Part 7
Das Wahlresultat ergab die Wahl des deutschnationalen Kandidaten Rechtsanwalt Schwatzler mit einer Stimme Majorität. Die gegnerische Partei schäumte vor Wut — bisher hatte sie das unbestrittene Monopol des Sieges besessen. Eine Stimme Majorität! Welch ein Hohn des Zufalls! Natürlich ist da etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen!
Eine Stimme Majorität! Gottlieb Simmel war zuerst völlig verblüfft vor Schreck und Staunen. Dann schnellte sein von der erbärmlichen Not des Lebens in den Staub gedrücktes Bewußtsein zu einer Riesenhöhe empor. Die eine Stimme Majorität, das bin ich! Gottlieb Simmel hat bisher nur eine Null in der sozialen Weltordnung bedeutet, jetzt ist er plötzlich zum ausschlaggebenden Einer angeschwollen!
Spät am Abend stolperte er die ächzenden Stufen der steilen Hühnersteige zu seiner Dachstube empor, schwer wankend, mit schwülem Atem. Er war kein Säufer, aber diesmal verlangte seine geheime Freude nach einem Auslaß. In der Schnapskneipe hatten die anderen, wie sonst immer, ihren groben, ja handgreiflichen Scherz an ihm ausgelassen. Hallo! es lebe die Stimme des Gottlieb Simmel! Natürlich ist es seine! Schmunzelnd steckte er den Scherz ein. Als wenn sie wüßten!
Er schlug durch die schlottrige Thür in die Kammer hinein, zwischen die beiden bettartigen Gestelle, wo seine Sechs in zweierlei geometrischen Verhältnissen, parallel und rechtwinklig zu einander gedrängt schliefen. Sein Weib fuhr kreischend auf, der Keuchhusten des Jüngsten bellte hohl durch den niederen Raum. Jene überhäufte ihn mit Schimpfworten, lallend umtorkelte er ihr Lager. Was hat er nur mit seiner »Stimme«?
»Ohne mich — wär’ der — Schwa — Schwa — Schwatzler gar nicht — durchgegangen!«
Was faselt er für dummes Zeug? Ah, diese verdammte Wahl! Nicht genug, daß sie ihn den ganzen Tag über »blau« machen heißt — muß er auch noch die letzten paar Groschen im Krakehlwasser verthun!
Er bleibt dabei: seine Stimme ist die wichtigste im Reich ....
»Du bist verrückt!« schreit sie gegen ihn an. »Machst, daß du gleich zu Bett kommst!«
Bis in das Gekeuch seines trunkenen Schlafes hinein bleibt er bei der Verrücktheit. —
Die Freinationalen brüteten Rache; mit wütendem Eifer stöberten sie nach einer Ungehörigkeit, wo sie den Hebel zur Vernichtung der Wahl ansetzen könnten. Es klingt lächerlich, aber man meinte fast, sie hätten es auf Gottfried Simmels Stimme abgesehen.
Zuerst ein dumpfes Gemunkel, nun wird das Gerücht vorsichtig von den Basen am Biertisch destilliert, jetzt flattert es fast greifbar durch die Zeitung — endlich! da haben sie das verbrecherische Ding von einer Stimme endlich ertappt! Mit höhnendem Triumph wird das Zeichen der Illoyalität vor den verdutzten Augen der Gegner geschwungen.
Und diese Stimme heißt — Gottlieb Simmel!
Am Tage vor der Wahl hatte Gottlieb Simmel im Hofe des Kaufmannes Julius Quall Holz gehauen. Ein saures Stück Arbeit, denn das harte Wurzelwerk widerstand der Axtschärfe, als wäre es selbst von Eisen; seine Brust ächzte beim Zuhauen, und die hellen Schweißtropfen spritzten im Wetteifer mit den Holzsplittern umher.
Stand plötzlich Herr Julius Quall neben ihm.
