Chapter 12 of 14 · 3877 words · ~19 min read

Part 12

Herr Pleß blieb stehen, nahm den Hut ab und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. Schon die paar Schritte Bewegung im Freien hatten ihn erschöpft, so herabgekommen war er durch Kummer und schlaflose Nächte. Aber dieser Augenblick bedeutete eine Wendung. Er wunderte sich darüber, wie einfach die Sache eigentlich lag. Mußte dieser Weg nicht unbedingt zum Ziele führen? Für den äußersten Fall hatte er ihn sogar schon einmal in Aussicht genommen gehabt, damals, nach der ersten Begegnung mit Scheinemann. Schon längst hätte er ihn betreten sollen, anstatt sich zwecklos zu quälen. Er zerbrach sich den Kopf darüber, weshalb er es nicht getan. Und er fand keine andere Erklärung dafür, als daß einem in Zuständen der Erregung gerade das Allernatürlichste und Nächstliegende manchmal zu allerletzt einfällt.

Erleichtert kehrte er nach Hause zurück und hatte nur mehr die eine Sorge, wie er Scheinemanns heute, am Sonntag, habhaft werden sollte. Denn an geschäftslosen Tagen schien dieser, nach den bisherigen Erfahrungen zu schließen, offenbar die Gewohnheit zu haben, im Auto über Land zu fahren, oder Gäste bei sich zu sehen. Als er aber ins Bücherzimmer trat, saß wieder einmal -- und diesmal nicht ganz unwillkommen -- der Herr »Generaldirektor« in eigener Person im Klubsessel und schmauchte eine seiner dicken, schwarzen Zigarren.

»Ich warte auf Sie, Herr Oberrechnungsrat,« begann er sofort und erhob sich. »Ich wollte mir erlauben, Sie um eine kurze Unterredung zu ersuchen.«

»Ich hatte denselben Wunsch. Bitte, behalten Sie Platz. Womit kann ich dienen?«

»Sie werden bemerkt haben, daß für meinen ausgebreiteten Geschäftsbetrieb die Räume, die Sie mir zugewiesen haben, nicht ausreichen. Überdies sind wir -- vom Geschäft ganz abgesehen -- unser zwei, nämlich meine Braut und ich; Sie dagegen nur ein einschichtiger alter Herr. Jeder Unparteiische muß einsehen, daß die Wohnung ungerecht verteilt ist. Das lasse ich mir nicht länger gefallen. Mit einem Wort, um es kurz zu machen: Ich ersuche Sie, mir dieses größte und schönste Zimmer, in dem wir uns jetzt befinden, und das ich für meine Firma dringend benötige, ferner das anstoßende größere Zimmer, endlich das kleinere, das einst Ihre Tochter bewohnte, und das jetzt unser Schlafzimmer ist, zur freien Verfügung zu stellen. Für Ihre Bedürfnisse reicht die Kammer vollkommen aus, in der einst Ihr Sohn wohnte, und mit der ich mich nach Ihrer liebenswürdigen Absicht hätte begnügen sollen. Bei dem zurückgezogenen Leben, das Sie führen, und das durch Ihr Alter und durch Ihre mißlichen Vermögensverhältnisse bedingt ist, dürften Sie mit diesem Zimmer, das immerhin Raum für alles Notwendige bietet, bei einigem guten Willen Ihr Auslangen finden können.«

»Ja ... wie ... was ... Sie meinen ...« Herr Pleß rang nach Atem. »Und wo soll ich denn ... meine Bibliothek --?« stammelte er, außer sich vor Angst und Entrüstung. »Wo soll ich denn dann meine Bücher unterbringen?«

»Die alten Schwarten -- wenn Sie sie nicht lieber verkaufen wollen, was bei Ihrem heruntergekommenen Ernährungszustand sicher das ratsamste wäre -- packt man ganz einfach in Kisten und verstaut sie auf dem Dachboden. Überbrauchte Kisten kann ich Ihnen zu dem Zweck gern zur Verfügung stellen.«

Der Oberrechnungsrat hatte rasch seine Fassung wiedergewonnen. Daß Scheinemann seine Bücher beschimpft und alte Schwarten genannt hatte, das segnete ihn plötzlich mit der Leidenschaft und dem Mut der eigenen Meinung.

