Chapter 8 of 19 · 3936 words · ~20 min read

Part 8

Schließlich hört sie überhaupt nicht mehr hin. Sie sieht den Kapitän scheinbar andächtig und aufmerksam an und hat dabei ihre eigenen Gedanken. Ob dieser Mann, der hier so ledern und langweilig etwas von Gott und der Welt erzählt, ob er wohl schon einmal verheiratet war?

Sie hat so ein Gefühl dafür, sie kann es nicht erklären, ihr Instinkt sagt ihr, daß dieser Kapitän mit den schmalen steifen Gliedern und den langen dunkelbehaarten Händen kein echter Junggeselle sei. Nun -- wenn ihm eine Frau etwa davongelaufen sein sollte, so kann sie das vollkommen verstehen. Während sie seine glatt und glänzend gebürsteten dünnen Haare betrachtet, muß sie an Herrn Gregors vollen schwarzen Schopf denken, und der Vergleich fällt nicht zu des Kapitäns Gunsten aus. Da ist ihr doch ein weiches gepudertes Gesicht noch lieber als dieser kantige Kopf mit der gebräunten trockenen Haut.

Endlich scheint der Kapitän mit seiner Rede fertig zu sein. Schwester Emmi warf einige Male ein »Ja« und »Gewiß« dazwischen, aber sie hat sich dabei nur nach dem Tonfall seiner Stimme gerichtet. Jetzt kann sie endlich wieder einen Satz dem Sinne nach erfassen, es ist, als wäre der Kapitän damit zu ihrer Muttersprache zurückgekehrt. Er sagt:

»Der Herr Generaldirektor erzählt mir, daß Sie Ihre Sache bisher sehr gut gemacht haben. Also lassen wir zunächst alles beim alten.«

Großer Gott, dann ist es ja überstanden! Schwester Emmi atmet erleichtert auf und erhebt sich. Sie hat in ihrer Freude das Wörtchen »zunächst« ganz überhört.

Der Kapitän drückt ihr fast schmerzhaft die Hand und begleitet sie zur Tür. Er selbst geht in seine Wohnung hinauf.

Schwester Emmi blickt geblendet in die Helle des milden Sommerabends.

Schiffer Jensen und Karle Töndern sitzen vor ihren Selterflaschen neben der Veranda. Sie grüßen die Schwester mit einem Griff an die Mützen und mit einem recht vertraulichen Zwinkern. Ja, ja, blitzen die listigen Augen, die jungen Mädchen werden nach sieben Uhr empfangen.

Schwester Emmi sieht an der Hafenuhr, daß sie länger als eine halbe Stunde beim Kapitän war. Ihr Herz ist so angefüllt, daß sie es irgendwo ausschütten muß. Für dieses Geschenk ist am besten Irmgard Pohl geeignet; die hört sich alles schweigend an, ohne gleich von sich selbst zu sprechen -- wie Frau Reiche oder Herr Gregor --, und dann findet sie sogar noch einige ruhige Worte, die man mit nach Hause nehmen kann. So geht sie wieder zum »feindlichen« Nachbarn hinüber.

Schiffer Jensen und Karle Töndern starren zu den Fenstern der Kapitänswohnung hinauf, denn ihre Köpfe sind mit diesem Problem noch nicht fertig geworden. Sie stammen beide von der Wasserkante, und da dauert es immer eine Weile, bis sie etwas zu Ende gedacht haben.

Plötzlich senken sie ihre Blicke sehr interessiert auf ihre Selterflaschen, denn oben -- an einem Fenster -- ist der Kapitän erschienen.

Er hat nur das Fenster geschlossen. Das an diesem milden und schönen Sommerabend!

Die beiden haben ihrer neugierigen Blicke wegen kein ganz reines Gewissen, aber sie denken: Wir werden wohl hier sitzen dürfen! Schließlich ist die Kantine doch für uns da!

Wie sie sich noch damit beschäftigen, vernehmen sie etwas Merkwürdiges: langgezogene Töne, wie ferne Musik.

»Hörst du das auch?« fragt Karle Töndern.

»Ja, freilich hör' ich das«, sagt Schiffer Jensen etwas ungeduldig. Er muß plötzlich an seine Frau denken, die immer noch im Krankenhaus liegt und die nächste Fahrt wieder nicht mitmachen kann.

»Es ist eine Violine, mein' ich«, sagt Karle Töndern.

