Part 4
Joachim Becker läßt seine Augen mit überlegener Ruhe die Reihen entlangschweifen. Er hat seinen Platz neben dem leeren Stuhl des Stadtvertreters, gegenüber +Dr.+ Immermann, dem Mitinhaber der Privatbank, und Kommerzienrat Friemann. Er stellt fest, daß die meisten Herren es vorziehen, ihre Blicke während seiner Rede der Tischplatte anzuvertrauen.
Er spricht zunächst von dem Unglück und gibt Aufschluß über die genaue Zahl der Opfer. Entschädigungen an Verletzte und Hinterbliebene seien nicht zu zahlen, da alles ordnungsgemäß durch Versicherungen gedeckt war. Nur dem Nachbarn, Mühlenbesitzer Pohl, seien zersprungene Fensterscheiben und Beschädigungen am Hause zu ersetzen. Dann erörtert er eingehend die Ursache. Er selbst habe die Anordnung gegeben, die Sprengstoffe im fertigen feuersicheren Keller des Getreidespeichers zu lagern. Die Explosion sei im Haupteingang, wahrscheinlich durch eine Unvorsichtigkeit während des Ausladens, entstanden.
»Wir sehen daran, wie wenig der Mensch seinem Schicksal entrinnen kann. Hätten wir den falschen Weg gewählt und die Ladung im alten, abseits gelegenen Holzschuppen untergebracht, so wäre das fahrlässig gehandelt gewesen, doch wir hätten Menschenleben geschont und großen Schaden verhütet«, sagt er weiter mit bewegter Stimme. Aber er fühlt wieder die starren, warnenden Blicke des Kommerzienrats und sieht, wie +Dr+. Immermann mit dem Bleistift auf seinem Papier immer das gleiche Wort malt.
»Erze« entziffert er. Fünfmal, sechsmal das Wort »Erze«. Und es trifft ihn wie ein Peitschenhieb.
Dann spricht er vom zerstörten Getreidespeicher, vom Nordbecken. Daran sei zuerst und mit nicht zu überbietender Leistungsfähigkeit gearbeitet worden. Beide sollten bereits im Herbst in Betrieb genommen werden, während man an den übrigen Hoch- und Tiefbauten in Ruhe weitergearbeitet hätte.
Kommerzienrat Friemann, der nun auch auf seinem Notizblock zu malen begonnen hat, räuspert sich und schreibt mit dicken Buchstaben seinen Namen auf das Papier.
»Friemann -- Getreide en gros« liest Joachim Becker, unwillkürlich darauf hingelenkt, und er fährt fort:
»Die größten Verluste erleidet dadurch der Getreidehandel.« Der Kommerzienrat legt seinen Bleistift hin.
»Die Aufräumungsarbeiten werden zuviel Zeit erfordern, wir müssen daher unseren Plan, zuerst den Getreidehafen fertigzustellen, aufgeben. Durch die von der Firma Friemann zufallenden bedeutenden Getreideladungen wären unsere Einrichtungen gleich zu Anfang vollkommen ausgenutzt worden. Der Schaden trifft nun noch empfindlicher die Firma Friemann als uns. Wir werden uns zunächst dem Bau des Mittelbeckens mit den Lagerhallen und Zollspeichern zuwenden. Da der Winter hemmend dazwischentritt, ist mit der Eröffnung erst im nächsten Frühjahr zu rechnen.«
Der erste Vorsitzende sieht mit unverkennbarer Ungeduld auf, und Kommerzienrat Friemann gibt seinem Schwiegersohn ein Zeichen, daß er zu sprechen wünsche.
Nach den lauten, klingenden Worten Joachim Beckers wirkt seine gedämpfte Stimme besonders tonlos, aber gereift und zuverlässig.
