Chapter 10 of 14 · 3975 words · ~20 min read

Part 10

Damit machte er sich aber auch die Tagesereignisse zu Feinden. Sie verübelten es ihm, daß er sie mit Geringschätzung behandelte, und verbündeten sich mit den Zahlen, die ihm ebenfalls noch immer aufsässig waren, zu dem gemeinsamen Ziel, ihn ihre Macht fühlen zu lassen. Und da seine Behausung ihnen verschlossen blieb, so verfolgten sie ihn wenigstens mit ihren Nachwirkungen und Ausstrahlungen. Denn für diese gab es keine Hindernisse, durch jede Türritze und jedes Schlüsselloch wußten sie sich zu stehlen, unaufhaltsam sickerten sie durch die dicksten Mauern, Beunruhigung verbreitend bis in den letzten Winkel und jedermann die bittersten Entbehrungen auferlegend. So drangen sie allmählich sogar ins stille Heiligtum des Bücherzimmers ein und überreichten Herrn Pleß ihre Visitenkarte! Der setzte die Brille auf, las und schüttelte den Kopf. Denn es stand darauf geschrieben: Die Not und das Elend eines nicht eigentlich besiegten, aber um so schmählicher betrogenen Volkes.

Herr Pleß wunderte sich. So ungefähr wußte er ja, wie schlimm es um die Allgemeinheit stand. Aber was konnte er, der alte, gebrochene Mann, noch tun, ihr zu helfen? Sein Teil Arbeit hatte er geleistet, die Opfer ohne Murren dargebracht, die Leben und Zeit ihm auferlegt. Nun verlangte es ihn nach Ruhe und Sammlung für den Abend. Darauf wenigstens meinte er Anspruch zu haben. Wem stünde das Recht zu, ihn in seiner freiwillig gewählten Einsamkeit zu behelligen?

O du weltfremdes gläubiges Gemüt! ... Er ahnte noch nichts davon, daß es auch auf einer Robinsoninsel ungemütlich werden kann, wenn sie innerhalb der Grenzen eines geordneten Staatswesens liegt.

Daß die Teuerung ins Märchenhafte wuchs und sein Ruhegenuß jetzt nur mehr ein Zehntel, vielleicht nur mehr ein Fünfzigstel wert war, das nahm er noch gelassen hin. Seine eigenen Bedürfnisse waren immer gering gewesen, schließlich konnte er den Riemen auch noch enger schnallen, es lag ihm für seine Person nicht eben viel daran. Aber der alten Resi, die sich den ganzen Tag mit der Wirtschaft abplagte, der hätte er eine bessere Ernährung vergönnt. Und einmal faßte er sich sogar ein Herz und redete ihr zu, doch etwas besser für sich selbst zu sorgen, er würde es schon zustande bringen, dem Wirtschaftsgeld noch eine Kleinigkeit zuzulegen.

Damit kam er aber an die Unrechte, denn sie fuhr ihm sofort derb über den Mund: Ob er verrückt geworden sei, daß er sein Geld den Preistreibern in den Rachen werfen wolle? Nein, dafür müsse er sich eine andere suchen, dazu gebe sie sich nicht her, lieber gewöhne sie sich das Essen noch ganz ab; bei ihr sei es ohnedies mehr oder weniger nur eine schlechte Angewohnheit, ganz anders als bei ihm, der es nötig hätte, das viele Hirnschmalz wieder zu ersetzen, das er mit seiner übertriebenen Bücherleserei verbrauche. Darum möge er nur vor seiner eigenen Tür kehren, die paar Schüsserln, die sie ihm vorsetze, kämen jedesmal voller wieder heraus, als sie sie hineingetragen, das sei eine Beleidigung für eine Köchin! Und überhaupt -- um sie brauche er sich nicht zu scheren, sie wisse schon selbst, was sie zu tun hätte, und wie es der seligen Frau recht wäre, wenn sie noch das Leben hätte. Die würde sich auch zu gut dafür sein, um bei Wucherern und Schleichhändlern fechten zu gehen, anstatt sich mit dem zufrieden zu geben, was unser Herrgott eben beschert hätte.

