Chapter 1 of 20 · 3982 words · ~20 min read

Part 1

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist ~so ausgezeichnet~. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist =so markiert=.

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.

Der Übersichtlichkeit halber wurde die Buchwerbung am Ende des Buches zusammengefasst.

Aus Mitleid

Die gekaufte Stimme — Des Kaisers Fünf usw.

[Illustration]

Neue Novellen und Skizzen

von

Alexander Baron von Roberts

[Illustration]

Aus Mitleid

Die gekaufte Stimme — Des Kaisers Fünf usw.

[Illustration]

Neue Novellen und Skizzen

von

Alexander Baron von Roberts

[Illustration]

Berlin

Verlag des Vereins der Bücherfreunde

1891

Frau

Chlotilde von Schwartzkoppen

in aufrichtiger und herzlicher Verehrung

zugeeignet

vom

=Verfasser=

Alexander Baron v. Roberts.

Der Autor des vorliegenden Buches ist einer der berühmtesten modernen deutschen Dichter. Das beweist aber nicht viel. Wir haben momentan in der Litteratur viele Berühmtheiten, um die sich kein Mensch kümmert, und zwar mit Recht. Wir haben sogar einige berühmte und große Schriftsteller, denen das Publikum die gebührende Aufmerksamkeit leider nicht entgegenbringt. In diesem Satze liegt ein Widerspruch und doch eine traurige Wahrheit. Die alles öffentliche Interesse aufsaugende Politik, die von Jahr zu Jahr schwerer werdenden Daseinsbedingungen, und — das schöne gute Bier leiden es nicht, daß man die Werke bedeutender Autoren kauft und liest oder — lassen wir das Kaufen weg, ich spreche da im Sinne der Majorität — nur liest. Ja, wenn unsere Größen alle neue Theaterstücke schrieben, das wäre was anderes! Da brauchten sie sich nicht einmal allzusehr anzustrengen, flache und witzelnde Arbeiten thäten auch ihren Dienst. Alle Zeitungen schreiben darüber ausführlich, und das gesamte Publikum sieht sich die Stücke an. Der Autor eines aufgeführten, selbst schlechten Stückes erregt heutzutage in weit höherem Grade die Beachtung der Öffentlichkeit als der Dichter eines genialen Epos oder eines ausgezeichneten Romans.

Unter solchen Mißständen haben künstlerische Kräfte wie z. B. Alexander Baron von Roberts schwer zu leiden. Er hat große Erfolge geerntet, sonst wäre er nicht berühmt geworden, und doch ist es nur in der deutschen Nation möglich, daß ein Autor eher berühmt als allgemein gekannt wird. Und so kann sich auch Alexander Baron von Roberts beklagen, daß sein Name eine Berühmtheit erlangt hat, während seine Werke wohl das feinste, aber kein allzugroßes Publikum gefunden haben. Aber ein Autor, der die Anwartschaft hat, auch von den nächsten Generationen gelesen zu werden, kann ruhig die Stunde erwarten, wo ihm das Volk jene Stelle in der Litteratur zuweist, die ihm die Litteraturkundigen bereits längst zuerkannt haben.

