Chapter 8 of 14 · 3943 words · ~20 min read

Part 8

Er hatte eine zu große Dosis Veronal zu sich genommen -- aus Versehen natürlich, so stand es in den Zeitungen. Ein Selbstmord sei gänzlich ausgeschlossen, der alte Herr hätte zwar wie alle Angehörigen des Mittelstandes unter den Zeitverhältnissen zu leiden gehabt, immerhin aber in ausreichenden Umständen gelebt, an allen öffentlichen Ereignissen in ungebrochener Geistesfrische noch regen Anteil genommen und auch sein schweres körperliches Übel stets mit um so mehr Geduld und Langmut ertragen, als ihm seine Tochter seit vielen Jahren mit rührender Hingebung als liebevolle und aufopfernde Pflegerin zur Seite gestanden sei. Den Angaben, die die Blätter über seine Laufbahn enthielten, konnte ich entnehmen, daß er über achtzig Jahre alt geworden war und seit Königgrätz, wo er als junger Offizier sich ausgezeichnet hatte, seinen Heldentaten kein neues Lorbeerblatt hinzugefügt zu haben schien. Übrigens waren alle Nachrufe selbstverständlich in dem ortsüblich ehrenvollen, ja ruhmredigen Ton gehalten -- nur ein kleineres, durch seine unflätigen Angriffe bekanntes umstürzlerisches Organ äußerte seine Befriedigung darüber, daß wieder einer jener überzähligen Schädlinge vom Schauplatz verschwunden sei, die das alte Österreich ins Unglück gestürzt hätten und dem neuen wie zehrende Parasiten im Pelz säßen. Und ich konnte in dem Augenblick, wo ich dies las, mich eines gewissen reumütigen Unbehagens nicht erwehren, weil auch ich, als ich zum erstenmal nach dem mörderischen Kriege des hinfälligen alten Mannes wieder ansichtig geworden, ihm in meinen unwillkürlichen Gedanken gleichsam einen Vorwurf daraus gemacht hatte, daß er noch immer unter den Lebenden weilte.

Der Tod mildert unser Urteil über die Menschen, verschiebt unsere Stellungnahme ihnen gegenüber ganz ohne unser Zutun; jedermann weiß es, es ist eine Binsenwahrheit. Aber obgleich wir es wissen, müssen wir es doch in jedem Falle wieder neu erfahren, und manchmal sind die Wandlungen, die sich in uns vollziehen, einschneidender, als wir je vorausgesehen hätten.

Karl Schuda, als wir auf dem halb ländlichen Friedhof Seite an Seite uns dem Zug der Leidtragenden anschlossen, sagte: »Sie hatten schon auch ihre Qualitäten, diese altösterreichischen Militärs ...«

Ich blickte ihn halb verwundert an und nickte zustimmend. Sonst wechselten wir kein Wort miteinander. Die Bestattung fand der Zeit entsprechend selbstverständlich ohne jedes militärische Gepränge von der Friedhofshalle aus statt. Die Feierlichkeit war so einfach wie möglich und beschränkte sich auf das Unerläßliche. Die Baronin, auf diesem letzten gemeinsamen Wege nicht wie sonst ihrem Vater voraus, schritt als erste hinter seinem Sarge her. Der dichte Schleier verbarg uns ihr Antlitz, als wir, Karl Schuda und ich, unter vielen anderen Freunden und Bekannten ihr die Hand drückten, während die Schollen in die Grube polterten. Ich scheute mich fast, diese Hand zu berühren. Ein fürchterlicher Verdacht, dessen ich mich selbst beinahe schämte, schnürte mir das Herz zusammen. Wie einem eine Melodie manchmal nicht aus dem Kopf will, so verfolgte mich unablässig das kulturniedrigste aller Worte, das die deutsche Sprache jemals geprägt: »Was sinkt, soll man stoßen.« Wie gern hätte ich der Baronin ins Auge geblickt, um davon befreit zu werden! Denn im Grunde war ich doch überzeugt, daß ein einziger Blick in dies Auge mir Beruhigung hätte verschaffen können. Aber sie blieb unsichtbar hinter dem schwarzen Krepp; auch wurde ich durch die übrigen Leidtragenden alsbald wieder von ihr abgedrängt.

