Chapter 14 of 19 · 3982 words · ~20 min read

Part 14

»Aber das Schönste ist doch, daß sie einig geworden sind, -- daß sie für einen guten Zweck und nicht für einen Profit einig geworden sind!« sagt der Mühlenbesitzer. Er beginnt, der Menschheit wieder seinen Kinderglauben zu schenken.

Nun gibt es zu tun! Donnerlot, was muß nun alles überlegt und eingeleitet werden. Ein Winter ist kurz, wenn man eine so große Sache bis zur Grundsteinlegung bringen will. Im Frühling schon soll mit dem Bau begonnen werden. -- -- --

Frühling im Hafen! Das ist wie Gesang. Ein stummes Dank- und Jubellied schwebt unter der blauen Kuppel des Himmels. Hier stehen zwar viele Gebäude, ein Turmhaus sogar, und hohe Kräne recken ihre schwarzen Arme auf, doch man kann sich an das Kopfende eines Hafenbeckens stellen und Wasser, Himmel, Erde sehen, soweit das Auge reicht. Diese drei waren am Anfang der Welt, und hier sind sie noch und beginnen ein neues Leben.

Steigst du aber bis in den zehnten Stock des Turms im Verwaltungsgebäude, so siehst du außerdem noch eine ganze große Stadt. Und dort drüben zieht sich ein silbernes Band. Das ist der Fluß dieser Stadt, an dem sie sich einstmals anbaute, weil es praktisch ist, diese Straße zu haben. Und da ist ein zweites Band. Das ist der alte Kanal. Und hier ein drittes: der Verbindungskanal.

Nun sind sie aus ihrer Ruhe erwacht. Fleißige Schleppdampfer schicken ihre schmalen Rauchsäulen zu den weißen Himmelswolken empor, und hinter ihnen kommen sie in langer Reihe: die braven dunklen Kähne mit ihren Schätzen im tiefen breiten Bauch.

Der Kapitän tritt aus der Tür und geht in einer ganz anderen Art über den Platz. Er stößt die Beine mit einer Lust in den warmen Tag hinein, daß man fast glaubt, die Gelenke knacken zu hören. Wie war er hier doch geschlichen mit seinem grauen Tuch um den Hals, in den Winterpaletot geduckt, und wenn er, von seinem Reißen geplagt, den Kopf drehen wollte, so ging es nicht, er mußte den ganzen steifen Körper wenden.

Nun reibt er die Hände und sagt »Guten Morgen, guten Morgen«, immer in einer anderen Tonart. Wenn die Natur ihre neuen lustigen Melodien singt, dann zieht auch der Mensch vielfältige Register.

Schwester Emmi hat zum erstenmal ein helles Waschkleid an und läuft auf ihren zierlichen Lackschuhen zu den eben angelangten Kähnen am Zollspeicher. Felix Friemann verfolgt sie mit seinen langen Beinen aus weiter Entfernung und ruft: »Schwester eins, Schwester eins!«

Aber sie hört ihn nicht. Sie stellt sich vor einem Kahn auf und ruft: »Tom!« Da rennt ein Pudel bellend zur Bordwand, ein blonder Knabenkopf stößt in die Höhe, und dann setzen sie beide, der Junge und der Hund, mit einem Sprung auf die Kaimauer.

Schwester Emmi wird fast umgerannt, so stürmisch ist die Begrüßung des kleinen Tom, und so heftig zerrt der Pudel an ihrem Rock. Sie sind beide von ihrer ersten Ausfahrt zurückgekommen.

»Ich glaube, Junge,« ruft die Schwester aus, »du bist inzwischen wieder größer geworden! Hast du dich heute auch schon gewaschen?«

Nein, gewaschen scheint er noch nicht zu sein, aber er hat blitzblanke, saubere blaue Augen, und er ist seines Vaters Sohn!

Nun hat auch Felix Friemann endlich bei Schwester Emmi Anker geworfen.

