Part 18
Von einem Diener wird ein Pfahl hereingebracht und in die Mitte vor die Leinwand gestellt. Der Pfahl endigt in einer mit grünem Tuche bezogenen Scheibe zum Anlehnen des Kopfes. Jetzt, nach einem Mittelding von Verbeugung und backfischartigem Knix gegen das Publikum hin, sieht man Madame O’Brell auf den Pfahl hineilen und sich daran zurechtstellen. Der Kapitän schreitet ebenfalls darauf los und entnimmt einer Schachtel kleine, goldig schimmernde Sterne, die er einzeln an der grünen Scheibe befestigt, kaum daß ein schmaler. Streif zwischen dem Sternenkranz und dem seidigen Gelock ihres Haares verbleibt. Es gleicht einem Glorienschein, und der Reflex der Sterne schillert goldig über ihr Antlitz — ein köstlicher Effekt. Sie sieht bezaubernd aus mit diesem seltsamen Schmuck, und sie weiß es! Ihr blühendes Gesichtchen lächelt lieblich, und als Dank für das Gemurmel der Bewunderung, das sich über die Menge verbreitet, hebt sie langsam die Hand gegen die Lippen und sendet einen jener artistenmäßigen Handküsse hinab — den Kopf selbst darf sie ja nicht regen, denn schon steht ihr Miska in Positur, die Pistole in der Hand, ein Tischchen neben sich, auf dem noch mehr solcher Pistolen ruhen.
Was? Er wird doch nicht ...
Gewiß das! — seine Bravourleistung: er wird Stück für Stück und der Reihe nach von links nach rechts die Sterne rings um das Haupt seines Weibes herabschießen!
Unmöglich! Das ist ja — das ist ja verbrecherisch! Ein leises Zucken der Hand, welche die Pistole hält — und statt einer Kugel ist der lächelnde Kopf getroffen! Da sollte doch die Polizei sich ins Mittel legen!
Sie hatte diesen Teil der Produktion ja auch beanstanden wollen, aber Madame hatte die Hochlöbliche selber ausgelacht; eher fällt der Mond vom Himmel, als daß ihr Miska mit seinen Geschossen um eine Haaresbreite vom Ziele abweicht!
Atembeklemmende Spannung vom Parterre bis in die höchsten Ränge hinauf; jede Regung scheint zu stocken in dem weiten Raum, und die Blicke der mehreren Tausend sind wie hingebannt nach dem lächelnden Kopf mit seiner Gloriole. Einzelne Frauen halten sich die Augen, sie wollen und können das Grausige nicht mit ansehen: was für ein Ungeheuer ist er denn ...
Der erste Schuß knallt, und um den Lockenkopf stieben die Stücke des getroffenen Sternes — das Lächeln aber bleibt unverändert, auch wurde durch die Gläser festgestellt, daß kein Wimperchen in dem Antlitz sich geregt. Welch ein Weib!
Und ein ungeheures Hallo löst die angstvolle Spannung. Von dem brausenden und donnernden Applaus begleitet, giebt jetzt der Kapitän Schuß um Schuß, wie berauscht von dem Beifall — um seines Weibes Kopf wirbeln die Sternfetzen, blitzend in dem elektrischen Licht wie ein Sprühfeuer.
Schneller und schneller, mit einer unheimlichen, fieberhaften Hast folgen die Schüsse — der Saal ist außer sich vor Erregung — es fehlen nur noch drei, vier Sterne, dann ist das lächelnde Opfer erlöst aus seiner grausig gefahrvollen Stellung!
Plötzlich gellt ein heller, scharfer Schrei durch das Haus — das ist keiner der Angstschreie, wie sie vorhin aus der Mitte des Publikums von Weiberlippen kamen ...
Durch den wallenden Pulverdampf sieht man auf der Bühne etwas zu Boden schlagen und sich zuckend darauf winden — — der Pfahl ist leer! — es ist die Frau, — Miska O’Brells Frau!
Wenige Sekunden der allseitigen Lähmung — den Tausenden im Saale stockt das Herz vor Entsetzen — dann folgen auf den Todesschrei dort auf der Bühne andere Schreie hier im Hause — Frauen sinken in Ohnmacht — Rufe, Flüche — alles fährt auf, ein ungeheurer Tumult. —
Mitten in diesem Aufruhr hält der Kunstschütze regungslos, die Pistole in der gesenkten Rechten, die Augen starr auf den zuckenden und winselnden Körper seines Weibes gerichtet. »Wie war das möglich?« fragen seine stieren Blicke.
