Part 13
»Nun sage ich mir, wie wäre es, wenn man das Mehl gleich hier verbacken würde? An Ort und Stelle. Dicht neben der Mühle. Da ist ein freier Platz, ich meine auf dem Grundstück vom Herrn Pohl, und wenn ich so rechne und rechne, so denke ich, daß das Brot mindestens um fünf Pfennig für das Stück billiger werden könnte als anderswo.«
Er sieht den Mühlenbesitzer erwartungsvoll an. In seinem Kopfe braust es, als säße er im Maschinenraum des Getreidespeichers, direkt neben den fünfzig Antriebsmotoren.
Mühlenbesitzer Pohl schweigt eine ganze Weile, dann sagt er langsam:
»Der Gedanke ist nicht schlecht. Wie hatten Sie sich das weiter gedacht?«
Der Bäckermeister richtet sich in seinem Sessel auf und macht erst einmal einen tiefen Atemzug. Jetzt fürchtet er sich nicht mehr. Die Details sind ihm außerdem geläufiger als die einleitende Rede. Er holt einen Zettel hervor, auf dem er die Resultate seiner Rechnereien abgeschrieben hat, und erklärt.
»Wer sollte nun die Bäckerei errichten?« fragt Herr Pohl.
»Wenn der Herr Pohl sich beteiligen würden? Mit einer Kleinigkeit und mit meiner Arbeitskraft könnte ich wohl mitmachen.«
»Und wer würde die Ersparnis von fünf Pfennig gewinnen, da die Brotpreise einheitlich geregelt sind?«
»Der Herr Pohl dürfen nicht denken, daß es mir um den Profit zu tun ist. Die Regelung will ich dem Herrn Pohl selber überlassen. Wenn ich nur meine alte Arbeit wiederbekomme. Das Brotbacken war mir das liebste, die Kinkerlitzchen überlasse ich den anderen.«
»Ja, Herr Reiche, das wollen wir uns mal beide durch den Kopf gehen lassen. Haben Sie noch zu einem anderen Menschen davon gesprochen?«
»Keiner Seele habe ich ein Sterbenswörtchen gesagt.«
»Dann wollen wir zunächst auch weiter darüber schweigen. Und Sie kommen morgen um die gleiche Zeit noch einmal her.«
Sie trennen sich mit einem kräftigen Händedruck.
Der Mühlenbesitzer steht am Fenster und sieht dem Manne nach, wie er mit schweren wiegenden Schritten über den Mühlenplatz geht.
Es gab eine Zeit, da der Bäckermeister Reiche sich für seinen neuen, von der Frau ersehnten Beruf die nötige Trinkfestigkeit holen mußte. Er hatte keinen Geschmack am Alkohol, aber wenn man ihn ausschenken soll, muß man ihn auch trinken können. So übte er sich eine ganze Weile darin, und als er die alkoholfreie Kantine bekam, war ihm das Trinken zur Gewohnheit geworden. Nun hat er wieder einen festen gleichmäßigen Gang und sogar Ideen im Kopf.
»Der Mann weiß gar nicht, was er hier für einen Plan aufgerollt hat«, sagt der Mühlenbesitzer vor sich hin. -- »Der Herr Pohl wollen es mir nicht verübeln, wenn es nicht recht ist«, hört er im Geiste noch einmal den Bäckermeister sagen. Michael Pohl schüttelt den Kopf und denkt nun erst gründlich über die Sache nach.
Dann geht er in das große Kontor hinüber und ruft seine Tochter.
Noch ist sie hier in seinem Bureau, und er kann sie um ihren Rat fragen. Aber in wenigen Tagen will sie ihre Reise antreten, und er weiß noch nicht, wie er dann ohne seinen Kompagnon auskommen soll.
Sie setzt sich im Privatkontor auf ihren angestammten Platz im Ledersofa und sieht ihren Vater interessiert an.
Michael Pohl erzählt ihr von der Idee des Bäckermeisters. Aus der Bäckerei ist eine Brotfabrik geworden, die Brote zählen nicht nach Hunderten, sondern nach vielen Tausenden, und die fünf Pfennig Ersparnis für jedes Brot will er den Konsumenten überlassen, denn es bleibt immer noch Verdienst genug.
»Hier ist das Getreide,« sagt der Mühlenbesitzer, »hier das Mehl und da das Brot für die ganze Stadt.«
Irmgard ist aufgesprungen. Sie sieht ihren Vater mit leuchtenden Augen an.
