Part 15
Aufrührerische Ideen hatte Karle Töndern noch nie gehabt, aber zuweilen meinte er doch: einen Werktag möchtest du mal für dich haben und dir die Welt zu jeder Stunde betrachten, besonders zwischen sieben und vier. Nun hat er diesen Tag.
Er könnte sich zum Beispiel auf jene Bank setzen, die zwischen ein paar grünen Bäumen aufgestellt ist und den Großstädter zur Ruhe auffordert. Da dürfte er die Natur genießen und vielleicht auch den spielenden Kindern zuschauen. Aber was sieht er? Seine Frau, die daheim an den Kochtöpfen hantiert und nicht wagt, ein Stück Fleisch hineinzulegen.
Sie glaubten gerade, eine schleppende Last, die durch Krankheiten der Kinder entstanden war, bald abschütteln zu können, da bringt der Streik neue Sorgen. Das zieht sich dann von Woche zu Woche hin, und wenn du denkst: ›den nächsten Lohn kannst du endlich einmal glatt einteilen, damit du für jeden Tag etwas hast,‹ da ist plötzlich der Winter eingezogen, und du brauchst Kohlen und warmes Zeug für die Kinder.
Nein, auf dieser Bank ist doch kein schönes Verweilen. Da geht Karle Töndern lieber zum Verbandslokal und hört, was die anderen sagen. Man kann sie schon von weitem sehen, denn sie stehen auf der Straße umher, reden über dieses und jenes und warten.
Von der Streiklage hat noch niemand Näheres gehört. Aber hier ist einer, der könnte heute seinen 25. Streik feiern.
»Da kannst du mit mir noch gar nicht mit«, sagt ein anderer, und er lacht, ohne das Gesicht zu verziehen.
Karle Töndern guckt einigen verstohlen auf die Beine und denkt: solche geflickten Hosen hast du in deinem ganzen Leben noch nicht gehabt. Und dann unterhält er sich mit mehreren, die auch ihren ersten Streik erleben.
Viele tragen dünne Rucksäcke auf dem Rücken, darin haben sie ihren Proviant für den ganzen Tag. Wenn jetzt die Parole erteilt wird »Arbeit aufnehmen«, dann können sie gleich hingehen, und für ihr Essen ist gesorgt.
Manche haben sich schon etwas »Mut« geholt. Ihre Augen schwimmen, und sie sagen auch mal was Lustiges, worüber keiner lacht.
Und da stehen sie alle und warten.
Die Begegnung
Der Streik ist nach wenigen Tagen beigelegt worden und hat dem Hafen keinen nennenswerten Schaden gebracht.
Beide Hafenbecken liegen voller Schiffe, und es ist wieder ein lebhaftes Getriebe an allen Kaimauern, in den Lagerhallen und auf den freien Plätzen.
Irmgard Pohl muß, von ihrer Reise zurückgekehrt, feststellen, daß der großartige erste Eindruck durchaus nicht hinter dem Bild ihrer Erinnerung zurücksteht. Gewiß hat sich während ihrer Abwesenheit manches im Hafen geändert. Es wurde immer weiter gebaut, sogar ein drittes Hafenbecken kann bald in Betrieb genommen werden, und alles ist noch mächtiger, als es war. Aber welche Wandlungen sind diesseits des Kanals vor sich gegangen!
Daß sie von Frau Pohl herzlich, ja sogar mit gerührtem Überschwang begrüßt wird, überrascht die Heimgekehrte ebenso wie die äußere Veränderung an der Mutter.
Sie waren in diesem Jahr der ersten räumlichen Trennung in einen angeregten Briefwechsel hineingeraten, der alle Gegensätze zu überbrücken schien. Irmgard wußte jedoch, daß die Mutter zu jenen Naturen gehört, die sich nur dem körperlich fernen, dem unsichtbaren Menschen ganz erschließen können, und sie fürchtete sich vor der Schranke, die sich bei der persönlichen Begegnung zwischen ihnen aufrichten würde.
Und nun steht Frau Pohl neben ihr, den Arm ohne Scheu zärtlich um die Schultern der Tochter gelegt, mit einem mütterlich-weichen Lächeln im entspannten Gesicht, und aus den Augen ist endlich der starre Glanz gewichen.
Sie eilt nicht gehetzt von einer Arbeit zur anderen, sondern sie läßt sich hier und da nieder und sieht zu, wie die Zeit langsamer davongeht.
