Chapter 9 of 19 · 3994 words · ~20 min read

Part 9

Das mit dem Einkommen hat sie nicht ohne einen Zweck gesagt, sie erwähnt es in letzter Zeit öfter. Ist es nötig, daß ein einzelner Mensch ganz allein davon lebt und sich einen Anzug nach dem anderen kauft? Nicht genug damit, er trägt sein Geld auch noch in die Bars und Tanzlokale, und es kommt vor, daß er sich kleine Summen von Schwester Emmi oder Frau Reiche leihen muß, wenn er in augenblicklicher Verlegenheit ist.

Wäre es für so einen Menschen nicht besser, eine solide und praktische Frau zu heiraten, die ihn ans Haus fesselt und sein Heim gut verwaltet? Sie hätte nichts dagegen, Frau Gregor zu werden, und aus keinem andern Grunde behandelt sie ihn zuweilen schlecht, wenn er mehr Entgegenkommen erwartet. Sie weiß, was man tun muß, um von einem Mann geachtet oder gar geheiratet zu werden, und sie ist, seitdem sie die Fürsorgestelle im Hafen hat, ihren Vorsätzen treu geblieben.

Fand sie nicht erst kurz zuvor eine Bestätigung für die Richtigkeit ihrer Erkenntnis, da selbst bei einer Irmgard Pohl keine Ausnahme gemacht wurde? Sie hat ein weites Herz, doch jetzt ist sie fünfundzwanzig Jahre alt, und da muß eine Frau mindestens wissen, was sie will.

»Nein,« sagt Herr Gregor mit schwachem Lächeln, »solche Sorgen habe ich nicht. Sie sind ja auch immer gut zu mir, darüber kann ich nicht klagen.«

Das klingt fast wie eine Werbung. Schwester Emmi rückt auch nicht ab, während seine kalte Hand nach ihr tastet.

»Aber ich hatte sehr schwere Geldverluste. Ein Rechenfehler, den ich nicht rechtzeitig bemerkt habe. Später fehlte mir der Mut, es zu melden, und nun muß ich den Verlust tragen.«

»Das ist ja empörend«, ruft sie geradezu erregt aus. »Verlangt man auch noch von Ihnen, daß Sie Geld zusetzen? Nein, das dürfen Sie sich nicht gefallen lassen!«

»Ich sagte Ihnen ja, daß ich selbst daran schuld sei, weil ich es nicht rechtzeitig meldete. Jetzt würde man es mir einfach nicht glauben.«

»Das verstehe ich nicht. Jedenfalls ist das eine bodenlose Ungerechtigkeit.«

»Ja, das glaube ich, daß Sie das nicht verstehen. Es ist auch zu kompliziert, als daß ich es Ihnen auseinandersetzen könnte. Es muß sich in den nächsten Tagen, vielleicht schon morgen entscheiden, was daraus wird. Dann darf ich wohl alles erwarten, wenn ich es nicht vorher gutmachen kann. Doch das Schlimmste wird sein, daß ich mir dann eine Kugel durch den Kopf schießen muß.«

»Großer Gott, was sagen Sie da?« Sie ist aufgesprungen und läuft ganz entsetzt in ihrem kleinen Zimmer umher.

»Ist es denn so schlimm?« flüstert sie, während sie vor ihm stehenbleibt und die Hand auf seine Schulter legt.

Da wirft er den Kopf nach vorn und stöhnt laut und gurgelnd auf. Die Spannung der entsetzlichen letzten Wochen mit den fortdauernden kleinen Unterschlagungen, von denen eine immer die andere nach sich zog, die Erregung des heutigen Tages, da er sich entdeckt glaubt, das alles löst sich in einem Schluchzen auf.

