Chapter 13 of 20 · 3988 words · ~20 min read

Part 13

Es dauerte eine Weile, bis der erste Einsatz erfolgte. Das Aktenmaterial, dessen der Ankömmling zu seinem Spiele bedurfte, war ein erstaunliches. Seine nervösen Hände zogen immer neue Paketchen aus den Taschen seines Rockes hervor. Er breitete mehrere mit Zahlen und Zeichen überdeckte Listen aus, legte sich verschiedene Büchelchen zum Einzeichnen zurecht, stapelte seine Kasse von Gold und Silber vor sich auf, alles das mit langsam pedantischer Peinlichkeit, bis auf die Prüfung der Rot- und Blaustifte. Und nun, nachdem das »Bureau« gehörig in Ordnung lag, saß er mit gefalteten Händen da und lauerte. Lauerte mit dem eigenartigen, krankhaften Glitzern seiner dunklen Augen, mit den feinen zuckenden Bewegungen seiner Gesichtsmuskeln. Ja, das ganze glatt rasierte Gesicht, das beim ersten Anblick den Eindruck der Hilflosigkeit machte, schien sich aus seiner Schlaffheit aufzuraffen und sah wie verjüngt aus.

Nach jeder Kugel notierte er hier und dort in den verschiedenen Listen und Büchern mit der Gewissenhaftigkeit und dem peinlichen Ernst eines Kassenbeamten. Endlich begann er in Silber und mit den kleinsten Einsätzen zu spielen. Man sah, es geschah nicht des Gewinnes wegen, nur um kostbares dokumentarisches Material für seine Bücher zu gewinnen. Ja, es kam vor, daß er bedauernd die Achseln zuckte, wenn ein Satz einschlug, der nach seiner Berechnung eigentlich verlieren mußte, oder daß er einen Verlust als hochwillkommen mit einer kinderhaft listigen Miene notierte.

Nun war die Arbeit in vollem Gang; Gewinne und Verluste wechselten und wurden sorgfältig eingetragen. Da schien es die Tochter nach einem Stündchen der Erlösung zu gelüsten. Nach einer zärtlich betonten Frage, die der Vater mit einem Nicken in das eine der Bücher hinein bejahte, empfahl sie sich. Jetzt erst wandte er den Kopf nach ihr zurück, um ihr eine freundliche Miene zum Abschied zu bieten, aber zu spät, sie war schon fort.

Ich ihr nach. Ich ereilte sie draußen am Eingang des Parkes.

»Mein Fräulein, ich habe Ihnen abzubitten ...«

Sie schien durchaus nicht überrascht, sie wußte sofort.

»Ah, —« fiel sie lebhaft ein, »ich verstehe: Sie hegen einen Groll gegen mich, daß ich Ihnen die Hände band. Ich am wenigsten, meinen Sie, hätte eine Berechtigung, Moral zu predigen. Ich habe wohl Ihr Staunen bemerkt, mit dem Sie meinem Treiben zusahen.«

»Ich fange an zu begreifen, und ich bin gekommen, Ihnen Abbitte zu leisten.«

»Um des Himmels willen, ich möchte nicht, daß Sie falsch begriffen. Der Schein und ein so häßlicher Schein ist wider uns. Sie müssen uns zur allerschlimmsten Profession zählen!«

»Ich muß gestehen, es thut mir in der Seele weh, Sie dort spielen zu sehen —«

Ein kurzer, leicht überraschter Blick aus ihren Augen streifte mein Antlitz. Gleich aber wehrte sie sich selbst gegen die Versuchung, sich meiner Teilnahme zu freuen:

»O, ich wünschte nicht, daß Sie mir Ihr Mitleid auf Kosten meines Vaters zuwendeten. Das, was ich thue, thue ich mit Freuden, wenn auch mit dem Eifer, diese — Sache endlich zu einem Resultat zu führen. Ich sagte Ihnen schon, das, was wir treiben, treiben wir seit drei Jahren. Es ist eine gute Sache — und wenn ich auch selbst mich keiner Illusion hingebe, so ist es doch meine Pflicht, in ihrem Dienste treu auszuharren. Und Vater glaubt daran — nennen Sie es eine Marotte, die bedenklich genug wie eine Krankheit aussieht. Genug, es ist mein Vater, und er hat sich die Durchführung seines Planes zur Lebensaufgabe gemacht. Ich sehe, ich spreche in Rätseln. Nun gut, sehr einfach, wir sind einem System auf der Spur, mittels dessen die Macht des Spielteufels gebrochen werden soll.«

