Part 4
Hierauf versank Ziervogel für eine kleine Zeit in Schweigen, denn er hatte die Bemerkung auf den Lippen, wer nicht mehr am Leben wäre, dem könne es schließlich gleichgültig sein, ob er zum Großvater gemacht würde oder nicht, und im Grunde ginge es ihn auch gar nichts mehr an. Indessen zog er es vor, den Gedanken, der ihn gar zu traurig stimmte, lieber zu unterdrücken, um den Schlußpunkt, den Bock endlich unter den Meinungskampf gesetzt hatte, nicht ins Wanken zu bringen. Für solche Nachgiebigkeit erwies sich der Drechsler denn auch erkenntlich, indem er schließlich eine neuerliche Fristverlängerung zugestand, allerdings nur unter dem Druck unableugbarer Tatsachen. Denn die Sonne hatte sich nach und nach so dichte graue und schwarze Schleier übers Antlitz gezogen und der Himmel ein paarmal ein so unzeitgemäßes Grollen vernehmen lassen, daß auch der rosigste Wetterbericht die Dreiviertelbewölkung hätte streichen und ehrlicherweise ausgesprochenes Regenwetter mit Neigung zur Gewitterbildung hätte melden müssen.
Sonach wurde die »Tat« abermals vertagt, was den Schnaberl an der Wand ziemlich gleichgültig ließ, während die Geschichte von der Feindschaft, die zwischen Ludwig und Anna angeblich herrschen sollte, ihm ein nachsichtiges Lächeln abgenötigt hätte, wäre Lächeln Vogelart. Denn er meinte Grund zu der Annahme zu haben, daß die beiden jungen Leute sich nur deshalb so anstellten, als stünde der Kleinkinderzank von einst noch heute trennend zwischen ihnen, weil sie ganz gut wußten, daß Vater Bock Zeter und Mordio geschrien hätte, wäre er dahinter gekommen, daß sie in Wahrheit längst ein Herz und eine Seele waren. Oft und oft, wenn die alten Herrn Schulter an Schulter miteinander auszogen, um in unerschütterlicher Nibelungentreue den Kampf mit den Widrigkeiten des Alltags aufzunehmen, waren dem Schnaberl aus der Gegend der ans Wohnzimmer stoßenden Küche verdächtige Geräusche zu Ohren gekommen, aus denen er schließen zu dürfen glaubte, daß über Kugerl und Schneehaufen hinweg Ludwigs und Annas Lippen sich gefunden hatten. Einigermaßen darüber betroffen, daß das Schnäbeln bei den Menschen nicht so lautlos vor sich gehe, wie beim Volk der Meisen, Drosseln und Spechte, war er doch ein zu diskreter Hausgenosse, um nicht verständnisvoll zu schweigen und die Gedanken, die er sich machte, zu tiefst im Busen zu verschließen.
Indessen sollten seine stummen Vermutungen sich nur zu bald als zutreffend erweisen. Denn zehn oder zwölf Tage später, an einem Morgen, wo gleichsam über Nacht die Gewalt des Nachwinters gebrochen, das Gelichter der Nebel- und Regengeister mit einmal niedergerungen war und der lachende Frühling auf dem strahlendblauen Himmelszelte seinen Einzug gehalten hatte, da ereignete es sich, daß Herr Ludwig plötzlich in jenes Zimmer gestürzt kam, in dem sich außer dem Schnaberl nur noch die gute Anna befand, welche dessen Wassernäpfchen soeben mit frischem Hochquell gefüllt hatte. Der Bankprüfling, der in Wickelgamaschen und schäbigem Feldgrau seine militärische Vergangenheit nicht verleugnete, schien die Ziervogelsche Wohnstube mit einem feindlichen Schützengraben zu verwechseln -- mit solchem Ungestüm und so wildem Hurrageschrei drang er in sie ein, ein weißes Papier in der erhobenen Faust schwenkend.