Die Tränen fließen an seinen schmalen blassen Fingern vorbei auf den empfindlichen Anzug. Aber er nimmt keine Rücksicht darauf, er ist nun am Ende seiner Kraft. Auch die betäubenden Vergnügungen in den lauten Lokalen, die ihn seine verzweifelte Lage doch nicht vergessen ließen, der übermäßige Genuß von Alkohol und Zigaretten, der versäumte Schlaf, das alles rächt sich nun, so daß er nicht mehr Herr über sich selbst werden kann.

Schwester Emmi versucht es immer wieder mit freundlichen und tröstenden Worten, sie streichelt seinen Rücken, die vollen schwarzen Haare, und sie ist selbst ganz verzweifelt, weil sie ihm damit nicht helfen kann.

Endlich stützt sie die Arme auf den Tisch, gräbt die Finger in ihren blonden Haarschopf und beginnt krampfhaft nach einem Ausweg zu suchen. Sie überlegt so angestrengt, daß ihr Gesicht ganz zerknittert ist.

Mein Gott, es müßte ihm doch irgendwie zu helfen sein. Gibt es nicht unzählige reiche Leute, die einem tüchtigen Menschen mit ein paar Brocken ihres großen Vermögens das Leben retten könnten? Sie wollte den sehen, der es fertigbrächte, ihn durch seine Weigerung einfach zu töten, wenn sie ihm die Lage schilderte, wie sie wirklich ist.

Bei diesem Gedanken kommt ihr der großartige Einfall. Sie schreit geradezu auf vor Freude. Ja, das war ein Ausweg, sie wollte es tun!

Sie packt Herrn Gregor bei den Schultern.

»Hören Sie doch, ich kann Ihnen helfen! Sagen Sie mir, wieviel es ist.«

Herr Gregor schüttelt sie ab und flüchtet in eine Ecke des Zimmers. Er dreht ihr den Rücken und trocknet mit einem seidenen Taschentuch seine Tränen.

»Was werden Sie nur von mir denken, daß Sie mich in diesem Zustande sehen? Sie müssen mich verachten«, stammelt er.

»Nein,« sagt sie, »ich verachte Sie nicht. Ich habe sogar den Generaldirektor weinen sehen, damals bei der großen Katastrophe. Er drehte sich um, wie Sie eben, aber an seinen Schultern habe ich es erkannt, daß er weinte. Nun müssen Sie mir wieder Ihr Gesicht zeigen, hier ist ein Schwamm, und dann sagen Sie mir, wie hoch die Summe ist, damit ich Ihnen helfen kann.«

Und weil er sich so ungeschickt mit ihrem Schwamm anstellt, wäscht sie ihm das Gesicht wie dem kleinen Tom und trocknet es mit ihrem Handtuch. Als er sie nun mit einem zagen Lächeln im rotgeriebenen Gesicht ansieht, erinnert er gar nicht mehr an den gepuderten und blasierten jungen Mann von einst, er ist ein großer hilfsbedürftiger Junge, und sie gibt ihm plötzlich einen schallenden Kuß auf die kühlen Lippen. Da packt er sie und will sie nicht wieder loslassen.

»Sie müssen vernünftig werden,« mahnt sie, »Sie sollen mir die Summe nennen, damit ich Ihnen helfen kann.«

»Du kannst mir doch nicht mehr helfen. Es ist jetzt zu spät. Aber allein lassen darfst du mich heute nicht, denn sonst bringe ich mich um.«

Schwester Emmi läßt keinen Menschen sehenden Auges in den Tod gehen. -- --

Am nächsten Vormittag kommt sie mit sehr blassem Gesicht zu Herrn Karcher ins Bureau.

»Darf ich hier telephonieren?« fragt sie.

»Ja«, erwidert er. »Aber sind Sie krank?«

»Ach nein«, wehrt sie ab. »Ich habe nur ein sehr wichtiges Telephongespräch, dann bin ich immer vor Aufregung ganz blaß.«

Herr Karcher schweigt, er beobachtet sie über seinen Federhalter hinweg, während sie im Telephonbuch blättert.