»Ja, das mag sein«, erwidert Schiffer Jensen. Ihm wird immer wehmütiger ums Herz. Daran ist nur die verdammte traurige Musik schuld. Nun liegt der Tom wieder allein in der Kabuse. Aber weggeben? Da soll die Schwester sich nur ja keine Mühe machen. Diese blauen Augen, die in Toms Gesicht stecken, gibt es nur noch einmal in der Welt, und die hat Toms Mutter. Und wenn Schiffer Jensens Frau im Krankenhaus liegt, dann muß Schiffer Jensens Tom immer auf dem Kahn bleiben, denn ohne diesen blonden Schopf läßt sich der Kahn von keinem Schlepper ziehen. Das ist so gewiß, wie Schiffer Jensen jetzt hier sitzt und mit dem Ärmel über die Augen wischt.

»Und es kommt aus der Wohnung vom Kapitän«, sagt Karle Töndern.

»Hm«, macht Schiffer Jensen, denn nun bringt er keinen Ton mehr heraus.

Aber da sagt auch Karle Töndern nichts mehr, und sie sitzen und horchen und sind ganz still.

Bis wieder ein Fenster geöffnet wird und der Kapitän nach einiger Zeit unten in der Tür erscheint. Da stehen sie auf und ziehen ihre Mützen.

Der Kapitän nickt ihnen zu und geht mit seinem gespreizten steifen Gang zum Hafenbecken und immer weiter bis zum Kanal hinunter.

Die Verhaftung

Bei der Familie Friemann ist wirklich das Telegramm eingegangen: »Doktor bestanden. Gratuliere. Felix.«

Das sieht diesem Bengel, diesem Erzschelm ähnlich, daß er dazu seinen Eltern gratuliert, anstatt seinerseits die Gratulation abzuwarten.

Der Kommerzienrat war sich zwar längst über die angemessene Belohnung dieses tüchtigen Jungen einig, aber er beruft dennoch Frau und Tochter zusammen, um sich mit ihnen zu beraten. Joachim Becker ist zu sehr mit seinen wichtigen Aufgaben für den Hafen beschäftigt, als daß er an solchem Familienrat teilnehmen könnte.

Die vom Kommerzienrat vorgeschlagene Nordlandreise findet auch den Beifall der Frauen, aber die Mutter des tüchtigen Kandidaten will deswegen nicht auf eine kleine Festlichkeit verzichten, ganz im engsten Kreise der Familie. Weil die allernächste Verwandtschaft recht ausgedehnt ist, kommt man immerhin auf dreißig Personen.

Wann aber durfte man den Jungen zu Haus erwarten? Natürlich sollte er den Feiern seiner Studienkollegen nicht entzogen werden, doch konnte er nicht Nachricht geben, dieser unverbesserliche Schlingel, dieser Tausendkerl und Hallodri? Der Kommerzienrat findet immer mehr freundliche Schimpfnamen für seinen ungeratenen Sohn.

Währenddessen hebt draußen im Park der Villa ein großer Spektakel an. Die Kommerzienrätin müßte nicht die Mutter ihres Sohnes sein, wenn sie diese Stimme nicht erkennen sollte. Mit einem Aufschrei stürzt sie zur Tür, sie rennt so schnell die Treppen hinab, als es ihre geschwollenen Beine gestatten.

Rasch ist die ganze Familie im Vestibül. Hier steht ein baumlanger Kerl und sagt begütigend: »Aber, aber, meine Herrschaften!« Dabei kollern ihm die Tränen über die weichen Backen, und er muß sich dauernd bücken, um jemand zu umarmen. Das ist der junge +Dr.+ Felix Friemann.

»F. F.« fügt er gern nach der Vorstellung seinem Namen hinzu, denn er ist, wie sein Vater, ein Freund von Witzen. Die Studiengenossen nannten ihn die »Gaslaterne«. Sein weißes kugelrundes Gesicht mit den Friemannschen Augen hinter den blitzenden Brillengläsern, meinten sie, sei die Milchglaskugel, die lange dünne Figur der Laternenpfahl. Die Jugend ist grausam und spottet gern über die Kuriositäten der Mutter Natur.

