Part 7
Schwester Emmi fühlt sich sehr unbehaglich. Sie beobachtet verstohlen die beiden Frauen und stellt fest, daß Irmgard die Züge und die hohe schmale Figur der Mutter hat. Aber was bei der alten Frau, die eine Greisin scheint, obgleich sie noch nicht fünfzig Jahre zählt, hart und streng gebildet ist, wirkt bei Irmgard weich und ausgeglichen.
›Was hat sie doch jetzt für ein liebes freundliches Gesicht‹, denkt die Schwester, wenn sie Irmgard Pohl betrachtet, die nun wieder ganz verjüngt wirkt. Sie empfindet den Kontrast neben der schweigsamen Frau wohltuend und erwärmend. Die schönen goldbraunen Augen Irmgards streifen besorgt ihre Mutter und bleiben mit großer Zärtlichkeit am Gesicht des Vaters haften.
Die Unterhaltung bewegt sich fast nur zwischen Irmgard und der Schwester. Sie sprechen von den Eigenheiten und drolligen Bemerkungen des kleinen Michael. Während der Mahlzeiten muß er im Schlafzimmer bleiben, denn Frau Pohl ist nicht für Unruhe und Unregelmäßigkeiten bei Tisch.
Dann unterhalten sie sich von den Aufgaben der Fürsorgestelle. Herr Pohl erkundigt sich nach den Ferienkindern und lobt Schwester Emmis Eifer und Erfolge. Sie ist sehr stolz darüber.
Frau Pohl vertritt die Ansicht, daß solche Fürsorge für die verwahrlosten Kinder der Arbeiter, die es gar nicht besser haben wollen, übertrieben sei, und sieht Schwester Emmi mißbilligend an.
Die Schwester blickt auf Vater und Tochter, aber weil beide rücksichtsvoll schweigen, entgegnet sie nur, daß »ihre« Leute Ausnahmen seien. Dann verabschiedet sie sich bald, weil ihre Pflichten warten.
Irmgard nimmt ihr das Versprechen ab, wiederzukommen, aber Frau Pohl sagt zu ihrer Tochter, als Schwester Emmi gegangen ist:
»Diese Person scheint nicht der geeignete Umgang für dich. Sie macht einen leichtsinnigen Eindruck und kann dich nicht zum Guten beeinflussen.«
»Ach, Mutter,« sagt Irmgard, »hast du so wenig Vertrauen zu mir? Aber wenn du wegen meines Umganges besorgt bist, will ich mich am besten an den Vater halten. -- Nimmst du mich mit?« fragt sie den Mühlenbesitzer, der sich erhoben hat, um wieder in sein Kontor zu gehen.
»Ich dachte, du deckst hier den Tisch ab«, sagt Frau Pohl.
»Sie kann mir im Kontor bei den schriftlichen Arbeiten helfen«, meint Herr Pohl einlenkend.
Irmgard ist ihm so dankbar für diese Worte, daß sie um seinetwillen rasch in die Küche läuft und das Hausmädchen holt, damit es der Mutter bei der Arbeit hilft.
Im Vorgarten hat sie den Vater bereits wieder eingeholt. Sie hängt sich in seinen Arm und fragt ihn:
»Könntest du mich nicht in deinem Bureau einstellen? Ich will auch gern noch einen Handelskursus mitmachen.«
Da bleibt er stehen und sieht ihr in das erwartungsvolle Gesicht:
»Siehst du, das habe ich auch gedacht!«
Und wie zwei gute Kameraden gehen sie Arm in Arm weiter.
Irmgard läßt sich in seinem Privatkontor auf das alte schwarze Ledersofa fallen, das sie schon als Kind zu stillen Träumereien aufgenommen hatte, während der Vater an seinem Schreibtisch arbeitete oder die Zeitung las.
