Chapter 3 of 14 · 3945 words · ~20 min read

Part 3

So lange hatten sie nämlich gebraucht, um: 1. die neuen Brotkarten zu beheben; 2. ihr Bezugsrecht auf Küchenbrandkohle geltend zu machen, das ihnen irrtümlich vorenthalten worden war; 3. den Nachweis zu erbringen, daß sie seit 1911 kein Gewerbe mehr ausübten, denn man hatte ihnen trotzdem die Erwerbssteuer für die letztabgelaufenen neun Jahre nachträglich samt Verzugszinsen vorgeschrieben; 4. die Tabakkarte umzutauschen, zu welchem Ende ein Meldeschein vorzulegen war, den sie sich nicht anders zu verschaffen wußten, als indem sie bei der polizeilichen Meldestelle um amtlich bestätigte Auskunft ansuchten, wo die Herren Bock und Ziervogel wohnten; 5. auf die längst beglichene Gasrechnung die für ein halbes Jahr rückwirkende Preiserhöhung nachzuzahlen; 6. eine empfindliche Gefällsstrafe zu erlegen, weil sie ein mit vorgeschrittenem Alter und Kränklichkeit begründetes Gesuch um Einkommensteuerermäßigung nicht hoch genug gestempelt hatten; 7. die vom Hauswirt bestätigte genaue Beschreibung ihrer Zweizimmerwohnungen vorzulegen, weil das Wohnungsamt behauptete, sie hätten jeder um drei Zimmer mehr, als erlaubt sei (was natürlich auf einer Verwechslung mit ihren früher innegehabten Wohnungen beruhte); 8. die Zuckerkarten gegen Empfangsbescheinigung zurückzugeben, weil die behördliche Zuckerbelieferung eingestellt werden sollte und der vom Ernährungsamt zugeteilte Zucker seit dreiviertel Jahren ohnedies nicht zugeteilt worden war; und endlich 9. die letzte Teilzahlung der Vermögensabgabe abzutragen, obgleich das Vermögen, von dem diese Abgabe zu leisten war, sich inzwischen bis auf unbedeutende Überreste verflüchtigt hatte.

Die übrigen Gegenstände, die noch auf ihrer Liste standen, mußten sie auf den nächsten Tag verschieben; heute war es nicht mehr möglich, sie zu erledigen, die Kanzleien wurden um zwei Uhr geschlossen, und ohnedies krümmte sich, wie ein getretener Regenwurm, vor jeder Amtsstubentür noch eine verzweifelte Menschenschlange.

Ein Wolf saß dem erschöpften, entmutigten, entnervten Ziervogel in den Eingeweiden, als die beiden Freunde und pflichtbewußten Bundesstaatsbürger nach diesen vier bis fünf Stunden Amtstätigkeit (leidender Form) wieder auf die Straße heraustraten. Ein lebendiger, riesiger, hungriger Wolf, und der heulte nach Fleisch. Ein Wolf, bei dem plötzlich die angestammte Wildheit ausbrach, weil die Kartoffeln und das Sauerkraut ihm eingefallen waren, womit er gefüttert zu werden pflegte, und weil er wußte, daß man ihm zur Stillung seines Wolfshungers auch heute wieder nichts anderes als Kartoffeln und Sauerkraut vorsetzen würde. Wie besessen kläffte, bellte, rumorte das ungeschlachte Scheusal in der dunkeln Bauchhöhle, in die es eingesperrt war, biß wütend um sich und kratzte mit den Krallen seiner Pfoten an den Wänden -- so höllsauer war es dem süßen Joachim lange nicht zumute gewesen, er fühlte sich glatt am Ende seiner Kräfte. Und in dem Augenblick beherrschte ihn nur mehr der einzige Gedanke: Schluß machen mit dieser ewigen Qual, diesen unausgesetzten Foltern und Martern! Schluß machen mit einem Leben, das sich aus nichts mehr als Schikanen und Drangsalierungen, Entbehrung und Bettelhaftigkeit zusammensetzte. Schluß mit einem Dasein, das längst jeder Freude und jedes Reizes entkleidet war! Aussteigen! Nicht länger mitfahren! Oh, Freund Anselm hatte recht, nun begriff er's ganz genau, wie der es meinte: wem das ewige Gedränge, das stete Gepufft- und Gestoßenwerden zu dick wurde, dem stand es frei, ein Ende zu machen! Bei der nächsten Haltestelle sprang man ganz einfach ab und verlor sich unauffällig im unendlichen Strom der gleitenden Erscheinungen ...