Soweit Schnaberl die Laute der Menschensprache zu deuten wußte, handelte es sich um einen errungenen Erfolg, um irgend ein gewichtiges Ereignis, das auch für Anna Bedeutung zu haben schien. Wenigstens gab sie ihrer Freude durch weit geöffnete Arme Ausdruck, in welche Ludwig alsbald hineinstürzte wie in einen angenehmen Abgrund, in dem man sich nicht übel bettet. Und nun begann ein so ungestümes Umhalsen, emsiges Küssen und unternehmungslustiges Kosen, wie es nur zu festlichen Gelegenheiten denkbar ist. Und das dauerte mit ungebrochener Heftigkeit so lange an, bis Anna endlich sagte: »Hör' mal, jetzt ist es aber genug! Bedenke, daß wir nicht allein sind. Der Schnaberl sieht uns zu, und ich glaube fast, der wäre längst bis über die Ohren rot geworden, wenn er nicht schon von Haus aus ein Rotkehlchen wäre.«
Darauf nahm Ludwig wieder Gesittung an und schlug vor, Arm in Arm vor die erstaunten Väter zu treten und ihnen kurzerhand die vollzogene Verlobung mitzuteilen. Allerdings sei es ratsam, meinte er, raschest die nötigen Erklärungen hinzuzufügen, ehe sie Zeit fänden, vom Schlag gerührt zu werden. Denn tödlich erschrecken würden sie sicher im ersten Augenblick; im zweiten aber dann um so freudiger überrascht ihren Segen dazu geben, sobald sie die näheren Umstände zur Kenntnis genommen und insbesondere von der schönen, vielversprechenden Laufbahn gehört hätten, die der treue Kamerad -- ein Großindustrieller, der die Leidensjahre in Sibirien mit ihm geteilt -- nach erfolgreich abgelegter Bankprüfung einzuschlagen ihm ermöglicht hatte. Diese Mitteilung werde die beiden alten Herrn nicht nur über das Fortkommen ihrer Kinder und künftigen Enkel, sondern auch über ihre eigene Zukunft beruhigen, ihnen mit einem Schlage die schwere Sorgenlast von den Schultern nehmen und vor ihren freudig erstaunten Blicken die unerwartete Aussicht auf ein geruhsames Alter auftun, am behaglich durchwärmten Ofen des Familienglückes.
Die beseligte Braut war's natürlich zufrieden, es stellte sich aber bald heraus, daß beide Väter ausgegangen waren, und merkwürdigerweise lag -- was noch niemals vorgekommen -- auf eines jeden Tisch ein Zettel, worauf übereinstimmend geschrieben stand: »Komme heute nicht zum Essen, habe auswärts zu tun!«
Einen Augenblick stutzte Anna, der Trübsinn fiel ihr ein, dem ihr Vater während der letzten Wochen verfallen gewesen, und die rührselig-weiche Zärtlichkeit, mit der er sie diesen Morgen in die Arme schloß. Aber so ungewöhnlich es ihr schien, daß schriftliche Nachricht an die Stelle der zwei gesprochenen Worte trat, welche die Notwendigkeit des Ausbleibens über Mittag ungleich einfacher und zwangloser, wie sie meinte, mündlich mitgeteilt hätten, so war sie doch zu heiter und arglos, um die Erklärung Ludwigs nicht völlig ausreichend zu finden: die alten Herrn fröhnten in ihrer vorrepublikanischen Gewissenhaftigkeit dem Vergnügen, sich bei den Behörden einmal recht gründlich lieb Kind zu machen, und weihten ausnahmsweise mal zu diesem Ende den ganzen Tag von früh bis spät dem amtlichen Angeschnauztwerden.