In diesem Raum hat sich der Mühlenbesitzer von jeher am wohlsten gefühlt, denn drüben im Wohnhaus fand er keine Harmonie. Dort wird wieder von morgens bis abends nach einem unerschütterlichen, strengen Arbeitsplan gefegt, gewaschen, genäht, und keine Hand darf ruhn. Wie soll da die Seele Einkehr halten und ein Herz das andere finden? Aber er hat es aufgegeben, ein Prediger in der Wüste zu sein.
Michael Pohl dreht sich auf seinem Arbeitssessel um und blickt zu seiner Tochter hinüber, die mit verschränkten Armen lächelnd vor sich hinträumt.
»Was meinst du,« fragt er, »wie sollte man sich in einem solchen Fall verhalten?« Und er liest ihr einen Geschäftsbrief vor.
Es ist nicht das erstemal, daß er sie um einen Rat fragt, und seht an: so eine Frau findet manchmal den besseren Weg und scheint klüger als zwei Männer zusammen.
»Ja, so könnte man es machen«, sagt er befriedigt. Er dreht sich wieder um und überläßt sie weiter ihren Grübeleien.
Sie denkt, wie es wohl mit einem Generaldirektor und einem Kapitän im unfertigen Hafen gehen würde, und sie versucht, sich ein Bild von diesem Kapitän zu machen, der Joachim Becker zur Seite gestellt wird.
Darin aber stimmt sie mit allen überein, die den neuen Mann als Freund oder Feind erwarten: Ein richtiger Kapitän muß es sein, groß, mit wiegendem Gang und breiten Schultern, mit hellen blauen Augen und in einem dunkelblauen Anzug.
Der Kapitän
Am Nachmittag vor dem 1. August, dem Tage, der für den Einzug des Kapitäns bestimmt ist, werden einige Möbel und Kisten am Verwaltungsgebäude abgeladen. Wer gerade vorbeikommt, wirft einen Blick darauf, und es sind nicht wenige, die zufällig diesen Weg nehmen.
Der größere Teil dieses Hauses ist noch von Gerüsten umgeben, aber der linke Seitenflügel wird bereits überdacht, während der turmartige Mittelbau und der rechte Flügel noch nicht die vierte Etage erreichen.
Der fast fertige linke Teil hat einen besonderen Eingang an der Seite erhalten, direkt gegenüber der Hafenwirtschaft. Hier steht der Wagen, und Frau Reiche kann von ihrem Fenster aus jedes einzelne Stück betrachten.
»Es sind alles sehr einfache und alte Sachen«, sagt sie zu ihrem Küchenmädchen. Sie beobachtet den kleinen dunklen Herrn, der mit einem Verzeichnis in der Hand das Ausladen der Möbel verfolgt und mit gespreizten Schritten hinaufrennt, um die Aufstellung zu überwachen.
Der leere Möbelwagen fährt davon; der kleine Herr schließt die Wohnung ab und geht auch hinaus, ohne in der Hafenwirtschaft eingekehrt zu sein, Frau Reiche ist sehr enttäuscht; sie hätte durch ihn gern einiges über den Kapitän erfahren.
Nach der Ablösung bestellt der Tageswächter eine Flasche Malzbier bei Frau Reiche.
Ehe er die Flasche ansetzt, um sie in einem Zuge auszutrinken, sagt er:
»Na, Frau Reiche, haben Sie den Kapitän gesehen?«
»Den Kapitän?« fragt sie erstaunt. »Nein, ist er hier gewesen?« Sie kann es gar nicht erwarten, daß die Flasche leer wird und der Mann weiterberichtet.
»Er hat doch hier vor der Tür gestanden beim Ausladen der Möbel.«
»Der Möbel?« fragt sie ungläubig. »Sie meinen doch nicht den kleinen Mann mit der Liste?«
»Ob er eine Liste hatte, weiß ich nicht. Aber so ein kleiner dunkler Herr ist es gewesen.«
»Nein, mein Lieber«, sagt sie entschieden. »Ein Kapitän ist das nicht gewesen.«
»Aber er hat sich ausgewiesen. ›Kapitän v. Hollmann‹ hat auf der Karte gestanden, vom Direktor Becker unterschrieben.«
»Dann war es eben ein Beauftragter von ihm«, stellt sie fest, nun ganz sicher geworden.