Am Friedhofstor verabschiedete ich mich auch von Karl Schuda. Meine Abreise war für den darauffolgenden Tag festgesetzt.

»Auch ich verreise demnächst,« sagte er gepreßt.

»Wohin?«

»Bei unsereinem steht das nicht so fest,« antwortete er ausweichend. »Wo es eben gerade etwas zu tun gibt ... Leb' wohl!«

Wir reichten einander die Hand, Auge in Auge gesenkt. Ein letzter Strahl der alten Jugendfreundschaft leuchtete darin auf und berührte uns gegenseitig mit wohltuender Wärme.

Er hat inzwischen sein Schicksal vollendet, ich sollte ihn nie wiedersehen ...

Schon früher, aus beiläufigen Bemerkungen, die er, trotz seiner offenbar absichtlichen Zurückhaltung in diesem Punkte, nicht immer hatte unterdrücken können, war es mir zur Gewißheit geworden, daß Karl Schuda große Hoffnungen auf Ungarn setzte. Dort hatte bereits Ende März eine Verschmelzung der sozialdemokratischen Partei mit der kommunistischen sich vollzogen und Bela Kun als Volkskommissar des Auswärtigen in einem Funkspruch »An Alle!« den Arbeitern der Welt kundgetan, daß nun der Wind aus einem andern Loch blasen würde. Auf die Arbeiter der Welt schien das zwar keinen besonderen Eindruck zu machen, wenigstens rührten sie sich nicht. Auch daß Lenin den neuen Bruderstaat mit begeistertem Bombast begrüßt hatte, brachte der gequälten Menschheit noch lange keine Erlösung. Und es gehörte schon ein recht gläubiges Gemüt dazu, um anzunehmen, daß durch die Erklärung des Standrechts die wahre Freiheit begründet oder durch die Abschaffung von Rang und Titeln den Übergriffen der Feinde Ungarns Einhalt getan werden könne, dem Vormarsch der »Bourgeoiseroberer«, wie jene Proklamation die Ententegünstlinge nannte, von denen jeder einen Fetzen ungarischen Territoriums an sich gerissen hatte. Auf die Zukunftshoffnungen einer entflammten Bekennernatur, wie mein Freund es war, mochte aber schon die in so naher Nachbarschaft erfolgte Schaffung der Proletarierdiktatur allein, die angeblich vollzogene Vereinigung der gesamten Arbeiter, Soldaten und Bauern unter der Fahne der sozialistischen Weltrevolution einen bestrickenden Zauber und eine gewaltige Anziehungskraft ausüben. Aus diesem Grunde vermutete ich in Budapest, dem Sitz der jüngsten Räterepublik, Karl Schudas geheim gehaltenes Reiseziel, und zwar mit stillem Bedauern und aufrichtiger Sorge. Denn schon damals sah es nicht danach aus, als ob Schillers Wort »Freiheit ist nur in dem Reich der Träume« durch Tibor Szamuely und ähnliche Gestalten bolschewistischen Gepräges widerlegt werden würde.

Den Verlauf, den das gefährliche ungarische Experiment in der Folge genommen hat, ist bekannt. Bekannt, daß es trotz den zweifellos hochfliegenden Plänen und edeln Absichten Einzelner in blutige Gewaltherrschaft ausartete, das Land infolge kühnen volkswirtschaftlichen Dilettierens ungezählte Milliarden kostete und mit einem kläglichen Zusammenbruch endete. Vier Monate bolschewistischer Herrlichkeit hatten genügt, dem unglücklichen Staatswesen unendlich mehr Schaden zuzufügen als alle vorausgegangenen schweren Jahre des Krieges zusammengenommen. Die rumänische Armee stand, während die »Bourgeoiseroberer« wie immer von edler Grundsätzlichkeit troffen, plündernd und raubend vor den Toren von Budapest, und die Volkskommissare mit ihren Genossen, nachdem sie noch einmal, kindlich genug, das Proletariat der Welt um Hilfe angerufen hatten, beeilten sich, über die österreichischen Grenzen zu entkommen, soweit sie nicht unter irgend einem Titel dingfest gemacht worden waren.