Später wurde erzählt, man habe, ehe der Kapitän auf das Opfer seiner unseligen Kunst hinstürzte, eine kurze Bewegung an ihm bemerkt, ein schnelles, kurzes Heben der Pistole, als wollte er die gegen die eigne Stirn setzen ....
Vier Tage darauf ward die »Künstlerin« unter einem Andrang, wie er nur berühmten Persönlichkeiten zu teil wird, zu Grabe getragen. Es war keine Rettung möglich, das Geschoß hatte sie mitten in die Stirn getroffen. Der Gatte fehlte als Leidtragender; das Gesetz mußte, wenn auch mit Achselzucken, seine Schuldigkeit thun und die Haft über ihn verhängen.
Es war ein Sensationsfall, der so bald nicht von dem Tagesklatsch abgesetzt wurde. Selbstverständlich trägt die Schuld an dem furchtbaren Unglück die Polizei! — sie durfte solches nicht gestatten! eine Versuchung Gottes! Aber das Bedauern, das man dem Schützen zuwandte, war nur ein halbes: was ist er denn für ein Unmensch, der um des häßlichen Mammons willen das Haupt seines Weibes Abend für Abend solcher Gefahr aussetzt!
Die Ahndung, mit der das Gesetz den Unseligen treffen würde, konnte nur ein geringes Strafmaß sein. Es konnte nur fahrlässige Tötung in Betracht kommen — vielleicht würde auf völlige Freisprechung erkannt werden, denn da die Öffentlichkeit das Spielen mit solcher handgreiflichen Gefahr zuließ, so durfte ihn keine Schuld treffen, wenn der Lauf der Pistole in seiner Hand eine Haarbreite aus der Richtung glitt.
Das Publikum selbst, das sensationsgierige Ungeheuer, ist schuld an dieser Unseligkeit!
Und in solchem Sinne hatte der Verteidiger, ein junger talentvoller Streber, eine leichte und dankbare Aufgabe, die ihm billige Gelegenheit zu einem rhetorischen Effektstück gab.
Selbstverständlich wurde die Frage, ob Miska O’Brell schuldig befunden werde, seine Frau Rosita O’Brell vorsätzlich getötet zu haben, nur der Form wegen mit einem »Nein« des Obmanns beantwortet. Welch ein Unding, solches anzunehmen!
Aber auch die Fahrlässigkeit wurde verneint. Die Geschworenen mußten dieselbe Folgerung gezogen haben wie die Masse des Publikums; Gründe hatten sie ja nicht anzugeben.
So erfolgte also vom Richtertische aus das Urteil der Freisprechung; fast hätten die Zuschauer applaudiert, aber man war doch in betreff des Schaustückes, das man hier erwartet hatte, etwas enttäuscht. Miska O’Brell machte nicht die geringste Scene, sein bronzenes Gesicht empfing das Urteil mit der metallischsten Ruhe, und kein Glied regte sich an der mächtigen Gestalt.
Er ist dennoch ein fühlloser Mensch .... Artistenpack!
Nur einige Gläser wollten bemerkt haben, wie jetzt, als er festen Schrittes durch die geöffnete Schranke trat, eine tiefe wulstige Falte mitten auf seiner Stirn erzitterte. Und so, den halbverhüllten Blick seiner dunklen Augen wie verachtend über die Köpfe der aufgeregten Zuschauermasse gerichtet, schritt er hinaus in die Freiheit. —
Miska O’Brell pflegte an den Orten, wo er längere Zeit auftrat, seine Einnahmen dadurch zu vermehren, daß er an sportlustige Herren Unterweisung im Kunstschießen erteilte und dabei die Benutzung seiner vorzüglichen Schießwaffen gestattete. Ich durfte mich vierzehn Tage ebenfalls zu seinen Schülern rechnen, wobei ich gestehen will, daß mich nicht am wenigsten die Unterhaltung mit dem vielgereisten Manne fesselte, der durch alle Arten Abenteuer gestreift war. Zuweilen wurde er durch seine Frau sekundiert, wenn der Gehilfe nicht ausreichte. Doch schien der Kapitän scharf darüber zu wachen, daß der Verkehr Rositas mit einigen leicht in Flammen zu setzenden oder sich für unwiderstehlich haltenden Dandies unsers Kreises nicht zu lebhaft wurde. Daß ihn der Eifersuchtsteufel plagte, darüber waren wir einig, auch mochte er alle Ursache dazu haben, denn die reizende Blondine, deren Lächeln auch außerhalb der Bühne nichts von seinem Zauber einbüßte, war nicht ganz frei von gewissen versteckten Kokettierungslisten. Ihre wunderbaren Augen hatten es uns allen mehr oder weniger angethan. Freilich ward unsere Bewunderung fort und fort in ihre Schranken zurückgedrängt durch seine überwachenden Blicke, und daß er schärfer als andere sah, das bezeugte seine unübertroffene Meisterschaft als Schütze. Daß er aber auch sehr wohl im stande wäre, eine der Waffen vom Tisch zu nehmen und sie auf einen von uns zu richten, wenn seine Eifersucht zu stark gereizt würde, darüber waren wir einig.