»Na, das mag ja sein, aber wenn's richtig wäre, dürfte nur der Kapitän selber die Karte haben.«
Wie leicht läßt sich der Mann von der Ansicht einer Frau, die etwas mit Bestimmtheit zu sagen versteht, überzeugen! Der Wächter geht nun mit der sicheren Meinung nach Haus, daß der Kapitän doch blaue Augen und einen blauen Anzug hat.
Aber Herr Gregor muß am Abend bestätigen, daß der Kapitän ein kleiner Herr mit steifen Beinen in einem grauen Anzug ist. Ja, ein schmales brünettes Gesicht hat er und dunkle Haare auch, darin stimmt er in der Beschreibung mit Frau Reiche überein, denn Herr Gregor sah ihn heute früh im Stadtbureau.
»Das will ein Kapitän sein«, ruft Frau Reiche ein paarmal aus, und sie holt sogar ihren Mann herbei, um ihm zu berichten, daß sie als erste den Kapitän gesehen hat. So aufgeräumt und lustig ist sie lange nicht gewesen wie an diesem Abend. Immer wieder deckt sie komische Seiten dieses Mannes auf, der mit einer Liste in der Hand hinter seinen Möbeln hergerannt war, und der ein Kapitän sein soll.
Sie wird vor Freude darüber so unvorsichtig, daß sie in Gegenwart ihres Mannes Herrn Gregor auf die Schulter schlägt und mit einem zärtlichen Blick ihrer feuchten Augen versichert:
»Na, dann habe ich keine Sorge mehr!« Mit dem Kapitän wollte sie fertig werden!
Herr Gregor hat einen Zettel mitgebracht, der am Wächterhaus befestigt wird. Darauf steht zu lesen, daß alle abkömmlichen Hafenbeamten und -arbeiter sowie die Herren Bauleiter zu einer Besprechung am 1. August um 11 Uhr vormittags von Generaldirektor Becker in den großen Kantinenraum gebeten werden.
Wer seinen Platz verlassen kann, erscheint am nächsten Tage pünktlich und guckt sich den neuen Hafendirektor an. Der junge Generaldirektor stellt ihn mit einer kurzen Rede vor.
»Jeder, der Wünsche und Beschwerden hat, wird gebeten, sich an die Hafendirektion zu wenden. Die oberste Leitung bleibt nach wie vor bei der Generaldirektion in der Stadt.« Das sind seine letzten Worte.
Auch der Kapitän spricht -- mit einer zerbrochenen Stimme, als kämpfe er gegen einen heftigen Sturm -- einiges zur eigenen Einführung. Er hoffe und wolle und so weiter. Es ist nichts von Belang; die schweigend abziehende Versammlung hat jedenfalls Neues daraus nicht entnommen.
Vor der Tür verweilen sie noch einen Augenblick und sehen einander an.
»Tja«, sagt wohl der eine oder andere.
»Nun, wir wollen erst einmal abwarten!« Damit scheint zunächst die Ruhe und Ordnung im Hafen wiederhergestellt.
Joachim Becker ist dann mit dem Kapitän ins Verwaltungsgebäude hinübergegangen, sie sind durch die leeren Bureauräume des Erdgeschosses gewandert, die der Kapitän nun allmählich mit seinem Personal beleben soll. An der Treppe zum oberen Stockwerk sagt der Generaldirektor:
»Meine Frau kommt also heute nachmittag, um Ihnen in der Einrichtungs- und Bedienungsfrage ein wenig zu raten. Sie wollte es sich nicht nehmen lassen.«
»Das ist sehr liebenswürdig,« sagt der Kapitän, »das ist ganz reizend«, und er reibt seine trocknen Hände, daß es raschelt.
