Part 9
Noch ein paar aufprallende Redensarten hin und her. Und ein scharfes, spitziges Wort, mein armes Weib betreffend, eine Grausamkeit, die ich Papa nie und nie zugetraut — dann war es genug! Ich verließ das Pult und die Stube, um für lange Zeit, vielleicht für immer, nicht mehr dorthin zurückzukehren. Alle Vermittelungsversuche von Mama und Tante scheiterten an meinem harten Sinn. »Luftveränderung — nun gut — Ihr sollt sie haben — wir reisen also!«
Übrigens hatten wir ja darin eine Unterstützung durch den Arzt, der längst schon einen, wenn auch nur kurzen Ortswechsel für »unsere Nervosität« in Vorschlag gebracht. Auf also und fort! — glaubt ihr wohl, daß ich närrisch genug war damals, mich wie ein Kind zu freuen, weil ich auf irgend eine Weise von dem Kanonendonner des neuen Prinzen erlöst sein sollte?
Und wir flohen, weit, recht weit, bis jenseits des Meeres, bis an den Rand der Wüste — mochten sie nun donnern, soviel sie wollten am Lustgarten, wir waren in Sicherheit!
Dennoch sollten wir auch in solcher Ferne nicht ganz verschont bleiben. Die unseligen Telegraphen und ihre meerdurchspannenden Kabel! Es war am Abend des 29. Januar 1887; wir waren gerade von einem Ausflug nach den Pyramiden zu unserm vorzüglichen Hotel Shepherd in Kairo zurückgekehrt, als das bedeutungsvolle Telegramm mitten in die Table d’hôte einschlug. Natürlich ein Anlaß für feierfrohe Deutsche, die Sektgläser schäumen zu lassen! Welch eine Ironie: wir, die wir mitten darunter saßen und uns nicht auszuschließen vermochten und gezwungen waren, mit unsern Gläsern einzustimmen in den patriotischen Jubel: — »Hoch der neue Prinz!« Und welch eine schalkige Stimmung: »Hurrah, die Nummer 4! Hurrah das drittel Dutzend junger Hohenzollern!«
Am Spätabend jedoch, nachdem wir wider Willen mitgelacht und mitgejubelt in der mutwillig heiteren Gesellschaft, gab es im Hotel Shepherd auf einem gewissen Zimmer eine seltsam stumme Rührungsscene zwischen zwei gewissen Ehegatten. Kein Wort über die Nummer 4 — keinerlei Anspielung, nur ein langes, lautloses Umarmen: schämten sie sich nicht ein wenig die beiden Leutchen, ob ihres Kleinmutes, ihrer Narretei, ob ihrer lächerlichen Flucht ...
Wie mochten wohl unsere Alten da oben in Berlin das Ereignis verbracht haben? Der Gedanke daran fiel mir schwer aufs Herz. War es nicht das einfachste, den Groll und Zwist hier im Wüstensande zu begraben und die Rückreise anzutreten? — Damit uns binnen Jahresfrist der Kanonendonner von Numero 5 aufs neue davonjagte ....
Nein, meine Nerven waren noch lange nicht wieder in Ordnung! Und mein Starrsinn nahm also die Gelegenheit wahr, eine sehr günstige Stellung, die sich mir bei einer großen Handelsgesellschaft in Alexandrien bot, nicht auszuschlagen. Wer weiß, was sich vielleicht in Jahr und Tag geändert haben würde!
Freilich gab es gewaltige Änderungen droben in der Heimat. Über dem Hohenzollernhause zog sich das verhängnisvolle Wolkendunkel zusammen; in banger Erwartung, zwischen Furcht und Hoffnung, lauschten die Herzen aller Deutschen nach San Remo hinüber, wo sich die grausam bittere Tragödie des edlen fürstlichen Dulders abspielte. Wer dachte an eignes oder eigengemachtes Leid vor solchem, ganz Deutschland bewegenden Schmerz?
