Part 19
»Es war auch so ein warmer Herbsttag wie heute«, setzt er fort, während er bemerkt, daß sie an der nächsten Kurve in ihre Straße einbiegen. »Helene Uhl war damals mit und -- und --«
»Ja, Felix war auch dabei. Ich entsinne mich noch genau«, sagt sie tapfer, nachdem er stockte, diesen Namen auszusprechen. »Während meiner Krankheit habe ich einmal geträumt, daß wir tanzten. Sie und ich und Felix mit Helene Uhl. Es war sehr schön.« Sie spricht dieses »schön« wieder so kindlich verzückt aus wie damals beim Erwachen aus der Narkose, als sie im Halbbewußtsein der Mutter davon erzählte.
Das hohe Gitter der Friemannschen Villa ist bereits zu sehen, da springt Alfred Bernhard plötzlich auf und sagt zum Chauffeur, während sich seine Stimme fast überschlägt:
»Fahren Sie zum ›Historischen Gasthof‹!«
Adelheid sieht ihm erstaunt zu, aber als er sich neben ihr niederläßt, sagt sie, wieder vollkommen gefaßt:
»Ach, das ist wirklich eine gute Idee.«
Dann sitzen sie eine Weile stumm da und beobachten den Chauffeur bei seinen Bemühungen, den Wagen zu wenden. Alfred Bernhard fühlt, wie die Hitze, die im entscheidenden Augenblick in ihm aufstieg, langsam verebbt. Während sie wieder auf geraden Straßen dahingleiten, gelingt es ihm sogar, anregende Gesprächsstoffe zu finden, die sie zuweilen veranlassen, ihn anzusehen oder ihm ein Lächeln zu schenken.
Dann steigen sie vor dem Gasthof aus, der zwischen den alten Bäumen hervorlugt und an diesem herbstlichen Wochentage anscheinend keine anderen Besucher als sie beide angelockt hat. Adelheid bleibt vor dem Eingang stehen und blickt zu der Inschrift mit den verschnörkelten alten Buchstaben hoch.
»So haben Sie auch damals hier gestanden und die Tafel entziffert«, sagt er erinnerungsselig.
»Ja, und dann haben Sie mir die Jahreszahl ›übersetzt‹, weil ich die römischen Ziffern niemals lesen kann.« Sie sieht ihn dabei mit diesem reizenden, sorglosen Lächeln an, nach dem er sich so lange gesehnt hat.
»Achtzehnhundertachtundvierzig ist das«, erwidert er, ohne den Blick von ihrem Gesicht fortzunehmen, das nach seiner Ansicht noch genau so jung aussieht wie damals vor sechs Jahren.
Sie errötet auch wieder, weil die anhaltende Betrachtung ihrer bescheidenen Person sie immer verlegen macht. Dann gehen sie über die alten Fliesen des Flurs zum Garten, der hinter dem Hause liegt. In stummer Vereinbarung steuern sie sofort auf den gleichen Tisch zu, an dem sie damals zu viert gesessen hatten. Felix Friemann, der zu jener Zeit in die langgliedrige lustige Helene Uhl verliebt war, hatte den Platz ausgesucht, der ganz im Hintergrund, zwischen der historischen Eiche und einer hohen Hecke, versteckt ist. Er war immer findig im Ausspüren solcher Gelegenheiten, und es liegt nahe, daß die beiden nun wieder an ihn denken.
»Und wie mag es Helene Uhl wohl jetzt gehen?« fragt Adelheid gedankenschwer.
»Sie ist verheiratet.«
»Ja, ich weiß, sie hat zwei Kinder. Man erzählte es einmal. Ich habe sie kaum gesehen, seit Felix sich nicht mehr für sie interessierte.«
Ein Mädchen kommt aus dem Haus. Rechtsanwalt Bernhard bestellt Kaffee und Kuchen.
»Sie ist neulich bei mir gewesen«, sagt er, nachdem das Mädchen gegangen ist.
»Wer?«
»Helene Uhl.«
»Helene Uhl, bei Ihnen in der Praxis?« fragt Adelheid leise, fast im Flüsterton.