»Der entstandene Schaden,« führt er aus, »die verhinderte ersprießliche Lagertätigkeit, die geeignet gewesen wäre, selbst im Winter bereits die Unterhaltskosten zu decken, sind zwar sehr bedauerlich, ein glücklicher Ausgleich aber wird sie uns verschmerzen lassen. Wir haben nicht nur die Möglichkeit, die durch das Unglück ausfallende Summe zu decken, sondern sogar einen ganz erheblichen Überschuß zu erzielen. Und das, meine Herren, das durch die Erzvorkommen und durch das geschickte Eingreifen der Hafendirektion, die sich das wertvolle Gelände, soweit es sich in Privatbesitz befand, für einen geradezu lächerlichen Kaufpreis sicherte. Man bietet uns dafür den vierzigfachen Betrag. Herr Direktor Becker wird Ihnen darüber berichten.«
Ein befreiendes Aufatmen ist allgemein spürbar.
Und Joachim Becker beginnt damit, daß die Förderung im Becken selbst gering sei.
»Warum wurden dann die großen Mengen Dynamit benötigt?« wirft Direktor Othwig -- der Vertreter der Spedition -- ein.
Joachim Becker war im ersten Augenblick bereit zu fragen, ob man seinen Worten mißtraue, aber er sieht in das Gesicht seines Schwiegervaters und antwortet:
»Geringfügig ist die Ausbeute, weil es sich um Pocherze handelt, die nur in einem schmalen Streifen, aber in der ganzen Beckenlänge von fünfhundert Metern auftreten. Das Vorkommen fällt schräg ab und wird nach den bisherigen Untersuchungen auf dem benachbarten Gelände in einer Tiefe erscheinen, die vielleicht eine rentable Ausbeute möglich erscheinen läßt.«
Joachim Becker verliest die Protokolle der Untersuchungskommission und geht nach Erörterung des Geländekaufs auf die günstigen Angebote über. Bis auf die Verhüttungs-Aktiengesellschaft, die allerdings erst kürzlich durch eine Fehlspekulation eine Einbuße erlitten habe, handle es sich nur um neue und zum Teil zweifelhafte Unternehmen. Er gibt die Namen bekannt und vertritt die Ansicht, daß man die Angebote der seriösen Firmen abwarten müsse, die sich erst nach eingehenden Untersuchungen äußern wollen.
Direktor Gidli von der Flußschiffahrt meint, daß der Kurzentschlossene vorzuziehen sei, und beantragt eine Debatte über die Angebote.
Joachim Becker fragt Direktor Haarland von der Eisenindustrie, ob er sich als Mitglied des Konsortiums zunächst ein Vorrecht sichern wolle.
Direktor Haarland, der einzige, der in seinem Stuhl, anscheinend gelangweilt, zurückgelehnt liegt und die langen Beine ausstreckt, winkt mit einem Augenzwinkern und einer kaum spürbaren Bewegung seines großen Kopfes ab.
Stadtrat Richter ist jetzt hinzugekommen, und die Beratung über die Angebote wird eröffnet. Bankdirektor Ellgers bricht sie kurz ab mit dem Antrag, sofort eine Ausschreibung vorzunehmen und in jedem Fall der Verhüttungs-Aktiengesellschaft den Zuschlag zu geben, bei sofortiger Barzahlung.
Joachim Becker erhebt impulsiv die Hand, und Kommerzienrat Friemann beeilt sich, den Antrag zu unterstützen. Er wird ohne Zwischenfall einstimmig angenommen.
Stadtrat Richter bittet, im Interesse der Stadt, die wegen der Verpachtung der Ladestraßen ohnehin schon genug angegriffen werde, dafür Sorge zu tragen, daß die Mitteilungen über das Unglück gemildert würden. Man habe eine Sensation daraus gemacht, und nicht nur das Ansehen der Stadt, die doch an der Hafengesellschaft beteiligt sei, sondern auch die Idee von der Notwendigkeit des Hafens leide darunter.
Direktor Kohan meinte, daß die Presse eine selbständige Macht sei, die sich nicht gebrauchen lasse, wie man Lust habe, aber Kommerzienrat Friemann findet auch hier einen glücklichen Ausgleich.
