Part 16
Ja, es wurde immer stiller, immer »trister« hier im Atelier, je weiter der Nachmittag vorrückte. Jetzt wimmelt der Tiergarten bunt von fröhlichen Menschen, und den armen Schwestern wäre wohl ein Gang ins Grüne zu gönnen gewesen. — Wie spät mag es sein? Man sitzt wie in einem Gefängnis, weißgraue Wände, feuchter Gips- und Lehmgeruch, und wie gelangweilt einen die Figuren anstarren! — kein Ton von außen, nur von Zeit zu Zeit die heftigen Windstöße, die das Laub herabjagen, nur hie und da ein fernes dumpfes Rollen, es ist die Stadtbahn — nicht mal das trauliche Getick einer Uhr, das einem Gesellschaft leistet.
Dumme Gedanken! — ich bin nicht gerne allein, da kriegt man solche! — Ob ich durchbrenne? Wenn er aber doch noch käme? — ach was, ich leg’ mich schlafen, es giebt nichts Gescheiteres als schlafen. Wenn man Glück hat, fällt einem im Traum was Süßes vom Himmel — ich bin auch schon mit geträumten Süßigkeiten zufrieden ...
Sie hatte ihren Oberkörper in einen bunten römischen Seidenshawl gehüllt und sich auf dem Divan ausgestreckt, nachdem sie ein Glas schäumenden Tivoli’s gierig durstend herabgeschlürft. Die Hände unter dem Kopf gefaltet, dessen dicke Haarknoten sie, des bequemeren Liegens wegen, gelöst, lag sie nun mit wachträumenden Augen.
Schaut mich nicht so an, ihr Gipsköpfe ringsum! Zu verspotten giebt’s nichts! Unerlaubtes ist es nicht, woran ich denke — ich träume von ihm, eurem Schöpfer und Meister ...
Ach von ihm! — wie mit Klammern haften oft die Gedanken an ihm und können nicht wieder los! Ich quäl’ mich selbst damit, aber ich kann nicht anders! Ich mal’ mir aus, wie es ist, wenn er endlich berühmt geworden, von aller Welt gefeiert, mit Glücksgütern überhäuft, und von allen Ehren umgeben. Das wird und muß eintreffen, alle seine Freunde schwören darauf, und ich weiß es so sicher wie das Vaterunser: bald, gar bald werden sie ihn mit dem Lorbeer krönen, große, weitglänzende Denkmale werden die Glorie seines Namens in aller Welt verbreiten, der Kaiser selbst wird ihn mit seiner besonderen Huld beglücken — und die Weiber, schöne, begehrenswerte, werden ihn anbeten ...
Puh, der Wind meint es gut! Die Baumäste knarren und ächzen, rings ist ein gewaltiges Rauschen von dürren Blättern. Und er draußen auf dem Wasser mit seiner Nußschale! ... Der Tod ist demokratisch gesinnt, der verschont keinen Rang und Namen — wenn er seine Laune hat, so übt er sich im Knicken von Hoffnungsblüten und läßt die alten, welken Halme stehn ...
Ueber der schwarzgrauen, unheimlich weiten Wasserfläche wütet der Sturm, tückische, weißbekämmte Wogengipfel aufwühlend; einzelne Schifflein sind noch draußen, von dem Unwetter verschlagen, verzweifelt arbeiten sie sich landwärts, ihre Segel sehen aus, als flatterten große weißgefiederte Vögel ängstlich in der Irre. Holla, sein Boot, seine Nußschale! — die Freunde nennen es scherzend einen »Seelenverkäufer,« wie es im grausigen Uebermut lustig auf und nieder tanzt! — wie die kleine Flagge am Top nach rechts und links den Wogenschaum begrüßt! Ihm ist wohl da draußen unter den ängstlich flatternden ... Wo ist es doch jetzt? Dort hinten ... nein es hat ja gelbliches Segelwerk — und die Flagge nicht mehr sichtbar! — Himmel, das Segel liegt platt und schwer auf dem Wasser — — jetzt ist es verschwunden — etwas dunkles, langes, schwarzes wogt, unheimlich wie ein Sarg, über der vom fahlen Abendschein beleuchteten Fläche — unweit von dem Sarg ein — zwei — drei kleine schwarze Punkte — die bewegen sich — es ist wie ein Krabbeln — Menschen in Not! — — Hilfe! Hilfe, rettet ihn! O er kann ja schwimmen! ... jetzt recken sich von dem einen der schwarzen Punkte zwei Arme himmelwärts — plötzlich ist der Punkt mit den Armen verschwunden — hinab in die Tiefe ...