»Ich habe Rechtsanwalt Bernhard gebeten, meine Frau zu begleiten. Er ist ein Freund der Familie Friemann und kann Sie als unser Rechtsbeistand gleichzeitig über einige juristische Fragen flüchtig unterrichten.«
»Rechtsanwalt Bernhard«, wiederholt der Kapitän, um sich den Namen einzuprägen. »Sehr schön, sehr schön!«
Sie gehen um die Schmalseite des fertigen Hafenbeckens herum, das gerade vor dem Verwaltungsgebäude endet, und spazieren am Kai entlang.
Generaldirektor Becker, der soeben von einer Reise aus England zurückgekehrt ist, zieht eine Pfeife aus der Tasche, stopft sie geschickt mit einer Hand, während er die Linke in der Hosentasche hält, und steckt sie in den Mundwinkel. Er sieht dabei fast wie ein leibhaftiger Engländer aus.
»Ja«, sagt er, »die englischen Häfen. Davon können wir noch viel lernen.«
Vor der Lagerhalle I bleiben sie stehen, um dem Lagerkontoristen einen Besuch zu machen.
Herr Karcher springt beim Eintritt der beiden Herren von seinem Stuhl auf, und siehe da: er ist nicht viel kleiner als der Kapitän.
Sie beratschlagen kurz, ob es besser sei, Herrn Karcher hierzulassen oder in das Verwaltungsgebäude hinüberzunehmen, doch der Kapitän ist dafür, daß alles beim alten bleibt.
Der Generaldirektor muß sich nun verabschieden und empfiehlt dem Kapitän Herrn Karcher zur weiteren Führung. Aber der Kapitän will sich selbst orientieren.
Er begleitet Joachim Becker vor die Tür und beginnt seinen Rundgang beim Bodenmeister Ulrich in der Lagerhalle II.
Nun ist der große Augenblick für den weltgereisten Herrscher des künftigen Getreidespeichers gekommen.
»Also Sie sind der Getreidefachmann«, sagt der Kapitän auf eine diesbezügliche Bemerkung hin.
»Ja,« erwidert der Bodenmeister mit strammer Haltung, »im Hafen von Rustschuk bin ich zehn Jahre tätig gewesen.«
»Ei sieh da, Rustschuk!« ruft der Kapitän gutgelaunt aus. »Da ist ein hübsches Schloß. Und an neunundzwanzig Moscheen kann man sich mehrere Tage lang nicht sattsehen. -- Rustschuk«, wiederholt er in freundlicher Erinnerung, während er vorangeht und die Lagerwaren betrachtet.
Bodenmeister Ulrich folgt ihm stumm, betroffen. Vom großen Donauhafen wollte er sprechen, von seinem technischen Wissen, aber die Moscheen hat er nicht gezählt. Einsilbig erklärt er die Art der eingelagerten Waren, und als der Kapitän die Halle verläßt, sieht er ihm kopfschüttelnd nach.
Nun kommt die Lagerhalle mit den Ölen und Fetten an die Reihe, auch das große Freilager an Kohlen und Schrott wird besichtigt, der Kapitän sieht sich alles eingehend an und sagt:
»Sehr schön, sehr schön.«
Dann bleibt er noch eine Weile beim Lademeister stehen und unterhält sich mit ihm. Zum Schluß sagt er:
»Ja, da will ich Sie also nicht länger von der Arbeit abhalten«, und geht weiter.
Er stellt sich nicht hin und sieht den Leuten zu, bis sie unsichere Hände bekommen. Er spricht sie an und plaudert mit ihnen.
Selbst mit dem kleinen flachsblonden Tom vom Schiffer Jensen will er sich unterhalten. Der verschmitzte Bengel ist gerade der Schwester Emmi davongelaufen, um zu seinem Pudel auf des Vaters Kahn zu flüchten.
»Na, was machst du denn hier?« fragt der Kapitän mit seiner heiseren Stimme, lächelnd.
