Part 5
Indessen wollte er sich von dem jähen Umschlagen seiner Stimmung nichts merken lassen und blieb bis auf weiteres in scheinbar düsterer Versunkenheit am Rande des Wassers stehen, was bewirkte, daß dem süßen Joachim das Herz bis zum Halse herauf zu pochen begann, denn er meinte jeden Augenblick, der andere würde ernst machen und ein heldisches Beispiel geben. In seiner Angst, die mit jeder Sekunde größer wurde, und während er krampfhaft sein Gehirn anstrengte, irgend ein Lockmittel ausfindig zu machen, womit der vermeintlich tatentschlossene Bock sich ins Leben zurückködern ließe, kam ihm plötzlich die Erinnerung, daß am Vorabend, als seine Tochter gerade eine Besorgung machte und er zufällig einen Augenblick allein in der Küche stand, etwas Papierenes durch den Briefspalt der Tür hereingesteckt worden war, und als er es auffing, so war's ein rosenrotes Briefchen gewesen, an Anna adressiert, und zwar von einer ihm wohlbekannten, nämlich von Ludwigs Hand. Das hätte zu denken geben müssen, an jenem Abend aber und dem folgenden Morgen war keine Zeit zum Denken gewesen, die »Tat« hing wie ein Schwert über seinem Haupt. Erst in diesem Augenblicke würdigte er die Bedeutung und den Wert seiner Entdeckung: ein Liebesbriefchen Ludwigs an Anna! Als ob ihm eine Rettungsleine zugeworfen worden wäre, so erlösend empfand er es, daß ein so kostbarer Umstand gerade in der höchsten Not ihm noch rechtzeitig eingefallen war.
Und er sagte: »Ich habe mich eines besseren besonnen, lieber Bock, und will nicht länger wählerisch sein, schließlich bin ich mit jeder Todesart einverstanden. Darum leuchte mir nur rühmlich mit gutem Beispiel voran, bester Freund, ich folge dir standhaft nach, und ging's in die Hölle, darauf kannst du dich verlassen. Denn im Grunde sterbe ich ja gern,« sagte er mit einem scheinheiligen Seufzer; »weiß ich doch mein süßes Zuckerkindchen, meinen teuren Liebling, meinen Augapfel, mein Herzblatt, die liebe gute Anna, glücklich und gottlob fürs Leben versorgt.«
Die Wirkung dieser Worte war, daß Bock sofort kehrtmachte und die Böschungsmauer wieder heraufkletterte. Der Verdacht, daß in der Schleifmühlgasse hinter seinem Rücken etwas ihm Unerwünschtes vorgehen mochte, weckte seinen Ärger, und leider knüpft Ärger die Menschen oft inniger ans Leben als Liebe. Außer der Leber regte sich aber auch noch die Neugier in ihm, denn wie alle Drechsler war er neu- und wißbegierig und hätte es nicht über sich gebracht, sich auszulöschen, solange der süße Joachim etwas wußte, das er selbst nicht wußte. Und schließlich war er im Grunde auch nicht böse darüber, daß er einen Anlaß fand, auf unauffällige Weise den Rückzug anzutreten. Denn seit dem Eintauchen der Hand ins kalte Wasser teilte er insgeheim Ziervogels ursprüngliche Meinung, daß in manchen Fällen ein bißchen Hinausschieben immer noch empfehlenswerter sei als ein vorschnelles Übereilen.
Der süße Joachim hatte ein bißchen geschwindelt, als er von Annas Glück und Versorgtsein fürs Leben faselte. Es war eine Rückkehr zur Wahrheit, als er nun aus dem Elefanten wieder die Mücke machte und dem stürmischen Fragen und Drängen Bocks die Beteuerung entgegensetzte, nichts weiter zu wissen, als daß Anna ein Briefchen empfangen habe, allerdings ein rosenrotes, und zwar von der Hand Ludwigs. Aber eine Rückkehr zur Ehrlichkeit war es noch immer nicht, denn absichtlich und mit Vorbedacht begleitete er seine Versicherung mit einem zweideutigen Lächeln, das in Bocks ohnedies schon mißtrauischer Seele die Überzeugung festigen mußte, es werde ihm etwas verheimlicht, und der andere wisse mehr, als er eingestehen wolle. Sonach bot sich dem Drechslermeister die schönste Gelegenheit, sich als den Gewissenhaften aufzuspielen, der noch nicht daran denken könne, ein besseres Jenseits aufzusuchen, weil er vorerst auf dieser Erde noch nicht entbehrlich sei.