»Sie undankbarer Mensch!« schrie er und hieb die Faust auf die Platte des Lesetisches. »Sie heimtückischer Lotterbube! Was nehmen Sie sich heraus? Mit welchem Recht spielen Sie hier den Herrn? Als Gast hatte ich Sie aufgenommen -- leider, leider! Und nun treten Sie mir als ein schamlos Fordernder entgegen? Ich kündige Ihnen hiermit die Gastfreundschaft! Jawohl! Ich setze Ihnen den Stuhl vor die Tür! Ich bin nicht verpflichtet, einen Gast bei mir zu beherbergen! Nein! Dazu bin ich nicht verpflichtet, merken Sie sich das! Und habe es auch satt, Ihre Übergriffe länger zu erdulden! Meine Langmut ist zu Ende! Ich delogiere Sie! Jawohl! Sie, samt Ihrer geschminkten Mätresse und der ganzen unsauberen Schiebergesellschaft! Gehn Sie! Ich weise Sie hinaus! Haben Sie verstanden? Machen Sie, daß Sie fortkommen! Treten Sie mir nicht mehr unter die Augen!«

Er hielt keuchend inne und war etwas betreten, daß der Erfolg seiner geharnischten Worte einigermaßen zu wünschen übrig ließ. Der Herr Generaldirektor hatte ihm die ganze Zeit scheinbar ohne jede Bewegung gerade ins Gesicht gesehen und ruhig gewartet, bis er zu Ende wäre. Jetzt sagte er mit seinem breiten, herausfordernd frechen Lächeln um die Lippen: »Ihre unqualifizierbaren Invektiven einer Erwiderung zu würdigen, verbietet mir die Selbstachtung. Bezüglich der mir gewährten Gastfreundschaft und meines Verhältnisses zu Ihnen und Ihrer Wohnung dürften aber doch einige aufklärende Bemerkungen, die ich mir zu gestatten bitte, am Platze sein.«

Damit zog er eine dicke Brieftasche hervor und zählte gelassen sechs nagelneue blaue Tausendkronenscheine auf das Fenstertischchen.

»So --!« sagte er, »da ist die Vierteljahrsmiete für die zwei Zimmer, die ich bisher innehatte. Mehr können Sie für diese Lückerln wirklich nicht beanspruchen. Wenn Sie aber glauben, mit Ihrer scheinbaren Großmut das Gesetz umgehen zu können, so befinden Sie sich auf dem Holzweg. Bei mir wenigstens sind Sie mit solchen Kniffen an den Unrechten gekommen. Wir sind unser zwei Personen, ich habe nach dem Gesetz Anspruch auf drei Zimmer und bin nicht der Mann, der sich um sein gutes Recht betrügen läßt. Ich rate Ihnen gut: Überlegen Sie sich meinen Vorschlag. Und vergessen Sie dabei das eine nicht, daß ich Sie mit Haut und Haar in meiner Hand habe. Wenn Sie nicht Räson annehmen, so zeige ich Sie ganz einfach an. Denn ich weiß genau, daß Sie Ihr Bücherzimmer listig verheimlicht haben. Jawohl! Geschwindelt haben Sie! Hinterzogen haben Sie! Und welche Strafe auf Hinterziehung von Räumlichkeiten steht, das wird Ihnen vielleicht selbst bekannt sein.«

Er stand auf und verließ ohne Gruß das Bücherzimmer. Die Resi hörte ihn mit herrischem Tritt an der Küche vorbeimarschieren. Voll Spannung wartete sie, ob der Herr Oberrechnungsrat vielleicht herauskommen und ihr wenigstens andeutungsweise verraten würde, wie er seinen Vorsatz, »ein Ende zu machen«, ins Werk gesetzt hätte. Nachdem aber eine geraume Zeit verstrichen war, ohne daß er sich gezeigt hätte, so hielt sie es schließlich nicht länger aus und beschloß, obgleich es noch etwas zu früh dafür war, den Tisch zu decken.

Ins Bücherzimmer eingetreten, fand sie ihren Herrn, den Kopf in die Hand gestützt und anscheinend tief in Gedanken versunken, im Klubsessel sitzend, wagte es aber nicht, das Wort an ihn zu richten. Die ganze Zeit, während sie leise und behutsam am Tisch herum hantierte, bewegte er sich nicht ein einziges Mal, sondern verharrte regungslos, als wär' er zu Stein erstarrt, immer in der gleichen Stellung. Nichts Gutes ahnend, wollte sie eben das Zimmer wieder verlassen und in ihre Küche zurückschleichen, als er sie anrief.