Das ist wohl nicht der richtige Verkehrston für Tom, denn er rennt brüllend weiter. Es gelingt Schwester Emmi, ihn vor der Flucht auf den Kahn zu erreichen, denn hier wird ausgeladen, und da hat ein vierjähriger Bengel nichts zu schaffen.
»Warum ist er denn fortgelaufen?« fragt der Kapitän die Schwester.
»Er ist heute noch nicht gewaschen, denn seine Mutter liegt im Krankenhaus. Wie ich mich umdrehte, um den Schwamm zu nehmen, rannte er davon.«
Diese wilde Wasserratte, der Tom, auf dem Wasser geboren und immer dem Wasser nahe, vor einem nassen Schwamm hat er Angst. Der Kapitän lacht.
»Sie gehören auch zum Hafen?« fragt er.
»Ja,« sagt Schwester Emmi, »ich bin die Fürsorgeschwester.«
»So, so, da haben Sie ja eine schöne Aufgabe. Vielleicht besuchen Sie mich einmal heute nachmittag, damit wir uns darüber unterhalten können.«
Schwester Emmi bekommt Herzklopfen. Natürlich kann man sich darüber unterhalten, da gibt es viel zu berichten, aber warum nicht gleich, warum erst nachmittags, so daß sie bis dahin vor Angst vergeht?
»Um welche Zeit, bitte?« fragt sie.
»Nun, so gegen sieben.«
Der Lademeister sieht einen Augenblick auf. Es geht ihn ja nichts an, aber er denkt: bisher war hier im allgemeinen um vier Uhr Schluß für diejenigen, die frühmorgens angetreten sind, und Schwester Emmi ist immer mit den ersten auf den Beinen. Jedenfalls wollte er einmal mit seiner Frau darüber sprechen, was das für eine Art sei, ein junges Mädchen um sieben Uhr in die Wohnung zu bestellen, denn ein Bureau ist noch nicht vorhanden.
Zwei Stunden später bereits hat der Kapitän mit der Generaldirektion telephoniert und Möbel für zwei Bureaus angefordert, dazu eine Sekretärin. Denn nun weiß er, was er im Hafen zu tun hat.
Als nachmittags um fünf Uhr Frau Generaldirektor Adelheid Becker mit Rechtsanwalt Bernhard im Hafen vorfährt, wird sie bereits im neuen Privatkontor des Hafendirektors empfangen. Ja, das ist schnelle Arbeit!
Frau Adelheid kann sich gar nicht fassen, so erstaunt ist sie über die vielen Fortschritte im Hafen. Sie hat ihn seit der Geburt ihrer Tochter nicht gesehen.
»So, ein Töchterchen?« fragt der Kapitän, mit einem Blick auf ihr kindliches rundes Gesicht.
Sie errötet. »Ja,« sagt sie, »ich bin sehr glücklich darüber. Aber mein Mann wollte eigentlich einen Sohn.«
»Es ist ein reizendes Kind«, meint Rechtsanwalt Bernhard. »Es hat ganz und gar die Augen der Mutter.«
»Das sind die Friemannschen Augen,« sagt Frau Adelheid, »sie sehen bei dem Kinde so traurig aus. Aber das verliert sich wohl.«
Rechtsanwalt Bernhard findet, daß Frau Adelheids Augen auch nicht lustiger sind, ja sie dünken ihn sogar sehr traurig, und es wird immer schlimmer damit. Als er die junge Frau abholte, waren die Lider verdächtig gerötet, und Rechtsanwalt Bernhard gäbe viel darum, wenn er das strahlende Lächeln der Adelheid Friemann aus der Tanzstundenzeit nur ein einziges Mal wiedersehen könnte.