»Es tut mir leid,« sagte er, »daß ich nun selbst derjenige sein muß, der eine Vertagung unsrer Tat beantragt. Aber es zieht mich jetzt nach Hause, nach dem Rechten zu sehn, ich kann nicht zugeben, daß der Ludwig eine Torheit begeht. An einem der nächsten Tage, sobald es mir gelungen sein wird, ihn zur Vernunft zu bringen, wollen wir dann um so entschlossener hierher zurückkehren und nachholen, was heute versäumt wurde. Für diesmal aber geh' ich heim, und zwar sofort und auf dem nächsten Wege. Denn mein Lebtag hab' ich mich an den Grundsatz gehalten: Erst die Pflicht, dann das Vergnügen.«
Daß Ziervogel über eine solche Wendung der Dinge nicht gerade ungehalten war und den Entschlüssen des Freundes keine Hindernisse in den Weg legte, läßt sich denken. Während des ganzen Rückwegs über die Praterwiesen hüpfte ihm das Herz im Leibe, noch nie entzückte ihn in solchem Maße das junge Grün auf den Bäumen, das liebliche Gedränge von Schneeglöckchen und Veilchen im Grase, und am liebsten hätte er selbst von Zeit zu Zeit einen Luftsprung ausgeführt wie ein Osterböcklein, hätte er nicht gefürchtet, sich des alten Bocks Ungnade dadurch zuzuziehen.
Als sie sich, von der Sophienbrücke kommend, der Gegend des Hauptzollamts näherten, hörte man wüsten Lärm von der Ringstraße her, alles war schwarz von Menschen, Geschrei und Gejohle stieg auf, böswillig zertrümmerte Schaufenster klirrten. Aufrührerische Arbeiter, die eine Kundgebung gegen die Teuerung veranstalteten und sinnlos Millionen von Werten vernichteten, weil die Not ihnen noch immer nicht groß genug war. So wenigstens meinte Bock, indem er wütend die Faust ballte.
»Diese Falotten! Diese Tagediebe! Diese Patentrepublikaner! Löhne beziehn sie wie die Minister, versaufen sie und wundern sich dann, wenn das Brot teurer wird!«
Der Zuckerbäcker war im Grunde derselben Ansicht, hatte es aber mit der Angst. Versprengte Trupps entschlossen aussehender junger Burschen zogen tatendurstig an ihnen vorüber!
»Um Gottes willen, Anselm, schweig still! Du bringst uns noch an die Laterne!«
Aber der Drechslermeister war nicht gewohnt, mit kandierten Meinungen aufzuwarten. Die Leber spielte ihm wieder einmal einen Streich, die bittere Leber.
»Diese Falotten! Diese Falotten! So ein Mob soll reif für die Freiheit sein?«
Da hatten ein paar von den Demonstranten die erhobene Faust wahrgenommen. Drohende Blicke und drohende Worte scheuchten die beiden Freunde zur Seite, sogar ein paar Püffe und Rippenstöße setzte es, die sie völlig von ihrer Richtung abdrängten. Ein wahres Glück, daß sich schon ganz in der Nähe der Stadtpark befand. So gelang es dem besonneneren Ziervogel, der den sinnlos wild gewordenen Drechsler untergefaßt hatte und mit Gewalt von der Straße fortzog, ihn und sich in die stillen und menschenleeren Anlagen zu flüchten, die wie eine grüne Schonung abseits von dem Lärm unter der milden Frühlingssonne träumten. Hier durften sie sich als gerettet betrachten, während außerhalb das Getriebe des Verkehrs und der Leidenschaften weitertobte.