Wer jedoch damit Felix Friemann ärgern will, kommt nicht an den rechten Mann! Er lacht wie über einen guten Witz und sagt in seiner überhasteten Sprache: »Gewiß, ich will mich bessern, gewiß.«

Er hat die Eigenart, daß er in der Eile des Sprechens einige Silben verschluckt. Weil er aber seinen Zuhörern diese schlechte Verständigung nicht zumuten will, hat er sich daran gewöhnt, ein paar Worte, die vielleicht verlorengegangen sein könnten, nachträglich zu wiederholen.

Wer Geduld mit ihm hat oder ihn gar liebt, findet sich in dem Kauderwelsch ganz gut zurecht. Doch es ist merkwürdig: vor solchen Naturen befleißigt er sich einer ganz ausgezeichneten und normalen Sprechweise.

Und die drei glücklichen Menschen, die ihn nun mit Begeisterung und Rührung begrüßen, brauchen sich weder über Wortverluste noch über Wiederholungen zu beklagen.

Der junge Doktor ist mit allem einverstanden, mit dem Familienfest und mit der Nordlandreise. Wann hätte er die Vorschläge seines prächtigen Vaters nicht großartig gefunden?

Die bevorstehende Arbeit im Hafen kann er kaum erwarten.

»Denke dir, meine Kommilitonen lachten, als ich ihnen erzählte, was wir hier für einen Hafen bauen. Aber neulich hat mein Professor doch wahrhaftig einmal im Kolleg das Projekt erwähnt. Na, ich habe euch ja gleich darüber telegraphiert. Er fand es phänomenal und -- durchführbar!«

»Wenn so ein Theoretiker das schon durchführbar findet, nicht wahr?« fragt der Kommerzienrat lachend. »Nun will ich dir auch gleich verraten, daß ich dem Professor durch die Hafengesellschaft ein ausgezeichnetes Exposé einschicken ließ.«

»Also, das ist die Veranlassung gewesen?« fragt der Sohn ehrfurchtsvoll und erstaunt.

»Ja,« sagt die Kommerzienrätin stolz, »was unser Papa alles zustande bringt! Er belehrt sogar die Professoren.«

Hier sind vier Menschen, die mit allem einverstanden und zufrieden sind, die sich nichts Besseres mehr wünschen.

Was ist so ein unschlüssiger Schürzenjäger wie Herr Gregor dagegen für ein unglücklicher Mensch! Nun treibt er die Tyrannei im Hause Reiche tatsächlich doch auf die äußerste Spitze, und man kann nicht voraussagen, wie lange die verliebte Kantinenwirtin sich das noch gefallen läßt.

Er findet ihr Essen miserabel, aber sie sagt nicht: »Sie haben ja schon seit mehreren Monaten nichts mehr dafür bezahlt.« Sie flüstert: »Wenn es angebrannt ist, so wirst du wohl am besten wissen, woran das liegt.«

Was erwidert darauf Herr Gregor? Er schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch und steht auf. An der Tür sagt er verächtlich: »Was haben Sie wieder für eine schmutzige Schürze umgebunden?«

Es hilft Frau Reiche nichts, daß sie sofort eine schneeweiße breite Schürze holt, und daß sie sich abends in ihrem besten Kleid auf die Veranda setzt. Da muß sie zuweilen den Kopf auf die Arme werfen und heftig schluchzen. Und sie beruhigt sich erst, wenn sie endlich den festen Entschluß gefaßt hat, Schwester Emmi Salzsäure ins Gesicht zu gießen.

Ihr Mann muß immer öfter hinter dem Schanktisch stehen und in seiner schwerfälligen Art Selterwasser und Milch verkaufen. Früher hat Frau Reiche in der Küche das beste Essen zustande gebracht und dabei immer noch Zeit gefunden, mit den Gästen ein freundliches Wort zu wechseln.

Jetzt hat nicht nur die Güte des Essens nachgelassen, die Kantinenbesucher finden auch die Bedienung nicht flink und freundlich genug. Der ehemalige Bäckermeister ist kein redseliger Mann, und mit den guten Eigenschaften seiner Frau kann er sich freilich nicht messen. Deswegen ist er auch schon sehr bescheiden geworden.

Seine Frau versteht es, gut einzukaufen und mit den Lieferanten fertig zu werden, sie eignet sich prächtig dafür, solchem großen Betrieb vorzustehen, ohne es jemals geübt zu haben; er aber kann nur das, was er in seinen Jugendjahren gelernt hat: Brot und Semmeln backen. Schon mit dem Kuchen hat es immer etwas gehapert, der war den Leuten nicht fein genug.