Roberts ist kein gewöhnlicher Unterhaltungsschriftsteller, dem es nur darum zu thun ist, den Leser zu spannen und ihn über ein Stündchen hinwegzutäuschen. Er hat uns stets etwas zu ~sagen~, er fällt stets Verdikte in künstlerischer Form, ein hochstehender Seelenarzt fühlt er seiner Zeit den Puls und bringt das Ringen und Gären der Gegenwart zu Protokoll. Sein Schaffen gleicht keiner farbigen Luftspiegelung, keiner gleißenden Fata Morgana, er ist kein Träumer, der, verzückte Seufzer ausstoßend, nach der blauen Blume sucht und über den ersten Wegstein stolpert, nein, er ist der Mann der Wirklichkeit, ein Künstler, der die Materie des Lebens zu wundersamen Gebilden modelt und ihnen mit dem blendenden Glanze seiner Weltanschauung ein höheres Leben verleiht. Die Vorzüge besonders französischer Schriftsteller, welche sich viele deutsche Dichter in sklavischer Nachahmung zu eigen machen suchen, haben sich von Natur aus mit seinem deutschen Wesen amalgamiert: er ist Luxemburger, das moussierende Element des Rheinländers hat sich in ihm mit französischem Chic, mit Pariser pikanter Grazie vereinigt. Aber das ist es nicht allein, was Alexander von Roberts zu einer so interessanten Erscheinung stempelt. Sein Wesen besteht eigentlich aus einer Reihe einander sich widersprechender Eigenschaften, die in ihrer Gesamtheit den reizvollen Anschein spröder Koketterie, ironischen Tiefsinns und nervös zuckenden Wahrheitsdranges haben. Er ist auf der einen Seite von entzückender Einfachheit, Schalkheit und Gemütlichkeit. Man lese nur seine kleinen Skizzen, z. B. »Aus der Chronik unseres Glückes« und »Es«. Wie anschaulich, wie echt deutsch schildert er das Leid und Glück der Ehe, die Zärtlichkeiten und Zerwürfnisse der Liebe. Er entfaltet sich da als ein Meister der Kleinkunst der Alltäglichkeit. Und neben dieser sympathischen Seite seines Naturells findet man bei ihm, dem Menschenkenner =par excellence=, eine besondere Vorliebe, Tiere und unbelebte Wesen in den Vordergrund der Handlung zu stellen. Der Schreiber dieser Zeilen hat ihn deshalb bei anderer Gelegenheit den »Andersen der Wirklichkeit« genannt und dargethan, welch Unterschied trotzdem zwischen dem romantischen Märchenerzähler und dem realistischen Romancier besteht. Diese Vorliebe giebt Roberts’ Arbeiten oft etwas Fatalistisch-Satirisches, welches ihm gar nicht so übel zu Gesichte steht. Den großartigsten und im direktesten Gegensatz zu seinem gemütsvoll-familiären Zug stehenden Ausdruck findet diese Vorliebe in »Lou«, einer der exotisch-bizarrsten Erzählungen der modernen Litteratur. Ein Hund und ein Mohrenknabe sind die Helden der Handlung. Aber welche kühne, weltweite Satire gehört dazu, das berauschende, große, glänzende, lasterhafte Paris zum Hintergrunde der Geschichte zweier höchst gleichgiltigen Geschöpfe zu machen und hinter dem grinsenden Schädel eines Mohrenknaben alle Schönheit der Welt zu entfalten und aus dem brausenden Gewühl einer Weltstadt das heisere Gebell eines Köters heraushören zu lassen! Wahrhaftig, die hohnlachende Genialität eines Hogarth könnte sich keinen besseren Stoff wählen. Ein Seitenstück zu »Lou« ist die »Pensionärin«, aber stiller, sinniger sich gebend. War es im »Lou« ein Hund, so ist es hier eine »Schildkröte«, um die sich die Handlung der Geschichte gruppiert. Man darf die Schöpferkraft unseres Autors nicht allein nach seinen kleinen Skizzen, die ungefähr fünf Bände füllen, beurteilen. Aus seinen Novellen lernt man ihn bald als gemütsvollen, bald als bizarren Dichter kennen und lieben, der den unbeseelten Dingen eine poetische Seite abzugewinnen weiß, der das Leben im kleinen mit großer Kunst schildert und besonders aus seiner militärischen Wirksamkeit die schönsten, lustigsten und ergreifendsten Stücklein zu erzählen versteht. Sein Talent entfaltet aber seine Schwingen am mächtigsten, wenn es heißt, ein großes Zeitgemälde zu entrollen und einer bedeutsamen sozialen Idee eine in allen philosophischen und dichterischen Farben schillernde Fassung zu geben. Seine Romane gehören zu den unbestrittensten Meisterwerken der modernen deutschen Litteratur, und sein den höchsten Zielen zugewandtes Streben überflügelt den weitaus größten Teil der deutschen Autoren, welche ebenfalls auf dem Gebiete des Romans sich bethätigen.