»Ja,« sagt sie fast entschuldigend, während sie sich wieder vom pausbäckigen und sehr dreibastigen Sohn tyrannisieren läßt, »so vertrödelt man seine Zeit«. Und dann kostet es sie einige Mühe, sich vom Stuhl zu trennen, um in der Küche nach dem Rechten zu sehen.
Irmgard geht zum soundsovielten Male in den alten Räumen umher und feiert Wiedersehen. Ihre Bewegungen sind ausholender geworden, sie bewegt die Arme nach allen Seiten, und es scheint, als wären die Zimmer nun zu eng für sie.
Zuweilen betrachtet sie den kleinen Michael, der bei der Begrüßung kein gutes Gedächtnis verriet, sondern seiner »Schwester« sehr eindringlich vorgestellt werden mußte. Sie sieht ihm von der Seite zu, wie er seine Spielsachen umherwirft, und lauscht mit Vergnügen seinen Selbstgesprächen, aber sie muß es sich gefallen lassen, daß er ihre Beteiligung am Spiel zunächst noch ablehnt.
Herr Pohl kommt zur Mittagsstunde herein und setzt sich in den Sessel am Fenster, mit einer gewohnten stillen Geste, als wäre es an der Tagesordnung, daß er hier erst eine Weile auf sein Essen wartet.
Der Tisch ist noch nicht gedeckt, Irmgard sieht kopfschüttelnd auf die Uhr.
»Sag' einmal, Vater,« fragt sie, mit übertriebenem Staunen, »verspätet man sich hier mit dem Essen?«
Der Vater nimmt ihren Spott lächelnd hin. »Das kommt jetzt zuweilen vor,« meint er milde, »doch es ist sehr schön, indessen hier zu sitzen und ein wenig zu sich selbst zu kommen.«
»Ja, ja,« sagt seine Tochter, während sie sich hinter ihm aufstellt und mit den Fingern über seine grauen Haare fährt, »es gehen große Dinge vor in einem Jahr.«
Sie lacht übermütig und begibt sich wieder auf ihre unruhigen Entdeckungswanderungen.
»Ich glaube, hier ist sogar etwas Staub liegengeblieben. Und wo sind denn nur die scheußlichen Nippessachen, die überall herumstehen mußten?« ruft sie aus einer Ecke des Zimmers zu ihm hinüber.
»Die hat der Junge so nach und nach entzweigeschlagen«, erwidert Herr Pohl gutmütig lachend.
Irmgard kann es sich nicht versagen, den Knaben in ihrer Freude darüber hochzuheben und mit einem Kuß zu belohnen. »Für die Rettung der Kunst«, meint sie belustigt.
Aber der so jählings in seiner Beschäftigung Gestörte rächt sich dafür durch einen tüchtigen Griff in ihre Haare. Irmgard setzt ihn, ärgerlich über die Abwehr und den körperlichen Schmerz, barsch auf seinen Platz zurück.
»Pfui, du bist ja ein ganz verzogener, brutaler Bengel geworden!«
Der dreijährige Michael kann eine derartige Beleidigung nur mit einem fürchterlichen Gebrüll beantworten, das sein guter alter Kamerad, der Vater, besänftigen muß.
Als er die letzten Seufzer auf seinem Knie verschluckt hat, meint Michael Pohl entschuldigend zu seiner Tochter:
»Siehst du, so ist es: was wir dir an Strenge zuviel gaben, hat der Junge nun zu wenig. Man ist in der Jugend zu hart und im Alter zu milde. Wo ist das goldene Maß im Leben?«
Irmgard ist wieder besänftigt. Sie muß unwillkürlich an den Kapitän denken und sagt nach einer Weile:
»Wie geht es unserem gerechten Mann, dem Kapitän? Ich habe ihm auch zwei Karten geschickt.«
Herr Pohl findet, daß zwei Karten nicht viel sind, aber er gibt seine Ansicht darüber nicht preis. Er wischt die Tränenspuren vom wieder strahlenden Gesicht seines kleinen Adoptivsohnes und erwidert:
»Er hat oft am Abend hier bei uns gesessen. Ja, man kann wohl sagen, daß er immer noch so ist, wie er war. Wir drei haben uns recht gut verstanden. Die Mutter freute sich stets, wenn er kam, denn sonst ist es sehr still bei uns gewesen. Übrigens wurde der Prozeß mit dem Hafen jetzt aus der Welt geschafft. Da mag ebenfalls der Kapitän seine Hand im Spiele gehabt haben.«
Irmgard ist zwar auch damit zufrieden, daß dieser unerquickliche Streit beseitigt wurde, aber sie sieht nicht ein, warum man das nur dem Kapitän anrechnen soll. Konnte nicht Joachim Becker inzwischen auch einsichtiger geworden sein?