So begnügt er sich nun damit, das zu tun, was seine Frau ihm befiehlt, und er hat keinen Funken Ehrgefühl mehr im Leibe, denn sonst würde er sich dagegen sträuben, zur Bewachung der Wirtschaftsräume in einer Kammer hinter der Kantine zu schlafen, während seine Frau das schöne große Schlafzimmer im ersten Stock allein gar nicht ausnutzen kann.

Seitdem die Küchenmädchen in der Hafenwirtschaft mit Frau Reiche nicht mehr zurechtkommen und alle acht Tage wechseln, hat Fräulein Spandau, die neue Sekretärin des Hafendirektors, sich daran gewöhnt, das Mittagessen für den Kapitän selbst abzuholen. Dabei hat sie auch immer noch ein freundliches Wort für den Kantinenwirt, ja manchmal kann sie ein paar Minuten bei ihm stehen, während das Essen eingefüllt wird, und sich dafür interessieren, wie es in einer mustergültigen Bäckerei zugehen muß. Sie ist nicht die Spur eingebildet auf ihren Posten, denn sonst würde sie nicht freiwillig mit einem Tablett in der Hand über den Platz gehen, was einer Sekretärin wirklich nicht zukommt.

Der Kapitän weiß solchen Liebesdienst auch nach Gebühr zu schätzen.

Er spricht den »besten Dank« immer doppelt aus, und obgleich er im Laufe der Monate sich schon daran gewöhnt haben sollte, so steckt immer auch etwas Verlegenheit hinter seinem Ton.

Ja, Fräulein Spandau ist nun schon einige Monate im Hafen. Die Zeit verfliegt so rasch, daß man es selbst kaum merkt. Man geht durch das Tor des Hafens an einem Wächter vorbei und neben dem Gesicht eines anderen Mannes hinter dem Guckloch wieder hinaus, und siehe da: ein Tag ist um. Wenn man jedoch am nächsten Abend einmal um sich schaut, so hat der Turm des Verwaltungsgebäudes plötzlich sein siebentes Stockwerk aufgesetzt, das zweite Hafenbecken ist von fertigen Kaimauern eingefaßt, und der Getreidespeicher -- ja, der Getreidespeicher sieht aus, als stände er fix und fertig da.

Aber wer das glaubt, der versteht nichts von einem modernen richtigen Getreidespeicher, der ist ein Laie, eins der verächtlichsten Geschöpfe, die für den Bodenmeister Ulrich existieren. Denn nun sind erst die wahren Künstler an der Arbeit, die Ingenieure, die den ganzen technischen Apparat einbauen.

Dem Bodenmeister Ulrich lacht das Herz im Leibe, wenn er das mit ansieht. Auch mit dem neuen Hafendirektor hat er sich wieder ausgesöhnt, denn er ist inzwischen dahintergekommen, daß der Kapitän nicht nur Moscheen im Kopf hat, er versteht auch sonst etwas von den Angelegenheiten eines Hafens.

Nun gibt es Menschen mit einem geweiteten Horizont, die sehen sich nicht nur innerhalb der Mauern des Hafens um, die blicken darüber hinaus zu den Nachbarn links und rechts. Und man muß staunen, was da alles vor sich geht.

Der Müller hat zwar schon immer einen Getreidespeicher, eine Mühle und ein schmuckes kleines Wohnhaus jenseits des Kanals gehabt, doch ist der Speicher nicht um zwei Stockwerke höher geworden? Und wenn der Bodenmeister Ulrich sich so sehr viel auf das kommende Becherwerk und die Getreideheber einbildet, so soll er nur schweigen: der Mühlenbesitzer Pohl hat das alles längst. Er holt sich sein Getreide, das direkt aus Rumänien und Rußland kommt, damit selbst aus den Kähnen, und wenn es gebraucht wird, geht es ebenso maschinell in die Mühle hinüber. Da gibt es keine gebückten Menschen, die schwere Säcke hin- und herschleppen. Ein fleißiger Kran holt auch die Mehlsäcke aus der Etage heraus, in der sie gerade liegen, und führt sie zu einem Schiff hinüber, wenn sie dafür bestimmt sind, auf dem Wasserwege weiterzureisen. Was jedoch auf den Bahnhof oder in die Stadt befördert werden soll, wird auf Wagen geladen, denn Eisenbahnwaggons fahren an der Mühle noch nicht vor. Nein, über einen Gleisanschluß verfügt der Müller nicht. So weit hat er es nicht gebracht.