»Ja,« sagt sie, »Vater, das ist fast so groß wie damals das Projekt vom Hafen.«
Michael Pohl lächelt. »Nun, ganz so hoch wollen wir uns nicht versteigen. Und vorläufig sieht unser Plan noch genau so schwierig aus wie die Idee vom Hafen vor drei Jahren.«
»Mein Gott,« sagt Irmgard, »was sollen dann die vielen Bäcker machen, wenn wir das Brot allein backen wollen?«
»Sie können es mit dem gleichen Verdienst verkaufen, als wenn sie es selbst gebacken hätten. Aber sie werden natürlich ihr Handwerk nicht aufgeben wollen, um Händler zu werden. Du siehst, daß hier schon eine Schwierigkeit ist.«
Wie flink denkt nun eine Frau!
»Warum sollten sie nicht ihre Semmeln und Kuchen backen wie bisher? Wenn ich an unseren Bäcker denke, der ein ganz besonderes Brot bereitet, mit einem Geschmack, den man sonst nirgends wiederfindet, dann sage ich mir, es könnte doch jeder seine Spezialitäten weiterführen. Man zahlt dann gern etwas mehr, wenn man es sich leisten kann. Wir aber backen hier nur das billige Einheitsbrot, das tägliche Brot des Volkes, kurz: ~das~ Brot.«
Michael Pohl sieht sie befriedigt an. »Nun bleibt nur die Frage, wer der Unternehmer wird, und wie man es den Beteiligten klar macht. Ich meine die Produzenten, die den Gewinn dem Volke überlassen sollen.«
»Ist das Projekt für einen einzelnen zu groß?«
»Das auch, obgleich ich außer meinem freien Grund und Boden reichlich Kapital dazugeben könnte.«
»Könntest du das?«
»Gewiß, die Mühle entwickelt sich von Jahr zu Jahr und wirft größere Gewinne ab, unsere Ansprüche bleiben die gleichen. Nun ersetzest du mir sogar noch eine Arbeitskraft, und deine Mutter kennt nur ihre peinliche Pflichterfüllung. Ich habe das Geld nicht im Hafen unterbringen können, dazu war es zu wenig, jetzt muß ich es endlich für unseren Sohn anlegen.«
»Aber --?« fragt Irmgard Pohl.
»Aber für eine Brotfabrik, die den Bedarf der ganzen Stadt decken soll, brauchen wir die Unterstützung der Kommune oder der Allgemeinheit. Das ist ein volkswirtschaftliches Unternehmen, für das wir uns keine Feinde aufladen dürfen.«
»Wer sollte wohl feindlich gesinnt sein, wenn es sich darum handelt, der Allgemeinheit das Brot zu verbilligen?«
Der Mühlenbesitzer lacht. »Wer? Die Konkurrenz, die Rechthaber, der Neid, die Zwietracht. Es beständen viele Beweggründe.«
»Das Hafenprojekt hat sich auch verwirklichen lassen.«
»Da handelte es sich nur darum, Interessenten zu finden, die durch den gleichen Gedanken geeint werden: Geld zu verdienen. Dieses Motiv versöhnt die heftigsten Feinde. Nun aber sollen wir für einen ideellen Zweck werben. Meinst du, daß die Inhaber der bereits bestehenden Brotfabriken mit der Verbilligung einverstanden sind? Was geht sie das Volk an, wenn sie von ihrem Verdienst einbüßen?«
»Ja, müssen wir darum den Mut verlieren?«
»Nein, gewiß nicht. Wir wollen es versuchen. Das wäre sicherlich ein großer Erfolg, unter so viel Köpfen eine Einigung zu erzielen. Es gälte fast mehr als die Verbilligung des Brotes.«
»Siehst du, da ist wieder der alte Schwärmer. Gott sei Dank! Ach, weißt du, ich bin ganz stolz, daß wir nun auch so ein großartiges Projekt haben.«
Michael Pohl nimmt ihren Kopf zwischen seine Hände und lacht.
»Man möchte es durchaus mit einem anderen aufnehmen!« Und mit liebevoller Resignation fügt er hinzu: »Daran erkenne ich doch wieder die Frau.«
Sie schreibt ihm seine Briefe und ist ihm ein guter Kamerad, aber sie verfehlt doch dabei ihren besten Daseinszweck.
