Chapter 6 of 14 · 3673 words · ~18 min read

Part 6

Sooft mein Weg sich mit dem des gebrechlichen alten Herrn kreuzte, befand er sich in Gesellschaft einer zwar nicht mehr ganz jungen, aber doch nicht eigentlich frauenhaft aussehenden Erscheinung, die ich für seine Tochter hielt; eine Vermutung, die sich später als zutreffend erwiesen hat. Es war ein schlankes, blasses Mädchen von guter, fast möchte ich sagen: vornehmer Haltung, das einst sehr hübsch, vielleicht sogar auffallend schön gewesen sein mochte, jedoch die Blüte überschritten hatte. Jeder Kenner der Frauenschönheit weiß, daß es eine verräterische Schärfe der Linie gibt, die manchmal ganz unvermittelt und viel zu früh die jugendliche Rundung und Weichheit ablöst und gerade tadellosen Zügen verhängnisvoll werden kann, indem sie an Verfall und Zerstörung edler Bauwerke denken läßt. Kleine, im einzelnen kaum nachweisbare, in ihrer Gesamtheit aber doch entscheidende Veränderungen werden dann leicht zur Ursache jenes fatalen Abstandes, wie er zwischen den späteren, härter wirkenden Abzügen eines Porträtstiches und seinen frühen, noch unverstählten Remarquedrucken besteht. Hier fanden sie sich mit einem Anflug zarter Fältchen und bleichender Härchen an den Schläfen in dem melancholischen Ziele vereint, etwas wie Spätsommerstimmung über dies reine Antlitz zu hauchen, aus dem dennoch der gleichsam frühlinghafte Reiz der Jungfräulichkeit noch nicht geschwunden war, ohne daß sich eigentlich sagen ließ, weshalb es nicht ebensogut das Antlitz einer verheirateten Frau hätte sein können.

Im übrigen hätte ich, vielbeschäftigt, wie ich war, das an sich nicht eben auffallende Paar wohl kaum besonders beachtet, hätte nicht, je öfter ich ihm begegnete, das Verhalten von Vater und Tochter gegeneinander mehr und mehr meine Aufmerksamkeit erregt. Denn niemals sah ich die beiden ein Wort miteinander wechseln; wie Fremde, um nicht zu sagen wie Feinde, die an die gleiche Galeere geschmiedet sind, schienen sie ihre gegenseitige Nähe eher zu erdulden als sich ihrer zu erfreuen, jedenfalls zogen sie keinen Vorteil daraus, keine Anregung, keine Erleichterung. Es mußte befremden, daß das stille, verblühte, aber noch immer schöne Mädchen sich keineswegs, wie man hätte erwarten sollen, an der Seite ihres Vaters hielt, sondern dem mühselig an seinem Stock hinschlürfenden Greise, der sich nur langsam weiterbewegte, in der Regel ein paar Schritte voraus war. Geradeso, als gehörte sie gar nicht zu ihm, ging sie oder schlich vielmehr, zögernd Schritt vor Schritt setzend, wie eine Nachtwandlerin vor ihm her, zumeist mit zu Boden gesenktem Blick, gleichsam wie beschämt oder benommen von Trübsal. Nur ab und zu einmal blieb sie stehen, sich nach ihm zurückzuwenden. Mit unbewegtem Gesicht, auf dem etwas wie ein Ausdruck von erstarrter Trauer stand, sah sie ihm zu, wie er mit seinen kurzen, zittrigen Schrittchen sich vorwärtsschob. Äußerlich zwar beherrscht, insgeheim aber, wie ich mir einbildete, mit zehrender Reizbarkeit schien sie ungeduldig darauf zu warten, daß er endlich vom Fleck käme. Und wenn er sie mit der Zeit dann wirklich eingeholt hatte, machte sie in jäher Bewegung kehrt und wendete sich wieder zum Gehen. Ohne ein Wort zu reden, setzte sie ihren Weg fort, sie schien sich um den gelähmten alten Herrn jetzt ebensowenig mehr zu kümmern wie vorhin, abermals sah es aus, als gehe er sie überhaupt nichts an, als gehörten sie gar nicht zueinander. So wiederholte sich immer auf dieselbe Weise der gleiche Vorgang des Erwartens und Sichentfernens, stumm, in völliger Schweigsamkeit, ohne daß die beiden einen Laut miteinander gesprochen, ein Lächeln oder auch nur einen freundlichen Blick miteinander getauscht hätten.

