Chapter 1 of 14 · 3995 words · ~20 min read

Part 1

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Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.

Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; gesperrte so: ~gesperrt~

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Emil Ertl

Der Berg der Läuterung

Der Berg der Läuterung

von

Emil Ertl

[Illustration]

L. Staackmann Verlag / Leipzig 1922

Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten

+Für Amerika: Copyright 1922 by L. Staackmann, Leipzig+

Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.

Der Hölle Greu'l entflohn, will ich nun singen Vom steilen Berg, wo sich die Seelen läutern Und würdig werden, sich zum Licht zu schwingen....

... Gebeugten Rückens sah ich sie da stehen, Erdrückt halb von der Last, unmenschlich schwer, Und der Geduldigste sogar -- zu flehen Schien weinend er: Ach Gott, ich kann nicht mehr!

~Dante~, Purgatorio.

Inhalt

Seite

1. Die Sofapuppe 9

2. Das Rotkehlchen 33

3. Die Sphinx 115

4. Der Mieter 187

5. Die Zobelkinder 255

Die Sofapuppe

Die alte würdige Kammerfrau hatte eben die letzte Hand an die Abendtoilette ihrer jugendlichen Herrin gelegt, mit erfahrenen Fingern nestelte sie noch am kostbaren Pelzbesatz der Dekolletage und war gerade damit fertig geworden, als das Telephon klingelte.

»Bitte, wollen Sie gefälligst nachsehen?« befahl die Dame.

Während die treue Dienerin sich entfernte, kramte die schöne junge Frau in dem Schmuckkästchen, das auf dem Stellfach der Psyche stand, trat vor den Spiegel und legte sich eine prachtvolle Diamantenrivière um den schlanken Hals, indem sie die herrlich geformten Arme zurückbog und die Schließe einschnappen ließ. Die großen Solitärs des geschmackvollen Schmuckstückes blitzten wie lebendiges Feuer um ihren blendend weißen Hals und sprühten tausend farbige Funken bei jedem Atemzug der tadellosen Büste. Ein befriedigtes Lächeln spielte um ihre sonst ernst verschlossenen Lippen, erwartungsvoll wendete sie sich der wiedereintretenden Zofe entgegen.

»Kommt mein Mann mich abholen?«

»Der gnädige Herr läßt sich entschuldigen, er muß noch zu einer Sitzung fahren, die er gänzlich vergessen hatte, und hierauf noch einmal in sein Bureau zurückkehren, aber nur für ein paar Minuten. Er bittet die gnädige Frau, ihn dort abzuholen, in etwa einer halben Stunde wird er das Auto herschicken.«

»Dann hätte ich mich nicht so zu beeilen brauchen,« sagte die Dame verstimmt.

Mit einer müden Geste trat sie ans Sofa und ließ sich sichtlich übelgelaunt in die Kissen gleiten.

»Nichts ist lästiger, als wenn man in großer Toilette so dasitzen und warten soll,« sagte sie, die Lippen aufwerfend. »Überhaupt die leidigen Gesellschaften, Abend für Abend! Sie sind im Dienste meiner verewigten Eltern grau geworden und kennen mich lange genug, um zu begreifen, wie lästig mir das ist! Am liebsten kleidete ich mich wieder um und bliebe daheim.«

»Das würde der gnädige Herr sehr übel nehmen,« erlaubte sich die alte Zofe zu bemerken. »Gerade heute, am Verlobungstag ...«

»Ja, eben, gerade heute!« flammte die junge Frau auf, während Röte in ihre Wangen stieg. »Wie gern hätte ich gerade diesen Abend zu Hause und mit ihm allein verbracht! Bekam ich in den bald vier Jahren, die wir verheiratet sind, ihn überhaupt zu sehen außer in Gesellschaft? Diesen einen Abend, am Jahrestag unserer Verlobung, hätte er mir wohl widmen können! Aber da ist wieder einmal so ein hohes Tier aufgetaucht, eine einflußreiche Persönlichkeit, der ich den Hof machen soll, damit er geschäftlichen Nutzen daraus zieht. Finden Sie das nicht unwürdig? Übrigens wird er mich mit solchen Zumutungen ein nächstes Mal voraussichtlich verschonen, ich hab' mir schon vorgenommen, so unliebenswürdig wie möglich zu sein.«