»Nun wollen wir uns aber für ihr Ausbleiben rächen,« schlug sie vor, »und sie mit einer Festjause empfangen, die sich sehen lassen kann: Kaffee mit Kuchen, wirklichen Kaffee aus Bohnen nämlich, mit wirklicher Sahne (diese notgedrungen freilich bloß Kondens). Dazu echten Friedensgugelhupf mit Mandeln und Rosinen, als hätten wir das große Los gezogen (was wir ja eigentlich auch haben, du mit mir und ich mit dir, aber nicht gerade aus dummem Glück). Eine Flasche Wein könntest du auch besorgen und etwas Leberpastete, Zervelat-, Hirn- und Mettwurst, ferner Rollmöpse oder sonst was Pikantes, frischen Pumpernickel und knuspriges Weißbrot nicht zu vergessen, damit ich leckere Brötchen streichen kann, in übermütigster Abwechslung. Denn daß der Friede, der bekanntlich nur aus Humanität geschlossen wurde, uns den weißen Wecken bis auf dreihundert Kronen verteuert hat, daran soll mir heute (oder eigentlich dir, denn du mußt alles bezahlen, ich habe nichts) weiß Gott, wenig gelegen sein! Wie sparsam ich wirtschaften kann und auch zu wirtschaften gewohnt bin, das wirst du später, bei gelegenerer Zeit noch zur Genüge erfahren. Für heute wäre sparen unangebracht, ich sage: alles an seinem Ort, wo Freude einkehrte, soll man sich's wohl sein lassen! Darum bestell' schließlich auch noch, lieber Ludwig,« fuhr sie fort, »aber bei einem ersten Konditor, wenn ich bitten darf, daß man meinen könnte, die Firma Ziervogel ›Zum süßen Joachim‹ bestünde noch heute, Faschingskrapfen zur Karnevalsnachfeier, eine gegupfte stattliche Schüssel voll. Diese fromme Fastenspeise auch noch selbst zu backen, bleibt mir leider keine Zeit mehr, für alles andere will ich sorgen. Denn heute muß der Tisch sich biegen, als wären wir nicht das gerade Gegenteil von Kriegsgewinnern, und das Väterpaar soll sich einmal ausgiebig gütlich tun, schon aus dem hinterlistigen Grunde, damit sie aus der Fassung kommen und das Brummen vergessen. Weil man nämlich einen Vater, der zu Vorwürfen ausholt und meint, man dürfe nicht heiraten, die Zeiten seien zu schlecht dafür, den Mund am besten damit schließt, indem man eine so hoffnungsfrohe Zuversicht und einen so himmlisch leichten Sinn (um nicht zu sagen, einen solchen Leichtsinn) an den Tag legt, daß es ihm die Rede verschlägt und er vor Staunen sprachlos wird. So, und jetzt geh',« schloß sie, »und tu' pünktlich, wie ich dich geheißen! Hier noch einen Kuß auf den Weg, damit bist du entlassen, ich habe alle Hände voll zu schaffen. Erfülle deine Pflicht wie ich die meine! Was ich zu des Werkes Vollendung benötige, trägst du mir zu wie Hermann der Rabe und reichst mir's stumm durch den Türspalt herein, zu sprechen bin ich bis auf weiteres nicht. Und damit Gott befohlen, gegen vier Uhr sehn wir uns wieder, bis dahin werden wohl auch die Väter, mit gesundem Appetit, hoff' ich, heimgekehrt sein.«
Um sich als künftigen Mustergatten zu empfehlen, blieb Herrn Ludwig nichts übrig, als ihren Anordnungen ohne Widerrede zu gehorchen. Gerne hätte er, weil heut' schon solch ein Glücks- und Freudentag war, sich die sonderbare Erlaubnis erwirkt, ihr beim Kuchenbacken behilflich sein zu dürfen; aber die schüchternen Versuche in dieser Richtung scheiterten an Annas Entschlossenheit, tatsächlich einen Kuchen zur Welt zu bringen und keinen verunglückten Mehlbatzen, der den Spott der Mitwelt herausfordern hätte können. Darum blieb es dabei, er mußte sich auf den Weg machen, die befohlenen Einkäufe zu besorgen, sie hatte die Sperrkette vorgelegt und nahm die von ihm herbeigeschleppten Mundvorräte und Kochzutaten nur durch den Türspalt in Empfang, ohne seinen jedesmal wieder erneuten Bitten, doch nur wenigstens auf eine halbe Minute eingelassen zu werden, im geringsten Gehör zu schenken. Sondern in dem Augenblick, wo er seine Pakete durch den Spalt gesteckt und abgeliefert hatte, fiel die Tür wieder ins Schloß, und man hörte, wie innen der Schlüssel umgedreht wurde. Denn ein Gugelhupf, wie er sein soll, kommt nicht so obenhin in weltlicher Zerstreutheit zustande. Er ist ein Werk, das seinen Meister nur unter der Bedingung lobt, daß dieser mit tiefinnerlicher Sammlung und heiliger Versunkenheit sich an seine hehre Aufgabe hingibt.