Aber plötzlich -- Wunder über Wunder! -- was schwebte seinen abgespannten und zugleich aufgepeitschten Sinnen deutlich zum Greifen da plötzlich vor Augen? Ein Gulasch war es -- eine Luftspiegelung hatte es ihm vorgegaukelt -- ein Gulasch, das sich in einer appetitlichen braunen Tunke badete, und dem ein knuspriges Salzstangel Gesellschaft leistete und ein schäumendes Glas goldbraunen Schwechater Bieres. Vorkriegserinnerungen, die ihm das Herz im Leibe hüpfen machten! Wie köstlich war solch ein Gabelfrühstück gewesen, kurz vor Tisch, wenn man sich so recht gründlich den Appetit damit verdarb! Und das sollte nun für immer vorbei sein? Ewig unerreichbar? Ein nie mehr zu verwirklichender Sehnsuchtstraum? Niemehr, niemals wieder erschwingbar? Ein Leckerbissen, den sich ein in Dürftigkeit geratener Mittelständler nicht mehr vergönnen durfte, weil es seine Verhältnisse überstiegen hätte, einen unerlaubten Aufwand für ihn bedeutete? Die kargste Notwendigkeit höchstens billigte das Schicksal noch den Versklavten zu, alles Überflüssige blieb verpönt!

Ein seinem Zuckerbäckerherzen bis dahin unbekanntes Bedürfnis nach irgend einer kleinen Ausschweifung brachte ihm unversehens das Lied ins Gedächtnis, das er einst in froher Tafelrunde hatte mitsingen helfen: Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht ... Und -- hol's der Geier! -- einmal wollte er sich noch des Lebens freuen, eh' es zu Ende ging, geschehe auch, was da wolle! Einmal noch zum Gabelfrühstück ein Gulasch sich vergönnen mit einem Salzstangel und einem Glas Bier, solange er das Licht der Sonne noch schaute. Und wenn er dann vielleicht einen ganzen Monat dafür hätte fasten müssen -- einmal noch wollte er leichtsinnig sein, eh' es zu spät dazu war, nur dies eine Mal noch, gerade heute, ein bißchen Verschwendung treiben, ein wenig über die Schnur hauen, eben ein ganz klein wenig nur, einmal bloß, ein einziges Mal noch im Leben!

»Was meinst du, Bock?« sagte er kühn entschlossen und machte Halt. »Zum Mittagessen kommen wir doch nicht mehr rechtzeitig nach Hause --«

Er zog die Uhr, wollte sie ziehen -- und griff ins Leere! Unverrichteter Dinge kam die Hand wieder heraus, fuhr abermals hinein ... er knöpfte den Überrock auf -- um Gottes, Christi, Himmels willen!

»Bock --! Die Uhr! ... Meine goldene Uhr! ... Beim Teufel ist sie! ... Die goldene Uhr! Meine schöne, wertvolle goldene Uhr --!«

Wirklich! Fort war sie! Verschwunden! Die wertvolle goldene Uhr! Empfohlen hatte sie sich! Auf Nimmerwiedersehen! Und die Kette auch! Die wertvolle goldene Kette auch!

Die sofort eingeleiteten Schritte eröffneten wenig Aussicht auf Wiedererlangung. Das sei schon einmal nicht anders im Amtsgebäude, meinte gähnend der Beamte, der die Anzeige zu den Akten nahm; wenigstens ein dutzendmal täglich komme es vor.