»Gewisse Angriffe sind uns eine Zeitlang sogar nützlich gewesen,« sagt er zur allgemeinen Überraschung, »ja, ich betone: nützlich, und zwar aus folgendem Grunde: die Eisenbahn hat noch immer nicht ihre Zustimmung zu den vorgeschlagenen Verträgen gegeben. Sie macht Schwierigkeiten, weil sie uns fürchtet. Gewiß, unsere Frachten sind billiger, und über die Leistungsfähigkeit gegenüber der Bahn wollen wir heute noch nicht zuviel sagen, aber wir brauchen den Bahnanschluß. Nun wird gegen uns Stimmung gemacht, man bekommt den Eindruck, daß es mit uns doch nicht so zu gehen scheine, wie man nach den Projekten erwartet hatte, und -- die Eisenbahn gibt es langsam auf, in uns eine gefährliche Konkurrenz zu sehen. Sie wird gefügiger. Wir stehen kurz vor dem Vertragsabschluß. Wenn diese Frage geklärt ist, wird sich das Weitere schon finden.«
Dieser Friemann, dieser mit allen Wassern gewaschene Getreidehändler, er weiß doch wahrhaftig auch das Negative so zu nutzen, daß es zum Vorteil gereicht. Man kann sich ihm anvertrauen und erwarten, daß er den in der Diplomatie allzu unerfahrenen Schwiegersohn noch erziehen werde. Jedenfalls ist man geneigt, die Verdienste um die Hafengesellschaft ihm allein zuzuschreiben -- seinem wachen Geschäftsgeist, seiner unübertrefflichen Geschicklichkeit.
Man geht vollkommen beruhigt zum nächsten Punkt der Tagesordnung über, und Joachim Becker spricht von dem Beteiligungsangebot der Seehafenreedereien. Die Bedingungen sind unannehmbar, die Leute in den Seehäfen nutzen ihre Macht.
»Sie müssen ihre Überlegenheit verlieren,« sagt er mit erhobener Stimme, »das aber ist nur möglich, wenn sie eine Gegenmacht spüren, wenn sie wissen, daß wir nicht auf Tod und Leben von ihnen abhängig sind. Darum brauchen wir unsere Stützpunkte. An der Nord- und Ostsee sind noch andere Häfen, kleine Küstenstädte, deren Lage sich ausnutzen läßt. Zum Teil haben sie noch nicht einmal einen Freihafen. Sie werden von den Kommunen verwaltet, erfordern Zuschüsse und sind ihren Bürgern sogar eine Last. Wenn wir aber unsere Hand darauflegen und die zum Teil schon recht leistungsfähig ausgebauten, aber kaufmännisch schlecht verwalteten Häfen zu unseren Stützpunkten machen, so erlangen wir unsere Unabhängigkeit. Ebenso wie die weitsichtige und gutberatene hiesige Stadtvertretung den Ausbau ihres Hafens der Privatwirtschaft überließ, so werden auch diese Städte dem Gedanken nicht unzugänglich sein. Ich bitte Sie daher, sich schon heute darüber schlüssig zu werden, ob wir diesen Weg beschreiten wollen, und mir die nötigen Mittel zu bewilligen.«
Er nennt die betreffenden Hafenplätze und erwartet die Meinungen.
+Dr.+ Immermann, der bei den Sitzungen stets den Eindruck hervorruft, als ob er im Schlafe unter hypnotischem Zwang den Bleistift führe, meint, ohne seine Kritzeleien zu unterlassen:
»Ich halte den Zeitpunkt für verfrüht. Erst müssen wir selbst verdienen.«
Joachim Becker fährt im alten Fluß seiner Rede fort: »Ganz abgesehen davon, daß wir durch einen ersten Schritt auf diesem Wege schon jetzt den großen Seehäfen unsere Taktik verraten müssen, damit sie ihre Bedingungen ändern, ist es notwendig, zu handeln, ehe unsere hiesigen Erfolge sichtbar werden. Wenn wir erst gezeigt haben, wie es gemacht wird, und daß wir gut auf unsere Rechnung kommen, werden sich andere Geldleute finden, die ihre Hand auf die übrigen Häfen legen oder mindestens die Forderungen der Kommunen in die Höhe schrauben.«
»Oder die Kommunen machen es selbst nach unserem Rezept«, wirft Herr Kohan ein. Über die starren Gesichter der Tafelrunde zieht der Schimmer eines Lächelns.