»Schwester eins«, sagt er atemlos. »Warum laufen Sie mir denn davon?«

»Ach, Sie mit Ihrer eins. Wo ist denn die Schwester zwei?«

»Wenn Sie nicht bald etwas netter werden, beantrage ich sie bestimmt.«

»Ph -- ich warte nur darauf.«

»Aber ich habe Ihnen eine große Neuigkeit zu melden. Sie werden staunen!«

»So? Ich staune schon gar nicht mehr. Sind Sie endlich zum Direktor der Fürsorgestelle ernannt?« fragt sie spitz.

»Viel mehr! Ich schlage meine Sommerwohnung im Hafen auf!«

»Was machen Sie?«

»Ich ziehe in Herrn Gregors Zimmer.« Er sieht sie triumphierend an.

»Meinetwegen --«

»Freuen Sie sich denn gar nicht über den neuen Nachbarn?« fragt er traurig, als sie sich von Tom und seinem Pudel verabschiedet hat und weitergeht.

»Was geht das mich an?« sagt sie mit bösem Gesicht. Und mit einem Würgen in der Kehle setzt sie hinzu: »Wenn ihr mich doch endlich in Ruhe lassen wolltet!«

»Wen meinen Sie denn noch?«

»Ach -- ihr! Alle! Soll ich denn gar nicht zur Ruhe kommen?« Sie geht in das Kontor der Lagerhalle und schlägt die Tür vor +Dr.+ Friemanns Nase zu.

»Sie sehen ja so böse aus«, sagt Herr Karcher, der mit immer gleichmäßiger Freundlichkeit ihre Morgenbesuche aufnimmt.

»Ja,« sagt sie, »am frühen Morgen wird man schon geärgert.«

»Aber!« meint er bedauernd. Er fragt nicht; darum beichtet sie ihm auch alles, was ihr Herz bewegt. Er ist allmählich zu ihrem Vertrauten geworden, besonders wenn es sich um Telephongespräche handelt.

»Was mache ich denn jetzt?« fragt sie. »Der Herr Gregor hat mir schon wieder geschrieben. Er denkt, daß sein erster Brief unterschlagen sei, weil ich ihm nicht antworte. Dabei schreibt er den Absender auf den Umschlag, und ich will mich hängen lassen, wenn die Reiche das nicht gesehen hat, denn die Schikanen gehen schon wieder an.«

»Ja, ich weiß nicht, ob es Ihnen recht ist. Aber für Sie will ich es gern tun und zu ihm hingehn«, meint Herr Karcher zaghaft.

»Oder soll ich ihm lieber schriftlich mitteilen, daß ich nichts mit ihm zu schaffen haben will?«

»Das könnten Sie auch.«

»Er schreibt, daß er sogar schon eine neue Stellung gefunden habe. Er muß doch etwas taugen, wenn man ihn engagiert, obgleich er eben erst aus dem Gefängnis gekommen ist.«

»Ja«, sagt Herr Karcher, während er sich wieder mit den Eintragungen in seinen Büchern beschäftigt.

Schwester Emmi sieht ihm eine Weile zu.

»Als es ihm schlecht ging,« setzt sie ihren Gedankengang fort, »hat er sich von Frau Reiche helfen lassen. Jetzt will er nichts mehr von ihr wissen -- Also ich werde ihm schreiben, daß er mich in Ruhe lassen soll.«

Felix Friemann hat den Wiegemeister der Lagerhalle +II+ in ein längeres Gespräch gezogen. Nun schließt er sich für den Rückweg der vorbeieilenden Schwester Emmi an.

Sie muß sich nach allen Seiten wehren.

Vor der Kantine begegnen sie Rechtsanwalt Bernhard, der direkt zur Mühle hinübergeht.

Michael Pohl sieht diesem Beauftragten seines Prozeßgegners nicht mehr finster abwartend entgegen. Er winkt ihn freundlich herbei und ist ein wenig begierig, zu erfahren, was der Herr Generaldirektor nun im Schilde führt.

