Part 16
Vom ungewohnten glänzenden und lauten Leben im Zuschauerraum verwirrt, sitzt er dann still in seiner Loge. Er fürchtet sich schon jetzt vor der Pause, vor den vielen geputzten Menschen, denen er begegnen wird und die mit höflichen und freundlichen Worten bedacht sein sollen.
›Ist es nicht eine Ungerechtigkeit!‹ sagt er sich an diesem Tage, an dem eine Begegnung ihn so in seinem ganzen Wesen aufstören konnte, ›daß du in deinem Innern nicht zur Ruhe kommen sollst! Du fällst in alte Fehler zurück, wirst unzufrieden mit dir, und wenn du vorwärts blickst, so türmen sich Berge auf, die für andere scheinbar nicht bestehen.
Aber was weißt du von deinen Mitmenschen und ihrem Tun? Einstmals glaubtest du, mit ihrem Studium fertig zu sein, und jetzt meldet sich der Drang, daß du einen nach dem anderen aufschließen möchtest und in seiner Seele erkennen.
Warum ist es dir nicht gegeben, sie zu meistern wie der Kommerzienrat oder sie zu übersehen wie dein Schwager?
Siehe, dieser +Dr.+ Friemann, er hat die schönen Künste so vollständig in sich aufgenommen, daß er nun in jeder Gesellschaft darüber reden kann, er hat das Praktische studiert, und nun wird ihm durch eine kleine blonde Fürsorgeschwester ein angenehmer Kummer geschenkt. Sie ist ihm ein Ziel, zu dem nur der Weg Freuden bereitet; also seien wir nicht traurig, wenn es etwas länger währt. Ja, Felix Friemann ist ein fertiger Mensch, der mit sich und den anderen zufrieden ist.‹
Joachim Becker, der junge Generaldirektor jedoch, der vor den Frauen und bei den Gesprächen über die schönen Künste errötet, weil er die einen so wenig kennt wie die anderen, sitzt steif da und weiß nicht, während er den Vorgängen lauscht, ob er in der Pause ein bedeutungsvolles oder ein bedenkliches Gesicht zeigen soll.
Als sie schließlich in das Foyer gehen, hat er sich für seine alte kühle Maske entschieden.
Felix Friemann gesellt sich zu ihnen.
»Dieser Ibsen hat seine Probleme wirklich manchmal sehr weit hergeholt«, meint er überlegen. »Auf Wildenten haben wir übrigens damals in Norwegen auch geschossen.«
Die Familie Friemann begrüßt ihre Bekannten. Sie zeigen einander die berühmten Kritiker, und einige reden von dem »Stück«. Die Kommerzienrätin hat es sich zum Prinzip gemacht, nicht eher über eine Aufführung zu sprechen, als bis die Kritiken erschienen sind, und sie erwähnt frühere heftige Eindrücke.
Auch Rechtsanwalt Bernhard ist da. Er will sich traurig zur Seite stellen, da er Frau Adelheid zärtlich an den Arm ihres Mannes gelehnt sieht, aber Joachim Becker geht ihm entgegen und begrüßt ihn mit ungeheuchelter Freude.
›Das ist noch ein natürlicher Mensch,‹ denkt Joachim Becker, ›er hat sogar ein Herz.‹ Und sie verbringen zu dritt plaudernd die Pause, wobei jeder in einer anderen Art seine Rechnung findet.
Obgleich Joachim Becker sich nach Stille und Dunkelheit sehnt und Ablenkung von allen quälenden Gedanken wohl gebrauchen könnte, fürchtet er sich vor der Fortsetzung des Spiels.
Muß er denn an diesem Abend in seiner Unzufriedenheit so weit gehen, daß er in jeder verzerrten Gestalt sich selbst sieht? Er ist wahrhaftig am Ende mit seiner Nervenkraft und sehnt den nahen Sommer herbei. In diesem Jahre will er zum erstenmal wirklich ausspannen und mit seiner Frau helle Sommertage irgendwo in den Bergen oder an der See verleben, damit er wieder zu Kräften und Selbstbewußtsein gelangt.
Es ist, weiß Gott, lächerlich, hier Parallelen zu ziehen und sich mit diesem pathetischen Hjalmar Ekdal, diesem Photographen mit der Flatterkrawatte, zu vergleichen. Warum sollen gerade ihn die Vorgänge auf der Bühne etwas angehen, ihn so persönlich berühren, daß er der Selbstzerfleischung nahe ist?
