahr; in jedem Staate bezw. jeder größeren Provinz).
5. +Bildung der gesamten Jugend.+ Alle Kinder, ohne Unterschied des Standes und Geschlechts, sollen, ehe sie höheren Studien (auf dem Gymnasium und der Universität) oder einem praktischen Lebensberufe sich widmen, ein und dieselbe grundlegende Bildung in der Volksschule erhalten; denn 1. setzt jedes höhere +Studium+ und jede Fachbildung eine allgemein menschliche Bildung voraus, wie sie eben in der Volksschule gegeben werden soll; 2. läßt sich bei dem sechsjährigen Kinde noch +nicht+ bestimmen, für welchen Beruf es geeignet ist; 3. ist ein erfolgreiches Studium fremder +Sprachen+ (auf Gymnasium und Universität) an die Bedingung einer vorhergehenden Ausbildung in der Muttersprache geknüpft, und 4. wird der +Selbstüberhebung+ (vornehmer Kinder) in heilsamer Weise vorgebeugt, wenn alle Kinder ohne Unterschied des Standes und des künftigen Berufes gemeinsam unterrichtet werden.
6. +Maß der Bildung.+ Der Unterricht in den Volksschulen (wie in allen Schulen) soll ein möglichst umfassender und allseitiger sein. „In den Schulen soll allen alles gelehrt werden. Dies ist jedoch nicht so zu verstehen, als ob von allen die Kenntnis aller Wissenschaften und Künste verlangt werde. Aber daß alle den +Grund+ und den Zweck +von allem Hauptsächlichen+ zu merken gelehrt werden, und daß in dieser Welt nichts ist, über das sie nicht ein bescheidenes Urteil abgeben und das sie nicht vorteilhaft gebrauchen könnten, dafür muß man sorgen und das muß auch geleistet werden. Nicht aus jedem Holze läßt sich ein Merkur schnitzen, aber aus jedem Menschen ein Mensch.“ Die Volksschule ist in +sechs+ Klassen einzuteilen und der Lehrstoff in konzentrischer Anordnung auf sechs Jahreskurse zu verteilen. Dem Unterricht werden täglich +vier+ Stunden gewidmet, zwei des Vormittags und zwei des Nachmittags.
7. +Lehrziele der Volksschule.+ Im einzelnen sind die Lehrziele der Volksschule folgende. Die Kinder sollen 1. alles in der Muttersprache Gedruckte oder Geschriebene geläufig +lesen+ können; 2. zunächst schön, sodann schnell, endlich sprachrichtig +schreiben+, den Gesetzen der Grammatik der Muttersprache gemäß; 3. Tafel- und +Kopfrechnen+ für den Bedarf des Lebens lernen; 4. kunstgemäß, auf welche Weise es auch sei, Längen, Breiten, Entfernungen usw. +messen+; 5. alle gebräuchlichen Melodien +singen+ können und die geschickteren auch mit dem Singen nach Noten bekannt gemacht werden; 6. die Psalmen und geistlichen Lieder, welche in der Kirche eines jeden Orts in Gebrauch sind, meistenteils sämtlich +auswendig+ wissen; 7. außer dem +Katechismus+ die Geschichten und vorzüglichsten Aussprüche der +Hl. Schrift+ aufs genaueste wissen und hersagen können; 8. die in Regeln gefaßte und mit Beispielen nach der Fassungskraft des Lebensalters erläuterte +Sittenlehre+ innehaben, verstehen und in der Tat zu üben beginnen; 9. von den +Zuständen+ im Hause und Staate so viel kennen lernen, als zum Verständnisse desjenigen, was sie täglich im Hause und im Staate vorgehen sehen, ausreichend ist; 10. eine ganz allgemein gehaltene +Geschichte+ der Gründung, Verderbnis, Wiederherstellung der bisher durch die Weisheit Gottes verwalteten Welt sich zu eigen machen; 11. dazu die Hauptpunkte aus der +Weltkunde+ lernen, von der kugelförmigen Gestalt der in der Mitte des Himmels hängenden Erde, von den mannigfachen Krümmungen der Meere und Flüsse, den größeren Erdteilen, den vorzüglichsten Reichen Europas; insbesondere aber die Städte, Berge, Flüsse und sonstigen Merkwürdigkeiten ihres Vaterlandes; 12. endlich sollen sie so ziemlich mit allen allgemeineren +Handfertigkeitskunstgriffen+ bekannt werden.