Dann senkten sich die Fahnen Europas, ja der ganzen zivilisierten Welt, über dem Grabe des greisen Heldenkaisers. Dann setzte sich Kaiser Friedrich die Dornenkrone aufs Haupt, und Tropfen für Tropfen sahen wir das Blut rinnen über das blasse Märtyrerantlitz, bis die grausam bittere Tragödie ihren Abschluß fand in der stillen, grünumschatteten Friedenskirche zu Potsdam.
Heil Wilhelms II. jungstrotzender Kaiserkraft! Hei, wie sie sich in den Sattel schwang! Wie sie alle, auch die Widerspenstischsten in ihren Bann zwang, nach neuen wetterumleuchteten Zielen aufwärts!
Und hinweg mit dem pietätlos lächerlichen Groll, der mich Kinderlosen gegen das üppig sprossende Hohenzollernglück geplagt! Vier Buben, ei und das Sprossen am alten Königsstamme will noch lange kein Ende nehmen. — giebt es nicht zum Juli abermals ein neues Prinzenschießen?
Wie wäre es, wenn wir der egyptischen Komödie ein Ende machten und unserm Heimweh nachgäben und alles zum Alten kehrten? Nur die Nervosität vor dem Kanonendonner, die wollten wir im Wüstensande begraben.
Noch gab es ein Schwanken, als eines Tages ein abermaliges langes und stilles Umarmen stattfand zwischen zwei gewissen Leutchen. Nicht ganz stumm: — ein paar zögernd hingehauchte, bebend schämige Worte von den Lippen des jungen Weibes, das seine glühende Stirn an dem bärtigen Halse des Gatten barg ...
»Was?! — Nicht möglich! — Wirklich!? Ach, du Liebe, Liebe, Einzige!« Und ich in der Stube wie närrisch umherjubeln, und mich nicht mehr lassen können vor unbändiger Freude — wißt ihr, es ging nun ins siebente Jahr, daß wir vergeblich — »~darauf~« geharrt!
Es war am Mittag des 27. Juli, als ich, von der Anhalter Bahn kommend, mit meiner Droschke die Friedrichsstraße entlang fuhr; hatte ich es doch recht eilig gehabt mit meiner Heimfahrt. Plötzlich, im lärmenden Geräusch, hallte ein dumpfdröhnender Ton von fernher. Die Leute auf dem Trottoir hielten an und horchten — Fenster öffneten sich, über die Gesichter flog jener fröhliche Sonnenschein. Mein Kutscher wandte sich langsam herum, wies mit der Peitsche nach der Gegend des Kanonenhalles und meinte phlegmatisch wie sein Vorgänger damals: — »Wird wohl Numero fünfe sind!«
»Fahren Sie so fix als möglich!« rief ich dem Manne erregt zu. Als wenn sie zu schnell hintereinander knallen könnten und ich die Schwelle des Elternhauses nicht erreichte, ehe das Schießen zu Ende; — aber es würden wohl 101 Schüsse werden!
Unter dem Donner eines seltsam lauten Kanonenschusses stürmte ich in unsere Kontorstube. Wie verstört erhob sich meines Vaters Antlitz aus den stützenden Händen, und seine blinzelnden Augen starrten mich an wie eine Erscheinung.
»Papa — t’ag Papa! Ich bin’s! Ja, und mit was für einer Botschaft!«
Wir lagen uns schluchzend in den Armen — bis wieder ein Donner dazwischen fuhr. Ich riß mich los:
»Siehst du, Papa, deswegen bin ich gekommen! Ich habe mich geeilt genug! — Herrjeh, was bin ich gefahren! Ich wollte nicht, daß du das Schießen ohne mich anhörtest. Bumm! Auch für mich und für uns alle! So Gott will, schenken wir euch im nächsten Jahr auch einen Prinzen. Und nun verzeih’ mir alles Böse — all das Hohenzollernglück war schuld daran ...«
Abermaliges Umarmen, und das Gedonner von »Numero fünf«, das unsere rührenden Auseinandersetzungen begleitete. —
Im Herbst desselben Jahres schlenderte ich eines Abends mit meinem Weibe durch die Leipzigerstraße. Vor einem bekannten Bilderladen staute sich eine gaffende Menge; Rufe des Entzückens aus Frauenmund, und ein Herr rief ein kräftiges »famos!«
Wir drängten uns heran und, zwischen den Schultern der Gaffenden hindurch, gewahrten wir endlich den Gegenstand der entzückten Neugierde. Es war eine Photographie in Kabinettsformat, von dem grellen, hellgelben Gaslichte scharf beleuchtet, jenes seitdem so volkstümliche Gruppenbild, das die hohe Frau und Mutter mit ihren fünf kaiserlichen Knaben darstellt.
