Chapter 9 of 14 · 3920 words · ~20 min read

Part 9

Welch schaurigen Abgrund rissen doch diese wenigen, knappen Worte vor mir auf! Welch schreckliche Einblicke gewährten sie! Was alles ließen sie mich ahnen, welch ein wildes, grausiges Erleben! Wieviel Entsetzen, Haß und Todesbangen, wieviel Beängstigung, Gram und Verzweiflung -- vergossenes Blut, vergossene Tränen! Nun blieb mir kein Zweifel mehr darüber, auf welche Weise Karl Schuda geendet hatte. Tief erschüttert verharrte ich in Schweigen. Die lange Kette der verschneiten, in der Sonne glänzenden Hochgipfel draußen in der Ferne verschwamm mir vor den Augen. Der Arzt ging an der Halle vorüber. Er mochte sich wundern, mich an der Seite einer Kranken auf dem Fußboden knien zu sehen. Es war mir, als hätte er mir einen mahnenden Blick zugeworfen, jede Erregung der Schwerleidenden zu vermeiden. Auf alle Fälle sah ich die Notwendigkeit ein, mich zusammenzunehmen.

»Es war gewiß sein heißester Wunsch,« sagte ich, mich aufrichtend, »Sie dem Leben erhalten zu wissen.«

»Oh, es kommt doch auf dasselbe hinaus ... An seiner Seite wär's mir leichter geworden ... Und auch rascher gegangen ... Der Keim, da in der Brust ... In der Untersuchungshaft ... in den feuchten, finsteren Löchern ... zusammengepfercht mit Gesindel ... da holte ich ihn mir ... Man hat uns auseinandergerissen!« klagte sie. »Mich sprachen sie frei ... Als ob mir das Leben noch etwas gelten könnte! ... Es sollte mir nicht vergönnt sein, gemeinsam mit ihm ...«

Ein heißes, tränenloses Aufschluchzen, und plötzlich weiteten sich ihre Pupillen, als ob sie etwas Entsetzliches schaute. Mit einer gewaltsamen Bewegung entwand sie sich den umhüllenden Decken, rang die Arme frei und richtete sich auf, mit dem Ellenbogen gegen die Kissen gestützt. »Das ist die Sühne, verstehen Sie,« stieß sie hervor, den visionären Blick in weite Fernen gerichtet. »Mein Vater hat auch einsam sterben müssen ... Ich wußte es doch ... ich ahnte es wenigstens, daß es schlimm um ihn stünde ... daß er sich kränkte, weil seine Tochter ... Ach! ... Geschäftige Zungen hatten es ihm hinterbracht ... Und er kränkte sich darüber ... Man hätte ihn nicht allein lassen dürfen ... das wußte ich ... Und ließ ihn dennoch allein!«

Mochte sie doch bekennen, wenn es sie nur erleichterte! Wie oft hatte ich gehört, daß Sterbende ganz ruhig und sogar heiter wurden, sobald sie gebeichtet und die Lossprechung empfangen hatten. Ach, loszusprechen war freilich meines Amtes nicht, aber diese Schuld wenigstens, so schwer sie war, konnte ich doch verstehen, und was ein Mensch am anderen versteht und begreift, das ist vielleicht auch vor einem höheren Richterstuhl verziehen. In meinen Augen reinigte ihr Bild sich schon durch das bloße Bekenntnis. Ihr sittliches Fühlen konnte seine Zartheit nicht eingebüßt haben, sonst hätte sie ihr Verfehlen nicht so bitter empfunden. Aber wie immer -- ich sah ein, daß es vor allem darauf ankam, ihrem leidenden Zustand Rechnung zu tragen. Entschlossen erhob ich mich, nahm sie in meine Arme, wie eine Pflegerin es tut, und suchte sie mit sanfter Gewalt in die Kissen zurückzuzwingen. Vergeblich! Denn sie widersetzte sich, überhörte meine Mahnung, sich nicht unnötig zu quälen, meine Drohung, daß ich es nicht verantworten könne, länger bei ihr zu verweilen, wenn sie nicht davon ablasse, gegen sich selbst zu wüten. Heftig faßte sie meinen Arm und rüttelte daran. »Sie glauben doch an eine Sühne, die der Schuld folgen muß?« flüsterte sie, Wahnsinn in den Augen. »Karl Schuda glaubte nicht daran ... Aber hierin irrte er ... Es ist so, ich weiß es ... Und es ist gut, daß es so ist, das ist ja unser Trost ... sonst müßten wir ja verzweifeln ... Und sehen sie nun ... das ist der Grund, warum ich einsam sterben muß ... so wie mein Vater einsam gestorben ist!«