»Ach Resi,« sagte er mit einer gänzlich veränderten, merkwürdig gequälten Stimme, »seien Sie so gut -- ich fühle mich fast zu matt, um aufzustehn -- reichen Sie mir doch das rote Buch her, das dort in der dritten Reihe steht.«

Dienstfertig suchte sie nach dem Gewünschten und griff nach einem großen roten Bande in der bezeichneten Reihe, um ihn herabzulangen.

»Nein, das ist es nicht! Rechts davon!« rief er ungeduldig. »Noch weiter rechts, das kleine rote Bändchen, ›Marc Aurel, Selbstbetrachtungen‹ steht auf dem Rücken.«

Endlich hatte sie's gefunden und brachte es ihm.

»Sind der gnä' Herr am End' gar krank?« fragte sie voll Sorge.

»Nein! Gar nicht, gar nicht! Besten Dank!« sagte er abweisend und begann in dem Bändchen zu blättern.

Während sie ihn beim Mittagessen bediente, war er ununterbrochen in das kleine rote Buch vertieft, achtete ihrer nicht, sprach kein Wort, berührte die Speisen kaum, las nur immer und las ...

»Jetzt hat er wieder einmal den Leserappel,« dachte die Resi und war nun schon fest überzeugt, daß der Versuch, die Scheinemanns abzuschütteln, mißlungen sein mußte.

Am Nachmittag hätte sie, da Sonntag war, »Ausgang« gehabt, verzichtete aber darauf, um zur Stelle zu sein, falls ihr Herr, der ihr durchaus nicht geheuer vorkam, irgend etwas benötigen sollte. Er verlangte jedoch kein einziges Mal nach ihr, und als sie ihm den Tee brachte, sah sie ihn am Schreibtisch sitzen. Er schrieb emsig oder rechnete und hatte eine Menge Papiere, Briefschaften und Rechnungen um sich liegen.

»Zum Abendbrot heute nichts als abermals eine Tasse Tee!« befahl er, flüchtig aufblickend.

»Der Herr Oberrechnungsrat sind halt doch nicht ganz beisammen!« stellte sie mit Überzeugung fest.

»Ein bißchen abgespannt -- nichts weiter. Vielleicht geh' ich etwas früher als sonst zu Bett ... Ja, was ich sagen wollte: Meinen schwarzen Anzug bürsten Sie mir aus, bitte, und hängen ihn herein. Morgen früh muß ich zu einem Leichenbegängnis.«

»Eine Leich'?« fragte sie erstaunt. »In aller Früh'?«

»Ja, ausnahmsweise am Morgen ... Ich habe jetzt noch ein paar Stunden zu arbeiten und möchte ungestört sein. So gegen acht vielleicht, wenn Sie so freundlich sein wollten ...«

Sie verrichtete alles, wie er sie geheißen, klopfte gegen acht an die Tür, hängte den gesäuberten Anzug herein und räumte das Bett ab. Nachdem sie auch noch den gewünschten Abendtee gebracht, glaubte sie zu bemerken, daß er bereits Anstalten machte sich niederzulegen. Da fragte sie, ob er noch etwas benötige, und als er verneinte, empfahl sie sich und wünschte gute Nacht und baldige Besserung.

»Leben Sie wohl, Resi!« rief er ihr in einem milden, herzlichen Tone nach.

»Ein guter Herr,« dachte sie. »Wie anders könnt' alles sein, wenn's anders wär'!« ...

Und Bangigkeit im Herzen legte sie sich, müde und bekümmert, wie auch sie war, ebenfalls vorzeitig zu Bett. Aber von Einschlafen war lang keine Rede. Heute ging's da drüben wieder toll zu. Sang und Lustbarkeit, Gejohle und Gekreisch. Das Knallen der Champagnerpfropfen hörte sie bis in ihr dunkles Stübchen herein, und wenn ein Vivat ausgebracht wurde, so klang's, als sei eine ganze Volksmenge in den zwei kleinen Zimmern versammelt. Wohl ein paar Stunden lauschte sie den ausgelassenen Geräuschen, bis doch die Müdigkeit ihr allmählich die Ohren verstopfte.

Da seufzte sie auf und sagte zu der verstorbenen Frau Pleß -- denn immer redete sie, wenn sie in Gedanken sprach und ihre Ansichten äußerte, mit der seligen gnädigen Frau -- ...