»Wissen Sie noch,« fragt er, um sie abzulenken, »als wir zum ersten Spatenstich hier waren?«
»Ach ja«, ruft sie begeistert aus. »Das war hier alles ebene Erde mit ein paar Bäumen. Und -- ach, was meinen Sie wohl, Herr Doktor, wo mag das gewesen sein -- der Platz mit den Linden und den langen Tafeln, wo wir nach der Feier gefrühstückt haben?«
Ihr Gesicht ist selig verklärt, während sie zum Fenster hinausspäht und den Platz sucht, zu dem ihr Mann sie damals geführt hatte, als sie sich so glücklich geborgen fühlte, nachdem sie vorher wie ein verirrtes Kind war.
Rechtsanwalt Bernhard überlegt. Plötzlich sagt er sehr laut und selbst überrascht:
»Ja, denken Sie, das war hier, genau hier, wo wir jetzt stehen. Man hat das Verwaltungsgebäude auf diesen Platz gebaut. Ich weiß es bestimmt, denn wir hatten den Blick auf den Kanal und die --«
Er stockt, denn er wollte sagen »die Mühle«, aber gerade in diesem Augenblick will er Frau Adelheid nicht an die Nachbarn erinnern, über deren Bedeutung sie sicher unterrichtet ist.
Darum sagt er weiter: »Und die lange Tafel, an der wir die belegten Brote aßen, hat vielleicht gerade hier gestanden, einen Meter unter uns auf der weichen Erde. Ich weiß noch, wie Sie mit Ihrem schmalen Absatz fast eingesunken waren, so locker war die Erde.«
»Ja, wissen Sie das?« fragt sie gedankenlos. Es fällt ihr nicht einmal auf, daß Rechtsanwalt Bernhard damals anscheinend gar zu genau ihre Füße betrachtet hat, so erfüllt ist sie von dem beseligenden Gefühl, auf diesem Platz zu stehen.
»Und später,« sagt sie dann, um sich endlich von der Erinnerung loszureißen, »später war ich einmal hier, da habe ich nur Löcher gesehen. Überall wurde die Erde aufgerissen, aber es war noch kein Wasser im Hafenbecken, und noch nicht ~ein~ Gebäude wuchs heraus. Seitdem bin ich, offen gestanden, nicht hier gewesen.«
Sie sprach die letzten Worte etwas leiser, als sei es ihr peinlich, das eingestehen zu müssen.
»Dann darf ich hoffen,« sagt der Kapitän verbindlich, »daß Sie durch mich heute einen willkommenen Anlaß zum Besuch fanden?«
»Ach ja«, erwidert sie, von neuem errötend. Sie fühlt sich so erkannt.
Der Kapitän bietet ihr eine Führung durch den Hafen an. Sie wehrt ab.
»Nein,« sagt sie, »dann wird man von den Menschen so angestarrt. Ich kann es auch von hier sehen.«
Das Klingeln des Telephons befreit sie in diesem Augenblick aus ihrer Verlegenheit, denn nun wird der Kapitän von ihr abgelenkt, und Rechtsanwalt Bernhard ist ihr schon etwas vertrauter. Sie stellen sich ans Fenster, während der Kapitän in den Apparat spricht.
Plötzlich hört Frau Adelheid ihn sagen: »Gewiß, Herr Kommerzienrat, also morgen früh.«
»Ach -- Papa,« ruft sie aus und macht unwillkürlich mit erhobenem Arm einen Schritt zum Telephon.
Der Kapitän hat sie verstanden und bittet den Kommerzienrat, einen Augenblick zu warten.
Sie nimmt den Hörer.
»Ja, ich bin hier -- Papa -- Adelheid.« Sie sagt diese Worte mit ganz kleiner schüchterner Stimme, wie ein Kind, das zum erstenmal telephoniert.
Die beiden Herren sind höflich zur Seite getreten. Der Kapitän erkundigt sich nach den Prozessen, der Rechtsanwalt ist jedoch dafür, in dieser Angelegenheit an einem anderen Tage vorzusprechen.