»Baronin, ich bitte Sie, wenn Sie so fortfahren ... Nein! Nun will ich gehen ... Leben Sie wohl!«

»Nein, nein, bitte! ... Ich gehorche ... Was verlangen Sie von mir? Gott! Ja! Nun will ich ganz ruhig liegen!«

Erschöpft ließ sie sich in die Kissen zurücksinken und lag nun wirklich still, mit geschlossenen Augen. Ihre Brust arbeitete schwer. Aber ein liebliches Lächeln, unerwartet erblüht, spielte jetzt um ihre Lippen. Und immer ruhiger wurde ihr Atem und immer lieblicher dieses Lächeln, das das ganze Antlitz verklärte. Nach einer Weile sagte sie völlig klar und beruhigt, noch immer mit geschlossenen Augen: »Sehen Sie, das ist das Rätsel ... für das ich sowenig kann wie irgend wer: daß ich trotz allem ... doch nichts daran ändern möchte ... Ich liebte ihn ... Ich wurde schuldig ... Und ich büße ... Es war das Leben!«

Das sanfte, verklärte Lächeln blieb um ihre Mundwinkel schweben. Sie glich jetzt, wie sie regungslos dalag, einer Toten, die in Erwartung der ewigen Seligkeit entschlummert ist. Nur die Brust, die sich nunmehr ganz stetig auf und nieder bewegte, zeigte an, daß noch Leben in ihr sei. Ich hoffte, der Schlaf würde sie überwältigen. Und nachdem ich sie noch eine Zeitlang still für mich betrachtet und unter mannigfaltigen Gedanken im Geiste von ihr Abschied genommen hatte, erhob ich mich behutsam, legte die zurückgeschlagenen Decken vorsichtig wieder zurecht und war eben im Begriff, mich leise zu entfernen, als nach wenigen Schritten ein Anruf mich zurückhielt.

»Nehmen Sie, bitte,« sagte sie, neuerdings auf ihrem Lager emporgerichtet, und streckte die Hand gegen mich aus. Ich fühlte einen kleinen, harten, kalten Gegenstand, den sie rasch von ihrer Armkette genestelt hatte, in meine Hand gleiten ... »Ein Andenken ... an mich ... an ihn ... das einzige, was mir von ihm geblieben ist ... Ich hätte mich nie davon trennen können, wüßte ich nicht ... Bitte, tun Sie mir den Gefallen!«

In demselben Augenblick sank sie zurück, ihre Brust hob und senkte sich nicht mehr. Kein Geräusch des Atmens. Ich griff nach der Hand, sie war noch warm, erwiderte aber nicht meinen Druck. Bestürzt winkte ich die Schwester herbei, die sich mit kühler Kennerschaft langsam über sie beugte. Als sie sich wieder aufrichtete, sagte sie mit dem unbewegten Gesicht der Pflegerinnen: »Es ist vorüber. Sieht sie nicht wie eine Schlafende aus?«

In der Tat schwebte noch dasselbe liebliche, friedsame, verklärte Lächeln um ihre Lippen wie vorhin, da ich mir eingebildet hatte, sie schlafe. -- -- --

* * * * *

Während ich diese Zeilen zu Papiere bringe, sieht mir ein stummer Gast aufmerksam dabei zu. Er wendet keinen Blick von mir, verfolgt jede meiner Bewegungen, beobachtet mich unausgesetzt mit seinen kalten, undurchdringlichen grünschillernden Augen.

Es ist eine kleine Sphinx aus schwarzem Basalt, die auf dem Aufsatz meines Schreibtisches steht.