»Heute komme ich nicht zu Ihnen«, sagt der Rechtsanwalt. Es ist ihm doch eine Erleichterung, diesen Mann nicht amtlich begrüßen zu dürfen. »Ich suche Herrn Reiche.«

»Dann gehen Sie nur da hinein und lassen Sie sich in das Baukontor der neuen Brotfabrik führen.«

»Ja«, meint Rechtsanwalt Bernhard. »Hier gehen große Dinge vor.«

Der Mühlenbesitzer lächelt. »Na, na,« meint er, »Sie sind doch andere Dimensionen gewöhnt. Sehen Sie, der Grund ist schon gelegt. Die Unterkellerung ist das schwierigste.«

Sie bleiben eine Weile bei den Arbeiten stehen. Dann sucht der Rechtsanwalt Herrn Reiche auf, der in einem hübschen kleinen Bureau sitzt und seinen Besucher sogar ein wenig warten läßt, weil er mit dem Baumeister und einem Ingenieur einiges zu besprechen hat. Aber er ist noch nicht so verdorben, daß er deswegen ein Gespräch in die Länge zieht und sich mit wichtigen Konferenzen entschuldigt, nein, er beeilt sich und sieht es nicht gern, daß seinetwegen jemand warten muß.

»Ich wollte wegen Ihrer Scheidung mit Ihnen sprechen«, meint der Rechtsanwalt. »Da ich gerade hier draußen zu tun hatte, glaubte ich, es sei am besten, wir bringen es gleich in Ordnung.«

»Meinetwegen konnte es längst erledigt sein. Ich dachte, meine Frau besorgt das schon.«

»Ja,« sagt der Rechtsanwalt lächelnd, »so einfach ist das nicht. Sie müssen sich schon auch ein wenig bemühen. Zum Beispiel brauchen Sie einen Rechtsbeistand.«

»Ich denke, Sie machen das?«

»Hm, ich bin der Rechtsvertreter Ihrer Frau, also Ihr Gegner, doch ich kann Ihnen einen Kollegen empfehlen.«

»Wissen Sie -- dazu habe ich eigentlich keine Zeit. Aber es soll mir recht sein, wenn das endlich ins reine kommt.«

»Na also. Sie wollen beide geschieden sein. Doch wir müssen erst einen Grund finden.«

»Finden? Ist das vielleicht kein Grund, wenn meine Frau mit diesem Herrn Gregor die Ehe gebrochen hat?«

»Tja, Ihre Frau behauptet, daß Sie in diesem Winter einmal bei ihr gewesen wären und die Sache verziehen hätten. Seitdem kann man ihr nichts nachweisen.«

Der Bäckermeister will an diesen Wintertag nicht gern erinnert werden, er bekommt sogar rote Ohren bei der Erwähnung. Das ist doch wirklich eine komische Manier, davon zu einem Rechtsanwalt zu sprechen. Darum sagt er auch heftiger, als es sonst seine Art ist:

»Verziehen? Nein, verziehen habe ich ihr das nicht.«

»Nach dem Gesetz aber gilt es so, wenn Sie die Behauptung Ihrer Frau nicht widerlegen können, daß an jenem Abend --«

»Herr Doktor,« sagt der Bäckermeister sehr aufgebracht, »wenn ich das jetzt so höre, da möchte ich meinen, daß meine Frau das damals schon gewußt hat.«

»Das würde nichts am Tatbestand ändern, mein lieber Herr Reiche. Aber ich denke, daß wir uns einigen werden. Es ist ja auch nicht üblich, die Frau als schuldigen Teil bloßzustellen. Darum macht man es gewöhnlich so, daß der Mann die Schuld übernimmt, da es nach dem Gesetz nun mal einer sein muß.«

»Ich habe doch aber meiner Frau nichts zuleide getan. Oder ist es nach dem Gesetz anders zu nehmen?«