Ob Karl Schuda dies alles aus unmittelbarer Nähe miterlebt oder vielleicht sogar als tätiger Teilnehmer sich daran beteiligt habe, blieb mir unbekannt. Ich wußte ja nicht einmal sicher, wohin er sich damals gewendet hatte, hörte nichts mehr von ihm und war auch durch meine eigenen Angelegenheiten zu sehr in Anspruch genommen, als daß meine Gedanken zu ihm oder in jene stille Stadt der blühenden Gärten, wo der Zufall uns zusammengeführt hatte, noch öfters zurückgekehrt wären.

So war ein Jahr vergangen, seit wir nach dem Begräbnis des alten Generals am Friedhofstor voneinander Abschied genommen, als ich, in einem Wiener Kaffeehaus rasch eine Zeitung durchfliegend, auf eine telegraphische Nachricht aus Budapest stieß, wonach ein gewisser Nagyhegy, rekte Souda, wegen Teilnahme an den Greueln der einstigen Räteregierung verhaftet worden sei. Mit ihm sollte auch seine »Konkubine«, die Tochter eines ehemaligen österreichischen Generals, wegen Vorschubleistung zu den ihm zur Last gelegten strafwürdigen Handlungen in Untersuchung gezogen worden sein.

Ich hatte mir für denselben Abend eine Karte in die Oper verschafft, die bei der entsetzlich anwachsenden Teuerung ein kleines Vermögen kostete. Ich wollte sie nicht verfallen lassen und begab mich, nachdem ich jene Notiz mehrmals hintereinander gelesen und, da sie von einem Korrespondenzbureau herrührte, in allen Zeitungen gleichlautend gefunden hatte, unmittelbar aus dem Kaffeehaus ins Theater, obgleich mir jede Lust vergangen war, die »Tote Stadt« zu hören. Aber schon nach dem ersten Aufzug verließ ich das Parkett. Es bohrte und nagte eine Unruhe in mir, die mich zu keinem reinen Genuß kommen ließ. Immer aufs neue wiederholte ich mir, was ich mir schon hundertmal wiederholt hatte: daß eine zufällige Ähnlichkeit der Umstände mich irreführen konnte und meine Besorgnis vielleicht gänzlich überflüssig sei; daß es viele österreichische Generale gegeben hätte und darum auch viele Generalstöchter geben müsse, und daß der slawische Name Souda vielleicht ganz anders ausgesprochen würde als der Karl Schudas. Aber dennoch verfiel ich immer wieder in Traurigkeit, wenn ich mir vorstellte, daß mein alter Schulfreund, für den ich noch immer Gefühle übrig hatte, wie sie eben nur aus Jugendbeziehungen nachhallten, samt seiner schönen Freundin ins Unglück geraten sein sollte. Eine Traurigkeit, die sich bei dem Gedanken noch steigerte, daß er, verführt durch die Glut seines gottverlassenen Erlöserwillens, vielleicht wirklich schwere Schuld im politischen Sinne auf sich geladen und sogar seine arme Gefährtin darein verstrickt haben könnte.