Die straffsitzende Moiré-Weste mit dem protzig geschwungenen Bogen der schwergoldenen Uhrkette über dem Bäuchlein des Mannes schillerte in der Sonne; sein kräftig gefärbtes Gourmandgesicht leuchtete; es ging ein Geruch von Mus und Gewürz und allerlei pikanten Dingen von seinen Kleidern aus.
»Ein zäher Bissen, he?« warf sein fettes Organ hin.
Der Arbeiter nickte, fuhr mit dem Rücken der Hand über die Stirnrunzeln und hieb dann von neuem los.
Die Moiré-Weste sah eine Weile mit immer stärker glänzendem Wohlgefallen zu, wie der Kerl dort sich abrackerte. Endlich warf das fette Organ abermals ein Wort hin: »Ihr geht doch morgen zur Wahl, Simmel?«
Der Arbeiter dehnte den steifen Körper langsam in die Höhe, seine gelblichen Wimpern blinzelten verlegen, und eine Art mitleidigen Lächelns glitt über die zähen Falten seines Gesichtes.
Daran hat er noch nicht gedacht. Die Wahl — er hat davon eine Vorstellung ungefähr wie von einem Leckerbissen, der nur Leuten mit schillerndem Bäuchlein ziemt.
»Aber Simmel, Ihr seid doch Staatsbürger! Ihr werdet doch Eure Pflicht thun?«
Herr Julius Quall gehörte zu den fanatischen Heißspornen der deutschnationalen Partei; seine Rührigkeit im Proselitenmachen war bekannt.
Staatsbürger? — Das mitleidige Lächeln auf Gottlieb Simmels Gesicht nahm um eine Nüance zu. Lieber Gott, den hohen Rang beansprucht er ja gar nicht! »Man ist froh, wenn man was zu essen hat!« brachte er in seiner gedrückten Art über die Lippen.
»Nun, nun, nun ....« fiel Herr Quall ein.
Es vibrierte eine leichte Entrüstung durch die Silben. Welch eine klägliche politische Unmündigkeit!
»Ich meine doch, Simmel, Ihr könntet Euch die leichte Mühe machen! Hingehen und so einen Zettel in die Urne legen!«
Des Kaufmanns Rechte zwängte sich dabei mit Daumen und Zeigefinger in die Westentasche. Simmel verzog ausweichend die Schultern, spuckte in die Hände und rieb die, um von neuem mit der Axt auszuholen.
»Es ist Euch doch einerlei, wen Ihr wählt, he, Simmel?« Und das feiste Gourmandgesicht verzog sich zu einem cynischen Lächeln. Aus der Westentasche kam ein zusammengefalteter weißer Zettel hervor.
Simmel ruckte abermals mit den Schultern. Er hatte in der Schnapskneipe gehört, man müsse freinational wählen. Einzelne meinten, wenn es hierorts einen praktischen Zweck hätte, so wäre sozialdemokratisch das einzig Richtige. Wenn diese Richtung ans Ruder kommt, dann adjes die Rackerei! Dann müssen die Reichen »schuften«, und wir Arbeiter sehen zu!
»Hier! Ihr werdet morgen hingehn und wählen! Macht keine Flausen!«
Herr Quall reichte dem Arbeiter den Zettel hin — seine Stimme klang drohend: — Wenn er, Simmel, den Zettel nicht nimmt, so verliert er die Kundschaft. Herr Quall liebt die »reinlichste Gesinnung« bei seiner Umgebung!
Als Simmel den Zettel nahm, fiel ein Geldstück klingend auf den Wurzelklotz. Herr Qualls Gesicht that überrascht, aber es färbte sich dunkler. »Ah so,« sagte er, »ich hab’ das aus Versehn mit aus der Tasche gezogen. Na, meinetwegen könnt Ihr es behalten.« Und mit einer abermaligen Drohung im Ton: »Also gewählt wird! So was thut man, wenn man etwas auf sich hält, schon aus freien Stücken!«
Der Arbeiter blinzelte verdutzt dem Kaufmann nach, dessen Stimme schon wieder im Lagerraum kommandierte. Dann fielen seine Augen auf das Geldstück, das im Sonnenschein funkelte. Es lag gerade in dem Spalt, wo eine Axt zuletzt gewütet. Durch sein Hirn zuckte ein Verdacht: — Bestechung? Es ist eine blanke Mark, so viel als ein Tagelohn, der Kaufmann ist knauserig und verschenkt keine Mark ohne Gegenleistung ...