»Daß der Kapitän dich immer grüßen ließ, hat die Mutter dir wohl geschrieben?« fragt Herr Pohl nebenbei. »Wir haben ihn zu morgen abend eingeladen. Es ist dir doch recht?«
Gewiß freut sie sich auch darauf, ihn wiederzusehen.
»Ich habe mich doch sehr nach allem, was hier so rundherum ist, gesehnt«, fügt sie hinzu.
Sie stellt sich ans Fenster und blickt in das lebhafte Getriebe am Mühlenplatz, auf die erweiterten Gebäude und das Getümmel um die Baugrube der neuen Brotfabrik. Sie denkt daran, wie sie damals nach Michaels Geburt hier saß und sich in das neue Leben nicht hineinfinden konnte. Und wie später ihre überreizten Nerven diesen Pulsschlag einer großen Stadt nicht vertragen wollten. Nun erlebt sie alles mit gesunden Sinnen und freut sich auf Arbeit und Kampf und auf die Überraschungen, die das Leben ihr noch zu bieten hat.
Auch der Kapitän findet am nächsten Abend bei der Begrüßung, daß man ihr die gesunden Nerven und die Unternehmungslust ansehe. Er kann es nicht oft genug versichern.
»Ja, Reisen wandeln den Menschen. Man sollte sich immer wieder einmal neue Luft um die Nase wehen lassen. Ich habe auch schon daran gedacht, daß es noch andere Häfen in der Welt gibt.«
»Hier ist es doch sehr schön«, meint Irmgard Pohl. »Ich will jetzt zu Hause bleiben und wieder Vaters Kompagnon werden. Was soll eine Frau auch allein auf Reisen!«
Ja, da habe sie recht. Darin muß der Kapitän ihr vollkommen zustimmen, eine Frau brauche einen Begleiter.
»Und sie denken doch kaum im Ernst daran, uns zu verlassen?« fragt Frau Pohl nicht ohne Besorgnis.
»Nein, nein, im Ernst noch nicht.« Für später hätte er daran gedacht. Aber es habe noch Zeit, noch bliebe er hier.
Und dann erzählt er wieder von seinen Reisen, von den vielfältigen Wundern in der Welt. Er spricht sehr lange und ausführlich, in seiner gleichmäßigen absatzlosen Art und mit Anstrengung in der Stimme. Schließlich kommt er wieder zu dem Resultat, daß es gut sei, zu reisen. Doch nicht allein. Das sei für keinen gut. Am wenigsten in der Fremde.
Es scheint schwer, zur rechten Zeit aufzuhören, wenn man in so gutem Fahrwasser ist. Irmgard, die sich vom Institut her an zeitiges Schlafengehen gewöhnt hat, wird sehr müde, als der Kapitän sich endlich verabschiedet.
»Findest du nicht auch,« sagt sie zum Vater, der den Gast noch begleitet hat, »daß der Kapitän im letzten Jahr sehr gealtert ist?«
»Nein,« erwidert Herr Pohl, »er blieb genau so, wie er war.«
»Aber jedenfalls ist er nicht mehr der jüngste«, meint Irmgard Pohl, die jetzt einen anderen Maßstab anlegt. »Und seine arme Stimme hat er sich auch bald ganz ausgeschrien.«
›So ist die Jugend!‹ denkt Herr Pohl resignierend und ein wenig bitter über so viel gedankenlose Grausamkeit. --
Wer könnte dem Kapitän jetzt seine gute Laune verderben! Er rennt im Hafen umher, als gäbe es keinen Schreibtisch mit einem Telephon, mit Briefen und Verträgen, die auch bedacht sein wollen. Fräulein Spandau muß ihn immer wieder in den Lagerhallen, auf den Kähnen oder ganz hinten bei den Schrott- und Kohlenbergen suchen, weil er gleichzeitig im Verwaltungsgebäude verlangt wird.