»Nein, durchaus nicht, Herr Reiche. Im Gegenteil, Ihre Frau hat sich sehr lobend über Sie ausgesprochen. Das einfachste wird schon sein, wir konstruieren einen Ehebruch auf Ihrer Seite.«

»Wer? Ich?« ruft Herr Reiche entrüstet aus. »Und wenn ich noch einmal heiraten will, welche Frau soll mich denn da nehmen, wenn ich ihr sage, weswegen meine erste Ehe geschieden ist? Nein, Herr Doktor, da muß sich das Gesetz schon etwas anderes ausdenken.«

»Aber, lieber Reiche, das ist doch lediglich eine Formsache. Und außerdem brauchen Sie doch als Mann nicht solche Bedenken --«

»Herr Doktor,« sagt Herr Reiche, während er sich erhebt, »wenn ich schon solche modernen Sachen wie Scheidung und so mitmache, deswegen bin ich noch kein schlechter Mann. Und wegen der anderen Sache, da muß ich erst noch mit jemand sprechen, ob sie keinen Anstoß daran nimmt.«

»Wie meinten Sie?«

»Daß ich's mir erst überlegen muß, meine ich, das mit der feinen Sache, die das Gesetz verlangt.«

»Selbstverständlich, Herr Reiche, es drängt Sie niemand. Ich meinte nur, daß Sie selbst ein Interesse daran hätten, endlich geschieden zu werden.«

Der Rechtsanwalt geht mit einem Schmunzeln im Mundwinkel davon. Er hat ja nun schon mancherlei Scheidungsfälle in seiner jungen Praxis gehabt, aber so ein kurioser Mann ist ihm noch nicht vorgekommen.

Der Streik

Weil Rechtsanwalt Bernhard nun schon gewissermaßen mit dem Hafen beschäftigt ist, fährt er gleich zur Generaldirektion ins Stadtbureau, um noch eine andere Angelegenheit ins reine zu bringen. Er läßt sich bei Joachim Becker melden und geht sofort auf sein Ziel los.

»Nachdem nun mit Unterstützung der Stadt auf dem Pohlschen Grundstück die Brotfabrik errichtet wird, kann die Hafengesellschaft, an der die Stadt gleichfalls beteiligt ist, wohl nicht mehr gut den Prozeß weiterführen«, meint er einleitend.

»Richtig«, ruft Joachim Becker aus. »Sie kommen gerade zurecht. Ich habe mit dem Vorstand schon darüber gesprochen. Wir wollen den Prozeß beenden. Es hat sich inzwischen gezeigt, daß wir auch ohne dieses Stück arbeiten können. Wir dehnen uns nach Süden aus. Es wird da draußen ein neuer Güterbahnhof geplant, dann läßt es sich mit dem Gleisanschluß ganz gut machen.«

»Das ist ja sehr schön«, sagt der Rechtsanwalt erfreut. Wie gut es doch geht, denkt er, wenn man sich erst an einen anderen Gedanken gewöhnt hat. Man versäumt die Gelegenheit, eine unwürdige Feindschaft aus der Welt zu schaffen, nur weil man sich etwas in den Kopf gesetzt hat, das scheinbar nicht auszutreiben ist.

»Ja, wir wollen bis zum Herbst das dritte Hafenbecken fertigstellen. Inzwischen wird wohl auch das Gelände der Verhüttungsgesellschaft so weit im Preise gesunken sein, daß wir es zurückkaufen können. Im nächsten Frühjahr soll der Hafen unseren Plänen entsprechend vollendet sein. Dann wollen wir wieder ein Fest veranstalten.«

Joachim Becker lehnt sich in seinem Sessel zurück und sieht den Rechtsanwalt mit strahlenden Augen an. Nun, da er seinem Ziel so viel näher ist, sind seine Blicke steter, die Bewegungen ruhiger.