Bah, welch ein Wesen sie aus der lumpigen Wahl machen! Vielleicht hätte ich ohnedem gewählt! Wen, ist gleichgültig. National heißen sie ja beide!
Endlich nahm er das Geldstück und steckte es samt dem Zettel in die Tasche. Es ist wie vom Himmel gefallen, gerade zur rechten Zeit!
Am anderen Tage rasierte er sich also und ging zur Wahl. Er will auch etwas thun für das Geld! — Er ist ein ehrlicher Kerl! Natürlich braucht niemand davon zu wissen: — es ist nicht ganz geheuer. Am Abend aber wurde das Markstück, das ein Notloch zu stopfen bestimmt war, in dem Triumph über den Erfolg seiner Stimme mit Schnaps hinabgespült. —
Das ganze Städtchen sprühte vor Alarm wegen des Stimmenkaufs. Herr Quall that großspurig überlegen: wer will ihm das beweisen? Ho, er wird der frechen Lüge schon das Handwerk legen! In Gegenwart von Zeugen stellte er den Gottlieb Simmel: »Hab’ ich Ihnen ein Geldstück gegeben mit der Weisung, deutschnational zu wählen?«
Der völlig verstörte Simmel wiegte verneinend den Kopf.
»Könnten Sie das vor Gericht beschwören, Simmel?«
Der Arbeiter besann sich, blinzelte, that einen Seufzer.
»Ja oder nein?« fuhr ihn jener energisch an.
»Ja!« nickte der andere. Es überlief ihn heiß. Aber unser Herrgott ist Zeuge, daß er von dem Kaufmann kein Geld erhalten mit jener Weisung! Recht muß Recht sein ...
Herr Quall schüttelte also den schändlichen Verdacht in seiner kräftigen und geräuschvollen Weise schnell ab, wie ein Pudel, den man ins Wasser geworfen, die Nässe aus seinem Pelze schüttelt. Den nichtsnutzigen Ladenjungen, den er beargwöhnte, das listige Manöver mit dem Markstück beobachtet und herumgebracht zu haben, jagte er zum Teufel. Er steckte seine drohende Faust heraus: »Jede noch so verblümte Andeutung wird einfach ans Gericht gebracht!« Herr Quall fackelt nicht! »Und wenn wirklich?« höhnt er. »Wenn das Stimmvieh so dumm ist und sich kaufen läßt ...«
Bei Gottlieb Simmel aber blieb die Schande hangen und ließ sich nicht mehr abschütteln. Fortan war er geächtet bei Klein und Groß. Er wollte sich in der Kneipe auf eine Bank setzen — die anderen erwiderten nicht einmal sein Nicken; sie rückten auffällig von ihm ab — der Wirt stapfte mit einem verächtlichen Blick das Glas Klaren vor ihm auf den Tisch — nun flogen allerlei Anzüglichkeiten durch den Raum — »Stimmen kauft!« plärrte einer im Ton eines Straßenverkäufers. — »Wie stehn sie denn heute?« wandte sich ein anderer frech grinsend an den Geächteten. — »Es giebt ’er, die kein’ zwei Pfennig wert sein!« — »Pfui!« entrüstet spie einer aus. Simmel stürzte den Klaren hinab und machte sich davon.
Er fand sich bei einem seiner regelmäßigen Arbeitsgeber ein. Die Magd meldete ihn. Aus dem Speisezimmer donnerte jemand: »Er soll sich fortscheren! Hier wird nicht mit Stimmen geschachert!« Die Magd schlug ihm die Thür zu, als wäre er ein räudiger Hund.
