Chapter 17 of 19 · 3989 words · ~20 min read

Part 17

Heisere Kehlen rufen zu dem Manne im Portal hinauf, die Ketten beginnen wieder zu arbeiten; Felix Friemann packt die Männer bei den Schultern, schafft sich zu der verhängnisvollen Stelle Zutritt und erlebt als erster den grauenvollen Anblick, als der ungeheure, von schwarzen Ketten umschlungene Kasten langsam wieder hochgewunden wird.

Schwester Emmi stürzt mit bleichem Gesicht herbei, sie ahnt, daß Felix Friemann eben in rasendem Lauf sie streifte, sehen konnte sie ihn nicht. Sie hält sich am Arm eines Arbeiters fest und legt die Hand vor die Augen.

Frau Adelheid hört die Rufe, sie sieht ihren Bruder wie einen Besinnungslosen stumm vorbeieilen -- der Kapitän und sie laufen in dumpfer Ahnung zu der Menschenansammlung. Niemand hätte diese Eile und Kraft vermutet, die Frau Adelheid vorwärts stößt -- durch die Mauer der Arbeiter zum fürchterlichen Platz unter der schwebenden Last des Krans.

Sie fällt steif gegen die hilflos blickenden Männer zurück. Man fängt sie auf, und nun kann man einer Ohnmächtigen helfen, ihr Kind wagt keine Hand mehr zu berühren.

Schwester Emmi wird gerufen. Sie lehnte mutlos gegen die Mauer der Lagerhalle. Nun gibt sie Anordnung, Frau Adelheid zur Kantine zu tragen, denn hier sind keine Belebungsmittel, und es ist gut, wenn Frau Adelheid beim Erwachen den Kran nicht mehr sieht. Der Kapitän stimmt ihr mit wortlosem Nicken zu. Die Fürsorgeschwester kann wieder einmal zuerst klar denken und helfend eingreifen.

Felix Friemann fällt ihr auch wieder ein. Sie blickt sich um. Da sieht sie ihn weit drüben an der anderen Seite des Hafenbeckens in das Verwaltungsgebäude laufen.

Hat er so viel Besinnung behalten, daß er nach einem Arzt telephoniert? Immer wieder blickt sie auf das Haus, während sie den Männern folgt, die Adelheid tragen.

Plötzlich reißt sie die Arme hoch, schreit:

»Da -- da --«

Der Kapitän, die Männer schrecken auf, sie folgen Schwester Emmis Blick bis oben zum Turm des Verwaltungsgebäudes. Dort, im zehnten Stockwerk, auf der Balustrade steht eine hohe schmale Gestalt, jetzt hängt sie in der Luft --, und sie schließen alle die Augen, um nichts mehr zu sehen. -- -- --

Das Fieber

Adelheid vernimmt die besorgt fragende Stimme der Fürsorgeschwester. Aus weiter Ferne treffen sie gedämpfte Laute: Wasserrauschen, Stuhlrücken, die leisen Anordnungen des Kapitäns; Fragen, deren Sinn sie nicht erfaßt.

Jemand sagt: »Aber sie hat doch die Augen geöffnet.« Da läßt sie die Lider sinken, wie man im Halbschlaf zu neuer Ruhe sich bereitet, wenn Stille und Finsternis der Nacht in das Unterbewußtsein drangen.

Das Surren eines Motors, Stimmengewirr, Wagenrollen wecken sie wiederum, sie fühlt harte Polster unter ihrem Rücken und wird doch wie auf Wellen sanft bewegt. Heftiges Knattern, das vertraute Läuten einer Straßenbahn lassen sie aufschrecken. Sie schnellt hoch und findet sich sitzend im Auto, gegenüber dem Kapitän, der sie mit ausgestreckten Armen hält und auf die Polster zurücklegt. Schwester Emmis Stimme ist ganz nahe an ihrem Ohr. Dann verschwindet wiederum alles in der Stille der Ohnmacht.