»Nein, wie's heutigentags in der Welt zugeht,« sagte sie -- »ich bin mir wirklich nicht mehr gescheit genug! Behörden haben wir in die Haut hinein, eher zu viel als zu wenig, und drangsalieren tun sie die anständigen Leut', daß ihnen das Blut unter den Nägeln herausspritzt. Aber die Schieber und Schleicher und Volksaussauger, die dürfen prassen, und das Geld, das sie den Ehrlichen abgeknöpft haben, zum Fenster hinausschmeißen -- da rührt sich keine Behörde, da schaun die Herrn Drangsalierer ruhig zu und stehn da wie die Waserln und schupfen die Achsel: Ja, da kann man nix machen!«

Und die selige Frau Oberrechnungsrat, als die Resi ihr so ihr Herz ausschüttete, nickte mit dem Kopf und lächelte, wie nur die Seligen lächeln können, und sagte: »Lassen Sie sich deswegen kein graues Haar wachsen, Resi. Wenn die Welt anders wär', als sie ist, dann wär's ja keine Kunst, aus dem Leben als halbwegs so anständiger Mensch wieder herauszukommen, wie man einst als unschuldiges kleines Kind in sie hineingekommen ist!«

Das leuchtete der Resi ein und beruhigte sie einigermaßen. Sie mußte selber lächeln und schwebte allmählich so federleicht, als ob sie ein Schmetterling und keine Köchin gewesen wäre, ins Blumenland des Traums hinüber, obgleich nur wenige Schritte von ihrer Zimmertür entfernt, drüben im Reich des »Kondors«, das Singen, Kreischen und Johlen noch lange bis nach Mitternacht weitertobte.

Den nächsten Morgen, als die Resi aus ihrer Kammer trat und in die Küche gehen wollte, fand sie einen Zettel an die Tür geheftet, darauf stand mit Blaustift geschrieben: »Achtung! Der Gashahn ist geöffnet!«

Von Schreck fast gelähmt, stieß sie die Tür auf, ein entsetzlicher, atemverlegender Geruch schlug ihr entgegen -- Jesus Maria! Da saß eine schwarzgekleidete Gestalt ... und rührte sich nicht ...

Weit riß sie die Fenster auf.

»Zu Hilfe! Zu Hilfe!«

In ihrer Not stürzte sie an die Tür des Mieters.

»Wer klopft? Wer ist draußen? Was wollen Sie denn?«

»Der gnädige Herr --! der Herr Oberrechnungsrat --!«

»Also was ist denn eigentlich los?«

»Tot ist er! Umgebracht hat er sich! Der Gashahn ist offen!«

»So machen Sie den Gashahn wieder zu und die Fenster auf. Und dann holen Sie die Polizei. Was hab' denn ich dabei zu tun?«

Wie im Wahnsinn rannte sie davon, die Treppe hinunter. Es regnete in Strömen, über ihren Füßen, die nur mit weichen Hausschuhen bekleidet waren, spritzte das Wasser der Pfützen zusammen. Da stand der Wachposten. Mit fliegendem Atem berichtete sie ...

An der Wohnungstür, die offen stehen geblieben war, hatte sich inzwischen ein Trüppchen Neugieriger angesammelt. Leute aus dem Haus, aus den Keller- und Dachwohnungen, Dienstmädchen, Hausmeisterbuben. Scheu traten sie näher, stießen und schoben einander vorwärts, wagten sich nicht weiter und kamen doch allmählich vom Fleck. Bis einer auf die Schnalle der Küchentür drückte -- da fuhren sie aufkreischend zurück, flüsterten untereinander und spähten abermals durch die Türspalte ...

Der Wachmann, mit dem die Resi zurückgekehrt war, wies die Unberufenen hinaus. Unten tönte eine Hupe.

Der Wachmann hatte telephonisch die Meldung weitergegeben. »Da ist schon die amtliche Kommission,« sagte er.

Im ersten Augenblick hatte die Resi an die Wohnungskommission gedacht. Aber freilich -- sie wußte es ja, es handelte sich um die Aufnahme des Augenscheins.

Als sie die Herren in die Küche geleitete, prallte sie neuerdings entsetzt zurück. Da saß noch immer die schwarzgekleidete Gestalt, in derselben Stellung, regungslos. Krampfhaft hielt die herabgesunkene Hand den Schlauch des Gaskochers umklammert ...

