Chapter 11 of 19 · 3997 words · ~20 min read

Part 11

»Verzeihen Sie, ich habe Sie nicht verstimmen wollen. Zuweilen muß man sich selbst daran erinnern, damit man nicht zu übermütig wird. Natürlich werden Sie wissen, was Sie zu unternehmen haben, um keinen Menschen zu kränken.«

»Wovon sprechen Sie, Fräulein Pohl?« fragt er plötzlich sehr streng.

»Wovon?« fragt sie verwirrt. »Von dem, was Sie ebenso wissen wie alle anderen, die mich kennen. Ich gebe mich nicht der Illusion hin, daß die Menschen über das Unangenehme schweigen. Nur das Angenehme behalten sie für sich. Warum soll ich diskreter sein als die anderen, zumal es sich hier um mich selbst handelt?«

»Nur mit dem Unterschied, daß Sie heute noch darüber sprechen, während die anderen längst schweigen. Geben Sie mir Ihre Karte, damit ich versuche, den Nachbarplatz zu bekommen.«

Sie folgt der Aufforderung wie ein gestraftes Schulmädchen. Als sie von ihrer Tasche hochblickt und die strengen Falten in seinem Gesicht bemerkt, muß sie lächeln. Sie weiß keine Erklärung dafür, daß sie sich auf einmal unsäglich erleichtert fühlt.

Er geht stumm neben ihr her, während sie sich der Billettkasse nähern. Sie ist ihm so dankbar und möchte ihm irgend etwas Gutes sagen.

Während sie ihn betrachtet, wie er zum Schalter herabgeneigt ist und in seiner etwas umständlichen Art verhandelt, muß sie daran denken, daß ihr die Achtung der Menschen doch nicht so gleichgültig ist, wie sie es sich immer eingeredet hatte. Es ist sehr schön, zu wissen, daß man trotzdem nicht von ihnen gerichtet wurde.

Der Kapitän kommt zurück. Er hat drei Karten in der Hand.

»Der Nachbarplatz war schon vergeben«, sagt er und blickt unschlüssig auf die unverwendbare Karte.

»Geben Sie, bitte!« sagt sie. Er läßt sich die Karte aus der Hand nehmen. Sie steckt sie in ihre Handtasche. »Die hebe ich mir auf zum Andenken an einen guten Mann.«

»Sie sollten sie lieber einem armen Menschen schenken, der sich keine Musik leisten kann«, erwidert er, auch jetzt nicht ohne Strenge.

»Mein Gott, Herr Schulmeister, nun könnten Sie wieder etwas freundlicher sein. Natürlich haben Sie recht.« Sie sieht sich suchend um.

Er lächelt. »Gehen wir wieder vor den Eingang! Hier haben die Leute schon das Geld in der Hand.«

An der Tür begegnet ihnen ein junger Mensch mit rotgefrorenen Händen. Ein armer Musikstudent vielleicht.

Irmgard geht schüchtern auf ihn zu und sagt leise: »Ach verzeihen Sie, wollen Sie vielleicht ...«

Sie hält ihm die Karte hin. Aber ehe sie ausgesprochen hat, sagt er barsch: »Danke«, und geht beschleunigt weiter.

Erschreckt zieht sie die Hand zurück und gesellt sich kleinlaut zum Kapitän. Der hebt die Schultern hoch, wie jemand, der einen Bubenstreich ausgeheckt hat und nun flüchtet. Er nimmt ihren Arm, und sie schlüpfen vor die Tür.

»Aber das haben Sie ja ganz verkehrt angefangen«, sagt er draußen mit seinem aufgeräumten trocknen Lachen. »Der Mann hat natürlich gedacht, daß er Ihnen die Karte abkaufen soll, und er hat höchstens das Geld für die Galerie. Soll ich es einmal versuchen?«

»Bitte, wenn Sie es besser verstehen!«

Sie beobachten nun beide die Passanten. Ein paarmal sieht der Kapitän sie fragend an.

»Sie können doch nicht irgendeinem Mann, der vielleicht zu einem Rendezvous gehen will, eine Konzertkarte aufschwatzen!« Jetzt lacht sie ihn aus, weil er es auch nicht geschickter anzufangen weiß.

Zufällig fahren gerade viele Autos vor. Elegante, plaudernde Menschen gehen in das Tor. Es ist inzwischen spät geworden. Sie müssen eilen, um den Beginn nicht zu versäumen.