Nachdem sich der Teilnehmer gemeldet hat, bittet sie, mit Herrn Stein persönlich zu verbinden. Herr Karcher will nicht indiskret sein, doch es bleibt ihm nichts anderes übrig, als ihre Worte anzuhören, denn sie steht direkt neben seinem Tisch.

»Verreist?« stammelt sie fast tonlos. »Ja -- aber -- ja, wann kommt er zurück? Heute abend? Ach danke, nein.« Sie scheint zum Schluß noch etwas erleichtert.

»Das ist doch Pech, nicht wahr?« sagt sie erklärend zu Herrn Karcher, »wenn man einen Menschen in so wichtiger Angelegenheit sprechen will, und er ist verreist.«

»Ja, das ist unangenehm. Dann kommen Sie heute abend noch einmal?«

»Ach ja. Aber ich habe gar nicht gefragt, um welche Zeit er zurückkommt und ob ich ihn noch im Bureau antreffe. Das war nämlich in seinem Geschäft. Mein Gott, wie dumm ich bin. Das kommt alles davon, daß ich mich immer so aufrege, wenn ich telephoniere. Was mache ich denn jetzt? Können Sie mir einen Rat geben?«

»Vielleicht rufen Sie da noch einmal an?« schlägt Herr Karcher schüchtern vor.

»Nein, nein. Dann will ich lieber heute nachmittag wiederkommen. -- Wenn es Ihnen recht ist.«

»Mir ist es immer recht, Schwester Emmi. Sehr recht ist es mir. Aber Sie haben einen Kummer, Schwester Emmi. Kann ich Ihnen nicht irgendwie beistehen?«

»Was Sie denken! Es ist wirklich nichts«, meint sie mit erzwungenem Lächeln.

»Sie haben mir die Knöpfe angenäht und mir manchmal warmes Essen gebracht, Sie sind immer so gut zu mir gewesen. Warum kann ich Ihnen nicht etwas davon vergelten?«

»Ach, das können Sie doch nicht«, ruft sie ganz verzweifelt aus, so daß sich ihre Stimme überschlägt.

Dann rennt sie ohne Gruß davon. Herr Karcher sieht sie am Fenster vorbeiflüchten. Der kalte Nordwind zerrt an ihren blonden Haaren, daß sie ganz zottelig um ihr kleines Gesicht wehen.

Am Nachmittag kommt sie wieder. Sie ist jetzt viel gefaßter, nur ihre Hand zittert, wie sie nach dem Hörer greift.

Herr Stein ist noch nicht zurück. Er wird um sechs Uhr erwartet.

Da läßt sie sich mit der Generaldirektion verbinden. Sie will Herrn Gregor sprechen. Herr Gregor sei nicht da, wird ihr geantwortet.

»Er ist nur nicht in seinem Zimmer, meinen Sie?« gibt sie gereizt zurück.

»Nein, er ist heute überhaupt nicht gekommen.«

»Das ist doch nicht möglich,« sagt sie empört, »er ist doch heute morgen ins Bureau gegangen --«

Aber da wirft sie den Hörer hin, als ob er ihr die Finger verbrenne. Was hat sie denn da für eine Dummheit gemacht? Wenn er nicht ins Bureau gegangen ist, so hatte er wohl seine Gründe dafür, und es wäre keinem Menschen etwas Besonderes aufgefallen, wenn sie nicht jetzt darauf aufmerksam gemacht hätte. Ihr blieb es vorbehalten, ihn zu verraten.

Sie rennt in dem kleinen Kontor zwischen Tür und Schreibtisch umher und ringt die Hände.

Herr Karcher hat das Telephon in Ordnung gebracht und sieht stumm und hilflos in sein Kontobuch. Es ist fünf Uhr und seine Arbeitszeit war vor einer Stunde beendet. Er mußte länger bleiben, weil Schwester Emmi telephonieren wollte. Was hätte sie denn sonst anfangen sollen? --

Vor dem Hafentor steht Irmgard Pohl, die um fünf Uhr eingeladen war. Sie denkt keinen Augenblick daran, daß Schwester Emmi sie vergessen haben könnte; es werden wichtige Arbeiten genug vorliegen, die sie verhindern, ihr entgegenzugehen.