Nur eine Tätigkeit, die mir Aufklärung verhieß, konnte meine überreizten Nerven entspannen. Ich setzte mich noch in der Nacht an den Schreibtisch, um jenem mir allerdings nur entfernt bekannten Arzt zu schreiben, der vor einer Reihe von Jahren, noch vor dem Kriege, in einem zufälligen Gespräch, an das ich mich noch gut erinnerte, das Recht der Jugend gegen die Selbstsucht des Alters in Schutz genommen und dabei, wie ich mir damals einbildete, auf das Verhalten des greisen Generals seiner bedauernswerten Tochter gegenüber angespielt hatte. Ich durfte annehmen, daß er mit der Familie befreundet gewesen, und fragte an, ob er mir von der Baronin und meinem Jugendfreunde, dem Publizisten Karl Schuda, in dessen Gesellschaft ich sie später einigemal getroffen hätte, Nachricht geben könne.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ich hatte mich an die richtige Adresse gewendet, denn jener Arzt und Menschenfreund, der, wie ich erst jetzt erfuhr, den alten General behandelt und seinen Tod festgestellt hatte, nahm selbst warmen Anteil an dem Schicksal der Baronin. Er wußte mir aber nichts zu berichten, als daß sie bald nach dem Selbstmord ihres Vaters zugleich mit dem »gefährlichen Rattenfänger«, wie er Schuda nannte, aus der Stadt verschwunden und seither nicht mehr dahin zurückgekehrt sei. Er fürchte, daß eine Zeitungsnachricht aus Budapest, die ihn jüngst erschreckt habe, und auf die er mich aufmerksam mache -- das mir wohlbekannte Telegramm war im Ausschnitt angeschlossen -- sich auf das verschollene Paar beziehe.

So wenig aufklärend diese Zeilen auch waren, so kann ich doch nicht anders sagen, als daß ich aufatmete, während ich sie las. Wenn irgend wer, so mußte jener Arzt es wissen, auf welche Weise der General aus dem Leben geschieden war. Und daß er von einem Selbstmord wie von einer unbezweifelbaren Tatsache sprach, nahm mir eine schwere Last vom Herzen. Denn das von der Baronin geprägte Wort: »Wir müssen schuldig werden«, vielleicht im Zusammenhang mit Karl Schudas rohem Ausspruch »Was sinkt, soll man stoßen«, hatte Befürchtungen in mir erweckt, vor denen mir schauderte. Jetzt hielt ich die Gewißheit in Händen, daß wenigstens das Entehrende und Unsühnbare, das mich unüberbrückbar von meinen Freunden geschieden hätte, nicht im Bereich des Möglichen lag. Es gibt eine Schuld, die der Mensch verzeihen kann und darf, die zu verzeihen sogar ein Gebot der Nächstenliebe ist. Aber es gibt auch einen Punkt, wo Nachsicht und milde Beurteilung ein Ende haben müssen. Nun konnte ich wieder hoffen, daß dieser Punkt nie und nirgends überschritten worden sei.

Der erwähnte Arzt ließ die Gelegenheit nicht ungenützt, dem knappen Tatsächlichen, das er mir übermitteln konnte, auch noch einige weitere Ausführungen beizufügen, zu welchen das Interesse ihn reizen mochte, das er als Seelenforscher an der Sache nahm.

Der Baronin, schrieb er, traue er in ihrer Anhängerschaft an den politisch stark exponierten Freund ohne weiteres das Äußerste zu. Der Tod des Generals, eines von Haus aus unleidlich rücksichtslosen, mit sich und der Welt zerfallenen altösterreichischen Kommißoffiziers und Leuteschinders, sei viel zu spät erfolgt, um seiner Tochter noch rechtzeitig jene äußere und innere Freiheit zu schenken, die ihr ohne verzweifelte Entschlüsse einen Weg zu der jeder Menschenseele unentbehrlichen Freudigkeit eröffnet hätte. Zur Hörigkeit erzogen, durch militärisch-bourgeoise Vorurteile in jeder natürlichen Entwicklung gehemmt, hätte sie, im Begriffe, von der Jugend Abschied zu nehmen, unbedingt auch seelisch dem Einfluß eines jeden unterliegen müssen, der sie zum Weib machte, gleichgültig, ob es ein Jesuit oder ein Bolschewik war. Darum wundere er sich auch nicht darüber, wenn sie in Karl Schuda vielleicht etwas wie einen Erlöser und in seinen zersetzenden Hirngespinsten ein Allheilmittel der Menschheit erblickt hätte. Mannigfache Erfahrungen ähnlicher Art ließen ihm den Fall, so verhängnisvoll er für die Baronin verlaufen könne, als durchaus begreiflich erscheinen und böten die Erklärung für den damals von ihm vertretenen Standpunkt, den wohl nunmehr auch ich besser zu würdigen wissen werde: daß selbst liebevolle Absicht der Eltern ein engherzig gewaltsames Niederhalten jenes besonderen Eigenlebens nicht entschuldigen könne, auf das jede neue Generation wieder ihren besonderen Anspruch habe. Jedenfalls sei er in diesem Punkte gerade in seinen Kreisen so oft auf völlige Verständnislosigkeit gestoßen, daß er die großen Opfer, die unsere Zeit fordere, nicht für vergeblich dargebracht halten würde, wenn es ihr gelänge, die vielfach verknöcherten Anschauungen der bürgerlichen Gesellschaft wenigstens einigermaßen zu revolutionieren.