Das letzte kam kleinlaut heraus, und um ihre Mundwinkel bebte etwas wie ein ironischer Ausdruck. Ah, sie glaubte selbst nicht an dies System und an die Möglichkeit, mit einem solchen den Zufall zu meistern! Ich hatte oft genug vor den Zeitungskiosken gehalten und mit lüstern verwunderten Augen die Auslagen der Broschüren und Bücher gemustert, die sich auf das Spiel beziehen, hochtönende Anpreisungen, wie man mit einem Einsatz von tausend Franken oder noch weniger eine Million gewinnen kann, wie man verfahren muß, um mit Sicherheit zu gewinnen, allerlei Systeme, das Glück zu korrigieren, von den kleinen niedlichen Büchelchen, die man im Vorbeigehen wie zum Scherz einsteckt, bis zu den ansehnlichen Bänden, die hinter dem verklebten Schnitt das Geheimnis mit einem Aufwand gelehrter Formeln und weit ausholender Kombinationen analysieren. Es finden sich Gimpel genug, die, mit solcher Anweisung ausgerüstet, den Kampf mit dem Glück aufnehmen, oder welche gar die persönliche, teuer bezahlte Hilfe sogenannter Spielprofessoren in Anspruch nehmen. Am wenigsten glauben diese Professoren oder die Verfasser solcher Werke an ihre eigene Wissenschaft.

Nein, auch sie glaubte nicht an solches System! Ich konnte mein Staunen, ja den sichtbaren Ausdruck des Schreckens nicht unterdrücken. Ihr Vater ein Phantast, schlimmen Falls ein bedenklicher Abenteurer, und sie, das liebe, liebliche Geschöpf, das seine Jugend im Dienst eines abscheulichen Hirngespinstes opfert!

»Nicht das, nicht das!« rief sie, sofort meine Miene deutend. »Ich bitte Sie, meinen Vater nicht mit den andern zu verwechseln. Alles das ist seltsam und außergewöhnlich, man darf darüber lachen, man darf darüber die Achseln zucken — wenige werden solches begreifen. Wie gesagt, wir rangieren in einer Reihe mit dem erbärmlichsten Gelichter, und man muß die Umstände kennen, die zu solchem Auswuchs geführt — nein, nicht jeder wird sich die Mühe nehmen, uns zu begreifen. Aber ich muß ihn verteidigen, wenigstens ihn, den armen Vater. Mag die große Masse mich selbst verdammen ... es findet sich doch noch jemand, der all diese Unseligkeit aus dem Herzen entschuldigt — und ich möchte nicht, daß Sie ...« Sie stockte, dann sah sie mir mit treuherzigen Augen voll ins Gesicht. »Sie sind gut, mein Herr, man sieht es Ihnen an. Sie haben ein Unglück gehabt, auch das liest man aus Ihren Mienen, aus allem. Wir haben uns unter so seltsamen Verhältnissen kennen gelernt. Wie gesagt, ich möchte nicht, daß gerade Sie von hinnen schieden oder uns gar den Rücken wendeten ...« Wieder stockte sie und plötzlich, mit abgekehrtem Gesicht, um das Flammen ihrer Röte zu verbergen, wies sie nach einer Bank, die unter einer natürlichen Laube herabhangender Palmfächer stand. »Kommen Sie zu meiner Lieblingsbank! Man hat von dort aus den herrlichsten Blick über das Meer.«