»Ich verlange nicht schon heute die Bereitstellung der Summe, ich will nur wissen, ob ich damit rechnen kann, um rechtzeitig mit der Bearbeitung zu beginnen. Ich würde sofort zuverlässige Mitarbeiter an den betreffenden Plätzen damit beauftragen, zunächst die Unzufriedenheit mit dem jetzigen Zustand in der Öffentlichkeit und der Stadtvertretung zu schüren und dann das Wort ›Privatwirtschaft‹ in die Debatte zu werfen. Dann brauchen wir noch geraume Zeit, bis alle maßgebenden Kreise die richtige Meinung davon erhalten haben, und wenn das Feld dann so weit bereitet ist, können wir auf eine Aufforderung hin unsere niedrigsten Gebote machen.«
Der Hafendirektor, der damals vor dem gleichen Auditorium das Projekt für den Hafen dieser Stadt auseinandersetzte, blickt sich ein wenig um, wie man die Erweiterung seines eigenen Planes aufnehme und ob er diesen Zahlenmaschinen endlich einmal imponiere.
Aber nur Herr Kohan starrt ihn durch seine dicken Brillengläser an. Der halbgeöffnete Mund, im gepflegten rosigen Gesicht mit dem weißen Haar und Bart, verrät ebenso Verständnislosigkeit wie Bewunderung. Sonst sieht er ringsum undurchdringliche Masken.
»Dazu kommen«, setzt er fort, »noch drei Binnenplätze mit fertig ausgebauten Häfen, die wir für den Umschlag benötigen.«
»Welche sind das?« fragt Herr Gidli mit großem Eifer.
Joachim Becker nennt sie und fügt lächelnd hinzu: »Ihre Strecken kommen für uns nicht in Frage.«
»Die halten wir auch besetzt«, beeilt sich Herr Gidli, der Vertreter der Flußschiffahrt, zu bemerken.
»Welche Höchstsumme wird erforderlich?« fragt Bankdirektor Ellgers.
»Zehn Millionen. Die Abnahme kann sich auf vier Jahre, also bis zur vollkommenen Fertigstellung unseres Hafens, erstrecken.«
»Ich bin für den Antrag und bitte um Abstimmung.«
Der Antrag wird angenommen.
Kommerzienrat Prüfer vom Importhandel hält es für angezeigt, trotz den Unfallrenten etwas für die Hinterbliebenen zu tun, und schlägt eine Sammlung vor. Die Hafengesellschaft solle als erste zehntausend Mark zeichnen, für seine Firma stelle er tausend Mark zur Verfügung.
Joachim Becker sieht überrascht auf. Ein menschliches Gefühl? Aber das kleine spitzbärtige Gesicht Prüfers ist nicht zu enträtseln.
Der allgemeinen stummen Zurückhaltung schließt sich nur Direktor Gidli nicht an. Er meint: »Ist denn das nötig?«
Kommerzienrat Prüfer sagt, als wäre die Frage nicht gestellt worden: »Im Interesse der öffentlichen Meinung sollte die Sammlung durch die Zeitung vor sich gehen.«
Bankdirektor Ellgers klopft nervös mit dem Bleistift auf die Tischplatte.
»Wir sollten uns mit diesen Lappalien nicht aufhalten,« sagt er ungeduldig, »ich bin für Annahme und zeichne für meine Bank tausend Mark.«
Sämtliche Herren folgen, bis auf Direktor Gidli, der erst seine Gesellschaft fragen muß.
Damit ist die Sitzung beendet.
Bankdirektor Ellgers verabschiedet sich sofort. Friemann begleitet ihn zur Tür. Auch Generaldirektor Jäckel, der noch den Zug für eine andere Sitzung erreichen will, ist in Eile. Er hat sich an den Debatten nicht mit einem einzigen Wort beteiligt, behauptet aber, einen Mordsdurst bekommen zu haben.