Als sie nun, der eine erlöst aufatmend, der andere beharrlich weiter grollend, die breiten Kieswege zwischen frischbegrünten Sträuchern und frühblütigen Blumenbeeten entlang schritten, stutzten sie plötzlich, beide zu gleicher Zeit, und blieben stehen, sahen sich an und staunten. Sie schüttelten den Kopf, wollten ihren Augen nicht trauen, mußten sich aber schließlich doch überzeugen, daß das junge Mädchen, welches ihnen soeben über den Weg gelaufen war und nun die gepflegte Rasenfläche durchquerte, um plötzlich im Gebüsch zu verschwinden, niemand anders war als Ziervogels Herzblatt Anna. Jawohl, das »süße Zuckerkindchen« war es, wie er sie in zärtlichen Wallungen seiner Konditorseele nannte, es blieb kein Zweifel übrig, daß sie es wirklich war. Denn gerade in diesem Augenblicke brach sie wieder aus dem Gebüsche vor, erblickte und erkannte das unerwartete Väterpaar und eilte jetzt schnurstracks ihnen entgegen.
Mit fliegendem Atem begann sie zu erzählen, und es war höchste Zeit, daß sie es tat, bereits schwankten die beiden Alten, wen sie wohl für verrückt halten sollten, ob sich selbst, oder das Mädchen. Nun fand Annas auffallendes Tun seine Erklärung. Das Rotkehlchen hatte sie ausgelassen, den Schnaberl! Hatte ihm wollen die Freiheit schenken und gemeint, er würde sich jubilierend in die Lüfte schwingen und wie ein Pfeil davonsausen. Statt dessen flatterte das armselige Vögelchen ängstlich am Boden hin, hatte das Fliegen offenbar verlernt, oder es nie gekonnt, und wußte von der köstlichen Gabe der Freiheit keinen Gebrauch zu machen. Jämmerlich piepste es voll Sehnsucht nach seinem Käfig, war aber doch wieder zu geschreckt und unvernünftig, um sich haschen zu lassen, und huschte aufkreischend und flügelschlagend davon, wenn man die Hand nach ihm ausstreckte. Ein kläglicher Anblick und eine gefährliche Sache! Denn schon hatte eine pürschende Katze sich gezeigt, die lauernd das Einfassungsgitter entlangschlich. Solle der gute Schnaberl nicht das Opfer eines Abenteuers werden, so mußte man ihn möglichst rasch wieder einfangen, der Käfig war ihm unentbehrlich, er gewährte ihm Schutz gegen seine eigene Dummheit und Unfähigkeit.
»Helft mir um Gottes willen seiner habhaft werden!« bat Anna. »Wenn wir ihn geschickt treiben, daß er das offenstehende Türchen nur überhaupt findet, so kehrt er mit Wonne von selbst in die gesicherte Hut zurück und dankt seinem Herrgott, daß er unbehelligt wieder auf den Sprösseln hin- und herhüpfen darf und sein Futter im Nürscherl hat.«
Hilfsbereit stellten die beiden alten Herren sich zur Verfügung. Man entwarf einen Kriegsplan, postierte das Vogelbauer mit weitgeöffnetem Türchen einladend in die Mitte dichteren Buschwerks und versuchte nun den Schnaberl vorsichtig zu umzingeln und einzukreisen. Aber er mißverstand die wohlwollende Absicht, glaubte sich verfolgt und bedroht und flatterte in Todesangst vor den gutmeinenden Gönnern her, immer wieder ein Loch im Dreieck erspähend, durch das er entwischen konnte. Lange blieb das Kesseltreiben erfolglos, und so wenig der blinde Eifer der Verbündeten die Rasenflächen, die Fliederbosketts und selbst die Tulpen- und Hyazinthenbeete schonte, es schien doch eine Zeitlang alle Strategie zu versagen. Bis endlich durch einen Zufall der gehetzte Schnaberl, von einem vorüberlaufenden Kinde gerade in jenes Gebüsch gescheucht, wo der Käfig seiner wartete, diesen erblickte, Heimatserinnerungen in sich erwachen fühlte und, plötzlich wieder Vernunft annehmend, gemächlich hineinspazierte, um sich am Futternäpfchen für die ausgestandene Mühsal zu entschädigen. Dies gewahren, herzustürzen, das Türchen schließen und das Bauer mit Siegesfreude vom Boden heben und in ausgestreckter Hand hochhalten, war für Ziervogel das Werk eines Augenblicks.
