Chapter 7 of 14 · 3773 words · ~19 min read

Part 7

Daß auch meine sonderbare Heilige aus den städtischen Parkanlagen der Weltlichkeit nicht unzugänglich geblieben war, darüber blieb mir bald kein Zweifel mehr. Denn als ich nach Schluß des Vortrags mich in das ans Podium stoßende Künstlerzimmerchen begab, um Karl Schuda zu begrüßen und ihm nach so langer Zeit die Hand zu drücken, fand ich zu meiner nicht geringen Überraschung dort meine schöne Unbekannte vor, wie sie ihm für das, was er ihr gegeben, ihren Dank auf eine recht eigene Weise aussprach, nämlich wortlos, indem sie die Arme um seinen Nacken geschlungen hatte und ihn küßte. Es war mir peinlich, sie durch mein Eindringen aus dieser zärtlichen Stellung aufgeschreckt, bestürzt und verlegen zur Seite treten zu sehen, Karl Schuda indessen überbrückte gelassen und unbefangen den fatalen Augenblick, indem er nach einigen schlichten Worten freudiger Genugtuung über meine Teilnahme an seinem Vortrag uns miteinander bekannt machte. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß die Beziehungen der beiden nicht erst von heute stammten, denn während er mich als Jugendgenossen und alten Schulkameraden einführte, stellte er sie als seine werte Freundin und treue Mitarbeiterin vor, der er mehr zu danken habe, als sich in der Geschwindigkeit sagen lasse. Daß er dabei nach ihrer Hand faßte und sie mit Wärme schüttelte, trug dazu bei, sie rasch ihre Haltung wiederfinden zu lassen. Verständig beteiligte sie sich an einem leichten Gespräch, das bald in Gang kam, aber nur Äußerlichkeiten berührte und sich an der Oberfläche der Dinge hielt. Zum erstenmal hörte ich ihre Stimme, die eine angenehme Altfärbung hatte; alles, was sie äußerte, nahm mich mehr und mehr für sie ein, steigerte mein Interesse nicht nur für ihre Person, sondern auch für die Art ihrer Beziehungen zu meinem Freunde. Die Freiheit, mit der sie sprach, das Du, das sie einander gaben, mehr noch die unausgesprochenen Einverständnisse, die zwischen den Worten hervorschimmerten, ließen mich erkennen, daß sie auf vertrautem Fuße miteinander standen. Ja, es setzte sich, ohne daß ich eigentlich zu sagen wüßte warum -- denn das Unwägbare, das nur mit übersinnlichen Fühlern ertastet wird, läßt sich nicht in Begriffe fassen -- allmählich die Überzeugung in mir fest, daß sie seine Geliebte sei.

Dieser Eindruck verstärkte sich noch beim nächsten Wiedersehen mit meinem Freunde, das tags darauf stattfand. Einige tiefgehende Meinungsverschiedenheiten, gleich trennenden Abgründen ganz zufällig und unwillkürlich zwischen dem flüchtigen Geplauder im Künstlerzimmer aufklaffend, hatten in uns allen den Wunsch rege gemacht, uns eingehender miteinander auszusprechen. Es war für den nächsten Abend ein gemeinsamer Weg ins Freie verabredet worden, und ich fand mich nach des Tages Arbeit in Karl Schudas Wohnung, die er studentisch seine »Bude« nannte, pünktlich ein, um ihn abzuholen. Sein Arbeitszimmer trug in der Tat das Gepräge einer studentischen Behausung und ließ nicht nur jeden Geschmack, sondern auch jede Spur von Ordnung vermissen, so daß ich mich im stillen fragte, wie es möglich sei, sich unter diesen Bergen aufgestapelter Bücher, in diesem Wust umherliegender Schriften und Papiere zurechtzufinden. Den einzigen Schmuck bildeten ein paar frühe Rosen, die in einem Trinkglas auf dem Schreibtisch standen. Wer konnte sie ihm gebracht haben, diese duftenden Zeugen einer liebevollen Aufmerksamkeit, die ihn mit ihren Gedanken umschwebte? Denn daß er sich selbst aus eigenem Antrieb sollte Rosen eingeschafft haben, um sie auf seinen Schreibtisch zu stellen, das sah ihm gerade nicht ähnlich.

