Chapter 12 of 19 · 3993 words · ~20 min read

Part 12

Irmgard ist zu gesund und vernünftig, um auf den Gedanken zu kommen, daß der Knabe nun so leiden müsse, weil sie gestern im Begriff war, ihn aufzugeben, oder weil es sie im letzten Jahr immer weniger schmerzte, wenn die Mutter ihn allein für sich in Anspruch nahm.

Doch sie hat keine Sehnsucht mehr nach der »Welt«, sie nimmt es als eine Mahnung hin, daß trotz allem in diesem Hause der Pflichterfüllung ihr Platz sei. Sie weiß wieder, daß sie im Grunde eine ernste und arbeitsame Natur ist, die nur zuweilen feiertäglich beschwingt und gelöst sein will. In der Erinnerung an diesen Abend der Klänge und der Heiterkeit erkennt sie gleichzeitig, daß sie solcher Stunden auch bedarf, um nicht wie die Mutter über ihrem Tagewerk zu erkalten.

Sie beschließt, sobald der Knabe wieder gesund sei -- der Gedanke an eine ernstliche Gefahr liegt ihr vollkommen fern --, den Kapitän zu bitten, daß er sie wieder in ein Konzert oder Theater begleite. --

Als die Krankheit des Kindes sich steigerte und heftigere Formen gewann, ließ Schwester Emmi es sich nicht nehmen, zu Herrn Pohl in das Bureau hinüberzugehen, um dort einige Ratschläge aus ihrer Praxis niederzulegen. In die Wohnung wollte sie sich »ihrer Kinder wegen« nicht begeben, so gern sie persönlich geholfen hätte.

Herr Pohl drückt ihr immer wieder die Hand. Er läuft in diesen Tagen unruhig und mit vielen Umwegen in seinem Betriebe umher und kann nicht still in seinem Schreibtischsessel sitzen. Nun schreibt er alles getreulich auf, was Schwester Emmi ihm diktiert, und sagt kaum ein Wort.

Das wäre wohl das letzte, daß er diesen kleinen Kerl verlieren sollte, den er allmählich ohne viel Aufhebens in sein altes, viel getäuschtes Herz aufnahm.

Er begleitet Schwester Emmi bis vor die Tür und gibt beim Abschied ihre kleine feste Hand langsam frei. Wie er durch den dunklen Korridor zu seinem Zimmer zurückgeht, stützt er sich ein paarmal mit der Handfläche schwer gegen die Wand. --

Vor der Kantine begegnet Schwester Emmi dem Generaldirektor. Sie will ihm flink ausweichen, aber er tritt ihr entgegen und sagt sehr ungehalten:

»Ich sehe, Sie verlassen hier Ihren Platz!«

Sie glaubt, daß er sah, woher sie kam, und greift rasch zu einer Lüge.

»Ich hatte nur in der Mühle für die Verwaltung etwas auszurichten«, stammelt sie.

»So. Sie von der Fürsorge hätten am wenigsten Ursache, die ansteckende Krankheit von drüben hierher zu verschleppen. Oder ist die Gefahr vorüber?« fügt er etwas milder hinzu.

Es fällt ihr ein, daß es sich doch eigentlich um seinen eigenen Sohn handele und daß die Besorgnis ihr vor dem Generaldirektor zur Ehre gereichen müsse. Sie antwortet daher mit betrübtem Blick:

»Leider nein. Es steht sehr schlimm.«

Unwillkürlich sieht sie dabei verlegen zu Boden, und da sie in Anwesenheit von Vorgesetzten immer ein wenig verwirrt ist, zieht ein roter Schein über ihr kleines Gesicht.

Der Generaldirektor ist seit dem Telephongespräch in dieser Angelegenheit mißtrauisch geworden. Er vermutet überall Mitwisser, hämischen Klatsch. Im übrigen aber hofft er noch, daß seine wahnwitzige Hypothese falsch sein könne. Er bringt sich selbst in schiefe Situationen, um endlich aus der scheußlichen Ungewißheit herauszukommen. Vielleicht hat er zage vermutet, bei diesem Gespräch, das zu einer glatten Zurechtweisung der armen Fürsorgeschwester wurde, etwas zu erfahren.