Es war keine zu große Absonderlichkeit, das, was sie mir von den Geschicken ihres Hauses erzählte. Für mich nicht, der ich selbst ein Bankerotteur war und den das Geschick auf ähnliche Weise heimgesucht. Die Familie hatte im Vollen gelebt. Mehrere Fabriken in der Nähe von Frankfurt am Main, sowie einige Bergwerke im Taunus befanden sich in ihrem Besitz. Eines jener köstlichen Weingüter des obern Rheingaues mit dem Schmuckstück einer Villa diente ihr zum Sommeraufenthalt. Sie waren glücklich, sie waren geachtet, ich erinnere mich jetzt, wie vor zehn Jahren die Firma des besten Klanges genoß, bis sie dann anfing zu bröckeln, um schließlich mit einem Krach, der auch in der weiteren Geschäftswelt Staub aufwirbeln machte, zusammenzustürzen. Was war es? Niemand kann besser Auskunft geben als ich selber. Ja, wie kommt es? Eine kleine Schlappe, die einen ärgert und deren Folgen man allzu gründlich ausmerzen möchte, eine unselige Folge von Umständen, Ereignissen, Kombinationen, die an dem Bestand des Hauses rütteln, Strebertum und die »Sucht nach mehr« und das Schicksal des Fabrikanten, die entsetzliche Tagesmode, die in plötzlicher Laune die Maschinen unserer Werkstätten zum Stillstand bringt und die Arbeiter aus den Sälen treibt, sowie man sich nicht sofort ihrem Gebote fügt. Hier waren es noch andere Verhängnisse, die das Haus zu Falle brachten, und diese Verhängnisse hießen: Homburg, Baden-Baden, Wiesbaden. Nicht daß sich der Besitzer der Firma F. Werler wie ein unverantwortlicher Leichtfuß dem Spielteufel in die Arme geworfen. Eine ganz dumme Gelegenheit brachte ein fabelhaftes Glück, und in kritischer Stunde erinnerte man sich dieses Glückes. Ganz allmählich, ganz unmerklich umstrickte der Teufel die Firma mit seinen Netzen, verschlang die Fabriken und Bergwerke und scharrte das Schmuckkästchen von einer Villa über den grünen Tisch hinüber in den Abgrund hinein. O, man weiß es, wie die letzte Verzweiflung nach unseligen Mitteln greifen heißt, und mir ziemt es gewiß nicht, jenen zu verdammen.

»Ich verstehe, mein Fräulein, ich verstehe!« nickte ich.

Ah, mit welch dankbarem Blick sie mir antwortete!

Die Mutter starb aus Gram, den Vater ereilte ein Schlaganfall. Eine ältere Schwester war verheiratet; aus dem Zusammenbruch war eine kleine Fabrikanlage gerettet worden, die unter den nicht zu geschickten Händen eines Bruders kümmerlich vegetierte. Sie selbst, Vater und Tochter, irrten in der Welt umher, die Stätte ihres frühern Glückes meidend, als Mitglieder jenes bedauernswerten internationalen Proletariats, das die Weltorte und großen Modebäder bevölkert.

Wie war es möglich, daß sie dennoch wieder jener entsetzlichen, alles verzehrenden Flamme zuflattern konnten? Wie kam Herr Werler zu der Marotte seines Systems? Es hatte lange in ihm gebrütet. Mit wachsender Besorgnis sah Helene, wie seine Gedanken sich immer mehr in ein gewisses Hirngespinst vergruben. Und dieses Hirngespinst trat immer sichtbarer in Tabellen und Berechnungen hervor. Sein System — Herrgott, was ist’s!? Was will Papa? Papa’s Verstand ist doch nicht ... nein, nein, nicht solches, nicht das Äußerste!

Wer der Gelehrten vermag die Grenze zu ziehen, wo der Verstand aufhört und der Wahn beginnt? Das Gefühl der Reue hatte den Keim zu dieser Marotte großgezogen. Die Arbeit sollte eine Art Sühne bedeuten: es mußte und mußte sich dennoch eine Formel finden lassen, die dem Dämon die Macht aus der Hand nahm. Es wäre die Rache für ihn und alle die anderen Ruinierten. Gegen eine solche Formel würde sich keine Bank mehr halten können; die Hölle müßte geschlossen werden, es gäbe so viel Thränen, so viel Verzweiflung, so viel selbstmörderische Schüsse weniger. Es wäre ein ungeheurer Dienst, den man der Menschheit leisten würde.

Und er rechnete, rechnete. Das Hirngespinst nahm immer hartnäckiger Besitz von seinem Thun und Denken. Aber er würde so nicht weiterkommen, man mußte die Theorie durch die Praxis ergänzen und erproben, man mußte nach Monaco und in der Hölle selbst die Hölle bekämpfen.