Die Hille schreckte jäh empor, und ihre Rechte tastete über die Stirn, die perlte voll kalter Schweißtropfen. Dann schlug sie eine laute nervöse Lache an: wie kann man nur so Tolles träumen! Fort mit den Fledermäusen! Unsinn — an ihn wagt das Schicksal nicht jäh zu rühren! Er ist eine Ausnahme! — schon ein Verbrechen, nur solches zu träumen!
Ihre krampfhaft wachen Augen irrten in dem Raume umher. Es herrschte ein unheimlich fahles Dämmerlicht, die gipsenen Gesichter und Masken hatten einen so gespenstischen verzerrten Ausdruck; das schöne blühende Weib mit dem Knaben reckte sich stumpf und leblos wie eine plumpe, schwere Masse empor; ein scharfer, modriger Erdgeruch hauchte von dem feuchten Ton aus.
Hille schloß die Augen, ihr Herz pochte hörbar in der Stille. Jetzt zwang sie ihre Lippen zu einem Lächeln, und gewaltsam zerrte sie sich heitere Bilder herbei.
Sie sah den dürftig engen Atelierraum zu einer hohen Halle geweitet, in der gewaltige Denkmäler und kühne Gruppen der Vollendung harren. Hier gebietet er, der Meister in elegantem samtenen Atelierkostüm, über eine Schar eifriger und talentvoller Schüler und Genossen. Nebenan, in einem besondern Raum, wird nach einem lebenden Pferd modelliert, das zwei Stallknechte in glänzender Livree halten; es ist des Kaisers Leibroß, ein prachtvoller Trakehner, dessen temperamentvolles Gescharr und Gestampf sich mit dem harten Klang des Meißels mischt, denn im benachbarten Schuppen ist ein ganzer Stamm italienischer Marmorarbeiter mit dem Ausführen der fertigen Modelle beschäftigt. Auch ist ein Allerheiligstes da, ein kokett und luxuriös ausgestatteter Raum, in dem das »Leibmodell« seinen Thron hat, denn mit dem Künstler wächst auch die Kostbarkeit seines Modells. Hat das ihn nicht berühmt machen helfen? Hille’s Arm, der wird unberechenbar an Wert steigen ...
Draußen aber, mit der Sicht auf das Schattendunkel des Tiergartens, prangt des Meisters Villa, von einem ersten Architektenpaar erbaut, ein Schmuckkasten, fürstlich ausgestattet, voll entzückend stimmungsvoller Gelasse und Winkel. Hier hallt beim Klang der Gläser, an den Abenden, nach der Tagesarbeit, fröhliches Lachen und Geplauder, denn der Meister hatte immer schon einen Hang zu gemütvoller Gastlichkeit. Dazu liebt er Musik, erste Künstler sind seine Freunde, so gilt die Villa als das Stelldichein edler, harmonischer Gesellschaft.
Spät in der Nacht aber, nachdem die Gäste verflogen, sehen die Nixen und Elfen des Waldparks die Gestalt des Meisters auf den von Blumen üppig umrankten Balkon heraustreten, dicht an seine Seite geschmiegt ein schönes, liebliches Weib. Er hat seinen Arm mit inniger Zärtlichkeit um ihren Leib geschlungen, und ihr Kopf lehnt, des Glückes schwer, auf seiner Schulter. So halten sie dort, von dem Blumengerank umrahmt, vom matten Dämmerschein des goldenen Halbmondes umflimmert.