Das war ein Freinationaler. Natürlich wollen die nichts von ihm wissen!
Doch an einer anderen Arbeitsstelle ging es ihm nicht besser. Das war einer von der Gegnerpartei — der fürchtete, sich zu kompromittieren. »Simmel, alter Freund, Ihr habt Dummheiten gemacht! Stimmen sind keine Reiserbesen, mit denen man von Haus zu Haus hausieren geht! Ich habe leider keine Verwendung für Euch!«
Ein Zorn wallte ihm zum Kopf, als er abermals vor der zugeschlagenen Thür stand. »Teufel des Teufels! Was bin ich denn für ein Verbrecher? Was hab’ ich denn begangen?« Es ward ihm ganz wirr im Sinn.
Zu Hause wartete seiner die Hölle. Seine Frau war außer sich. Auch sie hatten die Weiber in Acht gethan, wie ihn die Männer. Auch vor ihr wurde verächtlich ausgespieen, arge Schimpfworte prallten gegen ihre Thür; der ganze Hof hing voll Skandal.
»Sag’ mir doch die Wahrheit, Gottlieb!« flehte sie ihn an. »Was ist es doch? Du mußt was Fürchterliches begangen haben?«
Mit gebrochener Stimme berichtete er zum zehnten-, zum zwanzigstenmal den Hergang der lächerlich einfachen Sache.
»Es ist nicht wahr! du lügst!« schrie sie ihn an.
Er nickte stöhnend — er weiß nichts anderes! Sie überhäufte ihn mit Schmähungen, denselben, die ihr die anderen Weiber zugeschleudert.
Wehrlos saß er da. Einmal reckte er die gekrallten Hände mit einem Wutausbruch in die Luft: daß man es doch fassen könnte, das unsagbare, unerklärliche Verbrechen!
»Warum kommt man denn nicht, um mich festzusetzen, wenn ich so ein Verbrecher bin!« rief er verzweifelt.
Er wartete auf den Gendarm, als wenn der Erlösung brächte von dem entsetzlichen Bann. Aber der Gendarm stellte sich nicht ein.
Der älteste Bub kam aus der Schule, heulend, mit blutig zerschlagenem Kopf. Eine Rauferei — und weswegen? Die Kinder haben dem Kind das Verbrechen seines Vaters vorgeworfen! Sie wissen eben so wenig, was es ist, aber der Haß ist nicht minder giftig, als bei den Großen.
Simmel stürzte fort auf die Polizei. Hier ist er! Sie sollen ihn doch ins Loch schmeißen! Er wünscht, seinen Fall gerichtlich untersucht zu haben!
Man grinste über den närrischen Kauz. Mit schneidendem Hohn warf man ihm den Bescheid hin: »Für Sie giebt es keinen Paragraphen!«
Kein Paragraph für ihn und sein Verbrechen! Aber die Strafe muß er erdulden — man läßt ihn mit den Seinen einfach verhungern!
Dennoch giebt es eine Gerechtigkeit! Der liebe Gott hält es nicht mit seinen Ächtern! Der will nichts von dem Verbrechen wissen!
Simmel fand schließlich eine Stelle, die ihn für die nächste Zeit aus der bittern Not rettete. Der Chaussee-Aufseher dingte ihn in Taglohn, dem allgemeinen Bann zum Trotz. Oder war es etwa, weil der alte Biedermann von einem Beamten taub war und somit außerhalb des Klatsches stand, daß der Arbeiter Gnade bei ihm fand?
Da draußen auf der einsamen Chaussee erreichte ihn die Ächtung nicht, und er war wenigstens von der Hungerstrafe erlöst. Er fühlte wie das Erwachen von einem schwülen Alp. Auch schien die ganze unselige Geschichte allmählich zu versickern.