Als der Bäckermeister am nächsten Tage wiederkommt, kann der Mühlenbesitzer ihn mit ~seinen~ Berechnungen empfangen. Er zieht seine tüchtige Mitarbeiterin zu den Beratungen hinzu, und sie beleuchten das Projekt von allen Seiten. Da wird nichts übersehen, und ihr Fachmann, der schwerfällige Bäckermeister, kann immer wieder neue Momente ins Treffen führen.
Zum Schluß sind sie dahin einig geworden, daß die beiden Männer zunächst eine Orientierungsreise unternehmen, um ähnliche Anlagen in anderen Städten zu besichtigen. Dann wollen sie sich an die zunächst Interessierten, die Bäckermeister, wenden.
Frau Reiche hat die Augen gehörig geöffnet, als ihr Mann ihr kurz und bündig erklärte, daß er eine Reise zu unternehmen gedenke. Es liegt ihm fern, auf ihre Fragen etwa zu erwidern: »Ich habe dich auch nicht gefragt, was du mit deinen Besuchen im Gefängnis bezweckst.« Nein, er läßt sie nun ihres Weges gehen und macht seine Reise für sich.
Nur daß er auch Fräulein Spandau keine Auskunft darüber geben kann, geht nicht ganz nach seinem Herzen. Sie sieht ihn mit ihren müden Augen stumm fragend an, und er sagt: »Auf Wiedersehen, Fräulein Spandau, wenn ich zurück bin, kann ich Ihnen vielleicht etwas Gutes erzählen.«
Das befriedigt sie nicht weniger, als wenn er ihr ein prächtiges Geschenk versprochen hätte.
Wem wäre nicht eine Veränderung am Kantinenwirt Reiche aufgefallen, als er von seiner Reise wieder heimgelangte? Er hatte eine andere Art, zu gehen und zu sprechen, und er stellte sich nicht mehr hinter den Schanktisch, -- dieses Amt überließ er seiner Frau.
Aber das geschah beileibe nicht, weil er sich zu gut dafür dünkte, sondern einzig und allein, weil er keine Zeit dafür fand. Wenn er nicht seine geheimen Besprechungen mit dem Mühlenbesitzer hatte, so mußte er mit dem Innungsmeister konferieren oder in den Versammlungen Reden halten. Selbst vor dem Ersten Bürgermeister hat er eines Tages mit Mühlenbesitzer Pohl und einigen Abgeordneten der Bäckerinnung gesessen.
Er ist plötzlich ein geachteter Mann, man hört geduldig und ernst auf seine Worte. Und auch dem Mühlenbesitzer gegenüber hat er ein anderes Auftreten. Er sagt zum Beispiel: »Richtig, Herr Pohl, da haben Sie wieder recht.«
Wo ist der geduckte Kantinenwirt, der einmal sagte: »Der Herr Pohl wollen es mir nicht verübeln, wenn es nicht recht ist?«
Doch hier kann man wieder sehen, was der Prophet in seinem Vaterlande gilt. Hat Frau Reiche etwas von der Größe ihres Mannes verspürt? Nein, sie sagt: »Wie lange soll dieses Faulenzerleben noch dauern? Wenn das Konferenzen sind, mit denen du dich aufhältst, dann verwalte ich hier ein Hotel.«
Als der Streit in der Bäckerinnung so lebhaft geworden war, daß die Hilfe der Zeitungen angerufen wurde, da schreckte man nicht davor zurück, dem Bäckermeister Reiche vorzuwerfen, daß er nichts weiter als ein Kantinenwirt sei. Vom Mühlenbesitzer Pohl jedoch wußte man, daß seine Beteiligung beim Hafen seinerzeit abgelehnt wurde; man ist nicht geneigt, ihn nun an einer Brotfabrik profitieren zu lassen.
Wenn man keine sachlichen Bedenken finden kann, so gibt es der persönlichen genug.
Aber nun ist auch der Trotz in Michael Pohl erwacht. Er sagt zu Herrn Reiche: »Sie können solange in meiner Mühle arbeiten.« Und er bietet ihm einen Posten an.
»Was,« sagt Frau Reiche, »du willst eine Brotfabrik gründen? Hätte ich dir in deiner Bäckerei nicht die Brote verkauft, dann lägen sie heute noch da.« Sie hat noch immer keine Achtung vor ihrem Mann und ist nicht geneigt, ihren Platz in der Kantine zu verlassen.
