Chapter 11 of 14 · 3923 words · ~20 min read

Part 11

»Wenn Sie der Köchin eine Kleinigkeit geben wollen, fürs Aufräumen -- ich selbst beanspruche nichts. Das Zimmer steht ohnedies leer, Sie sind mein Gast. Ich möchte aus der allgemeinen Wohnungsnot keinen Gewinn ziehen.«

Abermals blieb Scheinemann stehen.

»Mit solchen Grundsätzen werden Sie nicht weit springen in unserer Zeit,« sagte er belustigt. »Sie denken vielleicht, ich müßte mich jetzt wenigstens ein bißchen zieren und blöde tun? Fällt mir gar nicht ein! Im Gegenteil, ich nehm' Sie beim Wort! Wenn mir wer was schenkt, so werd' ich's doch nicht ausschlagen? Ein Esel wär' ich! Jedem das Seine! Der eine hat Grundsätze, der andere den Vorteil.«

Er lachte breit über den ganzen Mund und sagte noch: »Wann darf ich einziehen?«

»Wann es Ihnen paßt.«

»Also morgen früh. Gemacht! Gemacht! -- Pardon!« rief er plötzlich in Hast. »Ich werde erwartet. Es kann mich eine Viertelmillion kosten, wenn ich zu spät komme! Sie entschuldigen also! Und wie gesagt: Gemacht! Gemacht!«

Damit stürzte er in den Straßentrubel und schwang sich auf einen vorbeifahrenden Trambahnwagen, der mit ihm davonsauste.

Bedächtig und etwas betreten setzte der Oberrechnungsrat seinen Weg fort. Was war das? Es konnte ihn eine Viertelmillion kosten --? Gab es jetzt so verantwortungsvolle amtliche Aufträge? Ja, es hat sich halt alles verändert, man kennt sich in der Welt bald nicht mehr aus! ...

Auf seinen Stock gestützt zog er langsam seine Bahn dahin, in der Richtung nach der Gegend, wo seine Wohnung sich befand. Ein unbestimmter Bodensatz von Unbehagen war von dem kurzen Zusammentreffen mit Scheinemann in ihm zurückgeblieben. Der junge Mann war doch eigentlich ganz anders, als er ihn in Erinnerung gehabt. So was eigen Smartes, Amerikanisches lag in seinem Gehaben, nur daß die richtigen Wilson-Leute den Zynismus der Tat hinter der Moral des Wortes zu verhüllen pflegen -- was immerhin versöhnend wirkt. Sollte er den Aktenstaub als Erzieher, die Wandlung, die eine geregelte Amtstätigkeit bewirken kann, überschätzt, oder sich überhaupt in diesem Menschen völlig getäuscht haben? Vielleicht war es doch etwas vorschnell gewesen, ihm gleich bindende Zusagen zu machen! ...

Schließlich tröstete er sich mit dem Gedanken, daß man im äußersten Falle einen Gast nicht länger zu beherbergen brauche, als es einem passe.

Als er müde und verstimmt zu Hause anlangte, sagte er zur Resi: »Richten Sie das Zimmer vom jungen Herrn. Wir bekommen einen Mieter. Morgen früh zieht er ein.«

Sie mochte aus dem Ton erkennen, daß es sich um eine unabänderliche Sache handelte, und gab ihm keine Antwort. Aber die Art, wie sie in der Küche herumhantierte und die Suppenschüssel auf den Tisch setzte, verkündete nichts Gutes.