»Das wird der gnädigen Frau schwerlich gelingen,« sagte die weißhaarige Dienerin mit einem nachsichtigen mütterlichen Lächeln. »Wenn man an Jugend, Schönheit und Glanz der Toilette alle anderen Damen überstrahlt, so wäre es eine wahre Kunst, nicht auch an Liebenswürdigkeit die Königin des Abends zu sein.«

Da keine Antwort erfolgte, fragte sie nach einer kleinen Pause: »Befehlen gnädige Frau sonst etwas?« und verließ, als die Frage verneint wurde, fast unhörbar das Gemach.

Allein geblieben und sich langweilend, verfiel die schöne junge Dame darauf, das Feuerwerk der glitzernden Diamanten zu beobachten, das der gegenüber befindliche Spiegel zurückwarf. Sie wiegte sich leise in den Hüften, die Facetten der Steine in allen Farben spielen zu lassen, hob die Hände hoch, scheinbar an der Coiffüre noch etwas zu ordnen, und ergötzte sich daran, wie die bunten Blitze, die an ihren schmalen Fingern und Handgelenken aufleuchteten, mit dem Flimmern des Brillantenkolliers wetteiferten, das ihren Hals schmückte und einen Sprühregen feuriger Funken auf die volle weiße Brust niedertropfen ließ. Aber schließlich wurde sie dieser nichtigen Beschäftigung überdrüssig und lehnte sich mit einem leisen Gähnen in die Sofaecke zurück. Ein Seufzer stahl sich über ihre Lippen ... Plötzlich fiel ihr Blick auf die Puppe, die in der anderen Sofaecke saß und sie unverwandt anglotzte.

In welch wunderlicher Gesellschaft befand sie sich da! Was war das für ein gespenstisches Ding, dies snobistische Spielzeug für die müßigen Launen Erwachsener, mit dem ihr Mann sie beglückt hatte? Aus einem der feinsten Luxusgeschäfte in der Kärntnerstraße hatte er es heute morgen als Überraschung zum Verlobungstag an sie schicken lassen, er liebte es, das Geld zum Fenster hinauszuwerfen. Zum erstenmal kam sie jetzt dazu, die Puppe etwas genauer ins Auge zu fassen. Sie konnte nicht umhin, den erlesenen Geschmack zu bewundern, mit dem sie gearbeitet war, die geistreiche Kunstfertigkeit, die dem kleinen Popanz etwas wie menschliche Eigenart, eine geheimnisvolle Absonderlichkeit einzuhauchen gewußt hatte.

Es war eine Japanerin in silberdurchwirktem Seidenkimono, Saffianpantöffelchen an den Füßen, das pechschwarze Haar zu einem kunstvollen Bau getürmt und von silbernen Gestecken zusammengehalten. Dem Gesicht, das ursprünglich vielleicht nichts weiter als ein Polster aus gelblichem Filz gewesen war, hatte künstlerische Pinsel- und Nadelmalerei so eigenartig individuelle Züge verliehen, daß man die kleine Dame, wenn man sie nur einmal gesehen, schon persönlich zu kennen glaubte. Denn sie war ein Wesen für sich, kein gleichgültiger Abklatsch, etwas wie ein lebendiger Mensch und wie ein solcher nur ein einziges Mal auf der Welt vorhanden, mit keinem anderen zu verwechseln. Ganz besonders die Augen, aus denen ein Paar glänzend schwarzer Perlen ernst und fast zürnend herausstachen, schienen wie von einem Ausdruck menschlicher Leidenschaftlichkeit beseelt.