»Machen Sie ruhig das Kreuz darüber,« fügte er gemütlich scherzend hinzu. »Steht denn nicht angeschrieben: Achtung vor Taschendieben? No also! Wenn man Achtung vor ihnen haben soll, dürfen wir sie doch nicht erwischen!«

Weniges später standen die beiden Nibelungentreuen abermals auf der Straße und traten Schulter an Schulter zum zweitenmal den Heimweg an. Der Regen hatte aufgehört, aber von Ziervogels Wangen fiel jetzt ab und zu ein verstohlener Tropfen und benetzte den schäbig gewordenen Aufschlag seines Überziehers. Er fühlte sich so müde, so entkräftet, daß er sogar den Wunsch äußerte, die Straßenbahn zur Heimfahrt zu benutzen. Als sie aber ihr Geld zusammenzählten, verfügten sie alle beide miteinander kaum mehr über eine Barschaft von siebzig Kronen. Das langte nicht für zwei Trambahnfahrscheine.

»Im Frieden wäre man darum im Auto auf den Semmering gefahren,« brummte Bock verdrossen.

Aber das Brummen half zu nichts. So schwer der süße Joachim sich schleppte, es blieb nichts übrig, als zu Fuß zu gehen. Besorgt und hilfsbereit hielt Anselm, obwohl er der viel kleinere und dünnere war, ihn untergefaßt und stützte ihn nach Leibeskräften. Hinter der rauhen Außenseite barg er im Grund doch eine treue Seele, die auch das heftige und -- im Vergleich zum Beruf eines Zuckerbäckers -- etwas gewalttätige Drechslergewerbe nicht völlig hatte verhärten können ...

Auf diesem langen, stöhnenden Heimweg war es, daß die beiden Freunde jene furchtbare, schwerwiegende, düster vorausgeahnte Tat wirklich auszuführen beschlossen, von der Anselm in seinem Tatendrang schon am Morgen wie von einer Erlösung gesprochen und jetzt im Feuereifer der Überzeugung behauptete, sie müsse mit aller Tatkraft tatsächlich zur Tatsache gemacht werden; während der nichts weniger als tatendurstige Joachim erst infolge der schlimmen Erfahrungen dieses Vormittags sich mehr und mehr mit dem Gedanken an sie vertraut gemacht hatte und nur Schritt für Schritt vor der stößigen Hartnäckigkeit der Bockschen Überredung zurückwich.

Ebenso wie für jenen, stand es aber nun schließlich auch für diesen fest, daß es töricht sei, nur aus Gewohnheit oder purer Feigheit im Höllenpfuhl weiterzuschmachten, wenn es bloß eines herzhaften Augenblickes bedurfte, sich für immer daraus zu befreien. Ein Plan, an den sie sich bei Ausführung ihres schwarzen Entschlusses halten wollten, wurde entworfen und durchgesprochen, und als sie endlich die Schleifmühlgasse erreicht hatten, waren auch die sämtlichen damit zusammenhängenden Fragen genügend erörtert und geklärt, die vorgebrachten Einwände großenteils widerlegt, die aufgetauchten Zweifel und Bedenken so ziemlich überwunden.

Noch einmal machten sie auf dem Treppenflur vor ihren beziehentlichen Wohnungen halt, blickten einander mannhaft in die Augen und besiegelten die getroffene Verabredung mit einem kräftigen Händedruck und einem feierlichen »Es bleibt dabei!« Hierauf schieden sie voneinander mit der geheimnisvoll-düsteren Miene von Verschwörern, die rätselhaftes Unheil brüten, und verschwanden ein jeder hinter der Tür, die auf einem noch aus besseren Zeiten stammenden Messingschild den Namen des Betreffenden trug und sich dadurch als Eingangspforte zu der ihm gebührenden Behausung zu erkennen gab.