Acht Wochen waren vergangen. Der Reichstag war längst eröffnet. Der deutschnationale Abgeordnete Schwatzler heimste seine ersten Lorbeeren als schlagfertiger, in allen Sätteln gerechter Redner ein. Da wurde eines Frühmorgens unter der Thür der Simmelschen Kammer von unbekannter Hand ein Zeitungsfetzen hineingeschoben. Unter den »Parlamentarischen Nachrichten« war eine Notiz mit dickem, hämischem Tintenstrich ausgezeichnet.
»Wie wir hören, wird die Wahl des Reichstags-Abgeordneten Schwatzler, der bekanntlich seiner Zeit mit einer Stimme Majorität siegte, nachträglich von der Wahlprüfungs-Kommission beanstandet. Es handelt sich um die Stimme eines Arbeiters Namens Simmel, zu ⁂, die seitens eines Vorstandsmitgliedes der deutschnationalen Partei zu Gunsten des Obengenannten für 1 M. gekauft worden sein soll. Eine Untersuchung ist im Gang; wir werden interessante Dinge zu hören bekommen.«
Der Teufel ist also wieder los! Gottlieb Simmel bebte vor Wut und Schreck. Es ist das Verhängnis dieser Stimme, das hinter ihm herhetzt. Das da draußen auf der Chaussee war nur eine kurze Gnadenfrist. Er weiß, das Verhängnis wird ihn in einen Abgrund hineinhetzen ...
Er wankte also, ganz verstört in seinen Sinnen, zur Arbeit auf die Chaussee hinaus. »Es giebt keinen Paragraphen für Sie!« Das gellte ihm stundenlang im Ohr. Das ist so gut als: er hat kein Recht zu atmen und zu leben!
Gegen Mittag fand sich der taube Chaussee-Aufseher ein. »Simmel,« ruft er überlaut, obgleich er zu flüstern wähnt, »Simmel, es thut mir leid, aber ich muß Ihnen kündigen« —
Das übrige hört der Simmel nicht mehr. Es tanzt ihm vor den Augen. Mechanisch hackt er noch eine Weile in dem harten Straßenkot. »Kein Paragraph — kein Paragraph!« immer lauter, immer unheimlicher surren und schwirren ihm die Worte im Ohr. Mechanisch setzt er die Beine und schlenkert die Chaussee entlang nach Haus.
Unweit des Städtchens war eine kleine Baumpflanzung, die jetzt im herrlichen Smaragd des jungen Frühlings prangte.
Simmel bog vom Wege ab, nach der Pflanzung hin. Seine stieren, wie betrunkenen Blicke flogen an den Ästen der Bäume empor, als wenn er da droben etwas suchte, das für ihn paßte. Endlich hatte er es gefunden. —
Unter den »Parlamentarischen Nachrichten« stand drei Tage darauf folgende Notiz:
»Wie wir hören, ist die Untersuchung wegen des ominösen Stimmenkaufs in ⁂ niedergeschlagen, da sich der Hauptbelastungszeuge erhängt hat. Die Wahl des Abgeordneten Schwatzler dürfte somit keine Anfechtung mehr erfahren.«
Des Kaisers Fünf
[Illustration]
»Numero zwei!« sagte mein Vater und tippte mir von hinterrücks mit dem Finger auf die Schulter, während sein Kopf nach dem offenen Fenster hinübernickte, mit einem feinen wetternden, ironischen Ausdruck um die bartlosen Lippen, der mir überhaupt nie gefallen hatte.
Das Fenster unserer gemeinsamen Kontorstube stand auf, und über die im Sonnenduft flimmernden Gärten hinweg kam aus der Ferne in regelmäßigen Pausen ein dumpfer Donnerhall.
»Hm!« nickte ich mißmutig dagegen, nur kurz aufschauend. Es war an diesem Tage wirklich viel zu thun in der Korrespondenz, und ich duckte den Kopf mit emporgezogenen Schultern wieder tiefer auf meine Arbeit nieder. Sehr hübsch und patriotisch von Papa, daß er sich die Zeit nahm und nun halblaut die fernen Kanonenschläge zu zählen begann!