Die schöne junge Frau, die diese Augen unverwandt und beharrlich auf sich gerichtet sah, fing an, sich einigermaßen zu beunruhigen. Es war, als kröche ihr irgend etwas Unheimliches den Nacken herauf.

»Was siehst du mich so sonderbar an?« fragte sie plötzlich.

Sie sagte es ganz laut und fuhr unwillkürlich zusammen, über den Ton ihrer eigenen Stimme erschreckend. Aber sogleich kehrte ihre Besonnenheit zurück, und indem sie sich nach der anderen Sofaecke hinüberneigte, in der die Puppe stumm und unbeweglich saß, mit Augen, in denen etwas wie ein feuchter Schimmer zu glänzen schien, sagte sie begütigend und beinahe zärtlich, wie man zu einem greinenden Kinde spricht: »Du füllst deinen Platz schlecht aus! Bist du nicht auf der Welt, um Vergnügen zu bereiten? Warum blickst du so trübselig drein? So lächle doch nur ein ganz klein wenig! Unterhalte mich! Vertreib' mir die Zeit!«

Sie hatte sich so weit vorgebeugt, daß sie die Puppe ganz aus der Nähe sehen konnte. Jetzt schrak sie jäh empor und zog sich starr vor Entsetzen in ihre Sofaecke zurück, die Puppe hatte einen tiefen, herzbewegenden Seufzer ausgestoßen.

»Mir ist das Weinen näher als das Lachen,« sagte die Puppe ganz deutlich.

Betreten und scheu wagte die schöne junge Dame kaum mehr nach ihr hinüberzusehen, ihre Lippen bewegten sich und stammelten stumme Worte ... Endlich brachte sie wie einen Hauch die Frage hervor: »Weshalb? Erklär' es mir! Weshalb?«

Aber die Puppe schwieg. Die junge Frau überlegte. Sie hatte sich wieder gefaßt und dachte nach. Da kam ihr ein Gedanke.

»Wer hat dich in die Welt gesetzt?« fragte sie.

Und da die Puppe noch immer keine Antwort gab, fuhr sie fort: »Du siehst wie eine hochelegante kleine Dame aus, hast aber vielleicht nicht immer so gute und sorgenfreie Tage gesehen, wie ich sie dir in meinem Hause bieten kann. Ich weiß, der Krieg hat viel Elend und Kummer über die Menschen gebracht und der Friede noch nicht viel daran gebessert. Mancher, der stolz und reich war, ist arm und haltlos geworden, und es gibt Damen, die der besten Gesellschaft angehörten, in glänzenden Verhältnissen lebten wie ich, und nun, der Not ins Auge blickend, sich mit ihrer Hände Arbeit kümmerlich fortbringen. Der Geschmack, der deine äußere Erscheinung auszeichnet, läßt mich vermuten, daß auch du dein Dasein einer solchen Unglücklichen verdankst, die, in einem Milieu der Kultur und des Überflusses aufgewachsen, nun plötzlich +vis-à-vis de rien+ steht. Im ungeheizten Stübchen, frierend und zähneklappernd, beim Schein des Öllämpchens, das sie mit ihren Entbehrungen speist, kramt sie vielleicht die teuersten Andenken ihrer Jugend, die letzten Überbleibsel ihres Wohlstandes zusammen, um durch Herstellung solch überflüssiger Dinger, wie du eins bist, die Kauflust der Geldverdiener zu reizen und sich noch eine Zeitlang über Wasser zu halten. Und nun, da du mich so vor dir sahst, schön, glänzend, reich und glücklich, da kam dir wohl die Erinnerung an jene andere, aus deren Händen du hervorgegangen bist, und an die du noch immer eine gewisse Anhänglichkeit bewahrst, und die abgrundtiefen Gegensätze, die das heutige Leben zwischen den Menschen und ihren Schicksalen aufreißt, preßten dir das Herz zusammen und machten dich traurig. Ist es so, wie ich sage? Habe ich recht geraten? Gesteh's mir! Sprich!«

Aber die Puppe rührte sich nicht. Stumm und steif saß sie da, die dunkel glänzenden Perlen der Augen in die gegenüberliegende Sofaecke gebohrt, und schwieg. Es war kein Ton mehr aus ihr herauszulocken.