Ärgerlich wendet er sich ab und geht in das Verwaltungsgebäude.

Am Schluß der geschäftlichen Besprechung mit dem Kapitän sagt er:

»Ich sah vorhin die Fürsorgeschwester von der Mühle kommen. Was hat gerade sie dort zu suchen, wo die ansteckende Krankheit ist? Hatten Sie keinen anderen Boten?«

Es verstimmt ihn, daß er nicht sofort davon sprach, sondern nervös während der geschäftlichen Auseinandersetzung die geschickteste Formulierung suchte. Seine Worte klingen daher schroffer, als es in seiner Absicht lag.

Der Kapitän ist nicht geneigt, sich von einem Vorwurf, zu dem keine Veranlassung vorliegt, auf Kosten eines Angestellten zu befreien. Außerdem weiß er nun, worauf Joachim Becker hinauswill.

»Ja,« meint er leichthin, während er mit den Händen auf dem Rücken in die Mitte des Raumes stelzt, »sie ist drüben bekannt, die Schwester Emmi. Sie hat seinerzeit Fräulein Pohl gepflegt. Übrigens haben Sie wohl auch nicht gewußt, daß sie eigentlich gelernte Säuglingsschwester ist?«

»Nein«, sagt der Generaldirektor verdutzt. Nun hat er seine Gewißheit. Auf so viel Aufklärung war er nicht einmal gefaßt. »Sie macht doch ihre Sache bei unserer Fürsorge ganz gut?« bringt er, immer noch sehr barsch, hervor.

»Allerdings, ausgezeichnet«, erwidert der Kapitän, der nun seine Stiefelspitzen beguckt. »Die Kenntnisse schaden durchaus nicht. Warum sollen sie nicht auch hier im Hafen noch zu verwerten sein?«

Er lacht wie über einen Witz. Der Generaldirektor nimmt es als eine geschmacklose Anspielung und verabschiedet sich zum erstenmal von diesem korrekten Mitarbeiter, ohne ihm die Hand zu reichen. -- -- --

Eines Nachts, nachdem Frau Pohl in ununterbrochener Pflege um das Leben des kleinen Kranken gekämpft hat, wird sie wieder von dieser Vision erschreckt: ein Kind, noch unausgeprägt in seinen Formen, vielleicht erst wenige Tage alt, liegt ohne Atem in ihrem Arm; sie lauscht, tastet und kann die Starrheit des winzigen Körpers mit ihrer eigenen Wärme nicht lösen.

Unmittelbar anschließend erscheint ihr dann diese beängstigende Barriere, die undurchdringliche Wand vor dem Abgrund in ihrer Erinnerung.

Sie weiß nichts mit diesem Bild zu beginnen, denn da liegt ihr Kind mit den Zügen Michael Pohls, und es fehlt ihr jede Ordnung in ihrem Gedächtnis.

Sie beugt sich zu dem Knaben herab und lauscht, dicht am fiebernden Körper, seinem geschwächten Herzschlag. Periodisch wiederkehrende Erstickungsanfälle, wohl vierzig an diesem Tag, haben den kleinen Organismus vollkommen erschüttert.

Frau Pohl starrt mit ihren heißen, fanatischen Augen angespannt auf die Uhr. Sie hat sich die Zeit für den nächsten Anfall ausgerechnet. Die Sekunden schleichen. Aber der Zeiger rührt sich, rückt fürchterlich vorwärts.

Das Brausen und Feilen des Blutes in ihrem Kopf, die gleichmäßigen Atemzüge ihres Mannes, der -- hilfsbereit -- angekleidet auf seinem Bett liegt, das Ticken der Uhr scheinen ihr lärmende Geräusche in der nächtlichen Stille.