»Wir sehen Sie doch am nächsten Donnerstag?« fragt ihn der Kommerzienrat unter Händedrücken. Auch +Dr.+ Immermann wird noch einmal erinnert.
»Wissen Sie,« sagt der Kommerzienrat, während er sich im Hinausgehen in Immermanns kraftlosen Arm hängt, »meine Frau kann ohne die kleinen Gesellschaften im Hause nicht mehr leben. Sie behauptet, sie bekäme sonst keine Menschen zu sehen. Wir vom Alltag zählen nicht zu den Menschen.«
»Ja, die Frauen sind verwöhnt«, sagt +Dr.+ Immermann mit seiner dünnen Stimme.
Auch am anderen Ende des Konferenztisches beginnen die Herren sich zu regen. Direktor Haarland richtet sich aus seiner bequemen Lage auf und reckt den breiten Oberkörper, die Hände in den Hosentaschen.
»Ja, wissen Sie,« ruft er zu Direktor Othwig hinüber, der mit Kommerzialrat Mödl vom Boxsport spricht, »in England ist das doch etwas anderes. Da spielt der Amateur eine viel wichtigere Rolle, und ein Berufsboxer wird zu den vornehmsten Herrengesellschaften geladen. Hier aber bringt man ihn mit seinen Damen zusammen.«
Er zieht seine Amateurboxerfäuste aus der Tasche und verabschiedet sich von einigen Herren.
»Sagen Sie mir nur,« fragt ihn Direktor Gidli, »wie halten Sie sich so in Form? Sind Sie für Massage?«
»Dampfbäder«, sagt Haarland lächelnd. »Dampfbäder! Zweimal in der Woche!«
»Ja, sehen Sie, das kann ich doch wieder mit meinem Herzen nicht.«
»Da bleibt nichts als Hunger«, meint der Kommerzialrat mit dröhnendem Gelächter.
»Also neulich haben wir ein paar hohe Herren mit ihren Damen laden müssen,« sagt Direktor Koch zu einer anderen Gruppe, »aber meine Frau hat acht Tage nicht schlafen können. Sie behauptet, die steifen Damen hätten ihren eleganten Gästen moralische Ohrfeigen erteilt.«
»Aber die Damen von heute,« sagt Kommerzienrat Prüfer achselzuckend, »manchmal weiß man wirklich nicht, ob sie zur Gesellschaft --«
Direktor Haarland stößt ihn sanft ins Kreuz, weil Herr Kohan hinzukommt, der sich wegen seiner modernen jungen Frau immer Angriffen ausgesetzt fühlt.
»-- der Herren oder der Damen gehören. Die heutige Vermännlichung --«
Kommerzialrat Mödl zieht ihn mit lautem Gelächter fort. »Also, da habe ich neulich einen Fall erlebt --« und sie verschwinden schmunzelnd auf dem Korridor.
Haarland verabschiedet sich von Joachim Becker.
»Man muß nur den Nacken steif halten«, sagt er, als habe er es nötig, aufmunternd zu sprechen. »Ich habe es mit Boxen erreicht.«
Dabei zeigt er seine Fäuste und die gesunden weißen Zähne im braunen Gesicht.
Joachim Becker geht in sein Arbeitszimmer.
Die Stimmen der Aufsichtsratsmitglieder verlieren sich vor seiner Tür. Es ist später Nachmittag, die Dämmerung legt sich ganz plötzlich über den großen Raum.
Einen Augenblick sitzt er ausruhend in seinem Sessel, dann dreht er das Licht an und klingelt seiner Sekretärin.
Mechanisch beginnt er, von dem großen Stoß der Papiere auf seinem Tische das Wichtigste herunterzunehmen und zu diktieren.
Gegen seine Gewohnheit hebt er plötzlich den Blick. Er sieht, über die Finger der Schreibenden, in das schmale erschlaffte Gesicht der Sekretärin.