Zum drittenmal erwacht sie. Verhaltenes Schluchzen, eine ganz ruhige Stimme umgeben sie. Weiche Kissen fallen auf ihre Glieder, und wohltuende Wärme steigt auf. Sie vernimmt die Stimme der Mutter und ihr Weinen.

Sie will rufen, aber sie hat keinen Ton in der Kehle, sie will sich aufrichten, aber sie ist gebannt wie in spukhaften Träumen, da Verfolgung und Angst lähmend den Körper hemmen.

»Es ist eine einfache Operation, gnädige Frau«, hört sie wieder erschreckend laut. Noch einmal versucht sie, sich zu stemmen, den Schleier über ihrem Bewußtsein zu zerreißen. Aufzuspringen --

Stöhnen der Mutter und jetzt tonlos, leise der Vater: »Sie sind sicher, daß der Schrecken es unterbrochen hat und daß eine Operation nötig ist?«

Sie hat jedes Wort verstanden, sie erfaßt den Sinn und liegt dennoch ausgestreckt, hilflos; hat keinen Ton, keine Bewegung. Sie wartet auf die Fortsetzung des Gespräches. War nicht eine Frage gestellt? Doch es folgt keine Antwort.

Dröhnend kehrt abermals kurzes Bewußtsein zurück.

»Noch heute. Ich habe den Krankenwagen schon bestellt.« Wieder der ruhige laute Klang inmitten des Brausens in ihren Ohren.

»Sie hat die Augen geöffnet«, sagt eine vertraute Stimme.

»Mutter --« Sie sieht sekundenlang das schmerzverzerrte, besorgte Gesicht der Mutter; groß, blaß, mit wirren Haaren Da fühlt sie ihren Körper hart in die Kissen fallen, und alles ist ausgelöscht.

Dann rollen Räder, ein Motor singt, rhythmisch surrend.

»Ach Sonne und die grünen Blätter«, flüstert die Kranke erwachend.

»Ja, mein Kind, es ist Sommer!«

Sie blickt sich um und ist ganz wach. Weiße Wände umgeben sie, ein Fenster leuchtet oben an der niedrigen Wand. Bäume, in lauten Straßen gerade aufgerichtet, eilen vorbei.

»Wohin fahren wir?«

»In die Klinik, mein Kind.«

»Ist das ein Krankenwagen?«

»Ja.«

»Es ist schön mit der Sonne draußen und den Bäumen.«

»Erkennst du mich, Adelheid?«

»Ja, Mutter.«

»Wir sind da«, hört sie eine fremde Stimme. Krankenschwestern beugen sich zu ihr herab. Sie fühlt sich hochgehoben, durch die warme Luft einer hellen Straße getragen.

Ganz deutlich verfolgt sie nun den Weg durch die dämmrige Kühle des Flurs. Türen werden geöffnet, ein Fahrstuhl bewegt sich aufwärts. Es ist schön, still zu liegen, ohne Gefühl, ohne Gedanken. Nur die Augen sehen, die Ohren hören.

»Wie kühl sind die Betten, Mutter«, sagt sie, behaglich ausgestreckt, ohne Wunsch und Willen.

Der Arzt beklopft ihre Wangen mit väterlicher Geste.

»Na also«, vernimmt sie seine gesunde kräftige Stimme. »Wir wollen ihr bis morgen früh Ruhe lassen. Merken Sie vor, Schwester, als erste.«

Dann versinkt sie in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Sie erwacht von aufsteigender Kälte in ihren Gliedern. Nacht umgibt sie: Finsternis und Stille. Sie schließt die Augen und versinkt von neuem in Halbschlaf, indes das nervöse Frösteln sich unaufhaltsam ausbreitet, bis im heftigen Schüttelfrost ihre Lippen zittern, die Zähne aufeinanderschlagen.

Ihre Finger sind ohne Gefühl, wie vereist. Sie tastet zur Seite, als suche sie Wärme, Beistand und stößt hart gegen die gestrichene Wand.

