Chapter 10 of 19 · 3975 words · ~20 min read

Part 10

Er überhört durchaus nicht die Ironie in ihrer Frage. Sein Gesicht scheint, soweit es überhaupt Gefühlsregungen verraten kann, traurig und verfallen.

»Ja,« sagt er, »wir Menschen in der Mitte werden verachtet, weil wir es keinem recht machen -- weder dem einen noch dem anderen. Wir haben keine Feinde, aber wir verschaffen uns auch keine Freunde.«

Er erhebt sich und tritt damit aus dem Lichtkreis der Lampe. Dann nimmt er seine Wanderung im Zimmer wieder auf und spricht weiter:

»Wer fragt danach, ~warum~ es ein Mensch für richtig hält, immer in der Mitte zu stehen und damit niemand unrecht zu tun? Wir würden einander viel Ärger und Leiden ersparen, wenn wir uns alle daran halten wollten.«

Irmgard muß an Joachim Becker denken, der niemals in der Mitte steht, sondern immer auf der einen Seite, während er der anderen Unrecht zufügt. Und sie selbst gehört zu der leidenden Partei. Hätte er aber sonst diesen Hafen gegründet?

»Wohin sollte das führen?« fragt sie den Kapitän. »Wäre dann ein Cäsar oder ein Napoleon möglich? Und wo blieben ihre ungeheuren Taten? Ich denke mir, daß jedes große Werk ein Opfer auf der anderen Seite fordert.«

»Es gibt robuste Naturen, denen es möglich ist, die Konsequenzen ihrer einseitigen Handlungen zu tragen. Es steht mir fern, sie zu verurteilen, denn ich sehe ihren Standpunkt ebenso wie den der Schwachen.«

»Richtig,« sagt Irmgard bitter, die jedes Wort als einen Hieb auf Joachim Becker empfindet, »Sie dürfen ja nicht nur die Mittelmäßigkeit verteidigen, Sie haben sich die Aufgabe gestellt, zwischen allen Parteien zu stehen.«

Sie wird ungerecht, ja, ihre Worte sind fast beleidigend, aber sie spricht zu einem Mann, der auch ihre Ansicht verstehen muß. Was darf sie ihm nicht alles sagen! Wird er nicht letzten Endes jedes Wort ruhig hinnehmen müssen und verständnisvoll verzeihen? Die harten Worte kommen aus einem schwachen oder starken Gefühl; er aber steht über allen Schwankungen des Herzens und hat seinen Standpunkt in der Mitte.

»Ach, wie schwer muß es sein, diesem Vorsatz treu zu bleiben!« fügt sie seufzend hinzu, während sie aufsteht und sich verabschieden will.

Sie hat kein Erbarmen mit diesem einsamen Menschen, der gehetzt im Zimmer umherrennt und durchaus nicht den Eindruck hervorruft, als seien seine Empfindungen klar und geebnet.

»Bitte, bleiben Sie noch«, sagt er, ohne seine Wanderung zu unterbrechen. »Sie wollen mich kränken. Sie sind grausam, und ich weiß nicht, womit ich mir das verdiente. Haben Sie nicht darüber nachgedacht, daß das, was Sie die Mittelmäßigkeit nennen, nach schweren Kämpfen aus Stärke und Schwäche erwachsen kann? Wie viele Ursachen dürften dafür vorhanden sein! Es gibt Erlebnisse, die das Wesen eines Menschen von Grund auf verändern. Ich will nicht von mir sprechen, es liegt mir fern, Sie damit zu langweilen. Aber nehmen wir ein Beispiel an. Ich will es so wählen, daß auch Sie als Frau es verstehen können:

Ein Mann glaubt, sehr geliebt zu werden. Er selbst -- nun lassen wir das. Er vertraut ihr und begibt sich auf eine weite Reise. Er fährt in fremde Erdteile, vielleicht, weil es sein Beruf erfordert oder weil es ihm Spaß macht. Jedenfalls bleibt er sehr lange fort, und er hat keinen Grund, seiner Frau zu mißtrauen. Er zweifelt niemals an ihrer Treue, darum trifft es ihn so unvermittelt, als sie ihm selbst gesteht, ihn betrogen zu haben. Sie hat keine äußere Ursache, es ihm zu sagen, ihr Gewissen treibt sie dazu, weil sie innerlich wieder zu ihm zurückgefunden hat. Der Mann gehört aber nicht zu den Neutralen, die auch die Schwächen der anderen verstehen. Nein, er sieht nur seine Seite, das an ihm begangene Unrecht, das getäuschte Vertrauen. Mit dem Recht des Starken verurteilt er, ja, er ist ohne Gnade, und die Frau geht ganz verzweifelt fort. Vielleicht wissen Sie, wie grausam ein Mensch sein kann, wenn er nur sein eigenes Herz schlagen fühlt und nicht auch das Herz des anderen. Aber dann kommt die Stunde, da sich plötzlich alles ins Gegenteil verkehrt.«