Es ergab sich von selbst, daß wir unsere Anknüpfungen in der Vergangenheit suchten, und wir unterhielten uns eben von gemeinsam verlebten Jugendtagen, als er die Uhr zog und einen Blick darauf warf. Mit einem Anflug von Ungeduld sagte er: »Die Baronin pflegt sonst nicht auf sich warten zu lassen,« und steckte die Uhr wieder zu sich.

Mir aber hatte es einen gewaltigen Ruck gegeben. Ich beachtete kaum, daß er entgegen der Zeitströmung und der eigenen Parteidoktrin die erfolgte Aberkennung des Adeltitels bei seiner Freundin absichtlich übersah, und wunderte mich auch nicht darüber in diesem Augenblick; etwas ganz anderes war es, was meine Aufmerksamkeit gefesselt hielt und meine Gedanken beschäftigte, ein Ding, dessen Anblick mir, so nichtssagend es an sich war, doch etwas wie ein leises Grauen einflößte und beinahe physischen Schmerz verursachte. Denn es sind oft die unscheinbarsten Gegenstände, die uns verborgene Zusammenhänge enthüllen, und nichts kann uns empfindlicher enttäuschen und tiefer erschüttern, als wenn wir da, wo wir rechtfertigen möchten, uns gezwungen sehen, anzuklagen.

Es kommt manchmal vor, daß uns an Menschen, die wir flüchtig sehen, irgend eine nebensächliche Einzelheit der äußeren Erscheinung besonders auffällt, wie uns denn an einer Frau vielleicht die Brosche, die sie trägt, die Farbe der Hutschleife oder -feder Eindruck macht oder bei einem Manne die Perle der Busennadel, der elfenbeinerne Griff seines Spazierstocks im Gedächtnis haften bleibt. So kannte ich an dem alten General von meinem zufälligen Begegnen her die goldene Panzeruhrkette, die quer über seine Weste lief, und die Berlocke, die mittels eines Springringes daran befestigt war. Es war ein Petschaft aus schwarzem, goldmontiertem Basalt, die Gestalt einer niedlichen ägyptischen Sphinx, aus deren smaragdenen Augen, so winzig sie sein mochten, bei mancher Bewegung ein unheimlich grünlicher Schimmer hervorsprühte. Deutlich erinnerte ich mich, diese seltsame Berlocke wiederholt bei dem gebrechlichen alten Herrn gesehen zu haben; sein böser Blick, den ich in Gedanken gifthauchend genannt hatte, mochte in meinem Unterbewußtsein mit den ab und zu aufblitzenden grünen Augensternen der kleinen Sphinx irgendwie zusammengeflossen sein. Kurz, das aparte, fein gearbeitete Juwel war nicht zu verwechseln, und ich erkannte es sofort wieder, als ich es nun für einen Augenblick an Karl Schudas Uhrkette baumeln sah, einer sogenannten Sportkette, die er samt der Uhr aus der Tasche gezogen und ein paar Sekunden lang in der Hand gehalten hatte.

Ein Gefühl wie bei der unbeabsichtigten Berührung einer Kröte bemächtigte sich meiner, als mir mit Blitzesschnelle klar wurde, daß es nur Umstände der bedenklichsten Art sein konnten, die diesen Gegenstand von höchstpersönlichem Wert in Karl Schudas Hände gespielt hatten. Welche Möglichkeiten! Eine Tochter, die es nicht erwarten konnte, den hinfälligen Vater zu beerben! Die seine Hilflosigkeit dazu mißbrauchte, ein durch Gewohnheit Liebgewordenes ihm irgendwie abzudringen, um es hinter seinem Rücken insgeheim dem Geliebten zu verehren. Und schlimmer noch vielleicht, weit schlimmer! Auf was für Abwege konnte dieses Mädchen sich verirrt haben, weil ihre knappen Mittel für ein auf einwandfreie Weise erworbenes Andenken nicht reichten! Oh, welcher Handlungsweise war ein Weib, das mit letzter Verzweiflung liebte, nicht etwa fähig! Ein schwaches Weib, zerrüttet durch die Überspannung ihrer moralischen Kräfte, betört von der Schalmei einer neuen persönlichen Freiheit, die alles Überkommene entwurzelte, alle Hemmungen zum alten Eisen warf und ein halbverlorenes Leben zurückzuschenken verhieß -- was war einer solchen Frau, die jeden inneren Halt und jeden Maßstab für das Erlaubte verloren haben mochte, nicht alles zuzutrauen! Ich wehrte mich gegen die andringenden Gedanken, ich strengte mich an sie abzuweisen, ich entsetzte mich davor, sie zu Ende zu denken.