»Papa, lieber, lieber Papa, thue es nicht!« — Wie sie gefleht haben mochte, um ihn von dem Gedanken abzubringen! Umsonst! Sie siedelten nach Monaco über. Und dann begann die fürchterliche, die nerventötende Arbeit. Sie brauchte mir nicht erst zu sagen, wie viele Stunden sie am Spieltische verbrachte, während ihr Vater, durch seine Gebrechen meist an die Stube gefesselt, an seinen Tabellen saß, begierig auf ihre Rückkehr, die ihm neues Material herbeischaffte. Und so arbeitete sie Tag um Tag, drei lange Jahre hindurch in rührender Hingebung. Mehrmals am Tage eilte sie nach Hause — sie wohnten am äußersten Ende von Condamines, dicht unter dem von dem Gischt der Brandung umtosten Felsen von Monaco — um sich ihrer Aufzeichnungen zu entledigen oder neue Instruktionen zu empfangen. O, sie arbeitete mit äußerster Gewissenhaftigkeit! Zuweilen war es, als müßte sie selbst an die Vortrefflichkeit des Systems glauben. Dann kam der Kobold des Zufalls und schüttelte mit frecher Hand all die mühsamen Kombinationen durcheinander. Immer wieder zeigte das System eine neue Lücke. Und wenn es wirklich ein paar Tage standhielt, so eröffnete sich plötzlich eine so unerwartete Serie oder ein so willkürliches Umspringen der Chancen, daß es allen Berechnungen Hohn sprach. Da gab es Zeiten, wo der Erfinder selbst verzweifelte und wo er schon im Begriff war, mit einer Verwünschung all das mit unendlicher Mühe aufgespeicherte Material, das seinem Schreibtisch den Anschein einer soliden und fleißigen Geisteswerkstatt gab, in den Kamin zu schleudern. Dann war sie es sogar, die ihn gegen ihre Ueberzeugung aufrichtete: wie eine Scheu vor einem gewissen unheimlichen Nichts, das dann an die Stelle all der Arbeit träte? Oder war es die Ueberzeugung, daß diese Arbeit seinen grübelnden Geist von Schlimmerem ablenkte?

Und von neuem setzte er sich hin und begann aus den Trümmern der Akten ein anderes System aufzubauen. Von neuem setzte sie sich an den Spieltisch, hartnäckiger denn je, mit der letzten Spur einer Zuversicht, daß die gute Sache dennoch über die schlechte den Sieg davontrüge. Und wieder die entsetzliche, vielstündige Holzhauerarbeit — kaum daß sie sich Zeit gönnte, einen hastigen Imbiß zu nehmen oder auf eine kurze Weile dieser Pestluft zu entfliehen, nur ein paar Atemzüge der reinen Gottesluft zu schlürfen. Drei Jahre lang, Tag um Tag, Stunde um Stunde — kein Zucken der Ungeduld, nein, nur der lächelnde Schein freudiger Pflichterfüllung ihm, dem Kranken, gegenüber, so muß man ihn nennen.

»Sie sind eine Heldin, Sie sind ein Engel ...« nein, nicht in Worten brach es heraus, aber das begeisterte Leuchten meiner Augen mußte es ihr sagen, und die stürmische Bewegung, mit der ich ihre Hand drückte, redeten deutlicher als Worte.

Sie war allem abhold, was an das Theatralische erinnerte. Eine weitere Erläuterung schnitt sie kurz ab, indem sie aufstand:

»Jetzt muß ich nach Papa sehen!«

Wir schritten dem Kasino zu. Ich verabschiedete mich am Portal und dann stand ich lange noch wie gebannt und sah ihr nach, sah, wie sie leicht schwebenden Schrittes die Treppe hinaufeilte und ihre Lichtgestalt, auf welcher der Sonnenschein hier draußen so verklärend geruht, von der unheimlichen Dämmerung der Hölle verschlungen wurde.

* * * * *

Die drei Tage waren längst verstrichen. Ich spielte nicht mehr. Ich hätte nicht gewagt, ihr wieder unter die Augen zu treten, wenn ich, trotzdem die Grenze meines Versprechens längst überschritten war, mich noch einmal von dem Dämon hätte hinreißen lassen. Doch keiner der wütendsten Spieler hielt beharrlicher das Kasino besetzt. Ich umkreiste es schlendernd, saß auf allen Bänken und lehnte auf allen Balustraden, ich durchstöberte die Zeitungen des Leseraumes und naschte in dem üppigsten Konzertsaal der Welt einige Takte Musik, stets von der fiebernden Sehnsucht hin und her getrieben, bis ich immer wieder Ruhe für meine Sinne und Gedanken fand an dem Spieltisch, an dem sie »arbeitete«.