Fast gleichzeitig indessen erbebte er bis ins innerste Mark, wie aus dem Boden getaucht stand eine drohende Gestalt vor ihm, ein Schutzmann, der ihm und dem erschrocken herbeigeeilten Bock bekanntgab, daß sie wegen freventlicher Beschädigung der öffentlichen Anlagen strafbar seien und zur Verantwortung gezogen werden müßten. Er holte einen Schreibblock aus der Tasche hervor und erforschte, die Personaldaten aufnehmend, Herz und Nieren der Übeltäter: »Wie heißen Sie? -- Und Sie? -- Alter? Beruf? Wohnung? Ziervogel und Bock -- eine saubere Firma! Anlagenzertrampler, G. m. b. H.! Schön! Na, warten Sie, Ihnen vertreib' ich das Verwüsten von Rasen und Blumenbeeten! Den heutigen Tag werden Sie sich merken, Sie sollen mir nicht ohne eine gesalzene Strafe davonkommen!«
Aufs tiefste gedemütigt und zerknirscht, erteilten die armen Sünder im Bewußtsein ihrer Schuld der Mensch gewordenen Gerechtigkeit bereitwillig die gewünschten Auskünfte, während das Bauer mit dem wieder fröhlich umherhüpfenden Schnaberl zwischen ihnen auf dem Kiesweg stand. Nach beendigtem Verhör sich umsehend, wo die Anna inzwischen geblieben sei, mußten sie feststellen, daß diese es vorgezogen hatte, unauffällig zu verschwinden, was man ihr eigentlich nicht übelnehmen konnte, da es gelungen und der Erfolg auf ihrer Seite war. In einigermaßen gedrückter Stimmung traten sie den Heimweg an, wobei die saure Arbeit, das Vogelbauer zu tragen, ausschließlich dem süßen Joachim zufiel. Denn Bock betrachtete den Schnaberl als interne Ziervogelsche Familienangelegenheit und ärgerte sich im stillen gelb und grün, daß er wegen des verflogenen Rotkehlchens zu einer empfindlichen Strafe verknurrt zu werden die schönste Aussicht habe, und zwar infolge süßlicher Auffassung der Pflichten gegen Singvögel seitens der Zuckerbäckerstochter, der er ohnedies schon grollte und den Kopf zurechtzusetzen sich geschworen hatte, falls sie seinem Ludwig diesen Körperteil mit der sogenannten Liebe wirklich sollte verdreht haben.
Bockig, wie er bei solchen Gelegenheiten war, höhnte er, im Schleifmühlgassen-Hause angelangt, während sie die Treppe hinaufstiegen, ingrimmig schnödetuend zwischen den Zähnen: »Da wären wir ja alle drei wieder reumütig in unsern Käfig zurückgekehrt!« Und damit wollte er sich ungesäumt in seine muffige Höhle verkriechen, fand aber die Tür verschlossen, so daß ihm nichts übrig blieb, als Ziervogels Einladung anzunehmen und vorläufig bei diesem einzutreten. Kaum aber hatte er die Schwelle überschritten, so stutzte er und staunte, und der süße Joachim nicht minder. Das Wohnzimmer war mit Reisig festlich geschmückt (Ludwig hatte ein übriges getan), ein feingedeckter Tisch, mit Flaschen und leckeren Speisen besetzt, die ein Blumenstrauß überschattete, schien nur der fröhlichen Gäste zu harren. Inmitten der Stube aber standen Arm in Arm Ludwig und Anna in Feiertagskleidern und begrüßten die in der Türöffnung erscheinenden Heimkehrer mit einer ebenso anmutigen wie tadellosen Verbeugung, sich als Verlobte empfehlend und in kindlicher Ehrerbietung den väterlichen Segen erbittend.
Der Ziervogelvater stellte den Schnaberl auf den Schubladkasten und bekam so die Hände frei, seine Tochter zu umarmen, nachdem er sich vorher noch umständlich geschneuzt hatte. Der alte Bock dagegen legte (bildlich gesprochen) die Hörner ein und versuchte den (nach seiner Meinung übergeschnappten) Sohn mit der Frage vor den Kopf zu stoßen, was dieser ganze Blödsinn eigentlich zu bedeuten habe? Worauf Ludwig den etwas derben, aber nicht ganz unerwarteten Ausfall überzeugt lächelnd mit dem Hervorziehen zweier Schriftstücke aus der Brusttasche parierte: das eine bescheinigte die erfolgreich abgelegte Bankprüfung, während das andere als der Bescheid eines namhaften und weitbekannten Fabrikunternehmens sich entpuppte, welches den Hauptmann Ludwig Bock unter seine Mitarbeiter aufzunehmen sich bereit erklärte und ihm dafür eine recht stattliche Entlohnung in Aussicht stellte.