Im engen Rahmen dieser Skizze ist es mir unmöglich, auseinanderzusetzen, weshalb die Deutschen wohl Novellen besitzen, die zu dem festen Bestande der Weltlitteratur zählen, aber in Bezug auf Romane hinter anderen Völkern, z. B. den Engländern, Russen und Franzosen, zurückgeblieben sind. Diese Thatsache ist weniger auf den Mangel an dichterischen Kräften, als auf politische, kulturelle und soziale Gründe zurückzuführen. Roberts’ blitzende Beobachtungsgabe, sein plastisches Schilderungstalent, seine eminente Welt- und Menschenkenntnis und vor allem die vollste Beherrschung der Bedingungen und Gesetze, unter denen das komplizierte Gebäude eines Romans errichtet werden kann, prädestinieren ihn geradezu, ~den~ modernen Roman zu schaffen, d. h. den Roman, welcher der Nachwelt als getreuestes Spiegelbild unserer Zeit, unserer Sitten, Anschauungen, Fehler und Vorzüge gelten soll. Man mag den Novellisten Roberts liebenswert finden, als Romancier verdient er unsere Bewunderung. Jeder seiner Romane steht unter dem Zeichen einer mächtigen Idee, und sein Roman-Cyklus »Moderner Götzendienst« sucht wahrhaftig seinesgleichen.[A] In der »Schönen Helena« führt er uns den unüberbrückbaren Gegensatz des süd- und norddeutschen Wesens auf Grund eines tragischen Einzelfalles vor. Eine Köchin und ein Sergeant sind die Volkstypen, die er mit unwiderruflicher Echtheit und Unerbittlichkeit zeichnet; und wohl keinem ist es gelungen, auf das öde Kasernenleben einen solchen Lichtstrom von Poesie zu lenken, wie ihm. In seinem »Modernen Götzendienst«, von dem mir einige Bände vorliegen, zeigt sich Roberts als ernster, gewichtiger Sittenrichter. Wenn er uns in »Preisgekrönt« den lähmenden, unterjochenden Bann physischer Schönheit schildert, so ergreift er uns da nicht minder wie in dem prächtigen Buche: »Um den Namen«. Die Titelsucht, die blinde, urteilslose Ehrfurcht der Menschen vor veralteten Vorurteilen geißelt er bis aufs Blut; und wenn er sich auch bisweilen zu Excentricitäten und Unwahrscheinlichkeiten hinreißen läßt, so wollen wir ihm dies angesichts des Eifers, mit dem er seine Aufgabe erfaßt, nicht besonders anrechnen. Für sein bisher bedeutendstes Buch halte ich die »Revanche«. Hier feiert die realistisch-lebendige Kunst des Autors ziel- und zweckbewußte, wahre Triumphe. Der abenteuerlich sich äußernde, oft zu wahnsinniger Wut gesteigerte Revanche-Gedanke der Franzosen erfüllt unheimlich, beklemmend das ganze Buch. Nicht nur ein großer dichterischer, sondern auch ein bleibender kultureller Wert wohnt ihm inne. Und wie in allen seinen Dichtungen, so auch hier: keine träumerische Stimmung, kein romantisches Helldunkel, auch kein sonnenloses, trübseliges =plein air=, sondern vollste, grelle, greifbare, wie in elektrisches Licht getauchte Wirklichkeit; wie in allen seinen Schöpfungen so auch hier die plastische Gegenständlichkeit des Ausdruckes, die unmittelbare Frische, die scharfe Leuchtkraft der Sprache.

Alexander von Roberts ist seit wenigen Jahren nach Berlin übergesiedelt. Er befindet sich auf der Höhe seiner dichterischen Schaffenslust. Die Eindrücke, mit denen Berlin auf jedermann einstürmt, werden sich auch in ihm in reiche, dichterische Leistungen umsetzen. Er zählt zu den wenigen festen Stützen der modernen deutschen Litteratur, ihm ist es vom Schicksal vergönnt, belebend auf unser Schrifttum einzuwirken. Seit jeher gehört es zu den Eigenschaften der deutschen Kritik, gerade an unseren besten Dichtern herumzunörgeln und herumzumäkeln; ich glaube, die wahre Kritik hat eine höhere und bessere Aufgabe. Sie sei unerbittlich gegen die Dilettanten, aber die beste, treueste Freundin bedeutender Autoren. Unermüdlich soll sie die Aufmerksamkeit des Publikums auf diese hinlenken, unermüdlich für die Verbreitung ihrer Schriften thätig sein. Und so gereichte es auch uns zur freudigen Aufgabe, wieder einmal der Lesewelt das Wirken eines unserer hervorragendsten Dichter näher geführt zu haben.