Die O’Brells waren Deutsche trotz des internationalen Mischmasches ihrer Namen, die wohl des besseren Effekts wegen angenommen waren. Er machte in seinen Erzählungen, die über alle Meere hinübersprangen, kein Hehl daraus, daß er früher Offizier gewesen und in der bayrischen Armee gedient hatte, dann infolge eines gewaltsamen Ereignisses, das er im Dunkeln ließ, nach Amerika geflüchtet war. Jedenfalls trug er den Titel Kapitän mit Recht, denn er hatte im amerikanischen Sezessionskriege mitgefochten und sich seinem Naturell nach wohl durch Tapferkeit hervorgethan. Ebensowenig machte seine Frau ein Hehl daraus, daß sie aus sogenannt »besserer Familie« stammte und ihre Verbindung mit O’Brell durch ein romantisches Abenteuer erzwungen worden war.
Die beiden Künstler — denn auch sie leistete außerordentliches im Präzisionsschießen — hatten sehr bedeutende Einnahmen, das Honorar, das ihnen für den Abend vom »Eldorado« bezahlt wurde, blieb hinter der Gage eines übermütigen Gesangssternes nicht zurück. So mochten sie auf ihrer Tournee durch alle civilisierten Länder der Welt Reichtümer angesammelt haben; auch sprachen sie davon, sich in nicht zu ferner Zeit an irgend einem schönen Luxusorte eine Villa zu kaufen und Gewehr und Pistole an den Nagel zu hängen. —
Der Mann deuchte mich wohl eines teilnehmenden Wortes wert, und ich wollte es mir nicht versagen, ihm durch einen Besuch solches auszusprechen und ihn zu dem Urteil zu beglückwünschen. Da er vermutlich dem Orte des Verhängnisses schleunigst den Rücken kehren würde, denn sentimentale Anwandlungen, die ihn längere Zeit an das Grab seiner Gattin fesseln würden, lagen ihm wohl fern, so beeilte ich mich, ihn aufzusuchen.
Aus der mir vom Portier bezeichneten Zimmerthür trat gerade ein beamtenmäßiges Wesen, es mochte der Kassierer des »Eldorado« sein, der mit dem Kapitän abgerechnet hatte, denn nach meinem Eintreten bemerkte ich auf dem Tisch ein wirr hingeworfenes Päckchen Banknoten, von einem Haufen blinkender Kronen beschwert.
Ich fand den Unglücklichen mitten in der Stube stehend, und nur sein bräunlicher Bronzekopf wandte sich nach mir herum; die Frisur seines glänzendschwarzen Haares war weniger geschniegelt als sonst, und der dunkle Hauch des unrasierten Bartes gab ihm ein etwas verwildertes Aussehen.
Er wußte, weshalb ich gekommen, trotzdem nickte er nur kurz, fast geschäftsmäßig, wie er uns sonst auf dem Schießstande zu begrüßen pflegte. Ich reichte ihm die Hand hin, die er nach englischer Art kräftig und kurz schüttelte. Meine bedauernden Worte unterbrach er mit seiner vollen und sicheren Stimme, die durchaus nicht darauf schließen ließ, daß irgend etwas in seinem Innern zerbrochen wäre.