Er gibt es auf. »Ich habe mir das Verschenken wirklich leichter gedacht«, sagt er resignierend.

Schließlich nimmt sie die Karte wieder an sich, und sie begeben sich hinein.

»Ach ja, Beethoven kann man immer wieder hören«, sagt eine Frau sehr laut neben ihnen, als wolle sie sich vor aller Öffentlichkeit entschuldigen, daß sie noch zu so alter Musik geht.

Die beiden sehen sich belustigt an. Sie sind in der Laune, die alles mit einem heitern Spott betrachtet.

Aber dann sitzen sie auf ihren Plätzen und werden schon bei den ersten Tönen, die vom Stimmen der Instrumente in das schwatzende Publikum fallen, sehr still.

In der Pause gehen sie lange schweigsam auf und ab. Nach diesem gemeinsamen Erlebnis will ihr neuer Verkehrston doch nicht mehr passen.

Endlich beginnt er das Gespräch damit: »Ja, die Deutschen müssen sich bei der Musik immer etwas denken. Sie machen sich zu jeder Symphonie und selbst zu den Walzern einen Text.«

Irmgard, die von den Tönen sehr angeregt wird und noch im tiefen Nachdenken ist, sagt:

»Sie sprechen von den Deutschen, als gehörten Sie nicht dazu.«

»Verzeihen Sie, ich habe mich nicht korrekt genug ausgedrückt, ich hätte sagen müssen ›wir‹ Deutschen.«

»Ja, sehen Sie, das klingt schon mehr nach persönlichem Bekenntnis, und darum vermeiden Sie es.« Sie kann es sich selbst nicht erklären, warum sie ihm jetzt seine Schwäche vorhalten muß.

»Sie haben recht,« erwidert er, »man gewöhnt sich daran, seine Gefühle vor den Menschen zu verbergen.«

Sie sehen einander einen Augenblick schweigend an. Da sagt sie unvermittelt:

»Sie haben eine Geige, und ich würde gern wieder Klavier spielen, wenn Sie manchmal zur Begleitung herüberkämen.«

Er wird nicht verlegen, wie es sonst seine Art ist, wenn man sein Steckenpferd erwähnt.

»Ja,« sagt er, »das will ich gern tun. Bestimmen Sie die Stunde!«

Dann beginnt er, ehe sie geantwortet hat, sehr ausführlich davon zu erzählen, wie andere Völker die Musik auffassen, die Südländer etwa oder die Chinesen. Am wenigsten könne man als Europäer bei der Negermusik etwas empfinden.

Sie hört ihm sehr unaufmerksam zu. Er hat einen gleichmäßigen, einschläfernden Tonfall. Es wäre ihr viel lieber, wenn er jetzt schwiege.

Sie muß daran denken, daß Joachim Becker sie niemals durch seine Anwesenheit oder durch überflüssige Worte störte wie dieser gebildete und rücksichtsvolle Mann, der von der Musik sehr erschüttert ist und trotzdem so viele Worte macht. Aber sie ist gerecht genug, sich einzugestehen, daß der ungeliebte Mensch eben nichts zur Zufriedenheit machen kann, der geliebte aber selbst nach den schlechtesten Handlungen noch in guter Erinnerung bleibt.

Die Musik läßt sie diese Betrachtungen wieder vergessen. Und am Schluß, nach dem ernüchternden Handgemenge an der Garderobe, sind sie wieder in ihrem Fahrwasser. Irmgard wird viel betrachtet, der Kapitän nimmt mit ironischen Bemerkungen davon Notiz.

Sie hat unwillkürlich das Gefühl, daß sie noch etwas an ihm gutzumachen habe. Es muß ihr immer erst einfallen, sie ist gewissermaßen mit dem Verstande und nicht mit dem Herzen gut zu ihm.

»Sie sind sehr weit gereist und haben viele Menschen und Gebräuche kennengelernt. Auch mein Vater wird sich auf eine Unterhaltung mit Ihnen freuen. Kommen Sie morgen abend!« sagt sie freundlich.

»Danke, gern.«

»Gegen sieben, zu einem Imbiß?«

»Ja, wie Sie bestimmen. Noch weiß ich nicht, wo ich heute etwas zu essen bekomme.«

»Mein Gott«, ruft sie erschreckt aus. »Haben Sie heute abend noch nicht gegessen?«

»Ich wußte doch nicht, daß mir nur Musik vorgesetzt wird«, erwidert er lächelnd.