Plötzlich weiß sie, daß sie allein im kahlen Zimmer eines Krankenhauses liegt. Sie entsinnt sich, daß ihre Tochter tot ist und daß man ihr morgen früh das zweite Kind nehmen wird. Vielleicht ist es der von ihnen beiden so sehnsüchtig erwartete Sohn. Nun ist er in ihr gestorben und breitet die Eiseskälte in ihrem kranken Körper aus.

Sie schreit laut auf, ihre Stimme hallt von den kahlen Wänden wider und kommt kläglich, leer zu ihr zurück.

Helles Licht blendet ihre weit aufgerissenen Augen. Eine Schwester betastet sie, fühlt ihren Puls.

»Ich gebe Ihnen etwas Heißes zu trinken, gnädige Frau. Dann werden Sie wieder warm.«

Die klare, gesunde Stimme, die körperliche Nähe eines aufrechtstehenden und schreitenden Menschen, das harte Licht über Stuhl, Tisch und Wänden schrecken den gräßlichen Nachtspuk zurück. Die Kranke sieht sich wieder als sorgsam betreute Patientin. Der Arzt vom Nachtdienst erscheint und blickt ihr in das tränenüberströmte Gesicht. Er stellt ohne Staunen fest, daß leichtes Fieber eingesetzt habe.

»Sie sollen sehen, wie Ihnen der heiße Tee gut tun wird«, sagt er leise, mit sonorem Klang. Sein Gesicht ist jung, von straffer Haut überspannt. Die Brauen sind wie ein gerader Strich über schmalen dunklen Augen. Sie erinnern Adelheid an ihren Mann.

So glatt war damals seine Stirn, als noch niemand ihre Liebe erriet, so strahlend und dunkel blickten seine Augen, von den Lidern bis zu einem Spalt verdeckt, wenn er sie lächelnd grüßte; sie, die Tochter seines Chefs, die seine Nähe suchte.

Die Schwester stützt ihren Kopf, und sie schluckt gierig den heißen Trank, den sie brennend durch den erkalteten Körper strömen fühlt.

Sie fällt in die Kissen zurück, der Arzt lächelt ihr abschiednehmend zu, die Tür klappt leise. Sie blickt erschreckt auf. Gedämpftes Licht ist im Raum, die Schwester sitzt still neben der verhüllten Lampe mit einem Buch auf den Knien.

»Sie müssen versuchen, zu schlafen, gnädige Frau«, ruft die Schwester aufmerksam herüber.

Ihr Kopf glüht; prickelnd beginnen ihre Glieder zu brennen, wie in erster Wärme nach abtötendem Frost.

Eine Erinnerung steigt auf: sie liegt frierend im Hotelzimmer und fühlt gleichfalls mählich leichtes Fieber im erstarrten Körper sich ausbreiten ...

In Arosa war es, in jenem schneereichen Januar, da sie und Joachim Becker ihre erste gemeinsame Reise unternahmen, ihre Hochzeitsreise. Lachend, in munteren Gesprächen promenierten die sorglosen, lebensfrohen Menschen vor den großen Hotels. Der Schnee knirschte unter ihren Schritten, er leuchtete ringsum; über den Dächern im Tal und mit blauem Schimmer von den Bergen. Die Sonnenstrahlen fielen wärmend durch die klare Luft. Bobsleighs sausten lautlos in der Ferne zu Tal.

Junge Mädchen in bunten Jacken, ihre Begleiter mit rotbraunen Gesichtern über weißen Sweatern zogen die Rodelschlitten hinter sich her, hatten die Skier geschultert und eilten zu den Sportplätzen. Kunstläufer schleiften ihre schwungvollen Bogen über das spiegelnde Eis.

Hier hatte Adelheid Friemann einst mit ihren Eltern still beobachtend gestanden und davon geträumt, wie sie mitleben, mitjagen würde auf den weißen Bahnen, unter lauten jubelnden Schreien, wenn auch sie einen Begleiter an der Seite hätte. Groß mußte er sein, schön, energisch. Damals schon hatte sie an den Prokuristen ihres Vaters gedacht, den sie nicht vergessen konnte, seitdem sie ihn einmal auf dem langen Korridor im ernsten Geschäftshaus hatte vorbeieilen sehen.