Um meine Bestürzung zu verbergen und nur überhaupt etwas zu sagen, verfiel ich darauf, mich nach dem Befinden des alten Generals zu erkundigen. Worauf Karl Schuda erwiderte, er sei nun auf dem besten Wege, auch noch schwachsinnig zu werden. »Ein boshafter Teufel,« sagte er voll Bitterkeit, »und obendrein schwachsinnig -- so was füttern wir!« Und als ich mit unverhüllter Mißbilligung bemerkte, erschlagen könne man ihn doch wohl nicht, wie die Indianer ihre Greise, da antwortete er mir mit der kühlen und zynischen Frage: »Warum nicht?«

»Und wo bleibt die Menschenliebe, auf die doch auch du deine Forderungen gründest?«

»Man schadet den Menschen, wenn man die Kadaver liebt.«

Daraufhin ließ ich den Gegenstand auf sich beruhen und erkundigte mich nur, ob der General nicht mehr ausgehe, es falle mir auf, ihm in letzter Zeit nicht mehr begegnet zu sein.

»Matratzengruft!« sagte Karl Schuda kurz und trocken.

»Bedauernswert!«

»Wenigstens haben die quälenden Promenaden ein Ende.«

In diesem Augenblick trat die Baronin ein, lebhaft und aufgeräumt. »Entschuldige die Verspätung, er wollte mich durchaus nicht weggehen lassen.«

Sie trug ein gefaltetes Papier in der Hand, und Karl Schuda fragte: »Was bringst du mir?«

»Wir haben doch nach einem Zitat gesucht, das uns beiden irgendwie vorschwebte,« sagte sie Platz nehmend. »Ich habe es gefunden. Das heißt, ich weiß nicht bestimmt, ob es das gesuchte ist, aber es drückt ungefähr den Sinn aus, den wir vor Augen hatten. Ich denke, du wirst es brauchen können. Es ist von Lowell; Amerikaner zitiert man immer gern.«

Und indem sie das Blatt entfaltete, las sie:

+We quench our longing, that we may be still, Content with merely living, But would we learn our hearts full scope, Our lives must climb from hope to hope And realize our longing.+

»Das +would+ macht mir Schwierigkeiten,« sagte Karl Schuda nachdenklich; »heißt es ›würden wir‹, oder hat es die ursprüngliche Bedeutung von ›wollen‹? Überhaupt scheint mir in den Versen der Sinn doch nicht restlos enthalten, nach dem wir suchten: daß es nämlich das Wort ›Verzicht‹ in unserm Wörterbuch nicht geben dürfe, soll unsre wahre Natur sich frei entfalten.«

»Doch, doch!« beharrte sie eifrig. »Ich denke, daß letzten Endes dasselbe gemeint ist, was auch wir meinten. Vielleicht ist es nur allzu schwebend ausgedrückt und absichtlich im leichten Schleier der Verssprache verhüllt. Eine Übersetzung könnte den Sinn deutlicher herausarbeiten.«

»Hast du eine Übersetzung versucht?«

»Versucht allerdings,« sagte sie leicht errötend; »ob es mir gelungen ist, weiß ich nicht.« Und indem sie sich gleichsam entschuldigend an mich wendete, fuhr sie fort: »Ich habe mit Zeilen und Wörtern nicht so sparsam gewirtschaftet wie das Original. Vielleicht bin ich wirklich in den Fehler verfallen, mehr das, was wir hören wollten, herauszulesen, als was der Dichter eigentlich zu sagen die Absicht hatte. Entscheiden Sie selbst.«

Damit reichte sie unserem Freunde das Blatt hin, und er las:

Die Sehnsucht zwingen nieder wir und schweigen, Zufrieden, wenn wir nur das Leben haben, Entsagungsvoll beruhigt im Gemüte. Doch wollen wir des Herzens reichste Gaben Und ganze Kraft entfaltet sehn zur Blüte, Von Hoffnung gilt's zu Hoffnung aufzusteigen, Bis sich erfüllt der Sehnsucht letzte Ziele zeigen.