»Aber für heute kann ich Sie nicht einladen.«

»Beileibe nicht. Doch wenn Sie mir noch bei einem Abendbrot Gesellschaft leisten würden ...«

»Nein«, sagt sie entschlossen.

»Das ist sehr schroff. Die jungen Damen sind heute so selbständig, daß ich nicht glaubte, gegen die guten Sitten zu verstoßen.«

»Gewiß nicht!« erwidert sie. »Frauen, die einen guten Ruf haben, dürften es vielleicht annehmen, die mit einem schlechten noch eher. Aber wer sich sein Ansehen zurückerobern muß --«

»Ja, kommen Sie nur, Sie Moralistin!« Er läßt sie den Satz nicht zu Ende sprechen und begleitet sie unter vielen Erzählungen und Scherzen nach Haus.

»Im übrigen haben Sie ja Tee zu Haus, und in der Kantine wird auch noch etwas für Sie zu essen sein«, sagt sie einmal zwischendurch. Er stellt fest, daß sie sich sehr besorgt mit seinem Hunger beschäftigt, und wird immer lebhafter.

An der Föhrbrücke verabschieden sie sich. Sie fühlt seinen schmerzhaft festen Händedruck noch, als sie in das erhellte Wohnzimmer tritt, wo sie den Vater über der Zeitung antrifft.

Er geht ihr entgegen und hilft ihr beim Ablegen. Es fällt ihr auf, daß er sehr ernst ist. Sie war auch von ihm mit vielen guten Wünschen und unter Scherzen entlassen worden. Es scheint ihr, daß alle Menschen heute gut und heiter waren.

Sie legt daher ihren Arm um seine Schulter und lehnt das heiße Gesicht an seine Wange.

»Noch mein Kamerad?« fragt sie.

»Ja«, sagt er lächelnd. Er selbst hatte ihr vor kurzem nach einer tüchtigen Arbeit im Bureau diesen Titel gegeben. Nun bekommt er ihn zurück.

Er erkundigt sich, ob sie Hunger habe, und macht eine Bewegung zur Tür, als wolle er sie selbst noch bewirten.

Sie lehnt ab und beginnt zu berichten. Sie habe den Kapitän getroffen. Er sei auch im Konzert gewesen. Unwillkürlich sagt sie nicht, daß er ihretwegen mitgekommen sei. Sie überlegt, wovon sie zuerst erzählen solle, vom Eindruck der Musik, vom Publikum oder vom Kapitän. Sie ist ungewöhnlich plauderlustig und in einem inneren Gleichgewicht, wie sie es seit Joachim Beckers Zeit nicht mehr kannte.

Ein Geräusch, das vom Schlafzimmer herüberdringt, läßt sie aufhorchen.

Herr Pohl rückt verlegen auf seinem Sofa.

»Es ist der Junge«, sagt er zögernd. »Wir haben den Arzt schon kommen lassen. Er hustet und hat leichtes Fieber.«

Irmgard starrt ihn fassungslos an. Hier sitzt sie in ihrem silbergrauen leichten Kleid, so reizvoll wie seit Jahren nicht, und wird mit dieser Nachricht empfangen.

Sie ist nicht traurig, sondern fast ärgerlich. Als habe man ihr rücksichtslos ein Vergnügen verdorben.

»Es wird irgendeine gewöhnliche Kinderkrankheit sein«, meint Herr Pohl beruhigend.

»Dann werde ich mich umziehen und die Mutter ablösen«, sagt sie still.

»Nein.« Er hält sie auf ihrem Stuhl zurück. »Ich wollte ohnehin in diesen Tagen mit dir über die Mutter reden. Sie wird jetzt niemand zum Knaben lassen. Du kennst ihren Eifer.«

Er schweigt und holt dann sehr weit aus: »Wie du weißt, stammt ihr Vater aus einer Hugenottenfamilie, und dieser Fanatismus mag ihnen von den Ahnen her im Blute liegen. Wir können nicht dagegen ankämpfen. Denn durch Widerstand unterstützen wir ihren Wahn. Nun scheint sich in letzter Zeit ihr Erinnerungsvermögen viel mehr gestärkt zu haben, als wir ahnen. Ich habe zuweilen das Gefühl, daß sie der Wahrheit schon sehr nahe ist, aber absichtlich nicht mehr fragt, weil sie sich fürchtet.«

Irmgard, die immer eine so aufmerksame Zuhörerin war, schweift mit ihren Gedanken ab und vermag der Rede des Vaters nicht mit Interesse zu folgen. Die vielfältigen Klänge des Orchesters, sanfte Tonfolgen, Beethovensche Akkorde mit ihren dunklen Untertönen liegen ihr in den Ohren. Sie hat Mühe, auf ihrem Stuhl sitzenzubleiben. Es drängt sie, einherzugehen, leicht, mit schwebendem Rhythmus im Gang.