Und dann stand sie an derselben Rodelbahn, Joachim Becker an ihrer Seite. Ihr Mädchentraum, ihr sehnlicher Wunsch war erfüllt. Aber sie waren wieder nur stille Beobachter. Keine überschäumende Lebensfreude trieb sie an. Joachim Becker sah mit spöttischen Blicken in das Getriebe und dachte an seine Arbeit.

»Wollen wir uns nicht auch einen Schlitten nehmen?« hatte sie schüchtern, mit verhaltener mädchenhafter Freude am Spiel gefragt.

»Nein,« hatte er fast brüsk erwidert, »ich habe keine Neigung, mich mit diesen Nichtstuern herumzutollen.«

Sie mußte zugeben, daß er zu ernst, zu bedeutsam für diese kindischen Spiele war. Ihre Liebe stellte sich willig auf seine Gedankengänge ein, und sie begann, die flirtende Jugend gleichfalls mit Überlegenheit zu kritisieren. Aber sie fühlte sich einsam und nicht mehr jung.

Ihr Mann bekam seine Arbeit nachgesandt. Täglich war sein erster Gang zum Postempfang. Er nahm die dicken Briefe mit den Plänen und den Offerten für den Hafenbau und ging in sein Zimmer. Sie stellte sich indessen ans Fenster und sah auf die sorglose fröhliche Jugend herab.

Die lauten Stimmen, die harten Schritte der Sportschuhe in den Korridoren störten den jungen Direktor in seiner Arbeit. Er wurde nervös und reizbar.

»Wollen wir uns nicht auch Skier geben lassen und Ausflüge machen, um dem Lärm zu entgehen?« fragte sie wieder, als er über die Störung ungehalten war.

»Du weißt anscheinend nicht, daß ich in meinem Leben noch keine Zeit hatte, mich mit diesem Sport abzugeben. Das ist etwas für diejenigen, die in jungen Jahren genießen und nicht arbeiten«, hatte er, nicht ohne Bitterkeit, geantwortet.

»Aber du könntest es doch jetzt lernen«, warf sie ein.

Wie, hier sollte er sich vor diesem Volk produzieren und sich auslachen lassen? Sie glaube wohl selbst nicht daran, daß er dazu fähig wäre.

Auch das sah sie schließlich vollkommen ein.

Doch eines Tages hatte sie die drückende Stille und Enge ihres Zimmers nicht länger ertragen. Die hellen Stimmen vor den Fenstern lockten; sie galten nicht ihr. Sie hatte immer wieder die Briefe ihrer Mutter gelesen, die Mitteilungen lebenslustiger Freundinnen, sie hatte versucht, sich in Bücher zu versenken, indes ihr Mann im Nebenraum nervös arbeitete und es nicht erwarten konnte, wieder zu Hause zu sein, in seinem Hafenterrain, wo man die Häuser bereits abriß und die Mehrzahl der Bäume fällte, um seinem Werke Platz zu machen.

Sie vernahm seine ruhelosen Schritte, sie wußte, welches Opfer er ihr brachte, indem er die für die Hochzeitsreise festgelegte Zeit hier in Ungeduld verlor.

Da war sie trotzig zu ihm hineingegangen. Sie hatte ihn auffordern wollen, sie auf einem Spaziergang zu begleiten. Heftige Vorwürfe sollten ihn für den Fall der Ablehnung treffen. Doch als sie ihn mit soviel Ernst und Eifer in seine Arbeit vertieft sah, sagte sie bescheiden:

»Du kannst mich wohl jetzt nicht begleiten?«

Und um seinen Kampf zwischen Pflicht und Wunsch zu beenden, war sie allein hinausgegangen, zu den jungen, in Gemeinsamkeit fröhlichen Menschen.

Sie ließ sich Schneeschuhe geben und eilte scheu durch die belebten Promenaden zu den Abhängen.