Um diesen Riesenbau macht er am liebsten einen recht großen Bogen. Er ist nie ein Freund von Schreibtischarbeit gewesen, lieber noch würde er beim Ausladen der Schiffe selbst mit anpacken. Am wohlsten aber war ihm immer, wenn er Planken unter den Füßen fühlte, und wenn die Welt begann, sich fortzubewegen, langsam gleitend, während er selbst feststand und unangefochten in ihr Getümmel sah, bis er außer Sehweite war und nur das Meer in seiner gewaltigen Einsamkeit ihn umgab.
Unangefochten? Der Kapitän reibt sich die Hände und rennt zum anderen Hafenbecken hinüber.
Oh, nun, da der leidige Winter überwunden ist und die Frühlingssonne ihm den Rücken wärmt, will er sich auch wieder rühren und ein wenig mittummeln. Allzulange ist er Zuschauer gewesen. Auf seinem Posten in der Mitte.
Nachdem er genügend seine Beine gerührt hat, geht er endlich zu seinem Bureau zurück. Vor der Kantine trifft er die Fürsorgeschwester.
»Na, Schwester eins,« sagt er gutgelaunt, »nun denken Sie wohl schon wieder an Ihre Ferienkinder?«
Sie lächelt. Der junge Friemann hat ihr einen schönen Spottnamen verschafft. Aber vom Kapitän will sie den Scherz gern hinnehmen.
Ob sie auch wüßte, daß Herr Pohl mit seiner Tochter heute nachmittag den Hafen besichtigen werde, fragt der Kapitän, nach kurzer Unterhaltung über ihre Aufgaben und Sorgen.
Nein, das wußte sie nicht. »Aber ich habe Fräulein Pohl auch schon begrüßt«, sagt sie. »Sie hat sich wirklich sehr verändert. Ach, es ist wohl schön, wenn man sich ein ganzes Jahr erholen kann«, fügt sie mit einem kleinen Seufzer hinzu.
Der Kapitän setzt seinen Weg fort. ›Ja, ja, der Neid der lieben Mitmenschen‹, denkt er dabei abschließend über die Fürsorgeschwester. --
Joachim Becker fährt an diesem Nachmittag im Hafen vor und will mit gewohnter Eile in das Verwaltungsgebäude hineingehen, als er die Stimme des Kapitäns aus unmittelbarer Nähe vernimmt.
Er wendet sich um und sieht ihn, wenige Schritte entfernt, im angeregten Gespräch mit seinen Gästen stehen.
Es ist nicht schwer, den Mühlenbesitzer Pohl zu erkennen, zumal er den Hut in der Hand hält und sein großer Graukopf unter den Strahlen der rotglühenden Abendsonne silbrig aufleuchtet. Er dreht dem Verwaltungsgebäude den Rücken und hat von dem Ankömmling nichts gemerkt.
Dem Kapitän konnte das Einfahren des bekannten Autos nicht entgehen. Er bleibt gleichfalls dem Hafenbecken zugewendet und spricht geflissentlich weiter.
Nur Irmgard Pohl sieht sich, durch das Surren des Motors abgelenkt, in weiblicher Neugierde unwillkürlich um.
Natürlich hat sie beim Betreten des Hafens daran gedacht, daß sie Joachim Becker zufällig begegnen könnte. Sie war sich auch über ihre stolze und abweisende Haltung, mit der sie ihm nun ihre Gleichgültigkeit dokumentieren mußte, vollkommen im klaren.
Was aber sind alle Vorsätze? Sie fühlt in der plötzlichen Begegnung mit seinem Blick, daß ihr Genick steif wird, daß sie jede Gewalt über den Ausdruck ihrer Augen verliert. Ihr Blut schießt vom Herzen in die entspannten Glieder, es klopft in den Schläfen, und sie hat nur den beseligenden Gedanken, nicht allein zu sein in dieser gewaltigen Rebellion. Denn auch Joachim Becker steht sekundenlang auf seinen Platz geschmiedet und ist nicht imstande, den starren, ärgerlich-strengen Blick von ihr zu lösen.
Erschreckend nah und mißtönig klingt plötzlich die Stimme des Kapitäns in Irmgards Ohren.
»Sie fürchten doch nicht um Ihr helles Kleid, Fräulein Irmgard, wenn ich Ihnen jetzt auch noch die Kohlenverladestelle zeige?« fragt er und hat gar keinen Klang mehr in seiner gepreßten Stimme.