Ich hielt mich im Hintergrunde, damit sie die Verlorenheit meiner Blicke nicht gewahrte. Zumeist blieb mir ihr liebes Antlitz von den Gestalten und den erregten Bewegungen der Spieler versteckt, aber ich war glücklich, auch nur ein nickendes Federchen ihres Hutes zu erhaschen. Und nichts Gleichgiltigeres, als das Klingen und Klippern des Goldes, das die andern so berauschte. Ihr Kommen und Gehen entging mir nicht. Ich schlich ihr von der Ferne nach wie ein sehnsüchtiger Gymnasiast, ich kam mir so klein und erbärmlich vor, und ich mußte mir jedesmal Mut zusprechen, um mich ihr offen zu nähern. Das geschah in den Pausen, die sie sich während der Arbeit gönnte, oder auch auf ihren Her- und Heimwegen. Sie nahm meine Begegnungen ohne Überraschung und in ihrer ruhigen und offenen Heiterkeit hin. Wir plauderten wie zwei gute Kameraden, aber sie mochte wohl die Heuchelei bemerken, mit der ich meine Leidenschaft verdeckte.

Ich hatte die Trostlosigkeit meiner Verhältnisse offen vor ihr entfaltet. Sie wüßte das, sagte sie ohne Verwunderung. Und auf meinen fragenden Blick fuhr sie fort:

»Nun, ich dächte doch, man lernte es hier, Verzweiflung und Unglück aus den Gesichtern zu lesen. Aber Sie sind auf dem Wege der Besserung« — fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu. Es klang nicht wie eine Frage, hell strahlten mich ihre Augen an.

»Wieso?!«

»Nun, weil Sie nicht mehr spielen, nicht mehr Ihr Heil von dem stupiden Ding einer Roulettekugel erwarten. Weil Sie sich geschworen haben, überhaupt nie wieder zu spielen. Weil Sie Mut haben wollen und willens sind, all das Verfahrene aus eigener Kraft und mit ehrlicher Arbeit wieder einzurenken!«

Ja, ja, ja ... ich gestand es mit stummem Nicken zu wie ein reuiger Knabe, der sich bessern will. »Mein Fräulein ...«

Nein, dazu hatte ich nicht den Mut — nicht dazu! Es gärte und brütete in mir, vielleicht würde ich den Mut erringen ... wer war ich denn, daß ich solches wagen durfte? Ein bankerotter Mann, der nach Monaco gereist war, um sich dort eine Kugel vor den Kopf zu schießen. Aber ich war ein anderer geworden, ich war geheilt und sie, die Süße, Einzige, mein rettender Engel! Ich bin wieder ein Mann geworden, der neugewonnenen Mutes den Kampf mit dem Leben aufnehmen wird! Ah, wer doch Hand in Hand mit ihr, dem besten Kameraden, in diesem Kampfe stehen dürfte! Welch eine Gefährtin für die Irrsale des Lebens!

Sie war mein rettender Engel gewesen — erforderte das nicht den Gegendienst, daß auch ich ihr eine Rettung anbot? — mein Herz, mein gutes ehrliches Herz als bergenden Hort, wo sie den bittern Harm ihrer Vergangenheit vergessen könnte, — meinen starken Arm, der von nun an all die häßliche Unbill des Lebens von ihr fernhalten würde ...

Es war nach elf Uhr abends. Die Banken waren im Begriff zu schließen, und die Diener schickten sich an, in übereiliger Hast, gerade wie in einem Theater, noch ehe das Publikum den Saal geräumt hat, die kostbaren Möbel der Spieltische mit den grünen Schutztüchern zu versehen. Drei von den Banken waren bereits geschlossen. An einer derselben hielt sie noch stand bis zur letzten Kugel. Nun erhob sie sich, und ich nahte mich ihr mit ein paar begrüßenden Worten, um ihr meine Begleitung nach Condamines hinab anzubieten. Wir durchschritten den ersten Saal, wo noch eine Bank im Gange war, dicht umwogt von aufgeregten Gestalten, die sich einander den Platz streitig machten, um die letzte Chance des Tages zu benützen. Statt der unheimlichen Kirchenstille war hier ein lauter Tumult, den die Stimmen der Croupiers nur mit Mühe übertönten. Da kam jemand aus dem hintern Saal des =Trente-et-Quarante= dahergerast, wohl ein Wahnsinniger: das wüste Gewirr seines Schwarzhaares, die hervorquellenden, lodernden Augen, der stürzende Schritt und die Hände, die verzweifelt in den beiden Taschen seines Jacketts wühlten — dahergerast, auf den Spieltisch zu.