* * * * *
Indessen ging der guten Anna die Arbeit so leicht von der Hand, daß sie rascher damit zustande kam, als sie gedacht hätte. Da sie an diesem Tage für sich selbst kein Mittagsbrot kochte, sondern mit Umsicht Appetit ansammelte, um für die Festjause ausgiebig damit versehen zu sein, so kam alles, was an Zeit, Stoff und Kraft zur Verfügung stand, ausschließlich dem Kuchen zugute, der denn auch in seiner goldigbraunen Herrlichkeit bereits in der ersten Nachmittagsstunde wie ein überzuckertes Wunder fertig dastand, Zeugnis davon ablegend, daß schöpferische Fähigkeiten sich vererben und der Weltkrieg dem Eindringen der Mandeln und Rosinen nach Mitteleuropa noch weitaus länger hätte einen Riegel vorschieben müssen, ehe eine richtige Wiener Zuckerbäckerstochter aus der Übung gekommen wäre, einen vorbildlichen Gugelhupf zu backen.
Vater Ziervogel ließ sich noch immer nicht blicken, untätig bleiben war Annas Sache auch nicht, und da vor den Fenstern nach wie vor der gleiche gold- und blaustrahlende Frühlingstag stand, fiel ihr plötzlich der Schnaberl ein, dem sie an dem ersten solchen Tage die Freiheit zu schenken sich gelobt hatte. Wie gut traf es sich, daß diese Frage gerade heute brennend wurde, da ein überströmender Drang in ihr war, Freude zu spenden einer jeglichen Kreatur, ja, womöglich die ganze Welt zu beglücken. Reichlich blieb noch Zeit, das Rotkehlchen in den Stadtpark zu tragen, wo die Fesseln fallen sollten, so hatte sie sich's zurechtgelegt. Und sogleich beschloß sie, an die Ausführung zu schreiten.
Bevor sie aber das Haus verließ, stieg sie noch, den Käfig in der Hand, den oft betretenen Weg zum Dachstock hinan, um ihren armen kranken Freund zu besuchen, den kleinen Felix, der unter seinen Leiden, in Einsamkeit erduldet, stets so unsäglich dankbar war, wenn sie ihn besuchen kam und gar den Schnaberl mit heraufbrachte. Abermals, wie es ihre Gewohnheit war, stellte sie den Vogel in seinem Bauer vor den Knaben auf die Bettdecke, in demselben Augenblick aber kam es ihr in den Sinn, und zwar zum erstenmal, woran sie bis dahin noch gar nicht gedacht hatte: daß es nämlich für den bedauernswerten Jungen aller Wahrscheinlichkeit nach ein bitteres Weh bedeuten würde, von dem Vogel Abschied zu nehmen, dessen süßes, trauriges Liedchen ihm Wald und Freiheit vorzutäuschen pflegte. Und sich beherrschend, sagte sie, unsicher geworden: »Eigentlich sollte er heute fliegen, aber nun will ich mir's doch noch einmal überlegen ... Was meinst du?«
Sinnend nickte Felix mit dem Kopfe, er war ja längst darauf gefaßt, daß eines Tages Ernst gemacht werden würde. Wenn ihn etwas überraschte, so war es nicht ihre Mitteilung, sondern das Zögern, mit dem sie sie vorbrachte. Wohin sie wohl annehme, daß Schnaberl flöge, erkundigte er sich.
»Ach, wohin es ihn eben ziehen wird. Fort, hinaus, ins Freie, ins Weite! Wie oft wohl sehnte er sich danach! Aber da war immer ein Gitter, immer ein Käfig ...«
»Wie schön würde er es haben!« sagte der kranke Knabe und lächelte mit einem Blick in die Ferne.
Anna wußte nichts von den Kämpfen, die sich in seiner Seele abgespielt, seit jenem Tage, wo sie ihm zum erstenmal ihren Plan eröffnet hatte, dem Vogel die Freiheit zu schenken. Und sie ahnte auch nichts davon, daß er gesiegt und sich zu jener Herzensreinheit durchgerungen hatte, die nichts mehr für sich selbst begehrt. Aber es fiel ihr auf, daß jetzt jener vergrämte Ausdruck in seinen Zügen fehlte, der an den Ernst und die Sorgen Erwachsener erinnert hatte; eine himmlische Heiterkeit sprach aus seinem Kinderblick, in welchem es wie von tiefinnerlicher Verklärung leuchtete.