Das Warten in der schönen klaren Winterluft wäre auch nicht so unangenehm, wenn sie nicht fürchten müßte, Joachim Becker zu begegnen und wenn nicht ein breiter untersetzter Herr mit einem kräftigen Schnurrbart gleichfalls in der Nähe des Wächterhauses spazierenginge. Sie weicht zwar seinen Blicken aus, aber sie fühlt, daß sie von Kopf bis Fuß gemustert wird.

Hinter dem Tor, in der Nähe des Verwaltungsgebäudes, erscheint immer wieder ein kleiner Herr mit gespreiztem Gang, der gleichfalls jemand erwartet. Wenn er auf seinem merkwürdigen Spaziergang in die Nähe des Tores kommt, kann er sie sehen, obgleich sie sich Mühe gibt, ihm auszuweichen. Irmgard weiß nach Schwester Emmis Beschreibungen, daß es der Kapitän ist, sie hat ihn auch oft genug vom Mühlenplatz, jenseits des Kanals, bemerkt, ebenso wie er bei gelegentlichen Blicken zum Nachbarn die Mühle und ihre Angehörigen wohl beobachten kann.

Als er wieder in die Nähe des Tores kommt, gibt sie endlich das Spiel auf. Sie geht zum Wächter und fragt nach der Fürsorgeschwester, so daß der Kapitän es hören kann.

»Wollen Sie hier hinein?« fragt der Kapitän.

Ja, wenn es erlaubt sei und sie Schwester Emmi sprechen könne. Und weil sie glaubt, daß man sich hier als Besucher ausweisen muß, fügt sie hinzu: »Ich bin Ihre Nachbarin, Irmgard Pohl.«

»Ah so,« sagt der Kapitän verbindlich, »das ist sehr interessant.« Und dann stellt er sich vor. Sie wird hier ganz und gar als Dame behandelt, obgleich sie nur die Fürsorgeschwester besuchen will.

Er bittet sie in sein Bureau und sendet jemand aus, der Schwester Emmi an ihre vernachlässigten Pflichten als Gastgeberin erinnern soll.

Inzwischen plaudert er mit Irmgard Pohl, als wäre ihm nicht bekannt, daß sie zum Feinde gehöre. Er habe schon lange die Absicht gehabt, ihrem Vater einen Besuch zu machen, und er werde, wenn es erlaubt sei, in den nächsten Tagen vorsprechen.

Irmgard kennt nicht die Absichten der Hafengesellschaft -- man hatte bisher nur Rechtsanwalt Bernhard gesandt --, aber sie verspricht, ihren Vater auf den Besuch des Kapitäns vorzubereiten.

Sie ist erleichtert, als endlich Schwester Emmi erscheint, die nicht zu versichern braucht, daß sie über der vielen Arbeit die Einladung vergessen habe -- man sieht es ihr an, wie sehr sie überanstrengt und durch den Schrecken über ihre Nachlässigkeit verstört ist.

Irmgard dankt dem Kapitän und will die Teestunde bei Schwester Emmi auf einen anderen Tag verlegen. Doch sie wird mit vielen Worten überredet, zu bleiben. Die Schwester plaudert unaufhörlich, sie kann gar kein Ende damit finden, sich zu entschuldigen und Erklärungen über ihre Vergeßlichkeit abzugeben.

Was hatte sie ihr alles zeigen wollen! Aber nun ist nicht einmal Gebäck im Haus, und Irmgard muß selbst dafür sorgen, daß sie eine Tasse Tee erhält, denn Schwester Emmi ist sehr zerstreut und läuft wie ein Irrwisch umher, ohne etwas fertigzubringen. Auf dem Tisch liegen noch Zigarettenreste, und das Zimmer ist nicht aufgeräumt. So empfängt man einen Besuch, auf den man sich lange gefreut hat.