»Das laß ich mir doch gefallen — so ein Prinz Wilhelm! — Nun schon der zweite binnen Jahresfrist!« fing er wieder an, offenbar durch mein gleichgültiges Wesen geärgert. »Bum! Achtzehn — neunzehn! — Wie deutlich man den Schall diesmal vom Lustgarten her vernimmt — zwanzig! — ich dächte im vorigen Jahr, bei dem ersten Prinzen, klang es nicht ganz so klar herüber —ein—und—zwanzig—zwei—und—zwanzig —«
Ja, ich war ärgerlich, ich vermochte nicht in meines Vaters Jubel einzustimmen. War dieser Jubel ein rein sachlicher und die Begeisterung für das kräftige Gedeihen des Hohenzollernstammes nicht etwa absichtlich übertrieben, in Anbetracht seiner sonst so ruhigen und den mancherlei Fährnissen des Lebens gegenüber nicht aus dem Gleichgewicht schlagenden Art? O ich merkte es wohl: es geschah mir zum Tort! — eine herrliche und eindringliche Gelegenheit, mir meine beharrliche Kinderlosigkeit aufzutrumpfen ....
Mir und meinem herzigen, lieben, braven Frauchen, die gewiß ebenso und noch mehr darunter litt, daß sich über unserm Dache immer und immer noch kein Rauschen von Storchesflügeln einfinden wollte. Denn seit vier Jahren harrten wir dieses Rauschens. Und die ganze Familie mit uns. Ich konnte es meinem guten Vater nicht verargen, wenn ihm diese Großpapahoffnung all sein Fühlen und Denken immer eindringlicher und hartnäckiger versetzte. Stand doch auch die Zukunft unseres alten Geschäftshauses in Frage — unser Stamm würde mit Papa und mir aussterben, wenn auch der Name bliebe, denn wir trugen, obgleich in Berlin eingewandert, einen in der Berliner Luft sehr verbreiteten Namen.
Aber was war zu thun? Geduldig weiter zu harren und zu hoffen! Wenn nur nicht der Kummer über das ausbleibende chimärische Glück bedenklich an dem soliden Glücke zu rütteln begonnen hätte, das wir greifbar in den Händen hielten. Diese steten Anspielungen; diese fast brutal offenen Fragen, die an allerlei Gedenktagen herausplatzten; und die Kontrolle, die fast ans Polizeiliche streifende Überwachung der biedern Tanten- und Basenschaft! Zuletzt waren wir beiden unschuldig-schuldigen Verbrecher so argwöhnisch geworden, und überall, in sonst ganz harmlos klingenden Fragen und Bemerkungen, in Blicken und Mienen witterten wir die Anklage.
Z. B. am Neujahrstag. Ist es nicht zum verzweifeln, wenn Papa während unseres gemeinsamen traditionellen Familienfestessens wohl zehnmal die Bemerkung über den Tisch wirft: »Ja, ja, was wird uns das neue Jahr nicht für Überraschungen bringen ....« in allerlei Tonart, murmelnd, schmunzelnd, nachdenklich, dann vom Klang der Gläser begleitet, sogar in einem gewissen energisch ermunternden Ton. Und beileibe nicht aller Augen verstohlen oder offen nach uns beiden hinzielend! Beileibe waren ~wir~ ja gar nicht damit gemeint!
Z. B. wenn mein Frauchen ihre Schwiegermama besucht. Die rundliche, kleine, weiche Hand der in allen Dingen maßvollen und durchaus nicht schwiegermütterlichen Dame streichelt sanft, mit linder Zärtlichkeit meiner Frau über das Oval der Wangen, wobei sich die untersetzte Figur etwas herausrecken muß — keine Frage, höchstens ein kaum verlautbares »nun?« Aber Mamas eigenartig grellblaue Augen fragen um so deutlicher, ob es denn noch immer nichts zu beichten gäbe.