Der Kapitän bleibt stehen und blickt Irmgard Pohl mit verlorenen Blicken an. Nein, er sieht nicht das fremde junge Mädchen, das zu ihm gekommen ist, um ihm seine Geheimnisse zu entlocken, er arbeitet an seinem »Beispiel«. Und er geht wieder mit gespreiztem Gang im Zimmer umher, während er die Hände auf dem Rücken fest ineinanderlegt.

»Kaum ist sie fortgegangen, so daß er die Einsamkeit spürt, da sieht er auch die andere Seite. Er stellt sich wieder nicht in die Mitte, er springt zum anderen Extrem hinüber. Da beginnt er nun mit der Verteidigung der jungen Frau, die er selbst dem vielfältigen Leben schutzlos gegenübergestellt hat. Sie war jung und hat gefehlt, aber sie macht kein Hehl daraus, sie bekennt offen ihr Unrecht. Wie muß sie dem Manne vertraut haben, und welche Größe hat sie von ihm erwartet, da sie seiner Verzeihung so gewiß war. Er aber jagt sie davon. So sind die Menschen: wie man soeben den anderen verurteilt hat, so richtet man nun sich selbst. Wir finden keinen guten Weg dazwischen. Er will sie zurückholen, doch er weiß nicht, wo er sie suchen soll. Und er irrt eine ganze Nacht am Hafen, an den Fleeten, an jedem Wasser und auf allen Brücken umher und weiß sich keinen Rat. Am Morgen treibt ihn seine Verzweiflung in irgendeine Kirche, ihn, der keine Konfessionen kannte und kein Gebet, nur sein Vertrauen auf die eigene Kraft. Er bittet irgendeinen Gott, ihm zu helfen. Er legt ein Gelübde ab, eine Beichte, er faltet die Hände, er kniet, er will allen Religionen gerecht werden, um den wahren Gott zu finden, der ihm helfen kann. Aber wie er nach Hause kommt, hat die Frau das Leben weggeworfen, das sie neu beginnen wollte und das er ihr zerstört hat -- --«

Der Kapitän bricht plötzlich ab, ohne seine Stimme zu senken, als wollte er etwas hinzufügen. Doch er schweigt. Er rückt ein Bild an der Wand zurecht, eine afrikanische Landschaft, die mit seiner Erzählung nichts zu schaffen hat. Man sieht, daß ihn selbst sein Beispiel nichts angeht, es berührt ihn nicht, er kann sich sogar wieder mit einer afrikanischen Landschaft beschäftigen, er ist ja der Mann in der Mitte. Nur, daß er die Schlußfolgerung aus seiner Erzählung nicht mehr gezogen hat, war ihm dabei entgangen.

Aber das ist nicht nötig. Seine Zuhörerin hat ihn auch so verstanden. Sie erhebt sich und sagt: »Ja, da will ich jetzt gehen. Verzeihen Sie mir.«

»Ach, wollen Sie gehen?« fragt er lächelnd. »Nein, ich habe nichts zu verzeihen. Empfehlen Sie mich, bitte, Ihrem Herrn Vater, und wenn es recht ist, so will ich ihm demnächst meine Aufwartung machen.«

Er begleitet sie bis zur Haustür und dankt ihr für den Besuch.

Irmgard Pohl geht langsam zum Hafentor. Wieviel stürmt auf einen jungen Menschen ein, der mit seinem eigenen Leben nicht fertig wird! Soll man sich nun noch mit den fremden Schicksalen beschäftigen? Sie ist fast erdrückt unter der Last ihrer Gedanken und Gefühle.

Wie schön war es sonst, in solchen Stunden Schwester Emmi zu begegnen, die plaudert und mit ihrem erheiternden Lachen alle schweren Gedanken davonjagt. Eine leichte und sonnige Natur ist viel wert, aber nun kommt Schwester Emmi kurz vor der Föhrbrücke Irmgard Pohl entgegen, und ihr Gesicht scheint grau und alt.

