Chapter 8 of 20 · 3929 words · ~20 min read

Part 8

Wie ein körperlich schwerer Schatten fiel es über mich, als ich unsere Hausthür durchschritt und das zum Frösteln kühle Treppenhaus hinanstieg. Es war so still in der Wohnung, und meine Tritte knarrten hart und aufdringlich, aber eine andere Stille als jene voll Freude vibrierende, die dem letzten Kanonenschuß gefolgt.

Emmy erhob sich von ihrem Lieblingsplatze dort in dem von Gewächsen und Blumen gefüllten Erker — führte sie nicht selbst, die Kinderlose, solch eine Art Blumendasein? Ihre Arbeit in der Hand, schwebte sie auf mich zu, mit einem feinen Lächeln des Willkomms; um ihr goldblondes Haar flimmerte das Tageslicht, und ihre großen dunklen Augen strahlten mir entgegen.

»Du kommst heute etwas früher, Kurt?«

Ach, ihre liebe Stimme, die mir wie eine Rührung zum Herzen drang! Und ich umarmte sie lange, länger und inniger als sonst. Als sie ihr Köpfchen von meiner Schulter erhob, glaubte mein argwöhnischer Blick zu bemerken, daß ihre Augenlider gerötet waren — gewiß hatte sie geweint, und — — »deshalb!«

Aber kein Wort davon, bis wir an unserm Mittagstische saßen. Noch nie war mir diese Tafel so ungeheuerlich groß erschienen; die Aussteuer hatte wohl auf ganze Reihen kleiner Gäste gerechnet; wie verloren kamen wir uns vor, wenn wir so die eine Ecke besetzt hielten, und die weiten Flächen des Tischtuches sich in schneeiger Einsamkeit vor uns breiteten — ja heute schien die Tafel sich noch besonders gereckt und gedehnt zu haben.

Ich nahm mir Mut und sprang offen gegen das Thema an: »Du hast doch den Kanonendonner gehört, Emmy, mein Liebling?«

Sie nickte: »Ein Prinz, ich weiß — der erste ist kaum ein Jahr alt —«

Sie gab sich Mühe, die Freude zu heucheln mit ihrem erzwungenen Lächeln. Wie süß sie aussah! wie köstlich sie blühte in ihrer Gesundheit, in ihrer von keinem Hauch getrübten Schöne! Eine Art Zorn flog mich an, und zwischen den Zähnen drängte ein leiser Ruf hervor, der fast wie eine Drohung klang, eine Drohung gegen das Schicksal .... Ich faßte ihre weiße warme Hand und preßte sie: »Na nimm dir es nicht zu Herzen, mein liebes, armes Weibi —«

»Arm« hatte ich sie genannt! Gewiß war sie arm, einsam und arm trotz meiner Liebe — wiesen nicht die Finger der ganzen Verwandtschaft auf diese Armut hin? Das Wort hatte sie getroffen, in ihren Augen schwollen Thränen, und der letzte Zwang des Lächelns verzitterte um ihre Lippen.

Ich war aufgestanden und hielt ihr schluchzendes Köpfchen in meinen Händen: — »Eine Dummheit! Eine Lächerlichkeit! I was werden wir uns das so zu Herzen nehmen! — komm, komm her! — ich hab’ dich lieb, du liebst mich! — wir beide, ach wir beide! — ist das nicht genug?«

Sie wehrte leise, mit einem Wiegen ihres Kopfes, und schluchzend brach ihr lange verhaltener Schmerz hervor. O sie hatte es längst gemerkt, wie sie bei unserer Familie nicht für voll angesehen würde — »deswegen!« Papa und Mama und Tante Eckberte hatten ja nur einen Gedanken — — »den!« Sie wäre ihnen allen die bitterste Enttäuschung! Und es würde nur noch schlimmer werden, je mehr die Aussicht schwände. »Du selbst, Kurt, — du sollst sehn — du selbst wirst mich zuletzt nicht mehr lieb haben!«

»Wa—a—as?!« Ich lachte hell und übertrieben kräftig auf.

»Du bekommst es auch einmal satt, fort und fort auf den Vorwurf bei den Deinen zu stoßen —« schluchzte sie weiter.