Herr Reiche verabschiedet sich von Fräulein Spandau, nachdem er die Vermittlung des Kapitäns in Anspruch genommen hat, und sagt:
»Ich lasse ihr alles hier, so wie es ist. Ich habe meine beiden Fäuste zur Arbeit. Und wenn Sie einmal in der Mühle zu tun haben, so fragen Sie nach Lagerverwalter Reiche. Dann wird es schon recht sein.«
Inzwischen beleuchten die Zeitungen das Problem und suchen die Parteien zu orientieren.
»Wie lange wird die Verbilligung anhalten?« fragen die einen. »Wenn den Meistern die Arbeit genommen ist, gehen die Preise wieder in die Höhe, und die Großunternehmer allein stecken den Gewinn ein.«
»Man hat es auf zwei Berufe abgesehen«, klagen einige andere. »Der Zwischenhandel und das Transportgewerbe sollen ausgeschaltet werden«, und man rechnet den Interessenten vor, welche Schädigung das für sie bedeutet.
»Nun soll auch das gute ehrliche Handwerk unterjocht und versklavt werden.« -- »Das ist der Beginn der Vertrustung.« -- »Das Kapital reißt nun auch die Macht über das tägliche Brot an sich.« -- So und ähnlich lauten die Schlagworte, die auch von den Bäckermeistern aufgenommen werden.
Nur eine zaghafte Stimme vertritt die Ansicht, daß es der Stadt zur Ehre gereichen würde, wenn man in dieser Frage eine Einigung ohne Gewalt erzielte. Aber sie verknüpft diese einfache praktische Angelegenheit mit ihren Idealen und macht sich selbst lächerlich. Denn was hat eine Brotfabrik mit dem ewigen Frieden zu schaffen?
Verliert der Mühlenbesitzer den Mut darüber? Nein, er verliert ihn nicht; er war nicht ohne Vorbereitung in den Kampf eingetreten. Er bietet sein Geld und eine gute Idee an, und wenn sie es ablehnen, so wissen sie nicht, was sie tun. Er wäre nicht der erste, dem man seine Gaben vor die Füße wirft.
Ein anderer beginnt allmählich, im Kampfe zu verzagen. Er ist auf einen vorübergehenden Posten gestellt worden in Erwartung der großartigen Gründung; die Wartezeit erstreckt sich auf zwei Monate, drei Monate, es wird Herbst, und noch bezieht er mit bedrücktem Gewissen sein Gehalt als Lagerverwalter in einer Mühle und nicht als Meister in einer Brotfabrik. Was nutzt es ihm, daß er sich mit der modernen Technik vertraut macht und im stillen eine neue Lehrzeit in den verzwickten Büchern beginnt? Es ist nur gut, daß ein Fräulein Spandau eines Tages den Lagerverwalter Reiche aufsucht und ihn fragt, ob man das Mehl in der Mühle auch pfundweise kaufen könne.
Nein, damit kann er nicht dienen, doch wenn er sie nach Hause begleiten dürfe und sie sich noch für die Sache eines Mannes interessiere, den man so lächerlich finde, so wolle er ihr einiges erzählen.
Sie hat dagegen nichts einzuwenden und hört ihm auf dem weiten Wege mit großem Interesse zu, obgleich er zuletzt sehr verbittert und mutlos ist.
»Ach ja,« sagt sie zum Abschied, »wenn Sie es doch durchsetzen könnten! Wir brauchen zu Hause täglich ein Brot, das sind fünf Pfennig pro Tag und ein und eine halbe Mark im Monat. Sie glauben nicht, was das bedeutet, da wir alle von meinem Gehalt leben müssen.«
Ihr blasses Gesicht mit der dünnen unklaren Haut ist so vertrauensvoll zu ihm emporgewandt, daß es ihm wieder einen Ruck gibt, und er verspricht, nichts unversucht zu lassen.
Das sollte doch mit dem Teufel zugehen, denkt er auf dem Heimwege, wenn man denen nicht helfen dürfte, die es so dringend brauchen.
Er spricht noch einmal mit dem Mühlenbesitzer darüber, und sie fangen die Sache von einer anderen Seite an. Michael Pohl, der doch genug Lehrgeld gezahlt haben sollte, gibt wieder eine schriftliche Erklärung ab.