Dieses ungewöhnliche Benehmen eines weiblichen Wesens, das einen Kranken begleitete, machte im Anfang, ich kann es nicht leugnen, auf mich den Eindruck der Härte und Lieblosigkeit. Nach meinem Gefühl hätte eine gute Tochter den gebrechlichen und hilflosen Vater führen und stützen, oder wenigstens an seiner Seite bleiben müssen, seiner Wünsche gewärtig, zu jeder Handreichung bereit. Es wäre ihre Pflicht gewesen, meinte ich, ihn zu betreuen, durch Zuspruch zu stärken, mit ihm zu plaudern, ihn über seinen Zustand hinwegzutäuschen. Oh, wir wissen ja immer so genau, was andere hätten tun sollen, und nehmen uns heraus, wo uns die Kenntnis der näheren Umstände mangelt, ein fertiges Urteil nach der Schablone aus allgemeinen Annahmen zurechtzubosseln. Bei mir wenigstens stand die einmal gewonnene Ansicht damals so fest, daß ich die alte Mahnung, wonach es ratsam sei, jedes Ding von zwei Seiten zu betrachten, gänzlich außer acht ließ und eine Regung überwallender Teilnahme mit dem alten General in mir aufstieg, sooft ich ihn sah, ja ein mit Entrüstung gemischtes Mitleid, weil ihn das Schicksal mit einer liebeleeren und herzenskalten Tochter gestraft hätte.

Erst ein Gespräch, das unter Bekannten geführt wurde, machte mich stutzig. Es war von der Selbstsucht des Alters die Rede, und ein angesehener Arzt, den man als warmherzigen Menschenfreund kannte, erinnerte daran, wie es gelegentlich vorkomme, daß Eltern von der Jugend die widerspruchslose Hingabe des persönlichen Daseins, die völlige Aufopferung des eignen Lebensglückes als selbstverständliche Kindespflicht forderten. Ohne einen Namen zu nennen, spielte er so deutlich auf bestimmte Verhältnisse an, daß ich das Paar wiederzuerkennen glaubte, das mir aus den städtischen Anlagen bekannt war, und zum Widerspruch gereizt die Seite der Gegenpartei ergriff, indem ich die Ansprüche geltend machte, die ein alter, kränklicher Vater an die in seinem Haushalt lebende rüstige Tochter zu stellen meines Erachtens immerhin das Recht hätte. Worauf jener erwiderte, als sein Eigentum, seine Sache dürfe niemand, wer es auch sei, und unter keinen Umständen einen Nebenmenschen betrachten. In dem Fall, den er im Auge habe, stünde es aber womöglich noch schlimmer. Denn der hämische Greis, von dem er rede, habe seiner Tochter, um sie für sich allein zu behalten, nicht nur jede Verbindung hintertrieben und durch Ränke unmöglich gemacht, sondern mißbrauche die Abhängigkeit von ihm, in der er sie heimtückisch zu erhalten gewußt, noch außerdem dazu, die wohlfeile Krankenpflegerin, die er sich in ihr herangebildet, in einer Weise auszunützen und mit boshaften Launen zu quälen, daß keine bezahlte Krankenschwester unter ähnlichen Plackereien auch nur einen Tag bei ihm ausharren würde.