Gleisanschlüsse sind nur im Hafen. Da stehen sogar eigene Lokomotiven in einer Halle, die laut zischen und pfeifen, wenn sie angeheizt werden, und die vielen Gleise geben dem Hafen ein recht industrielles Aussehen. Natürlich sind auch schon ein paar Kräne da, und wenn die Freilagerplätze mit Kohle oder verrostetem alten Eisen in hohen Bergen geradezu überschüttet sind, so kann sich ein einzelner Müller mit seinem Betrieb nicht allzu stolz daneben sehen lassen.

Trotzdem schöpft er seinen Vorteil aus der Nachbarschaft des Hafens, und er hätte weder einen Anbau an seine Mühle gebraucht noch soviel Lagergetreide in seinen Räumen, wenn der erste Getreidespeicher des Hafens nicht in die Luft geflogen, sondern rechtzeitig fertiggestellt worden wäre.

So aber mußte man erst die anderen langgestreckten und flachen Lagerhallen bauen, und die Firma Friemann, Getreide +en gros+, lagert ihre Riesensendungen für Übersee so lange in den Seehäfen.

Wer etwa die Ansicht vertritt, daß dieser Verlust ein Unglück für den Binnenhafen sei, hat nicht den raffinierten Scharfsinn des Kommerzienrats erkannt, denn nun besitzt man gute Freunde am offenen Meer und die besten Verträge in der Tasche.

Ja, auch Generaldirektor Becker hat fleißig gearbeitet. Er ist auf mehreren Auslandsreisen gewesen, aber er hat es auch nicht verschmäht, einige kleine unbedeutende Häfen an der Wasserkante und im Binnenlande zu besuchen, und wenn man hin und wieder in die Zeitung sieht, so kann man lesen, daß die Hafengesellschaft auch anderwärts tüchtig ist und den Kommunen ihre Lasten abnimmt. Joachim Becker hat mit einigen strategischen Stützpunkten seine Stellung befestigt.

Nun ist auch sein Schwager im Hafen, der sich in das große und weitverzweigte Gebiet einer Hafenbewirtschaftung einzuarbeiten versucht und dabei ebensoviel Lust wie Unfähigkeit beweist. Aber der Generaldirektor ist weder ärgerlich noch traurig darüber, es kann nicht allein tüchtige Menschen in der Welt geben. Nur, daß der Kerl noch nicht richtig zu sprechen vermag, macht ihn nervös, denn man hat nicht Zeit, nach jedem Satz zweimal zu fragen.

Die englische Shagpfeife hat er im übrigen inzwischen über Bord geworfen, denn sie ist ihm bei der Arbeit hinderlich. Dazu gehört die gleichmütige Ruhe der Engländer, und die ist ihm nicht gegeben. Außerdem fand er in der Zusammenarbeit mit seinen technischen und wissenschaftlichen Beratern an den Einrichtungen der Engländer dieses und jenes auszusetzen und zu verbessern.

Inzwischen ist er auch in den Vereinigten Staaten gewesen, und nun imponieren ihm neben der gewaltigen Organisation die großartigen sozialen Einrichtungen der Amerikaner. Sie haben ihn seinem Steckenpferd, der Fürsorge, wieder mit vollen Segeln zugeführt.

Die Fußballplätze und Schwimmanlagen schweben ihm wieder vor, doch wenn er zum Nachbar im südlichen Gelände hinüberblickt, so beschleicht ihn ein scheußliches Unbehagen. Da, wo seine freien Menschen ihre Siedlungen errichten und den Körper in sportlicher Übung kräftigen sollten, werden nun von der Verhüttungsgesellschaft Erze gefördert.

Ja, werden denn wirklich Erze zutage gebracht? Man sollte es wohl annehmen, denn sie geben die Versuche nicht auf. Zwar herrschte zuweilen wochenlang, ja einmal sogar monatelang peinliche Arbeitsruhe, aber dann hatte sich anscheinend doch wieder ein Gesellschafter gefunden, der sein Geld in dieser aussichtsreichen Sache anlegen wollte, und die Sachverständigen rückten wieder an.