Die junge Frau hatte sich erhoben, unruhig hastete sie auf dem weichen Teppich auf und nieder und krampfte nachsinnend die Hände ineinander. Alles in ihr war aufgewühlt. Sie fühlte das Bedürfnis nach einer guten Tat, sie suchte nach einer Gelegenheit hierzu, sie wollte Not lindern helfen, heute, an ihrem Verlobungstag. Von der Straße herauf gab die Hupe des Chauffeurs das Zeichen, daß das Auto eingetroffen sei, sie abzuholen. Da trat sie entschlossen an die Toilette und drückte auf den Klingelknopf. Die Zofe erschien. Sie nannte ihr das Geschäft in der Kärntnerstraße, wo die Sofapuppe herstammte, und befahl:

»Läuten Sie sofort an, möglich, daß schon geschlossen ist, vielleicht haben sie aber doch noch offen. Ich ließe fragen, wo die reizenden Puppen hergestellt werden, von denen mein Mann heute eine gekauft hat.«

In Eile legte sie sich selbst den Pelzmantel um die Schultern und suchte mit zitternden Händen alles Geld zusammen, das sich in ihrem Schreibbureau finden ließ. Die alte Dienerin, die inzwischen die gewünschte Auskunft erhalten hatte, begleitete sie die teppichbelegte Treppe hinunter und öffnete die Haustür. Noch einmal, zwischen Tür und Angel, ließ die Dame sich die Adresse wiederholen: »Frau Hauptmann Larisch, Rudolfgasse 36!«

»Rudolfgasse 36!« rief sie dem Chauffeur zu, während er ihr in die Limousine half.

Der Wagen sauste davon. Die Straßenlaternen flogen in langen Zeilen an den Fenstern vorüber. Ihr Mann würde wohl ungehalten sein, in die Gesellschaft kamen sie sicher zu spät. Aber was tat's? Mochte er sich in Geduld fassen! Wie oft hatte er schon auf sich warten lassen! Beruht nicht jede Ehe auf Gegenseitigkeit? ...

Das Haus Rudolfgasse 36 war ein verlotterter alter Kasten mit stockdunklem Flur. Fast unter Lebensgefahr tastete sie sich eine finstere Kellertreppe hinunter, die Hausmeisterwohnung zu suchen. Ob Frau Hauptmann Larisch hier wohne? Jawohl, die wohnte hier, dritte Stiege, vierter Stock, Tür Nummer 42. Mit Müh' und Not erreichte sie über einen holperigen Hof hinweg endlich ihr Ziel und zog an einer Klingel. Eine Frau, von der sie im herrschenden Zwielicht nur die Umrisse wahrnehmen konnte, öffnete und fragte nach ihrem Begehr.

»Ist Frau Hauptmann Larisch zu sprechen?«

»Bitte einzutreten.«

In einer niedrigen Stube, die anscheinend als Werkstatt diente, kochte eine Suppe oder dergleichen auf dem eisernen Öfchen. Auf dem Tische lagen unter einer dürftigen, trübe brennenden Hängelampe Farbentuben, Pinsel und allerhand Nähzugehör durcheinander, Puppenperücken, winzige Lederschühchen, ein ganzer Berg, und Stoffreste, teilweise bereits zugeschnitten. Auch von dem blauen silberdurchwirkten Seidenbrokat, aus dem der Kimono der Sofapuppe geschneidert war, stand ein Kleidchen schon fertig da, aber noch ohne Körper.