Es war noch immer kein Name genannt, und das Gespräch wurde, nachdem ich so viel erfahren hatte, unterbrochen oder nahm eine andere Wendung. Da mir aber kein Zweifel blieb, von wem eigentlich die Rede gewesen, so sah ich mich natürlich genötigt, mein vorschnelles Urteil über das unglückliche schöne Mädchen zu überprüfen. Ich sagte mir, daß ihre vom Üblichen abweichende Art durch Umstände geboten sein könne, der alte Herr mochte die Marotte haben, seinen Spaziergang wenigstens zum Schein ohne Begleitung machen zu wollen, oder der Arzt hatte ihm während der Bewegung im Freien das Sprechen untersagt. Ich mußte mir auch eingestehen, daß es eine fast übermenschliche Forderung sei, von einem gesunden, hoffnungsvollen, lebensdurstigen, aber an der Seite eines zittrigen und noch dazu übellaunigen Greises mehr und mehr hinwelkenden Geschöpf ein stetes Gleichgewicht des Gemüts bei jahrelang andauernden Krankendiensten zu verlangen, und ich konnte nicht umhin, unter solchen Umständen ein allmähliches Versinken in Trostlosigkeit, ja ein gelegentliches Hervorbrechen vergeblich unterdrückter Regungen von Ungeduld bis zu einem gewissen Grade begreiflich zu finden. Und als ich bei einer nächsten Begegnung von meinem neu gewonnenen Standpunkt aus schärfere Beobachtungen anstellte, geriet meine ursprüngliche Anschauung doch einigermaßen ins Wanken. Das eigentümlich phosphoreszierende Auge, der bösartige, fast möchte ich sagen: gifthauchende Blick des alten Herrn fielen mir erst jetzt unliebsam auf, es war ihm sicher alle Hinterhältigkeit, alle ohnmächtige Geifersucht der Schwäche und Hinfälligkeit zuzutrauen. Kurz, ich fühlte mich mehr und mehr geneigt, meine mitleidige Teilnahme eher dem anderen Teile zuzuwenden, über den ich bis dahin abgesprochen hatte, und befand mich auf dem besten Wege, meine vorgefaßte Meinung richtigzustellen, als Umstände eintraten, infolge deren das in jedem Falle beklagenswerte Paar nicht nur meinem Auge, sondern auch meinen Gedanken so vollständig entschwand, als hätte es niemals existiert.

Der Ausbruch des unseligen Völkerkampfes entfernte mich jäh aus jener stillen Stadt, die gegenwärtigen Forderungen, die Tag und Stunde an jeden einzelnen stellte, verdrängten mit gebieterischer Gewalt die Bilder der friedlichen Vergangenheit. Wenn die Verantwortungen sich häufen, so füllt sich das Bewußtsein mit einem neuen und so dicht gedrängten Inhalt, daß für nichts anderes mehr Raum bleibt. Und je atemloser die mannigfaltigsten Ereignisse einander jagen, um so ungestümer reißen sie auch die Zeit mit sich fort, daß sie einem wie im Fluge entgleitet. So läßt ein unendlich vermehrtes Erleben die Jahre merkwürdigerweise nicht länger, sondern kürzer erscheinen, und ich mußte die verflossenen immer wieder nachzählen, um daran zu glauben, daß ich um so viel älter geworden war, als in dem frühen Frühling, der dem entsetzlichen Niederbruch des Vaterlands folgte, ein bedeutungsloser Umstand, dem ich dennoch Folge zu geben nicht umhin konnte, mich für wenige Wochen in dieselbe Stadt der stillen Gärten und ruhebedürftigen Menschen zurückführte, die ich zu Beginn des Krieges mit völkischer Entschlossenheit und voll hoffnungsvoller Begeisterung verlassen hatte.

Einen ganz merkwürdigen Eindruck machte es nun auf mich, als ich, zufällig wieder die jetzt von Flieder- und Jasmingerüchen erfüllten Parkanlagen durchquerend, dasselbe Paar, dem ich damals wiederholt begegnet, das mir aber, wie erwähnt, inzwischen völlig aus dem Gedächtnis entschwunden war, neuerdings vor mir auftauchen sah. Die Zeit schien spurlos an ihm vorübergegangen zu sein; es war, als seien die langen Jahre der Greuel aus der Weltgeschichte ausgestrichen, als hielten wir noch auf demselben Punkte, wo wir vor dem Spätsommer 1914 uns befunden hatten. Ebenso wie damals schleppte der alte General sich mühselig über die knirschenden Kieswege hin, ebenso wie damals ging die Tochter vor ihm her, blieb stehen und wendete sich nach ihm zurück, ihn zu erwarten. Und geradeso wie einst wechselten sie dabei kein Wort miteinander, zogen sie wie unter dem Zwang einer lästigen Pflicht ihre Bahn dahin, stumm und verdrossen wie blinde Pferde am Göpel. Nur viel gebrechlicher noch war, wie ich bei näherem Zusehen bemerken konnte, der bedauernswerte alte Herr inzwischen geworden. Es genügte ihm jetzt nicht mehr der Stock, auf den er sich sonst gestützt hatte, zwei Krücken, in denen er mit den Achseln hing, dienten ihm zum Halt. Er setzte sie mit den Kautschukzwingen vor sich in den Sand, neigte den Oberkörper vor und schwang die gänzlich leblos gewordenen Beine, die zurückgeblieben waren, wie ein Pendel hinter sich drein. Von Zeit zu Zeit machte er halt, um von dieser offenbar recht anstrengenden Turnübung auszurasten. Dann stand auch die Tochter still und beschäftigte sich damit, in einigem Abstand von ihm den Zweig eines Strauches herabzubeugen, um den Duft der Blüten einzuatmen, oder neigte sich nieder, ein Blümchen zu pflücken, einen Grashalm abzubrechen, aus dem sie dann zum Zeitvertreib einen Knoten zu flechten, eine Schleife zu schürzen sich bemühte.