8. +Erziehung zur Tugend und Frömmigkeit.+ In den Schulen sollen die Kinder aber nicht bloß in den Wissenschaften unterwiesen, sondern auch zur Tugend und Frömmigkeit geführt werden. „+Unselig+ ist die Bildung, welche nicht in die Sitten und Frömmigkeit übergeht! denn was ist wissenschaftliche Bildung ohne gute Sitten? Wer fortschreitet in den Wissenschaften und rückschreitet in den Sitten, der schreitet mehr +rückwärts+ als vorwärts. Wie Edelsteine nicht in Blei, sondern in Gold gefaßt werden und beides glänzender strahlt, so muß die Wissenschaft nicht mit +Zügellosigkeit+, sondern mit der Tugend gepaart werden, und so vermehrt die eine der anderen Zier. Wo aber zu beiden die wahre Frömmigkeit hinzukommt, da wird die Vollkommenheit erfüllt. Die Furcht des Herrn, wie sie der Anfang der Weisheit ist, so ist sie auch der Gipfel und die Krone der Weisheit, weil die Fülle der Weisheit ist, den Herrn fürchten.“
9. +Lehrverfahren.+ Soll der Unterricht den ihm gestellten Aufgaben gerecht werden, so muß das planlose und mechanische Lehrverfahren aufgegeben und muß der Unterricht zu einer Kunst erhoben werden, welche wie jede andere Kunst nach einer bestimmten +Methode+ verfährt. „Die rechte Methode aber besteht hier wie in jeder Kunst in nichts anderem als in der Nachahmung der +Natur+, wie auch Cicero sagt: ‚Wenn wir der Leitung der Natur folgen wollen, werden wir niemals irre gehen.‘“ Comenius versucht nun in seiner ‚Großen Unterrichtslehre‘ eine +naturgemäße+ Unterrichtsmethode aufzustellen. Zu dem Zwecke sucht er zunächst die Gesetze auf, nach welchen die uns umgebende Natur in ihrem Schaffen und Bilden verfährt; dann weist er nach, wie diese Naturgesetze in anderen Künsten (z. B. Malerei, Baukunst, Gärtnerkunst) bereits mannigfache Nachahmung und Anwendung gefunden haben; schließlich zeigt er, wie jene Gesetze nun auch in dem Unterrichte zur Geltung zu bringen sind. Die hauptsächlichsten Grundsätze, zu denen Comenius auf dem bezeichneten Wege gelangt, sind folgende:
~a.~ Die Natur achtet auf die passende +Zeit+.
So soll auch für den Unterricht stets die geeignete Zeit gewählt werden. Deshalb soll 1. in der +Kindheit+ als dem Frühlinge des Lebens die Bildung beginnen; 2. hauptsächlich die +Morgenzeit+ für die Studien benutzt und 3. der Unterrichtsstoff in einer +Reihenfolge+ angeordnet werden, die der allmählich fortschreitenden Entwicklung des Kindes entspricht.
~b.~ Die Natur schafft erst den +Stoff+ herbei, ehe sie sich anschickt, ihm eine Form zu geben.
So soll auch im Unterricht dem ‚Wie‘ allemal das ‚Was‘, dem Formalen das Sachliche voraufgeschickt werden. Erst Dinge, dann Worte; erst Sachkenntnisse, dann Sprachstudien; erst Beispiele, dann Regeln. Alle für den unterrichtlichen Gebrauch erforderlichen Gegenstände (Bücher, Bilder, Tafel, Schreibzeug u. dgl.) sind vor Beginn des Unterrichts herbeizuschaffen und in Bereitschaft zu halten, damit während desselben keine Störungen eintreten.
~c.~ Die Natur richtet den Stoff im voraus so ein, daß er für die Form +empfänglich+ wird.