Es kommt ihm auf einmal mahnend zum Bewußtsein, daß dieses langsam welkende Wesen ihm gegenüber in den letzten Monaten täglich bis in die späten Abendstunden zu seiner Verfügung stand -- daß sie auch ein Anrecht auf das Leben habe. Er selbst hat, seitdem er von seinem Projekt besessen ist, nur Arbeit gekannt und rücksichtslos Arbeit gefordert. Nun empfindet er dumpf, daß es für andere Menschen noch irgendwelche Freuden geben mag, die nicht in diesem Hause zu finden sind.
Er bricht das Diktat plötzlich ab.
»Wir wollen für heute Schluß machen. Gehen Sie auch nach Haus.«
»Ich habe noch das Protokoll --«
»Lassen Sie Protokolle und Briefe. Schließen Sie alles ab, und denken Sie nicht daran.«
Sie sieht überrascht auf. »Dann: guten Abend«, sagt sie leise lächelnd.
Wie sie zur Tür geht, mit leichten Schritten, während das Kleid um ihre Beine schwingt, sieht er in ihr zum erstenmal nicht nur die fleißige Mitarbeiterin. Und er hat ein eigenes Gefühl dabei.
Sie ist auch eine Frau, sagt er sich, als er ihren Duft noch leise verspürt. Es gibt also noch lebendige Wesen, die ihren Körper wie eine Kostbarkeit auf zierlichen Füßen tragen, die mit weichen Händen nach den Dingen greifen und sanfte Worte sprechen --
Adelheid fällt ihm nicht nur ein, sie ist ihm greifbar nahe. Ihre ängstlichen runden Augen sehen ihn an. Er springt auf, ungeduldig, freudig, und beschließt, auszugleichen -- zu verschenken, was so dankbar hingenommen wird.
Der Kommerzienrat kommt herein, um sich zu verabschieden und Grüße für Adelheid aufzutragen.
»Hat die Katastrophe sie auch nicht zu sehr aufgeregt? Du weißt, bei jungen Frauen in diesem Zustand -- Ist der Arzt heute dagewesen?«
Sein Schwiegersohn kann diese Fragen nicht beantworten. Er hat bisher keine Zeit gehabt, sich damit zu beschäftigen. Aber nun will er alles nachholen.
Lag nicht immer schon etwas mütterlich Schweres und Sanftes in Adelheids Wesen? Er hat das Verlangen, den Kopf an ihre Knie zu schmiegen und sich trösten zu lassen wie von einer Mutter. ›Das Kind im Manne?‹ fragt er sich in leisem Selbstspott. Vor wenigen Stunden noch wäre ihm die Situation lächerlich erschienen.
Er schickt Herrn Gregor nach Hause und fragt ihn, ob er ins Theater gehen wolle. Hier seien zwei Eintrittskarten. Gesellschaft würde er wohl finden? Nein, deswegen würde Herr Gregor nicht in Verlegenheit kommen. Er dankt mit indiskretem Lächeln.
Joachim Becker hatte sich zum erstenmal seit Wochen dazu entschlossen, heute mit Adelheid in die Oper zu gehen. Aber nun will er sie nicht unter fremde Menschen führen.
Er hatte noch nie Zeit, sich für Kunst zu interessieren, er versteht nichts davon. Wenn er sich ablenken wollte, sah er sich ein Lustspiel oder eine Operette an, aber er verspürte stets einen schalen Geschmack danach, es reute ihn der Zeitverlust. Nun will er Adelheid die Freude bereiten, mit ihr allein zu Haus zu bleiben, einen ganzen Abend nur ihr zu widmen; gut und milde zu sein.
Er hatte noch niemals daran gedacht, seiner Frau ohne äußeren Anlaß Blumen oder andere Aufmerksamkeiten mitzubringen, auch heute hält er sich nicht damit auf. Aber er kommt mit einem vollen Herzen. Und das scheint ihm so ungeheuer viel, daß der Gedanke an materielle Geschenke ihm absonderlich vorgekommen wäre.
Während er im Wagen seinem Hause entgegenrollt, dünkt ihn die familiäre Sorgfalt und Rücksichtnahme des Kommerzienrats längst nicht mehr lächerlich wie sonst. Auch er freut sich auf sein Familienleben.