Ein hirnverbrannter Gedanke, heute in dieser Verfassung hierherzugehen! Laufen denn nicht soundsoviel andere auch in Gottes weiter Welt umher, die einen Schatten, einen dunklen Punkt in ihrem Leben haben, an den man am besten nicht rührt?
Oh, er möchte wohl wissen, wie wenige es sind, die so einem Wahrheitsfanatiker wie Gregers Wehrle begegnen dürften, ohne mit der Wimper zu zucken oder gar ihr ganzes Lebensgebäude einstürzen zu sehen.
Und sieht man es nicht an diesem Beispiel, wie verkehrt es ist, ans Tageslicht zu ziehen, was lieber verborgen bliebe? Man hat Fehler begangen, man sieht sie ein und vermeidet sie in Zukunft. Man hat einmal nicht anständig gehandelt. Aber kann man das aus der Welt schaffen? Ist es nicht vernünftiger, Geschehenes zu vergessen, um ungestört weiter zu kommen?
Er hat mit seiner Frau niemals über seine Vergangenheit, über die Beziehungen zum Hause Pohl gesprochen. Vielleicht haben ähnliche Wahrheitsfanatiker wie dieser Narr auf der Bühne sie aufgeklärt, so daß sie unnützen Gedanken nachhängt und öfter traurig und verweint ist als notwendig wäre. Denn das muß er sich eingestehen: schlecht behandelt hat er sie in ihrer mehr als dreijährigen Ehe nie. Er ist sehr beschäftigt, wälzt imposante Pläne, und es paßt nicht zu seiner großen Stellung, zu seinem verantwortlichen Posten als Generaldirektor eines Werkes von Weltbedeutung, daß er sich wie ein Täuberich benimmt.
Da rühren sich wieder seine Gedanken von heute nachmittag: er durfte mit Irmgard Pohl nicht mehr jung und ausgelassen sein, weil es sich mit seinen großen Ideen nicht vereinbarte. Und nun meint er auch, daß er kein zärtlicher Ehemann sein darf, weil es zur strengen, energischen Haltung eines Generaldirektors, der sich Respekt und Autorität verschafft, nicht gehört. Ist es seine Pflicht, nur als Arbeitsmaschine zu funktionieren und sich niemals wie ein gewöhnlicher Mensch zu benehmen?
Immer haftete er an den festgelegten Gesten, die zu seinem Amte gehören. Zwischendurch probierte er es einmal mit der Shagpfeife und mit der nachlässigen Haltung des Engländers, der seine Hände in den Hosentaschen hält. Aber er ließ es wieder und fand Gefallen am smarten Amerikaner, der nicht zu verblüffen ist und mit kühler Jovialität seinen Leuten begegnet. Eine Weile versuchte er es, in dieser Weise zum Beispiel seinen Angestellten entgegenzukommen, um von ihnen nicht nur gefürchtet, sondern auch geliebt zu werden. Aber er hatte den Eindruck, daß man ihm den lässigeren Ton als Schwäche auslegen könnte. Und so kehrte er zu seiner alten Maske zurück: streng, energisch, militärisch korrekt. Um von vornherein jeden Widerspruch auszuschließen, um sich nicht kleinkriegen zu lassen. Ja, das ist es: er läuft mit einer Maske umher. Nur in den Stunden der Zerknirschung, der Schwäche, der Selbsterkenntnis fällt sie von ihm ab.
Hat er nicht doch Berechtigung, sich mit diesem Photographen zu vergleichen, der sich auch eine männliche und selbstgefällige Pose zurechtgelegt hat wie so manche, denen man im Leben begegnet? Der Kommerzienrat zum Beispiel mit seiner betont soignierten Haltung im Geschäftsleben, während er daheim in seiner Familie nicht mehr als ein gutmütiger alter Trottel ist?
Oh, wie grausam betrachtet er nun sich selbst. Gewiß, auch der Kommerzienrat hat seine Maske vor den Menschen, ebenso wie die vielen anderen, die der klugen Ansicht sind, daß man ohne sie im Lebenskampf nicht auskomme; daß man mißbraucht werde, wenn man der Allgemeinheit, den Konkurrenten, den Neidern, den lauernden Feinden den wahren Menschen zeige. Aber verwandeln sie sich nicht, ebenso wie der Kommerzienrat, zeitweise in ihr eigenes Wesen zurück?