So lange hatte er sie noch nie in einem Zuge sprechen hören, und es war ehrenwert und gesinnungstüchtig gesprochen, zweifelsohne! Aber sie fiel vom Fleische, und wenn eine Köchin einmal aus der Form kommt, so gibt das immer zum Nachdenken Anlaß.

Übrigens bekümmerte den Oberrechnungsrat vielleicht mehr noch als die Sorge, wie er seine Resi in Form halten könne, der Umstand, daß er keine Bücher mehr zu kaufen imstande war. Nein, dazu war er wirklich nicht mehr imstande, das konnte man einfach nicht mehr, Bücher zu kaufen war ein Ding der Unmöglichkeit geworden! Schade! Jammerschade um die liebe, heiße, harmlose kleine Leidenschaft! Das Leben wurde zusehends kahler. Ja, die Tagesereignisse, die sich mit den Zahlen verbündet hatten! Man spürte den sogenannten Frieden in allen Gliedern. Ach, die Bedauernswerten, die sich nicht rechtzeitig mit Büchern »eingedeckt« hatten! Die mochten nun darben. Und vor Sehnsucht vergehen. Und geistig verhungern. Für Herrn Pleß bestand diese Gefahr nicht. Auf Zuwachs freilich hieß es jetzt verzichten, auf das wonnige Herumschmökern in den Buchläden, auf das feierliche Einreihen eines neuen Bandes -- wieviel Farbe hatte das alles in sein Leben gebracht! Vorbei! Dahin wie so vieles andere! Aber da standen ja noch dicht gereiht bis zur Decke hinauf die wohlgefüllten Regale. Und es waren nur wenige Bände darunter, die man nicht gerne von vorne wieder anfing, wenn man am Ende angelangt war. An Lesestoff mangelte es noch lange nicht. Auch diese Entbehrung blieb also im Grunde erträglich.

Herr Pleß hatte beschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Man mußte sich eben in die Verhältnisse schicken. Vor so nichtigen Feinden, wie es die Zahlen und die Tagesereignisse waren, kapitulierte er noch lange nicht. Er saß in seinem Bücherzimmer und las.

Und dabei übersah er es gänzlich, daß noch düsterere Wolken sich über seinem Haupte zusammenzogen. Die bitterste aller Friedensnöte hatte er noch gar nicht kennengelernt, das stand ihm erst noch bevor. Bis jetzt wußte er nichts davon, daß es außer der mangelhaften Ernährung und der Unmöglichkeit, Bücher zu kaufen, auch noch etwas viel Schlimmeres gab, das einen ahnungslosen Staatsbürger heimsuchen konnte. Etwas ganz Unvorhergesehenes, das gerade ihm fast unerträglich erscheinen, ihn beinahe in Verzweiflung stürzen mußte. Mit allem anderen war es seiner Langmut gelungen, sich gutwillig abzufinden, gerade dieses Opfer aber, das ihm jetzt noch aufgebürdet werden sollte -- ein jeder, der Herrn Pleß kannte, hätte es voraussehen können -- das mußte gerade er als den schwersten Schlag empfinden, der ihn seit dem Heimgang seiner Lieben betroffen. Und dies war wohl auch der unbewußte Grund, weshalb er wie im geheimnisvollen Vorgefühl von etwas Bedrohlichem schreckhaft zusammenfuhr, als an jenem Morgen, da er gerade wieder lesend im Bücherzimmer saß, die Flurglocke läutete. Damit fing nämlich die Sache an.