Adelheid erwartet ihn bereits im fertigen Staat für den Theaterbesuch. Ihre Mutter sitzt in ihrem Zimmer und erzählt vom letzten Opernabend.
»Selbst Frau Bankdirektor Ellgers war da, die doch aus hygienischen Gründen nur selten ihr bazillenfreies Haus verläßt«, sagt sie, als ihr Schwiegersohn eintritt.
»Ich freue mich so sehr, daß ihr endlich einmal miteinander ausgeht«, ruft sie nach der Begrüßung aus. »Adelheid hat sonst so gar nichts von ihrem Leben. Und bald wird sie sich nicht mehr öffentlich zeigen wollen.«
»Ja«, sagt Joachim Becker beklommen bei dem Gedanken an die verschenkten Theaterkarten. »Ich hatte aber gerade heute den Vorschlag machen wollen, zu Haus zu bleiben. Wir beide ganz allein, Adelheid und ich. Die Sitzung hat mich sehr angestrengt, und ich bin so lange nicht mit Adelheid allein gewesen.«
»Ich wollte euch ohnehin bald verlassen, denn Papa wird wohl jetzt auch zu Hause sein. Aber meine Ansicht ist, daß Adelheid die Ablenkung gut tun würde«, sagt die Kommerzienrätin mit abgewandtem Gesicht. Sie sucht ihren Mantel und rüstet sich, um dieses Haus rasch zu verlassen, in dem ihr so deutlich gesagt wird, daß man allein sein will.
»Was meinst du, Adelheid?« fragt Joachim Becker leise, indem er seine Hand auf ihre Schulter legt.
Sie blickt hilflos auf, und weil die Mutter ihr den Rücken wendet und sie ihr Gesicht nicht sieht, wird sie ängstlich. Sie erhebt sich, so daß die Hand ihres Mannes herabfällt, und geht zu ihrer Mutter hinüber.
»Nein, Mutter,« sagt sie, »so darfst du nicht weggehen.« Die Kommerzienrätin schließt den Arm um ihre Tochter, und beide Frauen gehen wortlos hinaus.
Da fühlt Joachim Becker, wieviel Leid er hier schon unbewußt veranlaßt hat, und daß keine Brücke hinüberführt. Heute nicht -- vielleicht in der Zukunft?
Er geht in sein Zimmer hinüber und denkt lange, verworren über seine Handlungen nach, er, der immer so klar und folgerichtig, so gut organisiert zu denken vermochte. Er glaubt, hier und da in schwachen Umrissen Fehler zu erkennen. Seine große Sicherheit, seine Zielbewußtheit fällt von ihm ab, er ist trostbedürftig wie ein Kind.
Und fühlt zum erstenmal in seinem Leben die große quälende Einsamkeit ...
Die Mutter
Irmgard Pohl geht vor das Haus. Die Luft in den Zimmern ist stickig. Ohne Abkühlung selbst in der Nacht. Dazu der Geruch von Medizin und Krankheit, der in alle Zimmer dringt, seitdem Frau Pohl in die unteren Räume übergesiedelt ist.
Jetzt, gegen Abend, weht ein Luftzug vom Wasser herüber. Die Mühle und die Speicher wirken noch bestaubter als sonst, und auch die Pflanzen im kleinen Vorgarten des Wohnhauses werden trocken und stumpf.
Die Geräusche vom Hafen sind nun ferner gerückt. Einige Arbeiter werkeln am zerstörten Getreidespeicher, dessen verstümmelter Bau wieder abgetragen werden muß. Die neue Arbeit aber wird am südlicher gelegenen Mittelbecken geleistet. Die wimmelnden Massen der Arbeitenden, die kleinen Kippwagen und die Arbeitsautos wirken von der Mühle aus spielerisch klein. Silhouettenhaft gezeichnet sieht Irmgard die Vorgänge durch die verdickte, vom letzten Sonnenleuchten glitzernde Luft.