Ernst Wechsler.

[A] Eine Art Einleitung zu diesem Roman-Cyklus bildet eine der wirkungsvollsten Novellen unseres Autors, die er »Satisfaktion« betitelte. Den die Duellfrage behandelnden Stoff hat Roberts dramatisiert, und sein dramatischer Erstlingsversuch ging vor kurzem über die Bühne des Berliner »Lessing-Theaters«. Er erzielte auf das Publikum einen bedeutenden, tiefgehenden Erfolg, und der Übertritt Roberts von der Novelle und dem Roman zum Theater hätte sich somit glücklich und vielversprechend vollzogen. Und doch kann ich meinerseits ein leises Bedauern über diese Metamorphose nicht unterdrücken. Als Novellist und Romancier ist Roberts unbestritten eine Größe ersten Ranges. Ob er sich diese Bedeutung auch unter den modernen Bühnenschriftstellern erringen wird? Wer weiß es! Ich glaube, seine Begabung ist eine so ernste und mächtige, daß sie ihn möglicherweise hindern wird, mit unseren heutigen Bühnen-Spaßmachern und den Nachäffern Ibsens zu rivalisieren.

Aus Mitleid

[Illustration]

[Illustration]

Magnus Joël war noch rechtzeitig genug aufgesprungen, um sein Gegenüber, das junge Mädchen, aufzufangen und vor dem Hinstürzen zu bewahren. Eben hatten sich ihre Gläser über dem kleinen, doch glänzend servierten und mit Blumen wie zu einem Feste geschmückten Tisch hellklingend getroffen, und ihre bebenden Lippen, mehr noch die Glut ihrer Augen, hatten das süße Geheimnis ihrer versteckten Liebe gefeiert. Emmy nippte nur von dem goldigen, feinduftenden Inhalt des olivengrünen Römers — »Mir wird so seltsam!« sagte sie, das Glas hinsetzend. Eine plötzliche Blässe flog über das feine Oval ihres Gesichtes, ihre auffällig schlanke Hand, an der ein paar wertlose, altmodische Ringe glitzerten, tastete über Stirn und Augen, gegen die Nacht der Ohnmacht ankämpfend, die sich über ihre Sinne legte.

Nach der ersten Bestürzung geleitete er die wankende Gestalt vorsichtig nach dem Divan, der aus dem Bereich des magischgelben Scheines der tief über dem Tisch herabhängenden Lampe im Dämmer des Hintergrundes stand, von breiten Palmblättern wie zu einer Laube überschattet.

Wie ihr Kopf mit dem dunkelbraunen Wirrnis des üppigen Haares gegen seine Schulter lehnte und die schwarzen Wimpern sich wie schwere Schatten auf die Blässe der Wangen senkten, mochte man auch jetzt noch, in diesem Zustand, das Hingeben sehnender Liebe verspüren; und wie er sie umschlungen hielt, ihre Gestalt fast leidenschaftlich an seine Seite pressend, sie mit seinen kräftigen Armen mehr trug als geleitete, das war etwas anderes als Sorge und Erbarmen um den plötzlich erkrankten Gast.

»Mir ist zum Sterben schlecht —« hauchte es über ihre blutlosen Lippen, nachdem er sie behutsam auf den Teppich des Divans gestreckt.