Etwas wie Empörung gegen das Schicksal, gegen die Weltordnung fing bei diesem Anblick sich in mir zu regen an. Hunderte von lebensfrischen und gesunden jungen Leuten hatte ich eines allzufrühen Todes sterben sehen, die Zahl der anderen, von deren entsetzlichem Ende ich nicht selbst Zeuge gewesen, meldete die Statistik, und sie ging in die Millionen. Hier aber schleppte ein lebender Leichnam, gemieden vom Tode, vergessen von der Parze, die so vielen Brauchbaren und Tüchtigen den Lebensfaden abgerissen hatte, hartnäckig sein wertloses Dasein weiter, sich selbst und anderen zur Qual. Es war mir in diesem Augenblicke, als stünde dieser unnütze alte Mann im Bunde mit den unheilvollen Mächten der Finsternis, die am Volkskörper zehrten, als hätte er sich mit ihnen verbündet, das Feld nicht zu räumen und sich unter keinen Umständen abberufen zu lassen, nur um die allgemeine Not noch zu steigern und die Schwierigkeiten der Ernährung durch einen überflüssigen Brotesser mehr noch schwieriger zu gestalten. Und als mich im Vorübergehen einer jener stechenden und giftigen Blicke aus dem Auge des Generals berührte, vor denen es mir schon damals gegraut hatte, da fühlte ich mich unwillkürlich geneigt, es als eine Art Bosheit von ihm auszulegen, daß er noch immer unter den Lebenden weilte und durchaus nicht sterben wollte.

Aber auch an seiner Begleiterin war, das konnte ich rasch bemerken, die Zwischenzeit nicht ganz so spurlos vorübergegangen, wie es beim ersten Anblick scheinen mochte; jedoch im entgegengesetzten Sinne, darüber gab es keinen Zweifel, sobald man sie nur schärfer ins Auge faßte. Denn sie hatte keineswegs gealtert, wie sich hätte voraussetzen lassen, im Gegenteil, etwas wie ein neu erwachter Geist, einem Lichtstrahl vergleichbar aus dem Auge hervorbrechend, faßte die einstige Schönheit, von der ich früher nur Überreste hatte feststellen können, zu einer unerwarteten Spätblüte zusammen und ließ ihre Züge lieblicher, rosiger, bräutlicher erscheinen, als ich es je für möglich gehalten hätte. Und nicht bloß jugendlicher als damals kam sie mir jetzt vor, auch selbstbewußter, zuversichtlicher, freier: nichts mehr von jener Trostlosigkeit, als deren Verkörperung sie mir sonst gegolten. Weit eher schien mir der Eindruck, den ich von ihr empfing, auf feste Ziele zu deuten, auf Entschlossenheit und beherrschten Gemütszustand. Und war dieser Eindruck auch flüchtig, und kehrte der Blick, den ich im Vorbeigehen auffing, rasch sich besinnend und in Demut sogleich wieder hinter gesenkte Lider zurück und in das Joch einer freiwillig erduldeten Dienstbarkeit -- es war doch einer jener großen, suchenden, von kühnen Antrieben durchzitterten Blicke gewesen, den nur eine Seele aussendet, die um die Freiheit weiß, ein Blick, der blitzartig die überraschende Wandlung enthüllte, die sich vollzogen haben mußte, wenn ich mich nicht gänzlich täuschte.