»Na, du Närrchen, wer sagt denn, daß wir diesen Vorwurf nicht noch eines Tages tüchtig zu Schanden machen.« Ich zählte ihr verschiedene Fälle aus unserm Bekanntenkreise auf. »Und nun komm! Wir müssen uns selber verlachen wegen unserer Thorheit! Und sag’ einmal, Liebling, Weibi, ist das wohl patriotisch? Geschwind nimm dein Glas! Statt anzustoßen auf das Wohl unseres jüngsten Prinzen, sitzen sie und jammern und verzagen! — da soll doch gleich ....«

Und ich ergriff mein Glas und hielt es gegen das ihre; zögernd nahm sie das, und das anstoßende Krystall gab einen hellen, freudig klingenden Ton.

»So ist’s recht! Und nun kein Wort mehr davon! Ich hab’ dich lieb — du hast mich lieb — von einer Chimäre laß’ ich mir meine Liebe nicht über den Haufen werfen! Auf die Gesundheit also des kleinsten aller Königlichen Hoheiten!«

Durch ihre Thränen lächelte sie innig, während der Wiederschein des goldgelben Rheinweines wie Sonnenlicht über ihre Züge flimmerte. —

Ein Jahr darauf kam ich zufällig über den Opernplatz nach dem Schloß zu, als gegen die Museumsseite des Lustgartens sich Auflauf und Gedräng bemerkbar machte. Was fragte ich noch? — es war jährig! es war wieder Juli! — natürlich ein neuer Prinz! Soeben ist die Artillerie dort am Anfahren, um auch diesem Sproß am kräftigen Hohenzollernstamm den hundertfach dröhnenden Willkommgruß zu entbieten.

Da packte mich ein lächerlicher Zorn. Jetzt ins Kontor? Nimmermehr! Damit mir Papa abermals wie im vorigen Jahr auf die Schulter tippt, mit seinem höhnischen »Numero Drei, mein Junge!« Abermals soll ich die Qual von hundert und ein Kanonendonnern wehrlos ertragen, jeder Schlag eine Mahnung und ein Verweis. Schießt Ihr, so viel Ihr wollt, ich mach’ mich davon ....

Hüpfte also eilends in eine »Erster« und befahl dem Kutscher, die Linden herunter zu jagen — wohin? — nun einerlei, nach dem Tiergarten zu, tief in den Tiergarten hinein! Der Kerl auf dem Bock blickte mich unter dem Lederrand seines Hutes etwas verwundert an: ich wollte mich doch nicht etwa totschießen dort im Gebüsch — und so eilig?

Aber die Kanonenschüsse waren schneller als mein Droschkengaul. Jetzt schütterte der erste Donner durch die Luft. Die Leute auf dem Trottoir blieben stehn und horchten, andere nickten, die wußten schon — wieder breitete sich der freudige Schein über die Gesichter, wieder bekam das Grün der alten Linden ein so festliches Ansehen. Und Schuß auf Schuß mir nachjagend in den Tiergarten hinein, ja dort in der Waldesstille hallte es erst recht deutlich über den Wipfeln. Umsonst dieser Qual zu entfliehen!

Vielleicht war es nur eine Prinzessin, und das Geschieße hatte bald ein Ende. Da wandte mein Kutscher seinen breiten Rücken ein wenig herum und warf über die Schulter die Bemerkung hin: »Is schon wieder’n Prinz — dacht’ ick mir doch!«

»Wieso? haben Sie gezählt?« rief ich dagegen, und meine Stimme mochte wohl die Erregung nicht verbergen.

»Ick wußt’ schon, auch ohne zu zählen — bei’n Prinzen Wilhelm is det schon nich’ anders. Jedet Jahr eene Nummer — lauter Jungens! —«

»Fahren Sie um den See herum zurück!« befahl ich. Hatte ich wohl nötig gehabt, in den Tiergarten zu entfliehen, um mir den Prinzen Wilhelm als ein vorbildliches Muster auftrumpfen zu lassen? Das hätte ich auch im Kontor haben können!