Irmgard Pohl hat wohl gemerkt, daß hier etwas nicht in Ordnung ist, es liegt jedoch nicht in ihrer Art, zu fragen. Sie erzählt von dem kleinen Michael und stellt fest, daß der Kapitän ein sehr liebenswürdiger Herr sei. Es war kaum ihre Absicht, sich im Hafen offiziell empfangen zu lassen, aber sie darf mit der freundlichen Aufnahme zufrieden sein.

Schwester Emmi hat sich inzwischen etwas erholt. Sie kann sogar darüber scherzen, was sie für eine schlechte Hausfrau sei.

Als sie sich zum Tee niedergelassen haben, wird die Tür aufgerissen, und Herr Gregor stürzt herein.

»Kannst du mir eine Reisetasche leihen?« fragt er Schwester Emmi hastig, ohne sich mit einem Gruß aufzuhalten, »ich muß sofort geschäftlich verreisen.«

Seine Augen sind starr geradeaus gerichtet, und er sieht nicht, daß noch jemand im Zimmer ist. Irmgard Pohl blickt peinlich berührt in ihre Teetasse.

Schwester Emmi geht schweigend zum Schrank und reicht ihm einen kleinen Koffer. Er reißt ihn ihr aus der Hand und läuft wortlos davon.

Die Schwester bringt auch jetzt noch keinen Ton hervor. Aber in ihrem Gesicht zuckt und kämpft es, daß Irmgard Pohl es kaum mit ansehen kann.

Dann hört man draußen Schritte. Schwester Emmi läuft zur Tür und horcht angespannt. Plötzlich reißt sie die Tür auf.

In diesem Augenblick geht der Kapitän mit zwei Herren vorbei. Der eine ist breit und untersetzt, mit einem kräftigen Schnurrbart. Sie öffnen, ohne anzuklopfen, Herrn Gregors Tür und verschwinden.

Irmgard Pohl versucht, Schwester Emmi, die am Türpfosten lehnt, in das Zimmer zu ziehen. Doch sie ist wie taub, sie stemmt sich gegen alle milden Versuche und bleibt so lange im Korridor, bis einer der beiden Herren mit Herrn Gregor vorbeikommt. Der andere folgt an der Seite des Kapitäns.

Schwester Emmi starrt auf die Handschellen, die man Herrn Gregor angelegt hat. Der Kapitän bleibt vor ihr stehen.

»Der Herr Kommissar will nur die Personalien aufnehmen,« sagt er höflich, »weil Sie die Nachbarin sind. Dürfen wir nähertreten?«

In diesem Augenblick bemerkt er Irmgard Pohl. Er bittet, die Störung zu entschuldigen.

Irmgard, die mit Herzklopfen den Vorgang verfolgt hat und den Herrn wiedererkennt, der sie vor dem Hafeneingang beobachtet hat, steht auf und sagt:

»Bitte. Ich wollte ohnehin gehen.«

»Darf ich vorher auch Ihre Personalien feststellen?« fragt der Beamte.

Sie fährt erschreckt zusammen.

»Ich habe doch mit der Angelegenheit nichts zu tun«, stammelt sie. »Ich bin heute zum erstenmal hier.«

Bei dem Gedanken, daß ihre Personalien in das Protokoll aufgenommen und Joachim Becker vorgelegt werden könnten, packt sie der Mut der Verzweiflung. Sie will ihren Namen auf keinen Fall preisgeben und sieht den Kapitän hilfeflehend an.

Er aber meint: »Es ist lediglich eine Formsache. Die Akten sind vollkommen diskret.«

»Nein, nein«, ruft sie aus. »Ich lasse meinen Namen nicht mit hineinziehen!«

Da erwacht endlich Schwester Emmi aus ihrer Erstarrung.