»Gut, daß Sie kommen! — ich hatte sogar nach einem von den Herren schicken wollen —«
»Es war der Zweck meines Besuches,« erwiderte ich, »Ihnen, wenn solches nötig, meinen Beistand anzubieten —«
»Für mich nicht —« wehrte er ab, und ein feiner, ironisch bitterer Zug flog um seine Mundwinkel. Dann, den mächtigen Oberkörper mit einem langsam anschwellenden Atemzuge hebend, sagte er mit halber Stimme und mit einem seltsam scheuen Blick nach seitwärts: »Es handelt sich um ~ihr~ Grabmal, wissen Sie —«
Seltsam — als wenn er das wider Willen herauspreßte; und der scheue, bei ihm ungewohnte Blick, schien fast zu bedeuten, er möchte nicht, daß ~sie~ etwas davon erführe.
»Sie können beruhigt sein, Herr Kapitän, man hat von allen Seiten gewetteifert, ihr Grab auszuschmücken. Jetzt immer noch gleicht es einem Blumenbeet.«
Er drückte die Augenlider zu und verharrte so ein kurzes Schweigen lang; ein leichtes Winken seiner Hand sagte: »Ich danke Ihnen!«
Hierauf, den geschäftlich kühlen Ton erzwingend: »Also um ihr definitives Grabmal handelt es sich. Ich werde Europa verlassen und nicht mehr hierher zurückkehren. Es soll ihr ein Denkstein errichtet werden, etwas in Marmor, es kann so kostbar ausfallen, als man beliebt — an Geld soll nicht gespart werden. Hier —«
Und er wies nach dem Geldhaufen auf dem Tisch mit einer gewissen verächtlichen Gebärde, die auszudrücken schien: »Was ist mir Mammon fortan?«
Ich versicherte ihn, daß sein Auftrag auf das sorgfältigste ausgeführt werden sollte, und bat ihn, mir die Summe anzugeben, die er für den Zweck aussetzen würde.
»Hier, das ist meine ganze Einnahme vom Eldorado! Ich wünsche sie für das betreffende zu verwenden. Wieviel war es doch noch? Die Summe ist mir entfallen, ich habe aufs Geratewohl quittiert. Es ist auch einerlei! Würden Sie die Güte haben und selber nachzählen!«
Ich machte mich also daran, die Scheine auf dem Tische zu sortieren und das Gold zählbar aufzureihen. Währenddem durchmaß er dröhnenden Schrittes die Stube, ohne sich um meine Verrichtung zu kümmern. Endlich nannte ich die Summe.
»Gut!« rief er. Es klang scharf und abschneidend, als wünschte er diese Angelegenheit hiermit erledigt.
Noch ein paar seiner wuchtigen Schritte, dann blieb er plötzlich vor mir stehen — fast konnte ich ein Zusammenzucken meinerseits nicht verbergen, ein so unheimlich düsteres Feuer loderte unter seinen halbgesenkten Lidern.
»Noch eins —« begann er dumpf, mit heiser entstellter Stimme. »Es wäre mir lieb, wenn es jemand erführe. Bitte Sie aber, mit der Verbreitung zu warten, bis das Denkmal errichtet ist. Nicht, als wenn ich mich vor einer neuen Untersuchung fürchtete — ich fürchte mich vor nichts und vor niemand! Auch ist eine Wiederaufnahme des Verfahrens, soviel ich weiß, unstatthaft.«
Seine bräunliche Gesichtsfarbe spielte ins Aschfahle, sein Blick wirkte wie durchbohrend, es war ihm schwer standzuhalten.
»Also ich habe sie mit Absicht getötet —«
»O!« — und ich prallte entsetzt zurück. Hatte die Haft und der fortwährende Gedanke an das Fürchterliche seinen Verstand aus den Fugen gerückt?
Er mochte solchen Verdacht aus meiner Miene lesen — wieder zuckte das ironisch bittere Lächeln um seine Mundwinkel.
»Es ist kein Märchen, das ich Ihnen da aufbinde, verehrter Herr! Ich liebe dergleichen nicht! Es ist so, ich habe sie mit Absicht getötet — — seit zwei Jahren ging ich mit dem Gedanken um — endlich war die Zeit da —«
Es war eine grauenhafte Ruhe, mit der er das vorbrachte. Stumm stierte ich ihn an, es war, als starrte mir das Blut zu Eis.