»Womit kann ich dienen?« fragte die ebenfalls noch blutjunge, dürftig aber sauber gekleidete Frau, die die Eingangstür geöffnet hatte.

»Ach so, Sie sind selbst --? Sie machen die reizenden Puppen, nicht wahr --?«

In diesem Augenblick stockte sie und trat einen Schritt zurück. Sie hatte diese Frau Larisch erst jetzt schärfer ins Auge gefaßt und geriet außer Fassung.

»Berta!« rief sie entsetzt. »Seh' ich recht? Oder täusche ich mich --?«

»Nein, Aimée, du täuschest dich nicht,« sagte die andere ruhig. »Es ist lange her, daß wir uns zum letztenmal gesehen haben.«

»Nur allzulange! Bald hätt' ich dich nicht wiedererkannt, du trägst einen Schüttelkopf --? Steht dir übrigens gut! Aber wo ist dein herrliches, langes schwarzes Haar hingekommen?«

Frau Larisch lachte. »Ja, denke, das hab' ich auf Perücken für meine Puppen verarbeiten lassen. Hilf, was helfen kann! ... Die prahlen nun damit, und für mich ist's bequemer so.«

Die elegante junge Frau schlug die Hände zusammen: »Nein! Wie man sich ~dazu~ entschließen kann --! Unser Haar, das gehört doch so zu uns, mir wär's, als würde ein Teil von mir gemordet!«

»Nun, gerade zum Vergnügen tut man's auch nicht ... Wie hast du mich übrigens aufgefunden? Kann ich dir mit etwas dienen?«

»Nein, nein, im Gegenteil, ich wollte ... es kam mir plötzlich so in den Sinn ...« Frau Aimée stockte und wurde verlegen. »Du hast es verstanden,« sagte sie mit leisem Vorwurf, »eine wahre Nebelschicht um dich zu verbreiten. Ich wußte ja nicht einmal, daß du verheiratet bist.«

»Es war eine Kriegstrauung, wir machten nicht viel Aufhebens davon.«

»Dein Mann ist -- Offizier?«

»Er ist gefallen ... Willst du nicht Platz nehmen? Du entschuldigst, wenn ich weiter arbeite. Ich muß jede Minute ausnützen, bis in die Nacht hinein.«

Die Puppenschneiderin paßte zwei zugeschnittene Zeugstücke aneinander und ließ die Nadel fliegen, indes Aimée sich am Arbeitstisch auf einen wackeligen Stuhl gesetzt hatte. Sie war verwirrt und betreten. Dieser tapferen Frau gegenüber, die im Institut ihre beste Freundin gewesen, ließ sich nicht leicht die Wohltäterin spielen, hier tat größtes Zartgefühl not, um so mehr, als sie später gewisser Umstände halber sich einander entfremdet hatten.

»Ich muß dich schelten, Berta,« nahm sie mit etwas gepreßter Brust das Gespräch wieder auf. »Warum hast du all die Jahre her nichts mehr von dir hören lassen?«

»Du lieber Himmel, wer hatte in der Zeit nicht mit sich selbst genug zu tun!« antwortete Frau Larisch, emsig arbeitend. Und aufrichtig setzte sie hinzu: »Übrigens bestand doch auch nicht mehr dasselbe herzliche Einvernehmen zwischen uns wie einst. Dein Mann hatte uns beiden in gleicher Weise den Hof gemacht, das fördert selten die Freundschaft zwischen jungen Mädchen.«

Sie setzte einen Augenblick mit Nähen aus, hob den Kopf und lächelte.