Den anderen Morgen hielt Scheinemann wirklich seinen Einzug. Herr Pleß wies ihm sein Zimmer an und sagte: »Mein Sohn hat hier gewohnt. Möchten Sie sich ebenso gerne wie er mit dem wenigen, was ich bieten kann, bescheiden.«

»Ein bißchen klein --!« sagte der Mieter und öffnete die Tür zum Nebenzimmer. »Aber hier steht ja noch ein Zimmer leer, wie ich sehe.«

»Es ist das Zimmer meiner verstorbenen Tochter.«

»Das macht mir gar nichts,« antwortete Scheinemann mit seinem breitesten Lachen, »ich fürchte mich nicht vor den Toten.«

Rasch machte der Oberrechnungsrat kehrt und überließ ihn der Tätigkeit des Auspackens. Stumm und verschlossen zog er sich ins Bücherzimmer zurück, setzte sich an den Lesetisch und barg sein Gesicht in den über der Tischplatte gekreuzten Armen. Als einige Zeit darauf die Resi das Bücherzimmer betreten wollte und ihn schluchzen hörte, zog sie ganz leise die Tür wieder ins Schloß und verschwand unbemerkt, wie sie gekommen, in ihrer Küche.

Scheu schlich sie darin umher und machte sich in aller Stille daran, das kärgliche Mittagsbrot zu bereiten. Heut' faßte sie die Töpfe und Reindln so behutsam an, als wären sie alle von Glas, und gelegentlich erwischte sie den Zipfel ihrer Schürze, um sich damit an die Augen zu fahren.

Beim Essen, als Herr Pleß mit vorgebeugtem Kopf noch an der Suppe löffelte und die Resi schon die Erdäpfel hereinbrachte, fragte er, ohne aufzublicken, scheinbar wie nebenher: »Haben Sie den neuen Mieter schon zu Gesicht bekommen?«

»Mit dem haben Sie uns was schönes eingebröckelt!« antwortete die Resi empört.

Und sie erzählte, er hätte sie hineingerufen, und sie hätte ihm helfen müssen, das Bett des jungen Herrn in das Zimmer vom Fräulein schieben. Jetzt stünden die zwei Betten nebeneinander wie Ehebetten, eine wahre Schande! Das sei nun sein Schlafzimmer, hätte Herr Scheinemann gesagt, und das andere sein Bureau.

»Heut' nachmittag soll schon die Tippmamsell kommen,« schloß sie. »Und ich soll sie nur gleich zu ihm hineinführen.«

Nun hatte Herr Pleß aber doch das Gesicht vom Suppenteller gehoben und sah sie mit aufgerissenen Augen an.

»Tippmamsell --? Bureau --? Was bedeutet denn das? Da bleibt einem ja rein der Verstand stehn! Und Sie haben ihm wirklich geholfen, das Bett hineinschieben?«

»Wenn er behauptet, daß Sie es so angeordnet haben!«

»So --? Das behauptet er? Hätten Sie mich vorher gefragt!«

»Natürlich jetzt bin ich wieder schuld!« murrte die Resi und verschwand mit dem Suppentopf.

Das gewohnte Nachmittagsschläfchen war Herrn Pleß heute gründlich verleidet. Ruhelos ging er im Bücherzimmer hin und her, die Arme auf dem Rücken, unablässig, auf und nieder. Plötzlich schrak er zusammen -- die Glocke! Was wird es nun wieder geben? Er lauschte. Er hörte Schritte das Vorzimmer entlanggehen und langsam wieder in entgegengesetzter Richtung zurücktrappen, gegen die Eingangstür. Ungeduldig wartete er und stellte allerlei Vermutungen an. Er getraute sich nicht hinaus, er blieb im sicheren Schutze des Bücherzimmers.

Endlich, als die Resi den Tee brachte, fragte er gespannt: »Wer ist denn gekommen?«

»Eine dicke Rothaarige!« rief sie außer sich vor Wut und mit einer Stimme, in der sittliche Entrüstung bebte. »Aufgetakelt wie eine vom Variödee! Und einen Dienstmann mit ihrem Koffer hat sie auch gleich mitgebracht. Die Maschinfräul'n ist sie, sagt sie! Und bis in die Nacht hinein, sagt sie, sitzt sie oft an der Maschin', sagt sie! Und deswegen, sagt sie, wird sie auch bei uns schlafen, sagt sie! Meiner Treu', das hat sie g'sagt!«

»Und Sie haben sie hereingelassen?« stöhnte Herr Pleß der Verzweiflung nahe.