Indessen war ich nicht abgeneigt, da meine Beobachtung sich naturgemäß auf den Bruchteil einer Minute beschränkte, eine solche Täuschung zunächst für das wahrscheinlichere zu halten, es hätte mir ja andernfalls auch jede Erklärung gefehlt. Dem Zufall blieb es vorbehalten, mich darüber zu belehren, daß unsere gefühlsmäßig aufleuchtenden Erkenntnisse durch das Fehlen einer ausreichenden Begründung nicht gegenstandslos werden können. Seinem Eingreifen hatte ich es zu danken, daß mir in der Folge ein Einblick zuteil wurde, wie die großen Zeitgedanken sich im Schicksal des einzelnen widerspiegeln, er war es, der mir einen Faden an die Hand gab, an dem ich mich weitertasten konnte. Eine Gelegenheit, die ich um so lebhafter ergriff, je mehr das junge alte Mädchen anfing, mir zum Problem zu werden.

Eine öffentliche Anzeige, die ich an Mauerecken und Litfaßsäulen angeschlagen fand, machte mich auf eine Versammlung aufmerksam, in der eine entschlossene Wählergruppe offenbar Anhänger für ihre grundstürzenden Forderungen zu werben gedachte. Anscheinend handelte es sich dabei nicht so eigentlich um die Verbreitung politischer Schlagworte, wie deren jede Partei auf ihre Fahne geschrieben hat, sondern mehr um eine Vorarbeit hierzu, indem durch eine grundsätzliche Kritik der hergebrachten Sitten- und Pflichtenlehre die Gesinnungen beeinflußt, die Gemüter umgepflügt werden sollten, um für die Aufnahme der gefährlichen Saat bereitet zu sein. Von vornherein begierig, einen deutlicheren Begriff von den geheimen Unterströmungen und seltsamen Gärungen, die den Umsturz begleiteten, aus eigner Anschauung zu gewinnen, sah ich mich zum Besuch jener Versammlung noch ganz besonders durch frühe geistige Beziehungen zu einem alten Schulfreund aufgefordert, dessen Namen die erwähnten Maueranschläge in großen roten Buchstaben als Vortragenden nannten. Obgleich seit vielen Jahren außer jedem Zusammenhang mit ihm, erinnerte ich mich doch gerne der vielfachen Anregungen, die ich einst von ihm empfangen, des glühenden und leidenschaftlichen Gedankenaustausches, durch den wir uns gegenseitig gefördert hatten, in jenen längst verflossenen Tagen, wo wir als halbreife Jünglinge die Welt umzubauen uns stark genug dünkten und nach langen gefühlsreichen Wegen durch Wald und Flur oft mehr voneinander gelernt zu haben meinten als von dem besten unserer Lehrer.

Zum Unterschied von allen übrigen Kollegen hatte Karl Schuda nach der Reifeprüfung keine Hochschule bezogen. Er war in die Welt hinausgewandert; es hieß, daß er sich auf einem Kohlenschiff der unteren Donau sein Brot verdiene. Später sollte er in Bukarest ein Handelsgeschäft eröffnet, noch später in Bulgarien Grundbesitz erworben haben. Blieb er dem Kontinent gleich treu, so schien er doch auf dem Balkan sein Amerika zu suchen. Gefunden hatte er's wohl kaum, oder höchstens insofern, als es auch in Ländern der unbegrenzten Möglichkeiten Schiffbrüchige gibt. Indessen wäre es Übelwollen gewesen, ihm nachzusagen, er habe seinen Beruf verfehlt, als er unversehens wieder in der Heimat, und zwar als Zeitungsschreiber auftauchte; denn er schrieb ein gutes Deutsch und führte eine vortreffliche Klinge. Als Aufwühler und Umsturzmann stellte er sich in den Dienst der Plötzlichkeit, verschmähte es aber, den Ton aus der Gosse zu holen, und blieb ungewöhnlich. Bei allem, was ich im Lauf der Jahre zwar selten, aber doch gelegentlich von ihm gelesen, hatte ich den Eindruck einer starken, ehrlichen, überzeugten Persönlichkeit gewonnen, der ich Achtung nicht versagen konnte, auch wo es mir widerstritt, die Gesinnung zu teilen. Und was mich an den Veröffentlichungen, die mir von ihm zu Gesicht gekommen, vorwiegend fesselte und wie aus alten Tagen unserer Freundschaft erwärmend ansprach, das war der heilige Eifer, mit dem er die Gefolgschaft, die er der hochroten Fahne leistete, an den tiefsten Forderungen der Ethik zu überprüfen nicht müde wurde. Die innere Erregtheit einer schwärmerischen Menschenliebe diente seiner Parteileidenschaft zur Rechtfertigung, und wenn er irrte, so war nicht Neid und wirtschaftliche Gehässigkeit die Quelle dieses Irrtums, sondern ein lebendiges Mitempfinden jeder sozialen Hilfsbedürftigkeit.