Doch der Schreckliche dort auf dem Bock ließ nicht nach. Der Kanonendonner reizte seinen eignen Vaterstolz; nach einer Pause wandte er sich abermals herum: »Stücker acht hab’ ick och. Nich lauter Jungens, Mächens müssen och sind. Det wird Prinz Wilhelm och insehn dhun, und det nächste Jahr um die Zeit, wann sie wieder knallen, da können se wat mit’s Pulver sparen — nu is en Mächen dran.«

Genug! Welche Aussicht! Ich fürchtete damals, der Mann möchte recht haben mit seiner Prophezeiung der Prinzen-Serie. »Jedet Jahr ene Nummer ....« Jedes Jahr wohl ungefähr um diese Zeit würde ich mir meine eigne Kinderlosigkeit mit Kanonengeknall vorwerfen lassen müssen! Es war zu viel! Ich gab dem Kutscher die Adresse unserer Firma an — ich wollte hin, mich an das Pult setzen und dem Angriff von der anderen Seite energisch stand bieten — ich wollte mir dergleichen Anspielungen und Trümpfe ein für allemal ernstlich verbitten.

Unterwegs aber stellte sich mir immer deutlicher die vorigjährige Scene an unserm Mittagstische dar. Mein armes Weibchen — diesmal würde sie noch ganz anders unter dem alle Poren des Hauses durchdringenden Kanonendonner gelitten haben! Denn die unselige geheime Gegnerschaft, die sich innerhalb meiner Familie gegen sie gebildet hatte, war im Laufe dieses Jahres noch gewachsen. Es klingt grausam, dennoch muß ich die alten Leute nicht ganz ohne Verteidigung lassen. Meines Vaters Stammesbewußtsein litt unter der Aussicht, daß unsere Familie ganz verlöschen müßte; die Firma, die alte, angesehene Firma, die den Wandlungen von Jahrhunderten zu trotzen schien, so fest war sie gegründet, sollte in absehbarer Zeit an andere Namen und Menschen übergehen — die fixe Idee dieser enttäuschten Großvaterhoffnungen war in ihrer Beharrlichkeit wohl erklärlich, mußte sie nicht im Gegenteil immer mehr an Schärfe und Bitternis zunehmen? Die ganze Familie war zuletzt auf diesen Ton gestimmt, die Sticheleien mehrten sich, immer deutlicher die Anspielungen, immer häufiger die Verstimmungen zwischen uns Verbrechern und dem Gros der andern Partei. Unser Argwohn lauerte auf Schritt und Tritt der neuen Demütigung. Ja, als eine andauernde Kränkung empfand es meine gute Frau. Sie hatte recht gehabt: man sah sie nicht für voll an in unserer Familie; allerlei dumme kleine Geschichten, die vor unserer Ehe gespielt und die das entsetzliche liebe Mein und Dein betrafen, wurden ausgekramt, von neuem wurde an ihrer Mitgift gemäkelt und die Standesgemäßheit meiner Heirat, über die der Adel einiger Hunderttausende von Mark zu entscheiden hatte, abermals auf die Wagschale gelegt. Zwar nicht vor unsern Augen, doch der Klatsch wisperte uns dies und das ins Ohr, die Dinge natürlich vergrößernd.

Unsere Besuche hatten sich mehr und mehr auf festliche Gelegenheiten eingeschränkt. Da unterstanden wir aber auch um so erbarmungsloser dem Gemäkel und der Kritik der ganzen Verwandtensippe. Ein böses Wort wurde mir zugeraunt: man hätte sich an maßgebender Stelle geäußert, meine Frau wäre unbedeutend, eine schöne Puppe, die aber nichts bedeutet. —

Emmy war unter der Last ihres Verbrechens immer stiller geworden, sie hatte fast ihre alte herzige Fröhlichkeit eingebüßt, wenigstens ihnen gegenüber. Gewiß lag die Acht meiner Familie wie ein böser Bann auf ihrem Herzen — kein Wunder, daß die Kritik ein wenig recht bekam! Freilich bedeutete sie nichts, da sie der Firma keinen Nachfolger geschenkt — eine Mutter zu sein, ist stets ein Verdienst! »Unbedeutend« — ein schlimmer Hieb für einen Ehemann, der in seiner Frau den Ausbund aller äußeren und seelischen Vorzüge anbetete!