»Haben Sie mich gesucht?« fragt sie, während sie bei der Anstrengung zu einem Lächeln den rechten Mundwinkel herabzieht.

»Ja«, sagt Irmgard, obgleich es nicht ganz den Tatsachen entspricht. »Wo sind Sie gewesen? Sie sehen elend aus. Warum bleiben Sie nicht zu Hause?«

»Ach, ich mußte einen wichtigen Besuch machen. Bei einem Herrn Stein war ich, dem Mann einer früheren Patientin. Aber er hatte heute keine Zeit für mich, er war eben von der Reise gekommen. Das hätte ich mir denken können, nicht wahr? Ich weiß nicht, wo ich heute meine Überlegung habe, ich mache alles verkehrt.«

Irmgard sieht ihr prüfend in die starren Augen. ›Warum erzählt sie mir das alles mit diesem unheimlichen Gesicht?‹ denkt sie. Nun forscht sie weiter, um Schwester Emmi Gelegenheit zu geben, sich auszusprechen und aus ihrer Erstarrung herauszufinden.

»Was wollten Sie von diesem Herrn Stein? Mußten Sie ihn noch heute sprechen?«

»Ja«, antwortet die Schwester. »Es mußte sofort sein, obgleich es schon zu spät ist. Aber vielleicht kann ich ihn doch noch retten.«

»Meinen Sie Herrn Gregor?«

»Ja.«

»Was kann dieser Herr Stein für ihn tun? Handelt es sich um Geld?«

»Ja.«

»Und Sie glauben, daß Sie es von dem Herrn bekommen, wenn Sie abends in sein Bureau gehen?«

»Er hat es mir nicht direkt abgeschlagen, er meinte, falls ich morgen abend käme, wenn er Zeit hätte, dann könnten wir in Ruhe darüber sprechen.«

»Wollen Sie nicht zu mir hinüberkommen? Wir gehen gleich in mein Zimmer, damit uns niemand stört. Hier können wir nicht stehenbleiben«, sagt Irmgard Pohl.

Sie nimmt, ohne eine Antwort abzuwarten, die Schwester beim Arm und führt sie über die Föhrbrücke zur Mühle.

Unterwegs sagt die Schwester, die vor Kälte zittert: »Es ist so furchtbar, daß ich morgen noch zu diesem Menschen gehen muß. Aber das ist die einzige Rettung.«

Im warmen Zimmer bettet Irmgard sie auf den Diwan, und dann beginnt sie, mit milden und zärtlichen Worten auf sie einzureden. Wenn sie doch weinen könnte, denkt sie, das wäre gut.

Als das alles nicht hilft, versucht sie es auf eine andere Weise.

»Was haben Sie sich denn gedacht?« sagt sie streng. »Wollen Sie sich an diesen Herrn Stein verkaufen, um einen Menschen zu retten, der nicht das geringste Opfer wert ist?«

Die Schwester springt erregt auf. Es ist, als wollte sie davonstürzen, aber dann wirft sie sich auf die Erde und weint, laut und leidenschaftlich. Alle Demütigungen, die Angst, die zurückgedrängten Tränen lösen sich auf in diesem befreienden Schluchzen.

Als sie sich müde geweint hat, bettet Irmgard sie wieder auf den Diwan, dann geht sie hinunter zu den Eltern.

»Kommst du endlich?« sagt Frau Pohl vorwurfsvoll. Sie ist mit einer Häkelei beschäftigt, während der Mühlenbesitzer seine Zeitung liest.

Hier sitzen zwei Menschen wie in friedlichem Kreis um einen runden Tisch und sind nur vom Schicksal ihrer eigenen kleinen Familie umschlossen.

»Ich habe Schwester Emmi mitgebracht«, sagt Irmgard, während sie ihren Vater bittend ansieht. »Drüben ist in ihrer Gegenwart ein Angestellter verhaftet worden. Sie wurde dadurch so erregt, daß ich sie nicht allein lassen wollte.«

Frau Pohl steht auf.

»Dann will ich euch etwas Abendbrot besorgen«, sagt sie.

Seitdem ihre Tochter in der Mühle eine geregelte Tätigkeit hat, wird sie von Frau Pohl als selbständiger Mensch behandelt, der sich seine Gäste mitbringen darf, und der sein Essen zu fordern hat, wenn er das Haus betritt. Frau Pohl versäumt niemals ihre Pflichten.