Hille, Hille, du bist wahrhaftig ein guter Kerl, daß du solche Träume uneigennützig zu hätscheln wagst! Nur ein kurzes Aufatmen, das dein armes Herz von solch fremdem Glückesalp befreien will .....
Noch ist der Traum nicht zu Ende. Weiter erlauschen die Nixen und Elfen, wie das holde Paar nun in das noch erleuchtete Innere zurücktritt, wie es langsam, langsam den prunkenden Saal durchschreitet, und hinter diesem, in einem rosa erleuchteten Kabinett vor einem spitzenumhauchten Etwas stehen bleibt, das einem Kinderbettchen ähnlich sieht. Wie nun ihre beiden Köpfe sich gemeinsam herabbeugen, sehr behutsam, und wie dann eins nach dem andern, einen leisen Kuß haucht auf die zarte Stirn eines kleinen, von schwarzem Flaum bedeckten Köpfchens ...
Genug, genug! Hille schrak von einem prallenden Schlag empor, der gegen das Fenster geschah: wohl ein Zweig, den der Wind dagegen geschleudert. Schlaftrunken öffnete sie die Augen — wo ist sie doch? Ist es die Morgendämmerung? Ach so, sein Atelier! — es ist Abend, sie muß sehr lange geschlafen haben.
Fröstelnd und gähnend richtete sie sich empor. Dann zog sie sich eilig an. Eine seltsame Unruhe schien sie zu zerren. Es war unheimlich hier in der Stille. Wie bleiche Gespenster schimmerten die Gipsgestalten in dem grauen Halbdunkel — Arme schienen sich zu bewegen, Gesichter grinsten — schwer wie ein Pfühl lastete die feuchte Luft auf ihrem Atem. Und was war das für ein Spuk, daß sie das schaurige Traumbild nicht loswerden konnte aus den Augen: immer und immer sah sie auf der fahlbeschienenen Wasserweite den großen schwarzen Sarg daherwogen, und die drei hilflos krabbelnden Punkte ...
Schnell verrichtete sie noch das Nötige, stellte die Ordnung wieder her, bespritzte die Thonfigur mit Wasser und umhüllte sie sorgfältig mit den Tüchern. Dann fort — die seltsame Unruhe zog sie hinweg wie mit unsichtbaren Armen. Sie schloß die Atelierthür ab und versteckte den Schlüssel an dem bestimmten Platz unter einem losen Ziegel seitwärts der Thürzarge. Dann eilte sie durch den verwahrlosten Garten, in dem das Atelier, ein ehemaliger Pavillon, stand. Das Laub raschelte unter ihren hastigen Tritten, in der Luft ging ein rätselhaftes feines Gewinsel, anschwellend zu einem deutlichen Gestöhn, und dann wieder fast unhörbar verhauchend. Sie horchte wie gebannt — ach es ist ja nur der Wind! ... wenn sie nur wüßte, ob er an Land ist und in Sicherheit ... gewiß sitzt er längst warm und behaglich, unter fröhlichem Geplauder in einem Gasthaus!
Immer wieder der schwarze Sarg! — der schwimmt jetzt allein — die Punkte sind fort! — horch, rief da nicht jemand um Hülfe?
Da braust unweit ein Stadtbahnzug daher, sie war froh, daß das rollende Getös endlich die gespenstischen Töne verschlang. Und da draußen auf der Chaussee, die von heimkehrenden Menschen und Wagen wimmelte, verschwand auch endlich das Sarggesicht.
Sie fügte sich in den Menschenstrom ein, aber das schlenderte so langsam, in müder Behaglichkeit — ja hat sie denn solche Eile? Allerlei Rufe und Bemerkungen drangen an ihr Ohr, einige mit dem Lallen angehender Trunkenheit, wie man sich da und dort amüsierte, wie man die häßlichen Alltagssorgen da draußen in der freien Gottesnatur habe verwehen lassen, wie Bier und Kaffee geschmeckt und wie wohl das Schlendern durch den Wald gethan.