»Ich kann es beschwören, daß die Dame Herrn Gregor nicht gekannt hat und daß sie heute zum erstenmal hier ist. Sie ist eine frühere Patientin von mir. Ich bin die Fürsorgeschwester vom Hafen.«

Das sind die ersten Worte, die sie seit Herrn Gregors plötzlichem Auftreten und seiner Verhaftung spricht, und sie gelten wieder einer hilfreichen Tat.

Die beiden Herren schweigen.

»Im übrigen«, fügt sie mutig hinzu, »weiß der Herr Kapitän den Namen, und er wird sich denken können, daß die Dame mit der Sache nichts zu schaffen hat.«

Der Kommissar sieht ihn fragend an.

»Wenn Sie auf die Personalien verzichten wollen?« fragt er den Kapitän, als dieser sich nicht äußert.

»Da Sie es selbst vorschlagen -- ja.«

Irmgard Pohl darf den Schauplatz verlassen. Sie blickt Schwester Emmi dankerfüllt an. Dann eilt sie mit kurzem Gruß davon.

Der Mann in der Mitte

Auf der Föhrbrücke kehrt sie wieder um. Sie kann in dieser Erregung unmöglich ihren Eltern begegnen.

Ihr Gesicht brennt, und sie ist von heftigem Groll gegen den Kapitän erfüllt. Während sie abenddunkle Straßen aufsucht, um ihre Gedanken zu ordnen, wird ihre Abneigung gegen ihn immer stärker. Wohl hat er sie sehr liebenswürdig empfangen, obgleich sie kein Verlangen danach hatte, seine Bekanntschaft zu machen, aber als es darauf ankam, ihr beizustehen, versagte er.

Wie hätte Joachim Becker sich in dieser Situation benommen? Oh, er wäre der Zumutung des Kommissars sofort ganz energisch begegnet. Er hätte sie wie ein Ritter geschützt. Der Kapitän jedoch stand zwischen beiden Parteien und wollte niemand zu nahe treten.

Sie haßt diese lauen Menschen, sie haßt den Kapitän. Nur der Gedanke an Schwester Emmis treue Bereitschaft söhnt sie wieder aus.

Sie beginnt, sich von ihrem Groll gegen den Kapitän abzuwenden und über Schwester Emmis Schicksal nachzudenken. Das ist ein armer schwacher Mensch, der in seiner Liebe zu den anderen wirklich sehr weit geht. Hat sie sich nicht zuviel mit diesem eleganten, blassen Herrn Gregor abgegeben, der nun verhaftet werden mußte?

Irmgard Pohl weiß nicht, welches Vergehen dem Herrn Gregor vorgeworfen wird, aber so viel stand fest, daß er von Schwester Emmi eine Reisetasche forderte und flüchten wollte. Er kam einfach in ihr Zimmer und sagte »Du« zu ihr.

Frau Pohl hatte wohl recht damit, daß die blonde Fürsorgeschwester leichtsinnig sei und keinen moralischen Halt habe. Doch warum sollte sie diesen Menschen nicht auf ihre Art lieben?

Da steht sie nun mutig vor den beiden Herren, läßt sich ausfragen und gibt klare Antworten, ihr Freund aber ist mit Handschellen abgeführt worden, und wenn sie am Morgen aus ihrem Zimmer geht, so begegnet sie ihm weder auf dem Korridor noch unten im Hafen. Sie wird ihn nirgends mehr treffen, denn er sitzt hinter dicken Mauern und hat viel Zeit, über seine Vergehen und über Schwester Emmis Liebe nachzusinnen.