Irmgard geht zu ihrem Vater. Sie setzt sich neben ihn auf das Sofa und lehnt stumm den Kopf an seine Schulter. Der Mühlenbesitzer legt die Zeitung hin und schließt den Arm um seine Tochter.

So sitzen sie, bis Irmgard die Schritte der Mutter hört. Sollte man es wohl für möglich halten, daß eine Mutter auf ihre eigene Tochter eifersüchtig ist?

Wie Irmgard dem mißtrauischen Blick Frau Pohls begegnet, denkt sie, wie schön es wäre, wenn noch einige Menschen so in der Mitte ständen wie der Kapitän.

Aber sie kann sich noch nicht entscheiden, ob sie es in vielen Fällen gutheißen würde.

Als sie in ihr Zimmer hinaufkommt, ist Schwester Emmi nach ganz kurzer Ruhe erwacht und von neuen Sorgen erfüllt.

»Nun wird man mich entlassen«, sagt sie verzweifelt. »Ich habe zwar gesagt, daß ich Herrn Gregor heute überhaupt nicht gesehen hätte, aber Frau Reiche wird dafür sorgen, daß man mich davonjagt.« Die ganze Trostlosigkeit ihres Wanderlebens liegt wieder vor ihr.

»Nein,« sagt Irmgard, »der Kapitän wird niemals zugeben, daß man Sie entläßt. Davon dürfen Sie fest überzeugt sein.«

»Haben Sie ihn gesprochen?«

»Ja.«

»Und er hat es Ihnen gesagt?«

»Es war so gut, als hätte er genau das gesagt.«

Und wiederum ist sie froh, daß sie sich auf den Mann in der Mitte verlassen kann.

Wer könnte dem Kapitän vorwerfen, daß er jemals von diesem Platz gewichen wäre?

Wenn die Kantinenwirtin bei ihm erscheint und mit sittlicher Entrüstung meldet, daß sie am frühen Morgen einen Herrn aus dem Zimmer der Fürsorgeschwester kommen sah, so sagt er nicht: »Dieser Skandal! Ich werde die Schwester verwarnen oder entlassen.« Aber er fragt auch nicht: »Warum werden Sie durch diesen Vorgang so erregt? Hätten Sie es lieber gesehen, wenn der Herr aus einer anderen Tür gegangen wäre?«

Nein, er sagt: »So. Ich werde es in Ordnung bringen.« Dann geht alles seinen alten Gang, und durch eine Verhaftung ist jede Wiederholung des beanstandeten Besuches unmöglich geworden, so daß sich das Weitere erübrigt.

Er macht auch dem Mühlenbesitzer Pohl den versprochenen Besuch, als habe er keine Ahnung davon, daß die Hafengesellschaft mit ihm einen Prozeß führe.

»Ich komme mit einer Bitte«, sagt der Kapitän, ohne Herrn Pohl Zeit zu anderen Erörterungen zu lassen. »Sie haben hier einen großen schönen Speicher, und wir wissen nicht, wo wir unsere Getreideladungen lassen sollen. Könnten Sie uns nicht vorübergehend aushelfen?«

»Der Speicher war ursprünglich nur für meinen eigenen Bedarf bestimmt, aber nun habe ich seit Bestehen des Hafens schon oft ausgeholfen. Es ist für manchen sehr günstig, sein Getreide bei mir zu lassen.«

»Sie werden doch keinen Unterschied machen?«

»Nein,« sagt Herr Pohl lächelnd, »warum sollte ich meine Prozeßgegner schlechter behandeln?«

Die Zeit geht über so vieles heilend hinweg, man muß nun über eine erbitterte Feindschaft lächeln.

»Also können wir einen Vertrag abschließen?« fragt der Kapitän.

»Nein, um Gottes willen keine Verträge. Kommen Sie, wenn Sie meinen Speicher brauchen, und ich will zusehen, wie ich einem so großen Unternehmen helfen kann.«

Die beiden Männer verabschieden sich mit einem Händedruck. Während die Prozeßgegner vor den Gerichten ihre Sache weiter verfechten, schließen sie daheim friedlich ihre Geschäfte ab. Und das ist keinem anderen zu verdanken als dem Kapitän, dem Mann in der Mitte.

Oder der Bäckermeister Reiche, Kantinenwirt im Hafen, spricht bei ihm vor und dreht lange verlegen an seiner Mütze, bis er endlich mit der Sprache herausrückt.