Sie versteht nicht, warum der Vater gerade heute mit ihr darüber sprechen muß. Merkt er nicht, daß sie in die »Welt« zurückgekehrt ist, daß sie endlich, endlich mit der Vergangenheit abschließen will? Großer Gott, daß sie einmal von Krankheit, Wahn und Kindersorge nichts hören möchte?

Sie blickt, ein wenig verträumt und gleichzeitig trotzig, in eine Ecke des Zimmers, am Vater vorbei und sagt, mit einer fremden kühlen Stimme: »Was soll ich denn tun? Ich kann ja verreisen, wenn du willst. Ja --«

Sie springt auf und geht nun doch im Zimmer umher.

»Reisen! Ich werde mir die Welt ansehen. Du sagtest neulich, der Mensch muß seine alte Umgebung verlassen, um neu anfangen zu können. Gut, ich will mir die Welt ansehen!«

Sie hat die Arme auf dem Rücken ineinandergelegt und bleibt plötzlich vor dem Vater stehen, während der weite silbrige Rock noch um ihre schmalen Beine schwebt.

»Komm einmal hierher!« sagt Herr Pohl in gutmütig befehlendem Ton und macht ihr den Sofaplatz an seiner Seite frei. Etwas an seiner Tochter gefällt ihm nicht. Es ist ein Zuviel in den Bewegungen, eine Übertreibung im Ton.

Er legt die Hand um ihre abfallenden Hüften und zuckt unwillkürlich vor der weichen Seide zusammen, die seine Fingerspitzen so unendlich lange nicht berührten. Wieviel Härte und Strenge, wieviel Entsagung ist doch immer in seinem Hause gewesen, wo nur die Arbeit regiert. Er zieht die Finger wieder fort und rückt ein wenig ab.

»Ja,« sagt er langsam, »du bist jetzt zweiundzwanzig Jahre alt, und das ganze Leben liegt noch vor dir. Wir beide, deine Mutter und ich, sind nun so weit --« Er stockt.

»Nein, nicht erst jetzt«, setzt er mit leichter Bitterkeit fort. »Wir waren immer so, daß wir nicht uns selbst, sondern den Pflichten lebten. Man kann auch darin zu Egoisten werden. Man bildet sich ein, für die anderen, für die Kinder etwa, zu leben, und hat sich rücksichtslos an die Arbeit gehalten, um den Mangel an Lebensfreude nicht einzugestehen. Siehst du, darin haben wir an dir gesündigt.«

»Das darfst du von dir nicht sagen, denn du bist immer gut gewesen. Und mit dir konnte man auch manchmal lustig sein.«

»Manchmal!« wiederholt er. In seinem großen braunen Gesicht mit den grauen, aufschimmernden Haaren, ist irgend etwas schief gezogen. Er versucht krampfhaft, es fortzulächeln. »Was ich dir bisher in diesem Arbeitshof geboten habe, war nicht die Freude.«

»Vater, fast ein Jahr lang bin ich sehr glücklich und jung gewesen. Und wenn es dann anders kam, so war ich daran schuld.«

»Nein,« erwidert er, »jetzt weiß ich, daß wir schuld sind. Mußtest du in jener Zeit nicht von zwanzig Jahren ohne Zärtlichkeit und Lebensfreude erlöst werden und alles einholen, was in dir ungehoben blieb? Wenn wir ein klares Glas aus kalter Luft in die Wärme tragen, so wird es blind. Aber bleibt es nicht blank, wenn es das Klima nicht wechselt? Die Kinder, die Wärme und Heiterkeit in reichem Maße bei den Eltern haben, werden selten in Gefühlsüberschwang geraten, der die Grenzen verliert.«

Irmgard lehnt den Kopf gegen das Polster und läßt ungehindert aus den weitgeöffneten, lächelnden Augen Tränen tropfen.