Diese bejahende Note seines Wesens, die ihn von sonstigen Wüstenpredigern ähnlichen Schlages vorteilhaft unterschied, kam auch in dem angekündigten Vortrag, zu dem ich mich einzufinden nicht versäumt hatte, zu entscheidendem Durchbruch. Freudigkeit galt ihm als oberstes Ziel, und der Weg dahin konnte nur über die Freiheit führen. Darum verwarf er jeden Zwang, jede Bevormundung, sogar jede Obrigkeit, mit Ausnahme der vom Volk selbst eingesetzten, wobei es dahingestellt bleiben mochte, wer das Volk eigentlich sei. Darum verwarf er überhaupt alles »Sollen«, das sich nach einem Worte Kants aus dem »Sein« nicht »herausklauben« lasse, und anerkannte keine Macht des Gewissens neben dem freien Willen. Und darum wendete er sich wie gegen die »Herrenmoral«, so auch gleicherweise mit aller Schärfe gegen die Verweichlichung der Lebensinstinkte, wie sie durch das »Narkotikum der Evangelien« -- dies war der Ausdruck, den er gebrauchte -- hervorgerufen werde. Denn würdig der Erlösung von äußerem Zwang sei nur der, der sich selbst erlöst hätte von den inneren Fesseln, als welche er die vererbten Vorurteile bezeichnete, durch die wir uns Gewalt antäten, zu wollen, was wir im Grunde nicht wollen, und zu tun, was wir lieber unterlassen würden. Dies beuge, verkümmere, knicke die wahre Natur und das innerste Wesen der Menschen und sei die eigentliche Sünde wider den Geist, für die es keine Lossprechung gebe. Wie der Flachs von Grannen und Werg, so müsse das zur Freiheit erwachende Gemüt gereinigt werden von allen schwächlichen Gewohnheiten einer stillen Ergebung, einer demütigenden Anpassung und Selbstüberwindung, einer schmählichen Zwiespältigkeit zwischen wahrem Willen und aufgezwungener Pflicht. Starke, ganze, uneingeengte Seelen brauche die Menschheit, wahrhafte, aufrichtige, jeder Selbstentäußerung fremde Seelen, deren oberstes Sittengesetz darin bestehe, sich selbst zu erfüllen. So fordere es das lebendige Leben und der Aufstieg zu einer reineren und schöneren Zukunft.

Er sprach frei, fließend und innerlich bewegt, sein Wort wußte zu zünden. Unzähligemal sah er sich durch brausenden Beifall unterbrochen, der Saal war dicht besetzt, und auch das gewähltere Publikum, das die vorderen Sitzreihen einnahm, kargte nicht mit den Äußerungen einer Anerkennung, die freilich mehr der rednerischen Leistung als dem Inhalt gelten mochte.