An die scharfe und grausame ärztliche Diagnose, der ich nicht in jedem Punkte beizupflichten vermochte, schlossen sich noch ein paar Bemerkungen über die Vorgänge in Ungarn, die er als gebürtiger Siebenbürger Sachse mit besonderer Anteilnahme verfolgte. Die gesunde Reaktion, die die Ordnung halbwegs wiederhergestellt und die friedliche Regelung der Beziehungen zu den westlichen Gewalthabern in die Wege geleitet hatte, war durch die Notwendigkeit, allerorts immer wieder aufzüngelnde Flammen zu dämpfen, unausgesetzt in Atem gehalten. Es wurde gemunkelt, daß die neue Regierung sich dabei oft nicht minder harter Maßnahmen bediene als die alte; manche behaupteten schlankweg, an die Stelle des roten sei nun der weiße Terror getreten. Von diesseits der Grenzen war die Stichhaltigkeit der umgehenden Gerüchte um so schwerer zu überprüfen, als auch die ungarische Öffentlichkeit selbst vielfach im Dunkeln tappte. Ein dichter Schleier blieb besonders über jene Vorgänge gebreitet, die mit der Ausrottung letzter Überreste der verflossenen Räteregierung und mit der Verfolgung ihrer da und dort noch verborgenen Parteigänger zusammenhingen. Unter diesen Umständen, meinte der Briefschreiber, sei es bis auf weiteres wohl ausgeschlossen, etwas darüber in Erfahrung zu bringen, ob Karl Schuda und seine Freundin mit den in jenem Zeitungstelegramm erwähnten Personen identisch seien.

Mir war es durch das gleichzeitige Verschwinden des abgängigen Paares aus jener Stadt fast zur Gewißheit geworden, daß der wegen revolutionärer Umtriebe verhaftete »Nagyhegy, rekte Souda« und seine »Konkubine« für mich nicht zu den gänzlich Gleichgültigen und Unbekannten zählten. Da aber selbst mein Gewährsmann, dem nähere Beziehungen zu Ungarn zur Verfügung standen als mir, an jeder Möglichkeit zweifelte, das Schicksal der beiden zu erforschen, so erlahmte allmählich auch bei mir die Neigung, mich länger mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen. Und als wieder einige Zeit verstrichen war und hundert andere, für mich wichtigere Dinge die verblassenden Gestalten ins Dunkel des Vergessens zurückgedrängt hatten, wurden sie mir allmählich zu Abgeschiedenen, an die zu denken man kaum noch Zeit findet, und denen jemals wieder zu begegnen man endgültig verzichtet hat.