»Ja, was soll ich denn tun!« schrie die Resi auf und warf die Arme in die Luft. »Warum haben Sie den Hallodri da hereingenommen! Nein, so was! Zügelt uns der auch noch solche Frauenzimmer ins Haus! Eine Demi-Mondlerin, oder wie man das nennt, ist diese Person, da leg' ich meine Hand dafür ins Feuer! Zu allem Überfluß ist sie auch noch hoch in der Hoffnung!«

Den Rest des Tages und die halbe Nacht verbrachte Herr Pleß damit, sich's zurechtzulegen, wie er Herrn Scheinemanns Übergriffen am wirksamsten entgegentreten sollte. Hundert verschiedene Pläne kreuzten sich in seinem Kopfe und machten ihn schließlich so wirr, daß er ohne Papier und Bleistift kein Auslangen mehr fand. Er schnitt sich eine Anzahl Zettel zurecht, schrieb auf den Kopf eines jeden eine Möglichkeit, die er etwa hätte wählen können, und darunter rechts die Gründe, die für, und links diejenigen, die gegen ein solches Vorgehen sprachen. Und nachdem er etwa ein halbes Spiel Karten von solchen Zetteln beisammen hatte, griff er mit geschlossenen Augen in das Päckchen.

Auf dem gezogenen Zettel stand, und zwar zu oberst: Aufs Mietamt gehen und um Entfernung des lästigen Mieters ersuchen.

Rechts darunter: Dafür spricht, daß es vielleicht gelingt.

Links darunter aber stand: Dagegen spricht 1. daß Scheinemann dadurch, daß ich ihn aufgenommen habe, wahrscheinlich schon unter dem Schutze des Mieterschutzgesetzes steht. 2. Daß mir, auch wenn es mir gelingen sollte, ihn wieder loszuwerden, ein anderer, vielleicht ebenso lästiger Mieter hereingesetzt würde, möglicherweise sogar der angedrohte Eisenbahner mit fünf Kindern. 3. Daß es bei dieser Gelegenheit zutage käme, daß meine Wohnung nicht aus drei, sondern aus vier Zimmern besteht. 4. Daß, wenn dies wirklich zutage kommt, mir sicherlich zwei Mieter hereingesetzt werden, ganz abgesehen davon, daß ich wahrscheinlich auch noch strafbar wäre. Und endlich 5. daß diese Strafe vielleicht in der Beschlagnahme des Bücherzimmers bestehen würde.

Das Orakel hatte sich sonach aufs entschiedenste gegen ein aktives Vorgehen ausgesprochen. Ein Glück, daß er Stenograph war, sonst hätte der Zettel all die Gegengründe gar nicht fassen können. Es blieb also vorderhand nichts anderes übrig, als die Hände untätig in den Schoß zu legen und abzuwarten, wie der Hase laufen würde. Bekümmert, im Gefühl völliger Wehrlosigkeit legte er sich schließlich zu Bett und träumte, daß die Flurglocke lang und fürchterlich schrillte und eine neue Kommission ihn heimsuchen kam. Sie bestand aber aus lauter schwarzgekleideten Leidtragenden. Unter Führung Scheinemanns, der ebenfalls schwarzen Schlußrock und Zylinderhut trug, bewegte sie sich in endlosem Zuge durch seine Wohnung. Und diese hatte sich plötzlich zu einer unabsehbaren Flucht von Zimmern geweitet! So ungefähr, wie es etwa im Schloß Schönbrunn zu sehen war, das er vor einer Reihe von Jahren einmal mit seinen Kindern besichtigt hatte ...