»So kann ich es brauchen, besten Dank!« sagte Karl Schuda. »Entsagung und Verzicht sind Unsinn. Nur wenn zur Wirklichkeit wird, was wir ersehnten, haben wir das Leben nicht verspielt. -- Nun wollen wir aber auch danach handeln,« setzte er leichten Tones hinzu; »mir wenigstens fällt es nicht ein, auf den verabredeten Spaziergang zu verzichten.«

Er erhob sich, und wir begaben uns ins Freie. Eine Zeitlang ergingen wir uns in den ausgedehnten Parkanlagen, und da der Aufbruch später als beabsichtigt erfolgt, das Zunehmen der Tage auch noch nicht ausgiebig genug zu merken war, so fing es bereits leise zu dämmern an, als wir den Fuß des bewaldeten Hügels erreichten, der in jener angenehmen Stadt mitten zwischen Häuserzeilen und Gassen aus dem Boden wächst und auf seinem Gipfel die Überreste eines alten Kastells trägt. Eben begann der Weg anzusteigen, da blieb die Baronin stehen und zögerte. »Nun muß ich unbedingt nach Hause. Es ist spät geworden, er wird ohnedies schon ungehalten sein.«

Karl Schuda brauste auf: Die reine Sklaverei, in der sie lebe! Ein menschenunwürdiges Dasein führe sie! »Wenigstens eine Stunde an die Luft zu gehen, brauchst du dir doch nicht verbieten zu lassen!« rief er heftig.

»Er war die letzten Tage ganz besonders elend,« sagte sie wie zu ihrer Entschuldigung. Trotzdem setzte sie, als er sich zum Weitergehen wendete, wie ein gehorsames Hündchen den Weg an seiner Seite fort.

»Nazarenische Dekadenz!« grollte Karl Schuda vor sich hin. »Die ganze Welt nichts als ein einziges großes Barmherzigenspital! Zum Geier auch -- was sinkt, soll man stoßen!«

Schweigend stiegen wir bergan. Das verletzend rohe Wort klang mir im Ohre nach; ich wartete, ob denn die Baronin nichts dagegen einwenden würde.

Sie war auch die erste, die wieder das Wort nahm, schien sich aber inzwischen mit ihrem Gewissen abgefunden zu haben. Mit einer Art kindischem Trotz sagte sie: »Soll er zusehen, wie er mit sich selbst fertig wird, wenn er es durchaus nicht anders haben will. Warum läßt er auch keine Pflegerin zu? Allein kann ich, kann ich es nicht mehr leisten!«

Unter dichten Laubkronen verfolgten wir unseren Weg weiter, immer bergaufwärts. Im Schatten der Bäume dunkelte stellenweise schon die Nacht, die balsamische Düfte aushauchte, daß man in fernen Märchengärten zu weilen glaubte, wären die Geräusche der Stadt nicht gewesen, die hier und da zu uns empordrangen, und die Lichter, die vereinzelt in den Gassen aufleuchteten und manchmal zwischen schwankendem Gezweig in der Tiefe sichtbar wurden ...

Mir klang noch immer jenes vorhin gefallene grausame Nietzsche-Wort nach: Was sinkt, soll man stoßen. Ich wendete mich an Karl Schuda und sagte: »Du vertratst doch neulich die Meinung, daß es kein Sollen geben dürfe. Das kann nur die Bedeutung haben, daß es der Natur Gewalt antun heißt, wenn wir irgend etwas gegen unsre inneren Bedürfnisse unternehmen. Aber das Mitfühlen mit den Schwachen, das Erbarmen mit dem Elend, gehört es -- wenigstens für hochstehende Menschen -- nicht auch zu den unabweisbaren inneren Bedürfnissen? Und heißt es wirklich unsre wahre Natur verkümmern, wenn es uns gelingt, sie bis zu jener vornehmen Größe zu steigern, die die Voraussetzung der Selbstlosigkeit, der Selbstentäußerung ist? Der Christus der Evangelien erscheint dir als Verkörperung der Lebensschwäche, was immerhin stimmen mag, wenn man bloß den äußerlichen Verlauf seines Schicksals ins Auge faßt; so wie etwa die Friedensschlüsse, die uns entrechten, äußerlich genommen als Auswirkung einer glänzenden Kraftfülle gelten können. Aber sind nicht eben jene Evangelien, die das Unterliegen verherrlichen, Kraftquelle von Jahrtausenden geworden? Und verbirgt hinter der rohen Gewalt und den Ausschreitungen eines ungebändigten Siegerwillens nicht von jeher die menschliche Kleinheit und Schwäche ihr haßverzerrtes Antlitz? Wahre Größe ohne Güte und Barmherzigkeit gibt es nicht: Lionardo da Vinci, der die gefangenen Vögelchen aufkauft, um sie fliegen zu lassen -- ist der etwa ein empfindsamer Schwächling?«