»Und nun sehe ich mit an, wie du dich um den Knaben quälst. Du wärst vielleicht so weit, ihn der Mutter allein zu überlassen, weil er ihr einziger Lebensinhalt ist und du jung und gesund genug wärst, um noch auf ein eigenes Leben zu hoffen. Erst wenn man von sich selbst nichts mehr erwartet, versenkt man sich vollkommen in seine Kinder. Aber da ist dir von uns dieses Pflichtbewußtsein eingeimpft. Du glaubst, die Achtung vor dir verlieren zu müssen, wenn du dich mit deinen Muttergefühlen von ihm befreist.«

Er spricht das alles vor sich hin, während sie still neben ihm sitzt. Jetzt wendet er sich um und blickt offen in ihr tränenüberströmtes heißes Gesicht.

»Glaubst du,« fragt sie, während sie die Augen langsam schließt, »daß es nicht unnatürlich wäre, wenn ich, wenn ich --«

»Wenn du lebensfreudig genug wärst, um mit der Vergangenheit abzuschließen?«

Er versucht, zu lächeln und in leicht scherzendem Ton zu sprechen. »Du gibst uns das -- das Produkt unserer falschen Erziehung als Tribut zurück und beginnst, dein junges Leben neu und richtig aufzubauen. Jetzt wissen wir wohl, wie wir es machen müssen?«

»Ja«, sagt sie leise. »Alle Sorgen werden heute von mir fortgenommen.«

Sie denkt an den Kapitän, an die bewundernden Blicke der fremden Menschen, an die Musik, die von ferne wieder aufklingt, an ihre eigenen leichten wiegenden Schritte.

Sie springt auf und gleitet mit den Händen über die weiche Seide ihres Kleides, während sie sich in der Mitte des Zimmers hinstellt und mit glänzenden Augen in die Luft blickt.

»Jetzt --« sagt sie, als wäre sie voller Unternehmungslust, »jetzt muß ich wohl schlafen gehen.«

Herr Pohl steht auch auf und will sie zur Tür begleiten. Da schlingt sie ihren Arm noch einmal um ihn und eilt davon.

Er lauscht gedankenvoll ihren Schritten. Dann nimmt er langsam die Hand von der Klinke.

›Wir wissen wohl, wie wir es jetzt machen müssen,‹ denkt er, ›aber wir haben nicht selbst die Entscheidung --‹

Es ist fast Mitternacht. Aus dem Schlafzimmer dringen keine Geräusche mehr herüber. Er faltet seine Zeitung zusammen und geht hinein. --

Der Sohn

Joachim Becker erscheint am nächsten Morgen im Verwaltungsgebäude, um mit dem Hafendirektor einiges zu besprechen.

Der Kapitän muß von Fräulein Spandau erst gesucht werden. Der Generaldirektor geht solange in sein Zimmer, setzt sich vor den Schreibtisch und kann es sich nicht versagen, in die umherliegenden Papiere einen Blick zu werfen.

Er ist so vertieft, daß er fast aufschreckt, als das Telephon neben ihm rasselt. Er nimmt den Hörer ab und murmelt ärgerlich ein »Hallo« in den Apparat.

»Herr Kapitän?« hört er eine fragende Stimme.

Er weiß nicht sofort, woher ihm dieser Tonfall bekannt ist, aber er ist irgendwie davon betroffen und verliert so weit seine kühle Überlegung, daß er möglichst tonlos in der Art des Kapitäns ein »Ja« murmelt.

»Hier Irmgard Pohl«, vernimmt er nun, und es fällt ihm ein, daß er noch niemals mit ihr telephoniert hat. Ihre Stimme wirkt in der Verwandlung durch den Draht sehr tief und voll.

Seine Herzschläge werden heftiger und rascher. Er ist ärgerlich darüber, zumal ihm bewußt wird, daß er jetzt nicht länger hören darf, was für ihn nicht bestimmt ist.

»Ich muß Sie leider bitten, Herr Kapitän, heute nicht zu kommen. Unser Michael hat den Keuchhusten. Wir möchten doch vermeiden, daß Sie die Krankheit etwa zu den Kindern der Schiffer im Hafen bringen --«

Er wirft den Hörer hin und rennt erregt im Zimmer umher.