Wie selten kam es doch vor, daß die Klingel bei ihm gezogen wurde! Wer konnte es sein, der ihn aufsuchen kam? Was begehrte man von ihm? So fragte er sich ganz bestürzt. Denn gleich vom ersten Augenblick an war er über diesen herrischen, herausfordernden Klingelton zu Tode erschrocken, ohne eigentlich zu wissen weshalb. Es war wie eine unerklärbare Vorahnung der Dinge, die da kommen sollten. Und diese merkwürdige Beklemmung, die ihn plötzlich befallen hatte, erwies sich auch leider nicht als trügerisch. Denn nur zu bald sollte er erfahren -- aber damit beginnt nun ein ganz neuer Abschnitt in Herrn Plessens Leben.

Eines Morgens also läutete es, und ein paar Herren ließen sich bei ihm melden, gleich ihrer drei oder vier oder gar fünf waren es. Ob sie sich die Freiheit nehmen dürften, die Wohnung zu besichtigen? Überaus höflich benahmen sie sich, verdächtig genug!

»Ja, wieso denn? Die Wohnung --«

»Bitte, hier die Legitimation.«

Himmel! Die städtische Wohnungskommission!

Dem Herrn Oberrechnungsrat fuhr nun erst recht der Schreck in alle Glieder. Er zitterte wie das Laub der Silberpappel im Sommerwind, während er die bedauerlicherweise unbewohnten Zimmer aufschloß und die Herren hindurchgeleitete.

Diese schienen übrigens ihre Zeit für recht kostbar zu halten. Eilfertig trampelten sie, den Straßenkot auf acht oder zehn schmutzigen Stiefelsohlen hereintragend, durch die Zimmer und richteten im Vorbeigehen nur wenige knappe Fragen an den Hausherrn. Mit bangem Stottern erteilte Herr Pleß die geforderten Auskünfte.

»Jawohl, dies ist das Schlaf -- das Schlaf --«

»Sie sind Witwer?«

»Leider, leider!«

»Alleinbewohner?«

»Allein. Das heißt, ich und die ... Resi ...«

»Wer ist die Resi?«

»Meine Köchin ... meine Köchin. Eine überaus brave ...«

»Besten Dank! Hausgehilfinnen zählen nicht.«

Sie setzten ihren Weg fort und trampelten weiter.

»Und hier?«

»Die Kammer meiner Tochter ... meiner ...«

»Ihrer Tochter --?«

»Jawohl, meiner Tochter ... meiner verstorbenen ...«

»Also unbewohnt. Bitte zu notieren.«

Einer von den Herren machte eifrig Notizen, die anderen waren bereits bis in den nächsten Raum vorgestoßen und nahmen ihn in Augenschein.

»Scheint ebenfalls unbewohnt,« sagte einer.

»Hat einen separaten Ausgang ins Vorzimmer,« bemerkte ein anderer.

»Und dieses Zimmer?« wendete der Herr, der offenbar der Führer der Kommission war, sich an Pleß.

»Hier wohnt mein Sohn ... das heißt wohnte, wohnte! ... Er ist nämlich ... er hatte das Unglück ... im Krieg ... leider! ... Bei Limanowa ...! anno ...«

»Bitte wir wollen nicht länger aufhalten. Unsere Zeit ist knapp bemessen.« Er zog die Uhr. »Es handelt sich vorerst bloß um einen allgemeinen Überblick.«

»Eins -- zwei -- drei!« zählte eines der Kommissionsmitglieder, und der Protokollführer schrieb auf.

»Die Außenräume, wenn's erlaubt ist?«

Und schon zogen sie weiter und kehrten ins Vorzimmer zurück.

»Das ist die Magdkammer, nicht wahr?«

»Jawohl, die Magd ... die Magd ... die vorhin erwähnte Köchin ... meine Hausgenossin ... Eine äußerst verläßliche, brave Person ... Möchte auch schon gern ihre Ruhe ... natürlich ... Wenn man alt wird! ...«

»Dies die Küche?«

Einer der Herren stieß die Tür auf. Die Resi hob den Blechdeckel von einem Reindl und stand in Dampf gehüllt. Mit einem ungeheuren Krach tschinellte sie hierauf den Deckel aufs Reindl zurück. Es klang wie ein Böllerschuß. Schleunigst zog der neugierige Herr die Küchentür wieder ins Schloß.