»Ich erinnere mich noch der großen Bälle, wo wir für Rivalinnen galten. Besonders an ein Kostümfest im Hotel Métropole -- du entsinnst dich wohl auch noch daran? Ich trug ein Kleid aus diesem herrlichen Silberbrokat,« sie strich mit der Hand über das fertige Gewändchen, das steif auf dem Tisch stand, und lachte jetzt aus vollem Herzen. »Das wird nun alles auf Kimonos verschneidert,« sagte sie, »so machen sich die Reliquien nützlich.« Und wieder ernster geworden und ihre Arbeit wieder aufnehmend, fuhr sie fort: »Wie gut, daß mein Vater damals in der Lage war, mir so kostbare Stoffe zu spendieren! Ja, an jenem Abend war ich fast etwas wie eine Art Ballkönigin. Dein Mann hatte mich in so auffallender Weise bevorzugt, daß alle Tanten bereits die Köpfe zusammensteckten.«

»Bist du ihm noch böse?« fragte Aimée mit übertriebenem Mitgefühl, das eine gewisse Genugtuung nur schlecht verhüllte.

»Was dir einfällt! Nein, böse war ich ihm niemals, bei Gott! Und später bin ich ihm sogar von Herzen dankbar gewesen.«

Frau Aimée stutzte: »Dankbar? Wieso dankbar?«

»Ganz einfach. Wäre seine Wahl damals auf mich gefallen, statt auf dich -- wer weiß, hätte ich schließlich nicht doch ja gesagt. Denn damals wußte ich noch nicht, was Liebe ist. Das wußte ich erst, als ich meinen verstorbenen Mann kennen lernte.«

»Ihr habt euch sehr geliebt?« sagte Aimée oberflächlich teilnehmend.

»Ich liebe ihn noch. Und daß er mich liebte, bewies er am deutlichsten dadurch, daß er mich zur Frau nahm, trotzdem mein armer Vater -- du weißt ja wohl?«

»Nein, nein, ich weiß von nichts! Erzähle! Lebt dein Vater noch?«

»Er ist einem Schlaganfall erlegen, bald nach dem großen Unglück. Durch eine Konjunktur, die der Krieg mit sich brachte, hatte er nämlich sein, wie du dich wohl erinnerst, ziemlich bedeutendes Vermögen verloren.«

»Arme Berta!« rief Aimée, nun von aufrichtigem Mitleid überströmend. »Und so mußt du nun ganz allein ... und gänzlich verarmt, ohne Mittel ...«

»O, es ist nicht so schlimm,« sagte Frau Larisch; »ich verdiene gut, wir kommen durch ... Und -- allein? O nein, ich bin nicht allein.« Abermals lächelnd, blickte sie auf und deutete nach der Stubentür knapp am Öfchen. »Da nebenan schläft ein herziger Junge, drei Jahre alt, ein süßer Bengel. Du hast wohl auch so was Kleines? Nein --? Wie schade! Das ist doch erst das Wahre, damit fängt für eine Frau das richtige Leben überhaupt erst an ... Der Junge ist meine ganze Freude, und so bin ich, siehst du, durchaus nicht allein. Auch weilen ja die lieben Verstorbenen noch immer um mich, der arme Vater, mein guter Mann. Ihn lernte ich gerade damals kennen, als die Firma zusammengebrochen war. Und darum weiß ich auch ganz bestimmt, daß er mich wirklich und wahrhaftig liebte, nur um meiner selbst willen. Denn ich hatte aufgehört, eine gute Partie zu sein, was ich ja in der Zeit, wo ich im Ballsaal umworben wurde, noch gewesen war. Und so eine richtige Liebe, noch übers Grab hinaus, ist doch kein leerer Wahn und ein wahrer Trost ... Dies alles, siehst du, verleiht mir die Kraft, die innere Sicherheit und Ruhe, die mir jetzt so nottut. Ich bin nicht so bedauernswert, wie es den Anschein hat, ich tausche mit niemand. Verstehst du mich, Aimée?«

Frau Aimée schwieg und biß die Lippe. Sie wußte nicht mehr, wozu sie eigentlich gekommen sei. Um einer anderen zu helfen? War sie nicht hilfsbedürftiger als jene? Ein böser Argwohn, giftig wie eine Schlange und schon früher gelegentlich erwacht, aber immer wieder eingelullt, hatte sich heimlich an ihr Herz geschlichen, umschnürte es nun plötzlich und nagte daran.