»Das wird wohl großartiger werden als die bescheidene Feier für den ersten Spatenstich«, wirft Rechtsanwalt Bernhard ein.

»Das will ich meinen!« Der Generaldirektor erhebt sich noch immer nicht, um seinem Besucher das Ende der Konferenz anzudeuten, nein, er spielt mit seinem Brieföffner und malt sich anscheinend die Feier aus.

»Übrigens«, meint er liebenswürdig, »hat meine Frau kürzlich festgestellt, daß Sie sich lange nicht bei uns sehen ließen. Wir wollen in der nächsten Woche einige Vorstandsmitglieder und Mitarbeiter der Hafengesellschaft mit ihren Damen laden. Sie werden hoffentlich nicht fehlen?«

Gewiß nicht. Rechtsanwalt Bernhard hat noch nie eine Gelegenheit versäumt, um Frau Adelheid wiederzusehen.

Sie schütteln einander die Hände zum Abschied, da wird die Tür stürmisch geöffnet, und +Dr.+ Felix Friemann stürzt in heftiger Erregung herein.

»Die Arbeiter im Hafen wollen streiken,« bringt er unter großen Wortverlusten hervor, »die Arbeiter im Hafen --«, fügt er dafür noch einmal hinzu.

»Was sagst du da?« ruft Joachim Becker aus. »Sind die Kerle verrückt geworden? Da müßte man doch gleich mit Maschinengewehren dazwischenfahren!«

Rechtsanwalt Bernhard macht ein sehr verlegenes, bedauerndes Gesicht und verschwindet lautlos.

Joachim Becker bestellt sofort seinen Wagen; er will von seinem Schwager Näheres erfahren, denn die Nachricht trifft ihn ganz unerwartet.

»Wir sind mitten in der besten Arbeit. Das ist ja geradezu eine Gemeinheit, sich diesen Termin dafür auszusuchen«, sagt er, im höchsten Grade erregt.

+Dr.+ Friemann kann ihm leider keine Erklärungen geben. Er ist sofort hierher geeilt, um die Nachricht als erster zu bringen, und brennt nun darauf, sie auch zu seinem Vater zu tragen. Solch eine aufregende Angelegenheit ist ihm eine angenehme Abwechslung, obgleich sie seine Sprache verwirrt.

Der Generaldirektor wendet sich verärgert ab. Er versucht immer wieder, seinem Schwager mit Nachsicht zu begegnen, aber es will ihm nie gelingen. Er fällt sogar in seine alte Unduldsamkeit zurück, wenn er geschäftlich mit ihm zusammentrifft. Im Familienkreis dagegen findet er einen liebenswürdig-ironischen Plauderton.

Er fährt in den Hafen und trifft eine Abordnung der Arbeiter im Zimmer des Kapitäns.

Die Tätigkeit ist noch nicht eingestellt, doch man will sich dem beabsichtigten Streik der Transportarbeiter anschließen.

»Was wollt ihr denn?« fragt der Generaldirektor. »Genügt euch die Bezahlung nicht?«

»Uns wohl«, sagt Karle Töndern, der zum Sprachführer ernannt wurde. »Wir sind mit allem sehr zufrieden. Aber unsere Arbeitskollegen in der Stadt nicht.«

»Ja, was geht das uns an! Deswegen könnt ihr doch eure Arbeit leisten und uns nicht in diese Verlegenheit bringen. Oder sind Sie nicht imstande, zu übersehen,« fragt er mit einem scharfen Blick auf Karle Töndern, »was ein Streik jetzt dem Hafen für einen Schaden bringt?«

»Das sehen wir wohl ein,« meint Karle Töndern ruhig und fast etwas traurig, »es tut uns auch allen sehr leid, da wir zufrieden sind und über Tarif bezahlt werden. Aber wir können unsere Kollegen nicht im Stich lassen.«

»Ihr seid doch im Grunde keine Transportarbeiter!«

»Nein, das stimmt. Doch wir haben uns dem Verband angeschlossen, damit wir allein nicht so schwach sind, und nun müssen wir zusammenhalten.«