»Des Kaisers Fünf — —« stammelte ich, und mein Weib schmiegte ihren Arm inniger und fester in den meinen.
Ich weiß nicht, ob es auch ihr so geschah? — als wir uns endlich von dem Anblick des wunderhaften Bildes losgerissen und nun auf dem Trottoir weiterschritten, war vor meinen Augen ein so seltsames Flimmern und Schwanken — die Menschen, der Schein der Läden, die Laternen, alles in einer feuchten Unsicherheit verschwimmend ....
Der
Friedensschluss
»Nein —« kam es über ihre Lippen, nur ein flüsternder Hauch.
Sie meinte das Wort laut hallen zu hören durch die Weite des Salons, und nun harrte sie, was darauf folgen würde, innerlich erbebend, während ihr Antlitz starr, ohne eine Spur der Erregung, auf die Flackerglut des Kaminfeuers gerichtet blieb.
Aber das prasselnde Getös dieses Feuers, von den durch den Schlot herabfauchenden Windstößen erregt, hatte das Wort verschlungen; im wütenden Ungestüm prallte der Sturm gegen die breiten Scheibenflächen des Erkervorbaues; irgendwo an der Außenseite girrte etwas Losgerissenes; auf dem Korridor schlug eine Thür donnernd ins Schloß: wie sich für uns mauervergrabene Städter der Frühling anzukündigen pflegt.
»Nein —« Der Mann, der den Raum in der Länge mit seinen wuchtig aufsetzenden Schritten maß, hatte das Wort nicht vernommen, so sehr der dicke Smyrna die Tritte dämpfte. Aber er wußte, daß es kommen würde, er fürchtete: — bedeutete es nicht wie einen Axthieb, der das Glück ihres Kindes jäh daniederschlagen würde? Denn gegen dieses »Nein,« gerade gegen dieses, gäbe es keinen Widerstand.
Er war ein Fünfziger, von straff aufrechter Haltung und bestimmt abgegrenzten Bewegungen; Gepräge und Ausdruck seines Gesichtes, der gepflegte und energische dunkelgraue Schnurrbart bei sonstiger Wangenglätte, das eigenartig anliegende und uniformsmäßig Zugeknöpfte seines Anzugs konnten auf den Militär schließen lassen; doch diese Augen schienen in dem Lampenschein nächtlicher Aktenarbeit erbleicht, es fehlte ihnen der falkenartige, scharf zufassende Blick, wie ihn beim Soldaten der stete Umgang mit vielen Menschen und die Notwendigkeit schnellen Entschlusses auszubilden pflegen.
Jedesmal, wenn der Wirkliche Geheime und Vortragende Rat von Wussow von dem Erker aus nach dem Kamin zuschritt, aus der wechselnden Tageshelle des stürmischen Aprilnachmittags nach dem durch die roten Huschlichter phantastisch erleuchteten Hintergrund, wobei er gewisse Umwege um einzelne der vielen in dem Raum verteilten Sessel machen mußte, ruhte sein sorgenvoll erwartender Blick auf der Gestalt seines Weibes. Es war wie ein erbarmendes Umhüllen: — oh, er hätte ihr das wohl ersparen mögen! Er wußte, was ihr Mutterherz litt und kämpfte in dieser Stunde. Er verstand das »nein,« das sich immer wieder bis zu ihren Lippen rang, um von neuem unterdrückt zu werden.