Sie wirkt nicht gleich wie der wunderbare Stab vor dem Zauberberg, aber dieser und jener läßt sich doch herbei, einen Blick auf das Dokument zu werfen und ein wenig darüber nachzudenken. Da soll nun die Bäckerinnung als Unternehmerin auftreten, und der Mühlenbesitzer will ihr die Mittel vorstrecken. Jeder Meister in der Stadt ist Teilhaber der großen Fabrik und hat schließlich auch eine Stimme ins Gewicht zu werfen.
»Wenn ich das gleiche verdiene und weniger Arbeit habe, so soll es mir recht sein«, meint nun der Bequeme, während der Arbeitsame befriedigt feststellt, daß man ihm trotzdem seine Tätigkeit läßt.
»Und wer sich das richtig überlegt, muß sich sagen, daß vom billigeren Brot mehr gegessen wird«, wirft Lagerverwalter Reiche in einer Versammlung ein. »Das Brot, das die eigene Familie ißt, fällt auch nicht unter den Tisch, es muß ebenso gerechnet werden, als ob es verkauft wird, und das sind fünf Pfennig für das Stück.«
In dieser Versammlung trägt er noch nicht den Sieg davon, aber als der Winter den Hafen wieder im Bann hält und auf dem Kanal vor der Mühle die Oberfläche glitzert und knackt, hat er endlich eine Abstimmung mit Stimmenmehrheit erreicht.
Die Scheidung
Er eilt in seinem Überschwang zur Mühle, mit der Absicht, den Mühlenbesitzer sogar aus dem Bett zu holen, um ihm die freudige Botschaft zu überbringen. Sie besitzen zwar noch lange keine Brotfabrik, aber sie haben die Einigkeit. Er weiß, wieviel das dem Mühlenbesitzer Pohl gilt.
Nun hätte er auch Lust, dem schmalen Fräulein Spandau zu sagen, daß sie in mindestens einem Jahr einundeinehalbe Mark monatlich sparen kann. Doch diese Freude muß er sich bis zum nächsten Morgen aufheben.
So frei und kräftig hat er sich lange nicht gefühlt, wie auf dem Heimweg von der Versammlung. Wenn er es recht überlegt, so hat ein Druck auf ihm gelastet, seitdem er in den Hafen kam.
Kurz vor der Föhrbrücke bemerkt er eine Frau, die mit wiegenden Hüften vor ihm hergeht und nicht viel Eile hat, vorwärtszukommen. Da sollte doch --! Wenn das nicht seine Frau ist!
Er findet es nicht übel, daß er ihr an diesem Abend noch begegnet. Man könnte der Madame gleich zeigen, was man für ein Kerl geworden ist, damit sie endlich einmal die richtige Meinung erhält.
Er ist nicht nachtragend. Nein, das kann niemand behaupten. Sie hat ihn nicht nur betrogen und obendrein verspottet, weil er nicht zu den Männern gehört, die deswegen einen Mord begehen, sie hat ihn auch um seinen Beruf gebracht und ihm den Rest seiner Selbstachtung genommen.
Aber nun sagt er »Guten Abend, Frau Reiche. Du hast anscheinend keine Lust, nach Hause zu gehen.«
»Ach, du bist's«, sagt sie. »Ich habe gehört, du willst dich von mir scheiden lassen.«
»Ich?« fragt er erstaunt. Auf diesen Gedanken war er bisher noch nicht gekommen, nun scheint er ihm nicht schlecht, ja er findet ihn plötzlich ausgezeichnet. Er muß unwillkürlich an Fräulein Spandau denken. Da könnte er für einen Menschen einstehen und ihm Freude bereiten, denn da wird alles dankbar angenommen. Ob sie wohl den Antrag eines Meisters in der größten Brotfabrik der Stadt ausschlagen würde?
Er streicht in stolzer Freude den Schnurrbart hoch. Nun ist er wieder ein Mann, der auf sich hält und auch bei den Frauen einen Stein im Brett hat.
Es ist ihm fast, als sähe selbst seine Frau ihn wieder wohlgefällig an.