Der Knabe wirft sich herum. Frau Pohl umklammert das Gitter des Bettes, vornübergebeugt, atemlos.

Den Körper gestrafft, jedes Gefühl, jeden Gedanken ausgeschaltet, alle Kräfte im wartenden Blick, im Lauschen des Ohrs gesammelt, so verharrt sie ohne Gefühl für Zeit und Raum.

Sie nimmt wahr, wie die Atemzüge allmählich reiner und gemäßigter werden, wie der Körper sich beruhigt, wie die fiebernde Röte schwindet.

Unvermittelt entsinnt sie sich der Uhr. Überschreitet der Zeiger nun die Zahl, ohne daß die Stille von jenem grauenhaften Bellen und Stöhnen des Kindes gestört wird?

Sie wendet ihr Gesicht zum Zifferblatt. Es verschwimmt, grau, mit einem tanzenden Zahlenkreis, vor ihrem Blick. Sie hebt die Hände über die Augen und starrt fassungslos auf die Uhr. Zwei Stunden sind vergangen, zwei Stunden war ihr eigenes Dasein ausgeschaltet, zwei Stunden bereits beginnt der Knabe zu genesen.

Sie preßt die Zähne gegen ihren Handrücken, um nicht vor Freude zu schreien. Sie weint lautlos, mit krampfhaft unterdrücktem Schluchzen, während sie in der Mitte des Zimmers steht, hager, abgezehrt, mit ihrem glühenden, eingefallenen Gesicht.

Dann setzt sie sich auf den Stuhl neben das Kinderbett und schläft augenblicklich ein, die Hände im Schoß, den Kopf zur Seite geneigt, die rissigen Lippen leicht geöffnet. --

Im Morgengrauen erwacht Michael Pohl. Die Kleider kleben an seinem Körper. Die Glieder sind schwer, ohne Gefühl.

Ein schwaches, leise stöhnendes Husten läßt ihn erschreckt hochfahren. Mit stechendem Schmerz fühlt er das Blut von der raschen Bewegung in den Schläfen aufwallen und verebben.

Er geht zum Kinderbett hinüber. Auch Frau Pohl ist von dem Geräusch schreckhaft erwacht. Sie beugt sich über den Knaben und hebt das Gesicht zu ihrem Mann wieder auf.

»Er hat im Schlaf gehustet«, flüstert sie, mit einem weichen Lächeln im ausgeruhten Gesicht.

Ihre Blicke haften ineinander, sekundenlang. Michael Pohl berührt sachte ihre Schultern. Da fährt sie zusammen.

»Wieder habe ich es gesehen«, flüstert sie ängstlich. »Jetzt, in diesem Augenblick, ganz deutlich.«

Er löscht das Licht und führt sie in das Nebenzimmer. Blaugraue nebelverhüllte Morgenluft ist hinter den Fenstern.

Während Frau Pohl starr geradeaus blickt, beginnt er, sie vorsichtig auszufragen.

Sie erzählt von der Vision.

»Ja,« sagt er, den Blick ruhig, zwingend auf ihre Augen gerichtet, »das war dein Sohn! Und der Knabe nebenan, den du dir heute nacht ins Leben zurückgerettet hast, ist Irmgards Sohn. Aber nun gehört er dir, als wäre er dein eigener.«

Sie versucht, den Kopf zu bewegen. Steif wendet sie ihn dem Fenster zu und starrt wieder in ihre Erinnerung zurück.

»Wie lange war ich krank?« fragt sie mühselig, tonlos.

»Fünf Jahre.«

»Fünf Jahre ...« wiederholt sie langsam.

Michael Pohl nimmt ihre kalten, zuckenden Hände auf.

»Alles,« flüstert sie hastig, »alles mußt du mir erzählen!«

Und er berichtet langsam, was sie zunächst zu fassen vermag, bis mählich ihre Augen ruhig werden und sie alle Zusammenhänge erkennt.