Er eilte in das Schlafzimmer, um kaltes Wasser, Riechsalz, was er fände, herbeizuschaffen. Sie begehrte nach Luft. Er stürzte auf das Fenster hin, dessen schwere Plüschvorhänge vorhin so vorsichtig gegen fremden Einblick geschlossen worden waren, und öffnete. Die regenfeuchte Luft des Aprilabends wehte kühl herein, und wie entweihend brach das Geräusch der Straße in die diskrete Stille des Salons. Das Chambregarnie, das der junge Magnus Joël, zweiter Sohn aus der bekannten Großfirma Hildebrand Joël, Seiden- und Spitzenwaren, inne hatte, lag in dem lebhafteren Teil der Charlottenstraße, der Nähe des väterlichen Geschäftes wegen, das in der Leipzigerstraße mit seiner glänzenden Schaufensterfront paradierte.

Nah und fern rasselte und klingelte die Pferdebahn, Droschken holperten über das Pflaster, Tritte wie Unterhaltung der Passanten hallten vom Trottoir herauf, stoßweise kam die accentuierte Musik einer nahen Festlichkeit hergehuscht. Es war mehr die Wirkung dieses vieltönigen Lärms als der frischen Luft, welche die Kranke aufleben hieß. Hier ist nicht der Ort, um krank zu werden, für sie!

Wie neidisch das Schicksal! Kaum, daß die Liebenden ihm die paar Stunden eines ersten, ungestörten Beisammenseins mit Notlügen und Ausflüchten abgestohlen, da fährt es in all die Seligkeit mit dem schwarzen Gespenst einer Ohnmacht herein!

Magnus kauerte zur Seite des Divans in einer Romeostellung, die seinem starken Körperbau und der etwas ungelenken Art seiner Bewegungen weniger entsprach; mit seinen breiten Händen hielt er je eines ihrer Händchen umfaßt, die darin völlig verschwanden. Er trug den Namen Magnus zu Recht, obgleich der Vater ihm denselben bei der Taufe nicht in Erwartung zukünftiger Körpergröße zugelegt, sondern aus Geschäftsgründen, denn das wenig klangvolle Joël bedurfte einer tönenden Verbesserung; der älteste hieß Gisbert. Der Ausdruck seines Gesichtes deutete nicht auf den angehenden Berliner Großkaufmann, es schien nach einer idealeren Seite ausgeprägt. Das dunkelblonde Haar war leicht gewellt und zeigte Seidenglanz wie bei artigen Kindern; unter der edelgeformten Stirn lagen schwärmerische grellblaue Augen vertieft; der weiche Mund, den ein aufkeimendes Bärtchen leicht beschattete, schien nicht zum Befehlen geschaffen. Ein Hauch naiver Güte war über das Antlitz gebreitet. Sein Vater und sein Bruder, beide aus härterem Metall geschmiedet, hielten ihn für gründlich aus der Art geschlagen — stand er ihnen doch sogar in dem schändlichen Verdacht, heimlich in Poesie zu sündigen.

»Ist Dir wirklich besser, Emmy?«

Sie nickte matt, aber mit der vollen Zärtlichkeit ihrer wundergroßen Braunaugen, die sich wieder zu weiten und mit Glanz zu beleben anfingen.

»Du bist so gut, Maggi —« hauchte sie hin.

»Aber ich werde es von jetzt ab nicht mehr sein, Emmy! Ich werde nicht mehr dulden, daß Du solche Holzhackerarbeit verrichtest! Von morgens 9 bis abends 9 an der Kasse zu sitzen, in solcher Luft, dazu gehört eine andere Gesundheit als die Deine!«

Er schien jetzt erst recht auf die gebrechliche Zartheit ihrer Erscheinung aufmerksam geworden zu sein. Die Beweglichkeit ihrer Mienen, der Glanz ihres Blickes, die ganze facettierende Art ihres lebhaften Wesens mochten über diese Gebrechlichkeit hinwegtäuschen; in der Unterhaltung pflegten sich ihre Wangen mit einem blühenden Hauch zu färben. Sie hatte eine feine, an den Schläfen durchsichtige Stirn, von schwer zu bändigendem Wildhaar umwuchert, sehr kleine, rosafarbene, mit zwei einfachen Korallenperlen geschmückte Ohren, die in dem Wildhaar fast verschwanden, eine leicht gebogene, in den Flügeln vibrierende Nase und einen vollen energischen Mund. Sie war nicht immer hübsch; wenn sie schwieg oder an ihrem Kassenpult arbeitete, so drückten ihre Züge einen herben Ernst aus, der sie älter machte als ihre einundzwanzig Jahre. Dann, im Affekt, wenn eine Begeisterung für Kunst und Natur, ja nur die erste Begrüßung mit dem Geliebten, ihr leicht empfängliches Wesen in Flammen setzte, konnte sie sogar durch eine eigenartige, wie hergezauberte Schönheit überraschen, die ihre Umgebung stutzen machte.