* * * * *

Eine von Bocks Lebensregeln lautete: Verschieb nicht, was du heut' besorgen kannst, auf morgen; während sein Freund im Gegenteil dem Grundsatz huldigte: Wenn du vorhast ein wichtig' Sach', so sieh dich für und tu' gemach. Diesmal mußte ausnahmsweise der Drechslermeister nachgeben, vielleicht tat er's nicht einmal ungern, weil er wohl selbst einsehen mochte, daß eine Sache, die man nur ein einziges Mal und dann nie wieder im Leben besorgen kann, schließlich doch auch nicht gerade übereilt zu werden brauche.

Jedenfalls war es Herrn Ziervogel gelungen, etwas wie eine Art Galgenfrist durchzusetzen. Erst wenn wieder schön Wetter eingetreten wäre und die Sonne vom klaren Frühlingshimmel schiene, sollte (um Bocks dreifach unterstrichene Ausdrucksweise zu wiederholen) die Tat tatsächlich zur Tatsache werden. Es war ein zu ungemütlicher Gedanke, in die Donau zu gehen, solange es wie mit Kübeln aus den Wolken goß und man auch so schon genügend naß wurde. Denn nachdem sie alle anderen Wege, die vom Diesseits ins Jenseits führen, durchberaten und einen jeden sorgfältig geprüft hatten, waren sie darüber einig geworden, daß der Wasserweg noch immer am meisten für sich habe. Nun, und daß für zwei Wiener vom guten alten Schlag unter allen Gewässern dieser Erde nur die schöne blaue Donau in Betracht kommen könne, das schien ihnen selbstverständlich.

In der Ziervogelschen Wohnstube stand ein Fenster offen; trotz der wochenlangen Regenzeit, die man hinter sich hatte, war die Luft mild und weich. Der feuchte Frühlingswind, der über hohe Feuermauern hinstrich und über tiefe Hinterhöfe und sogar über ein kleines Hyazinthenbeet in einem winzigen Hausgärtlein, eh' daß er den Weg durch dieses Fenster fand, führte so liebliche Lenzdüfte mit sich, daß dem Rotkehlchen Schnaberl, das in der erwähnten Wohnstube in seinem Käfig an der Wand hing, ganz eigen zumute wurde, es wußte selbst nicht wie. Sehnsuchtsvoll spitzte es mit seinen lebendigen Äuglein, die gleich schwarzen Glasperlen glänzten, nach dem großen irdenen Mehlwurmhäfen hinüber, das wie gewöhnlich auf dem Ofen stand, und das winzige Herzlein beschleunigte unwillkürlich seinen Schlag. Als nun aber gar auf dem Fußboden überraschenderweise -- denn wie lange schon war kein Strahl Sonne zu sehen gewesen! -- urplötzlich eine grelle Lichttafel ausgebreitet lag, da vermochte Schnaberl nicht länger an sich zu halten. Jubelnd ließ er die gewohnte kleine, zierliche, behutsame Weise ertönen -- das heißt, er bemühte sich wenigstens, sie ~jubelnd~ ertönen zu lassen, und versuchte sie ebenso flott und fröhlich herauszubringen, wie Annas lustige Liedchen zu klingen pflegten. Vergeblich! Es schwebte trotzdem jener gewisse Hauch von Schwermut darüber, welcher der bescheidenen Rotkehlchenkantilene nun einmal eigen ist; denn die Liedweise, die einer von Natur aus in sich hat, läßt sich nicht verleugnen und bleibt immer dieselbe.