Sie äußert sich nicht. Sie lehnt stumm den Kopf an seine Schulter und schließt die Augen.

Er streicht zärtlich über ihre stumpfen braunen Haare mit den grauen Streifen und atmet leichter, befreit. Ob jetzt das Leben auch für sie beide noch einmal beginnt? -- -- --

Nun weiß Joachim Becker, welche Bewandtnis es mit dem Knaben in der Mühle hat, und könnte zur Tagesordnung übergehen. Laufen nicht genug Kinder in der Welt umher, die von ihren Vätern niemals gesehen wurden, ja, von deren Existenz die Erzeuger keine Ahnung haben? Es wäre wirklich keine Ursache, diese Angelegenheit allzu wichtig zu nehmen.

Aber daß er gerade jetzt auch von der Krankheit erfahren mußte, kompliziert den Fall. Schließlich ist er ein fühlender Mensch, und wenn jemand schwer darniederliegt, kann er ihm seine Teilnahme nicht versagen. Er malt sich aus, was der Verlust für Irmgard Pohl bedeuten müßte, denn an ein Kind von fast zwei Jahren hat man sich immerhin gewöhnt. Schon aus diesem Grunde hätte er gern gewußt, wie es mit dem Knaben steht.

Er findet eine geschäftliche Angelegenheit, die sofort mit dem Kapitän besprochen werden kann. Also fährt er wieder in den Hafen und sieht sich dort gelegentlich auch nach Schwester Emmi um. Man könnte ihr heute ein freundliches Wort geben, obgleich ihm der Gedanke nicht angenehm ist, daß sie recht viel von seinen rein privaten Angelegenheiten weiß.

Schwester Emmi wird ihn wohl rechtzeitig erspäht haben. Sie läuft nicht ein zweites Mal blind in Ungelegenheiten hinein. Aber der Kapitän ist da, freundlich und höflich wie immer. Joachim Becker sieht ein, daß er ihm neulich Unrecht getan hat.

Er drückt ihm kräftig die Hand und bietet ihm von seinen Zigaretten an, während sie sich über die Fortschritte am Bau ihres Getreidespeichers unterhalten.

»Nun werden wir es bald nicht mehr nötig haben, unser Getreide drüben einzulagern.«

»Wie steht es übrigens jetzt mit der Ansteckungsgefahr? Es wäre mir sehr peinlich, wenn einer der Schiffer, die hier im Winterlager sind, dadurch mit seinen Kindern Sorgen bekäme«, meint der Generaldirektor bei dieser Gelegenheit. Es gelingt ihm der beabsichtigte leichte Ton.

Vielleicht ist der Kapitän der Ansicht, daß die Sorge um die Kinder der Schiffer erst an zweiter Stelle käme. Er rückt ein wenig an seinem Stuhl und erwidert:

»Wie solche Krankheiten manchmal verschleppt werden können, ist nicht abzusehen. Ich habe mich gestern telephonisch erkundigt und die betrübliche Nachricht erhalten, daß der Junge in größter Gefahr schwebt. Ob die Krisis jetzt überwunden ist, weiß ich nicht.«

Wenn er mehr Erbarmen mit Joachim Becker hätte, der so vortrefflich seine Vatergefühle verbirgt, dann würde er vielleicht seiner Sekretärin Auftrag gegeben haben, anzufragen, wie es jetzt »drüben« steht. Der Generaldirektor hätte eine beruhigende Nachricht mitnehmen können, wenn sie auch sonst ohne Wert für ihn wäre. Doch der Kapitän unternimmt nicht mehr, als für einen neutralen Mann nötig ist.

Joachim Becker drückt sein Bedauern über den traurigen Fall aus und wendet sich wieder den geschäftlichen Dingen zu.

Nachdem er sich verabschiedet hat, läßt der Kapitän sich sofort mit Irmgard Pohl verbinden, um seinerseits Gewißheit zu gewinnen.