Also: er halte dieses Leben nicht länger aus, er sei Handwerker und nicht Schankwirt. Und wenn das nicht bald ein Ende nähme, so wüßte er nicht, was noch geschehen könnte. Er bittet um die Erlaubnis, das Recht für die Bewirtschaftung der Kantine mit seinem eigenen geringen Inventar verkaufen zu dürfen, damit er wieder imstande sei, sich eine Bäckerei anzuschaffen.

»Was sagt Ihre Frau dazu?« fragt der Kapitän.

»Meine Frau?« wiederholt Herr Reiche, »sie trägt die Zigaretten und das Essen aus der Kantine in das Untersuchungsgefängnis und verschenkt mein Geld an fremde Menschen.«

»Sie ist in der Wirtschaft sehr tüchtig, und man scheint allgemein zufrieden mit ihrer Küche zu sein«, sagt der Kapitän. »Wollen Sie es nicht auf eine andere Art mit ihr versuchen? Was Ihre Bäckerei betrifft, so will ich Ihnen natürlich nichts in den Weg stellen.«

Wie Herr Reiche im Vorzimmer an Fräulein Spandau, der stillen Sekretärin, vorbeikommt, sieht er sehr zufrieden aus, als habe der Kapitän ihm geholfen. Fräulein Spandau nickt ihm lächelnd zu, sie wird es zwar sehr bedauern, wenn sie mit ihm nicht mehr jeden Tag um ein Uhr ein paar Worte wechseln kann, doch sie freut sich in seinem Interesse, daß er zu seinem Beruf zurückkehren darf.

Fräulein Spandau hat ein blasses flaches Gesicht und dünne aschblonde Haare, sie ist nicht hübsch, nein, das ist sie nicht. Aber sie konnte noch nie einem Menschen ihr Mitgefühl versagen. Sie hat sechs Geschwister und eine kranke Mutter. Wenn sie heimkommt, beginnt sie zu kochen, zu waschen und zu nähen, und sie ist immer froh, wenn ihr nicht weniger als fünf Stunden Schlaf verbleiben. Eine geordnete Bäckerei mit weißgestrichenen Regalen und frischen Broten scheint ihr wie das Paradies, der zufriedene Bäckermeister mit der großen, weißen Schürze wie der gute Petrus, auch wenn er Sommersprossen und rote Haare hat.

Wird Reiche nun in das Paradies einziehen? Ach -- an Fräulein Spandau vorbei geht auch die Kantinenwirtin zum Kapitän, diesmal in eigener Angelegenheit. Auch sie kehrt befriedigt zurück. Und es bleibt alles beim alten. Der Kapitän hat seinen Platz in der Mitte nicht verlassen.

Selbst ein Herr Gregor hatte niemals Grund, sich über den anfangs so gefürchteten Kapitän zu beklagen. Herr Gregor gehörte zur Generaldirektion und der Kapitän zum Hafen, und so ging jeder seiner Wege, bis die Verhaftung erfolgte und Herrn Gregors Posten frei wurde.

Warum sollte der junge +Dr.+ Felix Friemann nicht auf diesem Platz seine guten Kenntnisse erproben? Hatte er sich nicht seit Monaten im Hafen bewährt? Oder konnte jemand Klagen des Kapitäns nachweisen?

Die Frage war wichtig genug, um einen Besuch des Generaldirektors beim Kapitän herbeizuführen.

Fräulein Spandau lauscht ängstlich auf die laute Stimme Joachim Beckers.

»Können Sie mir auch nur ~einen~ praktischen Erfolg nachweisen?« fragt er erregt.

»Er steht am Anfang«, sagt der Kapitän. »Wir müssen Nachsicht üben.«

»Nachsicht, Nachsicht! Ich brauche praktische Arbeiter. Ich muß Positives leisten und kann mich nicht mit Theorien abgeben.«

»Seine Ideen sind nicht schlecht«, wendet der Kapitän ein. »Er macht zuweilen Vorschläge, die bei ihm überraschen.«

»Haben Sie schon ~einen~ davon ausführen können?«

»Nein, das nicht, weil er noch nicht fähig war, über die Idee hinaus einen Plan auszuarbeiten. Vielleicht lassen wir ihm Zeit dafür.«

»Bitte«, sagt der Generaldirektor kurz. »Dann beantragen Sie seine Weiterarbeit mit der Begründung, daß er Ihnen unentbehrlich sei.«

So wurde auch diese Frage zur allgemeinen Zufriedenheit gelöst.