Es war die Rasse, die Herkunft, die Leidenschaft, der verhängnisvolle Drang der Umstände, die ihr die Weigerung auspreßten. Vergebens wehrte sich die andre Macht, die Mutterliebe, dagegen. Oh, wohl hätte er ihr den Auskampf dieses Zwiespalts ersparen mögen ... sie, die geborene Französin, die ihrem Gatten, dem Deutschen, dem von ihrer Nation heiß gehaßten Preußen, in die Ehe gefolgt war, sich selbst verbannend aus ihrem Vaterlande, von den Ihren mit dem Fluch völligen Schweigens belastet, zwanzig Jahre hindurch — sie also sollte ihr Jawort geben, daß ihre Tochter einen preußischen Offizier heiratete! Das war zuviel! Dagegen bäumte sich ihr Franzosenstolz. Nimmermehr! — Vieles hatte sie erduldet, manche geheime Demütigung um des geliebten Mannes willen. Aber ihr eignes Kind, das Blut ihres Blutes, an einen »=prussien=« in Uniform auszuliefern, die Wiederholung ihres eignen Verbrechens — nein, das nicht!
Sie saß auf einem Sessel vor der Mitte des Kamins, ihre Füße, die in ausgeschnittenen Lackschuhen staken, auf das vergoldete Bronzegitter gestemmt, die Arme flach über die Kniee gestreckt, mit gefalteten Händen; es war mehr als ein Falten, ein konvulsivisches Ineinanderklammern der länglichen Finger, der Ausdruck ihres innern Kampfes, ja wie ein Beschwören: man möchte Erbarmen mit ihr haben und ihr das verhängnisvolle »Nein« ersparen. Aber der Oberkörper ohne Anlehnung, hoch aufrecht, in seiner schlank-stolzen Haltung, die ihr zu eigen war, den Kopf unmerklich zur Seite geneigt, eine leichte und graziös erscheinende Milderung jener etwas an das Unnahbare gemahnenden Haltung. Die Glut flackerte über ihr Antlitz und belebte seine starre Verlorenheit. Es war ein feines Oval mit etwas nervös ausgeprägten Zügen, von einem großen Augenpaar beherrscht; graubraune Pupillen, jetzt unruhig erglänzend von der Erregung, wie von dem Wiederschein des Flammenspiels, im Schatten der langen, dichten, aufgebogenen Wimpern; die Lippen, ohnedies schmal und von energischer Zeichnung, fest eingepreßt, mit leicht herabgezogenen Winkeln, wo der Hauch eines für Rassefranzösinnen unerläßlichen Flaums angedeutet war. Ihr mattes, glanzloses Haar war in einem kunstlosen Knoten am Hinterkopf aufgeschlungen, mit einer reizvollen Schwere auf den Nacken herablastend; die in Scheitel geteilten Stirnbanden zeigten einzelne graue Fäden, den Tribut an ihre ungeleugneten Vierzig.
Jetzt blieb der Schreitende in der Mitte des Raumes halten und sagte in sanftgedämpftem Tone: »Du sollst dich frei entschließen, Leonie — deinem Herzen soll keine Gewalt angethan werden —«
Es geschah auf französisch, wie die Gatten oft, besonders in der Intimität häuslicher Sorgen, in dieser Sprache zu verkehren pflegten. Diesmal mochte deren Anwendung überdies noch eine Konzession an die Französin bedeuten: — würde das Opfer, das man von ihr verlangte, in rauhe, deutsche Barbarenworte gefaßt (Leonies scherzhafte Bezeichnung) nicht um so brutaler erscheinen?