Der guten Anna, die gerade das Zimmer betrat, war es gar nicht recht, daß dem Vater, an dem sie ohnedies seit längerer Zeit eine ungewöhnliche Gedrücktheit und Verstimmung wahrgenommen hatte, nun auch noch die Ohren mit trübsinnigem Getute gefüllt werden sollten. Das halbunterdrückte Lachen -- sie hatte Erbssuppe zum Kochen zugestellt und die Erbsen hineinzutun vergessen, das kam ihr, so beschämend es war, urkomisch vor --; dieses Lachen also, das halbunterdrückt noch um ihre Lippen schwebte, machte einer besorgten Miene Platz, als sie das etwas triste Flöten vernahm, das dem Käfig an der Wand entquoll. Aber im nämlichen Augenblick hatte sie auch schon einen Plan zur Abhilfe bereit und zielbewußt einen gemästeten Leckerbissen aus dem Mehlwurmhäfen gefischt, mit dem sie, den verunglückten und ins Gegenteil verkehrten Jubel aus der Welt zu schaffen, dem Schnaberl den Schnabel stopfte.

Vater Ziervogel, der am Tisch saß und Patiencen legte, lehnte sich, einen Seufzer von sich gebend, in den Divan zurück und sagte mit kläglicher Stimme: »Ach bitte, Anna, laß den Vorhang herunter, die entsetzliche Sonne macht mich noch verrückt.«

»Sei doch froh, lieber Vater, daß sie endlich wieder scheint,« sagte sie und zögerte; erfüllte aber, wenn auch kopfschüttelnd und widerstrebend, schließlich doch seinen Wunsch, während er sich erhoben hatte und mit wackligen Schritten in der Stube auf und nieder zu gehen anfing, die Hände auf dem Rücken.

»Mein Kopf ist dumm geworden!« klagte er. »Die Studiata bring' ich überhaupt nicht mehr zuweg'! Rein vernagelt bin ich manchmal ...«

»Muß es denn gerade die Studiata sein?« fragte Anna tröstend dagegen. »Leg' den Zopf, den triffst du sicherlich und unterhältst dich ebensogut dabei.«

»Der Zopf hilft mir nichts, er ist zu einfach und geht immer aus, ganz wie von selbst. Da braucht man sich nicht zu plagen, kommt von seinen Gedanken nicht los und dreht sich immer im gleichen Kreis herum.«

Bekümmert beobachtete die Tochter die sorgenvolle Miene, die gebrochene Haltung des rastlos Aufundabschreitenden. Seit Wochen schon zerbrach sie sich den Kopf, was so plötzlich in ihn gefahren sein mochte? Denn bis dahin hatte er das Unvermeidliche, das die Zeitumstände mit sich brachten, mit Fassung, wo nicht mit Laune hingenommen, und daß der Verlust der Uhr samt Kette ihn so aus der Bahn geworfen habe, wie er selbst es behauptete, das hielt sie nicht recht für glaubhaft; den hätte er doch wohl endlich können verschmerzt haben, meinte sie. Da er nun vor dem Wetterglas haltmachte, das neben dem Fenster hing, hoffte sie ihn zu ermuntern, indem sie sagte: »Ist kein Wunder, wenn einer miselsüchtig wird bei dem andauernden Regen und Nebel. Der Kummer um die gestohlene Uhr liegt dir auch noch immer im Magen. Gib acht, Vater, wie das jetzt alles von dir abfallen wird, wenn nur erst der Frühling seinen Einzug hält. Sieh, wie sich's aufklärt, wie auf einmal die Sonne vom Himmel lacht! Die schlimme Zeit ist überwunden und ...«

Erschrocken hielt sie inne.

»Nichts ist überwunden! Nichts lacht vom Himmel und nichts hält seinen Einzug!« schrie Meister Ziervogel bleich vor Erregung. »Willst du's besser wissen als mein Barometer? Es ist gefallen, was sag' ich? -- gestürzt ist es, die Regenperiode ist nicht zu Ende, im Gegenteil, sie fängt jetzt erst recht an, da hilft kein Unheilkrächzen, wir werden noch lange keinen Frühling zu sehen bekommen! Und die Sonne, die Sonne« -- er hatte rasch den Vorhang wieder zurückgezogen und schloß, auf den Fußboden weisend, von dem die grelle Lichttafel jetzt ebenso plötzlich verschwunden wie vorhin aufgetaucht war, mit einem Unterton frohlockender Genugtuung in der Stimme: »Wo ist die Sonne? Fort ist sie! Verkrochen hat sie sich, auf Nimmerwiedersehn!«