Sie war schlank gewachsen, und die volle Büste erhöhte noch den Eindruck ihrer sylphenhaften Zartheit. Ihr Kleid war von einfachstem Schnitt, aus schwarzem Lüster, die Uniform des Konfektionsgeschäftes von Kapp und Müller in der Breitenstraße, wo sie als Kassiererin angestellt war; am Halsschluß trug sie eine Brosche aus Silber, die das Monogramm der Firma darstellte, gleichfalls zur Uniform gehörig.

Ja, ihr Körper war der Anstrengung solches Dienstes nicht gewachsen! »Ich weiß, was es heißt,« fuhr er fort, »Tag aus Tag ein in dem engen Kassaverschlag zu sitzen wie in einem Schilderhaus. Gelder einzunehmen, zu buchen und zu verrechnen — alle Augenblicke Anfragen, und die Prinzipale, die fortwährend umherschleichen, um jemanden wegen einer Unregelmäßigkeit zu verschlingen. Dazu die große Verantwortung! Und die Luft, die vielen Menschen, jetzt, zum Anfang der Saison, das Gewimmel, besonders die Anhäufung von Wolle und Baumwolle in solchem Lokal. Wir haben ungleich luftigere Räume, und die Seide staubt nicht; dennoch ist unsere zweite Kassiererin krank geworden, und der Arzt hat sie gezwungen, ihre Stelle aufzugeben.«

»Du weißt doch, Maggi, ich hab’ es Dir schon ein dutzendmal erzählt, welche Mühe ich hatte, die Stelle zu bekommen. Das Handelsinstitut, wo ich die Buchführung lernte, hat Geld genug gekostet. Die verstehen es, einen auszupressen. Solche Stellen sind rar.«

»Laß mich nur sorgen, mein armer Liebling! Ich dulde und dulde nicht, daß Du Deine Gesundheit um der paar Mark wegen opferst!«

»Neunzig Mark — keine Kleinigkeit! Meine armen Eltern sind überglücklich. Übrigens kennst Du meine Meinung. Ich bitte Dich, fange nicht wieder davon an.«

Es hatte ihn vom Beginn ihrer Bekanntschaft an geschmerzt, sie sich quälen zu sehen, während er im Vollen saß. Aber alle Versuche, ihr mit irgend einer Hülfe beizustehen, scheiterten an ihrem Stolz. Fast wäre es einmal deswegen zu einem Bruch gekommen: — ein einfaches, harmloses Schmuckstück, das er ihr zum Ersatz der häßlichen und an die Knechtschaft erinnernden Uniformsbrosche in die Tasche geschmuggelt. Höchstens duldete sie eine seltene Rose oder ein Sträußlein, das die Gelegenheit auf der Straße bot.

Ein wundergroßes Paar, das in das moderne Berlin mit seinen Pferdebahnen, seiner elektrischen Beleuchtung und seinen Wiener Cafés nicht hineinpaßte; es schien einer älteren Periode anzugehören, wo die Liebenden in kleinen Winkelkonditoreien hinter Chokoladentassen ihrer Sehnsucht Genüge thaten, wo stille, entlegene Orte, wie der damalige Hafenplatz, zu zaghaften Rendezvous dienten, und die klassische Musik eines Papa Liebig in Sommer’s Salon die Begleitung zu dem Liebesweben schmachtender Augen gab. Man staune — ein reicher Kaufmannssohn, der mit geschlossenem Geldbeutel wie ein Primaner liebte, und ein armes, auf sauren Verdienst angewiesenes Mädchen, das ihr liebendes Herz von der Befleckung des Goldes rein erhielt!