»Um welche Zeit war es doch,« fragte sie starr und gespannt, »daß deinen Vater das geschäftliche Unglück traf?«

»Vor wenigen Tagen sind es gerade vier Jahre gewesen,« antwortete Frau Larisch unbefangen.

Die elegante junge Frau erblaßte. Vier Jahre? Ausgerechnet vier Jahre, gerade vor wenigen Tagen? Und genau heute vor vier Jahren hatte Harry um sie angehalten! Sollte zwischen diesen beiden Tatsachen nicht ein gewisser Zusammenhang bestehen? War es denn nicht einigermaßen zweifelhaft, ob Harry heute vor vier Jahren gerade um sie, Aimée, angehalten haben würde, wenn Berta damals noch eine gute Partie gewesen wäre? Sprach nicht vielmehr eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, daß in Harrys Schwanken zwischen ihr und Berta lediglich die großen Gewinne den Ausschlag zu ihren eigenen Gunsten gegeben hatten, die ihr Vater ebenso unerwartet aus dem Kriege gezogen, wie Bertas Vater durch den Krieg ruiniert worden war? Wieviel hatte sie sich damals darauf zugute getan, über Berta triumphiert zu haben! Und nun wurde sie sich zu ihrer tiefsten Beschämung und Empörung plötzlich dessen bewußt, daß sicherlich nicht ihre Schönheit und sonstigen Vorzüge allein es gewesen waren, die ihrer Wagschale das entscheidende Gewicht verliehen hatten. Sie richtete sich steil auf, erhob sich und schwankte, eine unbekannte Schwäche wandelte sie an, mechanisch griff sie nach der Lehne des Stuhles, sich festzuhalten ...

Erschrocken war Frau Larisch aufgesprungen, sie zu stützen. »Aimée, was ist dir?«

»Nichts, gar nichts! Nur etwas schwül -- hier in der Nähe des Ofens. Nun ist's wieder vorbei. Ich wollte meinen Pelz nicht ablegen, mein Aufzug paßt nicht in diese trauliche Umgebung der Arbeit. Muß auch gleich wieder fort. Darf ich deinen Jungen sehen?«

Mit der Weisheit des Herzens, die der bittere Ernst des Lebens ausbildet, ahnte Berta, was in der Seele der Freundin vorging. Aber sie fühlte auch, daß Worte hier nichts bessern konnten. Sie begnügte sich deshalb damit, sie in die Arme zu schließen und wie in jungen Mädchenjahren zu liebkosen, indem sie sagte: »Du hast es ein wenig mit den Nerven, Kind! Vermutlich überanstrengst du dich mit gesellschaftlichen Verpflichtungen, die doch keine rechte Befriedigung gewähren. Solltest dir lieber auch so einen kleinen Jungen anschaffen -- ich will schnell einen Leuchter holen, ihn dir zu zeigen.«

Sie ging in den winzigen Vorflur hinaus, da schoß Aimée der Gedanke durch den Kopf, ob sie der großmütigen Absicht, die sie hergeführt, nicht doch irgendwie entsprechen könne. War Berta auch zu stolz, einzugestehen, daß sie mit der Not kämpfte, so bewies die Umgebung, in der sie hauste, doch das Gegenteil. Und diesen albernen Stolz zu beugen, der die Vorteile und die vielfältige Überlegenheit des Reichtums glatt abzuleugnen versuchte, hätte Aimée eine gewisse Genugtuung gewährt. Aber Geld --? Das konnte mit Recht verletzen. Durch ein Andenken hingegen an die Freundin sich verletzt zu fühlen, das wäre nur wieder eine Regung jenes dummen Stolzes gewesen, mit dem die Mittellosen sich gern eitel überheben. Sie hörte Frau Larisch zurückkehren. Da überlegte sie nicht länger, nestelte ihre kostbare Diamantenrivière vom Halse und ließ sie in den auf dem Tische stehenden Nähkorb gleiten. Es war das Hochzeitsgeschenk Harrys, und Aimée empfand in dem Augenblick, wo sie die blitzenden Steine unter Seidensträhnen und Stoffresten verschwinden sah, ein boshaftes Gefühl der Erleichterung darüber, daß dieses Kollier nunmehr in den Besitz derjenigen überging, der es vielleicht nur ein unglücklicher Zufall vorenthalten hatte. Im nächsten Augenblick freilich kam ihr ihre Handlungsweise schon verrückt, taktlos, beleidigend vor, aber es war zu spät, sie rückgängig zu machen, Frau Berta trat mit der Kerze ins Zimmer.