Wann jedoch ist er ein Mensch ohne jede falsche Geste? Wann und wo zeigt er seine wahren, seine geheimsten Empfindungen, das Zarte, das auch in ihm sich regt, und seine Sehnsucht nach Wärme und Liebe?
So wie dieser Hjalmar Ekdal soeben seine Haltung zu verlieren im Begriff war, als man ihm sein Lügenhaus enthüllte, so hat er heute nachmittag ohne jede Würde im Zimmer des Kapitäns gesessen und klar, entsetzlich klar erkannt, daß sein Ansehen, seine Arbeit, sein ganzes Leben in den letzten drei Jahren sich auf eine Lüge stützt.
Und er ging nicht mit offenen Worten zu Frau Adelheid, um der Lüge ein Ende zu bereiten. Nein, wie dort auf der Bühne das Dokument wieder zusammengeklebt wird, das die Fortsetzung des alten Lebens erfordert, so war er zu seiner Frau zurückgegangen, als wäre nichts geschehen, als hätte nicht die wahre Erkenntnis ihm eben die Augen geöffnet.
Das Licht flammt auf. Joachim Becker sieht in Adelheids tränenüberströmtes Gesicht. Rasch zieht er sie fort, ehe sie noch von der Familie mit Gesprächen und Abschiedsworten aufgehalten werden können. Sie nehmen irgendeinen Wagen, der vor der Türe steht, und fahren nach Hause. Unterwegs trocknet er ihre Tränen und küßt die kalten blassen Hände. Wieviel hat er an ihr gutzumachen. Es ist keine Pose, keine Lüge, wenn er ihr nun die Hände küßt und sie herzlicher behandelt als sonst. Nein, er ist ihr so unendlich dankbar für ihre Güte und Geduld. Gehört es nicht als erstes zu seinem neuen Leben, daß er ihr die warme Regung seines aufgestörten Herzens verrät?
Nie war Frau Adelheid so schmerzhaft glücklich wie in dieser Stunde.
Sie sprechen kein Wort, und erst zu Haus fragt Adelheid schüchtern-zart:
»Darf ich dich zu einer Tasse Tee in meinem Zimmer einladen?«
»Ja«, sagt er mit weicher Stimme, während er ihren treuen Augen dankbar begegnet.
Er lehnt gegen den hohen Kamin und blickt in seine Vergangenheit, während Frau Adelheid mit stillen Bewegungen den Teetisch bereitet.
Die freundlichen Bilder sind nicht mehr durch falsche Strenge oder Spottlust verzerrt. Sie sind hell und sprechen wie Erkenntnisse. Irmgard Pohl hält ihm die feste, kameradschaftlich treue Hand hin und sagt: ›Wie könnte ich an dir zweifeln? Das darfst du niemals denken!‹ Und Michael Pohl ist in seiner Erinnerung wieder vertrauensvoll und gut zu ihm. Er schlägt ihn auf die Schultern und spricht: ›Ja, dann sage ich von heute an du zu dir!‹ In seinen hellen tiefliegenden Augen schimmert dabei seine geheime Zärtlichkeit.
Joachim Becker sieht seine Fehler unerbittlich und klar. Sie sagen: Nun weißt du wohl, wie wir auszugleichen sind? Ja, das weiß er. Es ist so einfach: man ist fortan nur gut zu jedermann, man geht zu zwei Menschen und sagt: »Verzeiht!«
Adelheid ruft ihn an und berührt ihn am Arm. Ihre Augen sind ängstlich und traurig, denn sie weiß, daß er mit seinen Gedanken wieder nicht in ihrer Nähe weilt.
Er blickt sie ganz verwirrt an. War nicht eben alles so einfach und klar? Er lacht bitter auf.
Nein, nichts ist klar, denn das Geschehene ist nicht auszulöschen! Und eine Schurkerei bleibt eine Schurkerei. -- Was sollte die rücksichtslose Wahrheit daran ändern?
Der Kran
Als im dritten Hafenbecken nun auch ein Wasserspiegel glänzte und an den Kais eine Tankanlage für zwei Millionen Liter Benzin errichtet war, konnte man endlich sagen, daß hier ein fertiger Hafen sei.