»In der Freiheit,« sagte er, »würde er seines Lebens erst recht froh werden ... Sich durch die Lüfte schwingen! ... Sich in den Wipfeln der höchsten Bäume wiegen! ... Wäre es nicht ganz etwas anderes, als auf den Sprösseln des Käfigs hin und her zu hüpfen? ... Laß ihn fliegen!« bat er. »Die Sehnsucht muß ihm ja das Herz abdrücken. Laß ihn fliegen!«
»Ich könnte ihn dann nicht mehr zu dir heraufbringen,« antwortete Anna behutsam. »Du würdest ihn nie, niemals wieder singen hören.«
»Ich will gerne darauf verzichten, ihn singen zu hören,« sagte Felix. »Laß ihn fliegen! Bitte, bitte, gute Anna, laß ihn fliegen!«
Seine Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Anna bereute, ihm damals von ihrer Absicht gesprochen, eine solche überhaupt je gehegt zu haben. Ihr deuchte jetzt, der Vogel sei gar nicht einmal so unglücklich in seinem Käfig. Längst mochte er sich mit der Gefangenschaft abgefunden haben, war vielleicht überhaupt nicht von den Naturen, die sich nach Freiheit sehnen ... Aber Felix gab jetzt nicht mehr nach. Er erlebte in sich die Wonnen, mit denen das Befreitwerden aus der Gefangenschaft ein sehnsüchtiges Herz erfüllt, er hätte dem Schnaberl schier sein Glück neiden mögen, hätt' er es ihm nicht aus ganzer Seele vergönnt. Es blieb mehr als fraglich, ob er an des Rotkehlchens Singen jemals wieder Freude finden konnte, wenn der Gedanke ihn quälte, daß er die Ursache sei, weshalb es noch immer im Käfig schmachtete.
So blieb der guten Anna schließlich nichts übrig, als dem Drängen des armen kranken Knaben nachzugeben und ihm zu versprechen, daß sie ihr Vorhaben genau so, wie es geplant gewesen, zur Ausführung bringen würde. Und als sie endlich von ihm schied, um nun wirklich den Käfig in den Stadtpark zu tragen, hielt er sich aufrecht und freudig und sah ihr strahlenden Auges nach, solange er meinte, von ihr noch beobachtet werden zu können. Wie sie aber die Tür hinter sich zuzog, konnte sie mit dem letzten Blick durch den Spalt eben noch seinen ausbrechenden Schmerz auffangen, der ihn weinend in die Kissen zurückwarf.
Immer hatte es ihr das bitterste Erdenweh geschienen, wenn sie sich der Unmöglichkeit gegenübersah, dem einen Liebe zu erweisen, ohne dem anderen Leid zuzufügen. Der Schnaberl war es, welcher sich diesmal in der angenehmen Lage befand, der vom Schicksal Begünstigte zu sein ...
In derselben Stunde, in der das stille, friedliche Leben der Schleifmühlgasse durch die leiseren Wellen und Wellchen solcher Herzensnöte gekräuselt wurde, rollte die große Donau ihre breiten grauen Wogen an anderen Herzensnöten vorüber, die vielleicht noch bitterer waren und sich im Busen eines auf der steinernen Uferböschung sitzenden Zuckerbäckers zusammendrängten. Ein ahnungsvolles Gemurmel wie das Flüstern und Locken von Nixen und fischgeschwänzten Weibern entstieg dem gewaltig hinziehenden Strome, der hier wohl an die vierhundert Schritt breit war. Das Wasser rauschte, das Wasser schwoll, von Herrn Ziervogel aber hätte niemand behaupten können, daß er sich halb hingezogen, halb hinsinkend der kühlen Flut entgegensehne. Im Gegenteil, es war ihm ein grauenvoller Gedanke, in dieser noch recht herben Frühlingsluft, die die Sonne nur ganz oberflächlich mit dem goldenen Strahlenmantel wohltuender Wärme umhüllte, auch nur die große Zehe mit dem kalten Wasser in Berührung zu bringen, und er wäre am liebsten auf und davon gelaufen und landeinwärts entflohen, weit fort von dem nassen Element, hätte nicht mit strenger Miene der kleine Drechslermeister an seiner Seite gesessen, ihn mit hundertäugiger Wachsamkeit belauernd wie in der antiken Sage Argos die in eine Kuh verwandelte Jo.