Wie immer blieb etwas von solcher Kritik als ein schmerzlicher Stachel hangen. Auch unser schönes intimes Glück bekam von Zeit zu Zeit einen häßlichen Hauch. Eine bange Ahnung beschlich mich zuweilen: — sollte unserer Liebe und unserm Frieden eine Gefahr drohen? Hatte sie mich nicht vor Jahresfrist gewarnt: »Zuletzt wirst du selbst mich nicht mehr lieb haben, Kurt —«

Eine ungeheure Angst erfaßte mich plötzlich. »Nicht Markgrafenstraße!« rief ich dem Besitzer der Acht, »aber nicht lauter Jungens,« zu. »Fahren Sie Kurfürstenstraße!«

Der lederne Kutscherhut reckte sich kurz auf mit der stummen Bemerkung, was es doch für Käuze gäbe unter den Fahrgästen; dann in einer equipagenmäßigen Kurve lenkte das Gefährte zur Seite, um den Kanal entlang nach meiner Wohnung zu rollen.

Wie ich es geahnt — meine Frau in Thränen! Und welch eine schluchzende Bitternis, die sich weder durch mein ärgerliches und einen Hohn heuchelndes Lachen, noch durch meine Liebkosungen beschwichtigen lassen wollte. Sie mochte kurz vor mir nach Hause gekehrt sein, das Capotehütchen saß ihr noch auf dem Kopf, die Handschuhe lagen in der Hast abgestreift auf dem Teppich. Auf der Straße hatte der Kanonendonner sie wohl überrascht, und all das im Laufe des letzten Jahres angesammelte Leid brach nun in einer Flut von Thränen aus. Aber immerhin eine Lächerlichkeit — Gott wie oft muß man das betonen und beschwören!

Es war etwas anderes, schlimmeres, wie sie mir endlich schluchzend gestand. Sie hatte also ihrer Schwiegermama einen Besuch abgestattet, einen rücksichtsvollen Mußbesuch, den sie der alten Dame längst schuldig gewesen. Auch Tante Eckberte war zufällig anwesend; und dort, mitten in das Gespräch, war der Kanonendonner hineingefahren. Emmy wußte sofort, und das Blut war ihr heiß zu Kopf geströmt. Der Wind mußte so stehn, daß das Gedonner ganz nahe klang — »Der neue Prinz!« rief Mama nach dem dritten Schuß. Tante Eckberte in ihrer nervös beweglichen Art war ans Fenster getrippelt, um nur ja nichts von den kostbaren Tönen zu versäumen — »na aber so was!« kicherte sie wie in kindlicher Freude, und bei den nächsten Schüssen schlug sie die Händchen zusammen vor Entzücken.

»Prinzeß Wilhelm, das ist eine Natur! alle Wetter! (sie scheute sich nicht, ihre innere Kraftart durch ein gelegentliches kleines Flüchlein zu beweisen). Und schon das dritte! Natürlich wieder ein Junge! — die Schüsse klingen schon so, als ob es ein Prinz wäre.«

Jetzt erschien auch Papa in der Thüre. Nur ganz kurz: »N’tag, Emmy, wie geht’s dir?« Und dann gleich losfahrend in seinem auftrumpfenden Enthusiasmus: »Was sagt ihr nun? Nummer drei! Das ist ja wundervoll! — das ist ja geradezu verblüffend! — bumm!«

Darauf eine Pause, während der die drei Alten mit Blicken und Nicken und Ausrufen und signalmäßigen Bewegungen ihr Entzücken austauschten. O ich konnte mir die Scene genau vorstellen, es bedurfte nur Emmys Andeutungen! Hatte sie nicht dort vor ihnen gesessen wie eine eines Verbrechens Angeklagte? Am liebsten wäre sie dem schrecklichen Kanonendonner und den noch schrecklicheren Bemerkungen entflohen, aber ihr Urteil mußte ja doch erst deutlich gesprochen werden!

»Na freust du dich denn nicht auch, Emmy?« fing Mama an.

Gleich nachdem Papa: »Wir werden ja nun wohl verzichten, nicht wahr? — Das Beispiel da zieht eben nicht — na ich weiß, du kannst ja nicht dafür, aber ....«

Was denn »aber«? Nun sie verlangten ja wohl, daß sich das arme Frauchen auch duckte wie eine Verbrecherin — man mochte ihr nicht verzeihen, daß sie ihren Sinn trotzdem stolz und hoch aufrecht hielt, wie es ihrer prächtigen Art entsprach.