Im Norden ragt der mächtige Getreidespeicher, und schon wird die Frage aufgeworfen, ob er auch ausreichen werde. Es steht nur noch nicht fest, ob der Mühlenbesitzer Pohl, die Genossenschaft der Brotfabrik oder die Hafengesellschaft den neuen Speicher bauen. Diese drei muß man nun in einem Atemzuge nennen, denn sie gehören zusammen. Der Kapitän geht zum Beispiel zum Nachbarn hinüber und sagt:
»Nun komme ich, um Ihrer Brotfabrik ~unseren~ Speicher anzubieten. Vor nicht zu langer Zeit haben Sie uns ausgeholfen.« Und der mächtige Herr Pohl nimmt dankend an. Er ist nun ein Faktor, den niemand mehr übersehen darf.
Aber bei ihm finden wir nur Getreide, Mehl und bald auch Brot -- was ist jedoch im Hafen? An seinem Mittelbecken wird alles in Empfang genommen, eingelagert und verzollt, was aus dem Lande und aus fernsten Erdteilen nur herangeschafft werden kann. Da sind viele tausend Oxhoft Weine aus Frankreich und Spanien, Talg aus Skandinavien, Eier aus Holland, Tabak aus Bulgarien, Fleisch, Schmalz und Speck aus Amerika, Därme aus China, da sind alle Lebensmittel, die eine Riesenstadt braucht: Mehl, Kaffee, Kakao, Zucker, Butter, Öl, und ganze Dampferladungen von Heringen werden bis an die Decke der Schuppen gestapelt.
Im Süden legen die flachen schweren Tankschiffe an, die Kesselwagen rollen hin und her, und wenn man einen Blick auf die große und imposante Kohlenverladeanlage wirft, dann glaubt man, in einem der berühmten Industriebezirke zu weilen und nicht im einfachen Binnenhafen einer großen Stadt, die sich in kurzer Zeit zum Stapelplatz für den ganzen Handel des Landes heraufgearbeitet hat.
Nun ist die Mauer zum Gelände der verschollenen Verhüttungsgesellschaft gefallen, und die riesigen Freilagerplätze mit ihren Bergen von Kohle, Koks, Eisen, Sandsteinen, Zement, Holz und vielem anderen mehr sind dorthin verlegt.
Es sieht alles so mächtig und imponierend aus, daß endlich die große Eröffnungsfeier veranstaltet werden könnte. Aber es scheint noch nicht genug zu sein.
Man will jetzt den Riesenkran aufstellen, der alles in einem Binnenhafen Dagewesene überbieten soll. Dann erst dürfen die Gäste kommen. Wie man einen besonders schönen Blumenstrauß für den Ehrengast auf den Tisch stellt, so wird der Kran für die erste öffentliche Besichtigung in den Hafen gepflanzt.
Was weiß ein Laie von einem Kran? Wer aber zur Hafengesellschaft gehört, ist von der Wichtigkeit des Ereignisses erfüllt, als das Ungetüm nach mühevoller Arbeit endlich dasteht und seine Leistungen vollbringt.
»Das ist ein Bulle, was?« sagt Karle Töndern bewundernd.
Bodenmeister Ulrich meint: »In den Seehäfen, bei den großen Werften, gibt es noch andere Dinger. Die können einen ganzen großen Ozeandampfer heben.« Er weiß zwar nicht genau, ob das stimmt, aber es macht einen guten Eindruck.
»Na,« sagt Schiffer Jensen, »meinen Kahn nimmt der jedenfalls mit Leichtigkeit hoch.« So wenig Respekt hat er vor seinem Kahn.
Wer hätte gedacht, welche unheilvolle Bedeutung dieser Riesenkran, neben dem die anderen zahlreichen Kranarme wie Kinder wirken, noch erlangen sollte?
Es war eine unglückliche Idee von Frau Adelheid, dem schwarzen Koloß, den ihr Bruder nicht genug preisen konnte, einen Besuch abzustatten. Als einen Wahnsinn jedoch bezeichnete man es später, daß sie auf diesen Weg ihre kleine Tochter mitnahm, die gerade laufen konnte und mit ihren runden Augen recht eigenartig in die Welt guckte. Wer diesen traurigen Ausdruck, der das hübsche Kindergesichtchen so traumhaft verschleierte, gekannt hatte, meinte später, dem Kinde Frau Adelheids sei eine Ahnung seines fürchterlichen Geschicks schon von Geburt an mitgegeben.