Er redet sie aus unerklärlichen Gründen mit ihrem Vornamen an. Vielleicht weil er sich durch den Familienverkehr in seinen Gedanken daran gewöhnt hat.
Sie wendet ihm ihr glühendes Gesicht zu, doch sie weiß keine Antwort zu geben, denn sie hat nicht ein einziges Wort seiner Frage verstanden.
Der Kapitän beginnt, mit vielen fachwissenschaftlichen Ausdrücken von der Verladeanlage, von der Schutthöhe der Kohlenlagerung, von der Elektrohängebahn mit den Laufkatzen, von den Greifern und den fahrbaren Brücken und anderen wichtigen Einrichtungen im Führerton zu berichten.
Er versucht, seine Erklärungen ab und zu durch einen Scherz zu würzen. Doch wer sollte über so viel verzweifelten Humor lachen können?
Seht: Michael Pohl lacht, als hätte er noch nie so gute Witze gehört.
»Was bin ich weißer Müller gegen so viel schwarze Macht!« sagt er, gleichfalls bemüht, die Stimmung zu retten.
Der Zustand des Kapitäns entgeht ihm ebensowenig wie das verwirrte Gesicht seiner Tochter. Im Zusammenhang mit dem Einfahren des Automobils kann er sich manches erklären.
Er denkt: ist dieser Mann, dem auf die Dauer keiner seine Sympathie versagt, so lange einsam gewesen, so wird er auch noch einige Zeit warten können. Geduld dürfte er in seinem unsteten Dasein genügend gelernt haben.
Ja, Geduldsübung ist dem Kapitän ohne Zweifel vertrauter als Joachim Becker, der im Zimmer des Hafendirektors wie ein gefangenes Tier umherrennt und die Fäuste ballt.
Natürlich hat es keinen Sinn, hier zu warten, daß der Kapitän heute noch für geschäftliche Zwecke Zeit findet. Er führt seinen Besuch spazieren und kümmert sich nicht darum, daß man ihn zu sprechen wünscht.
Trotzdem stellt sich der Generaldirektor ans Fenster, um zu verfolgen, wie weit der Kapitän sich vom Verwaltungsgebäude zu entfernen gedenkt.
Die drei gehen an der Kaimauer entlang, gemächlich und scheinbar in ständiger Unterhaltung. Der Kapitän weist zuweilen mit eckigen Bewegungen zu den Kränen und Laderampen hinüber, während er, schräg zu seinen Besuchern gewandt, die steifen Beine bewegt.
Es ist noch zu erkennen, wie Michael Pohl, der breit und wuchtig neben ihm geht, beifällig mit dem Kopfe nickt. Diese stumme Geste der Zustimmung ist dem Beobachter am Fenster nicht fremd. Wie oft hat er zu seinen Plänen vom Hafen so genickt und ihn dabei mit den hellen, teilnahmsvollen Augen ernst angeblickt. Auch als Joachim Becker ihn damals, etwas verlegen über diese Situation, um seine Tochter bat, hatte er zunächst nur mit einem Nicken zugestimmt, ehe er seine Ansicht äußerte, daß es gut sei, noch zu warten, damit niemand sich bei einem so schwerwiegenden Schritt übereile.
Das sind peinliche Gedankengänge, denen man sich lieber entzieht, wenn man kein reines Gewissen hat. Der Generaldirektor rennt wieder in die Tiefe des Zimmers. »Verfluchte Warterei«, murmelt er zwischen den Zähnen, während er mit langen Schritten über den Teppich eilt, die Hände fest in die Taschen gebohrt.
Dann steht er wieder am Fenster und sieht doch noch Irmgard Pohl nach, ehe sie seinem Blickfeld entschwindet.
Sie geht mit kleinen Schritten, die Arme eng an den Körper gepreßt, als fühle sie sich beobachtet und wisse nicht, wie sie sich bewegen soll.
Er stellt möglichst sachlich fest, daß sie in allem noch so wie damals ist, in der Erscheinung wie im ruhigen Ausdruck des klaren Gesichts, das er vorhin, für einen Augenblick, wie etwas Verlorenes in sich aufnahm.