»Und hier, die Tür nebenan?«

»Eine Badegelegenheit ... bitte sich zu überzeugen ... Ein ganz kleines ... bescheidenes ...«

»Badezimmer bleiben von der Anforderung unter allen Umständen ausgeschlossen,« sagte der Wortführer der Kommission mit einem beruhigenden Lächeln und machte zu Herrn Plessens freudiger Überraschung bereits Miene, sich wieder zu verabschieden.

»Entschuldigen Sie die Störung, es war leider unsere Pflicht ... Sie wissen ja, ein amtlicher Auftrag ...«

»O, bitte, bitte, gar nicht, nicht im geringsten! Im Gegenteil! Es war mir ein ganz besonderes ...«

Nie hätte er zu hoffen gewagt, daß es so rasch und glatt ablaufen würde.

Zuvorkommend begleitete er die Herren bis an die Wohnungstür. Erst im letzten Augenblick nahm er sich ein Herz und fragte schüchtern: »Ich darf wohl hoffen --? Ich weiß nicht, wie viele Zimmer man eigentlich --?«

»Der Wohnungsausschuß wird darüber entscheiden,« sagte der Sprecher der im Abgehen begriffenen Versammlung ziemlich zugeknöpft.

Und dann trappten sie auch schon wie ein halbdutzend Pferde die Treppe hinunter und waren fort.

Die Resi stürzte aus ihrer Küche hervor.

»So eine Frechheit! Was wollen denn die? Mir nichts, dir nichts in einer fremden Wohnung herumzuspazieren! Ist das eine Manier? Daß sie mir nicht in den Suppentopf geguckt haben -- sonst alles! Nein, da hört sich denn doch die Gemütlichkeit auf!«

»Das Bücherzimmer haben sie ganz übersehen!« frohlockte der Oberrechnungsrat, sich die Hände reibend.

Das Bücherzimmer lag zunächst dem Eingang. Wirklich war die Kommission, offenbar in dem Bestreben, möglichst in die Tiefe zu dringen, ahnungslos daran vorbeigegangen. Auf den ersten Blick in einer fremden Wohnung sich zurechtzufinden, ist nicht ganz leicht, vielleicht hatte auch jeder der Herren sich auf den anderen verlassen. Kurz, die Existenz des Bücherzimmers war ihnen in der Tat gänzlich entgangen. Und Herr Pleß selbst hatte in seiner Aufregung vergessen, sie eigens darauf aufmerksam zu machen. Das Bücherzimmer war sein Wohn-, Schlaf-, Empfangs-, Speise- und Studierzimmer, bezüglich dieses Zimmers fühlte er sein Gewissen rein. All seine Gedanken und Sorgen hatten gleichsam wie mit schützend ausgebreiteten Armen vor den unbewohnten Teilen der Wohnung, als der eigentlichen Zone der Gefahr, Aufstellung genommen.

Nachträglich stiegen ihm Bedenken auf, ein Wurm nagte ihm am Herzen, er ängstigte sich.

»Vielleicht hätte ich ihnen doch auch das Bücherzimmer --? Wer weiß, am Ende gibt es ein Gesetz, und ich wäre verpflichtet gewesen ...«

»Ach was, verpflichtet! Diesen Schurln gegenüber gibt es keine Verpflichtung. Schaun Sie den Fußboden an! Die halbe Straßen haben sie hereingetragen mit ihren dreckigen Stiefeln. Liegt nicht eine Dacken vor der Tür? Hausfriedensbruch ist das!«

»Wenn sie mich gefragt hätten,« meinte Herr Pleß nachdenklich -- »verheimlichen hätte ich's freilich nicht dürfen. Aber sie haben mich ja gar nicht gefragt! Ich bin nicht schuld daran, wenn sie unsere Wohnung für eine Dreizimmerwohnung halten, ich nicht! Sie hätten ja fragen können: Wie viele Zimmer haben Sie? Nicht wahr? Dann hätte ich natürlich geantwortet: Vier! Aber wenn sie nicht einmal fragen --!? No also! Da können sie mir doch auch nichts vorwerfen?«

Da die Resi selbstverständlich der gleichen Meinung war, so beruhigte er sich nach und nach damit und freute sich im stillen, daß er nur mit drei Zimmern auf dem Papier stand, ohne daß man ihm doch einen Strick daraus würde drehen können.