Kann man es aber der tapferen kleinen Frau Joachim Beckers verdenken, daß sie ihrer Tochter einen Eindruck von dem gigantischen Werk ihres Vaters vermitteln wollte? Sie verstand zwar noch nichts davon, sie plauderte in einem reizenden Kauderwelsch und war so ahnungslos, wie man es mit zwei Jahren noch ist. Doch sie könnte zuweilen fragen, ach, Kinder fragen so oft, sie fragen zum Beispiel nach ihrem Vater. Dann könnte sie also antworten:
»Der ist dort, wo wir neulich waren, im Hafen, wo das viele Wasser ist und der große, große schwarze Zeiger!« Das würde sie verstehen. Darum nahm sie ihre kleine Tochter mit, als der vom Hafen fiebrig erfüllte +Dr.+ Friemann ihr keine Ruhe mehr ließ.
Felix Friemann ist mit allen seinen Gedanken und Gefühlen im Hafen. Er könnte in einem prächtigen schloßartigen Hause bei seinen Eltern wohnen, er hätte sogar das Geld, auf einer Jacht im Mittelmeer zu kreuzen, aber er schlägt seine Sommerwohnung im Hafen auf und läuft immer noch einer kleinen standhaften Fürsorgeschwester nach. So ist der Mensch mit allen seinen Widersprüchen!
Schließlich muß er wohl selbst am besten wissen, was ihm gefällt. Es macht ihm nun einmal Spaß, im Sommer eine Stunde früher aufzustehen und vor der Hafenwirtschaft zu promenieren, damit er als erster der frisch gewaschenen und geputzten Schwester Emmi mit den Lackschuhen begegnet.
Zuweilen fällt doch ein Lächeln und ein freundliches Wort für ihn ab, denn an manchen Tagen funkelt die Sonne gar zu blank über dem Hafen mit seinem Wasser und der herrlichen Weite, so daß eine Fürsorgeschwester ihren Frohsinn siegen läßt.
Dann kann sie ein Liedchen summen oder die Arme recken, daß alle ihre zierlichen Formen sich unter dem hellen Kleide abzeichnen, und in den Frühlingstag hineinjubeln:
»Ach, es gibt nichts Schöneres als Sonne im Hafen!«
Das ist ihr zweiter Hafenfrühling, und drei Jahre ist es her, seitdem an einer langen Tafel unter den Linden der erste Spatenstich gefeiert wurde. Daran hatte Schwester Emmi noch nicht teilgenommen, aber für das Fest der Einweihung erträumt sie sich schon ein Kleid, einen Hut und Schuhe, die den Staat aller vornehmen Damen in den Schatten stellen sollen. Die Frau des Generaldirektors mit eingerechnet, denn Schwester Emmi hat gelegentlich festgestellt, daß Frau Adelheid ungeschickte Füße habe.
Zuweilen kann Schwester Emmi zwar noch ihrem treuen Anbeter, dem +Dr.+ Friemann, schnippische Antworten geben und ihn streng ersuchen, sie in Ruhe zu lassen. Sie ist sogar so grausam, sich über seinen Sprachfehler lustig zu machen.
»Ist der Kapitän schon da, der Kapitän --« fragt sie ihn zum Beispiel mit spöttischem Augenblitzen.
Er aber blickt sie nur mit seinen Friemannschen Lichtern traurig an, und sein gesenkter runder Kopf auf dem langen dünnen Körper ist dann wahrhaftig so trostlos wie eine Gaslaterne, die am hellichten Tage brennt.
Aber einmal sagte Schwester Emmi: »Bitte sehr, wenn Sie etwas von mir wollen -- ich bin noch unverheiratet!«
So, das war geradeheraus gesagt! Es fiel ihr nicht ein, sich aus purer Gutmütigkeit noch einmal zu opfern. Dafür waren ihre Erfahrungen zu teuer erkauft.
Warum sollte sie nicht Frau +Dr.+ Friemann werden, wenn sie seiner Liebe würdig war? Ist sie vielleicht geringer oder weniger klug als diese lächerliche Bohnenstange? Oh, sie hat so wenig Achtung vor ihm, wie man es von der Frau, die einen Mann seines Geldes wegen heiratet, nur erwarten kann. Sie ist fest davon überzeugt, daß sie aus diesem Manne noch etwas machen könnte, wenn es einmal soweit wäre. Sie würde schon seine Schätze würdig repräsentieren. In solch einem Anzuge und mit diesen Krawatten dürfte er dann auf keinen Fall mehr herumlaufen! Was ihren Toilettenaufwand aber betraf -- Nun, das fällt in das Gebiet ihrer heimlichsten Träume, die sie keinem offenbart.