»So, das ist ja ausgezeichnet, ausgezeichnet!« antwortet er auf die gute Auskunft hin. Er beugt sich in seinem Stuhl vor, den Arm mit dem Hörer aufgestützt, als wolle er sich noch lange in dieser angenehmen Weise unterhalten.

»Da gratuliere ich uns allen!« ruft er hinterher.

»Ja, mir auch«, antwortet er auf Irmgards Frage, »denn ich habe doch die Einladung nicht vergessen.«

Er plaudert im gleichen angeregten Ton weiter: Gewiß, eine Woche würde er sich gern gedulden, auch etwas länger, wenn es sein müßte.

Dann richtet er sich plötzlich auf. Seine Stimme wird noch lauter, weil er den Ton sehr tief aus der Kehle holen muß.

Wie? Verreisen? Wie lange? Ein ganzes Jahr? In die Schweiz? Er habe doch recht gehört: sie selbst? Ja, dann wünsche er alles Gute. Ach, in ein paar Wochen erst? Gewiß, dann hätte er noch Gelegenheit, sich persönlich zu verabschieden. Demnach also auf Wiedersehen! Und eine Empfehlung an die Eltern!

Er legt den Hörer langsam hin. Sein schmales kantiges Gesicht mit den vielen Falten in der braunen, trocknen Haut sieht nicht befreiter aus als das Joachim Beckers, der vor wenigen Minuten diesen Raum verließ.

Aber auch diese Woche vergeht, und er begibt sich eines Abends gegen sieben Uhr auf den kurzen Weg zum Nachbarn. Seine Geige ist natürlich zu Hause geblieben, denn nun hat es ja keinen Zweck, damit zu beginnen.

Frau Pohl lernt er noch immer nicht kennen, weil sie der Luftveränderung wegen mit dem Knaben verreist ist. Das sei ein gutes Mittel gegen diese Krankheit, meinte Irmgard Pohl am Vormittag, gelegentlich der telephonisch ausgesprochenen Einladung. Damit wäre übrigens auch die Ansteckungsgefahr für »seine Kinder« beseitigt.

Er wird von Vater und Tochter sehr liebenswürdig empfangen. Sie essen gemeinsam, und der Kapitän bestreitet hauptsächlich die Kosten der Unterhaltung. Das kann nicht schwer für ihn sein, da er soviel auf seinen weiten Reisen erlebte. Auch von der Schweiz erzählt er. Vielleicht dürfe er ihr für die Reise einige Ratschläge geben.

»Ach, stellen Sie sich meine Reise nur nicht als eine wechselvolle Vergnügungsfahrt vor, wie sie sich für einen Mann gestalten mag!« sagt Irmgard Pohl lachend. »Wir haben an ein Institut geschrieben, wo ich mich ein Jahr lang in praktischen Dingen und in Sprachen üben und mit jungen Menschen etwas Sport treiben kann. Der Vater findet, daß ich hier zu wenig Bewegung habe und daß er zu alt für mich sei.«

»Ja, das ist wahr,« meint Herr Pohl, »Jugend gehört zu Jugend. Wir haben es uns reiflich überlegt. Und so wird es das Beste für alle sein.«

»Da haben Sie recht«, bestätigt der Kapitän. »Da haben Sie vollkommen recht.«

Dann wird er etwas einsilbig. Das Essen ist abgeräumt. Sie sitzen um den runden Tisch, Herr Pohl in seiner Sofaecke, und Irmgard findet es an der Zeit, mit Wein und Gebäck aufzuwarten.

Herr Pohl sagt: »Wir wollen auf das Wohl unserer beiden Familienmitglieder anstoßen, die heute nicht bei uns sind.«

Er sieht fast unternehmungslustig aus und läßt es sich nicht nehmen, von den »beiden« zu erzählen. Er habe sie gestern zu seinem jüngeren Bruder, dem Arzt, aufs Land gebracht. Da hätten sie die nötige Luftveränderung und ständige Pflege.