Aber die große Stille hatte ihr nicht die gewünschte Harmonie gegeben. Bitterkeit überfiel sie.

Mußte sich in solchen Stunden nicht Mißtrauen einschleichen? Der Gedanke lag nicht fern, daß er sie nur ihres Geldes wegen genommen hatte, weil sie ihn so hingegeben liebte. Sie konnte ihre Gefühle von jeher schlecht verbergen.

Die Eltern hatten sie wohl warnend darauf aufmerksam gemacht, daß diese Möglichkeit gegeben wäre. Sie verschwiegen ihr auch nicht, daß er Beziehungen zu einer anderen, gleichfalls vermögenden jungen Dame unterhielt.

Nahm er denn ihren Reichtum in Anspruch? Nein, er ging in seinen alten Kleidern umher, die er schon trug, als sie ihn kennenlernte. Gewiß, sie waren nicht schlecht. Doch er hätte sich diesem internationalen Publikum anpassen können, damit er nicht aus dem Rahmen fiel. Er blieb bescheiden in seinen Ansprüchen. Er sehnte sich von diesem Platz der Begüterten fort. Die Table d'hote störte ihn, der ganze Reichtum war ihm offensichtlich lästig. Er war der Mann der Arbeit geblieben.

Es ließ ihn auch gleichgültig, daß die Frauen ihm oft und lange nachsahen. Nur Adelheid haben diese Blicke stets in ungewöhnlichem Maße bewegt, obgleich ihr Anteil an Joachim Becker dadurch weder größer noch geringer wurde. Sie ließen ihre Liebe sehnsüchtiger und schmerzlicher aufflammen.

So hatte sie sich in ihren Gedanken verloren, während sie die Anhöhen erklomm und von den schrägen Flächen herabglitt. Die Sonne senkte sich plötzlich. Die Berge in der Ferne verschwammen. Erste Lichter flammten auf. Ihre Füße wurden müde und schwer. Kaum konnte sie noch die Höhe erklettern, und dann glaubte sie, die Richtung zu verlieren.

Sie schnallte die Schneeschuhe ab, als sie endlich auf einen ausgetretenen Weg gelangte, denn sie vermochte diese Last nicht mehr zu heben. Den Versuch, sie auf der Schulter zu tragen, gab sie bald auf. Sie warf sie in den Schnee. Ihre Beine waren nun befreit, aber wie abgestorben. Sie begann zu frösteln, die Zähne schlugen aufeinander -- wie in dieser Nacht, da die Erinnerungen wieder lebendig werden.

Wie jetzt die Wärme in ihrem Körper sich brennend ausbreitet, das Blut in die Schläfen drängt und ihre Mundhöhle ausdörrt, so hatte sie damals im fremden Hotelzimmer gelegen, am Anfang ihrer Ehe, als die große Einsamkeit begann.

Ihre Gedanken arbeiten unablässig weiter. Sie liegt mit geschlossenen Augen da, die Glieder gerade ausgestreckt, die Arme eng an den Körper gepreßt. Die Kissen lasten wie ungeheure luftgefüllte Volumen dennoch schwer auf ihr, so daß sie sich nicht zu bewegen vermag. Sie sinkt immer tiefer und schwerer hinab und glaubt, die Matratze müsse unter ihrer Last brechen.

Sturzbachgleich fallen die Erinnerungen in ihr fieberndes Hirn. Alle einsamen Stunden rotten sich zusammen, sie gewinnen phantastische Formen, sie werden gleichsam körperlich und klagen den großen Schuldigen an: den Hafen!

Der Hafen mit seinen bleckenden kalten Wasserspiegeln und mit dem grausamen schwarzen Kran! Seine Eisenarme wachsen ins Unermeßliche, sie recken sich ihr entgegen.

Sie haben ihr Joachim Becker genommen, sie haben ihr die Tochter entrissen, sie verlangen nach dem zweiten Kinde, das sie tot in ihrem kranken Körper birgt.