»Die auf dem Wasser draußen hatten ihre Not« — sagte einer. »Der Wind meinte es gut. Wer versäuft, hat selber schuld, warum gondelt er hinaus bei dem Wind —«
»Versäuft ... Ist denn einer ertrunken?«
Sie hatte sich erschrocken herumgewandt und richtete die Frage an den Sprecher. Der grinste sie lustig an: »Wohl Ihrer, Fräuleinken? Na keene Bange nich, ertrinken dhut heute mancher — ins Bier, Fräuleinken, der Wind macht höllisch durstig!«
An der Straßenecke erwartete sie einen Pferdebahnwagen, der, schwer mit Menschen überladen, heranrasselte. Sie erkämpfte sich unter den Herzudrängenden einen Platz auf dem Hinterperron und stand dort eingekeilt.
Zwei Herren links und rechts von ihr unterhielten sich an ihrem Gesicht vorbei.
»Am Kälberwerder — freilich eine verdammte Stelle bei dem Wind. Wann passierte es denn?«
»Um fünf! Ich habe jemand gesprochen, der es mit angesehn. Drei sprangen ins Wasser, einer hielt sich und ist gerettet, die andern sind weg!«
»Scheußlich!« fuhr eine dritte Stimme dazwischen.
Die Hille durchschauerte es eiskalt. Eine Frage erstarrte auf ihren Lippen, bebend blieben diese geöffnet, und so, regungslos eingekeilt, mußte sie weiter das Entsetzliche anhören.
»Es solle eine alte Zille gewesen sein, ein Verbrechen, damit hinaus zu machen bei solchem Wind!«
»Weiß man, wer es war?«
»Drei junge Leute aus Potsdam.«
»I wo, drei Berliner Künstler« — ließ sich eine fette Allesbesserwissen-Stimme zwischen der Wagenthür vernehmen. »Ein Bildhauer und ein Maler sind ertrunken —«
»Fräulein, was ist Ihnen? Ist Ihnen nicht wohl?«
An den Arm des einen Herrn faßte, wie Halt suchend, die mit einem Baumwollhandschuh bekleidete Hand des Mädchens. Und ihr Antlitz bog hintüber wie gebrochen, totenblaß. Gleich richtete es sich wieder empor, krampfhaft, und die Augen weiteten sich stier.
»Ein Bildhauer — sagen Sie« — stammelte es tonlos über die blutleeren Lippen.
Aus dem Hintergrunde des Wagens tönte ein Name. Durch das rasselnde Getös schlug er deutlich an ihr Ohr — Sein Name ...
»Scheußlich! Entsetzlich!« stieß jemand aus.
»Eine Gemeinheit des Schicksals!«
»Heda, Schaffner, einen Platz für die Dame! Sie wird ohnmächtig! Vielleicht ist einer der Herren da drinnen so freundlich aufzustehen!«
Aber die Hille reckte sich noch einmal empor. »Ich danke!« sagte sie, und durch ihren Körper ging es wie ein energisches Zusammenraffen. Kein Schauspiel für diese da! Was geht die der Dolchstich an, den der Name soeben mitten in ihr Herz versetzt ...
Heiliger Gott im Himmel! Es ist wohl nicht glaublich! Es ist undenkbar! Er sollte ertrunken sein ..
Es ist gut, so eingekeilt zu sein, da merkt niemand ihr Wanken und Schwanken — so muß es sein, wenn man in die nasse Tiefe sinkt: die Augen noch einmal stierweit aufgerissen, und ein letzter großer, vorwurfsvoller Sehnsuchtsblick rundum auf die herrliche Welt, die so voll goldschimmernder Schmetterlingshoffnungen wimmelt ...
Faschingszauber
[Illustration]
Ich höre scharfklippernden Peitschenschlag; ich höre das feine nervöse Geklingel von Schellenkappen; juchzenden Geigenstrich und übermütig schnarrende Guitarrentöne, weinheisere Singstimmen, das Gellen anstoßender Gläser, Zurufe und Witze, die ganze Luft gleichsam vibrierend von der alles ansteckenden, alles umhüllenden, alles durchdringenden Karnevalslaune.