Tante Eckberte aber gab den Trumpf: »Ich werde also meinen Namen unbenutzt mit ins Grab nehmen — niemand ist da, der ihn haben will! Wenn mir doch wenigstens der Gefallen geschähe — aber so!«

Dann mit einem listig-anzüglichen Blinzeln ihrer klugen Äuglein, zu Papa gewandt: »Du, Franz, ich habe mich also entschlossen, daß nach meinem Tode der Lützowplatz endlich geräumt wird — ich werde in meinem Testament dafür sorgen.«

Ich kann mir die Wirkung auf meinen Vater und meine Mutter denken. Wie sie in sich zusammensanken vor Schreck und sprachlos das unsichtbare Wort »Testament« anstierten. Tante Eckberte’s Testament — ein Popanz, der von Zeit zu Zeit in unserer Familie auftauchte, um allerlei Verstörungen darin anzurichten. Die schrullenhafte alte Dame gefiel sich darin, da sie diese Wirkung kannte, das Schreckmittel bei angemessenen Gelegenheiten spielen zu lassen. Es gab allerlei Stiftungen und Verwendungsarten, auf die das ominöse Testament hinzielte — »mein Geld will von euch ja keiner! — ja wenn Kurtens (das waren wir) Nachkommen hätten, da braucht’ ich mir nicht meinen alten Kopf zu zerplagen — aber so!«

Diesmal war es also der Lützowplatz. Man kennt diesen Schandfleck Berlins, ein herrlicher, zu einem eleganten Schmuckplatz mitten im vornehmen Westen wie geschaffener Raum, den aber das Besitzrecht eines Finanzkonsortiums in einer allem Geschmack hohnsprechenden Weise ausnutzt, indem es ihn an Kohlenhandlungen vermietet und allerlei hökerhafte Wirtschaften dort duldet. Tante Eckberte war eine Anwohnerin dieses Platzes; gewiß wäre ihr Andenken ein gesegnetes gewesen im ganzen Westen, ja in ganz Berlin, wenn sie dem unausstehlichen Zustand ein Ende gemacht — freilich auf Kosten von uns andern Erbberechtigten.

Es war zu viel! Die Luft war so überladen mit Anzüglichkeitsstoff, und der Schall des Kanonendonners schien die feindliche Stimmung zu vermehren — noch ein paar ähnlich spitzige Bemerkungen, dann fand es Emmy für geratener, das Feld zu räumen. Sie that es mit einem bösen, häßlichen, nicht ganz pietätvollen Wort, das ihnen die unerhörte Grausamkeit vorwarf. Hier erst, im eignen Hause, brach der ganze Jammer los: — ist sie nicht das unglücklichste Weib auf der Welt? Sie will nie wieder das Haus meiner Eltern betreten! Sie hat nun genug all der Kränkung! Und erneutes Weinen und Schluchzen. Vergeblich suchte ich sie zu beschwichtigen: ich wollte mit Papa und Mama ein ernstliches Wort reden — es ist nur die Schrulle! — sie können doch nicht im Ernst ihr und mir ein Verbrechen anrechnen!

»Thun sie aber, Kurt!« schluchzte Emmy. »Es kommt noch viel schlimmer! Sie werden mich ganz verdrängen! Sie werden nicht ruhen, bis ich abgereist bin! Ich bin ja nichts — ich bin keinen Kanonenschuß wert — laß mich — ich will fort — ganz fort von hier — es soll mich niemand wiedersehen!«

Ein Anfall, den ihr meisten von uns Ehemännern wohl kennen möget. Doch kein noch so wohlgemeintes Hohnlachen und keine Zärtlichkeit half dagegen.

Hatte sie mich nicht in dies Verbrechertum gestürzt? Nein, sie wollte nicht schuld sein, daß ich selbst den Herzen der Meinen entfremdet würde! Wenn es so weiter ginge, so liefe ich noch Gefahr, enterbt zu werden, und andere schlimme Dinge.

Ich schlug unsanft genug mit der Hand auf den Tisch, daß die Gegenstände darauf hüpften: »Einerlei, mag kommen, was will — ich geh’ hin! — ich will mich aussprechen! — ich will doch sehn, ob ich dieser Lächerlichkeit nicht Herr werde!«

Eine Stunde darauf befand ich mich im feindlichen Lager, das in großer Erregung war. Emmy hätte sie, die alten Leute, beleidigt.