›Ist es nötig,‹ denkt er, ›daß der Kapitän mehr als das Geschäftliche drüben erledigt? Was hat er mit der Tochter zu tun? Und was sind das für Kinderkrankheiten drüben? Wie kommen Kinder in die Mühle?‹

Er wird immer ärgerlicher, weil er hier vor etwas Fremdem steht, vor einer Tatsache, die so unerwartet über ihn herfällt. Und weil er fühlt, daß das Vergangene ihn doch nicht so unberührt läßt. Wäre er sonst dermaßen erregt? Er ist unerklärlicherweise voller Zorn auf den Kapitän.

Der kommt ahnungslos herein, begrüßt ihn mit dem stets freundlichen Lächeln im braunen, hageren Gesicht und spricht gleich von den geschäftlichen Dingen.

Joachim Becker hört unaufmerksam zu. Er ist sehr nervös und muß sich zusammennehmen, um nicht ungerechte, ärgerliche Bemerkungen zu machen. Außerdem fürchtet er das erneute Klingeln des Telephons.

Die Sache ist ihm verdammt peinlich. Er sieht ein, daß er nicht schweigend darüber hinweggehen kann. Schließlich sagt er:

»Übrigens -- ich habe da vorhin eine telephonische Bestellung für Sie entgegengenommen. Von der Mühle drüben hat jemand angerufen, Sie möchten nicht hinkommen, es hätte jemand den Keuchhusten --«

Er ärgert sich über das doppelte »jemand«, das ihm zu betont unpersönlich scheint. Dem Kapitän kann es nicht entgangen sein.

»Das ist ja sehr unangenehm,« meint der Kapitän, »sehr unangenehm.«

»Na, Sie werden sich doch nicht gleich den Keuchhusten holen«, sagt der Generaldirektor laut, mit übertriebenem Gelächter.

Der Kapitän lächelt höflich. »Nicht für mich natürlich. Ja, das tut mir sehr leid.«

Joachim Becker erhofft immer noch eine Erklärung. Er kann das Gefühl nicht loswerden, daß der Kapitän sie ihm absichtlich vorenthält.

»Da drüben sind anscheinend Kinder? Ich dächte doch, daß Erwachsene keinen Keuchhusten haben?« fragt er endlich.

»Allerdings nicht«, meint der Kapitän lächelnd. »Ja, ein Sohn ist da. Ein Knabe, von etwa zwei Jahren glaube ich.«

»So --« Der Generaldirektor fühlt, daß seine Ohren brennen und wendet sich halb ab. In seiner Verlegenheit zieht er die Uhr und sucht seine Aktentasche, um in sein Stadtbureau zurückzukehren.

Obgleich das konziliante Lächeln im verschlossenen Gesicht des Kapitäns ihn bis zum Äußersten reizt, gibt er ihm sehr liebenswürdig zum Abschied die Hand.

»Ja, was mir eben einfällt«, sagt er an der Tür. »War die alte Frau Pohl drüben nicht gelähmt?«

»Ich hörte auch einmal davon«, erwidert der Kapitän. »Soviel ich weiß, ist sie jetzt gesund.«

»Soso, das ist ja sehr erfreulich.« Er geht mit langen Schritten, ohne sich umzusehen, zu seinem Wagen.

Unterwegs rückt er auf den Polstern hin und her. Plötzlich lacht er nervös auf.

Der Chauffeur macht eine kleine Bewegung, als fühle er sich angerufen, fährt aber in steifer Haltung weiter.

›Zum Teufel!‹ denkt der Generaldirektor, ›was ist das für eine verrückte Geschichte! Ich könnte doch wahrhaftig fast den Kerl da vorn fragen, ob es möglich ist, daß ein altes Weib von beinahe fünfzig Jahren, das lange Zeit gelähmt und wahnsinnig war, noch Kinder kriegen kann.‹

Und dann rechnet er und überlegt, ob in seiner Umgebung nicht ein einziger Mensch ist, der es ihm gesagt haben könnte, wenn dieser Junge wirklich -- Er stellt fest, daß er ganz allein ist und daß alle, denen es etwa bekannt war, gerade ihm gegenüber diskret schweigen mußten.

Auch der Kapitän ist mit dem Gespräch nicht zufrieden. Er kann nur annehmen, daß Irmgard Pohl ihm selbst die Mitteilung machen wollte. Und nun sollte sie mit dem gesprochen haben, den sie gerade jetzt zu vergessen im Begriff ist?

Während er nervös umherläuft und überlegt, was er zu unternehmen habe, vergißt er sogar, daß er nun um den Besuch gebracht wird. Er war hier in heiterer Stimmung spazierengegangen und hatte sich darauf gefreut.