Z. B. bei Tante Eckberte. Sie war eine besondere Respektsperson in der Familie, eine alleinstehende Dame von ausgesprochener Erbtantenwürde, auf das vorsichtigste von uns allen behandelt, als wäre sie das kostbarste Porzellan. Sie hatte »das Geld« — als wenn wir nicht alle zur Zufriedenheit davon besäßen! — aber dieses Geld von ihr strahlte etwas wie eine Gloriole aus, in der sich mancherlei Hoffnungen sonnten. Doch schien ihr von uns allen niemand so besonders geeignet oder gar würdig, dereinst nach ihrem Ableben — Gott erhalte sie noch lange! — von solchem Sonnenschein überschüttet zu werden, niemand als das Kommende, sehnsüchtig Erwartete — mochte es auch nur ein Nichtchen sein, denn sie bestand nicht so dringend auf der Fortsetzung des Mannesstammes, einerlei, ihr Vorname würde sich so gut auf ein »er« wie eine »sie« übertragen lassen. Und das war Bedingung, schien sie doch in ihren Namen verliebt: — »nicht wahr, mein Söhnchen,« sagte sie zu mir, »Eckberte ist der schönste Name, ich möchte wohl, daß ihn noch ein anderer in der Familie trüge, ich möchte das wohl noch erleben.«
Und ihre überaus klugen grauen Äuglein glitzerten mit einer gewissen, naiven, verschmitzten Begehrlichkeit dazu.
Ja das war ausgemacht: »wenn« — dann sollte und mußte »es« Eckbert oder Eckberte heißen. Emmy hatte sich lange genug gegen diesen außergewöhnlichen, seltsam stachelichten Namen gesträubt, es hatte sogar Thränen deswegen gegeben, damals, vor Jahren, als unsere Hoffnungen noch nicht mit beharrlicher Enttäuschung vergällt waren. Nun waren wir einig, längst einig über diesen Namen, es fehlte nur noch das Köpfchen dort in jener imaginären Wiege, das ihn uns abnähme ....
Da schien mir doch Onkel Gustavs zutappende Art tausendmal lieber. Er war der Bruder meiner Mutter, ein Major a. D., der seine Muße damit ausfüllte, in seinem Villengarten zu Charlottenburg Rosen zu züchten, sonst aber eine durchaus nicht blütenzarte Persönlichkeit. Also ein energischer Schlag seiner rauhbehaarten Rechten auf meine Schulter: »Na, Alterchen, was machst du? Immer noch nichts zu taufen? Na mach’ doch kein so saures Gesicht! Komm her, wir wollen einmal anstoßen — sollst meinen Neuen kennen lernen, ein Graacher von 76 — hui! (und er stieß einen Pfiff des Entzückens aus) — Prosit also auf Euren Nachexercierer!«
Und nachdem wir von dem wirklich köstlichen Tropfen tüchtig genippt: »Übrigens viel Schererei mit solcher Krabbelgesellschaft!« Er deutete mit einem kräftigen Seufzer auf den jüngsten seiner drei Söhne, die er in der Armee hatte, »ein Schwerenöter, der die Haare auf seines Vaters Kopf nicht verschont mit seiner Schuldenpassion!« Allerdings hatte das leichtlebige Vetterchen auf diesem Boden stark geweidet, nach des Onkels leuchtender Glatze zu urteilen.
»Fünf—und—zwanzig — — sechs—und—zwanzig!« zählte mein Vater weiter, immer schärfer accentuierend. »Ich bin doch neugierig, ob es ein Prinz oder eine Prinzessin wird —«
Ich zuckte stumm die Schultern und fuhr in meiner Arbeit fort. Er wurde immer lebhafter, je mehr die Kanonenschüsse sich der entscheidenden Zahl näherten. »Eine Prinzessin zur Abwechselung wäre auch ganz nett — sieben—und—zwanzig — bum! das war ein gehöriger Knall! — na macht doch vorwärts, da draußen!« rief er nach dem offenen Fenster hin, mit komischer Ungeduld.