Aber die Welt ist nicht ganz so groß, wie sie uns manchmal scheinen will. Und wie wir von Menschen, die in derselben Stadt mit uns wohnen, und die unser Dasein, wären wir mit ihnen in Berührung gekommen, vielleicht unsäglich bereichert hätten, oft unser ganzes Leben lang wie durch einen Ozean getrennt bleiben, so kommt es anderseits auch vor, daß weit auseinanderführende Wege unversehens wieder in einem Punkt zusammenlaufen, sich kreuzen, sich schneiden, und daß gerade in dem Augenblick, wo wir diesen Kreuzungspunkt passieren, ein Mensch dort sitzt und von der Wanderschaft ausruht, der uns irgendwie einmal lieb gewesen ist, und den wir längst für hoffnungslos verschollen gehalten hatten.

Solch eine außerhalb jeder Berechnung liegende Begegnung brachte auch mir um Weihnacht 1920, also reichlich anderthalb Jahre nach jenen Frühlingstagen, in denen ich durch Karl Schuda die persönliche Bekanntschaft der schönen Generalstochter gemacht hatte, unvorhergesehene Aufklärung darüber, was aus ihm und seiner Freundin geworden sei. Erwünscht und doch nicht wünschenswert, reifte mir aus diesem unselig abgeschlossenen Doppelleben die bittere Frucht der Erkenntnis entgegen, daß wir in eine Zeit hineingeboren zu sein das Unglück haben, deren überreizte Phantasie in der Erfindung beklagenswerter Schicksale sich nicht genugtun zu können glaubt.

Eine Gesellschaft edler Frauen, an deren Spitze eine der opferwilligsten Wohltäterinnen Wiens stand, hatte schon vor mehreren Jahren aus privaten Mitteln eine Anstalt ins Leben gerufen, in der durch Höhenluft und -sonne der Todeskeim bekämpft werden sollte, den die Not des Krieges und mehr noch des Friedens in die Brust so vieler Darbenden gesenkt hatte. Die Heilstätte lag in den steirischen Bergen, hoch oben in der Nachbarschaft der Felsen, und war ausschließlich dem weiblichen Geschlecht, den Hilflosesten der Hilflosen, gewidmet, gewährte aber bisher, da man versuchsweise vorgehen und sich erst allmählich erweitern wollte, bloß einer Anzahl von gegen zwanzig Leidenden Aufnahme, ein Tropfen auf den brennend heißen Stein des allgemeinen Elends. Jetzt sollte das Unternehmen auf breitere Grundlage gestellt und die Anteilnahme der Öffentlichkeit dafür geweckt werden. Vor allem galt es, eine mit Lichtbildern ausgestattete Werbeschrift in die Hände jener Wohlhabenden und dabei opferbereiten Mitbürger gelangen zu lassen, deren es noch immer gab, und als gerade um jene Weihnachtszeit die Vorsteherin mit dem Ersuchen an mich herantrat, meine Feder in den Dienst der guten Sache zu stellen, zögerte ich keinen Augenblick mit meiner Zusage und machte mich trotz der strengen Kälte in Gesellschaft des Lichtbildners auf den Weg nach dem verschneiten steirischen Marktflecken, der den Ausgangspunkt für die Bergwanderung bildete.

In Begleitung des jungen und rüstigen Bezirksarztes, der uns am Bahnhof erwartet hatte, traten wir bald nach unserer Ankunft durch glitzernden und knirschenden Schnee den Aufstieg zur Höhe an. Es war ein prachtvoller Wintertag, himmelblau und weiß, jedes Zweiglein des Waldes von Kristallen des Rauhfrostes flimmernd, jedes stürzende Wässerlein ein Wunderbau vereister Tropfsteingebilde. Und als wir nach zwei Stunden scharfen Steigens die mit weißen, flaumigen Kissen bedeckte Bergstufe erreichten, auf der die Heilstätte siedelte, machte sich die rätselhafte Erscheinung der Sonnenstrahlung so wohltuend fühlbar, daß wir die Röcke ablegen und auf dem Arme tragen mußten, um uns später beim Eintritt ins Haus nicht der Gefahr einer Erkältung auszusetzen.