Er nickt. »Sie will sich scheiden lassen.«
»Und die Kinder?«
»Ich habe ihr eben deswegen zugeredet, es doch noch weiter zu versuchen. Aber sie sagte, dann müßte sie seelisch zugrunde gehen. Ihr Mann ist ihr nicht treu.«
»Vielleicht hätte sie doch unseren Felix nehmen sollen. Dann wäre alles anders gekommen.« Sie sitzt mit geschlossenen Augen da und mag sowohl an Schwester Emmi wie an den furchtbaren Kran denken.
»Ja«, erwidert Alfred Bernhard und müht sich um irgendein passendes Wort ab, das noch hinzugefügt werden müßte, damit sie wieder die Augen öffnet und ihn ansieht. Und dann sagt er ganz leise, während die Stimme bei einzelnen Silben den Ton versagt:
»Manchmal ist die erste Liebe die richtige, und man weiß es nicht.«
»Ja«, erwidert sie, ohne die Augen zu öffnen. Sie hat sich gegen das rauhe Holz der breiten Bank zurückgelehnt und reicht ihm ihre Hand hin. Er sitzt in einigem Abstand neben ihr, sie braucht nicht nach ihm zu tasten, er greift sofort mit beiden Händen zu.
Als sie seine brennenden Lippen auf ihren kühlen Fingern spürt, öffnet sie die Augen und blickt auf den herabgeneigten Kopf mit dem knabenhaft schlanken Nacken. Sie hat sich hochgerichtet und sitzt einen Augenblick mit steifem Rücken da, während sie ihm die Hand zart zu entziehen sucht. Er gibt sie frei, aber sein Kopf sinkt auf ihre Knie herab, und sie spürt den heißen Atem durch den Stoff ihres Kleides.
Da fährt sie mit kurzen, zarten Bewegungen über sein volles Haar, und wie er das Gesicht zu ihr aufhebt, strahlt sie ihn mit ihrem mütterlich-sanften Lächeln an, dem Joachim Becker schmerzlich nachsann, als sie ihm verloren war.
Für Alfred Bernhard sind die sechs Jahre ausgelöscht, er ist wieder so jung und stumm wie damals. Er weiß, daß es jetzt keiner Worte mehr bedarf.
Die Einweihung
Im nächsten Frühjahr kann neben der Mühle von Michael Pohl die große Brotfabrik eröffnet werden, die Spenderin des täglichen Brotes für die ganze Stadt.
Man veranstaltet kein Fest und ladet auch keine Gäste. Die Teigmassen wälzen sich aus den großen Knetmaschinen, sie rollen geformt aus einem Räderwerke heraus und verschwinden gleichzeitig zu Hunderten in den großen Öfen.
Da gleiten schon die braunen Laibe herab, und dort ziehen die nächsten rohen Formen hinein.
Meister Reiche nimmt das erste heiße Brot in seine abgehärteten Hände und legt es auf eine Schüssel. Dann geht er damit hinaus, über den großen Platz, an Mühle und Speicher vorbei zum Wohnhaus des Müllers.
Michael Pohl sitzt mit seiner Familie am Mittagstisch, da tritt Meister Reiche mit der Schüssel ein und sagt feierlich:
»Das erste Brot!«
Michael Pohl erhebt sich und mit ihm auch seine Frau und seine Tochter, nur der jetzt vierjährige Michael bleibt auf seinem Stühlchen sitzen und sieht der Szene mit großer Spannung zu.
Sie sind alle von der Feierlichkeit dieses Augenblicks durchdrungen.
Michael Pohl sagt:
»Wir wollen gemeinsam davon essen.«
Frau Pohl reicht ihm ein Messer, er schneidet vier Stücke von dem heißen Laib und spricht einige kurze Worte mit seinem Herrgott. Sie falten alle die Hände, und dann nehmen sie das Brot.
Sie verzehren es wie das heilige Abendmahl.
Meister Reiche reibt mit seinen großen Fäusten an den Augen, Frau Pohl aber gibt ihren Tränen freien Lauf, sie reicht ihrem Manne die Hand und läßt sich in seine Arme ziehen.