Damit wir allein nicht so schwach sind! Mit diesen Worten ist Joachim Becker geschlagen. Er hat es an sich selbst erfahren, wie es auf den inneren Menschen wirkt, wenn er allein bleibt und sich an niemand anschließt. Man verliert den Mut oder man wird hart. Vielleicht gibt es noch eine dritte Möglichkeit, aber dazu muß man sehr stark sein. Diese Männer hier, in deren Beruf der einzelne nichts auszurichten vermag, sind nur stark in der Gesamtheit.

Joachim Becker bekommt plötzlich Respekt vor dieser Geschlossenheit. ›Das ist es, was uns fehlt, uns Neunmalklugen‹, denkt er. ›Wir haben nicht ~ein~ Ziel, wir haben tausend Ziele, jeder ein anderes, und dabei vergessen wir das Wesentliche und zersplittern uns. Hier ist ~ein~ einender Gedanke: sich gegenseitig stützen und treu bleiben. Dafür bringen sie sogar persönliche Opfer.‹

Er hatte mit den alten Mitteln auffahren wollen: Entlassungen, Einstellung von Streikbrechern. Nun sagt er zum Kapitän:

»Was können wir da unternehmen?«

»Mit dem Arbeitgeberverband sprechen?« meint der Kapitän fragend.

»Wir dachten uns, daß es vielleicht nicht lange dauert,« wendet Karle Töndern ein, »denn was der Hafen bezahlen kann, dachten wir, warum sollen das die anderen nicht auch können?«

›Was sagst du da in deiner Einfalt?‹ denkt Joachim Becker. ›Du machst mir klar, daß ich der Ungetreueste bin, daß ich meinen Genossen in den Rücken fiel. Weil ich eingesehen habe, daß die Löhne zu niedrig sind, und mir mit unterernährten Arbeitern nicht gedient ist, habe ich für ~mein~ Teil gesorgt und die Löhne erhöht, anstatt zum Verband zu gehen und zu sagen: wir müssen es ~alle~ so machen, oder warum könnt ihr es nicht? Nun muß ich bei Gott noch von meinen geringsten Arbeitern lernen und ihnen nacheifern.‹

Hat er nicht vor einer halben Stunde erst gesagt: »Da müßte man mit Maschinengewehren dazwischenfahren?« Nun nimmt er demütig ihre Lehren entgegen und hat das eigenartige Gefühl, daß er trotzdem wieder ein Stück gewachsen sei.

Er reicht den Männern die Hand und sagt: »Wir wollen deswegen keine Feinde sein, ich will versuchen, ob ich etwas ausrichten kann.«

Da ziehen sie befriedigt ab und fürchten sich nicht einmal vor Lohnausfall und Sorgen.

Bis zum Abend hat Joachim Becker, der nicht eher ruht, bis er eine Sache zu Ende durchgeführt hat, verschiedene Versuche unternommen. Er langt erschöpft und entmutigt zu Hause an und muß sich noch einem Gast widmen: Direktor Haarland, dem Amateurboxer und jüngsten Aufsichtsratsmitglied der Hafengesellschaft.

Die zarte junge Frau Haarlands, die den größten Teil des Jahres in Davos leben muß, hat sich an Frau Adelheid angeschlossen. Dann setzen sich die beiden Männer in das Rauchzimmer und plaudern.