Wer hätte sich nun einen Reim darauf machen können, was das alles bedeutete? Daß das Fortdauern des Trübsalwetters seinen Wünschen zu entsprechen schien? Daß er die Sonne nicht leiden mochte und es ein Unheilkrächzen nannte, wenn man den nahenden Frühling verkündete? Rätsel über Rätsel! Die gute Anna hatte Zeit genug, darüber nachzudenken, als sie wieder in ihrer Küche stand und die gargekochten Erbsen durchs Sieb trieb, mit Umsicht und Geschick die spärlichen Stellen benützend, wo es noch keine größeren Löcher hatte, als es der Natur und dem Zweck eines Siebes eben entspricht. Aber vorderhand zeitigte ihr Nachdenken kein Ergebnis.

Gegen Mittag pochte es an Ziervogels Tür. Er schrak zusammen, wie das Klopfen einer knöchernen Hand klang es seinem überreizten Empfinden, und dem kleinen, gelblichen, hohläugigen Bock, der eintrat, schien zum Knochenmann nichts als die Sense zu fehlen. Einer stummen Mahnung gleich stand der entsetzlich tatentschlossene Freund vor ihm, eine Verkörperung des Schicksals, das man irgendwie zu versöhnen das unwillkürliche Bedürfnis fühlt.

»Willst du nicht Platz nehmen, Anselm?«

»Danke! Ich gehe gleich wieder. Es ist Zeit, Joachim! Der erste schöne Tag ruft uns zur Tat! Heut' um zwei, wenn es dir recht ist, hol' ich dich.«

»Hol' dich selbst dieser und jener!« antwortete schnöde der Zuckerbäcker. »Das nenn' ich keinen schönen Tag, was man im amtlichen Wetterbericht höchstens mit dreiviertelbewölkt bezeichnen könnte. Alles was recht ist, aber zu mehr, als was abgemacht ist, fühl' ich mich nicht verpflichtet. Übrigens wollte ich ohnedies noch einmal mit dir sprechen ... Aber so nimm doch endlich Platz,« wiederholte er dringlicher, »und steh' nicht wie ein Gläubiger vor mir, der eine Schuld einfordern kommt!«

Kaum hatte Bock der Aufforderung entsprochen und sich nun doch niedergesetzt, so war auch schon ein Meinungsaustausch im Gang, der Fragen, welche längst bereinigt schienen, abermals aufrollte. Noch einmal setzte Joachim sich gegen Anselms leidenschaftlich-verbittertem Willen zur Wehr, an dem er wie an einem Angelhaken zappelte und schnebbelte. Und eines der Hauptbedenken, das der am Leben hängende Zuckerbäcker dem Drängen des entschlossenen Drechslermeisters entgegensetzte, lautete: »Das können wir doch unseren Kindern nicht antun!« Worauf Bock die Gegenvorstellung erhob, die Jugend komme unglaublich rasch über so etwas hinweg.

Nur die menschliche Eitelkeit sei es, behauptete er, die einem das Gegenteil einreden wolle. In Wahrheit könne man den Kindern gar nichts Besseres erweisen, als ihr Lebensschifflein flott zu machen, indem man Ballast auswerfe, worunter er in dieser scheußlichen Zeit, in der es auf jeden Esser ankomme, vor allem die alten Leute verstehe, die zu nichts Rechtem mehr zu gebrauchen seien und nur Geld kosteten. Aber die Menschen, die man zivilisiert nenne, er wisse eigentlich nicht, weshalb, die seien nicht so mildherzig wie die Indianer, daß sie ihren unnütz gewordenen Alten den Tomahawk vergönnen würden. Darum bliebe nichts übrig, als daß diese selbst so einsichtsvoll wären, sich rechtzeitig zu empfehlen.