Man sieht ihr nicht an, was sie hinter sich hat, denkt er, zum Teil seines Gewissens wegen beruhigt und gleichzeitig enttäuscht darüber, so leicht vergessen zu sein. Ja, sie scheint besser daran als er. Sie hat ihn überwunden, wenn sie auch noch bei seinem Anblick errötet.
War sie nicht damals schon von dieser ausgeglichenen fraulich-gütigen Harmonie? Und blickten ihre klugen ernsten Augen nicht von jeher -- in diesen jungen Jahren bereits -- ruhig und milde, obgleich sie gleichzeitig mädchenhaft ausgelassen sein konnte und ihn sogar zu kindischen Spielen anregte? Sie stand daneben und lächelte, sie hatte ihren Spaß daran, ihn zu einem Popanz zu verwandeln, zu »ihrem großen Jungen«, wie sie mit mütterlicher Überlegenheit sagte.
Aber er hatte dieser Jugendeselei ein Ende gemacht. Er durfte bei seinen großen Plänen keine Zeit mehr zu albernen Spielen haben. Eine ernste und vernünftige Ehe entsprach eher seiner Position. Besitzt er nicht eine gute Frau und eine hübsche kleine Tochter mit großen braunen Augen, die jeder bewundert, weil sie so »reizend melancholisch« sind? Nein, er hat wahrlich keine Ursache, unzufrieden zu sein.
Die Zeit renkt auch alles weise zurecht. Der unangenehme Prozeß ist beendigt, nun geht sein Prozeßgegner sogar im einstmals feindlichen Hafen spazieren. Und es sieht ganz danach aus, als wolle der zweite Hafendirektor, der Kapitän, die Tochter des Gegners heiraten und für alle Zeiten rehabilitieren. Obgleich sie diese Ehrenrettung nicht einmal nötig hätte, da ihr kluger Vater durch eine freundliche Vertuschung das Ansehen der Familie längst wieder aufgerichtet hat.
Teufel nochmal, das hätte er diesem geraden Manne nicht einmal zugetraut! Aber man sieht: andere Leute unternehmen auch Winkelzüge im Interesse ihrer Reputation.
Ja, er ist über die Vorgänge im Hause des Mühlenbesitzers unterrichtet. Länger als ein Jahr. Seit er die gräßliche Ungewißheit nicht mehr ertrug. Er mußte doch mindestens erfahren, ob sein Sohn noch am Leben war oder nicht. Wozu gab es Auskunfteien, Leute, die dazu da sind, Erkundigungen einzuziehen, damit man sich nicht durch unpassende Fragen seine Autorität verscherzt?
Er bekommt seine laufenden Informationen und weiß nun, daß der Mühlenbesitzer nicht einen Enkel, sondern einen Adoptivsohn besitzt. Die Tochter wird auf ein Jahr fortgeschickt, und hier geht sie nun in seinem Hafen spazieren. Schön und jung, mit einem ansehnlichen und geduldigen Bewerber zur Seite.
Der Kapitän wäre wohl der Mann, über den Schatten in der Vergangenheit einer Frau hinwegzusehen, dieser ewig Gerechte und Höfliche, den nichts aus dem Gleichgewicht bringen kann.
Nun bekommt sie also noch ihren Hafendirektor und einen guten Namen dazu. »v. Hollmann« hat einen anderen Klang! Was ist er, der Sohn des kleinen Beamten, dagegen! Was half es ihm, daß er sich in den Nächten das bißchen Bildung und Wissen einpaukte, um sich Geltung zu verschaffen? Er war doch erst etwas geworden, nachdem er die verliebte Tochter eines Getreidehändlers zur Frau bekam.
Und nimmt man ihn ernst? Lächelt man nicht im stillen über ihn und stellt hämisch fest, daß man mit dem Geld eines reichen Schwiegervaters ebensoviel erreichen könnte? Was nutzt ihm alle Arbeit, alle Energie? Wer erkennt seine wahren Leistungen an? Hat man darum so lange geschuftet, vom Morgen bis in die Nacht, ohne einzuhalten, ohne eine Freude, ohne Befriedigung, um jetzt hier das Fazit zu ziehen, daß alles vergebens war?
Er bleibt in der Mitte des Zimmers stehen, die Hände auf dem Rücken ineinandergelegt. Sein Mund ist hart, schmal und verkniffen, die senkrechte Falte zwischen den Augen wirkt wie eine Narbe.