»Ja -- ja,« sagt Frau Adelheid nun mit fast ersticktem Ton. Rechtsanwalt Bernhard sieht plötzlich das vermißte reizende Lächeln auf ihrem heißen Gesicht. Es hält noch an, als sie den Hörer hinlegt und sagt: »Papa kommt sofort hierher.«
Dann setzt sie eine ernste hausfrauliche Miene auf und erwähnt den eigentlichen Zweck ihres Besuches: dem Kapitän behilflich zu sein. Sie fragt, ob er schon einen Tapezierer für seine Wohnung habe, und wie es mit der Reinigung stehe.
Er dankt ihr sehr herzlich, die Vorhänge und Gardinen habe heute nachmittag -- soeben, ehe sie erschien -- der Dekorateur befestigt, der mit den Geschäftsmöbeln kam. Die Reinigung könne die Frau übernehmen, die drüben im Lager das Kontor versehe.
»Ich dachte an eine Wirtschafterin, die man Ihnen besorgen könnte, des Essens wegen«, sagt sie hilfsbereit.
Nein, das sei nicht nötig. Er würde in der Kantine essen.
»Ach, Sie sind ja ein sehr anspruchsloser und praktischer Junggeselle.«
»Ja, das wird man mit der Zeit«, sagt er; aber weil sie sehr enttäuscht scheint, und damit sie den Zweck ihres Besuches nicht verfehlt habe, meint er, daß er in anderen Fragen gern ihren Rat erbeten hätte, in Geschmacksfragen bezüglich der Einrichtung. Ob er ihr die Wohnung zeigen dürfe.
»Ach ja.« Sie ist sehr erleichtert, und nun gehen sie zu dritt in die erste Etage.
Frau Adelheid gefällt alles sehr gut. Sie haben das Eßzimmer und das Arbeitszimmer besichtigt. In den Schlafraum hat sie nur durch die offene Tür einen scheuen Blick geworfen.
»Diese schönen alten Möbel,« sagt sie vor dem breiten Mahagoni-Schreibtisch, »sie haben sicherlich einen großen Wert.«
»Das kann sein. Für mich sind es jedenfalls kostbare Erinnerungen. Sie stammen noch von meiner Mutter.«
»Sie sind musikalisch?« fragt Rechtsanwalt Bernhard, mit einem Blick auf den Geigenkasten.
»Ein wenig. Nur für den Hausgebrauch«, meint der Kapitän. Er geht sehr schnell über das Thema hinweg und fragt Frau Adelheid, ob nach ihrer Ansicht dieses Bild richtig hänge.
»Das Bild hängt sehr schön so, es wirkt sogar ganz ausgezeichnet an dieser Stelle.« Nein, hier kann Frau Adelheid nichts verbessern. Sie merkt, daß der Kapitän ihr nur gefällig sein wollte.
Zum Glück fährt in diesem Augenblick der Wagen des Kommerzienrats vor. Sie entschuldigt sich bei dem Kapitän und eilt die Treppen hinab, um ihren Vater zu begrüßen. Die beiden Herren folgen langsam. Rechtsanwalt Bernhard möchte sich gern über die moderne Musik mit dem Kapitän unterhalten; er sei sehr musikalisch. Aber der Kapitän spricht lieber von etwas anderem.
Der Kommerzienrat ist ausgezeichneter Laune. Er hat sich in den Arm seiner Tochter gehakt und schlägt eine gemeinsame Besichtigung des Hafens vor. Nun hat Frau Adelheid keine Angst mehr, sie läßt sich alles eingehend erklären, obgleich sie immer wieder eingestehen muß, daß sie nicht viel davon begreift. Aber das Ganze macht auf sie einen gewaltigen Eindruck.
Selbst dem Kommerzienrat imponieren die Fortschritte. Er spricht sich lobend dem Kapitän gegenüber aus, der doch daran noch gar keinen Anteil hat.