Während Irmgard Pohl ihren Beruhigungsspaziergang fortsetzt und an das Protokoll denkt, in dem nun ihr Name nicht verzeichnet ist, fällt ihr ein, daß auch eine Reisetasche für das Verfahren von Bedeutung sein kann. Hat der Verhaftete sie nicht für die Flucht benutzen wollen? Sie gehört ihm nicht, und wer sie ihm gegeben hat, macht sich der Beihilfe schuldig. Oh, das kluge Fräulein Pohl, das eine Handelsschule besucht hat und jetzt Sekretärin in der Mühle ihres Vaters ist, vermag sehr logisch zu denken, was sonst nicht Frauenart ist.

Sie verfügt nun wieder über ihren klaren Verstand und hat alle Folgen eines Strafverfahrens vor Augen. Man liest nicht ohne Gewinst die Zeitungen und vernimmt von Indizienbeweisen und Zeugenaussagen. Wer weiß außer ihr, daß Herr Gregor den Koffer für eine Geschäftsreise forderte und sonst kein Wort darüber verlor?

Schwester Emmi hatte ihren Besuch mutig vor dem Protokoll gerettet. Was aber tat Irmgard Pohl? Sie dachte nur an die Rettung ihres Namens und rannte davon.

Wie lächerlich erscheint ihr jetzt ihre Furcht vor Joachim Becker. Hat er damals daran gedacht, daß sie ihren guten Ruf verlieren könnte? Nein, er ließ sie im Stich und sorgte für sich selbst. Warum sollte ihr Name nicht im Protokoll stehen? Weil es der Name ihres Vaters ist? Michael Pohl ist es gleichgültig, was mit seinem Namen geschieht, wenn man nur vor sich selber ein anständiger Mensch bleibt und die eigene Achtung behält.

Und darum muß sie nun zurückgehen und sich als Entlastungszeugin für Schwester Emmi melden.

Sie wird am Hafentor ohne weiteres eingelassen, denn der Kapitän selbst hatte es ja erlaubt. Obgleich sie daran zweifelt, die Herren noch in Schwester Emmis Zimmer zu treffen, nimmt sie doch ihren Weg zunächst in das Gebäude der Hafenwirtschaft.

Auf der Treppe begegnet ihr Frau Reiche. Irmgard hat zwar noch nicht die Bekanntschaft mit der Kantinenwirtin gemacht, aber nach Schwester Emmis lebhaften Erzählungen ist ihr keine wichtige Person des Hafens fremd.

Frau Reiche hat rote geschwollene Augen.

»Zu wem wollen Sie?« fragt sie mit harter Stimme.

»Zur Fürsorgeschwester.«

»Da brauchen Sie gar nicht weiterzugehen, die ist fortgegangen«, gibt die Kantinenwirtin zurück.

»Und der Kapitän ist auch nicht oben?« fragt Irmgard. Das ist eine gar zu dumme Frage. Was sollte der Kapitän allein in Schwester Emmis Wohnung? Sie hat durch das verstörte Gesicht und die rauhe Stimme der Frau ihre Fassung wieder etwas verloren.

»Das Bureau ist drüben. Hier hat der Kapitän noch nie gewohnt.«

Wie Irmgard schon an der Haustür ist, ruft die Frau ihr keifend nach: »Wird denn gar keine Ruhe im Haus? Kommen schon fremde Weiber hierher und schnüffeln in den Korridoren?«

Irmgard läßt die Tür entsetzt zufallen und eilt zum Verwaltungsgebäude hinüber. Die Bureauräume im Erdgeschoß sind schon verdunkelt, nur aus der Wohnung des Kapitäns dringt Licht. Sie geht kurz entschlossen hinauf und klingelt an seiner Tür.

Der Kapitän öffnet selbst und ist gar nicht erstaunt, sie wiederzusehen. An diesem ereignisreichen Tag ist man auf alles gefaßt.

Er fragt, ob sie mit in das Bureau hinuntergehen oder nähertreten wolle.

Nein, sie möchte ihn nur einen Augenblick sprechen. Er führt sie in sein Arbeitszimmer.

Da ist der große alte Mahagonischreibtisch, beleuchtet vom runden Schein einer grünbeschirmten Lampe. Auf einem Stuhl daneben steht der geöffnete Geigenkasten.