Den anderen Morgen, kaum daß er gewaschen und rasiert war, rief er nach dem Frühstück, und als die Resi es brachte, fragte er: »Hat diese -- Dame, die rothaarige, wirklich bei uns übernachtet?«

Freilich habe sie drüben geschlafen, berichtete die Resi dumpf und verdrossen. Im Zimmer vom Fräulein, wo jetzt das Ehebett stehe. Und schon in aller Früh' hätte sie nach warmem Wasser verlangt. Wie sie, die Resi, aber den Krug hineingebracht, da sei er ihr beinahe aus der Hand gefallen, vor lauter Scham.

»Denn in so einem Aufzug,« rief sie, wieder in Hitze geratend, »hab' ich noch nie kein Frauenzimmer nicht g'sehn! Und er -- ist daneben im Bett gelegen und hat zug'schaut! Meiner Seel', ich sag's aufrichtig, wie es ist,« schloß sie die Hände zusammenschlagend, »eine solche Bagasch ist mir mein Lebtag noch nicht vorgekommen!«

An diesem Morgen ging der Oberrechnungsrat früher aus, als er es gewöhnlich zu tun pflegte, und blieb auch länger fort als sonst. Vielleicht, daß ihm bei der Bewegung in freier Luft eine Erleuchtung kam. Immer hoffte er darauf, während er seine bohrenden Gedanken in Straßen und Anlagen spazieren führte. Aber immer drehten diese Gedanken sich im gleichen Kreise herum. Und als er die Treppe seines Hauses wieder emporklomm, war er nicht um ein Haar klüger als zuvor.

An der Wohnungstür fand er nun schon die Visitkarte seines Mieters angeheftet. Er las und wunderte sich. Es stand darauf gedruckt: »Scheinemann, Rechnungsrat a. D., Generaldirektor der Kondor-Ex- und Import-Handelsgesellschaft, G. m. b. H.« Kopfschüttelnd betrat er sein Bücherzimmer und fuhr erschrocken zurück, als wär' er auf eine Schlange getreten. Denn im Bücherzimmer saß -- Herr Scheinemann!

Breit und behaglich saß er in Herrn Plessens Klubsessel, las in einem Buch, welches er offenbar mit einem Stoß anderer Bücher, die vor ihm auf dem Tische lagen, einem der Regale entnommen, und rauchte eine dicke, schwarze, feine Zigarre dazu, deren bläulicher Rauch wie brauender Gebirgsnebel über dem Lesetisch schwebte.

»Entschuldigen Sie, Herr Oberrechnungsrat, wenn ich mich nicht stören lasse!« rief er ihm entgegen, ohne seine Stellung zu verändern. »Die Resi, die langweilige Person, wird ewig mit Aufräumen der paar Zimmerln nicht fertig, obwohl ihr meine Braut dabei hilft und ohnedies fast alles selber macht. So hab' ich mich halt einstweilen daherein geflüchtet. Teufel noch einmal, das ist ein schönes Zimmer! Und Bücher haben Sie -- mehr als gescheit. Aber lauter Schmarrn! Wer liest denn solches Zeug heut' überhaupt noch? Das einzige, was ich gefunden hab', sind die paar Memoirenbände, der Casanova. Sie haben ihn wahrscheinlich aus historischem Interesse angeschafft, mich interessiert er aber natürlich aus einem ganz anderen Grunde.«

Er lachte vergnügt auf und fuhr eifrig in dem Bande zu blättern fort, während die Asche seiner Zigarre auf den Teppich fiel. Herr Pleß hatte sich stumm und wie benommen auf einem Stuhle niedergelassen und wartete beinahe gespannt, was nun weiter geschehen würde. Da aber der andere, der offenbar auf eine besonders reizvolle Stelle gestoßen war, nicht Miene machte, mit Lesen aufzuhören, so räusperte er sich schließlich und sagte: »Die Karte an der Wohnungstür gibt mir Rätsel auf. Sind Sie denn wirklich schon Rechnungsrat --? Und sogar schon a. D.? Wie ist denn das möglich? Ich habe seinerzeit wenigstens fünfundzwanzig Jahre gebraucht bis zu dieser Rangstufe.«