»Sie wird Abbitte thun deswegen!« fuhr ich heraus — »aber man wird sie nicht ferner quälen! — und mich nicht!«

Wo und wann hätte jemand irgend eine Anspielung gemacht? Ist jemand schuld daran, wenn sich alljährlich Kanonen aufpflanzen, um Prinz Wilhelm einen neuen Jungen anzuschießen? Nie und nirgends wäre auch nur die Spur eines Vorwurfes gefallen — Emmy’s und mein argwöhnischer Sinn sähen Gespenster. Ja, fühlten wir uns denn schuldig? »Enttäuscht sind wir alle ein wenig — aber daran gewöhnt man sich — nicht wahr, Eckbertchen?«

»I, was werdet Ihr Euch echauffieren — deswegen!« meinte Tante listig — »ich kann den Lützowplatz ja immer schon als Kinderspielplatz einrichten lassen inzwischen ....«

Das »inzwischen« brachte uns alle zum Lachen. Sie also hielt an der Hoffnung fest, die gute, brave Polterin — mit dem Lützowplatz war es also nur ein Scherz gewesen! Sie wehrte sich gegen diese Auffassung, aber der Friede war gemacht. Wir wollten uns künftig nicht mehr das Leben verbittern, es sollte keine Anspielung fallen »inzwischen« — nicht einmal, wenn Prinz Wilhelm im nächsten Jahr abermals schießen lassen würde.

»Was unfehlbar eintreffen wird!« rief der unverbesserliche Papa. —

Was aber nicht eintraf, nicht in diesem und nicht im nächstfolgenden Jahre, wie ihr alle wißt. Aber auch die Hoffnung, die von uns wie von der gegnerischen Seite in Tante Eckberte’s bedeutungsvolles »inzwischen« gesetzt worden war, ging ebensowenig in Erfüllung. Weiter warteten wir vergeblich, daß sich das Rauschen von Storchflügeln über unserm Dache vernehmen ließe. Und eine stille Resignation bemächtigte sich unser: sollten wir deshalb mit Harm in die Zukunft schauen, oder uns gar unsere kostbare Liebe gefährden lassen?

Das Verhältnis zu unsern Eltern hatte sich nach jenem Gewitter am Geburtstag Sr. Königlichen Hoheit des Prinzen Adalbert leidlich freundlich gestaltet. Wenigstens im äußeren Verkehr. Eine rührende und thränenreiche Scene schien den unheimlichen Bann gebrochen zu haben, und das Schwiegertöchterchen war zu Gnaden und Frieden aufgenommen worden. War es nicht besser, daß wir gemeinsam an unserer aller großer Enttäuschung trugen und uns gelegentlich in offenen Worten darüber ausließen?

Doch alles das nur ein Waffenstillstand! Von Potsdam her, wo Prinz Wilhelms junges Familienglück eingenistet war, zog ein neues Gewitter gegen uns herauf. Schon im Sommer des Jahres 1886, bei der ersten interessanten Nachricht, die vom Marmorpalais her ins Publikum drang, glaubten wir die Luft vom Kanonendonner erzitternd. O wir hatten uns wohl, auf die längere Pause vertrauend, zu vorzeitig in unsern Frieden gewiegt! Nun brach die alte Unseligkeit von neuem los.

Nicht, daß im gegnerischen Lager auch nur eine Andeutung gefallen wäre, die uns allarmiert hätte. O nein — vollkommenes Schweigen von jetzt ab, eine Art Abkommen, daß von der neuen Prinzenhoffnung kein Spürchen erwähnt werde. Das aber gerade war’s! Gerade in diesem Schweigen ließ sich der gespenstische Kanonendonner um so deutlicher und unheilvoller vernehmen. Er würde gegen den Winter hin immer lauter heraufschwellen — um Ruhe und Gemütlichkeit dieser Saison wäre es geschehen! Wir ahnten, wir wußten, daß eine neue Katastrophe bevorstände. Papa würde nicht an sich halten, und die altjüngferliche Schadenfreude der alten Tante Eckberte, die mit listigem Äugleinzwinkern das Thema an seiner empfindlichsten Stelle anfassen würde! Welch neue Qualen standen uns bevor!

Nervös — nun ja, wir schwelgten beide förmlich in dieser Modekrankheit, und sie verbitterte uns unser schönes, stilles, heiteres Eheglück. Zum Teufel! wegen einiger Dutzend Kanonenschüsse, die in vielen Wochen vom Lustgarten heraufdonnern sollten ... Wir waren närrisch! ach, wir waren damals durchaus keine Helden!