Dann sagt sie: »Ich will auch unserem Sohne von dem heiligen Brot geben.«
Und sie steckt ihm einen Bissen in den Mund, obgleich sie weiß, daß er sich daran den Magen verdirbt. --
Wenige Wochen später ist der Hafen zur offiziellen Feier der Einweihung gerüstet. Aus dem ganzen Lande sind die Gäste geladen. Fahnen wehen über allen Gebäuden, und auf den Gewässern liegen die Kähne und Schleppdampfer in dichten Reihen.
Man hat die Schiffer lange darauf vorbereitet, daß es erwünscht wäre, wenn am 1. Mai recht viele von ihnen hier anlegten und sich den staunenden Gästen präsentierten.
Gegen elf Uhr fahren die Wagen vor. Sie müssen hinter dem Tore halten, und bald ist die Straße bis zur Föhrbrücke gesperrt. Immer neue Menschenmengen strömen herein. Sie kommen einzeln und in Gruppen: die Herren von der Regierung und von den Kommunen, von Handel, Industrie und Gewerbe, die Schaulustigen und die Damen.
Vor dem Verwaltungsgebäude ist eine geschmückte Rampe errichtet. Hier soll der Hafen gewissermaßen aus der Taufe gehoben werden. Die Reden sind vorbereitet, und die Schiffer auf dem Wasser hinter dem Rednerpult setzen sich neben ihre bekränzten und bewimpelten Kajüten und denken, daß sie diesmal auch etwas zu hören bekommen.
Die Gäste promenieren und sehen sich staunend um, bis sie an der Kanzel versammelt werden, weil der erste Redner erscheint.
Es ist der Oberbürgermeister, der sie im Hafen begrüßt und dann nicht minder erhebende Worte spricht als vor vier Jahren zum ersten Spatenstich.
Dann folgt der Vertreter der Regierung, und das ist diesmal der Handelsminister selbst.
Es reden die Exponenten von Industrie, Handel und Finanz, und die Zuhörer werden schon etwas müde, als Joachim Becker, der junge Generaldirektor und Anreger zu diesem Werk, die Schlußworte spricht.
Er faßt sich sehr kurz. Er sagt, daß er nicht viel Worte zu verlieren brauche, denn heute sprechen die Erfolge selbst. Er ladet zu einer Besichtigung der Hafenanlagen ein, dann werde jeder sehen, daß dieser neue große Binnenhafen ein wichtiger Faktor im deutschen Wirtschaftsleben sei, der seine Existenzberechtigung bewiesen habe.
Er spricht diesmal nicht von Kampf, Mut und Ausdauer, nicht vom »Größten«, das alles andere übertrumpfen soll, oder von einer Weltmacht. Er sagt »Urteilt selbst«, dankt für das Interesse und verneigt sich.
Dreißig große, mit Nummern bemalte Schilder stehen da, die von den Bureaudienern und Boten der Generaldirektion an hohen Stangen getragen werden; ebenso viele Führer, die mit dem Hafen vertraut sind, haben die Pflicht, für die Einteilung der Erschienenen in Gruppen zu sorgen und ihnen die Anlagen zu erklären.
Da finden sich nun diejenigen zusammen, die im Rang zueinander gehören, eine besondere Gruppe ist für die Presse gebildet, und die Schaulustigen suchen sich die Gesellschaft, die ihnen gerade gefällt.
Meister Reiche zum Beispiel, den man auch geladen hat, ist zufällig neben Fräulein Spandau gelandet. Sie lassen sich die technischen Wunder erklären, obgleich sie ihnen nicht fremd sind. Aber sie bleiben oft ein wenig zurück und halten eine Privatbesichtigung.
Im Getreidespeicher, da, wo Meister Reiche vor mehr als zwei Jahren die ersten Körner fallen sah, hält er sich längere Zeit auf. Er spricht in seiner schwerfälligen, etwas stockenden Art von den eigentümlichen Gefühlen in jener Stunde, und Fräulein Spandau hört ihm andächtig zu.