»Ja, was glauben Sie denn?« sagte Herr Scheinemann, indem er als Lesezeichen ein Eselsohr ins Buch machte und dieses zuklappte. »Eine solche Schafsgeduld wie die Beamtenschaft von früher hat die heutige nicht mehr. Das geht jetzt alles durch die Organisation, und wenn die Regierung nicht pariert, so gibt's ganz einfach Streik. Verstanden? Übrigens hab' ich bloß den Titel und Charakter grad noch ergattert. Denn in dem Augenblick, wo ich pensionsfähig geworden war, hab' ich mich ohnedies empfohlen. Ist schon fast ein Jahr her; gestern, als wir uns begegneten, war ich nicht als Beamter im Amt, sondern als Querulant. Ich bin nämlich jetzt Partei und lasse mir von den Behörden nichts gefallen. Ein Trottel, wer es anders macht und auf die paar Netscherln aus dem Staatssäckel ansteht. Heutzutag' kann man doch von einem Beamtengehalt nicht leben! Ich bitte Sie! Manchen Tag verdien' ich mehr als wie ein Minister das ganze Jahr. Man muß es nur verstehn, den Leuten die Haut über die Ohren zu ziehen. Gehört halt auch Talent dazu.«

»Hm, daran fehlt es Ihnen freilich nicht,« sagte Herr Pleß mit einem Anflug von Laune. »Womit handelt eigentlich diese G. m. b. H. und warum heißt sie Kondor?« fragte er.

»Sie handelt mit allem, was man ex- oder importieren kann. Mit Hafer aus Jugoslavien, mit Antiquitäten nach Holland, mit Champagner aus Frankreich, mit Galanteriewaren nach Amerika usw. Hauptsächlich aber mit Mehl, Kohlen, Zigaretten, ausländischen Valuten -- kurz, mit allem, womit gerade ein Geschäft zu machen ist, gleichgültig welches. -- Gibt es hier keinen Aschenbecher?« unterbrach er sich. »Ach so, Nichtraucher ...«

»Und warum wir gerade Kondor heißen?« fuhr er fort, die Asche seiner Zigarre mit dem Zeigefinger in der Luft abschnippend. »Du lieber Himmel, jedes Kind muß nun einmal seinen Namen haben, da ist mir halt einmal in einer lustigen Stunde diese symbolische Bezeichnung eingefallen. Weil nämlich der Kondor auch so ein Raubvogel ist wie meine Firma. Er hackt seinen Schnabel und seine Fänge überall hinein, wo etwas Saftiges ist, und reißt einem jeden, der sich nicht wehrt, einen Fetzen Fleisch aus dem Leibe.«

»Und wo befinden sich eigentlich die Bureaus?« fragte Herr Pleß, seinerseits nun schon beinahe belustigt über die Dämonie dieser nicht eben vereinzelt dastehenden Zeitmoral.

»Das Hauptbureau,« erklärte Scheinemann, »bin ich und mein Notizbüchel. Und die Filiale ist drüben, in dem Zimmerl neben unserm Schlafzimmer. Meine Braut -- wenn Sie uns einmal besuchen, stell' ich Sie vor -- bedient die Schreibmaschine. Aber lang wird's nicht mehr möglich sein, weil wir uns zu vermehren gedenken ... Ein paar größere Zimmer würden wir halt brauchen,« sagte er, sich aufmerksam nach allen Seiten umsehend. »Damit wir bald ein paar Tippfräuleins einstellen könnten. Das Geschäft ist mit Kundschaft vollgesaugt wie ein Schwamm mit Wasser. Man muß rein die Leut' manchmal vor den Kopf stoßen, damit sie einen in Ruh' lassen, sonst wär's ohne ein richtiges Bureau wirklich nicht mehr zu dermachen.«

Die Wendung gegen die Wohnungsfrage, die das Gespräch genommen, hatte rasch die Spuren von Heiterkeit verscheucht, die sich bei Herrn Pleß regen wollten, und stürzte ihn in neue Sorgen. Er räusperte sich jetzt ein paarmal hintereinander, hustete ein wenig und rang nach Atem. Ein Stein lag ihm auf der Brust und machte seine Stimme trocken und heiser.