Der Bezirksarzt, der tagtäglich zu jeder Jahreszeit diesen Weg zurücklegte, war selbstverständlich für die unbeschreibliche Schönheit des Hochgebirgswinters nicht ganz so empfänglich mehr wie wir, billigte aber die Absicht des Lichtbildners, das Hauptgewicht auf Naturaufnahmen zu legen. Den Menschenfreunden, die man zur Zeichnung von Anteilen zu bestimmen hoffte, sollte doch eine rechte Augenlust geboten werden, um die Berg- und Sonnenfreude in ihnen zu wecken. Vom Hause selbst, indessen ich es besichtigte und mich über seine Verhältnisse eingehend unterrichtete, wurden deshalb nur die günstigsten Anblicke auf die Platte gebannt und insbesondere der Liegehalle nicht vergessen, wo eine Reihe schwerkranker Frauen, bis ans Kinn in Decken gehüllt, sich sonnte, die heilkräftige Alpenluft atmend.

Während hierauf mein Arbeitsgenosse mit Kamera und Stativ sich aufmachte, die dankbarsten und bezeichnendsten Punkte der näheren Umgebung auszukundschaften und im Bilde festzuhalten, verweilte ich noch im Gespräch mit dem Arzte an der Sonnenseite des Hauses im Freien, mein Taschenbuch mit den für mich wissenswertesten Auskünften füllend, die der wohlbewanderte Fachmann mir bereitwillig gewährte, als eine Pflegerin mit der Bitte an mich herantrat, vor Verlassen der Anstalt die Stelle 9 aufzusuchen: die Kranke, die dort liege, wünsche mich zu sprechen. Nicht ohne Befremden, aber gespannt, wer hier etwas von mir wollen und worum es sich dabei handeln könne, beschloß ich, der Bitte unverzüglich zu willfahren, entschuldigte mich bei dem Arzt und folgte der Pflegerin, die mich den sich sonnenden Patientinnen entlang zu dem mit Nummer 9 bezeichneten Liegeplatz geleitete.

Eine bleiche Frau mit großen, vergeistigten Augen erwartete mich sehnsüchtigen Blicks. Sie versuchte, als ich mich näherte, sich aufzurichten, was ihr nicht gelingen wollte, da sie wie ein Kind im Steckkissen eingepackt lag. Als aber die Pflegerin sie zurechtweisend ermahnte, ihre Stellung nicht zu verändern, gab sie sich schließlich darein, sich notgedrungen darauf beschränkend, mir mit dem Kopfe zuzunicken. Höflich grüßend, ohne sie zu kennen, trat ich an ihre Liegerstatt heran und fragte, womit ich ihr dienen könne.

Ihre Stimme war tonlos und dünn wie ein Faden, ich beugte mich zu ihr nieder, da mir ihre mehr gehauchten als gesprochenen Worte unverständlich geblieben waren. Sie wiederholte, ob ich mich ihrer denn nicht mehr erinnere, und nannte ihren Namen ...

Ich fuhr zurück, suchte mich aber rasch zu fassen. Die vor mir lag, war eine Schwerkranke auf der letzten Stufe der Auszehrung. Trotzdem zeigte der Schnitt des Gesichts, von der Seite gesehen, noch immer Spuren von Schönheit, die klare, nur etwas allzu strenge Linie einer antiken Gemme.

Es mochte sich doch etwas wie Bestürzung in meinen Mienen gespiegelt haben. Tieftraurig stammelte sie: »Ich habe mich verändert -- nicht wahr?« Und während Tränen in ihre Augen traten, die neben den hageren, eingefallenen Wangen und Schläfen fast übergroß erschienen, sagte sie bewegt: »Das waren glückliche Tage damals ... Richtige Frühlingstage ... Als wir noch mit Karl Schuda ... Sie erinnern sich doch?«