Keine Antwort vom Kamin her; nur das wie zornig aufgeregte Prasselgetös der Flammen. Und er fuhr fort, die Stimme zu noch größerer Schonung zwingend: »Ich möchte nur in aller Ruhe rekapitulieren. Du sollst dich entscheiden, wann du willst, wie du willst — wir werden dir nicht grollen — wir begreifen — auch Mariot wird verstehen, wenn auch nicht gleich — sie wird deine Gegengründe langsam, allmählich fassen lernen, obgleich es schwer sein mag für ihr blutjunges Herz —«
Er meinte ein Stöhnen vom Kamin her zu vernehmen — wohl auch nur eine Wirkung der Flammen, als wenn menschliche Stimmen jammerten; hie und da gab es in dem jungen Holz plötzliche Explosionen, wie das Aufpuffen von Schüssen. Sie saß immer noch regungslos, in das Geloder starrend, nicht ein Wimperschlag; das, was lebte in ihrem Antlitz, war das Lichter- und Schattenspiel des Feuers. Vielleicht hörte sie nicht einmal?
»=Léonie= — =ma chérie= —«
Er trat an ihren Sessel heran, die Hand auf die Rückenlehne stützend. Eine plötzliche Dunkelheit verfinsterte den Raum, wohl eine mit Schloßen überladene Wolke, die aus Südwest herangejagt war, eine gewitterartig unheimliche Stimmung verbreitend; die Scheine und Lichter des Feuers zuckten und züngelten jetzt über die ganze Zimmerweite hin, die Kanten der Bilder und Möbel anfachend, und die vielen eleganten Sächelchen und Japonerien, welche die Liebhaberei der Französin auf allen Tischen und Konsolen angehäuft, mit glitzernden und funkelnden Reflexen belebend, bis in das kleine originelle Bibelot-Museum des Erkers hinein.
»Machst du mir einen Vorwurf, daß ich ihm überhaupt unser Haus öffnete?« begann er von neuem, »dem Sohn eines alten, liebwerten Kollegen, in dessen Elternhaus in Königsberg ich so viel Liebes genossen. Hätten wir bei unsrer weitreichenden Gastlichkeit ihm unsre Thür verschließen sollen? Gerade ihm — seiner Uniform, da wir andre bunte Röcke genug an unserm Tische sehen: — eine Berliner Geselligkeit ohne zweierlei Tuch, ich bitte dich! Du hattest dich daran gewöhnt, du warst und bist meine tapfre Leonie! Aber gerade ihn auszuschließen, der unter all der schneidigen Buntheit die Elite vorstellt, einen Generalstäbler in seinen Jahren! — Das verstehst du nicht so, aber ich versichere dich, er hat die glänzendste Zukunft, er wird Karriere machen — die alten Tüchtigen treten ab, den jungen Tüchtigen gehört die Bahn —«
»Ich achte ihn, ich ahne und schätze seine Tüchtigkeit —« erwiderte sie zögernd, mit ihrer vom geheimen Weh verschleierten Stimme, ohne den Kopf nach ihrem Gatten aufzuwenden, die Augen wie fasziniert von der Flammenhelle. »Ich habe ihn lieb, er ist mir so sympathisch wie irgend jemand von ihnen allen — ich — ich —«
Sie schüttelte die zusammengefalteten Hände, die sie nicht gelöst hatte, gegen das Feuer hin, daß die Ringe aufblitzten. »Ah!« entfuhr es ihr laut und ächzend, wie in einer Verzweiflung.
»Quäle dich nicht —« beruhigte er. »Ich versichere dich nochmals, wir verstehen! Alle begreifen wir es; niemand, der dir deinen Widerstand als Verbrechen anrechnet, niemand! — Mariot freilich — nein, aber auch sie, auch sie nicht!«
»Mein armes, armes Kind —« flüsterte sie dumpf. »Jetzt soll sie für das Verbrechen ihrer noch ärmeren Mama büßen — O Gott!«
»Wir wollen es nicht so tragisch nehmen. Das bischen Uniform — sollten wir nicht darüber hinwegkommen? Oder hast du dich verschworen, (er wollte es mit einem leichten Scherzton versuchen) sie, unsre Einzige, nur an einen Spanier, oder an einen Brasilianer, etwas, das möglichst wenig preußisch ist, wegzugeben, wenn dich das Preußentuch so empört —«
»Ich kann nicht! — ich darf nicht! — ich bin es meinem alten Vater schuldig! — genug, daß seine Tochter das Verbrechen — =pardon!= — das Verbrechen begangen! — und nun seine Enkelin — das ist zuviel! — Ich, ich zähle nicht — aber die Meinen! Ich hoffe auf eine Versöhnung — seit zwanzig Jahren — seit jenem unseligen Frankfurter Frieden harre ich darauf — es hieße diese Hoffnung kurz abschneiden — für immer ...«
Sie hob die zusammengefalteten Hände gegen das Antlitz und bedeckte die Augen mit den geöffneten Flächen. Abermals entfuhr ihr ein quälender Ächzton.