Ich höre Lachen im Chor, schallend, homerisch erschütternd; ich höre aufwirbelndes Sololachen von Frauenstimmen, hell wie der Glöckleinklang eines eleganten Frauenklosters; Lachen, das sich ausschütten möchte über einen Extra-Spaß, und anderes, das lacht, weil es in der Luft liegt, weil die Kölner Faschingsparole es gebietet, über eine Dummheit, eine Grimasse, ein Nichts. Und, jetzt aus all dem vieltönigen, ein wenig mißtönigen Frohgelärm klingt das Lachen einer gewissen Mädchenstimme, ein paar perlartig hüpfende Noten nur, luccahaft süß, von jenem eigenartigen Zauber, der sofort ins Herz dringt, ohne den vorschriftsmäßigen Umweg durch das Ohr und das übrige Telegraphennetz der Nerven ...
Freilich, die Lippen, denen es entfährt, blühend frisch, siebzehnjährig jung, von einem herzigen Lächeln, einem Grübchenlächeln gleichsam aufplatzend wie eine köstliche Frucht, dazwischen das feine, irisierende Blinken von kleinen, etwas spitzigen weißen Raubtierzähnchen. Wißt Ihr, es war nicht leicht, sitzen zu bleiben und dies Lächeln einfach anzustarren wie ein Wunder! Wißt Ihr, ich weiß selbst nicht, wie es geschah, ich war meiner nicht mehr Herr, war aufgestanden, an den Nachbartisch herangetreten, hatte mit einem kühnen Griff das Köpfchen gefaßt, und einen Kuß auf die halboffenen Lippen gepreßt ...
Hier in unserm verstandessichern, polizeimäßig nüchternen Berlin, das sich zwar seines Witzes rühmt, eines meist forcierten Witzes, aber von Humor keine Ahnung hat, gäbe es Mord und Totschlag ob solchen Unfugs, Kartenwechsel oder Faustschläge, je nachdem, mit gerichtlichem Nachspiel. Der Kölner Humor mit seiner Devise »Leben und leben lassen!« gestattet jedoch die kühne Freiheit solchen Stegreifkusses — zwischen Schönen, Hübschen, Jungen natürlich. Se. Närrische Hoheit der Prinz Karneval, stets einer der schönsten und elegantesten jungen Herren der Stadt, hat sogar das altherkömmliche Recht, am Rosenmontag die Lokale zu durchwandern und sich von den verlockendsten Mädchenlippen nach Wahl die tributpflichtigen Küsse zu pflücken — ohne Wehr und Zimperlichkeit, es ist sogar köstliche Ehre dabei. Na und die Getreuen Sr. Närr. Hoheit naschen so gelegentlich vom gleichen Recht.
Ich sollte ja die kleine karnevalistische Episode regelrecht berichten. D. h. Ihr dürft nichts erwarten als nur die Schilderung einer süßen Mädchengestalt, die alljährlich zum Fasching vor meine Erinnerung tritt, lächelnd mit ihren blüten-frischen Lippen, für mich auf allzeit die wundervolle poetische Verkörperung der im Namen aller Frohgeister benedeiten Kölner Karnevalstollität.
Und so grüß’ ich Dich: »Alaaf Köln!« Du Stadt mit den hundert Kirchtürmen und den tausend schönen Mädchen! Dich aus den Tausend grüß’ ich, Du liebliche rheinische Maid: — »N’tag Drückchen!« Und nick’ Dir freundlich zu, und über meine Seele breitet sich warmlachender Sonnenschein im Gedanken an Dich. Sei gegrüßt und gedankt für diesen Sonnenschein!