»Die Singvögel konnten ihm nichts zuleide tun,« entgegnete Karl Schuda trocken. »Hätte er Wölfe freigelassen, so wäre er ein Narr gewesen.«

Die knappe, witzige Replik entwaffnete mich beinahe, sie ernüchterte auf alle Fälle meinen Eifer.

Die Baronin kam mir zu Hilfe. »Es steckt Ernst in diesem scheinbaren Scherze,« sagte sie. »Die Drosseln, Finken und Lerchen, das sind unsre Wünsche und Sehnsüchte, die zum Himmel steigen. Lassen wir sie fliegen! Geben wir ihnen die Freiheit! Wo wir aber Gefahr laufen, zerrissen, aufgefressen zu werden, da bleibt uns nichts übrig, als hart und erbarmungslos zu sein. Denn beides liegt in unserm Wesen, die Güte und die Härte, und beides kann zur Pflicht werden.«

»So gibt es doch noch eine Pflicht?«

»Sogar Pflichten,« warf Karl Schuda dazwischen; »aber nicht im alten Sinne des kategorischen Sollens. Wir erfüllen sie, nicht indem wir uns bezwingen, sondern indem wir uns selbst erleben.«

»Und wenn dieses Erleben mit den Ansprüchen unsrer Mitmenschen in Widerstreit gerät?«

»Dann gilt es stark sein,« fiel die Baronin mit Lebhaftigkeit ein, »und sich darüber klar werden, daß wir alles verlieren können und dennoch nichts verloren haben, solange wir uns selbst besitzen.«

Wir waren auf der Plattform des Hügels angelangt, wo zwischen altem Bastionsgemäuer eine bescheidene Gartenanlage sich hinbreitet. Der unendlich weite Himmel über und um uns flimmerte von unzähligen Sternen, und in der schwarzen Tiefe, aus der die Stadt wie in unruhigem Schlummer ab und zu ein gepreßtes Stöhnen vernehmen ließ, schienen Schwärme von Glühwürmchen sich niedergelassen zu haben, oder den Abgrund, der die Höhe umringte, hatten Wasserfluten verschlungen, in denen sich die Sterne spiegelten. Schweigend machten wir die Runde, immer wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrend und immer wieder eine neue Runde antretend, in unerschöpfter Lust, das wundersame Doppelspiel des himmlischen und irdischen Lichtgefunkels in uns aufzunehmen.

Es ist eine bekannte Erfahrung, daß nichts so lebhaft dazu anregt, an das Geheimnisvolle zu rühren oder die Tiefen des eigenen Innern zu durchforschen, als der Anblick des gestirnten Himmels. Auch die Baronin unterlag jetzt diesem Zauber, sie schien wie zu sich selbst oder doch unbeirrt durch die Anwesenheit eines fast Unbekannten zu sprechen, als sie nun in merkbarer Beklommenheit sagte: »Das Leben bleibt ein großes Rätsel, und die Wege, die wir wandeln, führen aufs Geratewohl durch weite, unbekannte dunkle Wälder. Welch ein Wunder, wenn wir das Ziel nicht gänzlich verfehlen! Ich habe eine strenge Erziehung genossen, ich wußte von nichts als von Pflicht. War ich glücklich? Innerlich beruhigt vielleicht -- die Ruhe des Friedhofs: Die Sehnsucht zwingen nieder wir und schweigen, zufrieden, wenn wir nur das Leben haben ...«

»Jawohl! Diese Zufriedenheit, dieses Sichabfinden, dieses Entsagen! Eine der Hauptquellen der sozialen Rückständigkeit! Man frage nur einmal in Amerika an!«

»Die Methodisten?« gab ich zu bedenken.