Sie setzt sich auf die Bank vor dem Haus, müde und des vielen Lärmens überdrüssig. Auch an der Mühle wird nun gebaut. Herr Pohl läßt den Speicher aufstocken und einen Flügel am Müllereigebäude anbauen. Die Arbeiter sind gegangen, doch die Steine und Bottiche stehen umher, die Gerüstbalken liegen vor dem Speicher und zerstören den ruhigen Eindruck, der auf diesem Gelände bisher bewahrt geblieben war.
Es ist kaum vorstellbar, daß noch vor einem Jahr die Vögel in Scharen auf den Feldern drüben niedergingen und sich holten, was von der Ernte zurückgeblieben war. Daß die alten Linden ihren weichen Duft mit den warmen Südwinden über den Kanal hinweg zur Mühle sandten. Daß Kinder auf den Wiesen spielten, und daß zwischen ihnen ein paar weiße Ziegen mit gesenkten Köpfen dahintrotteten. Dort, wo jetzt die tiefen Gruben sind und neue Speicher aus der Erde wachsen.
Wenn man des Abends vor das Haus trat und über den Kanal hinwegblickte, war eine ebene Fläche, soweit das Auge reichte. Nur zur Linken dunkelten die breiten Wipfel der Linden und verdeckten das Fräuleinstift, dessen Pensionäre man niemals zu Gesicht bekam. Die Rufe heller Kinderstimmen wehten zuweilen herüber, und dann konnte man ganz gedämpft irgendwelche dunklen, schweren Kirchenglocken aus dem Innern der Stadt vernehmen. So still war es in diesem Winkel, wo nun der neue Hafen entsteht.
Aber hatte Irmgard sich damals dieser Stille vollkommen bewußt gefreut?
Sie bückt sich und fegt mit der Hand über das blaue Blumenbeet, aus dessen dichten kleinen Blüten dabei ein heller Hauch von Staub auffliegt. Sie sucht immer eine Beschäftigung, wenn peinliche Gedanken sie bedrängen, trotzdem sie längst weiß, daß sie sich zu anderer Zeit doch wieder melden und auf die Dauer nicht abzuwenden sind.
Nein, sie hatte die Ruhe als einen hinterwäldlerischen Zustand hingenommen und mit Joachim Becker von dem großen Hafen geträumt.
Einige Rosen am hohen Stock in der Mitte des runden Beetes hängen welk herab. Irmgard nimmt einen der sammetweichen kühlen Köpfe sachte mit der Handfläche auf. Sie kann nicht übersehen, daß der Rosenstock an einen runden Stab gebunden ist, einen grünen Stab mit weißer Spitze, den Joachim Becker im vorigen Jahr mit seinem Taschenmesser zurechtschnitt und in knabenhaftem Eifer farbig überpinselte.
Sie zieht die Hand von der Rose fort. Schwer sinkt sie vornüber, und dann segeln die hellen Blätter nach allen Seiten in die blauen Blumen hinein.
Irmgard wendet sich brüsk ab. Vor der Tür stockt sie einen Augenblick. Sie will das Haus meiden, um von der Mutter nicht gehört und gerufen zu werden. Mit kleinen Schritten schleppt sie sich um das Gebäude herum und geht durch den Gemüsegarten zum Mittelweg.
Hier und im Hof sind noch Kalkspritzer von den Ausbesserungsarbeiten am Hintereingang zu sehen. Michael Pohl hatte alles sofort auf eigene Kosten wiederherstellen lassen und sich auch wegen der zersprungenen Fensterscheiben nicht mit Ersatzansprüchen gemeldet. Eines Tages war jedoch Rechtsanwalt Bernhard erschienen und hatte um die Rechnungen gebeten, da die Hafengesellschaft selbstverständlich alles ersetzen werde. Er konnte es sich nicht nehmen lassen, persönlich vorzusprechen, weil er immer noch auf einen gütlichen Ausgleich in der Prozeßangelegenheit hoffte. Michael Pohl sprach mit keinem Wort davon.
Das Mädchen in der Küche hört die Schritte auf dem Kies. Sie setzt einen Teller klappernd nieder und steckt den Kopf aus dem Fenster.
»Sie schlafen beide«, flüstert sie. Sie gönnt Irmgard die kurze Ruhepause.