Und diesmal mitten im Winter! Im Sommer hätte man dem Geknall entfliehen können und der unausbleiblichen Katastrophe im Elternhaus. Wir hätten uns durch Berge und Wälder dagegen schützen können; nun aber galt es auszuharren und die Narretei nicht gar zu weit zu treiben.

Ach, auszuharren! Zufällig fiel meine offenbare und vom Arzt beglaubigte Nervosität mit einer gewissen Krisis zusammen, die über unserm Geschäftsverkehre wetterleuchtete. Papa und ich, wir vermochten uns diesmal nicht wie sonst immer über die einzuschlagenden Maßnahmen zu einigen. Diesmal war er es, der gewisse kostspielige Neuerungen vertrat, während ich in hartnäckigem Eigensinn meine Hand zu solchen Extravaganzen, wie ich es nannte, nicht bieten wollte. Da gab es Streit und Widerstreit und heftige Erörterungen von einer Seite unseres gemeinsamen Doppelpultes zur anderen. Und über all dem Zwiespalt das unheimliche Kanonendonnern, das näher und näher rückte.

Zuletzt eine Explosion! Aus einem mißstimmigen Schweigen platzte Papa eines Morgens plötzlich hervor: »Ich weiß wirklich nicht, Söhnchen, für wen ~du~, gerade ~du~ sparen willst —« (das »du« doppelt und dreifach unterstrichen!) und einen gewissen zwinkernden Seitenblick des mit kurzen, grauen, borstigen Härchen bedeckten Kopfes nach mir hinüber; ein gewisses spöttisches Zucken um die bartlosen, aber stets glänzend glatt rasierten Lippen, dazu das dreifach unterstrichene »du!« Es brachte mich außer mir, und innerlich schnellte etwas in mir auf.

»Das brauchst du mir nicht gerade heute vorzuhalten, Papa —« drückte ich mit einer Anstrengung, ruhig zu bleiben, mühsam genug hervor. »Ich dächte, das hätte noch Zeit bis zum Januar —«

»Wieso Januar — was meinst du damit?«

O, er verstand durchaus nicht! Er hatte ja beileibe keine Anspielung »darauf« gemacht!

»Na, zum Januar ist das Schießen wieder fällig, da kann es ja von neuem über uns losgehen, über mich und meine Frau —«

»Höre Kurt, du bist krank, du siehst Gespenster — das verbitte ich mir, daß du unser Gerechtigkeitsgefühl antastest! Ist die ganze Zeit über auch nur ein Wort gefallen — darüber?«

»Allerdings nicht — kein Wort! Aber eure Mienen — euer Schweigen! Meinst du, wir wären blind und taub?«

»Na, nun soll doch gleich —« und mein Vater schlug mit aufbrausendem Erstaunen auf einen Pack Papiere, daß es einen klatschenden Lärm gab.

»Hör’ mal, du bist krank, du bist — du bist —« und das richtige, dazu passende Wort abwehrend, fuchtelte seine flache Hand in der Luft.

»Na, sag’ es nur gleich heraus, was du meinst, Vater. Gewiß bin ich im Begriff — das zu werden! Und wer ist daran schuld? — Ihr! Ihr! — Ihr!«

»Da soll aber doch gleich —« der Alte sprang von seinem Drehschemel, kletterte mit hilflosen Gebärden wieder darauf, schlang seine Beine um das Schemelbein und schnappte nach Luft — »wir sollen schuld daran sein, wa—a—as?«

Und ein Staccato von heisern, kichernden Lachtönen.

»Nächstens könnt Ihr es uns ja wieder auftrumpfen,« zischelte ich — »nächstens läßt Prinz Wilhelm ja wieder schießen —«

»Und wir werden uns von Herzen darüber freuen! Das ist gute Preußenpflicht! Am Ende gar ist Sr. Königliche Hoheit Prinz Wilhelm schuld daran — die Geschichte wird immer besser! — hör’ mal, wenn du solche Angst vor dem Freudenschießen hast, so mach’ dich doch davon! Eine kleine Luftveränderung würde deinen Nerven gut thun.«

»Thu’ ich auch! Wird sie auch!« rief ich in sprühender Erregtheit, und mit einem lautschallenden Puff schlug ich das große Buch vor mir zu; von dem Winde wirbelten einige lose Blätter in der Stube umher.

»Deine Neuerungen mach’ ich ohnedies nicht mit, Vater! Such’ dir einen andern Beirat!«