»Und wissen Sie, was man mir geantwortet hat?« sagt Joachim Becker zu Direktor Haarland, der sich in seinem Sessel wie auf einem Liegestuhl ausstreckt. »Als wäre das so ganz in der Ordnung, meinten sie: ›Selbstverständlich zahlen viele über Tarif. Das steht jedem frei, aber wir wollen niemand dazu zwingen. Für die Allgemeinheit muß der alte Tarif erhalten bleiben.‹ Sie gebrauchten sogar noch das Wort Allgemeinheit!«

Direktor Haarland lacht. »Haben Sie sich schon mal zur Allgemeinheit gezählt? Sehen Sie, das macht nämlich keiner. Für uns ist das bloß ein Wort. Im übrigen ist jeder ein ›Ich‹, eine Besonderheit, auf die er so recht stolz sein muß.«

»Natürlich will man die Individualität nicht ausgeschaltet wissen, aber der Zusammenhalt, die Geschlossenheit!« ruft Joachim Becker aus.

»Da muß ich Sie wieder was fragen: wenn einer Konkurs anmeldet, haben wir dann schon mal gesagt: Donnerwetter, eine betrübliche Lücke in unserer Phalanx, wieder einer weniger? Nee, wir sagen: Gott sei Dank, ein Konkurrent weg. Und wenn's nach uns ginge, so könnten 99 Prozent fallieren, dann bleibt eben die Chose für einen ganz allein. Wissen Sie, ich kann das nur wieder mit meinem Boxsport vergleichen: man will dem Gegner nicht nur eine kleine Blessur beibringen wie etwa mit dem Florett, um seine Kunst zu zeigen, nein, man möchte ihn am liebsten für alle Zeiten kaputtschlagen. Dann ist man ihn los, den Kerl, und kann sich feiern lassen. Darin liegt nämlich der Witz: wir betreiben eine Sache nicht der Sache wegen, sondern um eines Endzwecks willen. Und der ist immer nur: Geld, Ruhm und alles, was sich damit kaufen läßt. Wir haben den Genuß am tätigen Leben verloren.«

»Den Genuß am tätigen Leben --«, wiederholt Joachim Becker langsam. »Ja, das klingt geradezu paradox.« -- -- --

Nun hat der Hafen also auch seinen Streik.

Eine Explosionskatastrophe, der Konkurs eines Mitläufers, vorübergehende Arbeitseinstellung, ein Streik -- das sind Beigaben, die wie Kinderkrankheiten hingenommen werden müssen. Man kann sie in vielfacher Weise erleben, sie schmieden das Werk wie die Schicksalsschläge den Menschen: der eine wird mutlos, der andere hart, der dritte aber trägt alles als einen Gewinn fort.

Und wenn das Leben ihm so recht nach Herzenslust mitgespielt hat und wir begegnen ihm, so sagen wir: Siehe, ein Mensch!

Joachim Becker hat von diesem Streik gleichfalls manches gelernt. Er mußte schon viele Wandlungen erleben. Er ist zum Beispiel einmal mit einer Shagpfeife herumgelaufen und hat sich von den Engländern imponieren lassen, er bewunderte auch die Amerikaner und ließ in seinem Hafen ein Turmhaus bauen. Man kann nicht sagen, daß es gleich die Wolken kratzt, doch es hat so viel Räume, daß selbst die überorganisierteste Hafengesellschaft sie nicht auszufüllen vermöchte.

Aber ebenso wie man eine Shagpfeife wegwerfen darf, weil sie nicht schmeckt, so kann man ein Verwaltungsgebäude vermieten, wenn man selbst nur einen halben Seitenflügel braucht.

Joachim Becker hat es zwar einmal nicht erwarten können, ein Projekt in seiner vollen Größe sofort verwirklicht zu sehen, er ist nicht für langsame Entwicklungen, aber er findet letzten Endes doch noch einen gesunden Weg.

Und das Schicksal straft ihn für seine Ungeduld, indem es ihn ein langsames Wachstum seines inneren Menschen erleben läßt.

Hat er nicht seinen Arbeitern die Hände geschüttelt, obgleich sie ihm den Streik verkündeten? Jetzt rennt er wütend in seinem Hafen umher und möchte am liebsten jeden hinauswerfen oder verprügeln, der die Hände in den Taschen hält und sich müßig die vollen Kähne beguckt.