»Und was würden Sie sagen,« fragt er zum Schluß, »wenn nun ein Mann vor Ihnen steht, der über sich selber wieder Herr und Meister ist?«
Fräulein Spandau sieht ihn so erstaunt an, als wüßte sie nicht, worauf er hinaus wolle, obgleich eine stille Ahnung wohl in ihr dämmern mag.
Die Teilnehmer ihrer Gruppe kommen unter lebhaftem Geplauder von der Besichtigung der oberen Stockwerke schon wieder zurück. Die beiden lassen sie vorbeiziehen, und Fräulein Spandau sagt:
»Nun, ein Meister waren Sie trotzdem immer geblieben.«
»So meinte ich es nicht. Ich wollte sagen, daß ich wieder ein freier Mann bin und möchte gern wissen, ob Ihnen das gefällt.«
»Herr Reiche«, sagt Fräulein Spandau errötend.
»Und was hier auf dem Papier steht,« er klopft auf die Brusttasche, »das von der unsauberen Sache in meiner Ehescheidung, würde Sie das wohl stören?« fragt er, während er ihre Hand ergreift. Er mag wohl an die Störung selbst nicht recht glauben, denn sonst würde er ihr nicht so treuherzig und siegesgewiß in die Augen schauen.
Fräulein Spandau errötet noch tiefer. Sie blüht geradezu auf, so daß sie hübsch und gesund aussieht.
»Herr Reiche«, flüstert sie noch einmal. Er nimmt es als eine passende Antwort hin. --
Joachim Becker zeigt sich bei jeder Gruppe und spielt den liebenswürdigen Gastgeber. Es ist für einen Boten, der ihm ein Telegramm überbringen soll, nicht leicht, ihn zu finden, weil er sich immer wieder an einer anderen Stelle aufhält.
Endlich ist die Sendung übergeben. Joachim Becker geht zur Seite, um ungestört lesen zu können. Seine Augen werden immer heller und klarer, während sie auf den nüchternen Buchstaben ruhn.
Dann eilt er mit seinen leichten schwingenden Schritten davon und sucht den Kommerzienrat. Er winkt ihn beiseite und übergibt ihm das Telegramm.
»Es ist aus Venedig«, sagt er, während er lächelnd auf die gesenkten Augen seines ehemaligen Schwiegervaters sieht.
Der Kommerzienrat liest:
»Generaldirektor Joachim Becker. Gratulieren zur Einweihung des Hafens und wünschen von Herzen Glück und Heil. Alfred Bernhard und Frau Adelheid.«
Er faltet das Papier langsam und sorgfältig zusammen, so daß es aussieht, als käme es eben von der Postanstalt. Dann reicht er es Joachim Becker zurück, und weil seine Hand zittert, fällt es zur Erde. Joachim Becker hebt es auf. Wie er sich wieder hochrichtet, das Gesicht vom Bücken etwas gerötet, sagt der Kommerzienrat leise:
»Dann will ich dir auch noch dazu gratulieren, daß dir alles so gut gelungen ist.«
Joachim Becker steckt das Telegramm in die Tasche und geht damit eine Weile tatenlos umher. In seinem energischen schmalen Gesicht, auf der klaren hohen Stirn ist ein ungewohntes stilles Leuchten. Er greift noch einmal nach dem Papier, und er mag dabei denken, daß ~eine~ Schuld nun ausgestrichen sei.
Wie er dem Justizrat Bernhard begegnet, wird er so kindisch in seiner Freude, daß er ihm das Telegramm zeigt und einleitend sagt:
»Ihr Neffe hat mir aus Venedig telegraphiert. Sie glauben nicht, wie ich mich darüber freue.«
»So, ist er jetzt in Venedig?« fragt der Justizrat. Dann gibt er ihm das Papier zurück und meint: »Ja, er ist ein braver Bursche, der Alfred. Ich glaube, daß er noch ein gesuchter Rechtsanwalt wird.«
Dann gehen sie, ein jeder seines Wegs. Der Justizrat ist zwar diesmal befriedigt, weil er die Rede des Oberbürgermeisters vorher durchgesehen hat, aber er denkt: ›Ganz richtig ist das nicht, daß der Junge dem ersten Mann seiner Frau gratuliert. Nun wollen sie wohl gar gesellschaftlich miteinander verkehren? Es wird doch immer noch allerhand Vorsicht außer acht gelassen.‹ Und er schüttelt bedenklich sein graues Haupt.