»Ja, und wenn mein Sohn seinen Doktor gemacht hat,« sagt er mit väterlichem Stolz, »dann kann er bei Ihnen als Volontär eintreten, Herr Kapitän.«
»Papa, er hat ihn noch nicht gemacht«, warnt Adelheid mit abergläubischer Ängstlichkeit.
»Er ~wird~ ihn machen, mein Kind,« meint er lächelnd, »in zwei Monaten haben wir ein Telegramm.«
Wenn er jetzt seine kleinen dicken Hände frei hätte, so würde er sie vor Vergnügen ineinander legen, wie es zu Hause, im Familienkreis, seine Art ist. Aber da er seine Tochter eingehakt hat, begnügt er sich damit, ihren Arm ein wenig zu drücken. Er ist, weiß Gott, der beste und dankbarste Vater, den man sich denken kann.
»Ihr Sohn ist Nationalökonom?« fragt der Kapitän, um auch etwas zu sagen.
»Ja, erst hatte er sich zwar allzusehr für die schönen Künste interessiert, wie das so in diesem Alter üblich ist, aber schließlich wandte er sich doch einer gesünderen Kunst zu.«
Der Kommerzienrat lacht, und der Kapitän stimmt höflich ein.
»Heutzutage werden die jungen Leute mit den tiefgründigen Kunstgesprächen geradezu aufgepäppelt, dafür haben sie es aber auch schneller überwunden«, fügt der Kommerzienrat hinzu.
»Ja, das mag sein«, meint der Kapitän, er macht nicht den Eindruck, als ob er in solchen Fragen kompetent sei.
Schließlich fährt der Kommerzienrat mit seiner Tochter nach Hause, und Rechtsanwalt Bernhard, der dem Wagen lange nachblickt, kann nun dem Kapitän über die juristischen Angelegenheiten berichten.
Pünktlich um sieben Uhr findet sich Schwester Emmi im Bureau des Kapitäns ein.
»Also, bitte, setzen Sie sich, Fräulein -- wie war doch Ihr Name?«
»Schwester Emmi.«
»Also -- Schwester Emmi -- und erzählen Sie mir von Ihren Arbeiten. Wo sind Sie ausgebildet worden?«
Schwester Emmi wird ganz zaghaft. Mein Gott, wann soll sie beginnen? Bei ihrer Geburt? Wo sie ausgebildet wurde? Sie ist doch eigentlich Säuglingsschwester. Aber das wird sie ihm nicht sagen. Sie wird seine Frage einfach überhören. Über ihre Vergangenheit spricht sie nicht gern. Von ihren Arbeiten im Hafen jedoch will sie erzählen. Natürlich wird sie an einer ganz falschen Stelle anfangen, sie weiß es genau. Doch da sie etwas sagen muß, so redet sie darauf los, kunterbunt durcheinander. Sie zählt alles auf, was sie bisher getan hat; dabei merkt sie erst, daß es, so einfach summiert, gar nicht bedeutend wirkt. Im Gegenteil, es ist sogar sehr wenig. Sie versucht, die gequetschten Finger und verstauchten Füße zu zählen, die herausgezogenen Holz- und Eisensplitter werden nicht vergessen, und die verwundete Hand des Maurers Johannes rechnet sie als fünf kranke Finger. Aber dann ist sie am Ende, und sie hat das Gefühl, daß nun alles verloren sei. In Gottes Namen! Und wenn sie wieder zurückgehen muß zu den egoistisch-glücklichen jungen Müttern und den hungrigen Ehemännern, so soll es ihr auch gleich sein. Diese Qual hält sie nicht länger aus.
Aber der Kapitän sagt: »Sehr schön, sehr schön.«
Und dann läuft er im Zimmer umher, immer auf und ab, mit seinen gespreizten steifen Beinen und erzählt auch etwas -- von einem Professor und einem wissenschaftlichen Institut, von klinischen Untersuchungen und chirurgischen Eingriffen, von Lehrschwestern und so weiter. Die Schwester versteht nur die Hälfte davon, und sie weiß nicht, wohin das alles führen soll.