»Ich habe Sie gestört«, sagt Irmgard entschuldigend. »Ich wollte Ihnen nur einige Worte sagen. Es betrifft Schwester Emmi.«

»Aber wollen Sie nicht ablegen?« sagt er. »Gestört haben Sie mich nicht. Sehen Sie, ich bin immer allein. Ich wollte mir eben meinen Tee bereiten. Ich glaube, ich muß mir doch noch eine Wirtschafterin nehmen.«

Indem er über seine Angelegenheiten plaudert, läßt er ihr Zeit, sich zu sammeln. Sie kann ihm plötzlich doch nicht mehr grollen, diesem einsamen Mann mit dem Geigenkasten.

Während sie sich umwendet, um ihr Taschentuch aus dem Mantel zu nehmen, den er auf den Diwan gelegt hat, schließt er rasch den Kasten und stellt ihn hinter den Schreibtisch. Dann bietet er ihr den frei gewordenen Stuhl an.

So, nun wird er wieder kühl, fast geschäftsmäßig. Es scheint wahrhaftig, als wäre es in seinen Augen eine Schande, wenn ein Hafendirektor Geige spielt. Er schließt seine Gefühle fest ein und geht im Zimmer umher, als sei nun alles in Ordnung.

Irmgard bringt ihr Anliegen vor und berichtet von dem Koffer.

»So,« sagt der Kapitän, »der Koffer gehört der Fürsorgeschwester? Das ist sicherlich noch nicht bekannt. Ich werde es jedenfalls melden. Und ob wir Sie brauchen, das steht noch nicht fest. Für alle Fälle danke ich Ihnen.«

Nun wäre Irmgards Mission beendet, aber sie steht nicht auf, um ihn zu verlassen.

»Wenn der Koffer bis jetzt keine Rolle gespielt hat,« meint sie unschlüssig, »so brauchen wir das Verfahren damit vielleicht nicht zu komplizieren. Schwester Emmi hat also anscheinend bisher mit der Angelegenheit nichts zu tun. Könnte man denn nicht alles beim alten lassen? Warum sollen wir sie unnötig hineinziehen?«

Sie redet sehr vertraut mit ihm. Sie sagt »wir« und schließt ihn in eine Partei ein, in die er als Direktor des Hafens wohl nicht gehört. Das empfindet sie im Augenblick, da sie zu Ende gesprochen hat.

Der Kapitän nimmt auch gleich die richtige Stellung ein.

»Was Sie mir gemeldet haben,« sagt er, »muß ich weitergeben. Das übrige wollen wir den Gerichten überlassen.«

»Ja,« erwidert sie nicht ohne Vorwurf, aber mit schwachem Lächeln, »Sie müssen sich schon als neutrale Person in die Mitte stellen. Aber der Schwester habe ich vielleicht mit meiner nachträglichen Meldung keinen guten Dienst geleistet.«

»Das können wir nicht wissen. Und warum soll sie ihre Tasche nicht zurückerhalten? Es ist nur schade, daß Sie vorhin fortgegangen waren, denn dann hätten wir Widersprüche vermieden.«

»Widersprüche?« fragt Irmgard ängstlich. Sie weiß, daß Frauen in der Notlage immer zuerst zu einer Lüge greifen. Was mochte also Schwester Emmi ausgesagt haben?

»Sie meinten vorhin, daß ich mich in die Mitte stelle. Damit haben Sie recht. In diesem Fall gehöre ich dahin, und ich kann Ihnen nicht die Erklärungen geben, die Sie vielleicht wünschen. Ihren Besuch darf ich nicht ungeschehen machen, wenn Sie mir deswegen vielleicht auch grollen. Sie sehen, wie unrecht es war, vorhin von der Mitte abzuweichen und Ihnen die Vernehmung zu ersparen.«

»Ach, sind Sie da schon von der Mitte abgewichen?«