»Ich möchte nicht, daß Sie mich für eine Bestie hielten! Auch sollen Sie nicht denken, daß ich mich wie ein sentimentaler Schwächling habe hinreißen lassen. Getötet ist auch der falsche Ausdruck — ich habe sie gerichtet! Sie hätte vor zwei Jahren bereits exekutiert werden sollen, ich habe die Vollstreckung nur hinausgeschoben —«
»Sie ist Ihnen untreu gewesen —« entfuhr es mir wider Willen. Natürlich, so wie wir alle den Kapitän vom Scheibenstande kannten, war das Motiv der unseligen That Eifersucht gewesen.
Er nickte. »Untreue ist ein weiter Begriff. Die Untreue, die sie ihrem ersten Gatten leistete — meinetwegen, wäre vielleicht in den Augen der Welt eher eine Schuld gewesen als diese da. Bei uns Künstlern drücken die Ehegatten wohl ein Auge zu. — Kokettieren und süße Augen machen gehört zum Geschäft. Lächeln und lächeln — besonders zu unserm Tellsschuß gehört ein solches Engelsfrätzchen, sonst macht die Pièce keinen Effekt! Da kann man sich denn freilich der Blumenspenden und anonymen Billets und selbst kostbarerer Dinge nicht erwehren. Ein Weib ist ein Weib! Sie aber kannte die Gefahr, ich hatte ihr vordem schon öfter gedroht, sie zu erschießen, wenn sie sich auch nur das Gelüst zu einer Untreue zu Schulden kommen ließe.«
»Zu Pest geschah es also, es war ein bekannter magyarischer Don Juan, der ihr wahrhaftig den Kopf verrückt haben mochte. Hol’ der Teufel die Weiber! Es giebt keine Treue schlechtweg — die mangelnde Gelegenheit, das ist die Treue!«
»Ich forderte den Kerl. Er schlüge sich nicht mit einem Artisten, hieß es. Und sich vor die Pistole eines Kapitän O’Brell stellen, wäre eine Borniertheit! Da könnte er sich lieber gleich selbst eine Kugel durch den Kopf jagen — und dazu hätte er keine Lust.«
»Gut, ich wollte ihm das besorgen und ihn wie einen Hund über den Haufen schießen — ~sie~ aber flehte mich auf den Knieen, davon abzustehen. Also liebte sie ihn?! Ich hätte sie damals schon töten sollen, und ich wollte es auch — — aber mein Gott, mein Gott ...«
Er schlug die eine Hand gegen die Augen und hielt sie so eine kleine Weile. Bedeutete dies »Mein Gott!« nicht: »Aber ich liebte sie selbst so leidenschaftlich!«
»So schob ich es auf —« fuhr er dumpf fort, »obgleich mir nachdem deutliche und schriftliche Beweise zur Hand kamen, daß eine Untreue vorlag. Ich schob es auf — das heißt, ich hatte ihr verziehen und wollte vergessen! Ein anderes Mal aber — das schwor ich mir, würde ich nicht so weich sein! Uns band ja außerdem der Beruf aneinander, ich will es gestehen. Damals hatten wir gerade mit unserm famosen Tellsschuß debütiert, wir machten kolossale Furore, und der Pièce verdanken wir unser Vermögen. Niemand macht ihr solches nach! Sie hatte, weiß Gott, Courage!«
»Ja, sie bewies diese Courage schon, daß sie überhaupt bei mir blieb. Denn sie wußte, daß ich ihr nur äußerlich verziehen. Der geheime Groll fraß weiter in mir, und sie sah das deutlich. Den ganzen Tag lang gab ich mir Mühe, nicht daran zu denken. Am Abend aber während der Vorstellung, wenn die Schüsse knallten, war alles wieder wach. Der Geruch des Pulvers machte mich toll. Jedesmal, wenn ich ihr die Sterne vom Kopfe wegfegte, rief eine Stimme in mir: Jetzt! — Thu’ es! — Töte sie! Es war wie ein Wahnsinn, der mich packte — eine ungeheure Qual! Vielleicht erinnerte mich ihr Lächeln daran, das doch zu der Pièce gehörte. Genug, eine Manie, eine Krankheit, gegen die ich nicht mehr ankam ....«
»Ich wollte mich davor retten und den Tellsschuß aufgeben — aber alle Welt verlangte danach — das Publikum schien ihr Blut haben zu wollen! Ich wollte überhaupt das Schießzeug an den Nagel hängen — ich klagte meiner Frau, daß meine Hand unsicher würde und daß ich zuweilen ein Flimmern vor den Augen verspürte. Sie lachte mich aus. ›Noch eine Tournee!‹ schlug sie vor — und dann noch eine und abermals! — Das infame Geld reizte sie, sie hatte einen Heißhunger auf Brillanten, auch wollte sie den Applaus nicht entbehren — Weiber sind Weiber!«