Während der alte Bock noch sprachlos staunte, nahm der junge mit heiterer Bescheidenheit das Wort und sagte: »Du mußt dir aber, lieber Vater, in deinem berechtigten Stolz auf deinen Einzigen nicht etwa einbilden, daß ich dieses seltene Glück, so rasch einen aussichtsreichen Wirkungskreis gefunden zu haben, meinen besonderen Verdiensten verdanke (von denen mir leider nichts bekannt ist). Ich verdanke es lediglich der treuen Freundschaft des Vorstands und Leiters jenes Industrieunternehmens, eines ehemaligen Kameraden, mit dem ich sechs lange Jahre hindurch in Sibirien Freud und Leid geteilt habe, vorwiegend natürlich das letztere neben vielem Elend und Ungemach. Bin ich berechtigt, seine Freundschaft zurückzustoßen, wenn er nun auch seine Hoffnungen, seine aufbauende Arbeit und so Gott will, seine Erfolge mit mir zu teilen bereit ist? Ich habe eingeschlagen in die dargebotene Hand und gedenke meinen Mann zu stehen. Aber noch besser als einsam, wird mir dies an der Seite eines wackeren Weibes gelingen. Die Zeiten sind hart, manchmal sehen sie schier trostlos aus, so daß die Begründung einer Familie fast als ein kühnes Wagnis erscheinen könnte. Wir aber sind jung und wären es nicht, wären wir nicht voll des Glaubens und der Hoffnung. Mit Leichtsinn sollt ihr aber deshalb, liebe Väter, unser Vorhaben nicht verwechseln! Das Gehalt, das mir in Aussicht gestellt ist, sichert uns bis auf weiteres vor Not, es wird bei der Sparsamkeit, an die Anna gewöhnt ist, auch noch dazu reichen, euer Alter freundlicher zu gestalten, als es in den letzten Jahren gewesen ist. Und daß das Erträgnis meiner Arbeit sich auch in Zukunft nicht vermindere, sondern mit der voraussichtlich noch anwachsenden Teuerung Schritt halte, dafür laßt mich nur sorgen. So bitten wir euch denn, verehrte Väter, alle ängstlichen Bedenken, die ihr etwa gegen unsere Verbindung hegen solltet, entschlossen über Bord zu werfen und unsere getreue Absicht, den Stamm der Ziervögel und der Böcke in einer neuen Generation zur Einheit zu verschmelzen, nicht aus Zaghaftigkeit und Mangel an Zuversicht zu durchkreuzen.«
Nach dieser männlichen Rede, die den Zuckerbäcker in süße Zähren auflöste, während sie den Drechsler wenigstens mundtot machte, begab man sich zu Tische. Bei den belegten Brötchen blieb der bockende Anselm noch einsilbig und in sich gekehrt, als der Duft des Bohnenkaffees ihm aber in die Nase stieg und Anna durch Zusatz von etwas Sahne ihm den seit Jahren entbehrten »Kapuziner« mischte, da hob er drohend den Finger und schmunzelte dazu: »Mir scheint, ihr wollt uns darüber hinwegtäuschen, ihr Verschwender, daß diese Erde zur Hölle geworden ist?«
»Wäre sie's denn wirklich?« sagte Anna, seine Hand ergreifend und sie warm drückend. »Vielleicht ist sie nur ein Fegefeuer, in welchem wir uns, wenn wir uns tapfer bewähren, mit der Zeit noch einmal den Himmel verdienen können?«
Sie sah so anmutig dabei aus, daß sogar der alte Griesgram ein halb bewunderndes, halb ungläubiges Lächeln nicht unterdrücken konnte und kopfschüttelnd sagte: »Weiß Gott, fast scheint mir, die Menschheit ist tatsächlich nicht unterzukriegen!«
Von da ab taute er mehr und mehr auf, und als er erst ein Gläschen Wein getrunken hatte, wurde er sogar heiter, und beim zweiten brachte er auf einmal, sich selbst überraschend, das Wohl des Brautpaares aus.