Joachim Becker ist zum zweitenmal in seinem Leben feige und geht nicht hin, um sich nach den Resultaten zu erkundigen. Es scheint nicht immer leicht, seine privaten Gefühle mit beruflichen Interessen in Einklang zu bringen, selbst wenn man sonst ohne Furcht und Falsch ist. Die persönliche und sehr peinliche Angelegenheit, in der er sich zum erstenmal nach einer unredlichen Tat feige verbarg, glaubt der junge Generaldirektor zwar vollkommen aus seiner Erinnerung ausgestrichen zu haben.

Nur einige Konsequenzen wollen ihn noch dafür strafen, denn nun fordert das Schicksal zur Vergeltung weitere Unaufrichtigkeit und Heuchelei. Und weil er diesen beiden Götzen gerade in seinem engsten Familienkreise dienen soll, so ist es am besten, wiederum zu flüchten und in der Arbeit unterzutauchen. Das besorgt er nun bis zur letzten Möglichkeit.

Herr Gregor muß noch mehr als früher unter seiner Unduldsamkeit leiden, denn jetzt fängt Joachim Becker an, unzufrieden mit ihm zu werden. Dieser junge Sekretär treibt Luxus in Anzügen, Krawatten und seidenen Strümpfen, sieht übernächtig aus und dünkt sich für jede Arbeit zu gut.

Dabei hat er ein Tätigkeitsfeld, das jedem alten Beamten schmeicheln würde. Seine Hauptbeschäftigung ist immer noch die Bearbeitung der Lieferverträge für den Hafenbau. Mit seinem flinken, merkantilen Verständnis für die Ausnutzung der Konjunktur und die Finanzlage der Bewerber hat er besonders im Anfang gute Resultate erzielt.

Nun aber wird er unvorsichtig und nachlässig, und auf seinem Schreibtisch liegen die Papiere wüst durcheinander, so daß sich bestimmt kein Mensch mehr herausfinden kann.

Der Generaldirektor stellt sich ärgerlich neben den Tisch und sagt: »Wer diese Unordnung auf dem Schreibtisch einreißen läßt, der hat sie auch im Kopf.« Dann geht er in das Kalkulationsbüro und erkundigt sich nach diesem und jenem.

Herr Gregor hat zufällig auf einem der langen breiten Korridore zu tun und sieht Joachim Becker auch in die Hauptbuchhaltung hineingehen.

Ein Kollege fragt Herrn Gregor, ob er etwas verloren habe.

»Nein,« gibt er zur Antwort, »aber mir fällt eben ein, daß ich etwas vergaß.« Damit geht er wieder zurück.

Vor dem Zimmer der Sekretärin bleibt er noch einmal mit zerfurchter Stirn stehen. Er hat Schweres zu denken, man sieht es ihm an, und seine Hände sind ganz feucht. Dann geht er hinein.

»Sie haben wohl nicht die gestrigen Zahlungsanweisungen noch hier? Ich sehe eben, daß ich mich verrechnet haben muß«, sagt er mit belegter Stimme.

»Nein,« erwidert die Sekretärin, »ich habe sie heute morgen weitergegeben. Vielleicht liegen sie noch in der Kasse.«

»Ja, danke, ich will sehen, daß ich sie dort vergleichen kann.« Er bleibt unschlüssig stehen.

»Sie werden sich aber beeilen müssen, denn es ist gleich Geschäftsschluß, und die Kasse öffnet ihre Schränke nicht noch einmal.«

»Richtig,« sagt er, »dann will ich es noch rasch versuchen.«

Er schießt nicht gleich auf den Kassenschalter zu, sondern geht mit schleppenden Schritten bis an das Ende des langen Korridors. Wie er um die Ecke biegen will, bemerkt er mit halbem Blick den Generaldirektor und den Hauptbuchhalter vor der Tür des Kassenraumes. Er schnellt sofort zurück; man sah ihn nicht, denn die beiden sind in eine leise und angeregte Unterhaltung allzusehr vertieft.

Herr Gregor will nun mit seinen Anweisungen nichts mehr zu tun haben. Er holt Mantel und Hut und verläßt das Haus.

Drei Stunden später trifft er vor dem Hauptportal des Hafens Schwester Emmi, die wieder einmal einen Besuch in der Mühle gemacht hat. Sie kann jetzt nicht zu jeder Stunde hinüberlaufen, denn Irmgard Pohl ist eine Angestellte, an Zeit und Ort gebunden. Wenn sie auch im Kontor ihres Vaters arbeitet, so hat sie doch keine andere Vergünstigung, als daß sie zu den Mahlzeiten ins Wohnhaus gehen darf, denn ihr Gehalt muß sie sich ehrlich und redlich verdienen.