Also am »Fastelabend«; es ist der Vorabend vor dem offiziellen Fastnachtsanfang, die Generalprobe der Tollität, alle Humore frisch aufgezogen, alle Launen im ersten Übermut entfesselt. Die Wirtshäuser voll froher und lärmender Gäste, besonders die Weinstuben; die meisten haben ihre kleine Hauskapelle installiert, die mit ihren nicht immer ganz harmonischen Tönen die Stimmung anreizen soll. In einem bekannten Restaurant der Herzoggasse hockt auch schon der »Puckel« hoch droben auf dem Tisch mit seiner Geige, unter dem surrenden Licht der Gaskrone. Er ist der traditionelle Kobold des Kölner Faschings; alljährlich am Fastelabend taucht er auf. — Gott weiß, wo er sich sonst umtreiben mag — und wird mit Halloh begrüßt: »Der Puckel ist da, nun kann’s losgehn!« — ein seltsamer Kauz, mit einem prächtigen Harlekinshöcker belastet, das ältliche Gesicht stets in sehr ernsten Falten, aber desto lustiger klingt der Strich seiner Geige. Er hat nur ein kleines Repertoir, und das Gewimmel zu seinen Füßen wird auch nicht müde, seinen »kleinen Postillon« mitzujohlen — keine echte Karnevalsstimmung, über die der Gassenhauer dieses Kobolds nicht hinweggestrichen.
Wir saßen bei einem guten Tropfen an einem überfüllten Tisch. Nur vereinzelte Masken zeigten sich, ich selbst trug mit manchen anderen die bunte Narrenkappe (offizielles Modell, alljährlich vom »großen Rat« festgesetzt und unter seiner Regie vertrieben). Heute galt es noch solide zu sein, denn drei schwere Tage mit drei tollen Nächten standen uns bevor. Aber der Übermut prickelte uns bereits wie Champagnerschaum. Uns gegenüber, in einem Gewühl von Narrenköpfen, leuchtete etwas gewaltig Hübsches — »alle Wetter!« stieß einer von uns vor Verwunderung hervor. »Ein süßer Käfer!« meinte ein anderer, und er hob den Römer voll dunkelgoldigen Rheinweins und versuchte dem reizenden Mädchenkopf ein galantes Prosit! zu bringen — derlei ist wohl üblich. Aber das Mädel »reagiert« nicht. Ein feines rundliches brünettes Gesichtchen, schelmdunkle Augen, seidiges, üppiges, großwelliges Braunhaar, das unter der leicht schiefsitzenden Narrenkappe vorquillt, und die Lippen lächelnd geöffnet, der ganze Ausdruck ein naives Kinderbegehren: ich will mich amüsieren! auf jeden Fall!
Also wie gesagt, ich weiß nicht, wie es geschah. Wollt’ ich mich forscher vor den andern hervorthun? wollt’ ich ihnen zeigen, wie man den Geboten der ersten Schutzheiligen des Karnevals, der Gelegenheit, ohne Besinnen folgen müsse? War also aufgestanden, hatte mich von ungefähr an das liebe Kind herangeschlichen, meinen Römer in der Hand. Und artig, mit galanter Verbeugung gegen die Damen gewandt (denn es waren ihrer zwei, eine ältere Duenna saß neben der Erkorenen): »Ist es erlaubt, anzustoßen?« Das Herz pochte mir doch, als ich so dicht in ihre Augensterne sah.
Eine kleine Überraschung ihrerseits, ein fragendes Auflächeln, dann ergriff sie zögernd ihr Glas und hielt es gegen das meine.
»Die Schönheit!« sagte ich, fast rufend, und ich fühlte das begeisterte Strahlen meiner Augen: »Du bist wundervoll — Du bist — Du bist —«
Die Worte versagten mir, und unsere Gläser gellten zusammen, Aug’ in Auge, beide von so seltsamer Verwirrung ergriffen.
»Das sagen viele« — erwiderte sie lachend, »ich werd’ es wohl noch oft zu hören bekommen.«
»So, Du glaubst mir nicht? Na wart’« — —
Der Übermut packte mich, schnell setzte ich mein Glas auf den Tisch, nahm mit sanft zufassender Überrumpelung das Köpfchen zwischen die Hände und preßte meine heißbebenden Lippen auf die ihren, den kleinen wehrenden Schrei kräftig unterdrückend.