Er freue sich, sagte er hieran anknüpfend, daß die Feindschaft, die doch lange zwischen Ludwig und Anna bestanden habe, so unerwartet begraben worden, doch nehme es ihn wunder, wie es bei der Überbrückung solch unvereinbarer Gegensätze wohl zugegangen sein möge? Worauf Ludwig, fast ein wenig ernst geworden, erwiderte, vielleicht sei die alte Feindschaft bloß in Vergessenheit geraten, daß sie regelrecht begraben wäre, davon wisse er eigentlich nichts; vielmehr hätte er im Schnee Sibiriens sich mehr als einmal schmerzlich daran erinnert, daß ihm für den Schupps, mit dem ein kleines Mädel ihn einst in den Schnee geschmissen, niemals eine richtige Genugtuung zuteil geworden.
»Ich bin in diesem Punkte glücklicher daran als du,« wendete Anna, nun ebenfalls plötzlich ernst geworden, sich an ihn; »denn für mich besteht die Möglichkeit, meine Schuld zu sühnen, indem ich Abbitte leiste, was ich hiermit denn auch feierlichst verrichte. Du selbst, lieber Ludwig, befindest dich in weit schlimmerer Lage, denn du könntest die begangene Rechtsverletzung nur gut machen, indem du mir mein Lieblingskugerl, das du damals gegen alle Spielregel raubtest, wieder zurückstellst. Dies bleibt natürlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn mit einem Ersatz ist mir nicht gedient, es müßte genau dasselbe marmorne Kügelchen sein, weil sich nur an dieses die Erinnerungen knüpfen, die mir teuer sind. Sonach würdest du ewig in meiner Schuld verharren, wäre ich nicht entschlossen, dein Unrecht nachzusehen und dir die Gewissenslast von der Seele zu nehmen. Erkenne, daß ich dir eine milde Herrin bin,« schloß sie großartig und huldreich: »ich schenke dir das einst geraubte und für immer verschollene Marmorkugerl!«
»Tausend Dank!« rief Ludwig, ihre Hand küssend, griff in die Westentasche und legte eine kleine Kugel aus rotem Untersberger Marmor vor sie auf das Tischtuch.
»In allen Fährlichkeiten des Krieges und der Gefangenschaft war dies teure Andenken aus Kindertagen mein Talisman. Daß ich es nun entsühnt als mein rechtmäßiges Eigentum betrachten und behalten darf, das stärkt in mir die Hoffnung, daß der Stern, der mich unversehrt durch eine Hölle von Gefahren geleitet hat, mir nun auch durchs Fegefeuer und in den Himmel hinein glückbringend voranleuchten werde.«
Damit steckte er die kleine Kugel wieder ein. Den glückbringenden Stern hatte er aber in Ton und Blick so beziehungsreich unterstrichen, daß niemand im Zweifel bleiben konnte, wer eigentlich damit gemeint sei, am wenigsten natürlich Anna selbst. Darum ergriff sie nun dankbar seine Hand und tat mit ihr dasselbe, was er vorhin mit der ihrigen getan.
Inmitten solch innig gemütlicher Stimmungen, die Ziervogel empfindungsvoll mitmachte, hatte der alte Bock, dessen Leber sich jetzt durch Durst hervortat, dem ungewohnten Wein emsig zugesprochen, und als Schnaberl auf einmal an sein Vorhandensein zu erinnern das Bedürfnis fühlte und in die Festfreude hinein seine kleine, behutsame, etwas schwermütige Rotkehlchenkantilene vernehmen ließ, fing er plötzlich ganz erbost Händel mit ihm an und befahl ihm still zu sein und nicht zu mucken, er hätte hier nichts mitzureden und könne froh sein, wieder gesichert in seinem Käfig zu sitzen.