»Nun, ich habe so etwas gehört. Wenn es dir recht ist, könnten wir ja darüber reden. Neulich ist ein Rechtsanwalt im Hafen gewesen, da habe ich die Gelegenheit wahrgenommen und ihn gefragt, was zu tun wäre.«
»So --« meint er. »Dann wirst du ja besser Bescheid wissen und kannst mir Unterricht erteilen.« Er nimmt die Sache von der lustigen Seite, und das ist fast etwas kränkend für eine Frau.
»Wir könnten gleich darüber sprechen,« schlägt sie vor, »dann ist die Sache abgemacht. Mein Bruder versieht die Wirtschaft, wie du gehört haben wirst. Wir können also hinaufgehen und alles in Ordnung bringen, wenn es dir recht ist.«
Wie zahm sie geworden ist, denkt Herr Reiche. Sollte sie etwa schon von der Versammlung gehört haben? Nun will er sich erst einmal das Vergnügen erlauben und ihr erzählen, was er für ein Mann ist.
»Ach, sieh einmal an«, sagt sie. »Was du nicht sagst. Wer hätte das für möglich gehalten? Darauf müssen wir von meinem selbstgemachten Kirschwasser trinken. Was meinst du dazu?«
»Hm, das wäre ja wie eine Feier. Aber da wir doch miteinander zu reden haben --« Das hätte er sich wahrhaftig im Traume nicht einfallen lassen, daß er noch einmal ein freier lediger Mann würde. Es gibt doch wirklich ganz einfache Gedanken, auf die man erst gestoßen werden muß. Was wird das für ein Spaß sein, wenn man zu Fräulein Spandau sagen kann: »Es gibt gewisse Männer, die einmal verheiratet ~waren~.«
»Huh«, macht Frau Reiche fröstelnd. »Wie ist das schon wieder kalt!« Und sie hakt sich mit ihrem molligen Arm bei ihm ein, um sich zu erwärmen.
»Die Madame wird sich einen Schaden antun«, sagt er gutmütig spottend über diese Äußerung einer ungewohnten Vertraulichkeit.
Sie stößt ihn mit dem Ellenbogen an. »Jetzt, da wir uns scheiden lassen --« meint sie lachend.
Allmählich geraten sie in eine Stimmung hinein, in der sie alles lächerlich finden. Sie setzen sich in ihrem alten Wohnzimmer über der Kantine auf das Sofa, trinken von dem Kirschwasser und stoßen »auf eine glückliche Scheidung« an.
»Eigentlich,« sagt sie mit glucksendem Lachen, »wenn ich's mir überlege, warst du ein ganz guter Ehemann. Ja, man erkennt die Vorzüge erst, wenn es zu spät ist. Was meinst du wohl, wie ich daran gedacht habe, wenn ich hier so allein war?« Sie sieht ihn mit ihren feuchten Augen ermutigend an und rückt etwas näher.
Der Bäckermeister hat wieder ganz rote Ohren, als wäre er in der Backstube beim Ausholen der Brote.
»Es ist verteufelt heiß hier bei dir«, bringt er halberstickt hervor.
»Meinst du?« fragt sie, und sie sieht ihn dabei so komisch an, daß sie wieder beide lachen müssen. Sie fährt ihm mit ihren Händen ins Gesicht und sagt: »Fühl' nur, wie kalt sie sind.«
Er gibt keine Antwort darauf. Er hat vollkommen vergessen, daß er sich vornahm, den Mühlenbesitzer aus dem Bett zu holen und einem blassen schmalen Bureaufräulein zu roten Backen und einem glücklichen Lächeln zu verhelfen, er schnappt plötzlich nach den kühlen Fingern vor seinem Mund und lacht.
»Nein, Mann, bist du denn verrückt geworden?« fragt Frau Reiche. Aber er gibt jetzt erst recht keine Antwort mehr. --
So ein Binnenhafen an einem dunklen Wintermorgen ist wie eine verwunschene Stadt.
Der Wächter am Tore wird müde und wärmebedürftig. Er achtet darauf, daß seine Scheiben klar bleiben, denn sonst muß er das kleine Fenster öffnen oder vor die Tür seines winzigen Häuschens treten und die dunstige Wärme herauslassen.
Aber gegen sieben Uhr morgens kommen noch nicht viele Menschen an ihm vorbei. Im Getreidespeicher rattern zwar schon wieder die Maschinen, und das Getreide beginnt seine unermüdliche Wanderung durch die Stockwerke. Es darf nicht zur Ruhe kommen, damit es nicht feucht oder muffig werde, und es bläst unterwegs seinen Staub in die Luft, daß Bodenmeister Ulrich und seine Helfer wie graue Figuren durch die Morgendämmerung wandern.