»Es nützt kein Zögern,« sagte Bock. »Je länger man wartet, desto schwerer fällt's. Hier heißt es wie an der Drehbank: resolut den Stahl ansetzen! Die Zähne zusammengebissen und die Augen zu -- in einer halben Minute ist alles vorbei. Ich will einmal bis drei zählen, auf drei springen wir auf und stürzen uns kopfüber in die Flut. Also aufgepaßt! Eins ... zwei ...«
»Aushalten! Aushalten!« fiel Ziervogel ihm in den Arm. »Du stellst dir die Sache einfacher vor, als sie ist. Nahe dem Ufer scheint der Strom ganz seicht, man sieht es deutlich, so trüb und schmutzig das Wasser auch ist. Hier gibt es kein Sichhineinstürzen, lieber Freund, am allerwenigsten kopfüber, das Ergebnis wären Beulen und blaue Flecken. Höchstens hineinwaten könnte man, im Anfang bis über die Knöchel im Wasser, später vielleicht bis zu den Knien, aber auch dabei bleibt das Ersaufen noch immer ein Kunststück. Und wie lange es wohl so weitergeht? Niemand ahnt es. Vielleicht zehn Schritt, vielleicht zwanzig, vielleicht fängt gar erst bei fünfzig die Tiefe an. Bis dahin hat man sich zuverlässig einen Schnupfen zugezogen und wenn nicht, doch allerhand verdammtes Unbehagen ausgestanden. Wozu? Nicht einmal bei Schwerverbrechern gibt es eine Verschärfung der Todesstrafe. Warum soll gerade ich mir eine Verschärfung diktieren lassen? Fällt mir gar nicht ein! Wenn du willst, daß ich mittun soll, so mußt du dir schon was anderes ausdenken.«
»Du stellst dich rein an,« gab Bock ärgerlich zur Antwort, »als ob du mir einen Gefallen damit erwiesest, wenn du dich den unleidlichen Zuständen unseres Zeitalters durch einen raschen Entschluß entziehst. Haben wir die Tat nicht reiflich erwogen und gemeinsam beschlossen? Zwinge ich dich dazu? Liegt es nicht in deinem eigenen Vorteil, ein Ende zu machen? Von mir aus bleib' am Leben, frette dich weiter, werde hundert Jahre und darüber und laß dich bis ins wacklige Greisenalter hinein drangsalieren und mit Schikanen füttern, in diesem Lande, wo statt Milch und Honig Tränen fließen und das Wiener Schnitzel längst zur Legende geworden ist. Feiere, mit einem Wort, wenn es dir behagt, noch deine goldene Hochzeit mit der notigen Bettelhaftigkeit, so wie einst der heilige Franziskus sich mit der Armut vermählte -- ich habe nichts dagegen, du bist dein eigener Herr. Das eine aber laß dir sagen. Seit Jahren haben wir jeden Schritt gemeinsam unternommen, Schulter an Schulter, in nie wankender Nibelungentreue, und mit kerndeutschem Handschlag auch diesmal das feierliche Gelöbnis besiegelt: Es bleibt dabei! Wenn du jetzt auskneifst, nenne ich dich nicht bloß einen Feigling, nein, einen Treulosen nenn' ich dich, denn im entscheidendsten Augenblicke unseres Lebens hast du die langbestandene Gemeinschaft gekündigt, das Tischtuch zwischen uns zerschnitten und mich schnöde im Stich gelassen! So, nun weißt du's wenigstens, wie ich über die Sache denke, und kennst meine Meinung. Und nun geh' heim und kehre zurück in die Knechtschaft der Entbehrungen und in die Tretmühle des Elends, wenn es dich danach gelüstet, oder tu' sonst, was dir gefällt, und was du nicht lassen kannst!«
Also sprach Bock. Wie Schwerter fuhren die Worte aus seinem Munde. Ja, als Drechsler hatte er's leicht, resolut zu sein, während das Einfüllen von Obersschaum in Indianerkrapfen oder das Komponieren eines Tortengusses eine so sanfte und zartbesaitete Tätigkeit ist, daß sich unter ihrem Einfluß nur die liebenswürdigeren Eigenschaften des Gemütes ausbilden, der Heldengeist dagegen verkümmert. Überdies gehörte Anselm schon von Natur zu den Unentwegten, die in jedem Falle nicht nur eine bestimmte Meinung haben, sondern diese Meinung (wenigstens vorübergehend) auch für die einzig richtige halten. Unseliger Zwiespalt dagegen, der du Ziervogels Seele in zwei fast gleiche Teile zerlegst, von denen niemand wissen kann, ob einer und welcher auf der Goldwage der Entschließung schwerer oder leichter wiegt als der andere! Welcher Wagschale ist es bestimmt zu steigen, und welcher zu sinken? Wird die süße Gewohnheit des Daseins die Oberhand gewinnen, die den Zuckerbäcker trotz alledem mit hundert Ketten an diese schlechteste aller Welten schmiedet? Oder der Drang nach Freiheit die Fesseln sprengen und ihm Schulter an Schulter mit dem Freunde die Pforte in ein besseres Jenseits auftun?