»Was meinst du, Ziervogel,« sagte er; »sind wir nicht berechtigt, ein lustiges Lied von ihm zu fordern? Ist er nicht freiwillig und mit wahrem Vergnügen in seinen Käfig zurückgekehrt?«
»Genau so wie ich,« antwortete Ziervogel mit einer nur dem Freunde verständlichen Anspielung und fing, da er gleichfalls den Wein nicht geschont hatte, etwas unvermittelt zu lachen an. »Ich gesteh' es ganz offen, hi, hi, hi, ich bin nicht reif für die Freiheit!«
»Nein, das ist richtig, du bist nicht reif für die Freiheit!« bestätigte Bock, dem es Spaß machte, dem jungen Paar Rätsel aufzugeben. »Aber wenn ich ganz aufrichtig sein soll, und um die Wahrheit zu gestehn« -- er legte die Hand an den Mund, beugte sich vor und flüsterte ihm ins Ohr: »~Ich auch nicht!~« Und ebenfalls in unbändiges Lachen ausbrechend, konjugierte er: »Ich bin nicht reif, und du bist nicht reif, und der Schnaberl ist nicht reif für die Freiheit! Ha, ha, ha ...!«
»Nein, der Schnaberl, hi, hi, hi, der ist erst recht nicht reif für die Freiheit!« gröhlte Ziervogel.
»Wir sind alle nicht reif für die Freiheit!« schrie Bock, vor Lachen fast platzend. Und angesäuselt, wie er war, hob er das Glas: »Im Grunde ist das Leben doch ein recht fideler Käfig! Es lebe hoch, hoch, hoch!«
Der süße Joachim setzte seine Baßstimme ein, und die beiden Alten begannen zu singen: »Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht ...«
Während die Wogen der Feststimmung so fröhlich schäumten und brandeten, war der guten Anna, durch den Schnaberl daran erinnert, plötzlich der Felix eingefallen, jener bedauernswerte kleine Junge, der oben im Dachgeschoß krank lag. Wie würde der sich freuen, wenn er erfuhr, daß das Rotkehlchen wieder da war und auch in Zukunft freiwillig dableiben würde.
In einem unbewachten Augenblicke stahl sie sich fort und eilte, den Schnaberlkäfig im Arm, die Treppe hinauf, pochte an die Tür und trat, als sich nichts rührte, behutsam ein. Still und unbewegt lag der kranke Knabe in seinem schmalen Bett, auf den Fußspitzen näherte sie sich und stellte, wie sie es sonst getan, das Bauer leise auf die Bettdecke. Es fiel ihr auf, daß er keine Freude äußerte, überhaupt kein Lebenszeichen von sich gab -- schlummerte er schon? Mit pochendem Herzen beugte sie sich über ihn, ergriff seine Hand, ließ sie aber erschrocken wieder los, denn es war die kalte, starre Hand eines Toten.
Da hob sie den Käfig mit dem Vogel vorsichtig wieder von der Bettdecke, stellte ihn auf den Fußboden und stand mit gefalteten Händen an der Seite des Bettes. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie erinnerte sich, wie verständnisvoll und innerlich miterlebend der arme Junge sie in ihrem Vorhaben bestärkt hatte, dem Schnaberl die Freiheit zu schenken. Wie aus jedem seiner Worte seine eigene unbegrenzte Sehnsucht sich offenbarte: Hinaus! Ins Freie! Ins Weite und Unbegrenzte! ...
Und dazwischen hörte sie die Mutter des Knaben in ihrem vergrämten und verbitterten Tone sagen: »Felix heißt er, jawohl, Felix. Denn das bedeutet: der Glückliche ...«
Die Sphinx
Es war noch in der Zeit vor dem Weltkrieg, daß ich hier und da einmal, wenn mein Weg mich durch die städtischen Anlagen führte, einem hageren alten Herrn begegnete, der sich, auf seinen Stock gestützt, mühsam vorwärtsbewegte. Infolge seiner Jahre oder durch irgend eine Nervenkrankheit gelähmt, konnte er beim Gehen die Füße nicht mehr heben, und es sah bejammernswert aus, wie er sie Schritt vor Schritt mit scharrendem Geräusch über den Kies der Parkwege hinschleifte und sich abplagte, vom Fleck zu kommen. Irgend jemand nannte mir gelegentlich seinen Namen, ich hatte ihn aber bald wieder vergessen. Er war General des Ruhestandes, und es gab eine ziemliche Anzahl pensionierter Generale in der mittelgroßen Provinzstadt, in der ich mich damals vorübergehend aufhielt: die liebliche Umgebung, die ausgedehnten Gärten und öffentlichen Anlagen, die sie auszeichnen, und die im Vergleich zur Hauptstadt einfacheren und wohlfeileren Lebensbedingungen, die sie zu jener Zeit noch gewährte, machten sie zu einem gesuchten Wohnort für Ruhebedürftige mit beschränktem Einkommen.