Um dem andringenden Schwarm derer, die zuhören wollten, im Saale Raum zu schaffen, hatte man auch in den tiefen Nischen der Fenster, die mit Holzläden verschlossen waren, Bänke aufgestellt, und als mein Auge mitten im Vortrag zufällig eine dieser Bänke streifte, die die Sitzreihen flankierten, blieb es starr wie an einer Erscheinung dort hängen. Zu meiner größten Überraschung hatte ich die schöne Generalstochter, meine unbekannte Bekannte aus den städtischen Anlagen, erblickt, wie sie mit glühenden Wangen den Ausführungen des Redners lauschte. Weit vorgebeugt, gleichsam mit angehaltenem Atem saß sie da, kein Auge von der Vortragsbühne wendend, als fürchte sie, es könnte ihr eins dieser offenbarenden Worte, eine dieser ebenso ungezwungenen wie ausdrucksvollen Gebärden entgehen, die sie begleiteten. Kein Prophet konnte sich einen gläubigeren Anhänger, kein Apostel einen teilnehmenderen und verständnisvolleren Jünger wünschen. Ich sah, wie sie diese oder jene Äußerung, die sie besonders überzeugte, mit begeistertem Kopfnicken begleitete, wie ihr Antlitz dabei aufleuchtete, ihre Pulse stockten oder rascher flogen, und ich konnte beobachten, wie sie keine Gelegenheit versäumte, durch leidenschaftliches Händeklatschen in den allgemeinen Beifall mit einzustimmen, der der verführerischen Sophistik meines ehemaligen Schulfreundes gezollt wurde.

Ich wüßte selbst nicht zu sagen, warum auch ich bei diesem Anblick auf einmal einer entschiedenen Neigung in mir gewahr wurde, manchem, was Karl Schuda vorbrachte, doch eine gewisse Berechtigung zuzugestehen. Vielleicht war die tiefere Ursache davon in einem halb unbewußt sich regenden Gefühl mitleidiger Teilnahme zu suchen, der Teilnahme für dieses bedauernswerte weibliche Wesen, dessen ungeheure innere Erregung verständlich wurde, wenn ihm plötzlich zum Bewußtsein kam, was alles es unwiederbringlich dem dürren Begriff einer herkömmlichen Pflichterfüllung aufgeopfert hatte. So stark die Bindungen der Religion, der Kindesliebe, der weiblichen Hilfsbereitschaft immer sein mochten -- wäre es verwunderlich gewesen, wenn diesem Mädchen die entschwindende Jugend als zwecklos und unsinnig vergeudet erschienen und zu spät, ach viel zu spät die Erkenntnis aufgedämmert wäre, daß auch sie ein unverlierbares Recht darauf gehabt hätte, ihr eigenes Leben zu leben? Hätte nicht jeder es begreiflich finden müssen, wenn sie noch jetzt in aufwallendem Unmut die drückenden Fesseln abgeworfen und sich rücksichtslos zum neuen Evangelium der freien Persönlichkeit bekannt hätte, die an kein Gesetz als an das der eigenen Bestimmung gebunden ist? So wie es eine Linie gibt, über die hinaus auch der muskelkräftigste Nacken der ihm aufgebürdeten Last nicht mehr gewachsen ist, so gibt es auch für die moralische Leistungsfähigkeit eine Grenze, wo das Menschenmögliche endet -- tausendfach und eindringlicher als je hat es sich im Weltkrieg erwiesen. Alle Schranken und Mauern, mit denen die Notwendigkeiten menschlicher Gemeinschaft den Einzelwillen im Wege der Vererbung und Erziehung einengen, stürzen dann zusammen, um dem nackten Bedürfnis die Bahn freizugeben. So erinnere ich mich, in einer mittelalterlichen Chronik gelesen zu haben, wie die Bürger einer üppigen und fröhlichen Stadt, bekehrt durch einen flammenzüngigen Bußprediger, so lange in der Ausübung aller christlichen Tugenden, als da sind: Armut, Keuschheit, Demut und Selbstentäußerung, Enthaltsamkeit, Freigebigkeit, Nächstenliebe und Eifer im guten miteinander gewetteifert -- so lange in all solch frommem Abbruchtun und Verzichten sich gegenseitig gesteigert und überboten hätten, bis diese ganze Stadt schließlich vor die Hunde gekommen und eines Tages durch das plötzliche Hervorbrechen des künstlich zurückgestauten Kraftüberschusses in jähem Rückschlag zu einem wahren Sodom und Gomorra geworden sei, das sich in bis dahin unerhörten Ausschweifungen und Orgien austobte. Die Natur läßt sich eben auf die Dauer keine Gewalt antun, und die entsagende Heiligkeit, so lange sie auf Erden wandelt, läuft immer wieder aufs neue Gefahr, von den dammbrechenden Wogen der Weltlust verschlungen zu werden.