Das Verwaltungsgebäude ist von den Gerüsten entkleidet. In den Seitenflügeln flammen die ersten Lichter auf, im Mittelteil jedoch, dem stolzen Turmbau, warten die grauen Räume auf die Tätigkeit der Maler.
Das war eine andere Zeit, als die Arbeiter in Scharen herbeiströmten, auf die Gerüste kletterten und hinter Erdwällen verschwanden. Wie viele Gebäude mußten fertiggestellt werden, und nun stehen sie alle da! Mit verschneiten Dächern und vereinzelten Lichtern in den Fenstern.
Aber die Hafenbecken -- wo ist ihr Wasserspiegel? Er wird fast dicht bedeckt von den großen Kähnen, die hier ihr Winterlager aufgeschlagen haben, und darüber brauen die Nebel. Nur ein Becken ist wie ein langer und breiter leerer Schlund: der Südhafen, aus dem man die harte Füllung mit Dynamit sprengen mußte. Er hat noch keine Gebäude an den Seiten, und auf dem Nachbargelände stehen ein paar verschneite halb verfallene Holzschuppen. Ein Grundstücksmakler hat sein Schild danebengesetzt.
Wenn die Hafengesellschaft ihre Tätigkeit am Südbecken einstellte, so hatte das andere Gründe als die Arbeitsruhe der Verhüttungsgesellschaft, die eines Tages Konkurs anmeldete und die Erze im Schoße der Mutter Erde ließ. Man kann einem großen Projekt zustimmen, doch man darf sich Zeit mit der Ausführung lassen. Zwei Hafenbecken sind im Anfang genug, und wenn das Konsortium seine Gelder zurückhält, so ist damit nicht gesagt, daß sie etwa knapp geworden wären. Aber sie verkünden dem Generaldirektor: Nun mußt du dir das dritte Hafenbecken erst verdienen!
Das ist nicht leicht, zumal in den Wintermonaten, wenn die Schiffahrt ruht. Als der ehemalige Kantinenwirt an diesem dunklen Morgen aus der Tür der Hafenwirtschaft kommt, denkt er, daß hier immer noch Leben genug sei. Da fahren die großen Lastwagen schon die während eines langen Sommers aufgespeicherten Waren in die Stadt, die Lokomotiven schnauben und kreischen auf den vereisten Schienen und bringen neues Lagergut. Ja, diese treuen Eisenbahnstränge, sie sind doch etwas wert, sie tragen ihre Lasten das ganze Jahr und verlangen keinen Winterurlaub wie die anspruchsvollen Wasserstraßen.
Der Bäckermeister schleicht mit scheuen Blicken neben den Wagen aus dem Tor; es ist ihm angenehm, daß er dabei vom Wächter übersehen wird. Er gehörte einst mit gutem Recht hierher, und in der Hafenwirtschaft ist immer noch seine Ehefrau; über eine Scheidung wollten sie zwar sprechen, aber nun haben sie es beide vergessen. Wenn er trotzdem mit schlechtem Gewissen seinen Weg zur Mühle fortsetzt, so sind seine Privatgefühle daran schuld.
Er geht in sein Zimmer, das Michael Pohl ihm im Kontoranbau neben der Mühle zur Verfügung gestellt hat und wartet auf das Frühstück. Es wird ihm aus dem Wohnhaus gebracht. Man sorgt für ihn und nimmt sich seiner an, er jedoch kommt nicht mit einer guten Nachricht schnurstracks zum Müller, sondern läuft erst einmal einem Weiberrock nach.
Ein schlechter Patron bist du, sagt er vor sich hin, ein Schwächling, ein Weiberknecht. Er kann nichts damit ungeschehen machen.
Um acht Uhr geht er ins Kontor hinunter, um sich beim Mühlenbesitzer zu melden. Er läuft ihm nicht mit »Halloh« und »Gute Botschaft« entgegen. Er meldet das Resultat der Abstimmung und hält seine Mütze in der Hand.
Da spürt er einen kräftigen Schlag auf der Schulter, und ein herzlicher Händedruck rüttelt ihn wieder aus seiner Niedergeschlagenheit hoch.
Ja, nun sollen sie wirklich das Brot für die ganze Stadt backen.