So benutzt Schwester Emmi die Abendstunden, um sich Rat und Teilnahme zu holen. Sie ist sehr angeregter Stimmung, denn nun hat Irmgard Pohl ihr endlich versprochen, den ersten Besuch im Hafen zu machen, um sich die kleine Wohnung der Fürsorgeschwester anzusehen.

»Wenn Sie glauben, daß ich gegen fünf Uhr niemand treffen kann,« sagte sie, »so will ich auf eine Viertelstunde kommen.«

Schwester Emmi wird ihr alle ihre hübschen Kleinigkeiten zeigen: den selbstgefertigten Frisiertisch mit Mullvorhängen und Fläschchen und Büchsen, die hübschen Kissen aus Seidenresten, Stickereien und andere Handarbeiten, denn ihre flinken Hände sind zu allem geschickt, sie können niemals ruhen.

Selbst in Herrn Gregors Gesellschaft bleibt sie nicht untätig, denn an seiner Kleidung ist immer etwas zu verbessern. Frau Reiche, die sich gegen Bezahlung für diese Arbeiten verpflichtete, ist längst nicht mehr zuverlässig genug; sie hat es sogar fertig gebracht, ein Paar seidene Strümpfe, die Schwester Emmi ihm zum Geburtstag schenkte, vollständig zu zerschneiden.

Wenn aber die praktische Arbeit geleistet ist, so folgt die viel schwerere Aufgabe: Herrn Gregor zu trösten und zu zerstreuen; er wird immer nervöser von dem schweren und aufreibenden Dienst und kann oft sehr mißgestimmt oder mutlos sein.

Sie sieht es ihm heute sofort an, daß es schlimm um ihn steht, darum zwitschert sie von allen lustigen Dingen, die ihr einfallen; sie macht Witze und lacht selbst darüber. Sobald der schwache Schimmer eines Lächelns über sein blasses leidendes Gesicht huscht, ist sie sehr glücklich. Sie wirft nicht sobald die Flinte ins Korn, und ihre Geduld rührt selbst Herrn Gregor.

Er hat schon gegessen und fragt, ob er bei Schwester Emmi eine Tasse heißen Tee trinken dürfe. Es ist mitten im Winter, und ein mitfühlender Mensch kann wohl verstehen, daß man auf einer Straßenbahnfahrt durchfriert und Verlangen nach einem freundlichen warmen Zimmer hat. Die großen Herren haben ihre bequemen Wagen, die andern aber, denen jede Möglichkeit zum Aufstieg abgeschnitten wird, obgleich sie auch nicht weniger verstehen, sie müssen sehen, wo sie bleiben.

Ach, sie ist durch Herrn Gregors scharfe Augen über die Ungerechtigkeiten in dieser Welt aufgeklärt worden und kann manchmal recht erbittert und unzufrieden sein. Doch sie hütet sich wohl, solche Gefühle zu offenbaren, denn wer erst einmal als sonnige Natur verschrien ist, hat nicht mehr das Recht, sich anders zu zeigen.

So bewirtet sie Herrn Gregor mit heißem Tee und freundlichen Worten. Sie rauchen auch eine Zigarette miteinander, und als endlich eine richtige Unterhaltung in Gang kommt, hat sie sogar ihre Angst vor Frau Reiche vergessen, die angedroht hat, den Kapitän zu holen, wenn die Fürsorgeschwester noch einmal Herrenbesuch in ihrem Zimmer empfängt.

»Es sind nicht nur die Kopfschmerzen, die mich ganz zermürben,« sagt Herr Gregor, »Sorgen mögen auch daran schuld sein.«

»Aber was sollten Sie denn für Sorgen haben? Da ist doch kein Mensch, der Ihnen etwas zuleide tut, und Angehörige haben Sie auch nicht. Ja, wenn ich an Schiffer Jensen denke, dem im Herbst die Frau gestorben ist. Jetzt lebt er ganz allein mit dem kleinen Tom, und das Schlimmste ist, daß er nun, während er im Winterlager liegt, nicht durch Arbeit und Abwechslung abgelenkt wird und immerfort daran denken muß. Sie haben doch Ihre Arbeit und ein schönes Einkommen dazu.«