Er fühlte, daß es grausam wäre, sie jetzt in dieser Stunde mit weiteren Argumenten zu bedrängen. Sie würde sich beruhigen. Dergleichen Krisen kannte er, und er achtete sie. Hätte sie leichtsinniger und banaler das Los ihrer Verbannung tragen sollen, da sie sich doch aus freiem Entschluß in solche begeben? Hätte sie den dünnen Hoffnungsfaden, der sie an die Ihrigen und an ihr Vaterland band, mit einem trotzig herausfordernden Ruck zerreißen sollen? Achtung vor ihrer starken Heimatliebe, der wir Deutschen doch nacheifern sollten! Pietät vor dem bittern Kampf, den ihr Herz auszufechten im Begriff ist! — Übrigens, keine drohende Lebensfrage, die Liebe einer achtzehnjährigen Geheimratstochter zu einem jungen und stattlichen Hauptmann! — und er lieh diesem Troste sogar offenen Ausdruck in Form einer Selbstanklage:
»Wir hätten es freilich nicht so weit kommen lassen sollen. Wir waren blind. Ich sage ~wir~ — was sehen wir Väter zumal? Aber du, Leonie! Sahst du denn nicht? Musik ist stets gefährlich; auf solchem vierhändigen Tönespiel vergaukeln sich die Herzen. — Du hast überhaupt wohl nicht mit einem deutschen Mädchenherzen gerechnet? Bei euch giebt es keine sogenannte Mädchenliebe, nach euern Romançiers zu urteilen, ich weiß nicht. Du warst eine hochromantische Ausnahme. Sie ist eben die Tochter ihrer Mutter, sie hat von dir das französische Temperament. — Sie thut mir leid, er ebenso — sie lieben sich, diese leichtsinnigen Herrschaften? Es ist mehr als ein gesellschaftlicher Flirt. Daß ich so blind war, daß du mich nicht warntest! — Welch eine Überrumpelung, als Herr von Werthern sich vor einer Stunde bei mir anmelden ließ und in seiner famosen Art, die stets weiß, was sie will, um Mariots Hand bat! Keine Spur einer Besorgnis, daß er auf eine Weigerung stoßen könnte — die Siegesgewißheit seines militärischen Erfolges! Die beiden Leutchen sind eben einig —«
»Oh!« fuhr sie mit einem leisen Ton der Entrüstung auf.