»Sektierer, deren bloßes Vorhandensein schon beweist, daß die andern nichts davon wissen wollen.«

»Wieviel Tränen habe ich darüber vergossen!« fuhr die Baronin mit einem Seufzer fort. »Denn solcherart war meine Zufriedenheit. Aber war das überhaupt ein Leben, was ich lebte? Und war ich es selbst, die es lebte? Wie die Maden gewisser Schlupfwespen in einem fremden Körper sich breitmachen, so schalteten in meinem Inneren überkommene Normen, eingeimpfte Regeln, Vorschriften von verschiedenster Herkunft in unumschränkter Selbstherrlichkeit. Ich wurde nicht gefragt, ich war tot, und hatte ich ja einmal etwas mitzureden, so war es höchstens, um mir Zwang und Gewalt anzutun und mich noch toter zu machen als tot. Da kamst du,« sagte sie, des Freundes Hand mit Wärme ergreifend, »da brach der Tag der Befreiung an.«

Sie blieb stehen, ich sah in der Dunkelheit, wie sein Scheitel sich über ihre Hand beugte. Dann schnellte er empor, und gutmütig auflachend zog er sie mit sich fort. »Zum Erlöser hab' ich doch kaum das Zeug ... Nur freilich -- ein bißchen Schüren und Umwälzen tut immer gut. Das Volk erwacht, und ich habe meinen Teil daran. Aber wenn mich die Teufel in der Hölle einmal fragen sollten, ob ich auch etwas Gutes gestiftet hätte auf Erden, so könnte es sein, daß ich alles andre vergesse und als meine froheste Tat es rühme, dich, Teuerste, erweckt zu haben.«

»Ja, das tatest du! Durch dich allein bin ich zu Freiheit und Freudigkeit erwacht, durch dich zum wahren Leben erweckt worden. Und gerade hier setzt nun das Rätsel ein ...«

»Welches Rätsel?«

»Das große Lebensrätsel, das Unerklärbare, der bleibende Widerspruch. Der Sünde wider den Geist, wie du es nennst, bin ich nun ledig. Ich erkenne kein Gesetz an außer dem in mir selbst. Das macht mich froh und stark und mutig, ich fühle die Wahrhaftigkeit mit mir im Bunde. Und dennoch weiß ich, daß ich schuldig geworden bin. Und weiß auch, daß jede Schuld ihre Sühne fordert, wie mit kosmischer Notwendigkeit.«

Karl Schuda wurde ungeduldig. Schuld! Sühne! Eischalen, die dem eben erst ans Licht gedrungenen Küchlein noch anhafteten! Er suchte es ihr auszureden. Nachtgedanken! Nichts als Nachtgedanken, zur Selbstqual ersonnen! Aber in diesem Punkte versagte sein Einfluß, sie ließ sich nicht wankend machen. Sie blieb bei ihrer Überzeugung. Sie könne es nun einmal nicht anders empfinden. Auch hier sei sie außerstande, ihre eingeborene Natur zu verleugnen. »Oder möchtest du lieber,« fragte sie, »daß ich dir blindlings nachbete, auch gegen meine unbestreitbare innere Erfahrung? Das willst du gewiß nicht!«

Nein, das wollte er freilich nicht. Die Freiheit der eigenen Meinung über alles!

»Und du brauchst auch gar nicht zu befürchten,« sagte sie noch, »daß ich mich zwecklos quäle. Du irrst, wenn du annimmst, daß diese Gedanken etwas Quälendes für mich hätten. Im Gegenteil! Tröstlich und beruhigend sind sie mir, ich spüre Gesetz und Ordnung darin und das Gegenteil von Willkür. Und so deutlich ich voraussehe, was kommen wird und muß, so empfinde ich es doch zugleich wie eine Bestimmung: du sollst schuldig werden! Und bin doch froh und stark und mutig dabei und möchte nicht mehr zurück. Warum? Vielleicht weil ich spüre: dies ist das Leben, dies dein Schicksal und dein Beruf auf Erden? Ich weiß es nicht. Aber sind das nicht Rätsel? Sind das nicht Widersprüche?« Und während sie für einen Augenblick stehenblieb und das Antlitz zum Sternenhimmel erhob, entrang es sich ihr wie ein Seufzer: »Ist Leben und Schuldigwerden vielleicht ein und dasselbe?«