Auf den Zehenspitzen schlichen sie an das Bettchen des Kindes, das, ruhig atmend, ein Händchen auf der Brust, das andere seitlich ausgestreckt, einem schlummernden Engel glich. Aimée wurde weich und warm ums Herz. Sie schmeichelte sich nun doch wieder, etwas Gutes getan zu haben, der Erlös des kostbaren Schmuckes konnte diesem holden Geschöpfe eine gesunde und frohe Kindheit, eine gute Erziehung, eine aussichtsreiche Zukunft sichern. Nun hatte sie gewissermaßen Teil an Bertas Mutterschaft, da ihr die eigene bisher versagt geblieben ...

Andächtig betrachtend, stand sie mit unwillkürlich gefalteten Händen, als plötzlich das Leid sie überwältigte. In bittere Tränen ausbrechend, faßte sie nach Bertas Hand, sie rasch zu drücken, dann stürzte sie hinaus. Sie war nicht mehr zu halten. Stumm eilte sie durchs Zimmer, flüchtete gleichsam gegen die Eingangstür. Und wie verfolgt lief sie den Gang entlang und die Treppe hinunter, immer heftiger schluchzend und sich so zwecklos und elend fühlend, wie sonst stolz und königlich.

Während die Limousine gegen den Graben flog, wo Harrys Bureau sich befand, ließ sie ein Fenster herunter, schabte etwas Schnee von den Eisblumen und kühlte sich die Augen, damit ihr Mann nichts merken sollte. Übrigens kam sie gegen alle Voraussicht noch immer zu früh, er hatte noch einiges zu erledigen und ließ sie warten. Die Verstimmung hierüber half ihr das normale Aussehen wiedergewinnen. Endlich trat er ein, schon in Zylinder und Frackmantel, eleganter Diplomat von den Lackschuhen bis zum glatten Scheitel, überlegen, hochfahrend, kühl und etwas beißend wie immer. Mit einer unwillkürlichen Bewegung zog sie den Pelz über dem Halse zusammen, aber schon hatte sein scharfer Blick die Blöße erspäht.

»Was fällt dir ein, Aimée! Wo hast du deine Diamantenrivière gelassen?«

Nicht ohne Geschick spielte sie die Erstaunte.

»Ach sieh! Das ist nun albern! Die hab' ich umzunehmen vergessen! Aber was tut's? Es kommt mir nicht darauf an.«

»Mir aber wohl! Der nackte Hals sieht geradezu armselig aus!«

»Man sagt, eine schöne Frau sei am schönsten ohne jeden Schmuck.«

»Na, hör' mal, für so schön brauchst du dich gerade nicht zu halten!« sagte er brutal.

Das Wort traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Ihr Stolz bäumte sich.

»Lassen wir's darauf ankommen, ob sich nicht trotzdem Herren genug ... Wenn ich nur wollte ...!«

Ihre Augen blitzten. Er überhörte geflissentlich die versteckte, aber darum nicht minder infame Drohung.

»Vorwärts, komm! Wir fahren nach Hause. Du nimmst den Schmuck um.«

»Ich lasse mich nicht zwingen.«