Sie ist überaus fein gearbeitet, in Gold montiert, oben mit einem kleinen Ring versehen, so daß man sie auch als Anhänger tragen kann, und in den dunkeln Stein sind zwei winzige blitzende Smaragden eingesetzt, genau an der Stelle, wo die Menschen die beiden Fensterchen haben, durch die sie die Bilder dieser Welt in ihre Seele hineinlassen, um sich an ihnen zu erfreuen. Die kleine Sphinx besitzt aber leider keine Seele, wenigstens habe ich etwas dergleichen bei ihr noch nie bemerkt, und hat auch an nichts eine wahre Freude, höchstens am Bösen. Daher kommt es wohl auch, daß ihr Gesichtsausdruck eine gewisse Ähnlichkeit mit dem eines Menschen ohne Seele hat: er ist hart, verschlossen, grausam und mitleidlos.

Schon manchmal wandelte mich deswegen die Versuchung an, den unheimlichen kleinen Popanz von seinem angestammten Platz über meinem Schreibtisch zu entthronen und in das Verlies irgend einer dunkeln Schublade zu verbannen. Aber dann denke ich wieder, daß es keinem Menschen schaden kann, wenn er dauernd ein Memento vor Augen hat. Und in dieser Hinsicht erfüllt die grünäugige Sphinx ihre Aufgabe. Erinnert sie mich doch an die arme Unglückliche, die sie mir sterbend einst als Andenken in die Hand gedrückt hat, hoch oben in den Bergen, als ich für immer von ihr Abschied nahm. Und erinnert mich zugleich an den verewigten Freund, an dessen Uhrkette ich sie eines Tags zu meiner peinlichen Überraschung hängen sah, und der sie vermutlich zum Siegeln benutzt hatte.

Im Grunde genommen ist sie nämlich nichts weiter als ein Petschaft. Und vielleicht waren es nur meine eigenen unbeaufsichtigten Gefühle, die -- wenigstens zuzeiten und in gewissen Augenblicken -- die Vorstellung des Unheimlichen oder gar Übelwollenden in die stumme kleine Gestalt hineintrugen. Dann hätte ich ihr freilich bitter unrecht getan. Konnte sie denn etwas dafür, daß die Initialen +K+ und +S+, die in kunstvoller Verschlingung auf ihrer unteren Fläche in den Stein geschnitten sind, zufällig mit den Anfangsbuchstaben des Namens Karl Schudas, meines verstorbenen Freundes, übereinstimmten? Aber manchmal sind wir wie die Kinder, die die Tischecke für boshaft halten und nach ihr schlagen, weil sie sich daran gestoßen haben.

Auf alle Fälle habe ich mich inzwischen an den Anblick der kleinen schwarzen Sphinx gewöhnt. Sie ist mir allmählich zum Sinnbild geworden, das mich stetig daran mahnt, wie leicht in Zeiten schwankender Begriffe selbst der Hochstehende und im Grunde Vornehmdenkende auf Abwege geraten kann. Darum soll sie auf meinem Schreibtisch stehenbleiben. Und soll mir, sooft ich sie erblicke, das Schicksal jener beiden Heimgegangenen ins Gedächtnis zurückrufen, deren Verlust ich, so wenig ich ihre Überzeugungen teilen und ihre Handlungen billigen konnte, aufs schmerzlichste beklage.

Sie haben gebüßt und gesühnt, ich halte ihr Andenken in Ehren. Bei all ihren Verfehlungen waren sie doch Entschlossene, sie weigerten dem Leben nicht den harten Zoll, durch den wir uns die Freiheit erkaufen, uns selbst und die als eingeboren empfundene Sendung zu erfüllen. Und wenn ich an sie zurückdenke, den Blick von meiner Arbeit hebe und die kleine schwarze Sphinx aus Basalt vor mir über dem Schreibtisch erblicke, wie sie mich mit ihrem grünschillernden Augenpaar so kalt und starr, fast drohend anfunkelt, dann kommt es mir wohl einmal in den Sinn, ihr jene dunkle Schicksalsfrage vorzulegen, mit der sich einst, in einer dufterfüllten Frühlingsnacht, die unglückliche Frau, die durch die Schuld zum Leben erweckt wurde, an die tausend fühllosen Sterne wendete, die wie ebenso viele unergründliche Geheimnisse über uns am Himmel standen: »Ist Leben und Schuldigwerden vielleicht ein und dasselbe?«

Aber ich weiß es im voraus: ich frage vergebens. Die kleine düstere Gestalt bleibt stumm und gibt keine Antwort ...