»So trieb ich’s also zwei Jahre lang — Abend für Abend die entsetzliche Versuchung! — Immer wieder, wenn ich die Pistole nach ihrem Haupte richtete, war die Stimme da, die mir zuraunte: Thu’ es! Töte sie! Es braucht ja nur der Finger auf dem Stecher ein wenig zu früh zu zucken — niemand kommt auf den Gedanken, daß ein Mord vorläge! Sehen Sie, so feige bin ich gewesen!«
»Und so tapfer war sie! Sie mußte jedesmal in meinem Gesichte lesen, daß etwas mit mir vorging. Die eigenartige Erregung, die mich nach der Vorstellung ergriff, mußte sie warnen. Wohl zwanzigmal habe ich sie gebeten, daß wir diesmal den Tellsschuß auslassen wollten. ›Das dürfen wir nicht! Das Renommee verlangt es!‹ sagte sie. ›Du und daneben schießen, Miska! Eher fällt der Mond vom Himmel! Schieß nur zu, ich halte still‹ —. Sie stellt sich also hin an den Pfahl, lächelt und lächelt ... Teufel, dies Lächeln, das gerade war’s!«
Wieder maß er das Zimmer mit dem Gedröhn seiner Schritte; ein hörbarer Seufzer schwellte seinen breiten Brustkasten.
»Warum es gerade heute geschah? Mir ist alles nur wirr in der Erinnerung.« Er strich sich dabei mit der Hand über das Gesicht. »Das Lächeln war daran schuld,« — murmelte er wie für sich — »ein Lächeln, wie sie dazumal in Pest lächelte. Und seitwärts hinter mir die Loge! Dieselbe Loge wie in Pest — jemand saß darin im Dunkel ... Er! — so meint’ ich, so sah ich, ehe ich an den Tisch mit den Pistolen trat. Derselbe, der sich nicht mit mir schießen wollte und dem ich das Leben geschenkt, weil sie mich auf den Knieen darum gefleht! — Möglich, daß er’s nicht war — ich weiß nicht — die Tollheit packte mich — die ganze Bühne schwamm in einem roten Nebel — ich schoß und schoß und schoß — das Knallen, der Geruch des Pulvers — ihr Lächeln, o ihr Lächeln! — Diesmal hörte ich deutlich die Stimme — sie kommandierte laut: Thu’ es! Töte sie! — und ich zielte auf ihre Stirn und drückte ab ...«
Beide Hände preßte er gegen die Augen, und ein Schauder erschütterte seinen Körper.
»Sie waren krank, sie hatten die Sicherheit verloren —«, wagte ich einzuwerfen.
Da fuhr er auf, seine Augen loderten: »Unmöglich!« schrie er schrill. »Es giebt keine Maschine in dieser Welt, die so sicher fungiert wie diese Hand!«
Und er schüttelte die hocherhobene Hand. »Eher fällt der Mond vom Himmel!«
Es war das Grauenhafteste von allem, den Wahnsinn des Künstlerstolzes zu sehen, der eher einen Mord zuließ, als daß er selbst an seiner Unfehlbarkeit rüttelte.
Sechs Variationen
über ein bekanntes Thema
[Illustration]
»Sie liebten sich ...«
So begann die Erzählung. Die kleine freundliche Alte legte das Buch auf den Fenstersims und ein gewisses altmodisches, aus Wehmut und Wohlwollen zusammengesetztes Lächeln glitt über ihre elfenbeinblassen Züge. Sie lieben sich ... das uralte, ewig unerschöpfliche Thema! Werden die Herren Dichter und Geschichtenschreiber denn nicht müde, es fort und fort anzustimmen? Und so viel Herzen, so viel Variationen! Auch durch die Saiten ihres Herzens hat einst das Thema geklungen, in süßen, leidenschaftlichen, jubelnden, elegischen, schrill abreißenden Tönen. Aus den Schicksalen von Freunden und Verwandten tönt es zu ihr herauf; und nicht allein die Romane, Idyllen und Tragödien, die das Leben gedichtet, auch die Kopien, Plagiate und eigenen Melodien der Geschichtenschreiber finden sich ein. Sie hat viel gelesen, in frühreifer Jugend, mit klopfendem Herzen, den Kopf voll Hoffnungen und Illusionen; dann später, als sie das Thema und seine Variationen mit dem freundlichen Auge der resignierten Kritik betrachtete.