Jeden Morgen, wenn die Resi ihm das Frühstück brachte, sagte er jetzt: »Resi, ich glaube, wir sind aus dem Wasser!«

Und er erging sich in Vermutungen, wie die Herren vom Wohnungsausschuß in einer ihrer Sitzungen seinen Fall besprechen, dieses und jenes zu seinen Gunsten ins Treffen führen und schließlich zu dem Ergebnis gelangen würden, daß man einem schwergeprüften vereinsamten alten Manne und verdienstvollen Beamten, wie er es war, drei Zimmer zum Bewohnen (denn das vierte hatten sie ja nicht entdeckt, hi, hi, hi!) immerhin zubilligen müsse.

Sie hörte geduldig zu und schloß daraus mit dem Scharfblick einer Köchin, daß er schlaflose Nächte hatte und sich vor einer Anforderung fürchtete.

Eines Morgens sagte er wieder: »Sieh, Resi, ich glaube, wir sind wirklich aus dem Wasser!«

Da meinte sie: »Ich an Ihrer Stelle, Herr Oberrechnungsrat, wissen Sie, was ich tät'? Ich ging' aufs Wohnungsamt hinein und tät' den Schurln sagen: Die paar Zimmer, die so ausschauen, als ob sie unbewohnt wären, die sind gar nicht unbewohnt. Im Gegenteil! Denn da drin wohnen die Verstorbenen, die bleiben bei mir, solang' ich noch das Leben hab', und darum müssen auch die Zimmer bei mir bleiben. Verstanden? Und dann tät' ich ihnen auch noch sagen, daß Sie ein Büchernarr sind und eselsmäßig viel solche Staubfänger an allen Wänden herumstehen haben, bis zum Plafond hinauf. No, und daß Bücher einen Platz brauchen, wenn man sie aufstellen will, das werden sogar die Herren vom Wohnungsamt einsehen. Denn wenn sie keinen Platz mehr hätten, so müßt' man sie rein übereinander und hintereinander stellen, und dann hört sich ein Abstauben überhaupt auf. So -- das tät' ich ihnen ordentlich unter die Nasen reiben! -- Daß aber für die Bücher ohnedem das Bücherzimmer da ist,« fügte sie noch hinzu, »das tät' ich ihnen deswegen noch lang nicht verraten, das geht diese Gschwufen gar nix an! Augen haben sie -- wenn sie's nicht selber g'sehn haben, so ist das ihre eigene Schuld!«

Diese entschlossene Rede leuchtete Herrn Pleß ganz außerordentlich ein. Seit dem Besuch der Kommission hatte er sich in einem Zustand ständiger Erregung befunden. Jeden Augenblick zitterte er, es könnte wieder läuten und irgend eine Amtsperson hereinspazieren, oder ein schnödes Schriftstück auf miserablem Papier abgegeben werden, das ihm im Handumdrehen ein paar Zimmer wegnahm, ihm seine Ruhe raubte, die gezählten Tage seines Alters vergällte. Die Furcht, die Ungewißheit, das bange Harren und Warten hatten ihn fast krank gemacht.

Nur diesem Zustand der Benommenheit ist es zuzuschreiben, daß er sich beim Fortgehen eine Stilblüte leistete, wie sie seiner schlichten Ausdrucksweise sonst gänzlich ferngelegen hätte. Denn während er nach Hut und Stock langte, sagte er noch zur Resi: »Es bleibt wirklich nichts anderes übrig, ich muß dieses Damoklesschwert bei den Hörnern packen.«

Der Beamte im Wohnungsamt beäugte ihn feindselig.