Der Polizeikommissar, während der Arzt sich um den Toten zu schaffen machte, ersuchte um Feder und Papier. Gerne ergriff die Resi den Anlaß, sich aus der Küche zu entfernen. Sie trat ins Bücherzimmer, das Gewünschte zu holen, und erstarrte -- Scheinemann und die Rothaarige waren mit einem Zollstab an der Arbeit, die Länge der Wände abzumessen.

Den Blick voll unauslöschlichen Hasses auf das Paar gerichtet, sagte sie mit Betonung: »Hier ist das Zimmer vom gnädigen Herrn!«

»Schweigen Sie!« herrschte der Generaldirektor sie an. »Noch heute verlassen Sie das Haus, Sie freche Person! Schauen Sie meine Frau an! In ein paar Tagen sind wir unser drei, dann haben wir Anspruch auf eine Vierzimmerwohnung!«

Und die Rothaarige verzog die Mundwinkel, daß die dicken, gepuderten Wangen wie zwei weiße Äpfel hervorsprangen, und sagte mit ihrem stark slawischen Akzent: »Fir Dohde braucht das Wonnungsahmt nicht merr zu sohrgen!«

In diesem Augenblick hatte Herr Scheinemann die sechs großen blauen Banknoten bemerkt, die er gestern dem Oberrechnungsrat ausbezahlt hatte. Unberührt lagen sie noch auf dem Fenstertischchen. Rasch trat er hinzu, faltete sie sorgfältig zusammen und steckte sie mit seinem widerwärtigen breiten Lächeln in die dickgefüllte Brieftasche.

Die Zobelkinder

Aus den Aufzeichnungen eines geistigen Arbeiters

Der Winter bei uns ist rauh, fast seit meiner Geburt trage ich mich mit dem Gedanken, mir einmal einen Stadtpelz anzuschaffen. Aber bis jetzt hab' ich es noch nie so weit bringen können. Darum getraue ich mich auch in keinen Kürschnerladen hinein und begnüge mich damit, die Schaufenster als Außenseiter zu betrachten. Nur das Geschäft Zum Zobel in der Krummen Gasse wage ich gelegentlich zu betreten und bewahre ihm sogar eine gewisse Anhänglichkeit, weil es nämlich früher einmal meinem Freunde, dem Kürschnermeister Wittig gehörte, mit dem ich in die Volksschule gegangen bin. Er war schon damals ungemein strebsam, was ich von mir leider nicht behaupten kann. Nach den untersten Schulklassen trat er bei einem Kürschner in die Lehre, während ich auf Karriere verzichtete und mich den Studien zuwendete.

Die Kürschnerei Zum Zobel war und ist eine wahre Goldgrube, was mein Freund Wittig, solange er lebte, allerdings beharrlich leugnete. Daß er in diesem Punkte nicht ganz aufrichtig war, wußte in der Krummen Gasse jedes Kind, obgleich, oder vielleicht gerade deshalb, weil er beständig über schlechte Zeiten jammerte. Denn das ist immer das beste Zeichen, daß es einem Gewerbsmann gut geht. Wenn man ihn an das Sprichwort erinnerte: »Handwerk hat einen goldenen Boden,« so gab er seufzend zur Antwort: »Jawohl, das sagte der Weber, als ihm die Sonne in die leere Brotlade schien!« Offenbar gehört zum Gewerbe auch ein bißchen Verstellung, wie denn ein anderes landläufiges Sprichwort es ziemlich unverblümt ausspricht, daß ein Handwerksmann und ein Krämer, die nicht lügen, keine Losung hätten. Nun, ich muß gestehen, daß ich manche Tageslosung Wittigs mit Vergnügen gegen mein gesamtes Jahreseinkommen ausgetauscht hätte. Wieviel der Zobel nur allein an mir, der ich doch eine recht bescheidene Existenz bin, im Laufe der Jahre schon verdient hat, das läßt sich heute gar nicht mehr nachrechnen. Denn alljährlich gebe ich dort meine Pelzkappe und den Muff meiner Frau über den Sommer zur Aufbewahrung. Und wenn ich beides im Herbst wieder abhole, so erkundige ich mich jedesmal, wieviel jetzt ein Stadtpelz kostet. Aber der ist freilich auch jedesmal wieder um ein Ziemliches teurer geworden, sonst hätte ich mir vermutlich schon längst einen gekauft, was dem Zobel neuerdings ein schönes Stück Geld eingetragen haben würde.