»Und haben wir zweibeide es uns nicht redlich verdient,« fragte er, »daß man uns endlich unsere Ruhe gönne? Sollen wir denn durchaus noch länger mit all dem Elend gestraft bleiben?«

»Die Jungen müssen's noch viel länger aushalten,« wagte Ziervogel, schon wieder schüchterner geworden, dagegen einzuwenden.

»Die Jugend ist eine ganz andere Rasse. Hör' ich deine Anna nicht lachen und singen, so oft ich in ihre Nähe komme? Und meinst du, mein Ludwig sei anders? Sechs Jahre seines Lebens hat er in Sibirien versumpert, dreißig ist er jetzt alt, sitzt noch auf der Schulbank und plagt sich mit der verteufelten Bankprüfung herum -- glaubst du, das störe seine Laune? Ich -- obgleich ich doch nicht er, sondern eben ich bin, könnt' mir die Haare einzeln ausrupfen, wenn ich daran denk', wieviel verlorene Zeit, wieviel verlorene Jugend und vergeudete Kraft --! Und er --? Voll Ulk steckt er! Wunderschön findet er die Welt, so wie sie ist, wünscht sie sich nicht einmal anders, und das Leben macht ihm direkt Spaß, er hat seine Freude dran -- kannst du das für möglich halten? -- Siehst du,« schloß er, »so ist die Jugend!«

Er hatte sich ereifert und fast wie in Verärgerung gesprochen -- die Leber, die Leber, die bittere Leber! Der süße Joachim aber wußte nichts von einer Leber, er mußte lächeln, mitten im Kummer und Leid, er hatte die Gabe, sich in die Jugend hineinzudenken, und fand, daß es im Grunde doch sehr nett wäre, noch einmal in ihrer Haut zu stecken.

»Die würden eigentlich gut zueinander passen, der Ludwig und die Anna,« sagte er mit nachsinnendem Wohlgefallen.

»Um Gottes willen! Mal' den Teufel nicht an die Wand!« rief Anselm entsetzt. »Nicht einmal denken kann man heutzutag' an so etwas, so wird einem schwarz vor den Augen! Am Ende gar heiraten -- wie? Ein Verbrechen wär' es! Billionär allermindestens müßt' einer sein! ... Aber auch abgesehn vom Geld: Kinder in die Welt setzen? In dieses miserable Elendsnest hinein? Daß sie einen noch verfluchen für die Gefälligkeit, die man ihnen damit erwiesen hat? Ein Verbrechen,« wiederholte er mit Überzeugung, »direkt ein Verbrechen wär' es!«

»No, no, no,« machte Ziervogel, den es ein wenig verschnupfte, daß der andere seine Anna als Schwiegertochter so unverholen ablehnte.

»Ereifre dich nicht so!« sagte er. »Es besteht ja keine Gefahr! Die beiden können einander ohnedies nicht ausstehn, schaun sich nicht einmal an, behandeln sich gegenseitig als Luft. Eine unausrottbare Feindschaft ist zwischen ihnen, ich glaube, sie rührt noch von damals her, von der kleinen Marmorkugel ... aus der Zeit, wo sie noch Kinder waren.«

»Von einer Marmorkugel weiß ich nichts,« stellte Bock fest. »Meines Wissens stammt die Feindschaft von einem Schneehaufen.«

»Von einem Schneehaufen weiß wieder ich nichts,« versetzte Ziervogel trocken. »Sondern die Sache war so, daß der Ludwig, als sie einmal Anmäuerln miteinander spielten, ein herziges kleines Kugerl aus rotem Untersberger Marmor, das ich der Anna geschenkt hatte, ganz widerrechtlich ...«

»Es war nicht widerrechtlich!« begehrte Anselm, der nun doch von der Kugel etwas zu wissen schien, in gereiztem Tone auf. »Sondern von jeher ist es beim Anmäuerln Gebrauch gewesen, daß man den Abstand vom kleinen Finger aus zum Daumen mißt und nicht ...«