Der Zufall der Straße hatte sie zusammengeführt. Er besaß keinerlei Routine in der Kunst, Herzen zu stürmen, trotz seiner vierundzwanzig Jahre und seines Geldes, das die mächtigste Hülfstruppe bei solchen Eroberungen bedeutet. Staunte er doch anfangs selbst über seine Verwegenheit und über die Beharrlichkeit, mit der er den Gegenstand seiner plötzlichen Leidenschaft umlagerte. Wochenlang, nach Schluß des eigenen Geschäftes, patrouillierte er, einem Grenadier gleich, der auf sein Mädchen wartet, vor den Schaufenstern von Kapp und Müller in der Breitenstraße. Er ließ sich durch ihre Abweisungen nicht abschrecken. Alle die hübschen kleinen Künste, die das ABC der Verführungskunst vorschreibt, wie anonyme Bouquets, Theaterbillets, selbst Verse, die an der Kasse von Kapp und Müller abgegeben wurden, erwiesen sich als wirkungslose Trivialität. Eine andere Trivialität, ein Regenschirm, der sich bei einem herabstürzenden Regenguß mitten auf dem Schloßplatz plötzlich über ihrem schutzlosen Kopf öffnete, brachte die endliche Annäherung. Viele Wochen lang begnügte Magnus sich damit, sie von der Breitenstraße bis zum Lustgarten an den dort vorüberfahrenden Omnibus zu geleiten. Und er war schon überglücklich, wenn der Omnibus sich um einige Minuten verzögerte. Bald schrak er nicht davor zurück, in den dumpfen Kasten des rumpelnden Fuhrwerks selbst zu kriechen, um die Seligkeit ihrer Nähe bis zur Rosenthaler Vorstadt, wo ihre Eltern wohnten, zu genießen. Dann folgten flüchtige Besuche in einer Konditorei, kurze Rendezvous an den Sonntagen, wo sie auf ungeheuren Umwegen den menschengefüllten Straßen auswichen, um irgend einen diskreten, nur von dem verschwiegenen Himmelsblau eingesehenen Erdenwinkel draußen in der Bannmeile zu erreichen.

Sie zwang ihn zu der Genügsamkeit ihrer Armut, und ihre beiderseitige Liebe erstarkte nur um so mächtiger und glühte um so heißer in dieser Kargheit. Sie wußten, daß sie einander nicht gehören durften und daß ihrem Liebestraume nur das kurze Leben eines Frühlingstages beschieden wäre. Die drohende Trennung lag wie ein Schatten über diesem Frühlingstag. Sie war ihnen so sicher wie der Tod, und sie meinten ein jedes, daß sie die Scheidestunde nicht überleben würden. —

Emmy hatte sich erholt, Magnus begann wieder aufzuatmen: es war nichts weiter, als ein Schwächeanfall, vielleicht auch die Aufregung dieses ihres ersten Besuches in seiner Wohnung.

»Komm, wir wollen uns wieder zu Tische setzen, liebes Herz, —« sagte er, »die Zeit eilt!«

»Du Ärmster, wie hat Dich mein Besuch enttäuscht! Wie hübsch hattest Du alles angeordnet!«

War sie doch bei ihrem Kommen durch die funkelnde und schimmernde Pracht der mit kostbarem Geschirr und prächtigen Blumen ausgestatteten kleinen Tafel, auf der die seltensten Leckerbissen der Jahreszeit sich drängten, in kindliches Staunen ausgebrochen. — »Doch nicht meinetwegen, Maggi?«

Sie wollte ihm nun die Freude wenigstens nicht ganz verderben und sich abermals mit ihm zu Tisch setzen. Als sie sich aber erhob, begann die Standuhr über dem Divan zu schlagen. Sie horchte, mit steigender Aufregung zählte sie die Schläge.