Jetzt noch drei, dann zwei Schüsse — »Dreißig!« rief er feierlich. Dann still, erwartungsvolles Schweigen ringsum, selbst das Bienengesumm im Garten schien anzuhalten, um zu lauschen, ob es eine Prinzessin und damit das Freudenschießen zu Ende.
»Bum—mm!« Ein Kanonenschuß, so freudig laut erschallend, daß das Glas dort auf der Wasserkaraffe ein leises Klingeln bekam.
»Bumm!« Mein Vater schlug dabei mit der Hand auf das Pult — »hurrah, ein Prinz! Numero zwei! Famos! Herrlich! — Na, freust du dich denn nicht mit, Junge?«
»Famos, Papa —« drückte ich kleinlaut hervor, mit einem erzwungenen Lächeln.
»Was wird sich der alte Kaiser freuen!« meinte mein Vater.
»Na ob!« erwiderte ich. Diesmal war es doch keine bloße Anspielung von Papa. Welch ein unausstehlicher Egoist bin ich doch, daß ich mich nicht einmal von Herzen zu freuen vermag über fremdes Glück — da es doch sogar ein Kaiserglück ist!
An Arbeiten war nicht mehr zu denken, solange der dumpfe Donner der Kanonenschüsse nun durch die Luft daherrollte. Und es wollte eine Ewigkeit dauern, bis der Prinz seine ihm zustehende Schußzahl erhalten. Oft schienen sich die Schläge zu beeilen, dann kamen wieder um so längere Pausen. Papa zählte nun nicht mehr mit, desto andächtiger lauschte er, und jeder Schuß zitterte wie ein froher Schein über sein Antlitz.
Wie würde er sich erst freuen, »wenn« — ach, dieses »wenn!« Mit einer krampfhaften Anstrengung, der dummen, quälenden, neidischen Anwandlung Herr zu werden, rief ich plötzlich »Neunundsechzig!« und horchte, und zählte weiter — es war das beste!
»O wir sind ja viel weiter,« fiel Papa ein. »Du brauchst keine Sorge zu haben, die dort verzählen sich schon nicht.«
Mein Trotz aber hieß mich weiterzählen, aufs Geratewohl, ins Blaue hinein. Plötzlich hörte das Schießen auf. Wieder die Stille, eine so seltsam feierliche Stille, die allmählich erst wieder von dem vielerlei Tagesgeräusch überdeckt wurde.
Papa nickte mir zu, und ich nickte zurück über das Pult. Dann senkte er den Kopf, um die unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen. Aber ich merkte seinem hastigen Gekritzel an, wie erregt er war. Jetzt schwellte ein Seufzer seine Brust — verriet der nicht nur zu deutlich, welch eine Enttäuschung sich unter all der lauten Freude versteckt gehalten, um nun in der Stille doppelt fühlbar zu werden!
Ich war froh, als der Schlag unseres Regulators mich aus dieser Pein erlöste. Mein gutes Weib ... der Gedanke an sie begleitete mich durch das Gewühl der Straßen. Sie wird die Schüsse ebenfalls vernommen haben — und was hat sie dabei empfunden! Im Grunde eine Thorheit, sich darüber zu grämen — waren wir denn nicht glücklich? lebten wir nicht in Eintracht und Treue?
Aber die Gaukelei dieser hergezauberten Glücksbilder wollte nicht recht wirken hier auf der Straße. Schien es mir doch, als hinge ein verklärender Schein auf all den sonst von Geschäftsnot und erbärmlicher Eigensorge verzerrten oder verhärteten Gesichtern. Sie gedachten des neugeborenen Prinzen .... Zitterte nicht immer noch der Freudendonner durch die blaue Luft? Leuchtete nicht das Grün der Bäume so festlich?