»Ich wundre mich,« sagte er zaghaft und beklommen, »daß es in Ihrem Geschäft keinen Parteienverkehr gibt.«

»Gibt es natürlich auch,« sagte Herr Scheinemann, ohne scheinbar zu ahnen, daß diese Eröffnung seinem Gastgeber nicht gerade angenehm sein konnte. »Nur ein bissel Geduld, von morgen an geht's los. Weil nämlich das Zirkular, das unsern Kunden meine neue Adresse bekannt gibt, erst heute versendet wird. Übrigens kaum der Rede wert -- dreißig, vierzig Leut' im Tag, wenn's hochkommt. Und ausschließlich gewähltes Publikum, Agenten, Kommissionäre, Schieber, lauter gute Bekannte von uns, zum Teil sogar persönliche Freunde. Übrigens -- Ihren Rock und Hut sollten Sie doch nicht im Vorzimmer hängen lassen, Herr Oberrechnungsrat. Befolgen Sie meinen Rat, man kann heute nicht vorsichtig genug sein.«

In diesem Augenblick schrillte die Flurglocke, geradeso wie es im Traum gewesen war -- Herr Pleß, durch den angekündigten Parteienverkehr, der angeblich nicht der Rede wert war, ohnedies schon fast am Ende seiner Kräfte, zuckte nervös zusammen, als hätte man ihm einen Schlag ins Genick versetzt.

»Jesses, das wird der Sizilianische Schwefel sein!« rief Scheinemann aufspringend. »Sie erlauben doch, daß ich die paar Fasseln einstweilen da im anstoßenden Zimmer aufstapeln lasse? Es wohnt ja niemand darin, so kann es auch niemand genieren, und ich hab' im Augenblick kein Magazin. Es handelt sich nur um einen ganz kleinen Posten, zwei-, dreitausend Kilo im ganzen -- spielt gar keine Rolle, was? Also gemacht, gemacht! Guten Morgen, Herr Oberrechnungsrat -- ja richtig, der Casanova!«

Er kehrte noch einmal um, nahm den Stoß Bücher unter den Arm und entfernte sich eilfertig. Draußen hörte man ihn eine Weile mit Frachtknechten herumschreien, dann wurde im Nebenzimmer die Tür aufgeschlossen -- den Schlüssel, der von der anderen Seite steckte, hatte Pleß unglückseligerweise vergessen rechtzeitig abzuziehen. Jetzt konnte man das Abladen von Frachten im Schlafzimmer von Herrn Plessens verstorbener Frau vernehmen, schwere Kisten oder Fässer wurden auf den Fußboden gestellt. Jedesmal gab es ein Gepolter, als würden Felsblöcke gewälzt.

Der Oberrechnungsrat saß still in sich zusammengesunken da und lauschte. Bei jedem erneutem Gepolter gab es ihm einen Stoß. Immer kleiner wurde er und gebückter und schließlich fast empfindungs- und teilnahmslos, als ginge ihn diese Sache, ja die ganze Welt nichts mehr an ...

Erst als die Frächter wieder fort waren und es draußen auf dem Gang und im Nebenzimmer ruhig wurde, ermannte er sich. Er stand auf und öffnete das Fenster, damit wenigstens der Zigarrenrauch sich verziehen könne, der noch immer das Bücherzimmer erfüllte.