»Neun Uhr — Ah!«

Erschreckt fuhr sie zusammen. »Nicht möglich!« rief sie. »So muß ich sofort nach Haus!«

»Eine Viertelstunde!« bat er. »Die Uhr geht nicht richtig — Du bist doch eben erst gekommen!«

»Du weißt, wie Mama sich ängstigt. Wenn man sie hört, so ist Berlin zu drei Vierteln mit Räubern und Missethätern bevölkert, die nach neun, wo alle anständigen Leute von der Straße verschwinden, ihr Tagewerk beginnen. Ich muß fort! Vor einer halben Stunde kann ich nicht dort sein. Es ist Angst genug für Mamachen —«

»Nur zehn Minuten, süßes, einziges Herzlieb —« flehte er. »Wir nehmen eine Droschke und lassen fahren wie die Eisenbahn. Bitte, bitte, nur noch zehn Minuten —«

Er wandte ihr Köpfchen zu sich empor und erstickte das abwehrende Nein ihrer bebenden Lippen mit der Leidenschaft seiner Küsse. — »Nein, ich laß Dich nicht! Ich laß Dich nicht!« stammelte er.

»Armer Maggi —« hauchte sie in seine Liebkosung. Ihre Augen füllten sich mit Thränen: — eine solche Liebkosung wird eines Tages, bald, gar bald, ihre Trennung bedeuten!

Wo war die Zeit hin? Wie hatten sie jedes für sich die Seligkeit dieses ersten rückhaltlosen Zusammenseins ausgeschmückt! Emmy hatte aus ihrem Kassagefängnis sich mit Mühe durch eine Notlüge zu früherer Stunde befreit. Magnus ahnte nicht, welche Angst sie ausgestanden, bis sie endlich hier in seinen Armen lag. Die peinigenden Skrupel, die sie mehrere Male umkehren heißen, die Furcht vor Entdeckung und das drohende Gespenst der Schande, das auf sie lauert — es will immer noch nicht dunkel genug werden — die Läden diesseits und jenseits der Straße sind so neugierig — alle Passanten wissen um ihr Geheimnis — die Stiege knarrt — sie schrickt zusammen — eine Thür öffnet sich, jemand kommt die Treppe herab — atemlos vor Schreck stürzt sie auf die beigelehnte Thüre des ersten Stocks — »Endlich!« ruft drinnen eine Stimme.

»Ach Maggi ...«

Lange verbarg sie ihr vor Scham glühendes Antlitz an seiner Brust und ihr Atem stürmte vor gewaltiger Erregung.

»Du wirst mich nicht mehr lieben ...« bebte es über ihre Lippen. Sie wagt nicht mehr aufzuschauen — o, sie wird nicht mehr wagen, ihrer Mutter unter die Augen zu treten!

»Du meine Welt! Du mein Alles!« Und mit einem neuen Sturm umpreßte er ihre zarte Gestalt.

Aber die Standuhr war nicht so barmherzig, still zu stehen für ihr Glück. So, mit der Angst, mit der Freude dieses Willkomms war die Zeit dahingeflogen — dazu der fatale Ohnmachtsanfall. —

Während er ihr half den Paletot anzulegen, schwelgten sie bereits in der Seligkeit eines neuen Wiedersehens.

»Ist Dir auch wirklich ganz besser?« fragte er besorgt. Es war ihm, als hauchte abermals eine Blässe über ihre Wangen.

»Ganz gut, Maggi ...«

Aber der Name hauchte so matt heraus — ein neuer Schatten umflorte plötzlich ihren Blick — sie wankte.

»Um Gotteswillen!« — rief er — »was ist?!«

Abermals brachte er sie zum Divan, diesmal mußte er ihren Körper völlig auf den Armen tragen, wie leblos lehnte ihr todbleicher Kopf gegen seine Brust.

»Emmy! — was ist? — Emmy!«

Es war die volle Ohnmacht. Er besprengte ihr das Gesicht, versuchte ihr Mieder zu öffnen — da zeigte sich Blut in dem einen Mundwinkel — und jetzt zog sich eine rote Linie von Blut zwischen den blassen Lippen hin.

»Ein Blutsturz!« stieß er aus.