Sie schreit wiederum laut auf und fühlt, wie ihr eigener Ruf sie in ihrer Glut fröstelnd erstarren läßt. Fahles Morgenlicht umgibt sie, ihre Schultern werden sanft hochgehoben. Der Rand eines Glases ist vor ihren Lippen. Sie schlürft eine bittere Flüssigkeit langsam herab und blickt in das graue übernächtige Gesicht der Krankenschwester.

»Der Hafen«, flüstert sie entsetzt und liegt wieder ausgestreckt, allen Schrecknissen neuer Fieberphantasien preisgegeben.

Aber mählich beruhigt sich ihr krankes Blut, und sekundenlang erhellt vollkommene Klarheit ihren verwirrten Geist. Als eine große heilsame Erkenntnis steht es vor ihr: »Der Hafen allein ist schuld!«

Damit dieser Riesenbottich der großen Stadt zum Leben erwache, nahm Joachim Becker ihre Liebe an, stürzte er sie und sich selbst in Einsamkeit und Qual.

Nun, da der Hafen mit allen seinen Schiffen und Kränen atmet und sich rührt, hebt er seine Arme, seine unheimlichen schwarzen Kranarme, um sie alle zu zermalmen.

Sie weiß, daß die Vision zerrinnt, wenn sie die Augen öffnet, doch sie ist nicht mehr imstande, die Lider zu heben. Lähmendes Gift schleicht durch ihren Körper und versenkt sie in einen kurzen betäubenden Schlaf.

Schmerzhaft grell, von Licht umstrahlt, fühlt sie sich, wieder erwachend, hochgehoben und auf ein hartes Lager gebettet. Sie vernimmt das elastische Rollen von Rädern, sieht lange weiße Korridore und erkennt, daß sie nun in den Operationssaal gefahren wird. Sie kann sich nicht wehren, das Gift hat ihre Glieder gelähmt. Sie ist hilflos und ohne Willen.

Der Laut vielfacher Stimmen, das Klirren der Instrumente, Wasserrauschen hallt hart von den kühlen Wänden zurück und dringt in den Rhythmus ihres Blutes. Sie schmeckt das bittersüße und kühlende Narkotikum und sinkt immer tiefer in ein dunkel brausendes Chaos hinein.

»Zählen Sie!« vernimmt sie eine Stimme hart und nah.

Sie vermag den Mund nicht zu öffnen. Aber immer geräumiger wird mit jedem tiefen Atemzuge die unwirkliche Welt. Da beginnt mit leuchtenden Farben und leichten Melodien fernste Vergangenheit vor ihr aufzuklaffen: sie selbst, Adelheid Friemann im duftigen Tüllkleid, ganz jung und ohne Schwere, schwebt in fließenden Tänzen; Alfred Bernhard an ihrer Seite, und Helene Uhl, die lachende Freundin, gleitet mit ihrem Bruder Felix vorbei.

Von weit her, unendlich gezogen, als tropfen sie nur langsam in ihr Bewußtsein, hört sie die Worte:

»Vorsichtig! Denken Sie an das schwache Herz der kleinen Frau -- Frau -- Frau --«

Das Wort wird zum gedehnten Gesang, es nimmt kein Ende; die sphärischen Melodien verströmen darin und brechen plötzlich klirrend ab. --

Adelheid Becker kehrt mählich, aus unsagbar süßem Schweben über wehenden Luftwellen, in Bewußtheit und zu neuem Leben zurück.

Die Stimme der Mutter nimmt sie milde, heimatlich auf.

Sie öffnet die Augen.

Bleich, in Zartheit und Liebe verklärt, ist das Antlitz der Mutter vor ihrem ersten Blick.

»Wir haben getanzt, Mutter. Helene Uhl war da, Alfred Bernhard und Felix. Es war so schön.«

Sie spricht noch mühselig und langsam, ihre Stimme aber ist kindlich hoch und hell.

Die Geräusche rücken immer näher zu ihr heran; sie fühlt die Lippen der Mutter auf ihren Händen.