»Und Ihre Tochter wollen Sie auch noch fortschicken?« Der Kapitän scheint mit so viel Veränderungen in der Familie wenig zufrieden zu sein.

»Erst müssen die beiden zurückkommen«, meint Irmgard Pohl einlenkend. »Das kann drei bis vier Wochen dauern. Ich werde wohl erst im April fahren.«

»So, im April«, meint der Kapitän. »Das sind ja fast zwei Monate bis dahin.«

Er wird wieder aufgeräumter. Zum Schluß ist es noch ein freundlicher und angenehmer Abend.

Herr Pohl begleitet seinen Gast ziemlich spät bis zum Tor hinter der Mühle und sieht ihm einen Augenblick nach, wie er mit seinen festen steifen Schritten zu seiner einsamen Wohnung im riesengroßen dunklen Verwaltungsgebäude hinüberstapft.

Das Brot

Nun ist auch der Tag gekommen, an dem der fertige Getreidespeicher seiner Bestimmung übergeben werden kann.

Das zweite Hafenbecken ist vollendet, und die gewaltigen Konturen des Speichers zeichnen sich auf seinem neuen Wasserspiegel ab.

Der erste Kahn mit einer russischen Getreideladung wird hereingelassen, und das ist ein großer und erhebender Augenblick.

Sogar Kommerzienrat Friemann erschien, um diesem Vorgang beizuwohnen, der die ersprießliche Zusammenarbeit seiner Firma mit dem Hafen einleitet. Auch der Generaldirektor nahm sich die Zeit, die er diesem Entwicklungsstadium seines Hafens schuldig ist.

Er stellt sich zu den Ingenieuren, die nun ihre Arbeit zu übergeben haben, und freut sich ihres Eifers.

Bodenmeister Ulrich steht neben dem Kapitän. Er hat die Augen fest auf das Hebelbrett der Antriebsmotoren gerichtet, das er von nun an bedienen wird. Heute übernehmen es noch die Ingenieure.

Die langen Schläuche der Saugförderanlage werden in den Kahn hinabgelassen, die Maschinen beginnen zu rattern.

Auch Herr Karcher ist herbeigekommen, um ehrfürchtig das fertige Werk der Technik zu bestaunen. Er stellt sich in der Nähe Schwester Emmis auf, die von Felix Friemann in ein Gespräch gezogen wird. Es ist wieder Frühling, und Schwester Emmi hat ein frischgewaschenes, hellblau gestreiftes Kleid an, dazu eine blendend weiße Latzschürze, die sich über dem Busen zierlich wölbt.

»Es fängt an«, ruft sie aus. Sie ist die erste, die in den Speicher eilt. Da steht schon der Bäckermeister Reiche und betrachtet die ankommenden Getreidekörner mit feuchten Augen. Sie fallen in schmaler Reihe aus den Rohren auf den Boden des Speichers herab und bilden niedrige Häufchen, von einer Staubwolke umwogt.

Aber seht, wie sie wachsen! Als der Kommerzienrat mit Joachim Becker und dem Kapitän hinzutritt, sind es richtige Hügel geworden, die sich in der Höhe und Breite vergrößern. Und wer Geduld hat zu warten, kann es erleben, wie der Speicher sich füllt, wie es an den Wänden hochklettert und die Räume überschwemmt. Nun sieht man keinen Fußboden mehr, die Flut der kleinen prallen Körner wächst an den eisernen Pfosten hoch, die den Raum wie Säulengänge teilen, sie steigt bis zu den Fenstern hinauf, die dicht unter der Decke liegen, sie ist schwer und reif wie ein fruchtbarer Segen im neuen Haus.

»Wir wollen uns auch das Becherwerk und die Bandförderung ansehen«, sagt der Kommerzienrat. Er hat einst das Getreide kiloweise verhandelt, und hier ist nun sein Getreidespeicher, der über 30000 Tonnen loses Getreide faßt.