Ob der +Dr.+ Friemann nicht eine gewisse Absicht damit verband, wenn er Frau Adelheid durchaus in den Hafen lotsen wollte und noch dazu mit dem Kinde? Es wäre eine so zwanglose Gelegenheit, sie mit Schwester Emmi bekanntzumachen, um einen Bundesgenossen in der Familie zu haben, denn wenn er sich Schwester Emmi neben seinen Eltern vorstellt, so wird ihm doch himmelangst. Felix Friemann hat durchaus alles berechnet, er denkt sogar daran, daß Schwester Emmi bei Kindern sehr beliebt ist; sie würde sich also im Verkehr mit Frau Adelheids kleinem Mädchen besonders vorteilhaft ausnehmen.
So kommt Frau Adelheid in den Hafen und zum großen unerbittlichen Kran.
Der Kapitän empfängt sie am Wagenschlag und hilft ihr beim Aussteigen. Dann hebt er ihre kleine Tochter heraus. Er faßt sie behutsam um den schmalen Körper und spürt ihren frischen Atem, den unvergleichlich liebreizenden Duft gepflegter Kinderhaut.
Was mochte in diesem steifbeinigen Kapitän wohl vorgehen, als das zarte Gesicht dabei seinen Kopf leise streifte? Ob er nicht auch zuweilen an weiche Kinderhände gedacht hatte, als er im letzten Winter so einsam und frierend hier hockte und so viel Hoffnungen auf den neuen Frühling und das Ende einer langen Reise setzte?
Frau Adelheids Tochter in dem weißen duftigen Kleidchen begrüßt den Onkel Kapitän mit einem Knicks, der ihre Beine bis zum kurzen Saum des Spitzenröckchens verschwinden läßt. Sie kann fast von der Erde nicht wieder hochkommen. Dabei sind ihre runden dunklen Augen so ängstlich in die Höhe gerichtet, daß der Kapitän mit seinen spröden Händen zärtlich über ihre seidenweichen Locken fährt. Dieser einsame und gesottene Junggeselle.
Da kommt Felix Friemann gestikulierend an. Das ist eine vertraute Gestalt für die Kleine. Sie tappt ihm entgegen, und er hockt nieder, um sie mit seinen langen Armen aufzufangen.
So, nun hat er sie in seinem Reich. Er bittet sich die Erlaubnis aus, die Nichte führen zu dürfen und trippelt mit ihr davon. Er muß sich ein wenig bücken, damit sein Arm bis zu dem winzigen Geschöpfchen herabreicht, und stolpert bei den zierlichen Schritten fast über seine dünnen Beine.
Die Schiffer auf den Kähnen und die Hafenarbeiter stoßen einander an und ziehen die Gesichter krampfartig zusammen. Felix Friemann nickt ihnen zu und lacht. Da lachen sie auch. Und die kleine Tochter des Generaldirektors jauchzt und findet kein Ende mit ihren Fragen.
Frau Adelheid und der Kapitän folgen langsam nach. Zuweilen bleiben sie stehen, um einiges zu besichtigen.
Felix Friemann geht nun schon weit voraus. Er kann es nicht erwarten, der Kleinen Schwester Emmi und den großen Kran zu zeigen.
»Ach,« sagt Frau Adelheid zum Kapitän, als er ihre Tochter lobt, »ich wüßte wirklich nicht, was ich anfangen sollte, wenn ich sie nicht hätte.«
Sie bleiben stehen und plaudern noch über etwas, das Frau Adelheid sehr bewegt. Sie hat sich im geselligen Verkehr, der sie oft mit dem Kapitän zusammenführte, so vertrauensvoll an ihn angeschlossen, daß sie ihm manches Geheimnis ihres tapferen Herzens preisgibt.