Der Mieter

Es wird behauptet, daß der stete Umgang mit Zahlen verknöchert, das ist aber gar nicht richtig. Wenigstens nicht immer. Es kommt dabei wie bei so vielem ganz auf den betreffenden Menschen an.

Herr Pleß war eine so liebenswürdige Natur, daß er auch mit den Zahlen liebenswürdig umging. Und darum taten auch sie ihm nichts zuleide. Schon als Praktikant, später als Offizial und noch später als Oberoffizial trug er sie so reinlich, sorgfältig und behutsam in die riesigen Kassa- und Kontrollbücher ein, daß sie selbst ihre Freude daran hatten. Wie Soldaten, die voll Zutrauen zu ihrem Vorgesetzten aufblickten, standen sie stramm in Reih und Glied, und niemals kam es vor, daß sich eine in eine falsche Spalte verirrte. Sie nahmen sich ordentlich zusammen, ihm nur ja keine Ungelegenheiten zu bereiten. Und das taten sie alles nur ihm zuliebe.

Weil sie nämlich wußten, daß er sie nicht geringschätzte wie mancher andere Beamte. Weil sie ein Gefühl dafür hatten, daß er sich nicht bloß aus dem schnöden Grunde mit ihnen beschäftigte, um sein Gehalt zu beziehen. Sie spürten es genau: er hatte Freude an seiner Tätigkeit, wenn es auch keine sehr geistreiche Tätigkeit war. Nein, eine geistreiche, irgendwie hervorragende Tätigkeit war es wirklich nicht, die Herrn Pleß oblag, aber bis zu einem gewissen Grade läßt sich beinahe jeder Arbeit Reiz abgewinnen, es kommt nur auf den Geist an, in dem man sie verrichtet.

Herr Pleß hatte viele Amtsgenossen, und die meisten waren verdrossen. Über alles was sie zu tun hatten, schimpften sie und nannten ihren Beruf ein Saugeschäft. Rein verblöden müsse der Mensch dabei, wenn man sich nicht wenigstens soweit, als es ohne Gefahr einer Disziplinierung geschehen könne, um den Dienst herumzudrücken wisse. Das war so ungefähr die allgemeine Meinung.

Wenn er dergleichen äußern hörte, dann sah der Herr Rechnungsrat -- denn das war Pleß nach und nach geworden -- den Betreffenden ganz erschrocken und bekümmert an und sagte voll Gutmütigkeit: »Aber lieber Herr Kollege! Verbittern Sie sich doch nicht das Dasein!«

Es kam freilich vor, daß auch er bei der trockenen Arbeit schwitzte -- wie das öde Wandern durch eine endlose Wüste war es manches Mal! Aber nebenher bereitete es ihm doch immer ein gewisses Vergnügen, alles so schön und sauber in Ordnung zu halten. Man spürte dabei, daß man nicht ganz überflüssig war. Wenigstens für ein winziges Rädchen oder Schräubchen an der großen Maschine durfte man sich immerhin halten. Und das war schließlich doch auch etwas!

Die Kollegen tuschelten untereinander: es könne nicht anders sein, der Pleß müsse irgend einer geheimen Leidenschaft fröhnen. Er rauchte nicht, er spielte nicht, er trank nicht, er saß nicht im Gast- oder Kaffeehaus, er ging in kein Theater, trieb keine Musik, machte nur selten einen Ausflug, verbrachte sogar seinen Urlaub in der Stadt -- du lieber Himmel, irgend etwas muß der Mensch doch haben, um sich von den Zahlen und der Familie zu erholen.

Damit hatten sie wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen.

Der Herr Oberrechnungsrat -- diese letzte Stufe seiner Leiter erklomm er kurz vor Ausbruch des Krieges -- sammelte insgeheim Bücher. Nicht etwa Vorzugsdrucke in kostbaren Einbänden -- beileibe! Dazu reichte es nicht. Er begnügte sich mit guten landläufigen Ausgaben: Klassiker, Romantiker und jüngere Schulen, Antike und Moderne, Inländer und Ausländer, vieles nur in Reclambändchen -- wie wohlfeil damals und dabei ganz nett! So hatte er im Verlauf einer bald fünfunddreißigjährigen Dienstzeit ein ganzes Zimmer seiner Wohnung mit Büchern austapeziert.