Redakteur Undlet und der ausländische Pressevertreter, mit dem er sich damals, beim ersten Spatenstich, zusammenfand, ist auch wieder da. Sie haben inzwischen beide die Blätter gewechselt, aber sonst sind sie die gleichen geblieben.
»Was sagen Sie nun?« fragt Undlet interessiert.
»Hm. Sie haben ganz Tüchtiges geleistet. Etwas bescheidener sind sie geworden.«
»Bescheidener? Ich denke doch, daß sie in kürzester Zeit ausgeführt haben, was sie versprachen.«
»Ich meine nur, daß sie jetzt nicht mehr soviel Worte machen.«
»Ja, so ist das,« meint Redakteur Undlet, »wenn man erst gezeigt hat, was man kann, darf man schweigen. Vorher werden einem die besten Worte nicht geglaubt.«
Sie gehen zur langgestreckten, mit Girlanden geschmückten Lagerhalle, wo die Tafeln für die Gäste gedeckt sind.
Man läßt sich nieder, ißt und hört sich noch einige Reden an.
Dann fahren die ersten Wagen vor, der Kommerzienrat und Joachim Becker begleiten die prominenten Gäste bis zum Ausgang. Schließlich verabschieden sie sich voneinander, und der Kommerzienrat fragt:
»Du kommst doch heute abend zum Festessen ins Hotel?«
»Wenn du es mir nicht übelnehmen würdest,« sagt Joachim Becker, »möchte ich heute gern allein bleiben.«
»Nein, gewiß nicht. Ich werde dich bei den Herren entschuldigen.«
Auf dem Rückweg begegnet dem Generaldirektor Schwester Emmi.
Sie trägt heute nicht ihre einfache Tracht, nein, sie ist mit ihrer Eleganz wahrhaftig mancher hochgestellten Dame überlegen, wenn auch an ihrer Seite nur Herr Karcher geht.
Dieser Herr Karcher, er ist mit großer Freude ihrer Einladung, sie beim Feste zu begleiten, gefolgt, und nun wandert er neben ihr her, als wäre das selbstverständlich und gar nicht eine große und besondere Vergünstigung. Zwar sind mit der Generaldirektion viele junge Männer in den Hafen gekommen. Sie rufen Schwester Emmi zuweilen einige Scherzworte zu, denen sie in der alten schlagfertigen Frische begegnet, doch sie hat keinen gefunden, der ihr ständig auf den Fersen folgt wie seinerzeit Herr Gregor und der +Dr.+ Felix Friemann.
Nun betrachtet Herr Karcher sie beinahe als einen festen Besitz, und es ist merkwürdig: irgend etwas fehlt ihm dabei. Wenn sie mit Herrn Gregor oder +Dr.+ Friemann tändelte, so hat sich sein Herz immer so wehmütig zusammengezogen, aber es war ein unvergleichlich schöner, süßer Schmerz, der ihn den ganzen Tag begleitete und seinem Leben eine melancholische Melodie gab.
Dieser Schmerz ist heute, da er von ihr bevorzugt wird, wie ausgelöscht, und dem leidgewohnten unvernünftigen Herzen fehlt ein treuer Gast.
Wie nun Joachim Becker den beiden entgegenkommt, sieht Schwester Emmi rasch prüfend an sich herab. Sie zieht die Handschuhe glatt und hebt die Lackspitze eines Schuhs bis hoch oben zum Seidenstrumpf, um einen winzigen Fleck fortzuputzen. Dann befeuchtet sie die Lippen und geht dem Generaldirektor mit einem reizenden Lächeln entgegen.
Joachim Becker begrüßt sie sehr liebenswürdig und drückt ihr sogar die Hand.