»=Faut gagner ... savez-vous ... faut gagner! ... gagner!=« schrie er mit heiser krächzender Stimme. Rücksichtslos brach er durch die Masse, mit einem Ruck seiner Arme die Spieler zur Seite drängend. Man wich entsetzt zurück.

Und nun, mit dem Oberkörper auf der Tischplatte liegend, streute er mit den weit ausgestreckten Armen Geldstücke, Gold und Silber, aufs Geratewohl aus.

»=Faut gagner ... faut gagner!=« schrie er wie besessen.

»=Rien ne va plus!=« rief der Croupier, und er wiederholte den Ruf nochmals im gebieterischsten Tone. Da sah man den Rasenden eine Gebärde machen, als wollte er jemand mit seinen Fäusten erwürgen — etwa den Croupier dort, der ihm Einhalt gebot und der doch nichts wie seine Pflicht that?

Erschüttert und empört wandten wir uns von solch widerlichem Schauspiel ab. Draußen empfing uns die erhabene Weite eines glänzenden Sternenhimmels, und das Rauschen des Meeres drang wie ein mahnender Gruß aus einer reineren Welt zu uns herauf. Wir hielten unwillkürlich inne, es war ein gemeinsames, hörbares Aufatmen, mit dem wir unsere Brust von dem Alp befreiten.

Dann gingen wir langsam die Rampe nach Condamines hinab. Wir schwiegen, aber mein Schweigen war ein bebender Zorn. Nein, ich darf es nicht dulden, daß diese kostbare Blüte in solchem Pesthauch verkümmert! Nein, ich will und muß sie erretten aus solchen Höllenqualen! Und es muß uns beiden gelingen, ihn, den kranken Vater, von seinem unseligen Hirngespinst zu befreien!

»Mein Fräulein« — begann ich zögernd. »Ich will fort! Ich muß diesen Ort verlassen. Ich kann dies alles nicht länger ertragen. Ich möchte nicht von hinnen gehen, ohne einen Versuch gemacht zu haben, Sie zu erlösen ...« Und mit jedem Worte gewann meine Stimme an Festigkeit. »Sie sind meine Retterin gewesen, ich möchte Ihr Retter sein! Wollen Sie — mein — Weib werden? ..«

Ich hatte in einem Sturm ihre Hand erfaßt. Sie zuckte in der meinen, aber sie entzog sie nicht.

»Ich bin nichts« — fuhr ich fort; »vor wenig Tagen war ich ein Verlorener. Sie haben mich mir selbst zurückgegeben. Ich bin nichts, aber mit Ihnen vereint, werde ich wieder alles sein. Wir werden mit vereinten Kräften dieser häßlichen Lage Herr werden. Es wird alles gut, wollen Sie mein Weib werden?.. wollen Sie ...«

Sie blieb stehn. Ihre Augen weiteten sich, und ihr nach vorwärts ins Leere gewandter Blick erstarrte. Ihre geöffneten Lippen bewegten sich — aber kein hörbares Wort kam über dieselben. Nun entwand sie mir langsam ihre Hand. Nun schlug sie die Hände gegen das Gesicht, suchte für die Ellenbogen einen Halt auf der steinernen Balustrade, und das Antlitz fest in die Hände gepreßt, blieb sie regungslos. Nur das Stürmen ihres Atmens.

»Helene ... Ich liebe Sie, Helene! Ach, wie ich Sie liebe! Sie sollen glücklich werden, wie Sie es verdienen! Ich schwöre es bei diesen Sternen, daß ich Sie glücklich machen will ...«

Langsam senkte sie die Hände. Ihr starrender Blick blieb geradeaus in die Weite gerichtet. Hinter dem Felsen von Monaco war der Mond im Aufgehen, und trotzig, gewaltig, in schwarzer Silhouette zeichnete sich dieser Felsen gegen die silbern heraufdämmernde Helle. Ein fahler Schimmer, der Abglanz des Sternenhimmels, bedeckte die See, doch in greller Weiße leuchtete der Schaum der Brandung herauf.