Gegen Mitte der Woche kam wirklich der angekündigte Parteienverkehr allmählich in Gang und steigerte sich zusehends von Tag zu Tag, je mehr die neue Adresse der »Kondor G. m. b. H.« bekannt wurde. Von früh bis spät schrillte die Glocke, so daß die Resi vor lauter Türaufmachen fast keine Zeit zum Kochen mehr fand, und so oft man das Vorzimmer betrat, standen dort ein paar zweifelhafte Gestalten und warteten darauf, vom Herrn »Generaldirektor« empfangen zu werden.

Aber auch die Abende und Nächte brachten nicht die ersehnte Ruhe. Da kamen mit Gelächter und Gekirre die Freunde und Freundinnen, Flaschenkörbe wurden ins »Bureau« geschleppt, es gab Spiel- und Zechgelage. Bis lange nach Mitternacht hörte man oft zur Gitarre singen, Bänkel- und Negerlieder, Gekreische und Getute störten den Frieden des Hauses. Ja, es kam vor, daß mitten in nachtschlafender Zeit die Fensterscheiben zu schüttern und zu klirren begannen, man hatte die Tische, Betten und Stühle übereinandergetürmt und vergnügte sich trotz der Beengtheit des Raumes wie rasend an den modernen Tänzen.

Dabei hatten die oberflächlichen Instinkte, die achtlosen und schlampigen Gewohnheiten der lästigen Mieter auch noch jenes Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit in kürzester Zeit gänzlich zerstört, das eine abgeschlossene Wohnung sonst gewährt und sie recht eigentlich erst zu einem Heim macht. Bald blieb, wenn sich die lärmenden Zechbrüder in vorgerückter Stunde verabschiedet hatten, die Eingangstür aus Versehen offenstehen, so daß jeder, dem es beliebte, sich einschleichen konnte; bald fand man am hellichten Morgen die Lichter im Vorzimmer noch brennen; bald kam man darauf, daß irgend ein fremder Kerl, dem in seiner Trunkenheit vermutlich der Heimweg zu mühsam gewesen war, irgendwo in einem verborgenen Winkel, vielleicht in der Badekammer, als blinder Passagier übernachtet hatte. Einige von den Intimsten der »Kondor G. m. b. H.« hatten sich gar eigene Wohnungsschlüssel anfertigen lassen und spazierten nun dreist, so oft es ihnen beliebte, zu jeder Tages- oder Nachtzeit zur Tür herein.

Herr Pleß, schlaflos, übernächtig, zu Tode ermüdet, war in eine unerklärliche Stumpfheit verfallen, aus der er sich nicht aufzuraffen vermochte. Er fühlte sich außerstande, dem Unfug zu steuern oder überhaupt etwas zu unternehmen. Und allmählich lösten seine Gedanken und Gefühle sich von der umstrittenen Wohnung, von den Zimmern seiner Frau und seiner Kinder, an denen sonst sein Herz gehangen, von allem, was die Erinnerungen erdenschwer und unwiderbringlich machte, und suchten ein anderes Ziel.

Ach, was klammert der Mensch sich an irdische Dinge und Gegenstände, um seiner Einsamkeit zu entrinnen! Ist es nicht eine Täuschung? Sind es nicht unverrückbare Grenzen, in die jeder für sich und alles, was im Raum steht, unerbittlich eingeschlossen bleibt? Wird nicht die Einsamkeit dadurch zum zwingenden Gesetz? Aus ihr gibt es keine Erlösung, solange wir im Greifbaren leben. Und keine wahre Gemeinschaft und Vereinigung ist uns erreichbar, eh' unsere sehnende Seele nicht zurückgeflossen ist ins All.

In den Stuben seiner Kinder trieben nun die Scheinemanns ihr Unwesen, aus dem Schlafzimmer seiner Frau war ein Warenmagazin für Schiebergeschäfte geworden. Nein, die teuren Toten wohnten nicht mehr darin. Aber vielleicht war es gut so, daß er sich dessen bewußt geworden. Denn in den Zimmern der Wirklichkeit hätte er seinen Lieben doch nie begegnen können. Nur da, wo sie in Wahrheit weilten, bestand die Möglichkeit, sie wiederzufinden ...