Sie gehen zu den blitzschnell eilenden Bändern, die das Getreide davontragen und verteilen. Während die Motoren surren, eilen die Körner in dünner Schicht unter einer fliehenden grauen Wolke von Staub dahin, aber wenn man sie durch die Finger gleiten läßt, so sind sie wie Gold.

Felix Friemann, der den Gefühlen seines Vaters ferner steht, geht mit Schwester Emmi wieder zu den Kähnen hinaus, um mit ihr zu plaudern. Auch er hat seine Freude an ihrem Lachen und an ihren hellen flinken Worten. Herr Karcher zieht sich langsam in sein Lagerkontor zurück.

»Nun habe ich mein Exposé über die Erweiterung und Organisation unserer Fürsorgeeinrichtungen bei der Generaldirektion abgegeben«, sagt +Dr.+ Friemann zu Schwester Emmi.

»Ach, schriftlich haben Sie das sogar gemacht! Mein Gott, was wird uns das für Umwälzungen bringen! Muß man dann die Finger auf eine modernere oder wissenschaftlichere Weise verbinden?«

Nein, sie nimmt die Wichtigtuerei dieses Kommerzienratssohnes durchaus nicht ernst.

»Nun, das gerade nicht! Doch es werden Abteilungen und Untergruppen eingerichtet, und Sie sind dann nicht mehr die allmächtige Schwester Emmi, sondern einfach Schwester eins.«

»Herrjeh, wer wird dann Schwester dreizehn?« Sie will sich ausschütten vor Lachen.

»So weit wollen wir noch nicht gehen. Wir könnten getrost noch eine Schwester Anni oder Elli bekommen, die liebenswürdiger sind als Sie, -- die Anni oder Elli.«

Ihr Spott hat ihn etwas verwirrt, denn er fängt schon an, einzelne Worte zu wiederholen.

»Viel Vergnügen!« ruft sie aus. Sie blickt mit ihren lustigen Augen zu ihm hoch und hebt sich auf die Fußspitzen, um auch seine übertriebene Länge zu verspotten. »Die können Sie wirklich gebrauchen, die Anni oder Elli«, sagt sie noch lachend, während sie bereits enteilt.

Felix Friemann sieht ihr traurig nach. Er muß sich schon von einer kleinen Fürsorgeschwester auslachen lassen, er will sich bessern, das will er gewiß.

Der Kommerzienrat und Joachim Becker sehen sich auch sonst noch den Hafen an, dann fahren sie gemeinsam in das Stadtbureau zurück. Felix Friemann kann die beiden im letzten Augenblick vor der Abfahrt noch mit seinen langen Beinen einholen und seinen Schwager bitten, an Adelheid und seine Tochter Grüße zu bestellen.

Als alle Besucher fortgegangen sind und auch die Ingenieure mit dem Kapitän im Verwaltungsgebäude verschwanden, steht der Bäckermeister Reiche immer noch vor den Getreidemassen des Speichers und ist in tiefes Nachdenken versunken.

Er bückt sich und nimmt die Körner so voll in seine große helle Hand, daß sie zwischen den Fingern herausdringen, dann läßt er sie fallen, und wenn die Faust wieder leer ist, wird er von neuem traurig.

Schließlich muß er den Speicher verlassen. Bodenmeister Ulrich wird ungeduldig, er will endlich unumschränkter Herrscher in seinem Reiche sein. Die Befehle an die Arbeiter sind knapp und bestimmt, als spräche Joachim Becker mit ihnen.

Herr Reiche geht langsam und schwerfällig bis an das Ende des Hafenbeckens und um die Schmalseite herum zum Kanal, der den Hafen von der Mühle trennt.