Sein Blick fällt auf den Schreibtisch des Kapitäns. Hier hat er damals ihre Stimme gehört, diesen ruhigen, volltönigen Klang. Einen Augenblick denkt er an den Duft der Linden. Er läßt sich in einen Sessel fallen und schließt die Augen. Das leise Rauschen in den Wipfeln der alten Bäume hängt ihm wieder in den Ohren, da er sich dieser Stimme entsinnt. Es scheint ihm, als lägen die Erinnerungen ein Menschenalter und nicht knapp vier Jahre zurück.
Der Kapitän! Joachim Becker kennt keinen Menschen, der soviel allgemeine Achtung und Sympathie genießt wie dieser stille und bescheidene Hafendirektor.
Aus welchem Grunde sollte er wohl seit anderthalb Jahren in der Familie des Mühlenbesitzers verkehren und nun hier mit der Tochter spazierengehen?
Selbstverständlich wird er nicht im Hafen bleiben, denn er wäre nicht der Mensch, der seine junge Frau durch den gebotenen gesellschaftlichen Verkehr in schiefe Situationen bringt. Die großen Reedereien, die ihn als Vertrauensmann für den Hafen empfahlen, würden auch eine angemessene andere Verwendung für ihn haben.
Er kann seiner Frau etwas bieten! Er würde ihr die Welt zeigen und sie in seine angesehenen Kreise führen. Hatte er nicht die großen Passagierdampfer befehligt und auf die Weltmeere geführt, so daß weitgereiste Leute, die seinen Namen hören, respektvoll fragen: ›v. Hollmann, ist das nicht der Kapitän, der damals das und das Schiff fuhr?‹ Dieses Mannes entsinnt sich jeder gern.
Wer aber weiß Gutes von ~ihm~ zu sagen? Er besitzt keinen Freund, keinen Menschen, der das Recht dazu hätte, ihn zu verteidigen. Obgleich er stets nur das Beste wollte, seine Kräfte nicht vergeudete, immer nur an sein Werk dachte und niemals an sich selbst.
Er preßt die Fäuste gegen die Augen und sitzt, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, lange im fremden Zimmer, ohne jede Haltung und Würde. Wie er sich wieder aufrichtet, ist sein Gesicht blaß und verstört, mit roten Flecken auf der Stirn vom schmerzhaft festen Druck seiner eigenen Hände.
Nun muß er aufstehen und sich zu seinem Wagen begeben. Er wird nach Hause fahren. Und alles ist noch so wie es war.
Scheu, mit schlechtem Gewissen hetzt er durch den Korridor und vom großen Haupteingang des Verwaltungsgebäudes zu seinem Wagen.
Er vermag an diesem Tage nicht mehr in das Bureau und zur Arbeit zurückzukehren. Er läßt sich in seine Wohnung fahren, um sich von dem einzigen Menschen, der immer gut und milde zu ihm war, von Frau Adelheid, aufrichten zu lassen.
Sie ist nicht allein. Ihr Bruder leistet ihr Gesellschaft. Wenn Schwester Emmi im Hafen nicht für ihn zu sprechen ist und es also keinen Zweck hat, an dieser Stätte emsiger Arbeit länger als nötig zu verweilen, hält er sich gern bei seiner Schwester auf, die mit ihren einsamen Abenden so wenig anzufangen weiß.
Sobald sie ihre Tochter zu Bett gebracht hat, überfällt sie ihre alte Melancholie, die sie ihrem stillen Kinde schon vererbt hat. Darum schließt sie sich gern den häufigen Theaterbesuchen ihrer Verwandten an oder weilt bei den Eltern, während ihr Mann bis in die späten Abendstunden über der Arbeit sitzt. Oft sehen sie einander tagelang nur in Gesellschaft Fremder und sind abgespannt und einsilbig, wenn sie heimkehren.
Man hat an diesem Abend beabsichtigt, ein Theater zu besuchen, eine sehenswerte Neueinstudierung, also eine Premiere gewissermaßen, die Felix Friemann sich nicht entgehen läßt. Seine Eltern folgen in diesem Punkte gern seiner Führung. Selbstverständlich trifft man auch Verwandte und Bekannte, und der Abend ist gut angewandt.
Joachim Becker hat Frau Adelheid nicht nur mit seiner frühen Heimkehr überrascht und beglückt; er erklärt sich auch bereit, sie zu begleiten.