»Ja, ja, ich weiß schon, da ist ja der Akt. Drei Zimmer! Nur gleich drei Zimmer für einen einzigen einschichtigen Witwer! -- Ja, haben Sie denn keinen Funken von sozialem Verständnis?« herrschte er ihn an.

O du heiliger Sebastian, wenn der auch noch etwas vom vierten Zimmer geahnt hätte! Beschämt und betreten stammelte Herr Pleß etwas von Erinnerungen an seine Frau, seine Kinder und von den vielen Büchern, die er besäße, eine ganze Bibliothek ...

»Stellen Sie Ihre Bücher ins Dienstbotenzimmer!« brummte der Beamte ungehalten.

Und er fuhr fort, ihm die Hölle heiß zu machen, ihn als einen hartherzigen Selbstsüchtler hinzustellen, ihm das Elend der Unterstandslosen zu schildern und den Teufel einer besonders drangsalierenden Einquartierung an die Wand zu malen, wenn er sich einfallen ließe, an Rekurse oder Widerstände zu denken.

Und dann plötzlich einlenkend, sagte er zum Schluß noch in milderem Ton: »Wollen Sie guten Rat annehmen --? Dann würde ich Ihnen empfehlen, suchen Sie sich irgend einen guten Bekannten, einen Freund, einen Verwandten, der ein möbliertes Zimmer braucht und nehmen ihn bei sich auf. Aber schleunigst, wenn ich bitten darf, sonst ist es zu spät, und es kann Ihnen noch passieren, daß Sie einen Eisenbahner mit fünf Kindern hineinbekommen!«

Der Oberrechnungsrat war inzwischen so klein und so mürbe geworden, daß ihm bei diesem Vorschlag ordentlich ein Stein vom Herzen fiel. Ohnedies drückte ihn das Gewissen wegen des Bücherzimmers. Begründete es nicht vielleicht schon den Tatbestand einer strafbaren Handlung, daß er den Beamten, der fortwährend von den drei Zimmern sprach, nicht ausdrücklich auf das vierte aufmerksam machte? Da erinnerte er sich aber wieder seiner armen, armen Bücher, die so schön geordnet in den eingepaßten Regalen standen -- was wäre aus denen geworden, wenn es der hohen Behörde vielleicht beliebte, gerade das Bücherzimmer oder überdies auch noch das Bücherzimmer anzufordern? Und hatte die Resi nicht recht, wenn sie ihre Meinung über diese Seite der Angelegenheit in die Worte zusammenfaßte: Augen haben sie, wenn sie das Bücherzimmer nicht gesehen haben, so ist es ihre eigene Schuld --?

Unsicher tastend wagte er die Frage: »Und wenn ich ein Zimmer freiwillig abgebe -- bleibe ich dann im übrigen ungestört?«

»Das hoffe ich zuversichtlich, Herr Oberrechnungsrat,« sagte der Beamte nunmehr ganz umgänglich und fast liebenswürdig geworden.

Unwillkürlich griff sich Herr Pleß ans Herz. Es klopfte heftig, aber in diesem Augenblicke -- beinahe vor Freude. Dieser Mann, vor dem er sich so gefürchtet hatte, war ja im Grunde genommen eigentlich sein Freund? Er gab ihm einen Wink, machte ihm gutmeinend einen Vorschlag, der schließlich nichts allzu Hartes von ihm forderte. Und dieser Vorschlag hatte einen Gedanken in ihm ausgelöst, der seine persönlichen Bedürfnisse mit seiner Staatsbürgerpflicht zu einer Einheit zu verschmelzen versprach.

Denn irgend etwas mußte freilich ein jeder dazu beitragen, den bedrängten Mitmenschen zu Hilfe zu kommen. Das war doch eigentlich selbstverständlich! Wie kam es nur, daß er es nicht gleich begriffen hatte? Er war doch sonst kein Dickhäuter! Im Gegenteil! In diesem Augenblicke wenigstens fühlte er sich wirklich mit einem Tröpfchen sozialen Öles gesalbt.