»Ja, Schwester Emmi,« sagt er, »nun, da die Einweihungsarbeiten vorüber sind, werden wir beide uns einmal zusammensetzen und versuchen, wie wir nach dem Entwurf von +Dr.+ Friemann die Fürsorgestelle erweitern können.«
Dann plaudern sie noch ein wenig. Herr Karcher steht schweigsam daneben, und siehe: da ist er wieder, der unvergleichlich schöne, süße Schmerz. --
Das große Fest im Hafen kann auch dem Nachbarn nicht entgehen. Die offiziellen Nachrichten dringen überall hin, und für die Verbreitung der internen Mitteilungen in der Familie Pohl hat Schwester Emmi wieder gesorgt, seitdem der Kapitän nicht mehr als gern gesehener Gast empfangen werden kann.
Während Irmgard Pohl mit ihrem Vater zum Mittagessen über den Platz geht, muß sie auch einen Blick zu den lustig wehenden Fahnen hinüberwerfen.
Sie bleibt stehen und sagt: »Vater, wenn Joachim Becker einmal wiederkehrte, um uns zur Versöhnung die Hand zu reichen, käme er dann als Sieger oder als Besiegter?«
»Als Sieger!« sagt Michael Pohl so schnell, als wäre er auf die Antwort vorbereitet gewesen.
»Und sein Sohn?« fragt Irmgard leise.
Der Mühlenbesitzer sieht sie eine Weile schweigend an. Dann sagt er: »Auch der Sieger kehrt in sein Land mit Verlusten zurück. Wer sich in den Kampf einläßt, muß ihn in jedem Falle mitbezahlen.« --
Als auch der letzte Gast verschwand, spaziert Joachim Becker noch ein wenig in seinem Hafen umher. Die Arbeit ist noch in vollem Betrieb, denn eines Festes wegen darf die Tätigkeit nicht ruhn. Die Angestellten haben auch ihr Freibier bekommen, und nun führen sie ihren Arbeitstag zu Ende.
Joachim Becker bleibt neben dem Verwaltungsgebäude stehen und denkt an die alten Linden, die hier einstmals wuchsen. Über dem zweiten Hafenbecken sieht er eine Kirche und ein Fräuleinstift.
Unter diesen Bäumen ist er damals auf- und abgegangen mit so hochfliegenden Gedanken, daß er manchmal selbst davor erschrak. Oft war er nicht allein gewesen, die Wärme und der Duft Irmgard Pohls hatten ihn verwirrt, so daß seine Pläne in die Ferne gerückt und ihm noch wahnwitziger erschienen waren. Er, der Prokurist einer Getreidefirma, hatte vor die Gewaltigen der Stadt treten wollen, um ihnen zu sagen: »Ich werde euch einen Hafen bauen!«
Wenn er so recht mutlos geworden war und gedacht hatte: »In deinem ganzen Leben wirst du das nicht fertigbringen«, hatte er zuweilen eine weiche Frauenhand gefühlt, und Irmgard Pohl mit ihrer festen zuversichtlichen Stimme hatte gesagt:
»Ich glaube an deine Kraft, und ich weiß, daß du dich durchsetzen wirst!«
Dann war der Plan wieder näher gerückt, und er hatte mit seinen Gedanken weiter daran bauen können.
Noch nicht fünf Jahre später steht er nun hier und blickt auf seinen fertigen Hafen.
Er geht zum Hafentor, als wolle er sein Werk auch von außen betrachten.
Aber ohne zurückzuschauen, lenkt er seine Schritte zielsicher zur Seite und wandert über die Föhrbrücke und an der Brotfabrik, der Mühle und dem Getreidespeicher entlang.
Das ist ein weiter Weg, und er will gar kein Ende nehmen.
Ob man wohl von den Fenstern des Wohnhauses sehen kann, wie er mit seinen festen Schritten daherkommt?
Nun ist er am Gartentor. Er schreitet an Frau Pohls gepflegtem Rasen vorbei, und wie er vor dem Hause endlich angelangt ist, öffnet sich die Tür.
Michael Pohl steht auf der Schwelle. Er reicht ihm stumm die Hand und führt ihn in das Haus.