Eine ganz kurze Entrüstung; und ein flüchtiger Purpur flog über ihr ovales Wangenrund: — »Aber mein Herr, das ist —«
»Unverschämt? Mit nichten!« fiel ich ein. »Es ist Karnevalsrecht!«
»Oho« — lachte sie. »Da könnt’ jeder kommen! Wer sind Sie? Ich kenn’ Sie nit, mein Herr! Und ich verbitt’ mir das!«
»Oho!« lachte ich dagegen. »Übrigens Du und Du! Wir tragen beide Narrenmützen — da giebt’s kein Sie!«
Nach einem kurzen prüfenden Mustern meiner Erscheinung fuhr sie heraus: »Sie sind ein Lieutenant!«
Es klang nicht wie eine Frage. »Zu Befehl!« antwortete ich, wichtig aufreckend. »Woher weißt Du das?«
Sie stieß ihre Begleiterin an, beide kicherten: unendlich komisch, daß ich glaubte, mein Zivil versteckte mich! »Das weiß man doch gleich! Ihr seid kühner als die andern. Ihr habt was, das die andern nicht haben —«
»Das gefällt Euch eben. Auch nimmt man es uns nicht so übel, wie?«
»Ei gewiß!«
»Also keine Feindschaft?« bat ich, alle Innigkeit im Ton, den Blick voll Begeisterung. »Darf ich Dich wiedersehn?«
Sie stutzte. »Warum nit?« meinte sie dann. »Ich versteck’ mich nit — ich mach’ tüchtig mit.«
»Morgen abend auf dem Gürzenichball?« drängte ich, fast flehend.
»Ich mach’ alles mit, was mitzumachen ist! Ich will mich einmal tüchtig amüsieren!« rief sie; dabei wetterte etwas wie ganz feine trotzende Fältchen zwischen ihren dunklen stark gezeichneten Brauen. Als wenn ihr Leben, ihre Vergangenheit wie ihre Zukunft, nicht ganz auf diese lustige Fahne gerichtet sei.
»Also morgen — mein Fräulein?« Das »Du« kam mir nun schon trivial vor, auch fiel es mir wie eine Furcht aufs Herz, sie etwa wieder durch meinen burschikosen Ton zu verlieren.
»Dritter Pfeiler links um die Ecke, Herr Lieutenant!« scherzte sie schelmisch.
»Sind Sie mir bös?«
»O durchaus nit! Aber nit wieder, gelt?« Sie hob drohend den Finger, und vor ihrem treuherzigen Kinderausdruck verschwor ich mich zu einer feierlich-komischen Entsagung in betreff des Lippenrechtes.
Ich hob abermals das Glas und hielt es gegen das ihre. »Also morgen auf dem Gürzenich!« Und der Übermut trieb mich von neuem: »Du bist das Süßeste — Lieblichste ... Du bist einfach famos!«
»Du bis’ geck!« rief sie, die Zähnchen im vollen Blinken.