»Sie lieben sich ...« Die alte Geschichte, aber es ist ein Abend, solche Dinge zu lesen, ein köstlicher Frühlingsabend voll Blütenduft und Vogelsang. Unten auf der Promenade wandeln geputzte Menschen nach dem nahen Walde, ein Brautpaar kommt daher, eng aneinander geschmiegt, eine Handwerkerfamilie ist um das Wäglein beschäftigt, darin das Jüngste wie ein Prinz ruht. »Sie lieben sich ...« Die klare, sonnendurchstrahlte Luft ist voll des Themas, und tausend Variationen schwirren umher.
=Allegro agitato.=
»Sie lieben sich aber doch ...« warf die Frau Generalkonsul in einem leisen Anflug der Entrüstung hin.
»Dummheit!« fuhr der Generalkonsul heraus. »Ich werde meine einzige Tochter an einen simplen Lieutenant verschleudern! Das fehlte noch! Sie könnte einen Prinzen haben! Aber nicht einmal ein Name, kein »von«, garnichts, ein Lieutenant Schneidig schlankweg — es ist empörend!«
»Er ist einer der liebenswürdigsten Menschen, er würde Else glücklich machen ...«
»Glücklich — was heißt glücklich? Paperla! Sie muß sich solche Ideen aus dem Kopf schlagen!«
Eine Weile war es still im Schlafzimmer, nur das Zeitungsblatt, das er mit vorgestreckten Armen gegen das Licht haltend durchstöberte, raschelte ärgerlich.
»Gustav, wir heirateten uns doch auch aus Liebe —« kam es wie ein Seufzer von ihrem Bette her.
»Wir hatten aber auch nichts damals, da war es keine Kunst! Na, nun gute Nacht!«
Noch ein über den Kursbericht fliegender Blick, dann löschte er das Licht aus. — — —
Zwei Tage lang herrschte im Hanse ein unheimlich verstörter Ton. Der Generalkonsul mißlaunisch und mürrisch, die Frau Generalkonsul stumm, völlig stumm, bis in die zitternden Bänder ihres Häubchens hinein mit Groll geladen, statt einer Antwort zumeist nur ein gewisses nervöses Zucken ihrer hageren Schultern; Else aber, die kostbare blonde Prinzenbraut von einer Lustigkeit, die alle verblüffte, trillernd und tänzelnd — doch ihr Lachen hallte so eigenartig schrill durch das Haus.
Am Morgen des dritten Tages, beim Frühstückstisch, bekam der Generalkonsul von seiner Gattin ein Zeitungsblatt hingeschoben: »Da lies einmal — da unten das: ›Sie liebten sich‹ — fängt es an.«
Mit einem Runzeln seiner roten, wulstigen Stirn würdigte er die Stelle eines Blickes, machte hm! schob seine Unterlippe zu einer Schaufel vor, versuchte ein mitleidiges Lächeln über seine feisten Züge gleiten zu lassen, und ging dann mit einem Räuspern zu anderem über. Aber sie beobachtete ihn scharf mit ihren grauen Äuglein: — jetzt, ja jetzt ist er abermals an der betreffenden Stelle! Die hat also doch Eindruck auf ihn gemacht?
Es war unter der angegebenen Spitzmarke der pikante Bericht über einen kleinen Berliner Liebesroman. Der Sohn eines weltbekannten Finanzmannes, der ein einfaches Mädchen liebt, und da er unmöglich die elterliche Einwilligung zu dieser Mesalliance erlangen wird, so jagt er sich eine Kugel in die Brust — eine beliebte Variation auf das bekannte Thema. Jetzt, heißt es, ist die Verzweiflung des Vaters groß, er bietet den Ärzten ein Vermögen, wenn sie ihm seinen Einzigen (auch ein solcher!) retten, dann soll ihm auch kein Veto im Wege stehen! ja, man will sogar wissen, daß das zukünftige Schwiegertöchterlein im Verein mit dem Vater das Krankenlager hütet ...