Die Tränen flossen über und kollerten in die ausgehöhlten Wangen nieder. Hilflos lag sie da wie eine Mumie. Ich blickte um mich, knapp hinter mir stand das nächste Bett. Keine Möglichkeit, an ihrem Lager Platz zu nehmen. Das Reden strengte sie an, so tief ich mich auch zu ihr herabneigte. Ich kniete nieder, auf die steinernen Fliesen, knapp an ihrer Seite, wie vor dem Unglück selbst demütig auf die Knie gezwungen. Wie vor dem Fluch und Jammer, wie vor dem bitteren Leidenskelch der ganzen Menschheit lag ich vor ihr auf den Knien. Zerknirscht, in Ehrfurcht, wie vor einem Bilde der schmerzhaften Mutter. So kniete ich überströmend von Mitleid zur Seite dieser weinenden Frau auf den steinernen Fliesen des Bodens, mich nahe über ihr Antlitz beugend.

Und ich drückte mein Taschentuch gegen ihre Augen und trocknete ihre Tränen. Mein Kopf lag fast an ihrer Brust. »Nun können Sie ganz leise sprechen. Ich höre Sie.«

»Ja -- was ich Ihnen sagen wollte ... Es waren Ideale, für die er kämpfte ... Für Menschheitsziele hat er sich geopfert ... Es ist eine Lüge, daß er ein Verbrecher war! ... Seine Gegner haben sie ausgesprengt, die Rückschrittsmänner! ... Diese Bluthunde! ... Nur um ihre Schandtat zu rechtfertigen!« Ihr Auge flammte in wildem Haß. »Himmelschreiend ist es,« fuhr sie leidenschaftlich fort, »was alles sie ihm nachsagen! Aber Sie glauben es doch nicht?« schloß sie. »Sie bewahren ihm doch ein treues Angedenken?«

In banger Erwartung hob sie den Kopf vom Kissen und forschte gespannt in meinen Zügen. Ich nickte stumm, während ich ihr fest ins Auge blickte. Es war wie ein feierliches Gelöbnis, das ich ablegte, ich fand nicht die Kraft, es ihr zu versagen, obgleich ich nichts Näheres darüber wußte, ~was~ man unserem Freunde eigentlich zur Last lege, und noch weniger, wessen er sich in Wahrheit schuldig gemacht hatte. Indessen erreichte ich wenigstens mein Ziel. Der gepeinigten Frau fiel offenbar ein Stein vom Herzen, sie ließ den Kopf zurücksinken und atmete tief auf, ihr Gesichtsausdruck entspannte sich. Abermals trocknete ich mit meinem Tuche ihre Tränen, die nun in sichtlicher Erleichterung reichlicher flossen.

Ein roter Fleck beiderseits hatte sich über ihren Backenknochen festgesetzt. Der kurze Atem flog, das Fieber schüttelte sie.

»Das war es ...« nur stoßweise brachte sie die Worte über die Lippen, »was ich Ihnen ... sagen wollte. Das war es ... was ich von Ihnen ... hören wollte ... Nun weiß ich doch ... daß wenigstens Sie ... an ihn glauben ... Er schätzte Sie sehr.«

Hundert Fragen lagen mir auf der Zunge. Ich konnte, ich durfte nicht fragen. Der Anblick der Beklagenswerten zerriß mir das Herz. Ich empfand es als Pflicht der Nächstenliebe, ihre Gedanken in andere Bahnen zu lenken. Ich pries die Großartigkeit dieser Berglandschaft, die Schönheit des Alpenwinters, die Heilkraft der Luft, den Segen der Sonne. Ich sprach die Hoffnung aus, daß sie genesen würde.

Sie aber bewegte nur abweisend das Haupt. Es schien mir, daß sie mit dem Leben abgeschlossen habe, ja, daß sie es ehrlich bedauerte, überhaupt noch am Leben zu sein. Denn ich zweifelte keinen Augenblick, daß es ihr ernst damit war, als sie nun in einem Stoßseufzer, der zwar nicht geradezu, für mich aber verständlich genug, die drängendste meiner unausgesprochenen Fragen beantwortete, ihr innerstes Sehnen zusammenfaßte: »Hätte man doch auch mich gerichtet!«