In diesen Geistesschätzen steckten die Zigarren, die er nicht rauchte, das Kaffeehaus, das er nicht besuchte, die Sommerfrische, auf die er verzichtete.

In ihnen fand er das Gegengewicht gegen die Zahlen. Er liebte sie, um die Wahrheit zu gestehen, doch noch mit einer ganz anderen Liebe als diese. Und wenn er ein Buch aus dem Regal nahm, oder wieder einstellte, dann tat er es noch um vieles behutsamer und sorgfältiger, als wenn er lange Kolonnen von Ziffern aneinanderreihte.

Aber er verheimlichte seinen Besitz und die Neigung, die ihn veranlaßt hatte ihn aufzustapeln. Das war das einzige Geheimnis, das er hatte.

Er kannte sich zur Genüge, um zu wissen, daß er nicht hätte nein sagen können und völlig wehrlos gewesen wäre, wenn jemand ihn um ein Buch angesprochen hätte. Nun, und was das Ende davon ist, wenn man ein Buch verleiht, das wußte er auch. Darum verriet er sich mit keinem Sterbenswörtchen und ließ es niemand merken, wie belesen er war. Manchmal fiel es ihm schwer genug, sich so geschickt zu verstellen, es gab Augenblicke, wo er sich fast wie ein Betrüger vorkam. Es war aber auch die einzige Hinterhältigkeit gegen Amtsgenossen und sonstige Mitmenschen, die in seinem wohlwollenden und grundgütigen Herzen einen Boden fand.

Das Zimmer, in dem die Bücher standen, hieß das Bücherzimmer, und das war wie ein Heiligtum. Am Abend saß er dort mit seiner Frau und seinen beiden Kindern und las ihnen vor. Die großen Geister der ganzen Welt kamen dann in die bescheidene Beamtenwohnung zu Besuch. Wenn ja einmal etwas wie Verdrossenheit ihn anzuwandeln drohte, so fanden sie sich pünktlich ein, ihn aufzurichten. Sie trösteten ihn, wenn Sorgen ihn beunruhigten, und wenn die Zahlen einmal zudringlich wurden und ihn bis in seine Häuslichkeit verfolgen wollten, so machten sie husch! und scheuchten sie weit fort.

Das Beste an der Sache aber war, daß sie ihm halfen, seine Kinder erziehen. Nein, sie halfen ihm nicht nur dabei, sie übernahmen sogar selbst das schwierige Amt der Erziehung. Er konnte völlig davon absehen, Predigten zu halten, oder überhaupt etwas zu sagen, und das paßte ihm gerade. Er zog es ohnedies vor zu schweigen, von Haus aus war er schwer von Ausdruck und redete nicht gerne, wenn es nicht unbedingt nötig war. Und hier war es wirklich nicht nötig, die Führer der Menschheit in eigner Person nahmen es ihm ab, sie sprangen für ihn ein, ergriffen an seiner Statt das Wort. Er brauchte weiter gar nichts tun als vorlesen, alles andere besorgten die hohen Seelen, die er in sein geheimes Bücherzimmer zu Gast lud. Und sie widmeten sich ihrer Aufgabe mit solcher Gewissenhaftigkeit und Hingebung, daß Herrn Plessens Kinder mit der Zeit zu prächtigen jungen Leuten heranwuchsen und aus dem Knaben, ehe der Vater sich dessen recht versah, ein gesunder, freudiger, herzensreiner Jüngling von seltener Tüchtigkeit, aus dem Mädel aber eine ebensolche Jungfrau geworden war.

Eben in jenem Vorkriegswinter, wo Herr Pleß nach langem, beharrlichem Warten und wiederholten Enttäuschungen endlich zum Oberrechnungsrat vorgerückt war, trat leider auch ein sehr trauriges Ereignis ein, das ihm jede Freude an der wohlverdienten Beförderung zerstörte. Das Schicksal brach ein Blatt aus dem vierblättrigen Klee der wackeren, frohgemuten Familie, die Gattin und Mutter schied aus dem still verborgenen Abendkreise des Bücherzimmers. Gerade jetzt, wo sie eine Frau Oberrechnungsrat gewesen wäre und sich ein bißchen leichter hätte tun können! Denn das Gehalt war all die Jahre hindurch recht knapp gewesen, und es mußte doch auch noch immer etwas übrigbleiben für die Bücher.