Ach, wie klar und lichtdurchflutet lachte der zartblaue Himmel, blankgescheuert von der langen Regenzeit, auf die frischbegrünten Überschwemmungsgebiete nieder, durch die der mächtige Strom rauschend seine Bahn hinzog. Wunderhold war solch ein Frühlingstag! Freudenau hieß dieses schier urländliche Auen- und Wiesenrevier des unteren Praters, in dem sie sich befanden, und wenn man die Lerchen trillern hörte, die wie glimmende Funken jenseits des Flusses, über dem »Schierlingsgrund« und den »Biberhaufen«, jenen Hutweiden und Erlenbüschen des geschichtlichen Schlachtfeldes von Aspern, hoch in den Lüften wirbelten, da fühlte man, man brauchte es nicht erst zu begreifen, daß Freude der Nerv und Herzschlag dieser Stadt und dieses Landes sei. Wie schwer fiel es doch, sich von all der trauten Schönheit loszureißen, trotz alledem und alledem!
Aber andrerseits bedeutete die Nibelungentreue, die sie einander bis dahin gehalten, und auf die Anselm sich ausdrücklich berief, dem Biedersinn des süßen Joachim nicht bloß eine leere Redensart. In einer altertümlichen Tischgesellschaft, welcher er einst angehörte, hatte er den Kneipnamen »Armin, der Cherusker« geführt, und seine Kundschaft, solange er in der Konditorei tätig gewesen, rekrutierte sich großenteils aus jenen volksbewußten Kreisen, welche gegenüber der starken slavischen Strömung im alten Österreich ihr Deutschtum kräftig zu betonen liebten. So kam's, daß er auf negerfarbige Schokoladetorten, mulattenbraune Kaffee- und rosenrote Biskuittorten mit Punschgeschmack (die berühmte Ziervogelsche Spezialität) unzähligemal die Inschrift: »Lieb Vaterland, magst ruhig sein!« in weißem Zuckerguß kunstvoll verschnörkelt hingemalt hatte. Und es galt ihm für das oberste Gebot völkischer Gesinnung, daß eines deutschen Mannes Treue ebenso unerschütterlich und ohne Wanken fest müsse stehen wie jene vielbesungene Wacht am Rhein.
Nein, wenn alle untreu wurden, Armin, der Cherusker, wurde es nie und nimmer! Ihm war es Ehrenpflicht, Schulter an Schulter mit dem Kameraden durch dick und dünn, wenn nötig sogar ins Wasser zu gehen. Nur ein wenig Zeit zu gewinnen, versuchte er noch.
»Zähl' auf mich, Anselm,« sagte er; »ich lasse dich keinesfalls im Stich, wie du mir's zumutest, ich sperre mich auch nicht gegen die Tat, nur gegen die Art ihrer Ausführung. Wir müssen trachten, gleich ins volle zu kommen, ins tiefe Wasser nämlich, von Anfang an in die Mitte des Flusses. Darum schlage ich vor: gehn wir zur Rudolfsbrücke hinauf, die auf hohen Pfeilern über den Strom setzt. Von ihr bin ich bereit, einen Kopfsprung zu tun, wie ich in meinen jungen Jahren in der Schwimmschule keinen schöneren verübte.«
Aber Bock durchschaute argwöhnisch die Absicht des Verzögerns und Hinausfristens, er gab zu bedenken, daß die Rudolfsbrücke eine gute Stunde entfernt und von Fuhrwerken und Fußgängern belebt sei, auch behauptete er, an Schwindel zu leiden und jede andere Todesart einem solchen Salto mortale aus der Höhe vorzuziehen. Damit hatte er sich erhoben und war die Futtermauer der Böschung hinuntergeklettert. Er stand jetzt knapp am Wasser und tauchte die Hand hinein, um zu prüfen, wie kalt es sei, zog sie aber rasch wieder zurück und verlor nun selbst ein wenig den Mut, weil er ebenfalls das Kalte nicht liebte und so wenig wie Ziervogel sich nach einer Verschärfung der Todesstrafe sehnte.