Entschlossen erhob er sich, ganz leicht und froh war ihm auf einmal zumute. Wenn man nicht mehr von ihm verlangte, als daß er einen Bekannten bei sich aufnahm -- dies kleine Opfer konnte er wirklich bringen! Es war ein Preis, der sich auszahlte, wenn man dafür den Ruf und das Bewußtsein eines Mannes von Gemeinschafts- und Bürgersinn zurückgewann. Wunderbar befreit bedankte er sich für den wohlwollenden Rat und empfahl sich in gehobener Stimmung unter wiederholten Versicherungen, daß er ihn womöglich befolgen und jedenfalls in reifliche Erwägung ziehen werde.

Beflügelten Schrittes eilte er durch die Gassen, den Weg nach der Stätte seines verflossenen amtlichen Wirkens einschlagend.

Es war ihm eingefallen, daß jener Herr Scheinemann, der junge Kollege, dem er damals zu einer Stellung verholfen, sich ihm gegenüber wiederholt darüber beklagt hatte, wie schwierig es bei der steigenden Teuerung für einen Junggesellen sei, ein passendes, angenehmes und nicht zu kostspieliges Quartier zu finden. Die Wahrscheinlichkeit, daß er die jetzigen Verhältnisse erträglicher finden würde als die von einst, war gering. Denn ein möbliertes Zimmer kostete heute leicht zweitausend Kronen und mehr -- welche Summe für einen Festbesoldeten auf einer der untersten Stufen! Nein, auf Rosen war Scheinemann sicher nicht gebettet, vermutlich gehörte er zu der Legion der insgeheim Darbenden. Darum war Herrn Plessens erster Gedanke, als der Herr im Wohnungsamt ihm die freiwillige Aufnahme eines Mieters empfahl, Scheinemann gewesen. Denn warum sollte er sich, wenn er schon ein Zimmer abgeben mußte, die bittere Pille nicht wenigstens durch das befriedigende Bewußtsein versüßen, einen strebsamen Beamten gefördert, einem jüngeren Kollegen sein Los erleichtert zu haben?

Zu solch vornehmen und großzügigen Erwägungen gesellte sich auch noch der begreifliche Wunsch, einen Mieter zu finden, der ihm anhänglich und durch Gefühle der Dankbarkeit verbunden wäre.

Denn in das Zimmer seines Sohnes, das sich infolge seiner Lage am besten zum Vermieten eignete, sollte nicht ein Nächstbester seinen Einzug halten. Wie wohltuend würde er es empfinden, wenn der künftige Bewohner dieses Raumes allmählich aufhören würde, bloß ein Bekannter zu sein! Wenn von dieser vereinsamten Stätte wieder die Wärme herzlicher persönlicher Beziehungen ausstrahlte, eine Spur wenigstens jener kindlichen Zuneigung und Ehrerbietung, die sein Vaterherz einst so innig beglückt hatte! Oh, welch schönes Verhältnis konnte sich ergeben, welche Bereicherung sein dürftiges Alter erfahren, wenn es ihm gelang, aus der Not einen Segen zu machen und sich einen Hausgenossen zu gewinnen, aus dem vielleicht, wenn das Glück es wollte, sogar noch einmal ein treuer Begleiter auf der letzten Wegstrecke des Lebens hätte werden können, der an Sohnes statt in der schwersten Stunde an der Seite seines Bettes stand!