»Geck laß Geck elans!« die uralte Kölner Karnevalsdevise. »Das heißt, nicht elans« — verbesserte ich mich. »Wir wollen uns nicht vorbeischlüpfen, sondern tüchtig amüsieren.«
»Du bis’ einer!«
»Also doch — Du?«
Wieder flog das Purpur über ihre Wangen. »Ich mein’ Deine Kapp’. Aber nun adjes!«
»Mein Fräulein! Ah so, adjes! — und Du, nicht?«
Sie nickte, und ich nickte wieder, als wären wir zwei alte Bekannte. —
Nichts leichter, als sich auf einem Kölner Karnevalsball zu verfehlen, zumal in der weiten von Säulen getragenen Halle des altehrwürdigen gothischen Kaufhauses, Gürzenich genannt. »Dritter Pfeiler links um die Ecke —« hatte die Schelmin befohlen. Und Ihr hättet von der achten bis fast in die elfte Stunde hinein an einem Pfeiler auf der linken Saalseite eine gewisse Bauernmaske (das traditionelle Kostüm der Kölner Garnisonherren) halten sehen können, die mit Gamaschen bekleideten Beine übereinandergeschlagen, ein Bild des immer mehr enttäuschten Unmuts, die Miene immer weniger passend zu dem lustig gekräuselten Puderhaar, von dem die bäuerliche Trikotmütze tief herabhing auf den blauen Kittel, und zu dem keck und eroberungslustig gestreiften Schnurrbärtchen. Eine Verabredung wie eine andere! — ein Karnevalswort bindet nicht! Doch was soll ich mich hänseln lassen von vorbeistreifenden Masken? Was soll ich hier noch weiter Posten stehen, während rings um mich her der Ball in ausgelassenen Wirbeln tollt, Tanz und Lachen und ferner Gläserklang und der ganze prächtige reich dekorierte Saal, dessen gothische Schnitzbögen mit närrischen Emblemen behangen sind, vibrierend wie in einem Schauer unbändiger Lebensfreude? Was soll ich mich auch nach dieser zweiten Nacht von der Erinnerungsvision süßmagischer Augen verhexen lassen, nachdem ich schon die vorige schlaflos in Erwartung kommender Abenteuer verwacht? Ah bah — und ich wollte mich aufs Ungewisse in den hohen Wellenschlag hineinstürzen.
Da tippte es mit leichtem Fächerschlag von hinterrücks auf meine Schulter. Ein blauseidener weiblicher Domino, die Larve mit crêmefarbener Blonde besetzt; aus den länglichen Augenschlitzen sprühten mich dunkle Blicke an. Bekanntlich sind unter der Maske auch die vertrautesten Augen nicht mit Sicherheit zu rekognoszieren; und ich prüfte diese durch das Lorgnon der Leidenschaft; — sie waren es! Hurrah! und ich hätte beinahe hell aufgejubelt.
»Du hast aber brav Schildwach’ gestanden, Herr Lieutenant —« kicherte es unter der Blonde im verstellten Maskenfalsett.
»Gut, daß Du da bist! ich wollt’ eben meinen Posten quittieren.« Und ich affektierte den Ärgerlichen.
»Thätst Du doch nicht — i, thätst Du nicht —« spottete das Falsett.
»Du bist wohl eben erst gekommen?« fragte ich.
»Jömich, ich tanz’ schon zwei Stunden lang. Ich hab’ Verehrer satt! (= genug) ich hab’ Dich wohl da luxen gesehn.«
Sie wollte mich zur Eifersucht reizen; fast brachte sie es fertig. Aber nun will ich sie fesseln und halten! Nichts fesselt in Köln ein Mädel so sehr als ein flotter Tänzer. Und ich umfaßte sie und wirbelte mit ihr durch das Gewühl, toll und leidenschaftlich, im Übermaß endlicher Erfüllungsfreude.
Dann promenierten wir Arm in Arm. Sie war keck und teilte Fächerschläge und neckische Anreden nach allen Seiten aus, zerstreut gegen das fiebernde Gedräng meiner Leidenschaft.
»Ich hab’ den ganzen Tag an Dich gedacht —«
»Gefällig?« kam es unter der Maske zurück. Ein ironischer Sington, und die Augen funkelten mich koboldartig an.
Und später: »Du scheinst mir ein süßes Teufelchen zu sein, wie?«
»Gefällig?«
Nicht viel Weiteres als dieser Sington. Solch maskierte Unterhaltungen können langweilig werden; ich bat also, sie sollte sich demaskieren: »Ich möcht’ so gern Dein liebes schönes Gesicht sehen!«
Mit hellem Spott lachte sie diesmal: »Mein liebes schönes Gesicht — was willst Du daran sehen? Du kennst es ja. Weißt Du was — ich bin durstig!«
Ein wenig ärgerlich führte ich sie in einen der anstoßenden Weinsäle, wo wir uns an einem von Flaschen und Gläsern überbürdeten Tisch mitten unter der ausgelassenen Mummerei ein enges Plätzchen eroberten.