Da steht der Speicher des Müllers, er ist nicht weniger vollkommen, nur etwas kleiner und älter. Daneben arbeitet die Mühle, die aus den prallen goldenen Körnern das Mehl bereitet. Und in der Stadt sind die vielen Meister, die ihr Brot davon backen. Sie holen es glühendheiß aus den Öfen, aber sie nehmen es trotzdem für den Bruchteil einer Sekunde zwischen die Hände und fühlen den elastischen goldbraunen Laib. Der ehemalige Bäckermeister glaubt den frischen sauer-süßen Duft zu verspüren, dann denkt er an die Selter- und Malzbierflaschen und an die Milchgläser, die er täglich mit einer langen Bürste reinigt.

Er ballt in ohnmächtiger Wut die Fäuste und findet keinen Weg aus seiner Not.

Nun fällt sein Blick auf einen Wagen, der neben der Mühle mit Säcken beladen wird. Er gehört einer großen Bäckerei, die sich ihr Mehl selbst holt und dabei den Zwischenhändler und die Rollfuhrspesen spart.

Herr Reiche beginnt, krampfhaft zu überlegen. Wenn man nun hier, direkt neben der Mühle -- zum Beispiel da, wo jetzt der Wagen steht -- eine Bäckerei errichtete, dann fielen nicht nur die Zwischenhändler und die Rollfuhrkosten, sondern auch das eigene Fuhrwerk fort.

Dieser Gedanke beschäftigte ihn eine ganze Woche lang, Tag und Nacht. Beim Gläserspülen greift er plötzlich nach irgendeinem Fetzen Papier und rechnet. Und wenn er des Nachts erwacht, so hält ihn die Grübelei stundenlang fest. Dabei sieht er nicht übernächtig aus, nein, im Gegenteil: prall und frisch. Seine Ohren sind stets rot angeglüht, seine Augen glänzen, nur in den Bewegungen scheint er sehr zerstreut.

Endlich faßt er einen Entschluß. Er zieht zum Erstaunen seiner Frau mitten an einem Wochentage seine besten Kleider an und geht fort. Zur Stunde des Arbeitsschlusses, als in der Kantine wieder viel zu tun ist, geht er, ohne eine Erklärung abzugeben, davon.

Er hat keinen weiten Weg. An der Föhrbrücke biegt er links ab zum Mühlengrundstück. Dort läßt er sich beim Mühlenbesitzer Pohl selbst melden. Er wird in das Privatkontor geführt, und seine Ohren brennen wie Feuer.

Michael Pohl fordert ihn -- was er bei jedem Besucher zu tun pflegt, ob es nun der Kapitän oder der Kantinenwirt ist -- mit einer stummen Handbewegung auf, im alten Sessel gegenüber seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Dann wartet er geduldig den Anfang der Rede ab. Er zeigt weder Neugierde noch Erstaunen, denn er ist schon an manchen eigenartigen Besuch, besonders aus dem Hafen, gewöhnt.

»Herr Pohl,« beginnt der Bäckermeister, »wenn ich so die Mühle sehe und die Getreidespeicher im Hafen und hier, da kommt mir so eine Idee -- der Herr Pohl wollen es mir nicht verübeln, wenn es nicht recht ist. Hier ist das Getreide, sage ich mir, und das Mehl --«

Er bricht seine Rede ab, um die Hauptsache nachzutragen:

»Ich bin nämlich Bäckermeister von Beruf, aber nun verwalte ich die Kantine im Hafen --«

Diese Worte, die ihm als geschickte Umschreibung des Wortes »Kantinenwirt« gefallen, hatte er sich mit großer Mühe zurechtgelegt, und nun sind sie wirklich richtig und glatt herausgekommen. Er ist geradezu glücklich darüber, stellt sich noch regelrecht mit seinem Namen vor und hat den Mut, weiterzusprechen.

»-- das Mehl, sage ich mir, und die Bäcker, die das Brot backen, müssen es erst in die Stadt fahren oder sie bekommen es von anderwärts oder vom Zwischenhändler -- der Herr Pohl werden mich schon verstehen?«

Der Mühlenbesitzer nickt.