Karle Töndern steht bei Schiffer Jensen und sagt:

»Da liegst du nun fest mit deiner Ladung.«

»Ja,« sagt Schiffer Jensen, »da ist mal nichts zu machen.«

Sie nehmen es beide wie eine Schicksalsfügung geduldig hin. Der Tod holt sich eine blonde junge Frau und kümmert sich nicht darum, wie dem Manne mit seinem kleinen Jungen nun zumute ist. Aber auch dann hadert Schiffer Jensen noch nicht einmal mit seinem Gott.

Karle Töndern trottet zum Getreidespeicher hinüber. Da rattern die Maschinen ohne Unterbrechung. Bodenmeister Ulrich hält auf seinem Posten aus, er ist ungeheuer beschäftigt. Die Generaldirektion hat ihm zwar einige Helfer geschickt: Grünschnäbel aus dem Bureau, die ihm nur im Wege stehen, und ein paar Mechaniker, die vielleicht mit einer Wasserleitung fertig werden ... Doch mit einem Getreidespeicher...? Einen Getreidespeicher versteht nur er, Bodenmeister Ulrich.

Hier vermag also Karle Töndern mit seinen gebundenen Händen auch nichts auszurichten, er macht einen großen Bogen um den Generaldirektor und den Kapitän und schlängelt sich in die Hafenwirtschaft hinein. Vielleicht kann er bei Frau Reiche ein wenig von seiner vielen Zeit loswerden. Er hört ihr lautes Kreischen schon vor der Tür.

»Na, da kommt ja noch so ein Faulenzer!« ruft sie ihm entgegen. »Wenn es heute hier Alkohol gäbe, dann wärt ihr jetzt schon alle besoffen!«

Sie machen ihre Witze und sind scheinbar ebenso guter Laune wie Frau Reiche, die sich in ihrer Ausgelassenheit keinen Rat mehr weiß. Und nun bringt sie wahrhaftig ihr Kirschwasser an und traktiert alle Gäste.

»Erstens ist das meine private Angelegenheit,« sagt sie zu ihrer Rechtfertigung, »und zweitens kann es mir ja jetzt schon ganz egal sein, da ich doch von hier weggehe.«

Was? Hat man recht gehört? Das ist doch wirklich eine Nachricht, nicht weniger wichtig, als wenn der Generaldirektor selber demissionierte.

»Ja,« sagt sie mit stolzem, breitem Lachen, »ich werde jetzt geschieden und tausche die Kantine gegen ein Zigarrengeschäft.«

Aha! Nun wissen sie Bescheid. Sie denken sich ihr Teil und sind nicht so engherzig, es für sich zu behalten.

Ob sie wohl schon einen Geschäftsführer für den Zigarrenladen hätte? Einen mit seidenen Strümpfen und feinen Krawatten? Haha, dann wäre ja alles in Ordnung.

»Wem es nicht paßt,« sagt Frau Reiche drohend, »dem kann ich auch nicht helfen!« Sie lachen, daß die Wände dröhnen. Ab und zu verschwindet einer von den Gästen ohne viel Aufhebens, aber dann ist gleich wieder ein anderer da, und die Unterhaltung bleibt weiter im Gange.

Karle Töndern schiebt sich zur Tür hinaus. Er bohrt die Hände fest in die Taschen und macht das gleichmütigste Gesicht von der Welt.

›Das allerschlimmste ist,‹ denkt er, ›daß man nicht weiß, wie man seine Zeit totschlagen soll.‹ Karle Töndern erlebt seinen ersten Streik. Er ist seit zehn Jahren in der Stadt und hat immer seine Tätigkeit gehabt. Manchmal dachte er, du möchtest doch auch einmal die Straßen am Vormittag sehen; besonders im Winter, wenn er in der Dunkelheit zur Arbeitsstelle ging und wiederum im Dunkel nach Hause kam. Da konnte man sich die ganze Woche Frau und Kinder nicht im Tageslicht begucken.