Der Kommerzienrat sucht selbst den Kapitän auf, um ihm zu gestehen, wie sehr er sich über die Erfolge seines Sohnes freue.

Der Kapitän meint: »Ja, er wird sich mit dem Hafen entwickeln können. Hier bei der praktischen Arbeit findet er am besten den Übergang aus den Theorien.«

»So ist es«, sagt der Kommerzienrat nun vollkommen befriedigt, weil er sieht, daß der Kapitän seinen Platz in der Mitte behauptet. »Wir haben uns früher unsere Ansichten aus der Praxis gebildet, heute ist es wohl so, daß man mit ihnen hineingeht und versucht, ob sie auch passen.«

Seine Kritik versagt selbst vor dem Sohne nicht, aber er ist geneigt, den Zeitgeist für das negative Resultat verantwortlich zu machen.

Die Vergangenheit

Wenige Wochen nach seinem ersten Besuch ist der Kapitän genötigt, noch einmal in der Mühle vorzusprechen.

Es handelt sich um eine große und wichtige Getreideladung, die während unsachgemäßer Lagerung gelitten hat und gereinigt werden soll, ehe sie weitergeht.

Herr Pohl hat zwar zurzeit wenig Raum. Aber er erklärt sich schließlich bereit, seine Einrichtungen dafür zur Verfügung zu stellen, wenn der Kapitän die Arbeit überwachen läßt.

Der Kapitän will selbst von Zeit zu Zeit das Getreide prüfen. So kommt es, daß er nun oft jenseits des Kanals zu sehen ist.

Wenn er Irmgard Pohl begegnet, so grüßt er sie mit seinem eckigen Hutschwenken wie einen alten Freund. Sie hat keine Zeit, sich in eine Unterhaltung mit ihm einzulassen, wenn er im dienstlichen Eifer um das Bureau der Mühle stapft. Er nimmt ein Lächeln von ihr mit in das Gebrumm der Maschinen, und sie sagt bei Tisch zum Vater:

»Ich habe den Kapitän eben hier getroffen.«

»Ja«, erwidert er. »Der hat jetzt öfter bei uns zu tun.«

Frau Pohl erkundigt sich nach dem Mann, welche Stellung er im Hafen bekleide, und -- nach kurzer Pause -- ob er verheiratet sei.

Vater und Tochter wechseln einen raschen Blick. Sie geben ihr Auskunft, und sie mag daraus entnehmen, daß sie es mit dem ersten und wichtigsten Mann im Hafen, nach dem Kommerzienrat, zu tun habe, denn Joachim Becker wird in stillem Einvernehmen nicht erwähnt.

»Siehst du«, sagt Herr Pohl auf dem Weg ins Bureau zu seiner Tochter. »Die Mutter hat einen Heiratskandidaten für dich.«

»Ja«, sagt Irmgard. »Sie beschäftigt sich jetzt damit. Neulich fragte sie mich, wie alt ich sei. Sie war lange sehr nachdenklich, als ich es ihr wahrheitsgemäß gesagt hatte. Es wird immer schwerer, ihre Fragen zu beantworten.«

Herr Pohl nickt. »Sie möchte, daß du mehr unter junge Leute kommst, und erklärte sich sogar bereit, Gäste zu bewirten.«

Sie sind vor dem Bureau angekommen. Irmgard macht keine Anstalten, zu ihm hineinzugehen, um das Gespräch fortzusetzen. Sie wendet sich halb zu ihrer Tür, dann sagt sie, ehe sie im Hauptkontor verschwindet:

»Wenn ihr wollt, könnt ihr ja den Kapitän einladen!«

Michael Pohl sieht ihr einen Augenblick kopfschüttelnd nach und geht mit unzufriedenem Gesicht zu seinem Schreibtisch.

Der Kapitän ist ihm nicht unsympathisch. Seinetwegen war er auch der Hafengesellschaft entgegengekommen, denn er kann einem guten Menschen schwer etwas abschlagen, während er sich die schlechten peinlich vom Halse hält.

Und gern sieht er es nicht mit an, wie die Tochter im Bureau sitzt und sich daheim überflüssig fühlt.

Der Kapitän wäre ihm als Gesellschafter bei einer guten Zigarre gleichfalls recht. Aber nun kann er die Einladung verteufelt schwer anbringen.