Das Vorlesen, als er es nach einiger Zeit wieder aufnahm, kam Herrn Pleß jetzt hart an. Die arbeitsamen Hände unter der Lampe fehlten, und wenn er vom Buch aufblickte, so vermißte er das zustimmende Lächeln, das aufleuchtende Auge, das ihn sonst ermuntert hatte, fortzufahren. Nun hieß es, sich ausschließlich an die Jugend halten. Dort gab es freilich auch noch bereitwilliges Verständnis genug -- aber es blieb eben die Jugend, die lebt wieder ihr eigenes Leben. So ganz das gleiche und restlose Übereinstimmen wie früher war es jetzt doch nicht mehr.

Wie zufrieden indessen hätte er immerhin noch sein können -- erst nachträglich sah er es ein -- wäre wenigstens diesem Zustand Dauer beschieden gewesen! Aber nur allzubald, so stand es in Herrn Plessens Schicksalsbuch geschrieben, sollte das Vorlesen überhaupt ein Ende nehmen.

Mit seiner blutigen Knochenhand griff der Krieg ins stille Bücherzimmer und riß die Jugend von der Seite des Vaters. Nun fehlten auch die frischen, aufmerksam lauschenden Gesichter unter der Lampe, und der Herr Oberrechnungsrat war stumm geworden und saß allein am vereinsamten Lesetisch.

Verschlossen und gequält saß er da und las und las -- aber selten und immer seltener ein Buch. Dazu fehlte die Sammlung, die Tagesereignisse rissen an den Nerven, das Herz schnürte sich ihm zusammen. Die Seelennot war zu drängend, die Verirrung der Menschheit zu groß, als daß die führenden Geister ihr Antlitz nicht abgewendet hätten. Sie verstummten, ebenso wie Herr Pleß verstummt war, hüllten sich in Schweigen, weil auch sie nicht mehr zu raten und zu helfen wußten.

So las er jetzt fast nur mehr Zeitungen, immer nur Berichte aus dem Feld, immer wieder nichts als Zeitungen. Die Tagesereignisse schrien so laut, daß sie alles andere übertönten, und so peinigend dieses Geschrei auch war, man legte die Hand ans Ohr und horchte, damit einem nur ja nichts entgehe, und lauschte voll Spannung, um auch den letzten, den fernsten, den dunkelsten Unterton noch mit zu erlauschen. Oh, wenn man den Tagesereignissen hätte entfliehen können! Denn hinter ihnen lag das Unheil auf der Lauer und das Entsetzen.

Zweimal hintereinander, im kurzen Abstand von kaum zwei Jahren zuckte erbarmungslos der Blitzstrahl aus dem Zeitungsblatte und traf Herrn Pleß ins Vaterherz.

Seit sein Sohn bei Limanowa gefallen war, schien der Oberrechnungsrat die Zahlen nur noch lieber gewonnen zu haben als sonst. Von früh bis spät brütete er über Aktenbündeln und Bureauscharteken, in manche rubrizierte Spalte trug er mit seiner zierlichsten Schrift ganze Heersäulen von Ziffern ein. Vom Essen und Schlafen abgesehen, saß er fast ununterbrochen im Amt.

In dieses war kürzlich ein neuer Kollege eingetreten, ein Anfänger und Stellenanwärter, dem Pleß sich gefällig erwiesen hatte. Denn obgleich gewisse Bedenken gegen die Aufnahme vorlagen, so hatte seine Gutmütigkeit ihn veranlaßt, sich wohlwollend für den jungen Menschen einzusetzen und ihm den Weg zu ebnen.

Dieser Herr Scheinemann stellte ihn einmal wegen seines Fleißes gewissermaßen zur Rede, indem er fragte: »Sie lassen sich doch Überstunden ersetzen, Herr Oberrechnungsrat?«

Herr Pleß hob den Blick vom Schreibtisch und richtete ihn ganz verloren auf den Fragenden. Es waren Augen fast wie die eines Verrückten, mit denen er ihn anstierte.

»Freilich! Natürlich! Überstunden!« sagte er höflich ... »Bitte, lassen Sie sich nicht aufhalten ...«

Und mit einer unzweideutigen Handbewegung wendete er sich wieder seiner Arbeit zu.