Der Kürschnermeister Wittig war natürlich nicht gleich vom Lehrjungen weg Meister geworden, sondern ursprünglich bloß Geselle gewesen. Als solcher vermählte er sich zum ersten Male, und zwar mit einer perfekten Köchin, die nicht nur sein Leibgericht, eine süße Mehlspeise, die man in Wien unter dem Namen »Topfenhaluschka« verehrt, ganz wunderbar zuzubereiten verstand, sondern ihm auch ein lediges Kind in die Ehe mitbrachte. Da er dasselbe tat, so glich sich die Sache aus. Der Köchin schlug das Verheiratetsein übrigens vortrefflich an, sie wurde mit jedem Tage dicker und gewann schließlich einen solchen Leibesumfang, daß man wie bei einer alten Eiche, sobald man sie nur erblickte, unwillkürlich darüber nachzusinnen begann, wie viele Männer wohl nötig wären, sie zu umspannen. Nach kurzer, aber um so glücklicherer Ehe starb sie denn auch an Fettsucht, woraus man wohl abermals mit einigem Recht den Schluß ziehen darf, daß das Kürschnergewerbe seine Leute nicht leicht an Unterernährung zugrunde gehen läßt.

Da sie ihrem Gatten zwei Knaben geboren hatte und die beiden außerehelichen Kinder ebenfalls Knaben waren, so stand Wittig nach ihrem Tode mit vier männlichen Nachkommen hilflos und allein in der Welt. Nichts natürlicher, als daß in solcher Lage ein ehrlicher Kürschnergehilfe, der sein Hauswesen nicht vor die Hunde kommen lassen will, sich sofort nach einer neuen Lebensgefährtin umsieht. Das Glück wollte es nun, daß ungefähr um dieselbe Zeit die Kürschnermeisterin Zum Zobel in der Krummen Gasse das gleiche Unglück betroffen hatte. Nach kaum achtjähriger Musterehe war ihr nämlich ihr Mann durch den Tod abhanden gekommen und hatte ihr außer der Kürschnerei vier allerliebste kleine Mädchen und die Sehnsucht nach einem neuen Manne hinterlassen. Sie hielt deshalb Ausschau nach einem Gegenstande, der der dreifachen Aufgabe eines Zobelmeisters, -vaters und -gatten gewachsen wäre und hatte alsbald eine Auge auf den stattlichsten ihrer Gesellen geworfen, und das war selbstverständlich kein anderer als mein Schulfreund Wittig.

Die Trauung, die in der Kirche des heiligen Laurentius stattfand, und bei der mir die Ehre widerfuhr, als Trauzeuge fungieren zu dürfen, war ein überaus lieblicher Anblick. Es standen nämlich zugleich mit den Brautleuten nicht weniger als acht herzige Kindchen vor dem Traualtar, die vier Knaben Wittigs rechter Hand an der Seite der Braut, die vier Mägdlein der Zobelwitwe links neben dem Bräutigam, alle noch ganz klein und in schneeweißen Festkleidchen, -röckchen oder -höschen und jedes ein Myrtensträußchen oder -kränzlein vor der Brust oder im zierlich gekräuselten Haar, rein als ob sie sich selbst schon als kleine Bräutchen oder Bräutigämchen aufspielen wollten. Wären die Gesichterchen nicht sämtlich nach einer etwas groben, handwerksmäßigen Schablone zugeschnitten gewesen, was ihnen trotz der verschiedenen Herkunft das Ansehen richtiger Geschwister verlieh; und wäre es nicht versäumt worden, ihnen vor Beginn der kirchlichen Handlung die Näschen etwas sorgfältiger zu putzen, so hätte man sich bei ihrem Anblick leicht an irgend ein schönes altmeisterliches Bild können erinnert fühlen, wo süße Putten in Unschuldsgewändern irgend einen heiligen Vorgang andächtig umringen.