»Bei euch in Frankreich, Léonie, gilt dergleichen als eine Ungeheuerlichkeit. Sie werden sich gestern abend auf dem Balle ausgesprochen haben; er gestand es selber.«
»Laß mich mit ihm reden, Adolf! Laß mich! Ich werde ihm alles erklären. Er ist loyal. Er wird mich verstehen — er wird — er muß —«
»Und Mariot? — Du kannst versichert sein, daß sie unter Thränen erklären wird, nicht leben zu wollen, wenn wir nicht .... Nun, auch das wird sich geben! Aber sei darauf gefaßt, sie hat ganz das Temperament ihrer Mutter. Verschworst du dich nicht auch desgleichen, damals?«
Er schwieg und begann von neuem auf und ab zu schreiten, ihre Gestalt und jede ihrer Bewegungen belauernd. Jetzt öffnete sich die Wolkenschleuse, dichte Schloßenmassen schütteten hernieder und schlugen mit scharfem Trommelgetön gegen die Scheiben; die ganze Luft von einem gewaltigen Rauschen erfüllt. Es war fast Nacht; das Reich gehörte den Kaminflammen. Doch achteten sie beide nicht des Unwetters. Ihre Arme waren mit gelösten Händen herabgesunken, das sah fast aus wie Ergebung, doch ihr Kopf schien sich um so energischer aufgeregt zu haben, und die Augen starrten wieder ins Feuer, ohne einen Wimperschlag. Ein rotglühender Schein übergoß Gestalt und Gesicht, die Umrisse des Kopfes hoben sich, von der Fensterseite gesehen, scharfgezeichnet gegen die Helle ab, ein eigenartig effektvolles Bildnis — hatte er dergleichen nicht schon einmal gesehen? Oh, es lebte in seinem Gedächtnis wie eingebrannt, jenes andre, seltsam Gleiche! Ihre Gestalt wie heute, von dem grellen Flammenschein überloht, dieselbe stolze Haltung, dasselbe Starren der wundervoll großen Augen. Nur, daß jener Schein dem brodelnden Glutrachen einer Lokomotivesse entfachte und daß, statt der Geborgenheit vor den Schloßen da draußen, wirbelnder Schneesturm des Winters von Anno 70 sie umbrandete, während er mit ihr auf der Lokomotive durch die Nacht daherfuhr ....
Ein Stück wildpoetischer Romantik in dem gewaltigen, männermordenden Drama des deutsch-französischen Krieges. Es war in jenen letzten Novembertagen, da der Kampf um den Besitz von Orleans tobte, das wichtige, strategische Bollwerk, an dem der Glaube an die Befreiung Frankreichs zäh angeklammert haftete, auch noch nach den Niederlagen von Beaune la Rolande und Loigny, die dem Vormarsch der Loire-Armee unter Aurelle de Paladines ein energisches Halt geboten und die zähen Verzweiflungsschlachten um Orleans am 2. und 5. Dezember einleiteten. Es war am Abend des 30. November, als der damalige Reservelieutenant in einem holsteinischen Regiment, von Wussow, den Auftrag erhielt, wichtige und eilige Ordres von seiten seines Korpskommandos nach den Vorposten zu befördern; da die Telegraphenleitungen gekappt waren und nicht spielten, und ein Depeschenritt durch das unsichere, von feindlichen Rächerbanden bedrohte Land nicht ratsam schien, so wurde eine Lokomotive zur Beförderung gewählt. Die Rekognoszierung hatte zwar eine Fahrbarkeit der betreffenden von Eisenbahnabteilungen wiederhergestellten Linie ergeben, doch mußte man auch hier auf rächerische Tücken seitens der Bevölkerung gefaßt sein; die Fahrt war um so mehr nicht ungefährlich, als man sie ohne die Sicherung durch Telegraphen und bei völliger Löschung der Lichtsignale ausführen mußte. Im Begriffe, auf den Bahnhof von P. mit seiner kleinen Eskorte von Mannschaften das Plateau der Lokomotive zu besteigen, wurde Lieutenant von Wussow von einer dunkel vermummten Dame angesprochen, deren Wunsch, mitzufahren, zuerst in dem scharftönenden Auszischeln des Maschinendampfes nicht sofort verstanden wurde.
»Wieso? — Sie wünschen mitzufahren, mein Fräulein?« Und seine Überraschung drückte sich noch mehr in dem Blick seiner Augen aus, als in dem Ton der Worte: — welch ein Augenpaar! Der Pionier, der in seiner rußgeschwärzten Uniform als Heizer waltete, hatte gerade die Eisenthür des Feuerraums geöffnet, und der grelle Loderschein überflutete die Gestalt der Dame: — schlank, elegant, jung, ein blasses Gesichtsoval, von dem schwarzen spanischen Spitzenshawl umrahmt, und die Augen mit ihrem eigenartigen Mandelschnitt, die ihn aus ihren seltsam weiten Pupillentiefen in ihrer feindlich unnahbaren Kühle trafen; keine Spur einer freundlichen oder bittenden Regung in dem Antlitz, die ihr immerhin gewagtes Ansinnen unterstützt hätte, im Gegenteil, zwischen den Brauen standen zwei kurze, senkrechte Falten eingegraben, die sonst wohl fehlten, die deutliche Signatur des Preußenhasses.