Er legt die Hand wuchtig auf den Tisch. Seine Stirn hat sich bedenklich gerötet.

Zum Kuckuck, soll er seine Tochter jetzt vielleicht öffentlich ausbieten? Nein, mit ~seiner~ Einladung kommt der Kapitän nicht in sein Haus. Das ist seine Ansicht, klipp und klar.

Und er begegnet dem Hafendirektor, der ihm bisher wahrhaftig keinen Anlaß zu Klagen gab, von nun an mit kühlen, fast finsteren Mienen.

Die Arbeiten sind auch beendet, die Abrechnungen erledigt. Der Kapitän hatte sich mehr als nötig selbst darum bemüht. Nun dürfte er eine Weile auf der anderen Seite des Kanals bleiben. Herr Pohl atmet erleichtert auf.

Irmgard Pohl hat selbst eingesehen, daß ihr einige Abwechslung gut täte. Sie will zunächst einmal in ein Konzert gehen. Der Vater kann sich noch immer nicht entschließen, seine Frau an den Abenden allein zu lassen, sonst hätte er sie vielleicht begleitet, wie er es früher zuweilen tat, bis Joachim Becker ihr ein besserer Gesellschafter wurde.

Er hilft ihr in den Pelz und begleitet sie bis zum Tor. Ihr Gesicht ist von innen erwärmt, und wie sie nun, hoch und schmal, mit behenden Schritten von ihm fortgeht, sieht er ihr mit unverhülltem Vaterstolz nach.

Der Konzertsaal ist nicht sehr weit entfernt. Irmgard nimmt den Weg als willkommenen Spaziergang. Es ist unvermeidlich, daß sie wieder Erinnerungen nachhängt, denn sie hatte am Anfang ihrer Bekanntschaft mit Joachim Becker auch einige Male versucht, ihn für gute Musik zu interessieren. Er verstand wenig davon, ließ sich aber willig führen, und dann waren sie taumlig von den Tönen durch die Straßen gesegelt. Im Frühjahr und im Sommer fanden sie später andere Verwendung für ihre Abende. Irmgard hatte jedoch schon viele Pläne für den neuen Winter geschmiedet, der dann so trostlos und einsam verlief.

Bei solchen Träumereien achtet man nicht auf die Umwelt. Der Kapitän, der ihr entgegenkommt, kann ungesehen umkehren und eine ganze Weile hinter ihr hergehen.

Vielleicht überlegt er, ob er sie noch ansprechen soll. Er zögert sehr lange. Das mag an ihrem leichten und wiegenden Gang liegen. Sie hat nicht sonderlich kleine, aber sehr schmale Füße, die sie in ihrer Verträumtheit langsam über das bereifte Pflaster führt.

»Werden Ihnen in diesen dünnen Schuhen nicht die Füße erfrieren?« sagt er schließlich dicht neben ihr, während er die Hand aus der Manteltasche zieht, um sie nach dieser burschikosen Anrede zu begrüßen.

Er hat sie selbstverständlich sehr erschreckt. Aber sie geht rasch auf seinen Ton ein und sagt: »Wie hätten Sie die schönen neuen Schuhe bewundern können, wenn sie in solchen Ungetümen von Überschuhen steckten?«

Sie mögen beide jetzt zu gleicher Zeit erkennen, daß das der geeignete Verkehrston für sie ist. Menschen mit Enttäuschungen, die nicht verbittern wollen, wählen gern den leichten Spott zum Verdecken ihrer Grundstimmung.

Nun haben sie das richtige Fahrwasser gewonnen und langen in munterer Unterhaltung vor dem Konzerthaus an. Der Kapitän macht keine Anstalten, sich zu verabschieden.

Sie sieht ihn belustigt an: »Ja, wollen Sie denn auch hierher?«

»Nein, das heißt ja, jetzt will ich es auch. Sie haben mich auf eine ausgezeichnete Idee gebracht.«

Sie ist einen Augenblick verlegen und bleibt stehen.

»Ich hoffe doch, Sie wissen, mit wem Sie hier hineingehen, und daß es für Sie peinlich sein kann?« fragt sie und fühlt, wie ihr die Röte langsam ins Gesicht steigt.

»Ich weiß, was ich tue«, sagt er fast ärgerlich. »Und ich wüßte mir keine angenehmere Gesellschaft.« Seine Worte verlieren dabei den Sinn eines Komplimentes.