»Ist noch jemand hier?« fragt sie, als ahne sie die Nähe des Vaters und ihres Mannes.

»Ja«, vernimmt sie Joachim Beckers Antwort.

Sie versucht sich aufzurichten, doch die Hände der Krankenschwester drücken sie sanft in die Kissen zurück. Da erspäht sie aus halb geöffneten Augen sein herabgeneigtes Gesicht. Prüfend, erstaunt gleitet ihr Blick über die Falten auf seiner Stirn, zu der senkrechten Kerbe, die wie eine Narbe tief zwischen die Brauen schneidet, und bleibt auf den trüben, fast entzündeten Augen haften.

Ihre Lider fallen müde herab. Joachim Becker richtet sich schwankend auf. Sie hat kein Wort für ihn.

Dann fühlt sie den Druck einer breiten weichen Hand auf ihrer Stirn. Vertraute Wärme dringt in ihre Haut ein. Der Atem des Vaters streift ihr Gesicht.

Sie öffnet die Augen und lächelt ihm zu.

Joachim Becker ist so vermessen oder so trostbedürftig, daß er sich in dieser Stunde auch nach einem Lächeln Adelheids sehnt. Er stellt sich noch einmal neben ihr Bett und küßt ihre Hand. Da schließt sie wieder die Augen und flüstert, von Grauen erfaßt:

»Der Hafen! Nun weiß ich es: der Hafen ist schuld.«

Und weil sie immer wieder bei seinem Anblick erregt wird, muß man ihren Mann bitten, ihr in der nächsten Zeit fernzubleiben, zumal noch die Nachricht vom Tode Felix Friemanns ihr bevorsteht.

Zwei Wochen später kann sie bereits in die Wohnung ihrer Eltern übergeführt werden. Notlügen von einer Reise des Bruders lassen sich nicht länger fortsetzen, aber man braucht ihr auch die Wahrheit nicht zu sagen, denn im Hause ihrer Eltern, in dieser Heimstätte unversiegbarer Liebe und engsten Zusammenhalts, teilt sich die Schrecknis vom Tode des einen wie in mystischer Verbundenheit dem Blute des anderen mit.

Und Adelheid findet, in das leere Haus ihrer Kindheit zurückgekehrt, die ersten Tränen seit dem Tode ihrer Tochter.

Der Abschied

Joachim Becker irrt ruhelos in seinem verlassenen Haus umher. Adelheid ist zu ihren Eltern heimgekehrt; man bat ihn, zu warten, bis sie nach ihm verlange. Aber sie ruft ihn nicht.

Er bleibt auf dem Treppenabsatz im Vestibül stehen und denkt: hier stand sie, mit ihrer schönen kleinen Tochter im Arm, deren traurige, große Augen ihm fragend -- oder unbewußt anklagend? -- nachblickten. Die winzigen Hände winkten, und Adelheids mütterlich-stilles Lächeln leuchtete neben dem ernsten Kindergesicht.

Er stellt sich an den hohen Kamin in ihrem Zimmer und gedenkt des Abends nach dem Theaterbesuch, da er alles so klar gesehen hatte und dennoch schwieg.

Und wenn er zwischen zwei Konferenzen am Schreibtisch seines Arbeitszimmers sitzt, deckt er zuweilen die Hand über die Augen. Scham entbrennt in seinem zerquälten Gesicht, und alle falschen Gesten fallen von ihm ab.

Drei Wochen sind vergangen, und Adelheid hat noch nicht nach ihm verlangt. Seine Selbstvorwürfe werden mit jedem Tage heftiger, Mutlosigkeit überfällt ihn. Dieser tüchtige junge Generaldirektor, der so ausgezeichnete und grandiose Pläne zu entwerfen versteht, hat Plan und Ziel für sein eigenes Leben verloren.

Eines Tages geht Kommerzienrat Friemann in das Arbeitszimmer seines Schwiegersohnes und bleibt einen Augenblick in der Mitte des großen Raumes stehen.