Neue Mißhelligkeiten gaben Anlaß zu neuen Entschlüssen und drängten endlich gebieterisch zu entscheidenden Schritten.

Schon seit ein paar Tagen stand eine große, schwere Kiste, auf der mit roter Farbe die Warnung: »Vorsicht! Sprengstoff!« aufgemalt war, unbeachtet im Vorzimmer, und die angebrannten Zündhölzer, die Zigarren- und Zigarettenstummel, die sich auf dieser Kiste gefunden hatten, legten die Vermutung nahe, daß sie von scheidenden Gästen mit Vorliebe als Aschenbecher benutzt wurde. Dies hatte Herrn Pleß veranlaßt, einen Zettel zu Scheinemann hinüberzuschicken, mit dem Ersuchen, diese Kiste sofort zu entfernen; worauf die Antwort einlief, daß sie ganz bestimmt am Samstag würde abgeholt werden.

Als nun aber die Resi am Sonntag morgen das Frühstück hereinbrachte und berichtete, die Kiste stehe noch immer auf demselben Fleck, da lehnte Herr Pleß sich in seinem Sessel zurück und sagte tief Atem schöpfend: »Es geht so nicht weiter! Es muß ein Ende gemacht werden!«

Ein Schimmer von Hoffnung, den beispiellos starken Geduldsfaden des Oberrechnungsrates endlich reißen zu sehen, fiel bei diesen Worten in Resis umdüstertes Gemüt. Sie war in diesem Augenblicke beinahe geneigt, es für einen Glücksfall zu halten, daß die Scheinemanns in vergangener Nacht auch noch den Gashahn im Vorzimmer schlecht abgedreht und dadurch eine Gasausströmung verursacht hatten.

So eindrucksvoll wie möglich schilderte sie, Herrn Plessens Entschlossenheit zu befeuern, die Folgen, die daraus hätten entstehen können, wenn sie nicht durch den Gestank gerade noch rechtzeitig genug, um dem Verderben Einhalt zu tun, aus dem Schlafe geweckt worden wäre.

»Alle zwei hätten wir können tot sein,« beteuerte sie, »Sie und ich, wenn ich nicht gleich die Fenster aufg'rissen hätt'! Das ganze Vorzimmer war schon voll von dem Gift, und durch alle Klumsen hat es sich eingeschlichen!«

Sie öffnete ein Fenster und fragte: »Mir scheint, Sie merken gar nichts davon, daß es hier nach Gas riecht?«

Nein, er hatte es wirklich nicht gemerkt, erst jetzt, da die frische Luft einströmte, spürte er den Gasgeruch, der auch das Bücherzimmer erfüllte.

»Sehn Sie, das ist das Gefährliche dabei,« sagte die Resi. »Man gewöhnt sich im Schlaf daran, und eh' daß man aufwacht, ist man tot.«

»Eigentlich ein wünschenswertes Sterben!« sagte der Oberrechnungsrat vor sich hinsinnend.

»Na, ich bedank' mich dafür! An einer Schlamperei von den Falotten da drüben möcht' ich nicht zugrund gehn!«

»Hm! Ja, ja, freilich! ... Aber so, wie es jetzt ist,« wiederholte er, »kann es wirklich nicht länger bleiben ... Irgendwie muß ein Ende gemacht werden!«

Auf seinem Morgenspaziergang legte er sich seinen Plan zurecht. Er wollte den Herrn »Generaldirektor« daran erinnern, daß er gar nicht sein Mieter, sondern eigentlich bloß Gast sei, und daß es jedem Gastgeber freistehe, die gewährte Gastfreundschaft zu kündigen. Von diesem Rechte Gebrauch machend, wollte er ihn ersuchen, die Wohnung ehestens zu räumen.

Was konnte Scheinemann eigentlich dagegen einwenden? Es gab nach seiner Meinung keine andere mögliche Antwort darauf als die, sich zu empfehlen.