»Im Gegenteil!« unterbrach ihn Joachim; »seit jeher hat man vom kleinen Finger zum Zeigefinger gemessen, was man die kleine Spanne nennt! Das wird dir ein jeder bestätigen, der von der Sache etwas versteht. Und weil man nun also beim Anmäuerln eine gegnerische Kugel nur dann konfiszieren darf, wenn sie innerhalb der kleinen Spanne liegt, so war es nach den Spielregeln auch nicht möglich, der Anna ihr Kugerl ...«

»Verfallen war der Anna ihr Kugerl!« schrie Bock. »Von Rechts wegen verfallen! Denn auf der ganzen Welt gibt's nur eine einzige Spanne, die vom kleinen Finger zum Daumen reicht, und wer das Gegenteil behauptet,« loderte er im Jähzorn auf, »der ist ... der ist ... mit dem will ich ... mit dem ...«

Aber sich noch rechtzeitig erfangend, lenkte er in einen ruhigeren Ton wieder ein und fuhr fort: »Wozu soll ich mich ärgern? Es bleibt sich ja gleich. Der Grund, warum der Ludwig und die Anna nichts voneinander wissen wollen, ist ja gar nicht das Kugerl. Sondern soweit ich mich erinnern kann, hat die Feindschaft damit angefangen, daß die Anna einmal, wie er sie im Handschlitten in der Andreasgasse umherkutschierte, ihm von hinten einen Schupps versetzt hat. Nun, und da ist er natürlich auf einen Schneehaufen geplumpst und bis über die Ohren darein versunken. So etwas verzeiht ein Bub' einem Mädel halt nie ... Das heißt --« verbesserte er sich: »schließlich sind das alles nur Vermutungen von mir; gesagt hat mir der Ludwig nichts davon, seit er erwachsen war, und gesprochen hab' ich mit ihm natürlich auch nicht mehr darüber, seit er aus Sibirien wieder zurück ist.«

»In Sibirien hätt' er allerdings Zeit gehabt, den Schneehaufen zu vergessen,« sagte Ziervogel mit leisem Spott. »Lang genug wär's her, sollte man meinen, seit er den Schupps bekommen hat.«

»Auch nicht länger, als seit die Anna ihrem Marmorkugerl nachtrauert,« bockte Bock dagegen.

Der süße Joachim aber empfand das Bedürfnis, mit seinem Freunde und Nachbar in Frieden zu leben, und schlug vor, es dabei bewenden zu lassen. Schließlich laufe es auf dasselbe hinaus, ob Schneehaufen oder Kugerl. Die Tatsache, daß die jungen Leute, von denen eins offenbar so nachtragend sei wie's andere, irgend etwas gegeneinander auf dem Herzen hätten, werde dadurch nicht geändert und bleibe auf alle Fälle recht bedauerlich.

Damit hatte nun Bock, der immer recht behalten mußte, endlich das erwünschte Stichwort beim Schopf, das ihm die Rückkehr zum Ausgangspunkt gestattete; indem er nämlich wiederholte, es sei ihm durchaus nicht möglich, etwas Bedauerliches darin zu erblicken, wenn in einer Zeit, wo niemand der Menschheit eine Fortsetzung wünschen könne, die Geschlechter einander, mit instinktiver Abneigung gegenüberstünden. Im Gegenteil, daß dies auch bei Ludwig und Anna der Fall sei, erleichtere ihm erheblich den Abschied vom Leben.

»Denn wären unsere Kinder einander gut,« sagte er, »so hätte ich ja keine ruhige Minute mehr, noch übers Grab hinaus. Ob lebend oder sterbend käm' ich aus der Angst nicht mehr heraus, daß sie am Ende Unsinn treiben und uns zu Schwieger- und schließlich wohl gar noch zu Großvätern machen könnten!«