Der ungeheuer gesteigerte Amtseifer war übrigens nicht von allzulanger Dauer. Er erlahmte, brach gleichsam in sich selbst zusammen unter dem Eindruck der Nachricht, daß auch das zweite Kind, die Tochter, dem Kriege zum Opfer gefallen war. Pflegeschwester auf einem galizianischen Samariterzug, hatte sie sich mit Typhus angesteckt und wochenlang nichts mehr von sich hören lassen. Bis schließlich die Todesnachricht eintraf.

Kurze Zeit danach fand ein gebückter, zusammengeschrumpfter, weißhaariger alter Mann sich im Amte ein, der zuständigen Stelle ein sauber mundiertes Schriftstück zu überreichen. Es war Plessens letzte amtliche Eingabe, sein Gesuch um Übernahme in den dauernden Ruhestand.

Er hatte sein Bett ins Bücherzimmer stellen lassen und lebte darin wie eine Raupe, die sich eingesponnen hat.

Tag und Nacht blieb er mit seinen Erinnerungen allein und mit den erlauchten Gästen, die sich nun wieder häufig zum Besuch bei ihm einfanden, ohne daß doch jemals die Flurglocke gezogen worden wäre. Zeitungen las er jetzt überhaupt nicht mehr -- was frommte es ihm, sein eigenes Leid verhundert-, vertausendfältigt darin widergespiegelt zu sehen? Höchstens daß er ab und zu einmal im Vorbeigehen einen Blick auf die Blätter warf, die an der Glastür eines kleinen Tabakladens ausgehängt waren, an welchem sein Morgenspaziergang ihn vorüberzuführen pflegte.

Denn täglich machte er nun, während das Bücherzimmer aufgeräumt wurde, einen kleinen Rundgang durch die nächstgelegenen städtischen Gassen und Straßen, um doch auch ein wenig an die Luft zu kommen. Die alte Resi, die Köchin, bestand darauf, weil sie es seiner Gesundheit für zuträglich hielt, und wenn er sich einmal um seinen Morgenweg herumdrücken wollte, so wußte sie ihm mit Besen und Staubtuch so lästig zu werden, daß er schließlich doch nach Hut und Stock griff. Die Möglichkeit, sich inzwischen in ein anderes Zimmer zurückzuziehen, hatte er sich selbst abgeschnitten. Die beiden Kammern, die von seinen Kindern bewohnt worden waren, hatte er abgesperrt, ebenso die größere Stube, die sein und seiner Gattin Schlafzimmer gewesen war.

Alles sollte unberührt darin bleiben, wie es einst gewesen. Ihm selbst genügte das Bücherzimmer. Mehr benötigte er für sich allein nicht.

Die alte Resi, die schon seiner Frau seit Jahren in Treue gedient hatte, führte ihm die bescheidene Wirtschaft, und er konnte von Glück sagen, daß die brave Person ihre Anhänglichkeit an die Verewigte nun auch auf ihn übertrug. Sie kannte seine Gewohnheiten, redete nicht viel und sparte in seine Tasche. Das war notwendig und wurde immer nötiger mit den zuwachsenden Jahren. Denn die Zahlen schienen es ihm nachzutragen, daß er sie im Stich gelassen hatte. Sie rächten sich, indem sie sich auf seinen Pensionsbezug warfen und es zu deichseln wußten, daß dieser auf einmal nur mehr die Hälfte von dem wert war, was er früher wert gewesen.

Anfangs meinte er, es würde sich bald bessern, da er in den Zeitungen an der Tür des Tabakladens fettgedruckte Aufschriften gelesen hatte, aus denen er glaubte den Schluß ableiten zu dürfen, daß die Welt wieder friedlich geworden sei. Hier und da kaufte er sich jetzt sogar das eine oder andere von diesen Blättern. Aber was darin stand, erbaute ihn wenig, darum verzichtete er bald wieder auf das Vergnügen, nähere Bekanntschaft mit den Tagesereignissen zu machen. Bevor es keinen wirklichen Weltfrieden gäbe, beschloß er, so lange würde er nach wie vor keine Zeitung mehr lesen. Es kostete ja auch jede einzelne Nummer jetzt bald so viel wie früher ein ganzer Monatsbezug. Nein, den Rummel machte er nicht mit! Er konnte warten, bis die Tagesereignisse wieder Vernunft angenommen hätten.