Herrn Scheinemann nun hatte er sich schon einmal gefällig erwiesen. Wer weiß, was aus dem geworden wäre, hätte gerade im kritischen Augenblick Pleß sich nicht für ihn eingesetzt. Bei seiner von Haus aus etwas oberflächlichen, wohl gar leichtfertigen Anlage, die gelegentlich in mancher unvorsichtigen Äußerung hervorgetreten war, hätte ein ungebundenes Leben ihm gefährlich werden können. Gerade für eine solche Natur war nach Herrn Plessens Überzeugung der erziehliche Einfluß, den eine zu Zucht und Ordnung nötigende Amtstätigkeit ausübt, von unübersehbarem Wert, darum meinte er sich mit einigem Recht sozusagen für den Retter dieses Menschen halten zu dürfen, war doch er es gewesen, der ihn in eine geregelte und streng vorgezeichnete Laufbahn gebracht hatte. Nun gedachte er sein Werk zu krönen und seinem Schützling auch noch ein geordnetes Heim aufzutun, das ihn keinen Heller kosten sollte. Ein solches Entgegenkommen, ein derartig verdoppeltes Schaffen und Aufbauen der ganzen Existenz -- mußte es auf der Seite des Geförderten nicht Gefühle unbegrenzter Anhänglichkeit wecken? Und war es nicht wie eine mit freigebigen Händen ausgestreute Saat, von der man hoffen durfte, daß sie zum Segen gedeihen und reiche Frucht tragen würde?

Um die Jugend muß man werben, er wußte es. Und außerdem widerstrebte es ihm auch, für das Zimmer, das er abzugeben gesonnen, und das im Grunde seines Sohnes Zimmer war, Geld anzunehmen. Nach seiner Meinung hieß es Wucher treiben mit der Not seiner Mitmenschen, wenn man sich für eine Stube, die sonst unbenützt leer stand, von einem Bedrängten bezahlen ließ.

Solche Gedanken still bei sich erwägend, stieg er eben die ihm wohlvertraute, obzwar lange nicht betretene Treppe des alten Amtsgebäudes hinan, als ihm raschen Schrittes, immer ein paar Stufen überhüpfend, von oben jemand entgegenkam. Und wie er den Kopf hob, stand wie gerufen der Gesuchte selbst vor ihm: Scheinemann! Freudig streckte Pleß ihm die Hand entgegen, es war ihm, als hätte durch diese zufällige Begegnung das Schicksal selbst die Billigung seiner Absichten, die Zustimmung zu seinen Plänen aussprechen wollen.

»Darf ich mir erlauben, Sie um ein paar Worte ...? Sie haben einen Gang zu machen, wie ich sehe. Wenn Sie gestatten, begleite ich Sie ein Stück Weges.«

»Mit dem größten Vergnügen, Herr Oberrechnungsrat. Bitte!«

»O -- bitte, bitte!«

Pleß trat auf die linke Seite und ließ den jungen Mann, der auf so überlebte Formen nicht viel zu halten schien, zur Rechten gehen. Kaum auf die Straße gelangt, begann der Oberrechnungsrat etwas weitschweifig von seiner Wohnungsangelegenheit zu erzählen. Daß er eigentlich eine Wohnung von vier Zimmern hätte ...

»Nun, das ist reichlich!« warf Scheinemann dazwischen.

»Wenn man eine große Bibliothek besitzt ... Übrigens stehe ich nur mit drei Zimmern in den Akten. Das vierte hat die Kommission aus reinem Zufall übersehen ...«

»Trotteln das!« bemerkte Scheinemann.

»Für mich ganz angenehm,« meinte Herr Pleß, etwas unsicher geworden, und bereute in diesem Augenblick, den anderen auf den Irrtum der Behörde überflüssigerweise aufmerksam gemacht zu haben.

Dennoch fuhr er fort, seine Verhältnisse darzulegen und schließlich seine Vorschläge vor ihm auszubreiten. Scheinemann blieb stehen und staunte ihn groß an.

»Das trifft sich ja ausgezeichnet! Morgen muß ich aus meiner Bude heraus und habe noch keinen Ersatz. Unleidliche Menschen, mit denen ich da zusammengespannt war! Ich nehme Ihr Zimmer! Unbesehn! Gemacht! Gemacht! Das heißt -- was verlangen Sie dafür?«