Da liegen seine Papiere und warten auf ihn. Er hat im Grunde keine Zeit, sich während des Dienstes mit persönlichen Dingen abzugeben. Aber er nimmt langsam den schief eingehängten Hörer ab und läßt sich mit Irmgard Pohl verbinden.

Sie meldet sich von der Wohnung aus, und er glaubt zu entnehmen, daß sie in Ungeduld sei.

»Hier v. Hollmann«, sagt er so laut, daß seine heisere Stimme mehr Klang bekommt. Wenn er telephoniert, so ist es auch immer, als riefe er gegen einen mächtigen Sturm, der ihm die Verständigung erschwert.

Irmgard Pohl scheint im ersten Augenblick nicht zu wissen, mit wem sie es zu tun hat, denn sie kannte ihn immer nur als den »Kapitän«. Dann begrüßt sie ihn sehr herzlich und bedauert, daß die Verbindung vorhin gestört worden sei.

Ja, das bedaure er auch sehr lebhaft, noch mehr jedoch die Mitteilung von der Erkrankung des Knaben.

So, nun ist er im Bilde. Er atmet erleichtert auf. Aber blitzschnell fährt es ihm doch durch den Kopf, während er sich nach Fräulein Pohls Befinden erkundigt, daß der Generaldirektor aus irgendwelchen Gründen eine Täuschung beging.

Noch weiß er nicht, ob zu persönlichen oder geschäftlichen Zwecken. Jedenfalls findet er, daß es nicht leicht ist, diesem Mann gegenüber immer gerecht zu bleiben.

Irmgard nimmt alle guten Wünsche des Kapitäns entgegen und vertröstet ihn mit ihrer Musikstunde auf spätere Wochen. --

Es ist nicht mehr viel von der gestrigen heiteren und leichten Stimmung in ihr. Und wenn zuweilen noch einige Harmonien in ihr Ohr klingen, so werden sie bald von dem furchtbaren Stickhusten des kleinen Kranken zerstört.

Frau Pohl, die während der ganzen Nacht in ihrer Angst nicht schlafen konnte, hat sich nun hinlegen müssen und der Tochter die Pflege des Kindes nicht ohne Sorge überlassen.

Irmgard nimmt bei jedem Anfall den kleinen zuckenden Körper in ihre Arme, und die Tränen schießen ihr in die Augen, wenn sie diese Qual miterlebt.

Seine hellblonden geringelten Haare kleben naß auf dem Kopf, das Gesicht ist rot und verquollen. Er hat nun das Alter erreicht, in dem jedes Kind Freude bereitet. Fest und drollig trippelte er auf seinen stämmigen Beinchen umher, seine Stimme war hell, die Aussprache eigenwillig und ein steter Anlaß zu Belustigungen.

Noch nie ist so viel in der Familie Pohl gelacht worden wie in den letzten Monaten, während sich sein Sprachtalent entwickelte.

Irmgard glaubt, daß sie diesen reizenden, munteren Burschen keineswegs weniger lieben würde, wenn er ihr Bruder oder gar ein fremdes Kind wäre. Daß er von offener und heiterer Art ist, kann ihm in diesem Alter schon nachgesagt werden. Wer sollte wohl solch einen Knaben, der außerdem schön und anschmiegsam ist, nicht in sein Herz schließen?

Man kann nicht übersehen, daß er nach Michael Pohl geraten ist. Nun, da sein Kopf durch das Fieber breiter scheint und die Augen tiefer in die Höhlen gesunken sind, tritt die Ähnlichkeit noch markanter hervor. Irmgard denkt, wenn es wahr sei, daß die Gefühle der Mutter Einfluß auf die Entwicklung der Kinder gewönnen, so wäre hier ein Beweis dafür, denn sie hatte in jener Zeit fast mehr um den Vater als um Joachim Becker gelitten.

Nur der schmale Mund, die Unduldsamkeit und der herrische Ton in der hellen, lauten Stimme mochten von ihm herrühren. Noch lieben sie alle diese Eigenschaften an ihm und freuen sich ihres kleinen Tyrannen.

Jetzt aber liegt er still in den Kissen, sein Atem geht pfeifend und hastig, und wenn er hochgehoben wird, so schlingt er seine Arme fest um Irmgards Hals und preßt das zerquälte heiße Gesicht gegen ihre Wange.