»In letzter Zeit«, sagt sie mit zärtlichem Lächeln, »zeigt er viel mehr Interesse für sie. Er wird es wohl nie verschmerzen, daß er keinen Sohn hat und daß sie so gar nicht nach ihm geartet ist, aber denken Sie: er setzt sich mit ihr auf den Teppich und läßt sich an den Haaren zupfen und die Puppen zeigen. Neulich hat er eine Eisenbahn und ein kleines Schiff gekauft. Das hat er ihr dann alles erklärt, ach wissen Sie, so ungeschickt für Kinder, sie hat gar nichts verstanden und machte bald alles entzwei. Aber es war so schön, wie er da mit ihr saß und sprach und sprach, daß ich -- ach, jetzt werden Sie mich sentimental finden. Ich mußte rasch hinausgehen und weinen.«
Der Kapitän schweigt.
»Manchmal«, erzählt sie weiter, »ist er zu lebhaft für sie. Er macht zu heftige Bewegungen oder er wird ungeduldig, weil sie ihn nicht versteht, dann weint sie und will von ihm fort. Das trifft ihn immer so hart, daß er schweigend in sein Zimmer geht und niemand sprechen mag. Zuweilen kann er das tagelang nicht vergessen, und ich zerbreche mir den Kopf, wie die Kleine ihn wieder versöhnen könnte.«
»Aber es ist doch noch ein unvernünftiges Kind,« meint der Kapitän tröstend, »man darf ihm doch keinen Vorwurf machen.«
»Nein, das darf man nicht.«
»Ich glaube,« sagt der Kapitän langsam, während sein Blick Frau Adelheids blasses Gesicht mitleidsvoll streift, »ich glaube, ihm fehlt die Güte.«
»Nein!« protestiert Frau Adelheid lebhaft, »nein -- die Güte fehlt ihm nicht!«
Der Kapitän sieht bestürzt zu Boden. Hat er nicht zum erstenmal seinen Platz in der Mitte verlassen?
»Verzeihen Sie mir,« sagt er leise, »Sie müssen es wohl besser wissen --«
Indessen erklärt Felix Friemann dem Kinde den großen Zeiger, der in weitem Bogen seine Lasten herumführt und neben ihnen absetzt.
»Sieh, da oben ist der Mann, der ihn lenkt. Er drückt auf einen Hebel, und da wandert das schwarze Ungeheuer wieder leer zum Schiff zurück.«
Aber seine Nichte hat kein Interesse dafür. Vielleicht fürchtet sie sich auch vor dem Kran. Jedenfalls zieht sie das Gesicht weinerlich herab. Nicht einmal Schwester Emmis Überredungskunst gelingt es, ihr einen Begriff von der Großartigkeit der Hafeneinrichtungen beizubringen. Sie muß sich etwas anderes ausdenken, bis Frau Adelheid mit dem Kapitän nachkommen und ihre Tochter in Empfang nehmen wird.
»Ach --,« sagt sie sehr wichtig, »ich habe ja etwas ganz Reizendes für dich. Das will ich dir sofort bringen --«
Die Kleine blickt ihr voll stummer Erwartung nach. Schwester Emmi kann einen gar zu verheißungsvollen Ton anschlagen.
»Wohin, Schwester eins?« fragt +Dr.+ Friemann, während er hinter ihr herrennt. Er hat sich so daran gewöhnt, Schwester Emmi nachzulaufen, daß er nun sogar das Kind im Stich läßt, um zu erfahren, wohin sie geht.
Das kleine Geschöpf trippelt, sich selbst überlassen, wie ein verirrter Vogel umher und merkt nicht, was über ihm geschieht. Es sieht drüben an der Kaimauer etwas Helles aufblitzen und eilt hin, es sich zu holen. Die Sonne hat sich in ein paar Wasserpfützen gespiegelt, aber nun sind ihre Strahlen verdeckt, denn der große Arm des Drehkrans ist stehengeblieben und läßt langsam seine mächtige breite Ladung sinken. Vielleicht glaubt die Kleine, daß eine große Wolke über den Himmel ziehe. Sie setzt sich auf den sonnengewärmten Steinen des breiten Kais nieder und hält nach geeigneten Spielen Umschau. Doch es wird immer dunkler über ihr, und plötzlich, als ahne sie die Gefahr, beginnt sie leise zu weinen.
Ein Arbeiter schreit mit rauher Stimme auf. Er stolpert über einen Kameraden und reckt beide Arme, um das Kind zu packen, die breite schwere Ladung anzuhalten oder was er sonst in seinem Wahnsinn zu tun gedenkt. Da hören auch die anderen einen kläglichen verlorenen Kinderschrei, und die Last hat sich herabgesenkt.