Nun löste sich die Starrheit in ein stummes, langsames, verneinendes Wiegen des Kopfes. Tonlos kamen die Worte über ihre Lippen:

»Sie sind gut. Ich danke Ihnen, o, ich danke Ihnen! Ich weiß, ich wäre glücklich geworden an Ihrer Seite. Wollen Sie sich an diesem Bekenntnis genügen lassen? — anderes kann nicht sein — es darf nicht sein! Kommen Sie!«

Dann nach einigen Schritten fuhr sie in derselben dumpfen und tonlosen Weise fort, ohne mich anzusehen:

»Ich habe meiner Mama auf ihrem Sterbebette das Versprechen gegeben, daß ich den Vater nicht verlassen will, daß ich ihm eine Hüterin und Helferin durch das Leben bleiben will —« Und da ich stutzte: »Daß Sie ihr, der Verklärten, solches nicht zur Last legen! Ich gab das Versprechen freiwillig, um ihr über die Qual der letzten Stunde mit solchem Trosteswort hinwegzuhelfen. Aber wenn ich ihr es auch nicht in Worten gegeben hätte, hier im Herzen stand das Gelöbnis fest —«

»Sie sollen und dürfen ihn auch nicht verlassen! Wir würden beide gemeinsam seine Tage behüten.«

Wieder wiegte sie verneinend den Kopf.

»Es war eine unselige Stunde, die mich zu solchem Gelöbnis trieb. Man muß barmherzig sein. Er befand sich damals vor dem Nichts, und die höchste Verzweiflung hieß ihn die Pistole von der Wand herablangen .... Sein Name, sein alter, ehrlicher Name, der zusammenbrach, und Weib und Kinder, die er in die Tiefen des Ruins mit hinabriß! ...«

Ich zuckte zusammen. Wie ich mich schämte! Wie ich mich jener Stunde meines Lebens schämte, da auch ich, wenn gleich nur mit den Augen und den Gedanken, nach einer gewissen Pistole langte. Und ich war doch jung und wollte mich feige davonschleichen, gerade da das Leben mich zum Kampfe entbot!

»Man muß barmherzig sein —« wiederholte sie. »Er war krank damals. Vielleicht ist er es jetzt noch. Man muß Geduld haben. Vielleicht kommt dennoch ein Tag wo er von diesem unglückseligen System geheilt sein, wo er der Hölle den Rücken wenden wird. Er mag sehr ferne sein. Noch ist gar kein Ende abzusehn. Und ich fürchtete fast für dies Ende.«

»Wir werden ihn gemeinsam zu heilen suchen. Friede soll ihm beschieden sein, auch das schwöre ich Ihnen ...«

»Halten Sie ein ... nicht das! Es müßte ein Wunder geschehn, das ihn so bald zu heilen vermöchte. Nicht das! Sie gehören dem Leben an, und das Leben verlangt von Ihnen den ganzen Mann. Alles das würde Ihnen Fesseln anlegen. Sie müssen fort! Wir werden uns nicht wiedersehen. Es darf nicht sein! — Leben Sie wohl, lassen Sie mir die Hoffnung zurück, Sie siegreich aus dem Kampfe hervorgehen zu sehen ....«

Sie blieb stehn, und mir mit der leuchtenden Klarheit ihrer wundervollen Augen voll ins Gesicht sehend, reichte sie mir die Hand wieder wie damals, ein Kamerad gegen den andern:

»Versprechen Sie mir, daß Sie tapfer sein wollen ...«

Ich ergriff die Hand mit meinen beiden Händen.

»Tapfer sein und das kostbarste Kleinod zu erringen suchen!« rief ich flehend. »Helene, Einzige, Geliebte ... Ich will Geduld haben, ich will mir an Ihrer Engelsgeduld ein Vorbild nehmen! Es muß noch alles gut werden!«

»Sie werden verkommen, Sie werden verderben unter der Qual dieser Geduld!« rief sie. »Sie werden es nicht ertragen, für Jahre, auf die Ungewißheit eines Endes hin, das, was Sie lieben, an den Spieltisch gebannt zu wissen. Leben Sie wohl! Sie gehören dem Leben an! Darf ich zum Abschied eine Phrase sagen, die keine Trivialität ist in diesem Falle: Es hat mich von Herzen gefreut, Sie kennen ge ...«