»Mein Herr, ich bin keine Spionin —« kam es aus dem, wenn er nicht sprach, festgepreßten Mund; eine Stimme von dunklem, altartigem Ton, der unter freundlicheren Bedingungen etwas Herzbezauberndes haben mochte, für solche musikalisch Raffinierte, die sich durch den Sprechklang einer Stimme überhaupt bezaubern lassen können.
»Oh, ich zweifle nicht —« gab er zur Antwort; nicht ganz seine Überzeugung. »Aber, was kann Sie, mein Fräulein, zu diesem Wunsche veranlassen?«
»Eine Bagatelle für Sie, mein Herr, eine Wichtigkeit für mich, wenigstens für meinen Vater. Ich bin die Tochter des bekannten Schriftstellers S.« (wir wollen hier die persönlichen Dokumente hinter Buchstaben verstecken.)
»Ah —« entfuhr es ihm, als ob er den Namen kennte und gar verehrte, doch nichts als eine Anwandlung der Galanterie, von seiner kriegsmäßigen Abenteuerlaune angestachelt: eine junge, schöne, elegante Französin, tapfer und unerschrocken, da sie solches unternimmt ... was wird er sich weigern?
»Wir sind aus Paris geflüchtet, mein Herr, vor der Einschließung; doch gelang es uns nicht, bis zu unserm Besitz vorzudringen, da mein Vater hier in P. erkrankte. Es wäre uns sehr wichtig gewesen, diesen Besitz zu erreichen, um ihn zu beschützen. Mein Vater ist ein Sammler, Schloß La Mireille birgt die kostbarsten Kunst- und Bücherschätze, es ist berühmt deswegen. Wir glaubten es in diesen Tagen schon in Gefahr —«
»Sie können beruhigt sein, mein Fräulein, es wird kein preußisches Bajonett eines ihrer Bilder zerfetzen, wie es von uns Barbaren heißt, auch pflegen wir nicht mit kostbaren Inkunabeln einzuheizen —« fiel er ein, zur Wahrung seiner Preußenehre.
Und in der unwandelbaren Kühle erwiderte sie mit dem Gemeinplatz: »=À la guerre, comme à la guerre!= Wir möchten hindern, was zu hindern ist. Da mein Vater nicht transportfähig, meine Brüder bei der Nordarmee fechten, so habe ich es übernommen, unsre Kostbarkeiten zu schützen. Ich sah von unsrer Wohnung aus, wie man sich zu der Fahrt anschickte, und ich habe mich ohne Zaudern auf den Weg gemacht, wider Papas Willen. Gilt es doch, ihm Beruhigung zu verschaffen. Übrigens handelt es sich auch um die Bergung höchst wichtiger Familienpapiere.«
»Unsre Fahrt ist nicht ohne Gefahr, mein Fräulein —«
»Ich fürchte mich nicht! — niemand!« setzte sie hinzu, und diesmal vibrierten die beiden tiefen Fältchen zwischen den Brauen ein wenig.
Ein kurzes, stummes Examen, das sein Blick in ihren Mienen anstellte, dann die halbdrohende Frage: »Es verhält sich so, wie Sie sagen?«
»Monsieur!« kam es zur Antwort, es klang wie Stahlesklirren.
Auf dies Wort hin seinerseits eine Geste, die sie zum Aufsteigen aufforderte, mit dem abermaligen Versuch der Galanterie. »Eine I. Klasse kann ich Ihnen freilich nicht anbieten. Wir fahren gleich ab, bitte!«