Joachim Becker denkt, daß er das gleiche energiegesammelte Gesicht habe wie einst, als er einen für sie alle entscheidenden Schritt unternahm. Damals sagte er ohne Einleitung mit festem Blick: »Ich habe gehört, daß meine Tochter Sie liebt. Wie stellen Sie sich dazu?« Joachim Becker stand auf und sagte entschlossen, ohne die Augen zu senken: »Ich bitte um ihre Hand.«

Heute kann er dem Blick seines Schwiegervaters nicht offen begegnen. Und der Kommerzienrat sagt, während seine tonlose Stimme leise schwankt:

»Meine Tochter hält es für gut, daß die Scheidung eingeleitet wird.«

Joachim Becker ist aufgesprungen. Er steht ein wenig gebeugt da und stützt eine Hand auf die Schreibtischplatte.

»Kann ich sie nicht selbst sprechen?« fragte er leise, ohne hochzublicken.

»Sie will dich erst wiedersehen, wenn die Scheidung vollzogen ist.«

Darauf vermag er nichts zu erwidern. Unwillkürlich bleibt der Ton dieser Worte noch in seinen Ohren hängen. Klang die vertrauliche Anrede nicht zögernd?

»Ich habe bereits mit Rechtsanwalt Bernhard gesprochen. Er hat die Vertretung abgelehnt.«

Er sieht erschreckt auf. Scheut man sich schon, für ihn tätig zu sein? Sagen sich jetzt alle von ihm los?

»Er kann es weder für dich noch für Adelheid übernehmen und gibt vor, daß er euch beiden menschlich zu nahe stehe. Er hat einen Kollegen empfohlen, und du wirst dich wohl selbst nach einem Rechtsvertreter umsehen? Ich nehme an, daß du gegen Adelheids Vorschlag nichts einzuwenden hast und daß wir uns alle Erörterungen sparen können.«

Der Kommerzienrat wendet sich ohne ein versöhnendes Wort um. Er hat nicht nur seinen Erben und das einzige Enkelkind verloren, nein: nun gibt er auch den auf, der ihm allmählich ein zweiter Sohn werden sollte. So wie er die Hoffnung nicht sinken ließ, daß ihm der Sohn auch noch ein tüchtiger Mitarbeiter würde, so glaubte er bis jetzt, daß der durch die Arbeit ihm Verbundene auch innerlich der Seine werden könnte.

Er geht nun leer davon, mit schwerfälligen Schritten, aber er ist nicht so grausam, ohne einen letzten Blick zu scheiden. Sein unermüdlicher Helfer der Arbeit steht noch halbgebeugt da. Das Kinn ist ihm auf die Brust gesunken.

Da sagt der Kommerzienrat leise: »Adelheid hat mir ausdrücklich einen Gruß für dich aufgetragen.«

Diese Botschaft hatte er verschweigen wollen! Er richtet sie im letzten Augenblick mit großer Mühe aus.

Die Tür klappt. Joachim Becker hebt den Kopf. So hat er sich seine Befreiung aus der erzwungenen Ehe kaum vorgestellt.

Er denkt an Adelheids Worte, die letzten, die er aus ihrem Munde vernahm: »Der Hafen ist schuld!« Aber jetzt weiß er, wer der wahre Schuldige ist. Er ist nicht mehr so feige, die Schuld auf sein Werk abzuwälzen. Nun nimmt er alle Anklagen freimütig auf seine Schultern, und er kennt keine Schonung mit sich selbst.

Doch auch das Schicksal hat nicht viel Erbarmen mit ihm, es erspart ihm keine Demütigungen und keine Enttäuschungen. Denn noch ein anderer kommt nach einigen Tagen in sein Arbeitszimmer, um ihm eine wichtige Mitteilung zu machen: der Kapitän.

Nun müsse er um seinen Abschied bitten, sagt er ohne viele Umschweife. Seine alte Reederei habe wieder Verwendung für ihn, und aus bestimmten Gründen könne er nicht lange warten.