Man kannte und schätzte in der ganzen Vorstadtgegend den Kürschnergehilfen Wittig, der nun seine Meisterin ehelichte und damit selbst Meister des Zobels wurde, und gönnte ihm sein Glück. »Da kommen zwei Fleißige zusammen,« sagten die Leute; »fleißig in der Arbeit, fleißig im Kinderkriegen.« Und das Kürschnermeisterpaar enttäuschte die Leute nicht. Arbeitsam im Geschäft, umsichtig im Häuslichen, ließen sie sich doch nichts abgehen und führten ein vergnügliches Leben. Die Meisterin, die noch in den besten Jahren stand, war heiter, flott, unternehmungslustig, kurz, was man eine »fesche« Frau nennt, und die Kaiserstadt an der Donau damals noch ein lustiges Pflaster. So munter sie sich aber auch um und um bewegte, ihre Pflicht, für die Vermehrung der Menschheit im allgemeinen und der Zobelkinder im besonderen zu sorgen, vernachlässigte sie darüber keineswegs, sondern beschenkte ihren Mann, zwischen Praterwirt und Heurigenschenke gewissermaßen, alle zwölf bis vierzehn Monate mit einem gesunden Sprößling. Meister Wittig, der diesen Kindersegen wie die Zinsen eines gut angelegten Kapitals, die zu bestimmten Terminen fällig werden, mit stolzer Genugtuung einstrich, verjüngte sich zusehends unter ihrem fröhlichen Einfluß. »Tages Arbeit -- abends Gäste« reimte nun auch bei ihm wie bei seiner Gattin und bei Goethe auf »Frohe Feste«.

Als ich wieder einmal meine Pelzkappe und den Muff meiner Frau, weil es plötzlich grimmig kalt geworden war, vom Zobel abholte, traf ich ihn selbst im Geschäft an und ergriff die Gelegenheit mich zu erkundigen, was wohl ein Stadtpelz jetzt koste? Daß mir der Schreck in die Glieder fuhr, als er den Preis nannte, suchte ich zwar nach Möglichkeit zu bemänteln, indem ich rasch entschlossen so tat, als hätte ich mich zufällig selbst aufs Hühnerauge getreten; er mochte es aber dennoch bemerkt haben. Wenigstens legte er sofort die Grammophonplatte mit der Jammerarie ein und behauptete, einen solchen Vorzugspreis könne er freilich keinem anderen machen außer mir, ich möge es nur um Gottes willen nicht weitersagen, er wisse ohnedies nicht mehr, wie er auf seine Kosten kommen solle in den schlechten Zeiten, wo die Felle und die Arbeitslöhne immer teurer, und die Pelzsachen -- im Verhältnis betrachtet, natürlich! -- immer wohlfeiler würden. Es gebe Kunden, die das nicht begreifen wollten, aber verschenken könne er seine Ware denn doch nicht, er habe mit seiner Hände Arbeit eine Familie zu ernähren, und was es heutzutage heiße, so viele hungrige Mäuler zu stopfen, davon könne niemand sich eine Vorstellung machen, der nicht selbst Kinder besitze.

Ich mußte einsehen, daß dies in der Tat keine Kleinigkeit sei, und schwieg beschämt. Mein Pelzmantel würde mir doch natürlich auch keine Freude gemacht haben, wenn ich ihn immer mit dem Gefühl hätte tragen müssen, daß Wittigs Kinder seinethalben am Ende dem nagenden Hunger preisgegeben gewesen wären. Und leider wußte ich ja aus eigener Erfahrung, daß das tägliche Leben immer teurer wurde, kostete es mich doch Mühe genug, auch nur meinen kleinen frugalen Haushalt notdürftig über Wasser zu halten, obwohl ich gänzlich kinderlos bin. Meinem Freunde Wittig dagegen hatte gerade damals seine Meisterin nach kaum sechsjähriger Ehe das fünfte Kind geschenkt. Demnach waren es, da schon früher deren acht vorhanden gewesen, derzeit genau ihrer dreizehn, und die Zahl dreizehn gilt bekanntlich für eine Unglückszahl. Über solchen Aberglauben mag lächeln, wer will, ich kann nur feststellen, daß die alte Erfahrung sich leider auch in diesem Falle als zutreffend erwiesen hat.

Die »fesche« Frau Wittig, die für ihr Leben gern tanzte, ließ es sich nicht nehmen, am Faschingssonntag, schon wenige Wochen nach der Geburt jenes dreizehnten Zobelkindes ein Kränzchen des Kürschner- und Pelzwarenhändler-Vergnügungsvereines mitzumachen, dessen Fahnenmutter sie war. Und da sie als Patronesse keinem Tänzer einen Korb geben durfte, so übernahm sie sich und verblich am Aschermittwoch als Opfer einer allzu strengen Auffassung ihrer kürschnerischen Ehrenpflichten.