Sie schwieg. Stumm und nachdenklich setzten wir, die kühle Nachtluft atmend, unseren Rundgang auf der Höhe fort, besinnlich geworden durch die von ihr aufgeworfenen Fragen, jedes im stillen für sich in seine Gedanken versunken. Bis plötzlich Karl Schuda haltmachte. Er steckte ein Zündholz an, um nach der Uhr zu sehen. Einen Augenblick baumelte die kleine schwarze Sphinx an der Uhrkette in der Luft, beleuchtet von der aufzischenden Flamme. Im grellen Schein sprühten ihre smaragdenen Augen und sandten grünliche Strahlen aus. Dann war das Zündholz erloschen ...

Abermals kroch mir beim Anblick des funkelnden Juwels ein häßliches Gefühl über den Rücken, indem meine Gedanken verstohlen in die Krankenstube des hilflosen alten Mannes huschten, der irgendwo da unten im dunkeln Abgrund in seiner Matratzengruft stöhnte. Und aus der Finsternis, die uns umgab, wuchs plötzlich die kleine basaltschwarze grünäugige Sphinx zu Riesengröße auf und stand wie ein dräuendes Tier starr und regungslos am nächtlichen Horizont. Gibst du mir Rätsel zu raten, grausames Ungeheuer? Ist Leben und Schuldigwerden vielleicht wirklich dasselbe? Eine untrennbare Einheit wie die Prägung auf der Vorder- und Rückseite der nämlichen Münze? ... Nur ein paar Augenblicke -- und die schaurige Erscheinung war verschwunden. Ich mußte lächeln. Ein breiter, massiger Bergrücken reckte da drüben in der Ferne seine finsteren Umrisse zum Sternenhimmel ...

Karl Schuda hatte zugesagt, noch an diesem selben Abend in einer Wählerversammlung für einen erkrankten Redner einzuspringen. Als wir wieder in die Stadt hinabgelangt waren, trennte er sich von uns an einer Straßenkreuzung, während ich die Baronin, die nun Eile zu haben schien und ihre Schritte beschleunigte, bis an das Haus begleitete, in dem sie wohnte.

Es lag an einem langgestreckten, stillen und gänzlich verkehrsarmen Platze, wie es deren nur in verträumten Provinzstädten gibt. Schon hatte ich nach kurzer Verabschiedung das entgegengesetzte Ende dieses Platzes erreicht, als ich mich, durch irgendein Geräusch veranlaßt, noch einmal umwendete. Es fiel mir auf, daß an der Stirnseite des Hauses, die vorhin in völligem Dunkel gelegen hatte, jetzt eine Reihe von fünf oder sechs Fenstern hell erleuchtet war. Man sah Schatten an ihnen vorüberhuschen, wie wenn Leute in den Zimmern hin und her liefen. Aus einem der Fenster, das offenstand, glaubte ich auch Stimmengewirr zu vernehmen, als redeten mehrere Menschen zugleich erregt durcheinander. Bald darauf hörte ich, daß das Haustor aufgeschlossen und dumpf krachend wieder zugeschlagen wurde. Irgend eine dunkle Gestalt trabte eilfertig in schweren Stiefeln über das Pflaster davon und bog in eine Seitengasse ein, wo das Geräusch der Schritte nach und nach verhallte. Ich stand noch immer still, wie festgebannt, ich wartete, ohne zu wissen worauf. Nun wurden auch die übrigen Fenster weit aufgetan, eins nach dem anderen. Und dann wurde Zimmer für Zimmer das Licht abgedreht, während die Fenster offen stehenblieben. Man konnte jetzt nur noch in einem einzigen Zimmer einen schwachen Lichtschein wahrnehmen. Sonst alles dunkel, nachtschwarz gähnten die leeren Fensterhöhlen. Und alles wieder still, regungslos, totenstill ... Bangigkeit im Herzen, trat ich endlich den Heimweg an.

Den anderen Tag las ich in den Ortsblättern, daß der General gestorben war.